Pre-Prolog

Alle Flüge meiner Reise – und es sind insgesamt sechs Flüge – wurden zwischenzeitlich gecancelt oder verlegt. Statt am 29.5. fliege ich nun am 28.5. in die Arktis. Und ich fliege einen Tag später zurück. Damit habe ich zwei zusätzliche Tage und Nächte in Longyearbyen. Longyearbyen ist eine ehemalige Minenarbeitersiedlung, die 1.050 Kilometer vom geografischen Nordpol entfernt zwischen schneebedeckten Bergen liegt.

Ich habe nun auch einen Zwischenstopp in Tromso und eine Nacht in Oslo statt in Kopenhagen. Da muss man flexibel sein.

Spitzbergen hat 2.600 Einwohner (von denen die meisten in Longyearbyen leben) und mehr als 3.000 Eisbären. Eisbären sind neugierige Tiere. Seit 1970 wurden auf Spitzbergen sechs Touristen von Eisbären getötet, der letzte im August 2020 auf einem Zeltplatz. Zelten werde ich nicht. Wir werden den Großteil unserer Zeit in Zodiacs – das sind schnittige Schlauchboote – verbringen und die Natur samt seinen tierischen Einwohnern in aller Stille beobachten. Kann meine knallrote Arktisjacke bei den tierischen Einwohnern Neugier erwecken? Ich hoffe nicht. 

In Longyearbyen schneit es gerade. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 1 und -6 Grad. Ich mag Schnee. Und Reisen in abgelegene Gebiete sowieso.

Logbuch Côte d‘Azur

20.03.2022 – Tag 3

Das Gute mit mir selbst zu verreisen ist, dass ich nicht weiss, was ich im nächsten Moment machen werde. Auch wenn mir einerseits ein sturer Wesenszug nachgesagt wird, bin ich doch auch ein Meister der Flexibilität.

Ich verlasse das Hotel und weiss noch nicht, wohin es mich verschlagen wird. Monaco? Musee Matisse? Oder doch Saint Jean Cap Ferrat? Der Bus Nr. 12 hält. Ich steige ein. Lt App sollte ich bis…ach was..ich höre auf keine App und keine google map und steige einfach an einer anderen Haltestelle aus als die, die die App vorschlägt, warte auf die Linie 400 und fahre in Richtung Fondation Maeght. Dort steige ich dann doch nicht aus, ich habe jetzt Lust auf St Paul de Vence. St Paul de Vence ist ein kleines pittoreskes Dorf hoch oben auf dem Hügel. Ich wandere am Fusse des Dorfes entlang, es duftet nach Blumen, Orangenbäume tragen Früchte, ich blicke über grüne Hänge und Täler.

Der Weg endet auf dem wohl schönsten Friedhof der Welt, der am Rande des Dorfes liegt und über die Côte d‘Azur blickt. Ich besuche – wie immer, wenn ich hier bin – das Grab von Marc Chagall, dessen Gemälde ich gestern wieder bestaunt habe.

In einem kleinen Shop duftet es nach Oliven, Trüffel und Lavendel: man bietet mir Popcorn mit Trüffelsalz an (mega), ich teste eine Olivenhandcreme (bio) und erstehe Souvenire.

Oha! Der Rückweg wird eine Herausforderung, denn meine Haltestellen gibt es nicht. Die App, auf die ich nicht höre, will mich beim Umsteigen kompliziert durch eine obskure Gegend lotsen, das lehne ich natürlich ab. Dann evtl bis….die Fahrkarte erst in der Tram entwerten, sagt der Busfahrer, mit der Tram (?) plane ich zwar nicht zu fahren, aber wer weiss, wie ich aus den Bergdörfern am Sonntag wieder zurückkomme…

Ich nehme am Parc Phoenix tatsächlich die Tram, entwerte mein Ticket und bin doch recht froh, wieder nach Nizza zurückgefunden zu haben.

Logbuch Côte d‘Azur

19.03.2022 – Tag 2

Statt für die Villa Rothschild (Plan 1) oder die Fondation Maeght und St Paul de Vence (Plan 2) entscheide ich mich für das Musee Chagall, das auf einem Hügel oberhalb Nizzas liegt. Ich bin gespannt, was ich dort fühle; das letzte Mal war ich vor der Erkrankung dort. Zumindest spare ich diesmal den Eintritt und werde mit meinem Behindertenausweis durchgewunken.

Leicht sind die Gemälde, farbenfroh, intensiv und transzendent, Traumwelten treffen auf religiöse Motive und strahlen eine Leichtigkeit aus, die mir abhanden gekommen ist. Ich stehe im Raum und sehe mich um; meine verlorene Leichtigkeit finde ich nicht, aber das, wodurch sie damals ersetzt wurde: ich spüre eine tiefe Dankbarkeit und Demut, denn ich darf wieder hier sein.

Ich wandere zurück in die Stadt, schalte die blöde google map aus, denn der Weg wird immer länger, das kann ja gar nicht sein, noch 47 Minuten, 48 Minuten, 51 Minuten…ich gehe weiter. Zeit habe ich genug, und ausserdem liebe ich es, Neues zu entdecken. Ausserdem weiss ich: das Meer liegt unten. Also brauche ich nur abwärts gehen.

Ich gehe über den Blumenmarkt. Ich esse einen Salat in einem kleinen Bistro. Ich wandere durch die Altstadt. Und ich wandere zum Yachthafen. Ich nehme einen Lift zu einer Aussichtsplattform mit Blick über die Dächer von Nizza und schaue auf das azurblaue Meer. Ich laufe den Berg hinunter. Ich wandere an der Promenade des Anglais entlang. Ich setze mich in einen Beachclub und geniesse einen Milchkaffee. Ich lausche dem Rauschen der Wellen. Ich beobachte die Möwen am Himmel. Ich denke über die Leichtigkeit nach. Und vielleicht blitzt sie gerade doch ein wenig durch.

Logbuch Côte d‘Azur

18.03.2022 Tag 1

„Mein Name ist Luis de Funès, und ich begrüsse Sie im Namen der Kabinenbesatzung. Meine charmanten Kolleginnen Babette und Jeanette werden Sie jetzt mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen.“

Spätestens jetzt ist klar, dass ich im Flieger an die Côte d‘Azur sitze; entspannt lehne ich mich im Sitz zurück und folge dem Programm von Babette und Jeanette.

Wollen wir mal mutig sein?, frage ich mich, den Orientierungslegastheniker, oh ja, antworte ich und erwerbe ein Ticket für die neue und günstige Tram, statt mit dem teuren Taxi vom Flughafen zum Hotel nach Nizza zu fahren. Eigentlich wäre ich heute abgeholt worden und nach St Tropez gedüst; allerdings sind meine Freunde jetzt in Husum bei einer Beerdigung. Und ich nun kurzentschlossen in Nizza. Das Tram-Abenteuer glückt: ich steige nicht nur an der richtigen Station aus, ich finde sogar das Hotel.

In Nizza habe ich schon oft geurlaubt. Damit spare ich mir für das verlängerte Wochenende ein stressiges Programm, denn zu sehen gibt es viel. Ich werde mich treiben lassen und spontan entscheiden, ob ich nach St Paul de Vence fahre, ins Chagall- oder das Matisse-Museum gehe, am Hafen entlanglaufe oder mich auf den Weg zur Fondation Maeght oder zur Villa Rothschild nach Saint Jean Cap Ferrat aufmache. Ich könnte auch nach Antibes, das es höchstwahrscheinlich gar nicht gibt, denn das habe ich bisher auf keiner Reise gefunden.

Ich kann machen was ich will. Erstmal will ich an den Strand, dessen Meer dem Namen der Küste immer gerecht wird, sogar bei grauem Himmel.

24.12.2021

Wie Weihnachten wirklich ausschaut.

Ding Dong. Es läutet an der Tür. Heiligabend in Hamburg, der Besuch ist für 18.00h eingeplant, jetzt haben wir 17.15h.

Bis eben habe ich noch im Bett herumgetrödelt und Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga im TV geschaut. Nun hantiere ich mit halblackierten Fingernägeln an der Tür, um den Besuch hereinzulassen. Auch wenn er zu früh ist. Viel zu früh. Die Meditation, die ich eigentlich noch machen wollte, fällt somit aus.

Vor der Tür stehen die Eltern und fünf riesige Taschen. „Wollt Ihr hier einziehen?, frage ich. Und ausserdem…“ Ich schaue auf meine Armbanduhr und lasse den Besuch samt dem vielen Gepäck in die Wohnung. Das kann ja heiter werden, denke ich.

Während die Mutter diverse Tupperdosen und zwei Kochtöpfe auspackt, marschiert der Vater zum Balkon. „Hier müssen die welken Blätter beseitigt werden“, sagt er vorwurfsvoll. “Aber nicht jetzt!“, antworte ich. Zum Glück habe ich den Tisch schon feierlich gedeckt und muss mich nur noch entscheiden, ob ich den Vater vom Balkon fernhalte oder mich in das Küchenszenario stürze. Ich entscheide mich für die Küche. Die Vorspeise (Karotten-Ingwersüppchen) und das Dessert (Beeren-Tiramisu) habe ich schon vorbereitet. Für den Hauptgang zeichnen die Eltern verantwortlich. Neben der Ente, Klössen, Rotkohl und Sausse (abgesprochen) werden nun zwei grosse Schüsseln mit Rosenkohl, Birnen, Aprikosen, Beerengelee und Kartoffeln aus den Tiefen der Taschen hervorgeholt. Ich konstatiere, dass es nur vier Herdplatten gebe, zwei Töpfe, von denen einer mit Suppe gefüllt ist und wir dieses Jahr nur zu Dritt sein werden: auch wenn noch zwei Töpfe mitgebracht wurden – das haue ja wohl nicht hin. Ich packe genervt einen Teil des Proviants wieder zurück in die Taschen und ärgere mich, dass ich nicht meditiert habe. Ich verteile die Töpfe auf dem Herd und die Ente in den Ofen, verfrachte den herumlaufenden Besuch an den Tisch und schenke erstmal Wein ein (nur für die Mutter und für mich, der Vater fährt und ist da akkurat).

