04.06.2020

Über die Grenze gehen.

Ich spüre Schmerzen.
Ich nehme dann mal meine Karte für die Geräte, sage ich zu der netten Physiotherapeutin, die an der Rezeption steht.
Die Geräterunde habe ich eigentlich gestern schon gemacht, das erste Mal seit drei Monaten. Endlich wieder Gym. Gestern stand mir allerdings eine andere, eine kritische Physiotherapeutin gegenüber, die mich nach meinen sportlichen Zielen fragte. Joaaa, so bleiben wie ich bin, vielleicht etwas Muskelaufbau oder nen Kilo weniger. Eigentlich habe ich mir da auch seit langer Zeit keine großen Gedanken gemacht, was ich denn erreichen möchte, ausser, dass ich mich täglich bewegen muss möchte.
Ein Plan muss her, befindet mein kritisches Gegenüber, heute noch Geräterunde, und morgen, da werden wir ein richtiges Programm aufstellen. Schliesslich müsse man sich ja weiterentwickeln. Es ist klingt wie eine Drohung.

Ich nehme die Karte für die Geräte entgegen, als von hinten eine mir bekannte Stimme ruft: die Karte können Sie gleich wieder abgeben, ich habe schon angefangen, einen Plan aufzustellen! Aber erstmal aufwärmen!
Ich schlendere zum Stepper, Gnadenpause, bevor es zurück zum Quälgeist Motivator geht.
Der Quälgeist Motivator hat sich Gedanken gemacht. Schon beim ersten Programmpunkt rinnt mir der Schweiss den Rücken und das Faceshield, das wir hier tragen (und mit dem man in der Tat besser atmen kann als mit ner Mund/Nasenmaske) über die Stirn hinunter. Es folgen weitere Übungen, mein Einwand, dass ich ja schwerbehindert sei und eine gecrashte Bandscheibe habe, wird überhört.
Was für die Bauchmuskeln fehle noch, sagt der Quälgeist Motivator und schaut mich an. Planks, antworte ich. (note to myself: bist Du noch zu retten?!?) Dem wird sofort zugestimmt, allerdings meint sie nicht profane Planks, sondern eine Abwandlung, die die eh schon ambitiöse Übung auf das nächste Schmerzlevel hebt. Nun fangen auch die Beine an zu zittern.
Aber irgendwie finde ich das jetzt auch gut, ich gehe über meine Grenzen, mein Ehrgeiz ist geweckt, mein Kampfgeist ebenso, und der Quälgeist  mein Motivator bestätigt mir eine akkurate Körperhaltung.

Das gibt Muskelkater, stellt sie am Ende der Stunde zufrieden fest. Ob ich heute noch was vorhätte? Duschen, antworte ich.

Ich spüre Schmerzen, in jedem einzelnen Muskel, und nächste Woche, da geht es in die nächste Runde, zusammen mit dem Quälgeist Motivator, zusammen Ziele zu erreichen.

01.06.2020

Gegen den Strom.

1. Wer beim Frühstück die Frühschicht bucht, hat den Strandspielplatz für sich allein.

2. Wenn die Menschenmassen zum Strand anrücken, gehe ich in den Wald, Bäume umarmen. Und wenn sich alle in der Vorderreihe vor den Restaurants drängeln, picknicke ich vor der Kirche.

3. Die Ostseeorte Scharbeutz und Haffkrug wurden wegen Überfüllung geschlossen. Der Timmendorfer Strand ist am Limit seiner Kapazitäten angekommen.

Und ich? Ich sitze allein im Strandkorb meines kleinen Hotels in Travemünde und lese.

Covid-19 ist nicht mit den Lockerungen verschwunden.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.

24.05.2020

Was der Krebs mit einem macht.

Am schlimmsten sei die Vorstellung, vergessen zu werden. 
A. ist eine junge blonde Frau mit strahlend blauen Augen, die sich für Mode interessiert und am liebsten mit ihrem Hund unterwegs ist. Seit drei Jahren hat die 23-Jährige Magenkrebs. Therapien, Operationen, Hoffnungen, weitere Therapien und Enttäuschungen wechseln sich ab. A. ist unheilbar krank. Die Metastasen sind nicht aufzuhalten. Laut ihren Ärzten könne man nur noch etwas gegen die Schmerzen tun.

Das könne doch alles nicht wahr sein, schreibt A. fassungslos.
Ob sie einen Psychoonkologen und Menschen an ihrer Seite habe, frage ich. Der Psychologe wird verneint, die Menschen, dass seien die Eltern und die Kontakte auf social media, hier postet sie täglich und kommuniziert mit ihren Followern, einer davon bin ich. Auf social media fragt A. auch, ob sich jemand mit Aszites auskenne und erzählt, dass ihre Tumore in den Bauch bluten, daher die Schmerzen, die sie in den letzten Tagen ans Bett fesselten.
Seit zwei Tagen ist ihr Account auf social media verschwunden.

Auf der Site ihrer Klinik haben bereits mehrere unter einem Foto von ihr kommentiert, dass sie sich Sorgen machen.
Es wäre so gut, wenn jemand ihr die Beiträge zeigen könne, schreibe ich an die Klinik. Das zeige ganz wunderbar, dass A. nicht vergessen würde, was ihre schlimmste Befürchtung sei.
Ich habe A. soeben gezeigt, dass an sie gedacht wird – 1000 Dank für Eure lieben Worte“, schreibt eine Krankenschwester zurück.

Der kleine L. ist noch nicht einmal zwei Jahre alt und liegt im Krankenhaus. Seine junge Mutter beschreibt sehr berührend auf Instagram, wie sehr ihr Kind (und auch sie) leidet. L. ist an Leukämie erkrankt und macht eine Chemotherapie.
Kleiner Kämpfer. Loveyoutothemoonandback.
Mich berührt ihr Schicksal, und ich frage sie, ob ich ihrem Kind eine Freude machen könne. Am Ende wird es ein Benjamin Blümchen-Toni mit Gute Nacht-Geschichten, die ich ihnen nach Süddeutschland schicke. L. habe sich wirklich sehr gefreut, schreibt sie mir später.

Was der Krebs mit einem macht?
Emphatisch gegenüber anderen, deren Schicksal ungleich schwerer ist.
Dankbar dafür, dass es einem gut geht.
Demütig vor dem Leben.
Leben wir, lieben wir, lachen wir, reisen wir, als ob es kein Morgen gäbe. Alles andere ist Zeitverschwendung.

23.05.2020

Es geht voran.

Woche 10. Da mich die Ziellosigkeit, mit der ich die letzten Wochen verbracht habe, stört, habe ich mir über Pfingsten ein kleines Hotel in Travemünde gebucht.
Ich habe das gut überlegt: im kleinen Hotel gibt es keinen Fahrstuhl, in dem ich mich infizieren könnte, sondern nur zwei oder drei Stockwerke, die ich locker zu Fuss erklimmen kann. Es gibt auch keine hunderte Zimmer und tausende Gäste, es wird sehr übersichtlich und kein Problem sein, allen aus dem Weg zu gehen.
Die Restaurants, die ich zu besuchen gedenke, haben einen Aussenbereich und die Freunde, mit denen ich mich verabredet habe, werde ich auch nicht umarmen.
Der kritische Punkt ist die Zugfahrt, bei der ich mich zusammenreissen muss, da ich mit Maske hyperventiliere und zu husten anfange, da ich mit ihr einfach nicht atmen kann (und ich bin mittlerweile bei Maskenmodell No. 4 angekommen). Also werde ich mich direkt an die Tür setzen, damit ich frische Luft bekomme.

Lustigerweise habe ich mir über die (nun zwangsweise verschobene) Reise nach Georgien und den Kaukasus nicht annähernd so viele Gedanken gemacht wie über den Kurztrip ins beschauliche Ostseebad um die Ecke.

Im Home Office möchte ich Fotos von Folder a in Folder b kopieren.
Keine Zugriffsberechtigung, sagt das System. Ah so. Das kann natürlich gar nicht sein, dass ausgerechnet ich nicht auf die Abteilungsordner zugreifen kann. Ich fülle das Formular aus, das aufploppt und bitte um eine Berechtigung, ich bin gespannt, wer mir denn die Berechtigung erteilen wird.
Kurz darauf erhalte ich eine email mit der Anfrage, ob ich die Berechtigung an mich zu erteilen gedenke. Was für eine Frage. Ich klicke auf den Zusatz, dass ich mir die höchste, also die Adminberechtigung erteile. Ich bekomme ein weiteres email, dass mir die Berechtigung erteilt wurde. Ich kopiere Fotos von Folder a in Folder b.
Eine halbe Stunde später das gleiche Spiel von vorn. Wieder erteile ich mir die Berechtigung und überlege, ob ich vielleicht mal die IT-Abteilung konsultieren sollte. Da ich mich aber noch nicht allzu sehr ärgere, lasse ich es bleiben. Das Home Office macht mich friedfertig.

Draussen esse ich mittags Spinatcrispelle mit rote-Beete-Mousse auf Salat, einen anderen Tag eine knusprige vegetarische Pizza. In der Home Canteen gibt es selbstgebackenen zucker- und weizenmehlfreien Kuchen (wenn man mal vom Zuckergehalt der Schokolinsen absieht), selbstgemachtes Hummus mit Argan-Öl aus dem Safrangarten bei Marrakesch und frischen Yoghurtdip, Tomaten-Bruschetta mit Basilikum und Sommersalat mit gebratenem Spargel. Dafür, dass ich nicht kochen kann, schlage ich mich ausgesprochen gut. Ich verleihe mir einen mentalen Stern.

Ausserdem melde ich mich zu einem einwöchigen Taiji-Camp an (was nicht schaden kann, da ich immer noch damit liebäugele, einmal in China in einer Taiji-Schule zu trainieren). Und während ich das schreibe, fällt mir auf, dass ich von der Ratlosigkeit der letzten Wochen wieder auf Zielsetzung umgeschaltet habe. Zeit, den Koffer aus dem Keller zu holen.

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15.05.2020

Highlights.

Wir sitzen an einem kleinen Tisch im italienischen Restaurant an der Ecke und studieren die Karte. Ich nehme eine Pizza Salerno, sage ich. Und eine Cola Light! Die letzte Cola habe ich vor Corona getrunken und ist somit das I-Tüpfelchen auf dem Highlight des Tages, dem Besuch im Restaurant.
Was „früher“ etwas Normales war, ist nun etwas besonderes geworden. Dasselbe Gefühl hatte ich vor drei Jahren, als mir – dank der Brustkrebs-Diagnose – die kleinen Dinge des Alltags in einem besonderen Licht erschienen und die Worte Wertschätzung, Demut und Dankbarkeit zentrale Begriffe in meinem Leben wurden.

Weitere Highlights der neunten Woche in Isolationshaft/Homeoffice waren ein Feierabendspaziergang mit meiner kleinen Cousine; knapp 12.000 Schritte ging es am Michel vorbei, weiter durch die Gassen des Komponistenviertels, hinein nach Planten un Blomen und zurück durch die Allee mit den hohen grünen Bäumen hinunter an den Hafen.

Ich habe – im virtuellen Raum – meine Taiji-Class und die Meditation-Class getroffen, eine knappe Stunde mit J., meinem britischen Arktis-Freund, gefacetimt und einige ausführliche Fachgespräche am Telefon mit meinem 10-jährigen Patenkind N. geführt.
Die Eltern schlagen überraschenderweise eine Einladung zum Mittag aus, das sei zu gefährlich – wobei nicht ganz klar wird, ob sie damit die C-Lage oder meine Kochkünste meinen. Ich hake nicht nach.

Außerdem habe ich es gewagt, mir nach über 2,5 Monaten Bankauszüge zu holen, vor denen mir ob der vielen Online-Bestellungen etwas bange war. Ich kann aufatmen; da diverse andere Kosten weggefallen sind, die ich im „normalen“ Leben, aber nicht in Isolationshaft, habe, bin ich doch nicht ruiniert. Auf geht’s ins Internet und bald wieder auf Kurztrips an die Ostsee, neue Highlights schaffen.

08.05.2020

Home.

Woche 8 in Isolationshaft neigt sich dem Ende zu.

Home Office und Home Canteen laufen professionell, da kann ich mich nicht beklagen.
Auch mit den Paketboten bin ich eingespielt, die die Bestellungen unten in den Fahrstuhl stellen und ich oben die Sachen einfach auslade. Von diesen „Sachen“ sind in den letzten Wochen einige zusammengekommen: eine Auflage für den Deckchair in dunkelblau, ein Tankini in schwarz, zwei Snacklieferungen mit gebackenen Linsenflips und Gemüsechips, Wasserkisten, Nagellack und Unterlack, Vitamin B12, ein Handystativ, eine Stoffmaske und etwas Wäsche. Das ist ne ganze Menge, aber ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Die Laune ist gut.

Ich habe einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen und bleibe auch gleich 2 Stunden dort; die Verwahrlosung hat endlich ein Ende gefunden.
Am nächsten Tag geht es zum Zahnarzt; eigentlich bin ich Angstpatient, aber selbst auf dieses Date freue ich mich. Dass meine Frisur sitzt, fällt als erstes ins Auge und wird von der Zahnarzthelferin für top befunden. Meine Zähne sind das zum Glück auch.

Zuhause stelle ich Fotos meines Avatars nach und morse über Slack Dönerkind, Jade0815 und IcyCarbonite an, um zu checken, ob wir Termine zur Zündung von Eiern koordinieren wollen. Kennen tu ich Dönerkind & Co nicht wirklich, aber das macht nix. Mad Max aus der Nachbarschaft hat mit mir Kontakt aufgenommen; wir machen uns den Spass und legen Thementage fest: heute schreibe ich ihm: Moin, Freitag ist Fischtag. Diese kurze Nachricht langt; wir verstehen uns und werden heute wieder Spass haben. (Anmerkung des Autors: da kommen jetzt auch Insider nicht mehr mit).

Ich sitze draussen in der Sonne und lausche der Elbe, die an den Kai schwappt, ich beobachte die Möwen, die auffliegen und kreischen und die Bäume, deren Blätter leise im Wind rascheln. Was will ich mehr, denke ich.

01.05.2020

Woche 7 in Isolation.

Der Donnerstagabend steht unter dem Motto „gönn Dir“: Trash-TV, (Bio-Gemüse)Chips, ein kleines Glas Rotwein (wegen des Resveratrolgehaltes), Schokokekse (ungesund, nicht schönzureden) und ein Stück (vegetarische) Pizza stehen bereit.

Appetit habe ich auf einen grünen Apfel. Ok…also esse ich erst den Apfel, dann eine Karotte, ein paar frische Himbeeren, und trinken mag ich lieber Wasser. Danach esse ich doch noch die Gemüse-Chips. Aber eher deshalb, weil ich sie nun extra für den Trash-Abend besorgt habe.

Ich glaube, mein Körper hat keinen Bedarf mehr an ungesundem Quatsch.

Statt Tanz in den Mai geht es am Freitag wieder in den Hafen zum Taiji-Formen laufen, danach noch etwas Workout.

Ich bin ratlos.

25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

24.04.2020

Life goes on.

Woche 6 im Home Office neigt sich dem Ende zu.

Mittlerweile habe ich mich den neuen Gegebenheiten angepasst und habe keine nennenswerten Probleme mit der Einzelhaft.

Im Gegenteil:
Ich mache viele Spaziergänge durch die nähere Umgebung (und lande überraschenderweise immer wieder am Hamburger Michel, um dort innezuhalten – dabei bin ich Atheist).
Mein Kühlschrank ist gut gefüllt (normalerweise sind die Vorräte Mitte der Woche aufgebraucht).
Mein Arbeitstag beginnt wie gewohnt morgens um 8.00h, ich habe viele Meetings, bekomme tonnenweise E-Mails und ab und an auch einen Anruf.
Bei Videokonferenzen versuche ich den Bildschirm auszufüllen, damit es nicht so auffällt, dass ich in der Küche sitze und sich hinter mir die Kochtöpfe, Pfannen und Teller türmen.

Ich „koche“ recht viel (das „kochen“ setze ich bewusst in Anführungszeichen, das ist eher ein munteres Zusammenwürfeln), es schmeckt mir ausgesprochen gut, und ich bleibe meiner gesunden Ernährung im Großen und Ganzen treu.

Taiji mache ich immer noch regelmässig abends im Hafen oder mit meinen Mitschülern im virtuellen Raum. Das ist schön. Wir freuen uns immer, uns wiederzusehen.

Ich rufe G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, an und erzähle ihr, dass ich mir einen Tankini gekauft habe, der wunderbar die zusätzlichen zwei Kilo (Schuld ist der prall gefüllte Kühlschrank!), die sich am Bauch festgesetzt haben, kaschiert. Hoffentlich macht unser Außenbecken des öffentlichen Bades bald wieder auf.

Und dankbar, das bin ich auch. Immerhin sitze ich hier immer noch gesund und munter, habe genügend zu essen und zu arbeiten, die Sonne scheint, die Elbe glitzert fröhlich vor sich hin, die Möwen schweben kreischend an meinem Balkon vorbei, um abends von den Fledermäusen abgelöst zu werden.

Heute ist Freitag. Wie immer am Freitag mache ich um 12.00h Feierabend, und da ich ja leider nicht ins öffentliche Bad fahren kann, gönne ich mir einen Besuch auf meinem Lieblingswochenmarkt. In der Bahn setze ich die Stoffmaske auf (danke an die liebe K. für den Tipp, Minzöl reinzuträufeln, das mich vorm Erstickungstod bewahrt). Mich umgibt eine Wolke von Chinaöl, meine Augen tränen, aber immerhin kann ich nun etwas atmen.

Der Hamburger Isemarkt ist gut besucht. Ich liebe es, an der frischen Luft einzukaufen. Ich schenke mir zwei Bund orangene Tulpen. Und eine marokkanische Minze, deren Duft mich an den vergangenen Urlaub erinnert. Ich kaufe Spargel, neue Kartoffeln, Petersilie, einen Brokkoli, frischen Spinat, Eier und etwas Obst. Der nette Händler, bei dem ich Olivenbrot und Peperoni-Dipp kaufe, schenkt mir noch ein Schälchen mit weniger scharfem Dipp.

Zuhause gibt es etwas von dem selbstgemachten Tiramisu (mit Blau- und Erdbeeren) und einen Kaffee mit Hafermilch. Und heute Abend, da werde ich wahrscheinlich wieder am Hamburger Michel landen. Und mich über die Fledermäuse freuen.

18.04.2020

…und sonst so?

Erwiesenermaßen bin ich weder ein glorreicher Koch noch ein Bäcker. Trotzdem – oder gerade deshalb – habe ich mich dazu entschlossen, auf meinem Blog eine Rubrik mit Rezepten zu eröffnen, nämlich solche, die simpel, lecker und (zumindest die meisten) auch noch gesund sind. Rezepte werden immer mal wieder ergänzt. Bisher finden die geneigten Leser dort, wie man z.B. zuckerfreie Zitronen bzw. Orangenmarmelade, zuckerfreie Müsliriegel, mehlfreie Flammkuchen, Rharbarbergrütze oder zuckerfreie Schokoküchlein herstellen kann.

Eigentlich kann ich besser Salate und vor allem Office-Snackboxen, die werde ich auch mal demnächst ergänzen.

Wenn Ihr also auch nicht so die Küchenfeen- und Zauberer seid, besucht gern http://www.derfeindinmir.blog –> Rezepte.

Und: ist das nicht ein wohltuender Beitrag, mal so ganz ohne Corona? 🙂

31.03.2020

Der wichtigste Moment.

Heute haben wir zusammen meditiert. Im virtuellen Raum. Wie gestern schon. Da habe ich mit meiner Taiji-Class trainiert.

Die Meditation war so schön, dass am Ende zwei Mitschüler geweint haben. Weil unser Lehrer wieder die richtigen Worte gefunden hat.
Der wichtigste Moment im Leben? Der ist jetzt.

Meditation. Live. Mit meiner Gruppe.
Taiji-Class im virtuellen Raum.

29.03.2020

Leben in Zeiten von Corona

Ich bin gutgelaunt. Eben ging eine Nachricht von meinem Zahnarzt ein, ich möge doch einen Termin zur Kontrolle abmachen sowie zur Zahnreinigung. Sofort rufe ich zurück und bin begeistert, dass man mir sogleich meinen favorisierten Termin vorschlägt (nämlich an einem Donnerstag Abend, man kenne sich doch schon so lange, da wüssten sie doch, wann ich Zeit habe…). Gleichzeitig bin ich verblüfft, dass mich das Abmachen eines Zahnarzttermins so fröhlich stimmt. Normalerweise bin ich der Angstpatient und der Zahnarzt mein Feind Nummer 1 (das sieht er natürlich anders, und das zu Recht…).

Es macht mir insofern gute Laune, weil diese Terminabsprache doch etwas Normaliät in mein Leben bringt, denn das Normale, das vermisse ich.

Statt Büro bin ich seit zwei Wochen im Home Office. Statt Taiji-Class, Meditationsstunde, Schwimmen, Gym und den vielen Sozialkontakten laufe ich allein im Hafen meine 19-er-Form, und das jeden Abend. Auf YouTube habe ich Fitnessvideos gefunden, mit meinen Arktis-Freunden aus den USA, UK, Georgien und der Schweiz halte ich Apero-Parties via FaceTime ab, einen Freund treffe ich zur Mittagspause auf einer Bank an der Elbe (wir halten mindestens 2 Meter Abstand, und es fühlt sich skurril an), ich skype-meete mehr als gewöhnlich, und ja, ich habe mich den jetzigen Gegebenheiten angepasst. Die Sonne scheint, und das bereits seit zwei Wochen, es ist das perfekte Wetter, um ins Aussenbecken des öffentlichen Bades…lassen wir das.

„Mein“ kleines Krankenhaus hat meinen Vor/Nachsorgetermin bereits zweimal verschoben, langsam müsste ich postalisch ein Tamoxifen-Rezept anfordern.

Mein Tag ist strukturiert, und das ist wichtig. Ich komme um Punkt 8:00h in meinem Home Office (ab 16.30h ist es wieder die Küche) an, angezogen und gekämmt, nachdem ich draussen eine Runde um den Block (statt zur Bushaltestelle) gegangen bin.
Mittlerweile ist der Gang zum Drogeriemarkt und zum Bioladen zum Tageshighlight mutiert, die Freude, dass eine Eisdiele und ein Blumenladen geöffnet haben, ist riesig.
Ich koche und backe vor mich hin (wenn das Home Office um 16.30h geschlossen hat), statt des freitäglichen Schokoriegels genehmige ich mir eine kleine Ausnahme pro Tag, ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Und doch weiß ich, dass das hier Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Ich habe schliesslich ein Dach über dem Kopf, ich kann von zuhause arbeiten, ich kann mir laufend die Hände waschen, ich kann Abstand zu meinen Mitmenschen halten, und in meinen Hafen zum Taiji-Üben darf ich auch gehen. Und der Hafen, der ist schön. Und gehört mir ganz allein. Ich kann von hier aus sogar zur Praxis meines Zahnarztes gucken.

15.03.2020

Schleichend.

Am Dienstag treffe ich mich mit einer Freundin in der Sole. Ich war schon zwei Stunden vorher dort, schwimme im Aussenbecken, lese und schaue auf die beiden Damen in ihren blau-weiß-gepunkteten Badeanzügen, die im Solebad auf dem Rücken im rechten Winkel zueinander dahintreiben, bald werden sich ihre Zehenspitzen berühren. Draussen herrscht ausgelassene Stimmung, ich plaudere mit Hyazinth, dem kleinen Spanier, freue mich, dass das 90-jährige Pärchen wieder durch das Wasser watet und schnappe Wortfetzen zweier älterer Damen auf, die sich über onkologische Themen unterhalten.

Wie leer ist das denn, stelle ich fest, die Gesundheitsmanagerin zuckt mit den Schultern, der Virus halte alle fern, damit sind wir nur zu zweit im Fitnessraum. Ich habe extra ein Desinfektionstüchlein mitgebracht, on top zu dem Spray, das hier sowieso steht und reinige vor Nutzung akribisch die Geräte.

Am Freitag schaue ich in den blauen Himmel, die Wolken ziehen wild vorüber. Noch scheint die Sonne. Ich blinzele, während ich in Rückenlage das Aussenbecken des öffentlichen Bades durchschwimme. Nur zwei weitere Gäste sind im Wasser, das heute wunderbar warm ist. Ein Grad mehr, sagt später die Bademeisterin, das spürt man sofort. Es bleibt leer, auch G., meine Schwimmfreundin, ist nicht erschienen. In den Umkleiden und den Toiletten riecht es nach Desinfektion.

Ich rufe G. an, als ich am Samstag kurz zum Supermarkt möchte, sie wohnt auf der Strecke, ich will fragen, ob ich ihr etwas mitbringen kann. Keiner hebt ab. Am Sonntag lacht sie ins Telefon, sie freut sich sehr ob meines Angebotes, aber sie sei ja nicht gebrechlich (nur 80 Jahre, denke, aber sage ich nicht).
Ich kaufe Kaffee und Filtertüten, nun habe ich je 1,5  Päckchen zuhause. Das ist trotzdem noch kein hamstern, finde ich. Auf dem Rückweg nach Hause ist es menschenleer. Normalerweise muss ich mich durch Touristenmassen drängeln, jetzt stehen hier drei Menschen herum, etwas verloren sehen sie aus.

Die Schwimmtasche für Sonntag ist gepackt, kurz vorher schaue ich sicherheitshalber nochmal auf die Website. Und da steht es: die Stadt Hamburg schliesst ab 14.00h alle Bäder. Ich rufe im Bad an, neun Gesprächspartner sind vor mir in der Leitung, ich lege wieder auf, unschlüssig, ob ich schnell losfahre und die letzte Runde bis auf weiteres schwimme, verwerfe die Idee, es könnte voll sein, und ich achte schon länger darauf, Sicherheitsabstände zu anderen einzuhalten. Da ich eh schon im Sportoutfit bin, jogge ich in den Hafen und laufe meine Taiji-Form, wieder und immer wieder, bis ich meine innere Balance wiedergefunden habe.

Eine Nachricht jagt die nächste, das Virus kommt näher, nimmt Fahrt auf und das tägliche Leben weg. Das mein Schwimmbad geschlossen hat, hat mich wirklich getroffen. Trotzdem muss ich mich weiter bewegen, bewegen für das Immunsystem, bewegen gegen Rückschläge anderer Art, die härter ausfallen würden.
Zwischen den Schlagzeilen lobe ich innerlich meinen Hausarzt, der mich im November bei der Grippeimpfung auch kurzerhand gegen Lungenentzündung geimpft hat, nun wird der Impfstoff knapp.
Eine Nachricht von meinem Taiji-Lehrer, er habe lange nachgedacht und sich entschlossen, weiter zu unterrichten, aber mit Vorkehrungen, die man beim Taiji auch sehr gut einhalten kann (großzügiger Sicherheitsabstand, keine Berührungen, und wer kränkelt, möge fernbleiben). Ich freue mich, denn Balance braucht man wirklich in dieser Krise, schreibe fröhlich zurück, um dann in den neuen Anordnungen der Stadt Hamburg zu lesen, dass sämtliche Sporthallen zu schliessen haben.

Der Fitness-Rückblick – vermutlich der letzte „normale“ Rückblick für die nächste Zeit:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Schwimmen/Sole ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Mini-Jogging und Taiji ✔️

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07.03.2020

Zeitstrahl.

Ich sehe den jungen, schwarzgekleideten Mann, der mir in der Bahn schräg gegenübersitzt und hustet. Ich rieche den Duft der Salmis am Stand des U-Bahnhofes Schlump, an dem ich mir eine Tüte Bonbons kaufe und den ersten auf dem Weg zur Meditation in den Mund stecke. Ich denke an den Arbeitstag und dass es morgens auf dem Weg dorthin schon wieder heller wird, an den Ritt auf dem Dromedar durch die Sanddünen der Sahara, ich stehe im Basecamp vorm Mount Everest, ich sehe mich als Teenager mit dem Fahrrad zum Reiten fahren und wie ich als kleines Kind auf der Treppe meines Elternhauses auf dem rot-schwarzgepunkteten Läufer stehe, zusammen mit meiner großen Cousine, die eine Etage unter uns wohnt.

Ich stelle die Vergangenheit rechts neben mich.

Ich sehe die Schröderstiftstraße, die ich nachher zusammen mit C. entlang zum Bahnhof gehen werde, wir werden uns austauschen, dann steige ich in die Bahn. Ich werde am Hafen aussteigen, an der Elbe entlang nach Hause gehen, den dunklen Himmel und die leuchtenden Lichter sehen und die kalte Abendluft spüren, ich denke an Morgen und an die anstehenden Meetings. Ich sehe mich beim Schwimmen am Freitag und G. mit ihrer neuen blauen Badekappe neben mir, ich sehe mich am Flughafen am Gate in München, wo ich auf A. aus der Schweiz stoße und wir zusammen weiter nach Georgien fliegen. Ich sehe mich beim Taiji-Camp im Juli und beim Wandern in der Sonne durch die grünen Täler in Österreich.

Ich stelle die Zukunft links neben mich.

Und jetzt konzentrieren wir uns auf das, was bleibt, sagt unser Lehrer. Es ist das Hier und Jetzt, wir sitzen mit geschlossenen Augen im Meditationsraum des Psychologenhauses mit dem verwunschenen Garten, wir achten auf unseren Atem.

Und plötzlich spüre ich Freude, Freude darüber, dass meine Gedanken an die Vergangenheit und vor allem an die Zukunft heiter und angstfrei sind.

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29.02.2020

Better safe than sorry.

Ich stehe im Drogeriemarkt meines Vertrauens, und obwohl es noch am frühen Vormittag ist, sind die Regale, in denen sonst Seifen und Desinfektionsmittel stehen, leergefegt. Eigentlich wollte ich nur ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel für die Hände kaufen, die Sorte, die ich grundsätzlich immer auf dem Schreibtisch im Büro und in meiner Handtasche habe, aber nun nehme ich eines der letzten Seifenstückchen, das von den Hamsterern zurückgelassen wurde.

Ausserdem nehme ich zwei Gläser Bio-Kürbissuppe mit. Die standen zwar nicht auf meiner Einkaufsliste, aber ich habe erstmals beschlossen, einen kleinen Not-Vorrat anzulegen.
Das fällt mir schwer, da ich zuhause nur frische Lebensmittel und ein paar Haferflocken und Dinkelnudeln habe, aber ich halte es für durchaus sinnvoll, den Nudelvorrat etwas aufzustocken und um Spargel,- Wurzeln,- Erbsen,- Tomaten,- Mais,- Sauerkirschen,- Pfirsiche,- und Ananasdosen bzg. Gläser zu ergänzen.
Schon neulich, als ich mit Magen-Darm flachlag, ist mir aufgefallen, dass ich – bis auf ein paar Haferflocken und zwei Äpfel – nicht sehr viel zu essen zuhause hatte. Wobei ich da auch keinen Appetit und somit zwei Kilogramm an Gewicht verloren habe.

Ich habe mir die Notvorratsliste, die von der Bundesregierung herausgegeben wurde, angeschaut. Natürlich lege ich weder Milch- noch Fleischvorräte an, und erst recht kaufe ich mir keinen Campingkocher. Man muss die Kirche im Dorf lassen.
Trotzdem ordere ich online einen kleinen Vorrat, den ich im Keller im roten Koffer lagern werde. Das Brot werde ich natürlich in den Gefrierschrank tun, aber alles andere wird in den Keller wandern, und das aus gutem Grund: sobald ich etwas „aussergewöhnliches“ zu essen in der Wohnung habe, esse ich es auf. Sofort. Und Obst und Gemüse in Gläsern würden dazugehören, da bin ich mir sicher. Ich kenne mich.

Beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades treffe ich auf G., meine 80jährige Schwimmfreundin. Sie freut sich, mich zu sehen, aber, „umarmen können wir uns jetzt nicht“, sagt sie, „Corona….„. Ich stimme ihr zu, auch ich gebe niemandem mehr die Hand und wasche die meinigen umso häufiger. Da wir zu der Zielgruppe, die es schwerer treffen könnte (alt beziehungsweise immunschwach), gehören, muss man ja auch kein unnötiges Risiko eingehen. Aufmerksam agieren ist meine Devise, aber auch nicht unnötig in Panik verfallen. G. sieht das genauso; wir werden weiter ins Schwimmbad, das auffällig leer ist, gehen.

Auf Statistiken gebe ich nichts: 0,1% bis 0,2% der Grippeerkrankten sterben, 2,8% sind es derzeit bei den Coronafällen. Das klingt zwar nicht so hoch, aber ich bin auch diejenige, die zu den 8% an Bord eines Expeditionsschiffes gehört, die die stürmische Drakepassage ohne Seekrankheit übersteht. Und ich gehöre zu den 0,0…% (?) derjenigen, die an einem beidseitigen Brustkrebs, dem kein BRCA1/BRCA2-Defekt zugrunde liegt, erkrankt ist. Und einen so seltenen Gendefekt hat, der noch nicht einmal erforscht ist.

Man kann sich einerseits über die Panikmache in den Medien ärgern, die jeden Menschen, der hustet, als Eilmeldung publizieren, auf der anderen Seite über diejenigen, die sich über die Situation lustig machen (solange es einen nicht selbst trifft…) und auch über diejenigen, die tatsächlich sämtliche Vorräte aufkaufen, als gäbe es kein Morgen mehr. Zumindest kein Morgen, an dem Geschäfte geöffnet haben.
„Haben sie morgen auch nicht“, rufe ich mir zu, „morgen ist ja Sonntag!“ Nun gut, das meinte ich zwar nicht, aber ich meine, man müsse schon aufmerksam und etwas umsichtiger sein, wenn man in die Kategorie „alt und/oder immunschwach“ gehört. Ich krame mein Desinfektionsmittel, das ich schon seit dem Everest mit durch die Weltgeschichte trage, aus dem Badezimmerschrank hervor und reinige die Türklinken. Better safe than sorry.

23.02.2020

Logbuch Sahara – Epilog

Es ist dunkel. Das Licht in der Kabine ist ausgeschaltet. Das Flugzeug macht einen Satz abwärts, fängt sich, ich schaue zu meiner Sitznachbarin, die mich ebenso erschrocken anschaut. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass der Pilot sich entschuldigt hat, dass der Caterer nicht zum Flugzeug kommen konnte und wir nun mit den Restbeständen an Getränken, die vom letzten Flug übrig geblieben sind, Vorlieb nehmen müssten. Das ist allerdings meine geringste Sorge.

Du brauchst keine Angst haben, denke ich. Die Angst macht ja keinen Sinn. Ich kann nicht flüchten, ich kann die Situation nicht ändern, also kann ich den Flug genauso gut angstfrei verbringen. Ich schalte die Leselampe über meinem Sitz an und krame den Krimi aus dem Rucksack.

Koffer ausräumen: Ich schütte die Gemüsebrühe zurück ins Glas, den Kamillentee in die Schachtel und die Haferflocken in die Vorratsdose. Der Apfel, den ich zehn Tage durch die Wüste geschleppt habe, kommt wieder zurück in die Obstschale zu seinen Gefährten. Morgen früh werde ich ihn essen, zusammen mit einem Porridge.

Was habe ich von dieser Reise noch zurückgebracht?
Viele matte Rot-Gelb-und Brauntöne, die die Wüste und das Atlasgebirge dominieren. Ein krasser Gegensatz zu den glitzernden Blautönen, die ich aus der Arktis und der Antarktis kenne.
Das Wissen, dass die Sahara nicht nur aus Sanddünen besteht, sondern zu 80% aus Felsen und Steinen.
Eine Oase ist keine Palme an nem Tümpel irgendwo im unendlichen Sand. Eine Oase ist ein Paradies, in dem Blumen und Minze blühen, Dattelpalmen und Bohnen wachsen und Mandel- und Aprikosenbäume angebaut werden. Und noch so viel mehr.
Marokko ist das Land der Paläste und der Gärten.
Dromedare laufen sechs Kilometer in der Stunde.
Das Wissen, dass in drei Wochen ein paar kleine Jungs mit einem richtigen Fussball spielen können.

–  Ende –

22.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 10

Worte werden der Schönheit des Tages nicht gerecht.

U. und ich verbringen den Tag im Paradies, schlendern durch den Anima-Garten und später im Paradis du Safran durch Felder mit Zitronenbäumen, deren gelben Früchte einen krassen Gegensatz zum leuchtenden Blau des Himmels bilden. Wir riechen an Lavendel, an riesigen Hecken aus Rosmarin und an Salbei, Vanille, Pfeffer und Schwarzkümmel. Wir schreiten barfuss über Baumstämme, Palmwedel, Kieselsteine und Argannüsse, wir halten unsere Füsse in Tonkrüge mit kühlem Wasser und Rosenblüten, bevor wir sie mit Orangenöl pflegen.

Wir geniessen das beste Essen, was es geben kann, hier unter dem Strohdach der Terrasse, während die Katzen und Hunde neben uns Siesta halten.

Abends muss ich mir immer wieder die Fotos der Reisegruppe ansehen, die nach uns den Anima-Garten besucht hat, oh, sehr schön, sage ich, Du hast etwas verpasst, sagen die Mitreisenden, ich lächle und sage nichts.

Unser Abschiedsdinner findet in einem palastähnlichen Gebäude des 16./17.ten Jahrhunderts statt, den wir am Ende des Labyrinths der Souks durch eine riesige Holztür betreten. Ich bestaune die verschiedenen Etagen und klettere aufs Dach, die Dämmerung legt sich über Marrakesch, der Muezzin ruft.

Und nun passiert das, was das Paradies zur Hölle mutieren lässt: Ich dachte, in Marokko gäbe es nur Islamisten, aber hier gibts ja nette Menschen, stellt C. fest. I., die meint, das dicke Frauen gern Ausländer heiraten, sagt, ihr Essen sei sehr lecker. B. echauffiert sich, lecker, lecker, die deutsche Sprache hätte wohl bessere Worte zur Beschreibung des Essens zu bieten, Alternativen nennt sie nicht. Am anderen Tisch wird der Ober angeschrien, der ein Tuch (deutsche Sitzplatzreservierung) zur Seite nehmen wollte um den Tisch umzustellen. H. will jetzt ihr Bier, aber sofort, und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass der Ober ihren Teller zu sehr gefüllt habe. Der Teller muss weg.

Ahmed, der neben mir sitzt, versucht zu schlichten, bemüht sich, ruhig zu bleiben, um mir dann zuzuraunen, dass er so etwas auch noch nicht erlebt habe. Einen oder zwei schwierige Mitreisende gäbe es immer – hier sei das Verhältnis umgekehrt. Als T. von ihrer Woche in Marrakesch im Krankenhaus bei ihrem Mann erzählt, ist klar, was wirkliche Probleme sind, jedenfalls Ahmed und ich wissen das, während der Rest der Gruppe weiterstreitet. Später tausche ich mich mit U. aus, die am anderen Ende des Saals gesessen hat, natürlich war der Aufstand an meinem Tisch überall zu hören.

Wie gut, dass schlechte Erinnerungen verblassen werden. Die Schönheit des Erlebten, die wird bleiben.

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.

20.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 8

Und täglich grüsst das Murmeltier, denke ich und schliesse die Augen. Um mich herum tobt die morgendliche Auseinandersetzung ob der Sitzplätze im Bus, dabei hat jeder sogar zwei Sitzplätze, und mehrmals habe ich gesagt, dass sich gern (nun ja, nicht wirklich gern) jemand zu mir setzen könne oder ich den Platz auch tauschen würde. Aber es geht nicht um meinen Platz in Reihe 3, den mir I. jeden Morgen ungefragt mit ner Jacke reserviert, es geht um Reihe 2. Was für ein Klamauk, nun muss Ahmed, unser Reiseleiter, ein Machtwort sprechen.

Endlich fahren wir los, vorsichtig blinzele ich, langsam kehrt im Bus Ruhe ein.

Es geht zur Kasbah eines spanischen Bekannten von Ahmed, der diese wieder aufgebaut hat und als kleine Pension bewirtet. Gelegen ist sie inmitten einer grünen Oase, der Brunnen plätschert, der Pool leuchtet türkis, der Ausblick von der Dachterasse ist wunderschön. Genauso wunderschön wie der Spanier, das hat Ahmed schon im Bus erwähnt.

Hier würde ich gern eine Woche bleiben, hier in der Ruhe und Abgeschiedenheit, und natürlich ohne meine schwierigen Mitreisenden.

Die Schneegrenze ist gesunken, die Berge des Atlas sind weiss. Das wird morgen interessant, denn wir müssen über den Pass, der Bus mit den Koffern und wir in den Jeeps.

Aber jetzt geht es erstmal in die Atlas-Filmstudios. Viele Sandalen-Filme wurden hier in der marokkanischen Wüste gedreht, denn hier tobt kein (Bürger)Krieg: Asterix und Kleopatra, der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones, die riesigen Kulissen werden immer wieder angeglichen und nachhaltig genutzt, hier stehen ein jüdisches Haus neben römischen Säulen, dem Holzboot von Kleopatra, des Pferdegespanns von Ben Hur, eines riesigen ägyptischen Palastes und dem tibetischen Potalla-Palast. Very cool!

Auf in unser Riad, ein völlig verwinkeltes Boutique-Hotel, das inmitten einer Oase liegt. Ich schaffe es, meine klettigen Mitreisenden abzuhängen und entschwinde zu einem ruhigen Spaziergang durch Dattelpalmen, Mandel- und Feigenbäume.

Abends wird Ahmed eine Lesung abhalten: islamische Gedichte, Märchen und ein Kapitel aus seinem eigenen Buch, das von der Schönheit handelt. Draussen ruft der Muezzin zum Gebet.

19.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 7

Wir stehen im Kreis und kicken uns den platten Ball zu. Manchmal rollt er den Hügel hinab; dann laufen die Jungs hinterher. Auf unserem Spaziergang am Dadesfluss entlang sind wir auf eine Gruppe fussballspielender Jungs gestossen, die von Ahmeds Fussballkünsten begeistert sind. Auch wir kicken mit, selbst die 80-jährige H., die schlecht laufen kann, blüht beim Fussballspielen auf. Einen richtigen Fussball, der auch aufgepumpt ist, haben sie nicht, erzählen die Jungs, die fast alle in der Kühle in Filzpantoffeln unterwegs sind; die richtigen Bälle gäbe es nur in der Schule, aber nicht in der Freizeit. Lasst uns einen Ball besorgen, ich gebe Geld dazu, sage ich, die anderen Mitreisenden stimmen ein. Ahmed verspricht, in drei Wochen, wenn er wieder am Dadesfluss ist, den Jungs einen richtigen Fussball mitzubringen.

Am Bus steht ein kleines Mädchen. Es mag circa vier Jahre alt sein. Die Kleine hat dunkle struppige Haare und grosse braune Augen. Sie trägt eine Jacke aus Wolle und eine rote Hose, die wie ihr kleines Gesicht etwas schmutzig ist. Hussein, unser local guide, klettert in den Bus, öffnet den kleinen Kühlschrank und hält der Kleinen einen Joghurt hin. Schnell verschwindet dieser in ihrer Jackentasche. Die Szene ist rührend, ich lächele Hussein zu.

Als wir durch die Oase mit den Silberpappeln, den knorrigen Feigen- und den rosablühenden Mandelbäumen wandern, treffen wir eine Bekannte von Ahmed, die mit ihren Kindern auf dem Weg zur Vorschule ist. Wir dürfen mit, und schon stehen wir dichtgedrängt in einem kleinen Raum, in dem uns die vier- bis sechsjährigen Dorfkinder erst neugierig anschauen und dann zu singen anfangen. Ein Lied, zwei Lieder, drei Lieder, die Kleinen sind auch von der Lehrerin nicht zu stoppen und klettern singend auf die Tische.

Auf dem Heimweg erzählt uns Ahmed, dass hier noch immer viele Menschen Analphabeten sind, die Arbeitslosigkeit auf den Dörfern hoch ist und das medizinische Versorgungssystem korrupt und nur für die Wohlhabenden erschwinglich sei. Marokko ist, bei aller pittoresker Schönheit, ein Entwicklungsland. Zumindest konnten wir heute ein paar Kindern Hoffnung machen, Hoffnung auf einen Ball zum spielen und ein paar neue Stifte und Tafeln für die Vorschule. Und irgendwo sitzt jetzt ein kleines Mädchen und isst einen Joghurt.

16.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 4

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich die Wüste beschreiben, die in unzähligen Farben, Strukturen und Lichteinflüssen an uns vorüberzieht. Über die schwarz glänzenden Felsen würde ich berichten. Und über das rot schraffierte Gestein, die rauen Felsen, die hohen Berge und die sandigen Dünen.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich meine Leser mit auf einen Spaziergang durch eine Fluss-Oase nehmen. Unter den Dattelpalmen hindurch, die Granatäpfel und das Bohnengewächs bestaunen. Die vielen blühenden Mandelbäume bewundern und an an den Rosen riechen, deren Duft schwer in der Luft hängt. Ein alter Mann kommt uns auf einem Esel entgegen geritten, er nickt uns freundlich zu.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich beschreiben, wie ich durch die Wüste laufe, den von der Abendsonne rotgefärbten Sanddünen entgegegen. Den Kamelen gegenüberstehen, die bei der grossen Palme reglos wie Statuen posieren. Kehr um, Du hast keinen Orientierungssinn!, rufe ich mir zu. Gleich wird es dunkel! Ich lache, laufe weiter, wie wunderschön leuchtet der Sand.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich berichten, wie ich unter dem tiefschwarzen Himmel stehe und zum Firmament aufschaue. Dort oben, da leuchtet der Polarstern. Und noch unendlich viel mehr.

Ich bin kein Schriftsteller, und mir fehlen die Worte, um die Schönheit der Wüste treffend zu beschreiben.

15.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 3

Die feindliche Übernahme der vorderen Sitzplätze im Bus gelingt I. ohne nennenswerte Gegenwehr. Ich hab Dir auch eine eigene Reihe reserviert, ruft sie mir zu. Sie hat mich wirklich lieb.

Wir verlassen Marrakesch, fahren am Königspalast und am La Mamounia vorbei, immer weiter und weiter, denn heute überqueren wir das Atlasgebirge. Schneebedeckte Berge ragen vor uns auf, die Felsen schimmern in Rot-Gelb- und Grüntönen. Mittendrin weissblühende Mandelbäume. Wir fahren durch Lehmdörfer, Frauen waschen in Bottichen ihre Wäsche, die zum Trocknen über den Dächern hängt, Kinder stehen am Strassenrand und winken, Hirten sitzen am Wegesrand und beobachten ihre Schafherden.

Während wir marokkanische Musik hören, gucke ich aus dem Fenster und verliere mich in Gedanken. Wie unfassbar schön ist die Welt.

Mittags geniessen wir die Sonne auf der nächsten Dachterrasse, ich bestelle wieder eine Gemüse-Tajine, an die hat sich mein Magen gewöhnt. Mittlerweile haben wir den Tizi-n-Tichka-Pass (2.260m) überquert und sind in der Wüste angekommen. 80% der Sahara besteht aus Fels und Stein, das wusste ich nicht. Doch wir werden auch den Sand sehen und die Dünen. Darauf freue ich mich.

Wir halten in Ait Benhaddou, die vielleicht schönste der Berberburgen und Unesco-Welterbe. Hier wurden unzählige Hollywood-Filme gedreht, unter anderem der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones und Laurence von Arabien. Eine Stunde wandern wir über den Fluss und die vielen Treppen des kleinen und fast unbewohnten Stadtteils hinauf, um uns herum die Wüste, Palmen und eine spektakuläre Sicht. I. hat sich schon wieder lautstark mit jemanden in der Wolle, ich ignoriere es.

Das heutige Hotel in Ouarzazate hat im Internet schlechte Bewertungen; da Ahmed aber meinte, dass ich keine Schlangen oder Skorpione im Zimmer befürchten muss und auch das Wasser in der Dusche warm ist, finde ich es eigentlich ganz gut. Ausserdem sind sämtliche Wände voller Mosaiken. Und eine Kuppel im Bad mit kleinen bunten Glasfenstern habe ich auch.

14.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 2

Pferdekutschen klappern durch die Altstadt, Männer tragen das traditionelle Djellaba-Gewand mit Kapuze und an den Füssen vorne spitz zugehende Lederschlappen, überall werden Holzkarren mit dunkelroten Erdbeeren oder Eiern gezogen, frische Kräuter und Gemüse werden am Strassenrand feilgeboten. Das bunte Gewimmel unter der warmen Sonne mutet einem Märchen aus 1000 und einer Nacht an.

Wir sind schon früh auf den Beinen, um den Bahia-Palast, der einst den Wesir mit seinen Konkubinen beherbergte, zu besichtigen. Wir schauen uns den Harem an, das sind der Innhof und die Räume, die früher von den Frauen bewohnt wurden sowie den wunderschön angelegten Garten, in dem gelbe Blumen blühen. Überall sind Mosaiken und bunte Glasfenster, durch die die Sonne scheint und ihre Farben auf die Wände widerspiegelt.

I., die unbedingt ein Foto von mir machen möchte, verscheucht fuchtelnd einen Araber, damit er nicht mit aufs Bild kommt. Ich schaue ihn entschuldigend an und schäme mich fremd. Schon gestern habe ich gemerkt, dass I. mir gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit ist, aber sich anderen gegenüber unverhältnismässig laut und ruppig verhält. Mich allerdings scheint die grauhaarige 76ig-Jährige in ihr Herz geschlossen zu haben, das sonst ihren vier Kindern, elf Enkeln und einem Urenkel gehört. Später wird sie sich lautstark mit einer anderen Dame streiten, worum es geht, weiss niemand so genau. Für morgen plant sie, einen anderen Platz im Bus einzunehmen. Das kann ja heiter werden.

Nach dem Palastbesuch schlendern wir durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, lauschen Ahmeds Ausführungen unter dem Minarett der Koutoubia-Moschee, trinken Pfefferminztee und essen Mandelgebäck auf der Dachterasse einer Teestube und Gemüse-Tajine auf einer weiteren Dachterrasse. Störche sitzen auf den roten Dächern der Häuser, und am Horizont sind die schneebedeckten Berge des Atlasgebirges zu sehen. Dieses werden wir morgen überqueren.

Doch zunächst geht es in den Jardin Majorelle, der vom französischen Maler Jacques Majorelle gestaltet und später von Yves Saint Laurent gekauft und restauriert wurde. Mit U. und C. sitze ich unter Palmen und führe eine angeregte Unterhaltung, in der wir beschliessen, am Ende unserer Reise Anima, den Andre Heller-Garten, der etwas ausserhalb von Marrakesch liegt, zusammen zu erkundschaften.

Ein weiteres Highlight ist der Besuch eines Institutes für Naturmedizin; ein Apotheker erklärt uns zwischen unzähligen Dosen und Gläsern die Wirkung von Safran, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel, Kurkuma und noch viel mehr, derweil wir wieder einen Tee (mit Safran!) offeriert bekommen und an diversen Curries und Gewürzen riechen. Ich verlasse diesen Laden mit einigen Muskatnüssen und einem Schwung Schwarzkümmel.

13.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 1

Da ich plietsch bin, platziere ich mich beim online-checkin von Hamburg nach Frankurt in Reihe 7, damit ich schnell raus aus dem Flieger und zum knapp getimten Anschlussflug gelangen kann.

Da Lufthansa nicht plietsch ist, bekomme ich am Gate einen neuen Sitzplatz zugewiesen, der sich in Reihe 30 befindet. Ich reklamiere, diskutiere und beschäftige gleich zwei freundliche Stewards, die mich mehrmals in Reihe 30 besuchen, mir den Lageplan des Frankfurter Flughafens bringen und herausfinden, dass es wirklich nur ein Katzensprung von B10 zu B26 ist – dazwischen liege nur noch eine Passkontrolle, doch dieses tückische Hindernis sei heute harmlos, da Asien wegen Corona ausfällt. Ich stehe als Einzige vor der Kontrolle.

Im Flieger in Reihe 15 treffe ich auf I., sie ist Teil meiner Reisegruppe. Zwischen uns sitzt ein Herr, der eine Fahrradtour übers Atlasgebirge samt Übernachtungen im Zelt gebucht hat. Das klingt aufregend. Aufregend auch der Austausch meiner Sitznachbarn über Spinnen, Ratten (die knabberte nachts am Finger), Kakerlaken (mögen keine Aircondition), Skorpione (immer die Schuhe ausschütteln, bevor man sie anzieht!) und Moskitos. Dass es in Marokko Tiere geben könnte, hatte ich bis dahin erfolgreich verdrängt. Ich stehe mehr auf Pinguine und Eisbären.

Mit I. marschiere ich zur Passkontrolle – diesmal in Marrakesch – gebe das Corona-Formular ab, und dann gehts weiter zum Exchange. Wenn wir 400 Euro wechseln, gibt es einen besseren Kurs, wir legen einträchtig unser Geld zusammen, als ob wir uns schon Jahre kennen.

Nachdem der Safe-Man den Tresor im Hotelzimmer aktiviert hat, lege ich dort meine Wertgegenstände hinein. Hinein kommt auch die I., sie marschiert in mein Zimmer und zielstrebig zum Safe, denn der würde nicht funktionieren (doch, doch! werfe ich ein), um mich mit einem Knopfdruck eines besseren zu belehren. Morgen werden meine Wertsachen in I.s abschliessbaren Koffer wandern (meinen haben die Israelis zerstört).

Das Dinner-Buffet bietet für mich Magen-Darm-Geschädigte Brot, Kartoffeln, Karotten und Bananen. Damit sollte ich den ersten Abend überleben.

Unser Reiseleiter Ahmed stellt sich vor; hier hatte ich einen dunkelhaarigen, drahtigen und leicht gebräunten Mann vor Augen, aber Ahmed entpuppt sich als stämmiger, blonder, blauäugiger, zum Islam konvertierter- und nach Marokko ausgewanderter Deutscher. Wir würden morgen früh aufbrechen, und dann einen Palast, Gärten und die vielen Gassen besuchen und zwischendurch Tee trinken. Das klingt doch ganz gut.

Lustigerweise könnte ich von meinem Hotelfenster direkt in den kleinen Pool springen.

12.02.2020

Prolog.

Ich blicke auf und schaue über den Rand der Sonnenbrille aufs Meer. Die Wellen rauschen, Möwen schweben am azurblauen Himmel, quietschende Kinder buddeln am Strand und bauen Sandburgen, zwei Mädchen spielen Beachvolleyball, plopp plopp plopp macht der Ball, der von links nach rechts und wieder zurück durch die Luft fliegt.
Ich lege das Buch zur Seite und greife zum Glas mit dem Aperol Spritz, in dem die Eiswürfel klirren.

Cut.

Natürlich greife ich zu keinem Glas Aperol Spritz.
Ich packe den Koffer gerade das dritte Mal wieder aus, um die optimale Auslastung mit Klopapier, Haferflocken, Gemüsebrühe, diversen Nusspackungen, Zartbitterschokolade, Elektrolyten, Kohlekompretten, Hefetabletten, Mütze, Handschuhen, Verbandszeug, Jodlösung, Skiunterwäsche und Küchenrolle*) herauszufinden. Etwas Platz für eine Handvoll T-Shirts, Socken, Unterwäsche und der rudimentären Outdoorklamotten-Grundausstattung muss auch noch gefunden werden.

Warum denn nicht mal wieder nach Nizza an die Cote D’Azur und den Tag an der Promenade des Anglais am Lido Plage vertrödeln?
Weil dort – und da ähnelt es den Eiswüsten der Arktis und der Antarktis – glitzernde Blautöne dominieren. Und ich mich diesmal auf den Weg mache, um in der größten Sandwüste der Erde eine Vielfalt an Rot- und Gelbtönen zu entdecken. Und tiefgrüne Oasen mit Palmen. Das klingt schön, denke ich, das klingt nach Abenteuer. Abenteuer Wüste. Abenteuer Sahara. Start des Abenteuers: morgen früh.

*) in Wirklichkeit ist es noch viel mehr.

10.02.2020

Weiterpacken.

Kamillentee, Klopapier, Desinfektionsmittel, Kohle-Kompretten, Trockenhefe, Verbandszeug, Elektrolyte, Haferflocken, Gemüsebrühe, Nüsse, Wanderstiefel, Mütze, Handschuhe, Sonnenbrille…

Du hast sie doch nicht mehr alle, sage ich.

Aber ich liebe Abenteuer!, antworte ich mir.

Noch etwas gebeutelt von Magen-Darm und einem Sturz bei Nacht, in der ich ohnmächtig in der Küche zusammengesackt und mit dem Kinn auf die Arbeitsplatte geknallt bin (und dabei auch noch meine Hand mit Teewasser verbrannt habe), fange ich an zu packen.

Deja vu: genauso sah es aus, als ich auf dem Weg zum Basecamp des Everest war; nun geht es in die Sahara.

Einfach mal so einen Strandurlaub…mit Buch…Cocktail…

ich winke ab. Ich möchte durch Oasen mit Palmen spazieren, wie Laurence von Arabien durch die Todraschlucht wandern, übers Atlasgebirge und zum Dadesfluss fahren…na dann – dann pack weiter.

31.01.2020

Mein Meer.

Ich ziehe die Kapuze meiner roten Arktisjacke tiefer ins Gesicht, als ich das Büro verlasse. Der Sturm ist kalt, genauso wie der Regen, der schon den ganzen Tag vom Himmel fällt.
Nach Hause auf die Couch oder zum Schwimmen ins Aussenbecken des öffentlichen Bades?
Auf die Couch!, ruft der innere Schweinehund.
Natürlich zum Schwimmen!, antwortet mein Verstand.
Ich weiß auch nicht, seufze ich.
Im U-Bahntunnel beschliesse ich, das Schicksal entscheiden zu lassen: wenn die nächste Bahn, die einfährt, in Richtung Schwimmbad geht, geht es ins Aussenbecken. Wenn es die Bahn in die Heimat ist, geht es auf die Couch.
Die Bahn kommt, es ist die, die Richtung Schwimmbad fährt. Ich steige ein.

Vorm öffentlichen Bad stehen nur drei Räder. Ob das Wasser kalt sei, frage ich den Bademeister an der Kasse, bei dem Sturm, der da seit zwei Tagen draufsteht, sei es doch locker zwei Grad kühler. Bisher keine Beschwerden, antwortet er, und damit fällt auch der Kompromiss, nämlich drinnen zu schwimmen, flach. Es geht ins Aussenbecken.

Ich schwimme den kahlen Bäumen entgegen, die sich dunkel von dem grauen Himmel abzeichnen. Die Lichterkette, die in der Weihnachtszeit an der Bande leuchtete, ist jetzt weg. Um mich herum rauscht es. Wassertropfen fliegen hellgrün glitzernd durch die Luft, ein Heer aus Armen und Beinen kämpft sich durch das Becken, die Kampfschwimmer haben auch „meine“ Seite in Beschlag genommen. Ich schwimme weiter, bewundere den Himmel, der immer dunkler wird und mich trotzdem gewahr werden lässt, dass die Tage wieder länger werden.

Der Regen hat aufgehört. Der Sturm auch; die Bäume stehen starr.
Ich lege einen Stop am Ende des Beckens ein, gehe in die Gegenbewegung, dehne den Rücken und schaue in den Himmel.
Ich sehe die schwarze Silhouette der Christuskirche, ich sehe den Mond und einen einzelnen Stern. Stille setzt ein. Ich drehe mich um, das Becken ist leer. Ich schwimme weiter und stelle mir vor, ich schwämme allein im Meer, die Szenerie erinnert mich an ein Gemälde, das ich in einem Palazzo in Venedig entdeckt und schon öfters bewundert habe. Heute schwimme ich in meinem Meer, hin und her, 40 Bahnen, unter dem schwarzen Himmel mit dem Mond, unter dem Stern, und der leuchtet.

18.01.2020

Tibet.

Ich wache auf. Es riecht nach Tibet. Ich schalte das Licht an und gehe ins Badezimmer, wo seit gestern eines dieser Duftöle steht, in die man Holzstöckchen steckt, über die sich der Duft im Bad verbreiten soll. Mein Duft heißt Tibet. Verbreitet hat er sich nicht nur im Bad, sondern in der ganzen Wohnung. Zum Glück riecht es aber nicht nach dem Tibet, denn Tibet riecht nach feuchter, kalter Luft, in der der Rauch der Öfen, die vor den Tempeln stehen und in denen Kräuter verbrannt werden, hängt.
Würde es in meiner Wohnung nach dem wahren Tibet riechen, wäre die  Feuerwehr schon auf dem Weg.
Ich sperre die Stäbchen samt Öl auf dem Balkon aus, öffne die Fenster um frische Hamburger Luft hereinzulassen und gehe wieder schlafen.

G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, ist am Telefon. Sie würde noch leben, sagt sie. Das freue mich, antworte ich, etwas anderes habe ich auch nicht erwartet, auch wenn ich sie seit zwei Wochen nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades gesehen habe. G. hat eine neue Badekappe zu Weihnachten bekommen, zukünftig muß ich statt nach pink- nach einer blauen Kopfbedeckung Ausschau halten.
Waren sonst immer sehr viele pinke Badekappen im Becken unterwegs, sehe ich am Freitag nur blaue Badekappen. Allerdings ohne G. darunter, was mich aber nicht beunruhigt, denn sie lebt ja noch (und setzt heute aus, da sie eine neue Dauerwelle hat, die nicht mit den Wellen im Aussenbecken in Einklang zu bringen ist).

Als ich am Freitag Abend nach einem Restaurantbesuch mit einer Freundin nach Hause komme, ist G. auf dem Band meines Anrufbeantworters: ob ich wüsste, wo man Passfotos machen lassen könne, gut müssten sie sein, denn sie seien für den neuen Ausweis, und den habe man ja über viele Jahre.
Das ist genau die Einstellung, die mir gefällt: eine 80-Jährige, die Wert auf ihr Äusseres und auf das neue Passfoto legt, wo andere schon längst abwinken und mit dem Leben abgeschlossen haben.
Auch P., mit der ich essen war, und die wieder einige schmerzhafte Wirbelbrüche zu verzeichnen hat, klagt nicht. Zwar würde sie sich nun eine neue Wohnung suchen, da es mittelfristig nicht mehr zu schaffen sei, ohne Fahrstuhl und mit Einkäufen in den vierten Stock zu kommen, aber vorher ginge es erstmal nach Marokko, und die Reise nach Südafrika müsse auch geplant werden. Solange es geht, wird gereist, solange es geht, wird gelebt, und sowieso das Beste aus der Situation gemacht.

Samstag ziehe ich mein Sportzeug an, schnappe meine Rucksack, fahre in die Innenstadt zu meinem Lieblingsbäcker und hole 10 Dinkel- und Vollkornbrötchen und noch ein Stück Käsekuchen. Der Einkauf gesellt sich zum Mittagsbrot, der Karotte und dem Zitronenwasser in den Rucksack, alles kommt mit an die Aussenalster, die ich unter graubleierndem Himmel zu umrunden gedenke.  Ich werde von Joggern überholt und überhole meinerseits die Wandergruppen, die unterwegs sind. Moderat und in between, nicht übertrieben ehrgeizig aber diszipliniert, was mein Fitnessprogramm angeht.

Ich stapfe über matschige Wege, mittlerweile habe ich mein Mittagsbrot und die Karotte in der Hand, überlege, dass mir die Zitronen und die Wurzeln ausgegangen sind, was mich stört aber gerade nicht zu ändern ist, ich verlaufe mich, als ich meinen Bus wiederfinden möchte, ich marschiere weiter mit dem Rucksack auf dem Rücken, gemütlich ist es heute nicht, es ist genauso wie in einer Szene aus Asterix und Obelix, die mit den römischen Legionären marschiert sind, wobei ich statt Steinen Dinkelbrot und Käsekuchen durch die Gegend schleppe.

Alles ist für etwas gut. Da ich mich verlaufen habe, komme ich irgendwann bei einem Obst- und Gemüselädchen vorbei. Ich stopfe noch Wurzeln und Zitronen in mein Gepäck, und dort hinten sehe ich endlich eine Bushaltestelle.

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Dienstag: Stretching/Meditation ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Wanderung ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ geplant

🍃 In eigener Sache 🍃:
ich werde auf dem Blog eine neue Rubrik einrichten: Rezepte! Peu a peu werde ich dort meine Eigenkreationen posten, lecker und gesund. Angaben ohne Gewähr. 😉

05.01.2020

Der Start.

Die Feiertage haben mein Fitnessprogramm durcheinandergebracht, genauso wie die Zeit „zwischen den Jahren“. In der Tat fängt erst morgen der „richtige“ Rhythmus meiner Aktivitäten an, denn dann starten endlich wieder der Taiji-Unterricht und die Meditations-Gruppe.
Die Feiertage haben nicht nur mein Fitnessprogramm durcheinandergebracht, sondern auch meine Ernährungsgewohnheiten. Sobald ich Pralinen oder Schokolade im Haus habe, esse ich sie auf. Schokolade ist meine Achillesferse. Zum Glück habe ich nun alles aufgegessen, was nicht in meine gängige Ernährung gehört. Und beim durcheinandergewirbelten Fitnessprogramm habe ich variiert.

Eigentlich wollte ich mir am Sonntag das schicke Spa gönnen, in dem man nicht nur entspannt schwimmen, sondern auch Zeitschriften auf der Liege mit einem Latte Macchiato geniessen kann. Die Tasche ist gepackt.

Am Sonntagmorgen wache ich auf. Ein Sonnenstrahl fällt durch die Gardine, die Vögel zwitschern. Will ich wirklich den Vormittag bei herrlichem Wetter im schicken Spa lesend auf der Liege verbringen? Nein, das will ich nicht. Ich will nach draußen, in die Sonne, auch wenn es nur 1 Grad sind und die Luft kühl ist, ich will ins Aussenbecken des öffentlichen Bades. Die Tasche packe ich um (Badeanzug statt Bikini, Badekappe statt Badelaken usw.).
Am Eingang des öffentlichen Bades hängt ein Schild: technischer Defekt bei den Saunen. Ich ahne Böses. Das Wasser der Duschen ist noch warm, das Wasser im Aussenbecken allerdings empfindlich kalt. Nur die Harten kommen in den Garten….oder ziehen draussen ihre Bahnen. Schwimm‘, solange Du möchtest, sage ich mir, wenn es zu kalt ist, geht’s eben nach drinnen. Nach 14 Bahnen ist mir immer noch kühl, aber ich liebe die klare Luft, den aufsteigenden Dampf, dahinten von der Kampfschwimmerbahn winkt mir J., mein französischer Meditationsgenosse zu, ich schwimme weiter und weiter und gehe erst hinein, als meine 40 Bahnen (1.000 Meter) geschwommen sind.

Mein Fitness-Rückblick:
Montag: Schwimmen ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Stretching ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

01.01.2020

Das weiße Buch.

Ich muss lachen.
„Das Jahr war anders als erwartet. Dafür lustigerweise viel umgesetzt“.
Das ist ein Zusatzvermerk, den ich am 31.12. 2017 zu meinen Jahres-Vorsätzen 2017 in das kleine weiße Büchlein nachgetragen hatte.

Es ist das Jahr, in dem ich mir – unter anderem – folgendes vorgenommen hatte:
– innere und äussere Balance halten / herstellen (Taiji/Meditation)
– reisen
– bewusst schauen
– draussen sein
– innehalten
– mehr Obst und Gemüse essen
– lachen
– niente paura (keine Angst)

Und dann kam im Februar 2017 der Krebs.

Interessanterweise passen die Vorsätze wunderbar zu jemanden, der eine Krebsdiagnose erhält, auch wenn ich das in dem Moment, in dem ich die Vorsätze verfasst habe, nicht ahnen konnte.

Meistens lernt man es nur auf die harte Tour, dass eine gute Gesundheit nichts selbstverständliches ist, sondern ein wertvolles Gut, das höchste Achtung und Wertschätzung erfahren sollte, und welches durch eine gesunde Lebensweise unterstützt werden muss.

Das kleine weiße Buch hole ich nur einmal im Jahr hervor, und zwar am 31.12. des Jahres. In ihm vermerke ich akkurat, was ich im Folgejahr umsetzen möchte – und hake natürlich ab, was ich im vergangenen Jahr von all meinen Vorsätzen angegangen bin.

Da ich recht diszipliniert bin, kann ich immer fast alles abhaken. Das, wo nur ich selbst gefragt bin, ist häufig mit einem Häkchen versehen, das, wo andere Menschen involviert sind, nicht ganz so häufig.

Gestern habe ich das Büchlein wieder aufgeschlagen und habe die Häkchen für 2019 gesetzt. Und meine Liste für 2020 angelegt. Es wird ein gutes Jahr, dessen bin ich mir sicher.

Mein 2020 beginnt heute Morgen dort, wo es 2019 geendet hat: im Aussenbecken des öffentlichen Bades.  Ich schwimme meine 40 Bahnen, umgeben vom aufsteigenden Dampf, denn es ist kalt, die Sonne blinzelt auf die türkisfarbene Bande, die sich im türkisen Wasser widerspiegelt, das jetzt doppelt-türkis erscheint. Ein Rabe kräht. Ich freue mich, denn es ist der erste Besuch im Bad von vielen weiteren, und einen Haken, den werde ich am Ende des Jahres auch wieder setzen können.

29.12.2019

Unterwegs.

28.12., Hamburg, 0 Grad.
Das Wasser der Duschen ist kalt, sagt die Dame an der Rezeption des öffentlichen Bades.
Das Wasser ist kalt, sagt die Dame, die unter der Dusche steht.
Das Wasser ist kalt, stelle ich fest, als ich die Dusche aufdrehe. Ich hasse es, kalt zu duschen.
Das Wasser im Aussenbecken des öffentlichen Bades ist dagegen recht angenehm – nicht zu kalt wie letzte Woche (25 Grad durch den Sturm) und nicht zu warm (29 Grad, als die Technik defekt war) – ich vermute, es hat 27 Grad.
Nach 1.000 Metern zügigem Schwimmen gehe ich hinein. Ein Bademeister kommt mir entgegen, ich deute auf die Duschräume.
Immer noch kalt, sagt er, ein Techniker sei unterwegs.
Das Wasser ist kalt, sagt die Dame, die unter der Dusche steht.
Nach 1.000 Metern zügigem Schwimmen im Aussenbecken habe ich mich akklimatisiert, das Wasser, das aus dem Duschkopf kommt, ist nun perfekt.
Das Wasser der Duschen ist kalt, sagt die Dame an der Rezeption zu den Ankömmlingen, als ich das Bad verlasse.

29.12., Hamburg, -1 Grad.
Die Luft ist kalt, stelle ich fest, als ich mich auf den Weg zum Hafen mache. Drei Durchgänge der 19-er Form (Taijiquan) möchte ich mit Blick auf die Elbe laufen, drei Durchgänge laufe ich.
Warm wird mir; durch die Bewegung, durch die Strickjacke, durch das Tamoxifen, durch alles zusammen, ich bin ja nun eher wärme- als kälteempfindlich geworden (und frage mich, wieso ich eigentlich im Februar ausgerechnet in die Sahara fahren muss).
In Bewegung bleiben. Eigene Grenzen austesten. Abenteuer erleben. Leben. Ein neues Logbuch schreiben.

Ich öffne das Fenster, die Luft ist kalt.

27.12.2019

Rückblick. Ausblick.

Wien – Sylt – Israel – Westjordanland – München  – Amsterdam – Sylt – München  – Island – Grönland – Travemünde – Travemünde 2 – Sylt – München

Ich bin in Wien auf dem Naschmarkt im Regen herumspaziert.
Ich war im Sturm am Nordseestrand.
Ich habe im Toten Meer gebadet.
Ich stand auf den (syrischen) Golanhöhen, auf denen Pfirsichbäume blühten.
Ich habe einen Olivenbaum in einem palästinensischen Garten gepflanzt, durch den eine Mauer geht und auf deren anderer Seite eine jüdische Siedlung steht.
Ich habe in der ersten Reihe in einem Club in Amsterdam zur Musik meiner Lieblingsband getanzt.
Ich habe in der Sansibar auf Sylt in die Sonne geblinzelt.
Ich bin ich München mit Patenkind 1 schwimmen gewesen. Und im Park, Pokemon jagen.
Ich habe die Geysire und den riesigen Wasserfall auf Island entdeckt und habe bei heftigem Sturm das Nordpolarmeer durchquert. Ich habe Eisbären gesehen. Und Eisberge und Gletscher, glitzernd in unendlich vielen Blautönen.
Ich habe Bäume an der Ostsee umarmt.
Und war wieder am Strand an der Nordsee.
Ich habe mit den Patenkindern gespielt.
Und viele wunderbare Menschen auf den Reisen kennen gelernt, die zu Freunden geworden sind.

Ich war schwimmen, morgens in der Sonne, mittags im Regen, abends im Dunkeln, bei Hitze und bei Kälte. Ich habe meine Taiji-Form verfeinert und dazugelernt. Ich habe schöne Gespräche bei der Meditation geführt. Und mit Freunden.

Ich wache auf. Ich schaue ins Dunkel der Nacht und überlege, wann ich das letzte Mal Angst hatte. Nicht Angst davor, den Flieger zu verpassen oder für’s Management-Meeting schlecht vorbereitet zu sein – sondern die Angst, die einen den Boden unter den Füssen wegzieht und an deren Ende die eigene Endlichkeit steht.
Im November 2018, antworte ich. Der Arztbrief aus dem großen Krankenhaus, in das ich für einige Tage stationär in die Nuklearmedizin aufgenommen werden sollte, und aus dem mir die Worte „maligne“, „abklärungsbedürftig“ und „Thyroid Cancer Guidelines“ entgegensprangen.
Ich denke weiter nach, und ja, es stimmt, das war das letzte Mal, dass ich diese Angst hatte. Ich bin gelassener geworden. Keineswegs unachtsamer, aber auch nicht mehr in Panik verfallend, wenn es irgendwo schmerzt. Das ist gut.

Es war ein gutes Jahr. Ich bin gesund geblieben. (In der Tat liege ich vorn in der Krankheitsstatistik der Firma, mit nur einem Fehltag in 2019. Darüber freue ich mich sehr).
Ich habe viel erlebt, ich habe die Welt gesehen, ich habe gelacht und getanzt und geschwommen und gelebt. Dafür bin ich dankbar.
Ich habe mein Fitnessprogramm kontinuierlich verfolgt und bin der gesunden Ernährung treu geblieben. Darauf bin ich stolz.

Ich bin gespannt, was das nächste Jahr bringen wird, vor allem darauf, was es für einen humangenetischen Rat zu meinem Gendefekt geben wird.
Auf alle Fälle freue ich mich auf viele wunderbare und abenteuerliche Reisen. Und auf ein Wiedersehen mit Freunden. Und auf alles, was das Leben lebenswert macht.

18.12.2019

Zuhause.

No. 1 Antarctic: ✔️

No. 2 Arctic: ✔️

Very logical that I booked now no. 3 of the ranking of deserts. That was spontaneous. It will bring me to (over) my limits (again). I will never forget Tibet and Everest…

Why are you doing this?!? I ask myself.

Because I want to feel life and explore the world. And I like adventures. And to write logbooks.

Pretty sure I will have the good stories when I moved to the nursing home 😀

15.12.2019

Unterwegs.

Überall glitzert es. Beim Schwimmen, abends, wenn die Lichterkette, die um das Aussenbecken des öffentlichen Bades dekoriert ist, funkelt, während der Dampf so dicht ist, dass man nicht sehen kann, ob einem jemand im Dunklen entgegen schwimmt. Die Kirchenglocken läuten.

Auf dem Weihnachtsmarkt glitzert es. Auch hier läuten die Kirchenglocken, und der Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein legt sich über das Geglitzer.

Ob er mir etwas von seinem Schokoweihnachtsmann abgeben würde, frage ich meinen Bürogenossen. Dieser schaut verwundert auf. Längst aufgegessen, antwortet er. Und nichts angeboten, konstatiere ich, obwohl die Antwort, die nun kommt, auch nicht verwunderlich ist. Du isst doch keine helle Schokolade, da habe er mich gar nicht erst gefragt. Die Bananen teile er mit mir, vom Bäcker bringe er „Diätberliner“(Quarkbrötchen) und Obstküchlein (Obst ist ja gesund) für mich mit, während er für sich mit Puderzucker bestäubte Berliner mitbringt.
Nun stehe ich auf dem Weihnachtsmarkt, in der Hand eine kleine Tüte Schmalzkuchen, der Puderzucker verteilt sich bereits auf meiner Jacke, um mich nochmal nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass Schmalzkuchen nix in meiner Hand zu suchen haben.
Am Samstag tausche ich den Weihnachtsmarkt wieder mit dem Bio-Wochenmarkt ein.

Es glitzert auf dem Weg zu J., meinem französischen Meditations-Mitschüler, bei dem die Gruppe heute Abend meditiert und danach zusammen Abendbrot essen wird. Die Kerzen werfen ein gemütliches Licht auf den Tisch mit der Süsskartoffel-Birnensuppe und der frischen Minze, dem grünen Salat, dem Körnerbrot, der Käseplatte, der Pistaziencreme und den Mandarinen.

Am Sonntag glitzert die Sonne auf dem Wasser des Aussenbeckens. Kleine Wellen kräuseln sich an der Oberfläche, der Sturm setzt ein, die Wolken fliegen über mich hinweg, während ich auf dem Rücken schwimme. Heute steigt kein Dampf auf. Die Luft ist kalt, ebenso das Wasser.
Das Wasser ist kalt, sagt J., zu dem ich vorhin schon auf die Kampfschwimmerbahn hinübergewunken habe und ein Stück Flosse zurückwinkte, bis auch sie unter der Oberfläche verschwand.

Das Wasser ist kalt, aber das Wasser ist herrlich, genauso wie die Luft, finde ich, sie riecht nach Meer, was eigentlich nicht sein kann, und schon setze ich mich hin und schicke eine Anfrage an den Reiseveranstalter, Seeluft macht abenteuerlustig, auch wenn mich das nächste große Abenteuer nicht zum Meer führen wird, oder vielleicht doch, einem Meer, das nicht aus Wasser besteht, aber die Sonne, sie wird glitzern.

03.12.2019

Im Krankenhaus.

Eine große Tasche hätte ich ja dabei, stellt Dr. Z. im fünften Stock ‚meines‘ Krankenhauses fest. Das stimmt, antworte ich auf dem Weg in ihr Zimmer, denn nach der Nachsorge ginge ich zum Schwimmen. Prof. Dr. M., mein Lebensretter, kommt uns im OP-Outfit entgegen, wir lachen uns zu.

Dr. Z. erinnert sich nun wieder, dass ich ja immer zum Schwimmen gehe, dass wir uns zuletzt auf dem Mutmach-Abend der Stiftung des Krankenhauses gesehen haben und das die Ergebnisse der Mammographie und des Ultraschalls Ende August gut waren.

Ich spreche meinen Gendefekt an und erläutere die niederländischen Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2019. Panisch bin ich nicht, aber zur Seite wischen tu‘ ich das Thema auch nicht. Ende Januar wüsste ich mehr, da hätte ich meinen Folgetermin bei den Humangenetikern. Ich gehe nicht vom worst case (diverse Körperteile prophylaktisch entfernen lassen) aus, sondern vom good case (engmaschigere Vor-/Nachsorgeuntersuchungen). Sie sieht das genauso.

Während ich mich entkleide, sprechen wir über meine Reisepläne des kommenden Jahres. Es fühle sich alles gut an, es sei nichts Auffälliges auszumachen, sagt sie dann. Wir wünschen uns ein frohes Weihnachtsfest, im März werden wir uns wiedersehen.

Ich laufe die Stufen hinunter, laufe über den Vorplatz, laufe zum öffentlichen Bad, in dem es heute nicht nur zum Schwimmen, sondern auch mit einer Freundin in die Sole gehen wird, aber erst schwimme ich draußen, der Dampf steigt auf, die Luft ist kühl, und wieder bin ich so dankbar dafür, dass ich hier sein darf, dass ich gesund bin, dass ich bin.

Hyazinth, der kleine Spanier, lacht mich an, ob ich die Lichterketten schon an der Bande gesehen hätte, wie schön mögen sie wohl im Dunkeln leuchten. Ich bestätige, dass sie wirklich schön leuchten, denn letzte Woche sei ich abends nach der Arbeit geschwommen, nun ist es noch zu hell, nun erfreuen wir uns an dem aufsteigenden Dampf und dem blaublitzenden Wasser.

Zur Feier des Tages gönne ich mir einen Cäsarsalat und einen Smoothie in der Sole, lese etwas und freue mich, als meine Freundin um die Ecke kommt. Wir dümpeln in der Sole herum, gehen in die Himalaya-Salz-Sauna, trinken Kaffee, essen Eis, schwimmen noch etwas draußen im Aussenbecken des öffentlichen Bades, wir bleiben bis abends, bis es dunkel wird und bis die Lichterketten leuchten.

2 Jahre, 8 Monate und 11 Tage krebsfrei.

30.11.2019

Unterwegs.

Am Freitag mache ich G., meiner 80-jährigen Schwimmfreundin, Mut, da sie Schmerzen im Knie und Krämpfe im Bein hat und Angst bekommt, dass sie bald keinen Sport mehr machen kann.

Am Freitag mache ich einem Kollegen Mut, der in meinem Büro zu weinen anfängt, als er mir erzählt, dass seine Frau Brustkrebs hat. Sie habe doch schon Leukämie gehabt. Fair sei das nicht. Ich oute mich und biete an, dass, wenn sie sich austauschen möchte, mich jederzeit kontaktieren kann.

Das Leben ist fragil. Das Leben ist zu schade, um es im Bett zu verplempern. Also mache ich mich am Samstag in aller Frühe auf den Weg nach Sylt. Auf dem Bahnhof gönne ich mir einen Kaffee mit „richtiger“ Milch und ein Croissant. Für die Reise habe ich ich noch Wurzeln, Pflaumen, Gurkenscheiben, Bananen, ein Vollkornbrötchen, Nüsse und Wasser mit frischer Zitrone dabei.

Der Zug fährt los. Ich sehe die Sonne über den Wiesen aufgehen. Ich sehe den Nebel aus den Weiden emporsteigen. Ich sehe den Raureif, der auf den Feldern liegt. Ich sehe einen Regenbogen. Die Ausbeute an wunderschönen Eindrücken ist groß, dabei ist es noch nicht mal 9.00h!

Mein Zimmer ist noch nicht bezugsfertig, also mache ich mich auf den Weg in die Friedrichstraße. Neben der Vorderreihe in Travemünde ist sie meine Lieblingseinkaufsstraße. Es dauert keine Stunde, und ich habe die ersten 100 Euro vershoppt (Klobürste, Abwaschbürste, Weihnachskarten, Kalendarium 2020, Postkarten, kleine Weihnachtsgeschenke, ein Pfund Kaffee – kriegt man ja alles nicht in Hamburg 🤨). Aus Selbstschutz gehe ich zurück ins Hotel, setze mich ins Foyer und schreibe die ersten Karten.

Später mache ich einen langen Spaziergang am Strand entlang, gönne mir noch einen Kaffee (und eine frische Waffel), dann gehe ich schwimmen. Abends ein Salat und ein weiterer Spaziergang.

Es ist dunkel am Strand, die Luft ist klar. Vor mir krachen die Wellen an Land, über mir glitzern die Sterne. Ich gehe weiter und weiter, niemand ist hier unterwegs, nur ich und die Wellen und die Sterne. Gut, denke ich. Dann gehört mir die klare Luft hier ganz allein.

24.11.2019

Zuhause. Und unterwegs.

Sonntag morgen, 8.30h. Ich sitze in der Küche, in der rechten Hand die Tasse Kaffee, mit der linken tippe ich auf dem Laptop herum und buche Flüge nach Georgien. Reiseplanung gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und steigert die ohnehin schon gute Laune ungemein. Ich informiere Team Naugthy – meine Freunde aus der Arktis – dass ich mit A. aus der Schweiz unsere Flüge am Buchen bin, ab München werden wir zusammen nach Tiflis weiterfliegen, G., der uns nach Georgien eingeladen hat, lässt wissen, dass er einen Wagen zum Flughafen schicken und in die Detailplanung gehen wird. Damit steht eines meiner Highlights für 2020!

Danach geht es zum Schwimmen. Da keine bekannten Gesichter im Aussenbecken auszumachen sind, habe ich Zeit, die nächsten 1.000 Meter nachzudenken. Über meine momentan extrem gute Laune (wenn man mal vom Zirkus bei der Arbeit absieht). Ich habe Bedenken, dass der Fall umso tiefer sein könnte, wenn es mir so (zu?) gut geht. Das habe ich bei einigen beobachtet, denen es nach einer schlechten Phase erst wieder besser ging, bevor der Feind kurze Zeit später ein letztes Mal zuschlug.
Jetzt bin ich allerdings gesund und vom Sterben weit entfernt (sollte ich nicht morgen zufällig vor ein Auto laufen), doch lässt es mich innehalten.
Wie geht es Dir?, frage ich mich und schaue mich an. Gut geht es mir, antworte ich, das Leben wird gelebt, die Reisen gereist, die Bahnen geschwommen, das Lachen gelacht, was genau ist das Problem?

Die gecrashte Bandscheibe, die im Winter wieder schmerzt (und dieser Umstand mit einem warmen Leibchen behoben werden kann)?
Die Müdigkeit und Unkonzentriertheit, die ich treffsicher auf einen Vitamin-B-Mangel zurückgeführt habe und denen mit Mikronährstoffen zu Leibe gerückt bin?
Hab ich im Griff, sage ich zu meinem Hausarzt, bei dem ich wegen Impfungen vorspreche und der den B-Mangel glatt übersehen hat, was mich nicht so sehr stört, da ich meine Blutwerte immer ausdrucken lasse, um sie selbst zu überprüfen. Auch seine Praxiskollegin, bei der ich zur Schilddrüsensonografie war, hat den B-Mangel im Computer entdeckt, alles im Griff, preventive action läuft.
Der seltene Gendefekt meines NTHL1-Gens, zu dem es erstmals in 2019 Forschungsergebnisse gibt und der tatsächlich für ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Darmkrebs, Eierstockkrebs, Schilddrüsenkrebs, Hautkrebs und Hirntumor bei einer Generation verantwortlich ist? Weil das NTHL1-Gen, das für die Fehlerfindung auf der DNA zuständig ist, keine Fehler finden kann, wenn es defekt ist und somit Krebszellen ignoriert?
Damit habe ich den unsicheren Faktor in meinem Leben gefunden. Ich bleibe pragmatisch; Ende Januar haben ich einen Termin beim Humangenetiker, im worst case werden sie vorschlagen, zehn Körperteile zu entfernen (was ich aber nicht glaube), im good case werden sie sagen, dass ich feinmaschiger als bisher zu Vor- und Nachsorgeuntersuchungen anzutreten habe. Mit dem good case kann ich leben.

Ich schwimme auf dem Rücken und gucke in den grauen Himmel. Von den bunten Bäumen sind nur noch Skelette übrig, die dunkel und kahl über das Aussenbecken ragen. Ein Schwarm Vögel zieht vorbei. Wie geht es Dir?, frage ich. Gut geht es mir. Mir geht es gut.  

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Stretching ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

…und am Samstag im Kino grünen Tee, Gemüsesticks, Trauben und Käse bestellt statt Prosecco und Popcorn. (note to myself: freiwillig!)

20.11.2019

Unterwegs.

Ob er abgenommen habe, frage ich. Er würde so schlank aussehen, setze ich nach. Also, er würde gut aussehen.
Ich frage mich innerlich, ob ich nicht einfach mal die Klappe halten kann. Kann ich nicht. Unser CEO schaut verblüfft, aber auch erfreut und bestätigt, dass er ein paar Kilo weniger auf den Rippen habe. Gesunde Ernährung, das würde ihm guttun.
Dann trügen meine Ernährungs- und Fitnessartikel in unserem Firmennewsletter ja Früchte, stelle ich fest und halte ihm meine Snackbox unter die Nase. Sollte er noch nicht mitbekommen haben, dass das Thema „gesunde Ernährung“ zu meinen Lieblingsthemen gehört – spätestens jetzt weiß er es, während ich erkläre, was es bei mir heute zu essen gibt. Damit es nicht total abdriftet (note to myself: das ist es schon), stelle ich noch eine geschäftliche Frage, bevor er dann doch lieber mein Büro verlässt.

Man möge essen, was gut für die Seele ist… dieses Statement höre ich immer wieder von Erkrankten und kann ihnen nicht so recht beipflichten. Für die akute Phase (Chemo- und Strahlentherapie) stimme ich zu; das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Ernährung umzustellen, da ist kalorienreiche Nervennahrung durchaus angebracht. Ich spreche aus Erfahrung. 

Wenn die akute Phase allerdings beendet ist, sollte man das essen, was für den Körper gut (und für den Krebs schlecht) ist. Das bedeutet gesunde Ernährung. Gelernt bei diversen Ernährungsvorträgen, nachgelesen in Ernährungsbüchern und Studien aus Kliniken, und on top bestätigt in einem Interview mit meinem Arzt aus dem Mammazentrum gestern im Radio.
In meinem Fall bedeutet das konkret, Zucker, Weizenmehl, Milch, rotes Fleisch, Wurst, verarbeitete und frittierte Nahrung aus dem Leben zu verbannen und den Fokus auf Gemüse, Obst, Vollkorn, Dinkel, Nüsse und Haferflocken zu legen. Das funktioniert, und gelegentliche Ausnahmen in Form von Eis, Kuchen oder ein kleiner Schokoriegel sind erlaubt. Geraucht habe ich noch nie, und nur zu besonderen Anlässen trinke ich mal ein kleines Glas Wein. Damit geht es mir gut. Die Zeiten, in denen ich frustriert im Supermarkt auf die Einkaufswagen der anderen guckte, die mit Süßigkeiten, Chips und Wein bestückt waren, derweil ich einen einsamen Brokkoli in der Hand hielt, sind passé. Auf dem Biowochenmarkt freue ich mich über die große Auswahl an Salaten,  Gemüse, Obst und leckerem Brot.

Ein Brötchen kaufe ich mir auch noch, als ich das Büro verlasse und mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache. Es ist dunkel. Es regnet. Es ist kalt. Es ist der perfekte Zeitpunkt, das Aussenbecken für sich allein zu haben.
Allerdings denke nicht nur ich so; das Wasser des Pools, der in der Dunkelheit liegt, leuchtet türkis, überall sind Köpfe auszumachen, verschwommen hinter dem Dampf, der aus dem Becken steigt. Ich schwimme durch die schwappenden Wellen, Tropfen fliegen durch die Luft, ich trage meine neue Retro-Badekappe, weiß mit Luftnoppen, so wie man sie schon vor bestimmt 50 Jahren getragen hat, das blaue Becken dreht sich im schwarzen Universum, Lichtstrahlen durchschneiden den Dampf, meine Kappe ist ein Helm und ich ein Astronaut, der durch das All gleitet. Surreal. Und fantastisch.

Am Ausgang stoße ich mit J. zusammen. J. hat gestern bei der Meditation erwähnt, dass er auch am Mittwoch schwimmen gehe. Und der kleinen Meditationsrunde erzählt, wie wir uns das erste Mal beim Schwimmen begegnet sind; seine Schwimmfreundin verschwand auf der Toilette, und ich käme dann heraus. Magic! Eine schöne Erinnerung, an die ich mich nicht entsinne, mir aber ausgesprochen gut gefällt.
Mit dem Brötchen in der Hand gehe ich hinaus in die Nacht. Der Regen hat aufgehört.

17.11.2019

Unterwegs.

Hältst Du mal? Die unbekannte Frau drückt mir einen Strick in die Hand, an dessen Ende ein schwarzes Pferd tänzelt und geht weg. Ich schaue genauso irritiert wie das Pferd, dann schaue ich zu L., die ihren spanischen Falben zurückhält und stelle fest, dass ich das schon sehr gewagt finde, einfach jemandem Unbedarften sein Pferd anzuvertrauen.
Naja, sagt L, wir sind hier auf nem Reiterhof, da gingen sie davon aus, dass man mit Pferden umgehen kann. Ich trage statt reiterhof-grün-braun zwar arktis-rot und auch sonst kein Reiter-affines Outfit, aber das hilft jetzt auch nicht weiter, das unruhige Pferd am Ende des Stricks muss gehalten werden.

Wochenende auf dem Land. Mit frischer Luft und Bewegung an derselbigen, Urlaubsplanungen am lodernden Kamin, leckerer Linsen-Möhren-Suppe, Salat und grünem Tee und Katzen im Bett.

Spät am Abend fahren wir nochmal zur Weide. Der Regen hat aufgehört. Die Kälte kriecht durch die Nacht und das nasse Laub, der Weg durch den Matsch wackelt durch die Stirnlampen, die an den Mützen befestigt sind. Es ist ein wenig gruselig, große dunkle Körper bewegen sich auf uns zu, während wir die Weide betreten, die Pferdeaugen leuchten. Der Falbe bekommt eine dickere Decke aufgelegt und etwas zu fressen, während mich ein braunes Pferd neugierig mit der Nase anstupst.

Auch am nächsten Morgen sind wir in aller Frühe wieder auf dem Weg zur Weide, um das Pferd zu bewegen, derweil das Kind zuhause ein wirklich gutes Frühstück mit Rührei, Baked Beans, Kaffee, Tee und Smoothies zubereitet. Das ist vorbildlich und eine gute Einstimmung auf unseren gemeinsamen Wanderurlaub, den wir nächstes Jahr zusammen machen werden.

Die Schmerzen im rechten Arm (Lungenentzündung-Impfung) und im linken (Grippe-Impfung) klingen langsam ab, haben allerdings meine Fitnesswoche etwas durcheinandergebracht. Dafür sollte ich jetzt mittlerweile so ziemlich gegen alles geimpft sein, was es so gibt und damit fit und fröhlich durch den Winter kommen.

10.11.2019

Unterwegs.

Aktiv leben? ✔️
Spontanentschlüsse treffen? ✔️
Freitag buche ich Hotel und Zugfahrt; dadurch verschiebt sich das Timing für Einkäufe und Wohnungsputz, das muss nun alles am Freitag nach der Arbeit und nach dem Schwimmen erledigt werden. Auch der Koffer muss gepackt werden.
Das Kofferpacken geht fix, da bin ich routiniert (auch wenn ich am Samstag feststelle, dass ich – inclusive des Neukaufs – fünf lange Hosen im Gepäck (für eine Auswärtsübernachtung) habe. Plus zwei Badeanzüge (schwarz mit kleinen weißen Pünktchen und den Baywatch-roten), einen Schirm, ein Buch, das ich unbedingt an diesem Wochenende beenden muss, da es eine der drei Buchbesprechungen für die Dezember-Ausgabe der Zeitung wird, für die ich nach der Arbeit schreibe, das wird knapp, aber es ist zu schaffen.

Am Samstag komme ich früh im Hotel an der Ostsee an, zu früh, das Zimmer ist noch nicht bezugsfertig. Ich bleibe gelassen.
Ich mache einen ausgedehnten Spaziergang. Im Wald, den ich bei vorangegangenen Besuchen noch nie wahrgenommen habe, ist es ruhig. Die Luft ist kühl und feucht und duftet nach Erde und Herbst, das Laub leuchtet gelb, gold und bronzefarben. Spontan umarme ich einen Baum. Und noch einen zweiten. Sehen tut mich hier eh niemand, ich bin die Einzige, die sich hier im Wald verirrt hat. Jetzt werde ich hellhörig, verirren tu ich mich recht schnell, da ich Orientierungslegastheniker bin. Vor Anbruch der Dunkelheit muss ich hier wieder herausfinden. Schon letzte Woche bin ich leicht in Panik verfallen, als ich spätnachmittags bei strömenden Regen durch den Jenischpark irrte und den Ausgang nicht finden konnte. Aber es ist noch früh, zu früh, um sich Sorgen zu machen, und irgendwann erscheinen Häuschen und ein Park, und dann die kleine Strandpromenade.

Das italienische Restaurant, in das ich eigentlich heute Abend gehen wollte, hat wegen Renovierung geschlossen. Ich bleibe gelassen.
Ich bummele über die Strandpromenade und stelle fest, dass auch die beiden Eisdielen zu haben. Dabei hatte ich während der Bahnfahrt hin- und herüberlegt, ob ich ein Haselnusseis mit Sahne oder bei Niederegger ein Stück Nusstorte geniessen sollte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Natürlich möchte ich jetzt lieber ein Nusseis essen. Ich bin nur noch so semi-gelassen.

Ich gehe schnurstracks in mein Lieblingsklamottengeschäft, um es einen Augenblick später mit einer neuen Hose und einer Bluse zu verlassen. Das war eigentlich so nicht geplant, und ich überlege, womit ich den Spontankauf rechtfertigen kann. Mir fällt nichts ein. Ausser, dass ich diese Woche wieder on track mit meinem Fitnessprogramm bin und in 2019 bei den Fehltagen in der Firma ganz oben in der Statistik liege – nur einen Krankheitstag habe ich zu verzeichnen. Mein Sport- und Ernährungsprogramm trägt Früchte. Das lasse ich gelten, hierfür also die neue Hose und die Bluse.

Zurück im Hotel ziehe ich einen der Badeanzüge (den schwarzen mit den kleinen weissen Pünktchen) an, werfe den Bademantel über und gehe zum Pool. Beim Schwimmen kann ich in Ruhe überlegen, wo ich heute Abend essen möchte.
Die Wahl fällt auf mein Lieblingsrestaurant, auch wenn es eine neue, eine schreckliche Innenbeleuchtung bekommen hat; ein riesiger Kompass hängt über den Köpfen der Gäste und lässt diese in giftgrünem Licht erstrahlen. Trotzdem mag ich das Restaurant; das Essen ist sehr gut, und auch, wenn man mal allein hierher kommt, bekommt man keinen Katzentisch sondern einen schönen Vierertisch am Fenster.
Ich sitze am Fenster und schaue hinaus in die Dunkelheit; die Autofähre taucht auf, wie ein riesiges Hochhaus schiebt sie sich am Fenster vorbei und die Ostsee hinunter, ich schaue hinaus, und dann wieder hinein in den Roman, der faszinierend aber auch speziell ist und sich mit Kryonik befasst.

Am Morgen – nach dem Schwimmen – gehe ich frühstücken, natürlich trage ich sofort die neue Hose und die Bluse. Der Tag wird schön. Ich gehe nochmal in den Wald, umarme einen dritten Baum, verirre mich nicht und gehe weiter an den Strand. Zwischen den Algen liegen rote Rosen, mal ein Blatt, mal eine ganze Rose, das Meer spült die Erinnerungen an die Toten, die hier seebestattet wurden, zurück ans Land.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Stretching ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️ und 11.478 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ und 10.212 Schritte ✔️

07.11.2019

Unterwegs.

November. Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt; die Menschen verziehen sich in ihre warmen und von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer, während sie in Wolldecken gehüllt auf dem Sofa liegen und vorm Fernseher ein Glas Wein geniessen.
Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt? Nein!
Und hier fühle ich mich wie das kleine gallische Dorf, das anarchistisch das tägliche Kontrastprogramm bestreitet.

Das Aussenbecken des öffentlichen Bades, das von großen dunklen Bäumen umsäumt wird, ist erleuchtet: ich schwimme durch das hellblaue Wasser, Dampf steigt auf, die Luft ist kalt, während ich am Abend meine Bahnen ziehe.

Durch die hohen Fenster der alten Sporthalle, durch die ich sonst beim Praktizieren der Stehenden Säule in den schönen Park blicke, blicke ich nun auf mein Spiegelbild. Der Park liegt im Dunkeln.

Auch der verwunschene Garten des Psychologenhauses ist in der Nacht verschwunden, als ich am weit geöffnetem Fenster tief einatme. Es regnet. Wir meditieren.

Im Fitnessraum schaue ich vom Stepper auf die unter mir liegende Mönckebergstraße. Menschen hasten mit Einkaufstaschen in die nächsten Geschäfte, der Himmel ist schwarz, die Straße nass, da hinten ist die Spitze der Nikolaikirche zu sehen und das Rathaus.

Im Dunkeln auf dem Balkon des 12ten Stocks über die Bucht schauen, auf die Ostsee, den Strand, die Häuser, ganz winzig und verstreut, die Kälte fühlen, den Bademantel anziehen und ins Schwimmbad gehen.

November. Zeit des Requiems. Zeit zu gedenken. Nicht unbedingt zu weinen, auch wenn ich das Lacrimosa liebe. Verdis Lacrimosa. