Unterwegs.

Auf dem Bahnsteig Menschengewimmel, Hunderte schienen den Zug stürmen zu wollen – Familien, viele Kinder, Mütter mit Säuglingen auf dem Arm und sogar eine dicke Bäuerin, die Hühner in einem Käfig mitschleppte.
Georges Simenon, Der Zug aus Venedig

Die fünf Herren, die auf dem Hamburger Hauptbahnhof vorm U-Bahn-Ausgang in der Menschenmenge stehen, tragen edle graue Anzüge. Sie scheinen auf jemanden zu warten und passen nicht so recht in die Gegend, in der sich sonst Drogendealer und Heimatlose aufhalten. Mein erster Impuls ist es, auf meine Kollegen zuzugehen, sie zu begrüßen; ich freue mich, sie zu sehen. Trotzdem gehe ich weiter, biege nach rechts ab ins Reisecenter, um mir das Bahnticket für meine Fahrt zur Reha-Klinik zu kaufen. Irgendwie passt das nicht, ich in alter Jeans und Sneakers, und was genau soll ich sagen, außer einem „hallo, schön euch nach einigen Monaten wieder zu sehen, was macht die Arbeit“? Wie ein Schachspieler sehe ich den nächsten Moment vor Augen, der wohl ein betretendes Schweigen wäre, ein paar hilflose Bemerkungen, ein suchender Blick in die Gegend.

Ich kaufe die Fahrkarte, kehre auf den Bahnhofsvorplatz zurück, die Kollegen sind verschwunden. Ich nehme die S-Bahn zum Jungfernstieg. Im Alsterhaus kaufe ich mir eine neue Jeans, seit ich vier Kilo abgenommen habe und das neue Gewicht halte, habe ich ein Problem mit dem Inhalt meines Kleiderschrankes. Überraschenderweise passt mir die erste Hose, die mir die Verkäuferin in die Umkleide reicht, ich nehme sie mit und schlendere weiter  zum Gänsemarkt. Da auch Zeit für die Einnahme meiner Anti-Krebs-Medikamente ist, gönne ich mir ein spätes Mittagessen im Blockhouse, natürlich kein rotes Fleisch und keine Pommes sondern die light-Variante: Putenmedallions und Ofenkartoffel.

Überhaupt bin ich mit meiner neuen Ernährungsweise konsequent und sehr zufrieden, genauso wie mit dem täglichen Sportprogramm, das ich durch motivierende Ereignisse wie einen Kosmetiktermin im Nivea-Haus, einem Friseurbesuch oder eben den Kauf einer Hose anreichere. Mein privates Reha-Projekt läuft; ich hoffe, dass die eigentliche Reha, die Mitte nächster Woche startet, inhaltlich mithalten kann. Vor allem hoffe ich, dass ich dort die Käseglocke, die über mich gestülpt ist, abstreifen kann – noch ist die Fatigue ein Teil meines täglichen Lebens, noch bin ich unkonzentriert und in vielen Dingen schlichtweg langsam.

Zuhause räume ich den Kleiderschrank aus, eine neue Hose bedeutet, eine andere auszusortieren. Ich sortiere drei Hosen aus, vier Schals, zwei Gürtel sowie drei Stoffbären und einen grünen Drachen, was auch immer die Horde Stofftiere im obersten Fach des Kleiderschrankes zu suchen hat. Ich stopfe sie in Tüten, wandere wieder los und werfe sie in den Container, der vor der Katharinenkirche steht.

Abends bekomme ich Post von J., der koreanischen Fotografie-Studentin, die mir erste Abzüge unseres Fotoshootings zum Thema „meine zukünftige Beerdigung“ schickt. Die Fotos sind sehr schön, zwischen Lächeln und Nachdenklichkeit, direktem Blick in die Kamera und Blicke in die Ferne ist alles dabei. Ich freue mich. Und empfinde das Projekt nicht als morbide, sondern hilfreich, die Beschäftigung mit dem eigenen Tod, dem Leben, den Wünschen. J.’s Plan ist es, ihre Semesterarbeit in einer Galerie auszustellen, und ich bin gespannt, wie andere Teilnehmerinnen ihre Beerdigungsfotos inszeniert und was sie zum Thema Tod und Leben zu sagen haben.

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