Zurück im Pulk in die Küche, hätte ich den Ofen überhaupt angemacht (ja), und seien die Nachbarn zuhause (keine Ahnung), und…nein. Ab an den Weihnachtstisch, ich kümmere mich erstmal um die Vorspeise. Ich trinke ein weiteres Glas Wein. Irgendwie muss der heutige Abend überstanden werden. Die Suppe schmeckt. Das Küchenpersonal wird ausgetauscht, der Vater übernimmt, wo er schon nicht den Balkon aufräumen darf. Die Ente schmeckt.

Die Geschenke sind aufgebaut, mir wurde eine Überraschung – gross und bunt – angekündigt. Ich werde nervös. Mit Überraschungen habe ich es nicht so. Jedenfalls nicht, wenn sie mit „gross und bunt“ angekündigt werden. Eine Box wird mir überreicht, der Vater macht den Deckel ab. Es ist ein Ölgemälde. „Von Claude Monet“, sagt der Vater und tippt auf die Rückseite, wo tatsächlich ein Spassvogel den Namen des grossen französischen Impressionisten draufgeschrieben hat. Das Motiv ist zwar eine Wiese mit Mohnblumen, aber die Qualität ist weit von einem Monet entfernt. Und wäre es ein richtiger Monet, würden wir wohl eher im Gefängnis statt hier am Weihnachtstisch sitzen; jedenfalls kenne ich keine Menschen, die einen Monet im heimatlichen Wohnzimmer hängen haben, so ganz legal…

Der Vater geht mit dem Monet die Wände ab, hier könnte er hängen oder dort, niemals! rufe ich, das Bild wird bei mir kein Zuhause finden. Das Bild wandert zurück ins Gepäck zu den Kartoffeln und dem Rosenkohl. Auch die Kekse, keineswegs zuckerfrei, müssen nachher wieder den Rückweg antreten.

Sieht lecker aus, sagt der Vater, als er die rosa- und gelbfarbenen Kugeln entdeckt. Nicht essen!, verbiete ich sofort, es sind (von mir!) selbstgemachte Badekugeln, die lecker duften und optisch mit Gebäck mithalten können. Badekugeln, Marzipanhonig, Marzipankirschmarmelade, ein paar Tüten mit Bonbons vom Lieblingsladen am U-Bahnhof Schlump und einen geleasten Apfelbaum im Alten Land bekommen die Eltern. „Ich hätte lieber einen Birnbaum“, sagt der Vater. „Und ich lieber einen anderen Vater“, antworte ich und schenke mir noch ein Glas Wein ein. Wir streiten etwas herum, unser Ton ist grundsätzlich recht rustikal, aber böse sind wir uns nie lange.

Irgendwann muss der Besuch nachhause, und ich, ich werfe mich erledigt aufs Sofa und fange an, mein Weihnachtsgeschenk, das Katzenbuch von Hape Kerkeling, zu lesen, schnurrende Katzen beruhigen, auch wenn sie nur im Buch vorkommen.

Die restlichen Geschenke packe ich zwei Tage später aus. Dann ist nämlich mein Geburtstag. Und da treffe ich wie jedes Jahr meinen Korrekturleser, Klugscheisser und den Menschen, mit dem ich schon so viel gelacht und ebensoviel gezankt habe. Ich freue mich sehr darauf! Vielleicht sollte ich morgen noch ein wenig meditieren.

20.11.2021

Unterwegs.

Meldorf, lese ich auf dem Schild des Bahnhofs, durch den wir rauschen, irgendwo in Schleswig Holstein auf der Strecke von Hamburg nach Sylt. Seit 1,5 Stunden schaue ich aus dem Fenster in den tristen Himmel, an dem Unmengen von Vögeln in Formationen fliegen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie elegant sie in der Gruppe agieren, ohne zusammenzustoßen und vom Himmel zu fallen. Jedenfalls habe ich das noch nicht gesehen.

Hier ein paar Schafe, dort ein paar Kühe, ein einsamer Reiter und ein Hund, mitten im blassen grau-grün, bevor die Schienen über das Meer auf die Insel führen.

Die Luft ist überraschend warm, 11 Grad plus und etwas Wind, der durch die Friedrichstrasse weht. Ich gehe hinunter zum Meer, das man in der Dunkelheit kaum sieht, aber hört: Wellen brechen brüllend an den Strand, bevor sie sich wieder ins Meer zurückziehen.

Ich wandere zurück und suche mir ein schönes Plätzchen zum Abendessen inmitten der funkelnden Lichter und Tannenbäumchen, die hier schon überall stehen. Da ich meine Arktisjacke anhabe, wähle ich einen Aussenplatz: grundsätzlich bin ich lieber draußen, und in diesen Zeiten erst recht.

Ich freue mich auf morgen, da kann ich machen was ich will, und ich will an den Strand, im Aussenbereich des Cafés sitzen und Kakao mit Sahne trinken und in meinen Lieblingsläden stöbern. Und den Möwen zusehen, die Formationen über dem Meer fliegen. Ohne zusammenzustoßen und ohne runterzufallen.

Meer, das ans Land flüchtet
tanzende Möwen

Logbuch Jordanien – Tag 9

05.11.2021

Der Wind treibt mir die Tränen in die Augen, ebenso die Dankbarkeit, jetzt hier sein zu dürfen, aber auch das Mitgefühl für Mary, Marie und all die anderen, die gerade im Krankenhaus liegen und für weitere Zeit und schöne Momente kämpfen. Mich berührt das sehr, erlebe ich doch gerade schöne Momente. Im Wind auf dem Roten Meer, hier auf dem kleinen Glasbodenboot, verspüre ich sogar etwas von der verloren gegangenen Leichtigkeit, wir lachen, hören laut Musik und winken zu den anderen Booten rüber.

Am Nachmittag gehe ich in einen der vielen Pools schwimmen, leer ist es und sonnig. Ich suche mir noch einen Schattenplatz am Strand und tauche mit den Füssen ins Rote Meer. Matthias war bereits drin, barfuss, wovon auf den vielen Schildern ob der gefährlichen Fische abgeraten wird und ist auf etwas stacheliges getreten. Ausserdem ist sein Rücken rot, da er die Bekanntschaft einer Feuerqualle gemacht hat. Ich weiss, warum ich den harmlosen Pool vorziehe. Better safe than sorry.

Anweisung der Reiseleitung: Treff um 18.30h am Strand mit Zahnputzbecher, sie möchte einen Schnaps ausgeben. Ich werde mir stattdessen ein Wasser mitnehmen.

Logbuch Jordanien – Tag 8

04.11.2021

Im Schrank finde ich ein Bügelbrett samt Eisen und eine Waage. Das ist ja wohl ein Affront! Eigentlich hatte ich in dem grandiosen 5* Hotel, in das wir heute am Roten Meer eingecheckt sind, einen Bademantel samt Latschen erwartet. Ich kontaktiere die Rezeption, umgehend wird geliefert.

Heute Morgen sind wir bereits durch den Sik al-Barid (Little Petra) gestiefelt und von dort unter sengender Sonne in die Steinzeitsiedlung El-Beidha, die über 10.000 Jahre alt ist. Das ist was für Archäologen, stellt Gisela fest; mittlerweile sind wir steinmüde.

In Akaba gibt es Falafel mit Hummus, bevor wir in eines der schönsten Resorts einchecken: Marmor, riesige Halle, grosszügiges Zimmer samt Bad, Balkon mit Blick auf Pool (yeah!) und das Rote Meer (nochmal yeah!). Endlich kann ich mein Kleid zum Dinner anziehen, aber vorher geht es im Badeoutfit zum Strand. Ins Meer darf man allerdings nur mit Badeschuhen, die ich nicht dabei habe; hier gibt es Stachelfische, die am Meeresgrund sitzen. Also ab in den Pool, den ich für mich habe, ich schwimme mit Blick aufs Meer und blinzel in den Sonnenuntergang.

Logbuch Jordanien – Tag 7

03.11.2021

Ich wurde reingelegt.

Das lerne ich beim lang ersehnten Dinner bei den Beduinen, von dem wir alle recht enttäuscht sind, da wir uns vor kleinen Zelten bei Fackelschein im Sand der Wüste sitzend wähnten. Wir sitzen allerdings in einem Restaurant, das nur entfernt an ein Zelt erinnert oder wie die ganz enttäuschten Mitreisenden sagen: das hier sei bestenfalls eine Beduinen-Kantine. Es ist laut, gross und voll, aber das Essen finde ich lecker (auch wenn ich nur reduziert esse, weil Magen…). Gisela kommt triumphierend mit einem echten Bier zurück, immerhin etwas.

Reingelegt wurde ich von Mohammed, mit dem ich heute zum Glück nicht in die Berge geritten bin und der mir gestern sieben Dinar für den Ritt abgeknöpft hat, und das war schon runtergehandelt. Besser gehandelt hätte ich, wenn ich mir das Kleingedruckte auf der Rückseite der Eintrittskarte durchgelesen hätte: Pferderitt inklusive. Das hat uns allerdings auch die allwissende Reiseleitung unterschlagen, die jeden Stein ausführlich erläutert, aber den Trab vom Sik zum Visitor Centre nicht erwähnte.

Nun hören wir noch den Musikern zu, dann einem Vortrag über das Leben in Jordanien, der sehr interessant ist (von einem Beduinen, nicht von der Reiseleitung), wir bewundern die Grabnischen in den Bergen, die von Tausenden Lichtern erhellt werden, und dann geht es schon wieder zurück ins Hotel, so kommen wir nicht allzu spät ins Bett. Morgen geht es erst um 9.00h weiter, nach Akaba ans Rote Meer. Mit dem Bus. Nicht auf dem Pferd.

Logbuch Jordanien – Tag 6

02.11.2021

Ich drücke der Reiseleitung das Geld für mein reserviertes Mittagessen in die Hand, sage, dass sie mein Lunch gern verschenken darf, und marschiere ohne die Gruppe weiter. Seit 8 Uhr früh sind wir unterwegs, eine Handtasche bleibt irgendwo stehen, ein Kameraobjektiv ist herrenlos, wir bleiben an jeder Ecke stehen, sengende Sonne hin oder her, jeder Stein muss erklärt und jede Diskussion ausgefochten werden. Weit sind wir noch nicht gekommen.

Das tut nix für meine innere Balance, und ausserdem komme ich hier selbst zurecht, bin ich schon gestern Nacht bis zur Schatzkammer vorgedrungen. Auch bei Tageslicht ist es beeindruckend: die Felsen ragen bis weit in den Himmel, winden sich den Weg entlang, weiten sich, verengen sich, wechseln die Farbe, sind rauh und mal glatt, lassen ab und an den Himmel wie zufällig blau aufleuchten, und geben nach zwei Kilometer und einer letzten Wende den Blick auf die Schatzkammer frei. Ich fühle mich hier wohl, fast heimisch, am Fusse des riesigen Schatzhauses, das ein Jahrhundert v.Chr. erbaut wurde. Ich spaziere weiter, überall in den Felsen tauchen weitere Grabstätten auf, ein römisches Theater, Tempel und Säulen.

Ich kaufe mir einen Keks und einen Minztee, setze mich vor ein Café und komme mit einem Jordanier, der in den USA lebt, ins Gespräch. Irgendwann zieht meine Gruppe an uns vorbei, ich bleibe sitzen.

Ich erstehe ein paar Mitbringsel und für mich ein silbernes Armband und ein wunderschönes Kamel aus Bronze. Ich plaudere mal hier und mal da und bin tiefenentspannt.

Irgendwann kehre ich um. Noch etwas bewundernd vorm Schatzhaus stehen, durch den schattigen Sik (Felsenschacht) bummeln, überlegen, wie ich die letzten Kilometer in flirrender Sonne bewerkstellige, und dann steht da schon Mohammed mit seinem Pferd, bis zum Hotel könne ich reiten, was ich dann doch dankend ablehne. Vorm Visitor Centre steige ich ab.

Morgen könnte ich mit Mohammed in die Berge reiten und von oben auf Petra schauen. Ich überlege.

Logbuch Jordanien – Tag 4

31.10.2021

Wir Frauen stehen in der Schlange vor der Moschee, um ein dunkles figurverhüllendes Gewand überzuziehen, ohne welches wir – nebst verhülltem Haar – nicht die Moschee betreten dürften. Auch Oliver steht in der Schlange. Er trägt bereits sein Outfit für das Tote Meer, aber kurze Shorts und Adiletten sind nicht gerade moscheenkonform. Auch er bekommt eines dieser Gewänder verpasst, das die Figur unsichtbar werden lässt.

Die König-Abdullah-Moschee hat einen dicken weichen Teppich mit Sternchenmuster, das uns die Reiseleitung erklärt. Da ich mich nicht für Religion interessiere, wandere ich ein wenig unter der riesigen Kuppel umher und spüre die Füsse im Teppich versinken, die nette Aufsicht bietet mir ein Glas Wasser an (später bekomme ich einen indirekten Rüffel, weil ich nicht beim Teppichmustervortrag aufgepasst habe).

Über dem langen Gang, der zu den Toiletten (scheusslich!) führt, steht nur etwas auf arabisch. Lange gefliesste Gänge mit Möglichkeiten, die Füsse zu waschen und lange Gänge mit den von mir gehassten östlichen Toiletten. Was muss, das muss. Auf dem Rückmarsch stosse ich auf einen Mann, der, vermute ich, ein „huch“ auf arabisch ruft, ich husche ganz schnell aus der Herrentoilette davon.

In Madaba besichtigen wir die griechisch-orthodoxe Kirche St Georg, die voller Mosaiken aus dem 6ten Jahrhundert ist. Das Städtchen ist hübsch und ganz modern mit einem Leitsystem, es gibt rote aneinandergereihte Steine auf dem Fussweg, damit Fremde zum Visitor Centre zurückfinden. Finde ich natürlich nicht. Zum Glück laufen hier noch andere aus der Gruppe herum, ich brauch nur jemandem hinterherdackeln.

Auf dem Berg Nebo schauen wir ins Jordantal, von hier hat angeblich schon Moses auf das Gelobte Land geblickt. Vor uns, 20-50km entfernt, liegen Jericho, Bethlehem, Jerusalem, Rammallah und die Golanhöhen.

Endstation: Totes Meer! War ich eben noch völlig erledigt, werfe ich mich flugs in meinen Badeanzug, schnappe das Handtuch und wandere hinunter zum Wasser. Warm ist es und wunderbar. Ich lasse mich auf dem Meer treiben.

Logbuch Jordanien – Tag 3

30.10.2021

Um 8.30h starten wir an der Zitadelle von Amman. Die Zitadelle liegt oben auf dem Jabal al Qal‘a. Ägyptens Geschichte ist jung im Vergleich zu Jordaniens, die 10.000 Jahre zurückreicht: hier gibt es eine Höhle aus der Bronzezeit, den Herkules-Tempel, eine umayyadische Moschee und das archäologische Museum. Von hier oben schaut man auf das römische Theater und die Stadt.

Und dann geht es erstmals raus aus der Geschichte und hinein ins aktuelle Gewühl der Stadt. Der Strassenverkehr ist zusammengebrochen, überall wird gehupt und gerufen, wir schlängeln uns durch die Marktschreier, die nur noch von den Rufen des Muezzins übertönt werden. Wir teilen uns, ich gehe mit unserem jordanischen Guide durch weiteres Marktgewusel und zum Falafelessen (ein Mitreisender ordert Almdudler, man kann‘s ja mal versuchen), und ja, die Zeit läuft uns davon. Mich stört das nicht, gehöre ich zu der Handvoll Reisenden, die nicht die anschliessende Tour zu den Wüstenschlössern gebucht hat sondern eigenständig die Atmosphäre Ammans aufnehmen möchte. Reinhild und Helmut schliessen sich mir an, was ganz nett ist, da ich dann nicht allein in der 4 Millionen-Einwohnerstadt verlorengehe. Wir bummeln nochmal durch die Stände und den Goldmarkt und fahren zur Rainbow Street. Hier ist die Stimmung gleich ganz anders, die Strasse könnte auch in London liegen mit seinen chilligen Cafés und kleinen Lädchen. Cappuccino trinken wir, dazu singt Adriano Celentano aus den Boxen, ein relaxter und angenehmer Nachmittag im eigenen Tempo neigt sich dem Ende zu.

Heute Abend heisst es dann noch Kofferpacken, denn morgen früh um 8.30h geht es weiter nach Madaba und zum Toten Meer.

Logbuch Jordanien – Tag 2

29.10.2021

Verwirrung mit der Zeitumstellung. Ist uns Jordanien eigentlich eine Stunde voraus, hat das Land als Novum eine Zeitumstellung eingeführt. Diese startet am 29.10.2021. Also alle Uhren wieder zurückstellen und Uhrenvergleich mit allen Reiseteilnehmern. Wir haben nun wieder die deutsche Zeit.

Keine Verwirrung gibt es hingegen bei den Sitzplätzen im Bus: war das Thema bei den Reisen nach Tibet, Israel und Marokko ein Kampfthema (was ich persönlich nicht nachvollziehen kann), herrschen hier – Corona sei Dank – feste Regeln. Jeder bleibt für die gesamte Reise auf seinem Platz. Zimmerpartner nebeneinander, Einzelzimmer allein in einer Reihe. Das freut mich, kann ich mich mitsamt meinem Handgepäck schön ausbreiten.

Gerasa (Jerash) begrüsst uns mit sengender Hitze. Wieder einmal mehr merke ich, dass ich hitzeempfindlich geworden bin und suche die rar gesäten Schattenplätzchen in den Felsen. Wir gehen über einen Basar mit passablen Toiletten und treten durch den Hadriansbogen ins alte Jerash ein. Was wären wir ohne die Römer. Kaiser Hadrian kenne ich noch aus England, wo wir über die Hadrianswall stolperten. Hippodrom, Forum, Jupiter-Tempel, Nymphäum, Artemis-Tempel, wir schreiten auf säulenumrahmten Wegen, an denen sich früher die Geschäfte aneinanderreihten, und wieder einmal bewundere ich die Römer für ihre intelligenten und imposanten Bauten, Abwassersystem inklusive.

Als – nicht nur mir – die Sonne zu Kopfe steigt, bleibt eine Wolke gnädig über uns hängen und beglückt uns mit einigen Regentropfen. Ich bin doch ein richtiges Nordlicht.

Ein spätes Mittagessen in dem einzigen Restaurant, ich habe prophylaktisch eine Magentablette genommen, aber das zumeist vegetarische Essen ist einwandfrei.

Gefreut habe ich mich auf den Abend. Ich sage den Cocktailempfang ab und marschiere zum Pool. Allein bin ich dort, und das brauche ich auch immer wieder; was ich nicht gebraucht hätte, wäre das Eiswasser im Becken. Ich mache das, was ich sonst nie mache: ich kehre tatsächlich um. Das wäre Hadrian nicht passiert.

Logbuch Jordanien Tag 1

Tag 1 nur ein kleines Resumee nach drölfzig Stunden Anreise

Bin mit der turkmenischen Fussballnationalmannschaft im Fahrstuhl gefahren. Und mit den Palästinensern. Schnelle Anfreundung. Gisela, 83 Jahre, habe ich in der Bar gelassen. Karla war auf ner Flussfahrt in Indien, die Vögel haben im Speiseraum in der Deckenleuchte genistet Also in Indien. Nicht hier. Das Buffet beim Dinner war sehr gut. Hummus geht immer. Die Reiseleitung hat sich rückversichert, dass ich als Vegetarier (melde mich immer als Vegetarier an) etwas zu essen gefunden habe. Hab ich. Das ist der Blick aus dem 13ten Stock auf Amman. Jetzt gehe ich in mein wunderbares Boxspringbett. Und morgen geht es nach Gerasa.

Ach ja. Im Flieger mussten weitere Dokumente für die Einreise ausgefüllt werden. Die Fluggäste waren unwillig. Man habe doch schon ähnliches mehrmals ausgefüllt. Ansage aus dem Cockpit. Alle haben die Formulare auszufüllen (die ersten Passagiere mussten ja schon in Wien wegen fehlender PCR-Tests zurückbleiben). Bei Einreise schleppt jeder die Akten in der Hand. Was müssen wir davon vorzeigen: den Reisepass und den QR-Code.

Heute bin ich Covergirl

…bei den Mammomädels (Kooperationsgemeinschaft Mammographie), in der Social Media-Kampagne zum Brustkrebsmonat Oktober.

Grundsätzlich geht es um Selbstliebe. Wer sich mag, gibt acht auf sich.

Ich bin Anja. Im Februar 2017 bekam ich die Diagnose beidseitiger Brustkrebs. Eine Diagnose, die das Leben still stehen lässt. Eine Diagnose, als sei man ohne Vorwarnung mit Vollgas gegen eine Wand gefahren.

Ich habe die Erkrankung als Warnung verstanden, meinen Lebensstil zu überdenken und zu optimieren.

Gib acht auf dich: das Motto der @Mammomädels habe ich verinnerlicht. Vor- und Nachsorge sind extrem wichtig: für Frauen von 50 bis 69 Jahren wird zur Brustkrebsfrüherkennung das Mammographie-Screening angeboten. Nehmt das gern Angebot wahr. Es kann Euer Leben retten.

Auch wenn der Oktober der Brustkrebs-Awareness-Monat ist, ist Brustkrebs für mich als Betroffene jeden Monat, jede Woche und jeden Tag präsent. Auch das hat etwas mit „Gib acht auf dich“ zu tun: zur Vorsorge gehört für mich Bewegung: ich mache täglich Sport, was das Risiko auf ein Rezidiv reduziert. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich achte auf meine Ernährung. Ich achte darauf, Stress zu vermeiden.

Ich gebe acht auf mich. Weil ich mich mag. Weil ich nur diesen einen Körper habe. Weil ich noch viel erleben möchte. Und weil ich noch lange fit und gesund sein will. Weil ich das Leben liebe.

Logbuch Brindisi – Tag 6

Kurze Version: pleite aber glücklich.

Lange Version: ich wandere ein letztes Mal am Meer entlang, sitze am Wasser, trinke einen frischen Orangensaft im Café und besuche ein letztes Mal die Kathedrale, die ich – genauso wie das grosse weisse Postamt – mittlerweile im Schlaf finde.

Mein Spaziergang endet vor dem Schaufenster des Optikers. Oh no! Panik. Dort, wo bis gestern noch mein Objekt der Begierde ausgestellt war, liegt nun eine andere Sonnenbrille. Ich schaue durch die Tür. Eine Kundin verabschiedet sich mit einem Päckchen in der Hand. Das kann doch nicht wahr sein. Ich stürme das Geschäft, bis gestern sei doch im Fenster diese Sonnenbrille…man schaut mich etwas verständnislos an, leider verstünde man kein englisch. Ich wiederhole auf italienisch, die Optikerin nimmt die Brille aus dem Fenster, nein, nein, ein Missverständnis, ich meine doch eine andere Brille, die dort eben nicht mehr ist. Die Optikerin zieht eine Kollegin zu Rate, zu Zweit durchsuchen sie Schubladen und Schränke, und dann finden sie das Objekt meiner Begierde. Erleichterung! Ich setze sie auf. Sie passt perfekt. Sie sieht perfekt aus. Perfetto, sagt die Optikerin. Ich frage nach dem Preis. Es ist der, den ich bereits im Internet recherchiert habe. Der Schock sitzt tief, was man mir ansieht. Man bietet mir einen Rabatt an. Puuuh. Man bietet mir einen weiteren Rabatt an. Immerhin 50 Euro weniger. Ich nehm die Brille, höre ich mich sagen.

Ich nehme die Brille ab, die Optikerin setzt sie mir wieder auf die Nase, um zu schauen, ob man sie anpassen müsse. Sie ist perfekt, sagen wir beide.

Ich darf aus verschiedenen Etuis wählen, bekomme zwei Brillentücher, eine weitere Box, die ich gleich dort lasse, in 15 Minuten holt mich das Taxi vom Hotel, das mich zum Flughafen bringt, jetzt muss ich mich beeilen. Mehr Shopping ist zum Glück nicht drin.

Pleite aber glücklich. Arrivederci, Brindisi!

Logbuch Brindisi Tag 4+5

Angekommen bin ich dann, wenn sich Rituale herauskristallisieren: der nachmittägliche Besuch der kleinen Gelateria, der Kauf von Obst und Gemüse im Supermarkt um die Ecke, der Aufenthalt am Pool an den Nachmittagen, das Innehalten an der Promenade am Meer, das selbstverständliche Bewegen durch die Gassen, das Beobachten des Geschehens um mich herum.

Gestern habe ich ein kleines blaues Boot beobachtet. Hier gibt es einige Boote, unter anderem eine Fähre nach Korfu. Da muss ich also genau aufpassen, auf welches Boot ich steige. Ich möchte auf die andere Seite zum Marine-Denkmal. Ich hole mir ein Ticket am grünen Automaten, vergewissere mich, dass ich hier richtig bin, und schon geht es los nach Korfu – Quatsch – zum Denkmal. Das ist dann auch sportlich, unzählige Stufen führen bis auf eine kleine Aussichtsplatform, die einen grandiosen Ausblick auf Brindisi im sanften Licht der Nachmittagssonne bietet.

Seit Tagen bleibe ich am Schaufenster eines Brillengeschäftes stehen. Schön sieht es aus, das Objekt meiner Begierde, so schön, dass es kein Preisschild hat, aber der Blick ins Internet verrät, dass es mein Budget weit überschreitet.

Ich gehe hinein. Ich halte der Optikerin meine alte Sonnenbrille hin, ob sie die reparieren könnten. Können sie. Sie möchte nicht einmal Geld dafür annehmen, vielleicht auch, weil es ein italienisches Modell ist. Ich wage nicht zu fragen, ob ich die Brille aus dem Schaufenster mal aufsetzen dürfte, was in diesem Fall auch besser sprich: vernünftiger ist.

Ein Eis stelle ich mir in Aussicht, als Kompromiss.

Morgen werde ich sicher wieder vorm Schaufenster landen. Es wird Zeit, dass ich abreise.

Brindisi – Logbuch Tag 3

29.09.2021

Tempio di San Giovanni, Palazzo Granafei Nervegna, Pontificia Basilica Cathedrale und Chiesa di San Benetto notiere ich mir beim Frühstück. Über diverse andere Sehenswürdigkeiten bin ich bereits per Zufall gestolpert oder sie befinden sich ausserhalb meines Radius.

Ich beschliesse, mein Handy zur Navigation zu nutzen, um zumindest das eine oder andere wirklich zu finden. Rechts aus dem Haus, die Strasse hinunter, dann durch die nächste Gasse und ums Eck, und schon stehe ich überraschenderweise vor dem grossen weissen Postgebäude, in dem ich gestern einige Zeit verbracht habe. Ich marschiere weiter, noch ist es früh und die Sonne angenehm und tatsächlich finde ich den Tempio di San Giovanni. Ein Italiener spricht mich an, ob er mich davor fotografieren solle, molto gentile, ma no. Die Dame am Eingang möchte meinen green pass sehen. Meine apps zeigen meine Covid-Zertifikate allesamt in blau an, aber verwandeln sich in den green pass, als der QR-Code gescannt wird. Ich darf eintreten. Rotunde, alte Gemäuer und ein Garten mit Blumen, Sträuchern, Brunnen und Olivenbäumen, eine kleine Oase inmitten der Mauern.

Auf dem Weg zum Palazzo treffe ich wieder den Italiener, ob er ein Foto…molto gentile, ma no. Ich frage ihn, wo der Palazzo liegt (anderswo als mir mein Handy anzeigt) und gehe meines Weges. Wieder werden meine Zertifikate gescannt, wieder darf ich eintreten, und wieder mal habe ich mich gar nicht informiert, wo ich gerade gelandet bin. Der Palazzo scheint eine Mischung aus Behörde (ich lande prompt in einem Büro), Studienzimmer, Ausgrabungsstätte und einer Kunstausstellung zu sein. Ich schaue mir alles an und finde sogar wieder hinaus.

Zum Tempio di San Giovanni sollte ich gehen, meint ein Italiener. Ich werde hier permanent angesprochen, vermutlich, weil ich der einzige Tourist in Brindisi bin. Da käme ich gerade her, ich möchte zur Kathedrale. Auch diese finde ich (hurray!), und ausserdem davor Soldaten, Polizei, Marine, Feuerwehr, die Hundestaffel, Einsatzfahrzeuge…und zwei weisse Wagen, auf denen was mit „sangue“ steht. Blutspenden, vermute ich, diesmal spreche ich einen Italiener an, ob man in die Kirche dürfte. Darf man.

Die Sonne steigt höher. Ich marschiere weiter zur Chiesa di San Benedetto. Hat geschlossen. Macht nichts. Gehe ich halt in die Angeli, an Kirchen mangelt es hier nicht. Einen Briefkasten bräuchte ich, aber die sind lt google rar gesät.

Ich lese am Pool, gehe in „meine“ Gelateria, esse wieder ein leckeres Hazelnusseis und trinke Cappuccino, steuere zielstrebig das Postgebäude an (alle Wege führen zur Post!) um die Karten zu verschicken, spaziere zum Hafen und von hier aus zur Kathedrale, in 200m sollte sie erscheinen, aber ich schaffe es, mich zu verlaufen, auch wenn das Ziel ums Eck liegt. Der Menschenauflauf vom Morgen ist verschwunden. Ein paar Vögel kreisen über der Kirche.

Heute werde ich eine Nachtwanderung machen.

Brindisi – Logbuch Tag 2

28.09.2021

Ich habe nichts geplant. Ich lasse das Frühstück stehen – da werden die Italiener und ich keine Freunde – und verlasse mein Haus. Hinunter an den Hafen, mal schauen, ob man das Hafenbecken umrunden kann, das Wasser schwappt dort an den Kai, die Sonne scheint. Schnell merke ich, dass die Entscheidung, den Rock aus- und die Jeans anzuziehen, falsch war. An Segelbooten und kleinen Yachten vorbei, hier und da ein leeres Café an der palmenumsäumten Promenade, ich gehe weiter, bis es nicht mehr geht. Maritimes Militärgebiet, Mauern mit Stacheldraht und ein hohes Tor versperren den Weg. Eigentlich sollte da auch eine Burg liegen. Ich stehe unschlüssig vor dem Tor, die Marinesoldaten mag ich nicht ansprechen. Ich trete den Rückzug an.

Wäsche flattert vor den Fenstern der gelbfarbenen Häuser, zwei Kochtöpfe stehen auf einer Fensterbank, in der Schule hört man Kinder singen, die Sonne scheint jetzt unbarmherzig auf mich herab. Spontan entschliesse ich mich, ins archäologische Museum zu gehen, ein Platz, an dem es erfahrungsgemäss gut gekühlt ist.

Vor 20 Stunden habe ich mich über die Küche in meinem Domizil echauffiert, nun stehe ich dort und bereite mir einen Salat zu.

Die nächsten Stunden verbringe ich am und im Rooftoppool, dann geht es in eine Gelateria.

Ich kaufe Postkarten. Briefmarken gibt es nicht im Tabakladen, da müsste ich zur Post. Ich laufe zur Post. Aha! Der aufmerksame Leser wird irritiert sein, wie ein Orientierungslegastheniker nun zielstrebig die Post ansteuern kann. Und ja, das geht; die Post liegt nämlich gegenüber des Tabakladens.

Habe ich mich bisher gewundert, dass es so gut wie keine Menschen in Brindisi gibt: hier sind sie also allesamt versammelt. Voll ist es in der Post, ich muss eine Nummer ziehen und warten. Und warten. Und warten.

Endlich wird meine Nummer aufgerufen. Ich sage, was ich möchte, der Beamte spricht kein Englisch. Ich wiederhole auf italienisch. Der Mann springt auf und verschwindet hinter der blauen Wand durch eine ebenso blaue Tür. Ich warte. Und warte. Das ist meine Aufgabe, denke ich: sich in Geduld üben. Sich nicht aufzuregen wegen Kleinigkeiten. Natürlich bin ich kurz davor, meine Wartenummer zu zerknüllen und die Post wütend zu verlassen, da kehrt der Beamte durch die blaue Wand zurück. Er setzt sich, nimmt eine Büroklammer und steckt die Marken sorgfältig zusammen. Dann erklärt er mir ausführlich, dass auf jede Karte zwei Marken gehören (was offensichtlich ist). Meine Geduld wird strapaziert, ausserdem muss ich auf Toilette.

Ich nehme die Marken, marschiere nach Hause, und wie gut, dass es hier eine Küche gibt, da mache ich mir gleich noch einen Salat.

Brindisi – Logbuch Tag 1

27.09.2021

Ich mag es, wenn der Flieger früh am Morgen geht. Dann nehme ich ein Taxi zum Flughafen. Es fährt durch die dunkle Nacht, die Strassen glänzen vom Regen, das orangefarbene Licht eines Einsatzfahrzeugs blinkt durch die Tropfen der Fensterscheibe, aus dem Radio ertönt Musik.

Mehrfach habe ich die letzten Tage Einreiseformulare bearbeitet; teils falsch ausgefüllt, teils neu ausgefüllt, da die Airline in letzter Minute meinen Sitzplatz geändert hat. Die Schweizer werfen einen kurzen Blick auf mein Handy mit dem Transit-Formular und winken mich durch. Na, das war ja einfach. In Brindisi steuere ich zwei Offizielle an, neugierig, was ich als erstes zücken muss: den Ausweis? Den Impfnachweis? Den Antigen-Test? Die Einreiseformulare für Italien? Oder die Einreiseformulare für Apulien? Die Offiziellen winken ab: nichts bräuchte ich vorzeigen. Ich bin verblüfft: sie scheinen genauso eine Abneigung gegen Formulare zu haben wie ich.

Mein Hotelzimmer entpuppt sich als grosszügig geschnittene Wohnung, die über zwei Etagen geht und über zwei Balkone, zwei Fernseher, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer mit inkludierter Küche verfügt. Eine Küche brauche ich nicht. Ich möchte lieber die Restaurants besuchen.

Besuchen tue ich erstmal die Dachterrasse mit Blick über die Dächer von Brindisi und einem kleinen Pool.

Ich schaue vor die Tür. Nicht, ohne erst zu testen, wie ich mit dem Plastikkärtchen wieder durch den Hauseingang zurückkomme, eine permanent besetzte Rezeption gibt es nämlich nicht. Verwinkelt sieht es aus, ich muss mich konzentrieren, denn ich bin Orientierungslegastheniker. Ich finde den Hafen, schlendere die Palmen-Promenade entlang, schön ist es hier und leer ist es hier. Überhaupt sehe ich so gut wie keine Menschen und erst recht keine Touristen.

Der Himmel ist grau. Wird es so früh dunkel in Italien? Oder wird es regnen? Ich öffne den Schirm und beschliesse, in das einzige geöffnete Restaurant zu gehen, ich sitze draussen am Hafen und esse den schlechtesten Caesarsalat meines Lebens.

Ich wandere zurück zum Corso Garibaldi, entdecke die Abzweigung (yeah!), die ich zu meinem Haus nehmen muss, biege aber in eine andere Gasse ein und betrete ein Reisebüro. Ausflüge in die Umgebung? Die Dame verneint, die gebe es nur im Juli/August. Ich spaziere wieder hinaus und in einen riesigen Supermarkt hinein (ich liebe es, im Ausland die Supermärkte zu durchstöbern), kaufe Obst, Gemüse, Brot und etwas Käse, schliesslich habe ich ja eine Küche.

Ich gehe auf den Balkon. Der Regen hat aufgehört. Der schwarze Himmel legt sich über die Strassen, die gelben Lampen gehen an, ein Hund bellt.

14.08.2021

Die Sonne steht tief und hüllt den Hamburger Dom in ein warmweiches Licht, das die Action und den Trubel langsamer erscheinen lässt.

Und wir?

Wir schlendern über das Gelände, inspizieren die Fahrgeschäfte (nein, da niemals rein, das da vielleicht, wer kommt mit in die Wildwasserbahn und wer geht in die rasende Schlange?), wir sitzen vorm Bierstübchen und essen und trinken, wir lachen und plaudern und hat das Riesenrad nicht ein neues Design?, wir essen und trinken noch mehr, fahren Karussell und quietschen, winken, fliegen mit dem Kettenkarussell durch den Abend und baumeln mit den Beinen, und dann, wie immer, krönen wir den Abschluss unseres Dombesuches mit der Fahrt im Riesenrad, hoch oben in der Gondel staunend über die Schönheit der Stadt, die winzigen Fussballer da unten im Millerntorstadion (Lokalderby HSV:Sankt Pauli), dahinten die Kräne des Hafens vorm rosanen Abendhimmel, dort blau-blinkend die Polizeiwagen, die sich für das Spielende bereitmachen, wir lachen und schweigen und geniessen den Abend, wie früher, fast so wie immer.

11.08.2021

Der Ausflug.

„Steuerbord! Nun Backbord!“, schallt es von der Rückbank. „Ihr seid nur Supernumerary und habt so gar nichts zu vermelden!“, rufe ich den beiden Kollegen, die im wirklichen Leben richtige Kapitäne sind, zu. Ich steuere, ich trete, also bin ich der Kapitän an Bord dieses Tretbootes.

Kapitän 1, mein Bürogenosse, hat bereits nach zehn Minuten seine Position als in die Pedale tretender und ins Steuer greifender Chief Officer wegen Rücken/Knie/Unfitness aufgegeben und mit dem Accountant halsbrecherisch den Platz gewechselt, der nun friedlich neben mir sitzt und gleichmässig mit mir das Tretboot vorwärts bewegt. „Was sollen bloss die Anderen denken, die uns sehen – drei Männer und eine Frau an Bord, die hier treten muss“, vermerkt Kapitän 2. „Was soll erst die Bootsvermietung denken, wenn sie das sieht“, entgegne ich. „Ich habe meinen Schwerbehindertenausweis als Pfand für die Tretboote abgegeben“.

Die Sprüche fliegen hin und her, während wir auf der Hamburger Aussenalster herumschippern, das Wetter ist perfekt für eine Bootstour, und ich gerate nicht einmal ins Schwitzen. Die heutige Fitnesseinheit ist hiermit ausserdem abgehakt.

08.07.2021

Unterwegs.

Aufgeregt (da Premiere), unsicher (wird die gecrashte Bandscheibe das mitmachen?), enthusiastisch (das bin ich meistens), neugierig (wie wird es mir gefallen?), balancierend auf dem Wasser (statt sonst schwimmend im Wasser), verschwitzt (da warm und sonnig), verschrammt (der Brombeerstrauch wollte nicht ausweichen) und glücklich!

Danke, liebe Su, für das tolle Einsteigertrainining (Fotos und Video: Su/Diagnose Leben)

25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

https://www.instagram.com/p/CQlytWiA3VE/?utm_medium=copy_link

23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.

20.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 4

Und jetzt kommt der Kracher: seit Jahren fahre ich regelmässig nach Madeira, ursprünglich inspiriert durch die Sissi-Szene, in der die Kaiserin aka Romy Schneider lungenkrank im malerischen Garten liegt und über die madeirensische Küste schaut, während der Franz ihr Blumen und Perlen schickt…und stelle soeben fest: die Madeira-Szenen wurden gar nicht hier, sondern an der Amalfi-Küste in Italien gedreht 🤯! Ich bin irrtümlich auf Madeira gelandet.

Da nun die Film-Sissi nicht durch Gärten des Reids gewandelt ist, bleibt es aber trotzdem bei der Original-Kaiserin Sisi (mit einem ‚s‘), die hier schon residierte, ebenso taten dies Winston Churchill, Gregory Peck, George Bernard Shaw und Roger Moore. Und in die Gärten nehme ich Euch jetzt trotzdem mit, Sissi hin, Sisi her…(Video im link)

Bin etwas ratlos, wie mir so ein fauxpas unterlaufen konnte.

https://www.instagram.com/reel/CQWT1cEIeIs/?utm_medium=copy_link

19.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 3

Einen Ausflug zum Jardim Botanico wollte ich machen, Blumen bewundern und mit Papageien plaudern. In der Altstadt wollte ich Mittag essen, an der Promenade längsspazieren bis hin zum Mercado dos Lavradores. Eine Tagestour für Sonntag wollte ich buchen, vielleicht einen Levadawalk, vielleicht zum Pico do Arieiro, an die Klippen von Sao Lourenco in den Osten oder nach Porto Moniz in den Westen. Oder vielleicht eine Tour mit dem Katamaran machen und Delphine beobachten; die flyer habe ich von der Rezeption, und gestern war ich in zwei Ausflugsbüros.

Und dann fällt mir ein: warum sollte ich mein Paradies verlassen?

Und ich schwimme im Meerwasserpool, beobachte die riesigen roten Krebse, lese auf der Liege und schaue auf’s Meer.

18.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 2

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal vor Aufregung nicht schlafen konnte.

Ich liege wach im Bett, die vielen Kissen und Decken knistern auf dem Boxspringbett, mein Blick fällt durch die weit geöffnete Balkontür auf die Häuschen der schlafenden Stadt, die sich – in gelbes Licht gehüllt – an die dunklen Berge schmiegen.

Ich ziehe die Gardinen nie zu; ich liebe es, auf die mediterranen Lichter der Strassenlampen zu schauen und dem Meeresrauschen zu lauschen.

Auch gestern Nacht – bevor es vier Stunden mit der Bahn und fünf weitere mit dem Flieger Richtung Madeira ging, konnte ich nicht schlafen. Ich, die Vielreisende, bin schlichtweg aus der Übung. Höchste Zeit, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fahrt nehme ich auch auf, als ich mein Hotel durchquere, das rosafarben auf einer Klippe über dem Meer aufragt. Es windet sich um Ecken bis hinunter an den Ozean, was für mich als Orientierungslegastheniker eine Herausforderung ist. So habe ich die ersten 4.000 Schritte des Tages im Hotel zurückgelegt, auf der Suche nach dem Frühstücksbereich (am Pool 1 und 2), der Rezeption und meinem Zimmer, ich stosse auf meinem Weg überraschenderweise auf die riesigen Gärten, von denen aus schon Kaiserin Elisabeth von Österreich und Sissi-Romy Schneider den Blick über das Meer schweifen liessen. Der Fahrstuhl in die achte Etage bringt mich nicht zu meinem Zimmer, das in eben jener Etage liegt. Der nächste Fahrstuhl führt überhaupt keine achte Etage, und wenn ich zum Frühstück möchte, muss ich verschiedene Fahrstühle und noch eine Treppe nehmen, nachdem ich durch lange Flure gewandert bin.

Ich schwimme im Meerwasserpool am Vormittag und im warmen Pool am Nachmittag, ich lese liegend unterm Sonnenschirm, mein Blick folgt Möwen übers Meer.

Logbuch Madeira

Prolog.

Ladies and Gentlemen, Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Sonne mal links und mal rechts von uns zu sehen ist. Das heisst nicht, dass wir uns verflogen haben, aber der Flughafen ist aufgrund von Sturm geschlossen. Mit uns kreisen noch vier weitere Flieger über die Insel, die nicht landen können.

Man weist uns ein zweites Mal auf die Safety Cards hin, die sich in der Tasche im Vordersitz befinden.

Dicht neben uns sehe ich die Berge, unter uns den blauen Ozean, auf dessen Wellen weisse Schaumkronen tanzen. Wir gehen tiefer, versinken in den grauen Wolken, es wackelt, der Motor dröhnt erst laut, dann wird es still.

Wie Sie bemerkt haben, mussten wir den Anflug abbrechen und wieder durchstarten, ertönt es aus dem Cockpit.

Ich erinnere mich an Chile, wo der Flieger ebenfalls kurz vor der Landung durchstartete, die spanischen Ansagen hatte ich nicht verstanden, aber durchs Fenster sah ich das kleine Flugzeug, das auf unserer Landebahn stand.

Im Südpolarmeer, in der Drakepassage, brach ein Kabinenfenster vom Sturm entzwei. Im Nordpolmeer bei Grönland toste ein Orkan, der uns ans Bett fesselte, aus dem wir fasziniert auf‘s schwarze Meer starrten.

Warum kannst Du nicht einfach eine Fahrradtour an die Ostsee machen, schimpfe ich mit mir, bevor mir ein „du scheisse“ entfährt. Um uns herum wird es grau.

22.03.2021

Der besondere Tag.

Heute ist ein besonderer Tag. Ich fühle mich ein bisschen als hätte ich Geburtstag. Heute vor vier Jahren standen wir in der Tiefgarage und verfrachteten meinen Koffer in das Auto, das mich ins Krankenhaus bringen sollte.

Ich hatte keine Angst. Im Gegenteil: ich habe mich gefreut.

Heute vor vier Jahren wurden zwei Krebstumore entfernt. Meine neue Zeitrechnung startete: es gibt nun ein „vorher“ und ein „danach“. Heute ist der Tag, an dem ich vier Jahre krebsfrei bin. Und gesund.

Das muss gefeiert werden. Heute treffe ich mich mit P. Wir werden ans Meer fahren und an den Klippen entlangwandern, in der Kälte und im Wind und das Salz auf den Lippen spüren. Wir werden lachen und den Tag geniessen.

Vor genau vier Jahren schrieb ich im Krankenhausbett einen Blogeintrag, der mit diesem Satz endete: „das Leben ist schön“.

21.02.2021

Zuhause.

Ich ziehe die Trainingsjacke aus. Ich ziehe das T-Shirt aus. Ich ziehe das Unterhemd aus. Der Schweiß läuft mir den Rücken herunter, während ich, nun im Bustier, mich boxend auf der Matte bewege.
Der Nachbar, der mit der Bierflasche in der Hand auf dem Balkon steht und neugierig zu mir herüberschaut, wird mit einem bösen Blick abgestraft, bis er in seiner Wohnung verschwindet, wo der Bildschirm des Fernsehers aufflackert.

Unterschätzt habe ich die Gabi und ihr Fitnessprogramm, dem ich jetzt auf YouTube folge. Kein Wunder, habe ich bisher das Morgengymnastik- und das Beckenbodenprogramm absolviert, die mir doch sehr angenehm erschienen. Nun bin ich bei der 21-Tage-Fitnesschallenge hängengeblieben, die gerade angelaufen ist und in 45-Minuten-Einheiten auf einem doch ganz anderen Level stattfindet. Da ich gestern den dritten Teil nur zur Hälfte absolviert habe, wird der fehlende Part heute nachgeholt, bevor ich mit Teil 4, dem Boxprogramm, starte. Ich schnaufe. Ich fluche. Ich werfe auch der Gabi einen bösen Blick zu, die sich natürlich nicht beeindrucken lässt. Aber da ich in absehbarer Zeit wieder ins Aussenbecken des öffentlichen Bades möchte, möchte ich auch in shape sein. Zumindest ein bisschen.

Heute Vormittag bin ich bereits durch den Hafen hinauf zum Hamburger Michel und weiter nach Planten un Blomen marschiert. Und heute Mittag bin ich mit Nims auf den Nanga Parbat geklettert, einem der 14 Achttausender, die er allesamt in sieben Monaten bezwungen und damit einen neuen Weltrekord aufgestellt hat. Für mich war die Besteigung zwar aufregend, aber nicht ganz so anstrengend, da ich dieser nur literarisch vom Liegestuhl aus beigewohnt bin. Trotzdem bin ich fasziniert von der Disziplin, der Fitness und dem positiven Mindset, das motiviert, das lässt mich das Programm mit der Gabi gleich viel ambitionierter angehen.

Das nächste Workout der 21-Tage-Challenge ist für straffe Beine, und das gefällt mir, die kann ich für das Schwimmen gut gebrauchen, genauso wie für die (mentale) Besteigung des Gasherbrum I, der als nächstes dran ist.

Es wird kühl. Ich ziehe das Unterhemd an. Ich ziehe das T-Shirt an. Ich ziehe die Trainingsjacke an. Der Berg ruft.

07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

22.11.2020

Was bleibt.

Was bleibt, ist der riesige Holztiger, der an der Balkontür wacht. Mir fällt auf, dass er nach Westen schaut; eigentlich müsste er nach Osten schauen, zum Sonnenaufgang, wie an jedem Tempel, an dem er in buddhistischen Ländern sitzt.

Was bleibt, sind die Tiger im Bücherregal, Tiger in der dunklen Vitrine, Tiger aus Holz, Marmor, Sandstein und Kupfer und die mich anschauen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Von jeder Deiner Asienreisen hast Du mir einen weiteren Tiger mitgebracht.

Was bleibt, ist der riesige Bildband, den Du für mich zusammengestellt hast, mit hunderten Tigern, die Du in Myanmar für mich fotografiert und täglich geschickt hast. Dieses Jahr hast Du mir das Buch anfertigen lassen. Mit goldenen Schriftzeichen auf dem Cover.

Dafür würde ich Dich glatt heiraten, sagte ich zu Dir, berührt von so viel Aufmerksamkeit. Natürlich haben wir darüber gelacht, denn wir beide wussten, dass Du Dir aus Frauen nichts machst.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die verregnete Wanderung über Stock und Stein an der Levada entlang, auf Madeira. Und an Deinen verängstigten Blick, als wir auf dem gläsernen Vorsprung des Cabo Girao standen, einer der höchsten Steilklippen Europas.

Was bleibt, sind die vielen lustigen Schlagabtausche, die wir uns geliefert haben.

Hast Du gehört, dass C. verstorben ist?, fragt mich N. Ich bin entsetzt, ungläubig, nein, woher sie das wisse, ein Nachruf eines Bekannten auf Facebook und dann die Gewissheit, als sie eine Traueranzeige aus der Süddeutschen Zeitung schickt: Dr. med. C.H., plötzlich verstorben.

Was bleibt, ist das Gespräch mit N., die ich nur virtuell über C. kenne und mit der ich mich aus der Ferne angefreundet habe: viele traurige Details und die Erkenntnis, dass C. ein Einzelgänger war, der seine Probleme hatte. Wer aktuell am Reisen planen ist und sich eine neue Kamera kauft, wird nicht…aber wer nicht auf sich achtgibt – und das tut man nicht, wenn man sich nicht selbst liebt – der kann an vielem versterben. Wir wissen es nicht. Wir werden es wohl nie erfahren. Und so weinen wir, als wir an die wohl letzten Momente denken.

Was bleibt, ist eine Lücke. Was bleibt, ist die Leere. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir auf uns achtgeben müssen. Auch auf uns selbst.

17.11.2020

Anker.

Hört ihr mich?, ruft unser Lehrer. Zumindest vermuten wir, dass er das ruft, wir jedenfalls hören ihn nicht.

Wir, das sind die Mitstreiter der dienstäglichen Meditation-Class und ich, jeder für sich zuhause und trotzdem alle zusammen, zumindest virtuell.

K. hat als Hintergrund ein Gebirge ausgewählt, das halb in der Sonne und halb im Schatten liegt. N. sitzt im All, hinter ihm ist ein Planet auszumachen, durch eine Bildstörung scheint dieser einem permanenten Steinschlag ausgesetzt zu sein. D.sitzt anscheinend in einer Abstellkammer, um ihn herum türmen sich Regalwände, das Licht ist grell. Unser Lehrer, den wir nicht hören, der aber weiterhin spricht, hantiert an der Technik herum und erscheint mal kopfüber und mal seitwärts auf dem Screen. Endlich klappt es mit dem Ton. Dafür sehe ich von Planeten-N. nur noch den Oberkörper, von Gebirge-K. nur noch den Kopf, es scheint, als ob K.’s Kopf auf N.’s Oberkörper sitzt, was mich an ein Kartenspiel aus Kindertagen erinnert, bei dem man dreigeteilte Figuren immer neu zusammenfügen konnte.

Nach diesem amüsanten Vorspiel kann die Meditation starten. Ich bin die einzige Frau in der Runde, stelle ich fest, und die einzige, die einfach auf nem Kissen im Wohnzimmer sitzt.

Heute tauchen wir mit dem Zeitstrahl in die Tiefe der Stille ein, die nur von den Worten unseres Lehrers unterbrochen wird. Den Koffer mit der Vergangenheit stelle ich rechts von mir ab, den Koffer mit der Zukunft links. Nun gibt es nur noch das Hier und Jetzt und meinen Atem. Und K., der nach einer halben Stunde wie von Zauberhand in der Gebirgswand verschwindet. So skurril das alles ist, ist es doch ein Anker in einer gerade noch skurriler anmutenden Welt.

Und weil ich meine Welt vermisse, gibt es zu diesem Beitrag ein Bild aus guten Tagen. Vom See Genezareth, von den Golanhöhen aus fotografiert.

07.11.2020

Sintflut.

Der Regen rauscht auf mich herunter, immer stärker und stärker, ich ziehe den Kopf ein und versuche gleichzeitig, den Fluten, die über den Gehsteig fliessen, auszuweichen.
Trotzdem gehe ich weiter, dicht an den Wänden der rotgeklinkerten Häuser entlang, in einigen Fenstern brennt ein Licht, während ich die Dunkelheit durchstreife und mir der Regen die Stirn und die Nase hinunterläuft.

Ein Torbogen taucht auf, die alten Lampen erhellen die Treppenstufen, wie am Montmartre in Paris, denke ich, doch statt der weißen Sacré Coer ragt vor mir der Hamburger Michel auf.
Auf den Turm würde ich jetzt gern steigen, ich stelle mir vor, wie der Pastor – ein Verwandter von mir – heimlich den Zugang gewährt und ich die Stiegen nach oben steige, höher und höher, die riesigen Glocken unter mir lasse und dann über Hamburg schaue. (da ich aber lausig in der Pflege von verwandtschaftlichen Beziehungen bin, bleibt das bei dem frommen Gedanken).

Ich betrete den Michel. Vorne steht tatsächlich ein Pastor, ob es mein Verwandter ist, erkenne ich aus der Ferne nicht. Zwei Betende sitzen in den Reihen, ich bleibe an der Tür stehen. Orangene Rettungsringe hängen an der Balustrade, als würden sie auf Seefahrer warten, die in Seenot geraten sind, doch hier stehe nur ich, triefend und durchnässt, als würde ich gerade der Elbe entstiegen sein.
Ich bin nicht gläubig, aber ich mag die Stimmung in der Kirche, die Ruhe und die Festlichkeit; und der Michel ist ein Anker, der fest und sicher der stürmischen Nacht standhält.

Als ich wieder hinaustrete, stelle ich fest, dass meine Turnschuhe durchweicht sind. Auch die Regenjacke ist nur noch eine Jacke, der Regen rinnt den Nacken hinunter. Die Strickjacke unter der Jacke wird immer schwerer, das Taschentuch in der linken Tasche ist ebenfalls durchweicht, nur die Schokosalmis, die in der kleinen Plastiktüte in der rechten Jackentasche stecken, scheinen trocken geblieben zu sein.

Ich wandere weiter zum Baumwall hinunter, sehe Licht im Fenster einer Bekannten, klingeln tue ich aber nicht, denn ich sehe schon vor meinem inneren Auge den See, der sich um meine Füsse bildet, wenn ich jetzt anhalten täte.

Ich überquere eine Brücke, jetzt bin ich wieder in Paris und an der Seine, vor mir blinkt der Eiffelturm, mal grün, mal blau, blink, blink, er blinkt hier wirklich, allerdings auf dem Dach eines Wägelchens, das Crepes verkauft, an wen in dieser verregneten Nacht, bleibt unklar.
Ein Angler kommt mir auf der nächsten Brücke entgegen, seine Regensachen glänzen genauso wie meine, er zieht die Mütze tiefer in die Stirn.

Über eine Stunde war ich unterwegs, Bewegung muss sein. Und eine heisse Dusche auch.

Nachtrag:
ich kann das ganze Jahr über draussen schwimmen, ohne krank zu werden.
Ich kann eine einzige Wanderung durch den Regen machen, und fange mir eine Erkältung ein.

Nachtrag 2:
Der Fitnessrückblick der Woche entfällt (aus gegebenen Anlass).

29.10.2020

Schlecht.

Schlechte Nachrichten, werde ich im Gym vom Quälgeist Motivator begrüsst. Ich weiss, antworte ich. Heute ist das letzte Training. Und dann geht es in den Lockdown.

Das macht mich so traurig, dass ich nach dem Gym zum Lieblingsbäcker laufe und mir zum Trost ein Stück Schmandkuchen kaufe.

Und da ich morgen wieder traurig sein werde, da das vorletzte Mal Schwimmen ansteht, habe ich für morgen noch ein Stück Käsekuchen mitgenommen.

Ich werde schon vor dem Lockdown dick.

Doofes Covid.

27.10.2020

Kein Zweifel.

„Dann hat mich das Leben ja doch lieb“, sagt mein Lehrer. „Natürlich hat es das, daran darfst Du nie zweifeln“, antworte ich, und freue mich mit ihm über die gute Nachricht.
Und dann meditieren wir und lauschen in die Stille.

18.10.2020

Die Dame von Instagram

„Sind Sie die Dame von Instagram?“ Ansprechen tut mich eine asiatische Schnellschwimmerin in der Dusche des öffentlichen Bades am Mittwoch Abend.
Erst bin ich irritiert, dann aber freue ich mich, als sie meinen Accountnamen nennt und mich ob der schönen Texte und Bilder lobt. Später mache ich sie auf der Aussenbahn aus, und wie ich schon vermutet hatte, zieht sie schnell und elegant ihre Bahnen in der dunklen Nacht, die nur von den hellen Strahlern, die im Aussenbecken sind, erleuchtet wird.
Ich liebe diese Abendstimmung, auch wenn es mir eigentlich zu spät zum Schwimmen ist und ich Aktenzeichen XY verpasse.

Am Sonntag stoße ich unsanft auf einen Widerstand, als ich in Rückenlage das Becken – nun zur Mittagszeit – durchquere. Ich drehe mich um, aber statt gegen einen Mitschwimmer bin ich an die Wand am Ende der Bahn geschwommen. So schnell war ich noch nie auf der anderen Seite des 25-Meter-Beckens. Oder anders ausgedrückt: fasziniert habe ich in den Himmel geschaut, der impressionistisch anmutet. Wolkenschleier in verschiedenen Grautönen bedecken den Himmel, die Sonne erhellt die Wolkenfetzen, kann sich aber noch nicht recht durchsetzen. Das ändert sich am Nachmittag, wo sie sich klar vom blauen Himmel abhebt, der sich im Wasser spiegelt, in das die gelb-goldenen Blätter der umliegenden Bäume flattern. Heute schwimme ich nämlich morgens und nachmittags: mittendrin relaxe ich in der Sole, lasse mich im warmen Salzwasser treiben und genieße einen Smoothie und mein Buch in einem Korbsessel.

Ausserdem habe ich – und ein irritierter Kampfschwimmer – festgestellt, dass ich mit brustschwimmenden Schnellschwimmern fast im Tempo mithalten kann. „Fast“ nur deshalb, weil ich es nicht mag, mit dem Kopf im bzw. unter Wasser zu schwimmen. Ausserdem trage ich nicht das windschnittige Outfit, an dem man die Kampfschwimmer sofort erkennt. Denjenigen, die elegant und schnell wie ein Pfeil durchs Wasser gleiten, schaue ich gern zu. Noch lieber schaue ich allerdings in den Himmel und die Bäume und freue mich über das Glitzern des Wassers.

Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Taiji ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

01.10.2010

friendly reminder.

Heute ist Weltbrustkrebstag. Und ich freue mich, dass ich immer noch hier bin.

2017 bin ich an beidseitigem Brustkrebs erkrankt. Ich kann nur jedem raten: geht zur Vorsorge. Nehmt Mammografieangebote wahr. Bleibt dran, auch wenn man Euch für zu jung für Brustkrebs befindet. Achtet selbst auf Euch, und das jeden Tag: nicht nur einmal im Monat zum Abtasten, nicht nur bei den Nachsorgeterminen; Ihr könnt selbst aktiv jeden Tag etwas für Eure Gesundheit tun: regelmässig Sport, gesunde Ernährung und Meditation helfen Euch, gesund zu bleiben bzw. Rezidiven vorzubeugen. Und selbst aktiv sein, nimmt auch die Angst.

Gebt Acht auf Euch, und zwar jeden Tag.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

16.08.2020

Go!

Ich mag es, wenn meine Fingernägel hell im Wasser leuchten und meine Haut viel brauner wirkt, als sie es eigentlich ist, während ich brustschwimmend durch das Aussenbecken meines öffentlichen Bades gleite. Es ist 7.45h. Die Sonne kommt hinter den Bäumen hervor, noch wärmt sie sacht und taucht das Freibad in ein sanftes Licht.

Der Delphin-Schwimmer, der auch gestern früh schon mit mir im Becken unterwegs war, hat Brötchen dabei und trinkt mit den Bademeistern am Beckenrand Kaffee. „Den muss man sich hier verdienen„, ruft er mir zu, denn einen Kaffee, den hätte ich jetzt auch ganz gern. Ich erwidere nicht, dass ich diejenige bin, die vor ein paar Wochen als Einzige bei 17 (!) Grad geschwommen ist und schwimme noch etwas weiter.

Die Mitstreiter und Bademeister haben sich am Ende des Beckens positioniert und schauen gespannt zum Sprungbecken rüber: auf dem 10-Meter-Brett steht eine Frau. Sie geht zum Rand, geht wieder zurück, bleibt stehen, ihre Unschlüssigkeit ist bis zu meinem Becken zu spüren, das wird nichts mehr, denke ich, und schwimme weiter. Zwei Bahnen später schaue ich wieder hinüber und sehe, wie sie den Turm hinuntersteigt.

Ein circa 6-jähriger Junge, der mit im Becken planscht, ist aufgeregt: auch er möchte springen, und zwar vom Drei-Meter-Brett, am besten sofort. Die Mutter rollt mit den Augen, er möge doch vielleicht erstmal den Sprung vom Ein-Meter-Brett angehen, doch der Enthusiasmus ist ungebrochen.

Ich gehe in „meine“ Umkleideschnecke, dann setze ich mich mit meinem Frühstück in die Sonne an das 50-Meter-Becken. Als ich zum Sprungbecken hinüberblicke, steht oben auf dem Drei-Meter-Turm der kleine Junge. Er schaut zum Rand, dreht sich um und klettert den Turm wieder hinunter, marschiert zum Ein-Meter-Brett, springt fröhlich drauf herum und dann ins Wasser. Ich bin beeindruckt vom Enthusiasmus und der Zielstrebigkeit, die dieser Knirps an den Tag legt. Kein Bedenkenträger, der aber auch fähig ist, eine Entscheidung zu überprüfen und zeitnah zu justieren.

Ich packe meine Sachen ein, drei Tage Schwimmen liegen hinter mir, und vor mir, da liegt die Idee, ab jetzt morgens vor der Arbeit um 6.30h im Aussenbecken meines öffentlichen Bades Bahnen zu ziehen und die Sonne aufgehen zu sehen. Und einen Kaffee zu trinken. Den habe ich mir nämlich verdient.

Fitness-Rückblick der Woche
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

note to myself: eine kleine Thermoskanne mit Becher besorgen und ab jetzt Kaffee zum Frühschwimmen mitnehmen

08.08.2020

Schnecke statt Schlange

Das Freibad ist ausverkauft. Kein Wunder bei der Hitze. Ich stelle mich in die Schlange vor der Umkleide (nur zwei Personen zur Zeit sind dort erlaubt), ich stelle mich in die nächste Schlange vor die Toiletten, ich überlege kurz, ob ich ins 50-Meter-Becken oder in „mein“ Aussenbecken des öffentlichen Bades gehe, und ja, genau das möchte ich, in „meinem“ Becken schwimmen, denn hier habe ich nicht nur die schönen alten Bäume im Blick, sondern auch meine Habseligkeiten, wenn ich meine Bahnen ziehe.

Kinder planschen herum, auch sie sind fröhlich, ich weiche aus, beschliesse, langsam (soooo schnell bin ich eh nicht) zu schwimmen und das lebhafte Treiben zu geniessen.
Als ich aus dem Becken steige, sehe ich von weitem die Schlange vor der Umkleide und den Toiletten und erinnere mich an die Umkleideschnecke, die ich neulich auf dem Gelände entdeckt hatte. Ganz unscheinbar unter den Bäumen steht eine zweite Schnecke, die sogar einen festen Holzboden hat, ich kreisele hinein, die Sonne scheint durch die Blätter auf mich hinunter, und eigentlich gefällt mir die Schnecke jetzt ganz gut. Schnecke statt Schlange.

Am Samstag um 07.25h bin ich wieder im Bad. Wieder zeigt das Schild am Eingang „ausverkauft“ an, aber es ist weitaus übersichtlicher als gestern Mittag. Ich ziehe meine Bahnen in der Sonne, das Wasser ist warm, nach 1.000 Metern plansche ich noch etwas am Beckenrand herum, dann steuere ich automatisch auf „meine“ Umkleideschnecke zu, da habe ich mich ja schnell dran gewöhnt. Ein Blatt fällt vom Baum auf mich hinunter, die Sonne huscht über die Haut. Ich schlendere zur Bank am 50-Meter-Becken, hole mein Frühstücksbrötchen aus der Tasche und schaue den Schwimmern zu.

Fitness-Rückblick der Woche
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

 

30.07.2020

Flugwetter.

Ich mag es, früh morgens mit dem Tag aufzuwachen. Durch die verglaste Fassade schaue ich vom Bett auf die Berge. Heute liegt Nebel am Fusse der Berge, die, in einen feinen grauen Schleier gehüllt, nun von der Sonne angestrahlt werden und das matte Grau in grüne Wiesen verwandelt.

Gestern waren die Berge klar zu sehen, es war ein warmer Sommertag. Und vorgestern, da lagen sie mystisch hinter Wolkenschwaden, die um die dunklen Berge waberten.

In zwei Stunden werden das Kind und ich an einem Abgrund in den Bergen stehen und, nur an einem Seil befestigt, eine 220m lange und 160m tiefe Schlucht überqueren/fliegen. Ich bin gespannt.

Die Sonne steigt höher und gibt einen sanften blauen Himmel frei. Gutes Flugwetter, denke ich.

27.07.2020

Ich stutze: war ich wirklich erst vor drei Tagen im Taiji-Camp? Jetzt liege ich im Bett und schaue durch bodentiefe Fenster über die Dachterrasse bis hin zu den Bergen. Schwarz heben sie sich vom grauen Himmel ab; es wird Nacht. Gestern sind wir erst in Österreich angekommen, und schon fühlt es sich an, als wären wir ewig hier. Ein gutes Zeichen. Dann ist auch die Seele mitgekommen.

Wir haben Wünschetage beschlossen: jeder darf einen Tag so gestalten, wie er es gern möchte; das Programm der restlichen Tage wird gemeinsam beschlossen. S. wünscht sich einen Wandertag in die Berge, mit Einkehr in Hütten und Zeit in der Natur. Ich wünsche mir einen Tag in Bad Gastein, das für seine Villen und Hotels aus der Belle Époque bekannt ist, die an Steilhängen gebaut wurden. Einen Wasserfall gibt es dort auch. Das Kind wünscht sich den „flying fox“, das ist ein Jump über die 160m hohe und 220m lange Dürnbachschlucht, bei der man nur an nem Seil befestigt ist (ich will es noch gar nicht so genau wissen, denn ich habe – im Gegensatz zu S. – sofort fröhlich zugesagt). Einen Besuch im Freibad wünscht das Kind sich auch, da bin ich doch gerne mit dabei (und freue mich insgeheim, dass ich dafür nicht meinen Wunschtag opfern muss, denn schwimmen, das mag ich sowieso).

Ich schaue auf die Berge, die Jalousien lasse ich auf, damit ich morgen früh die Bergwelt erwachen sehe.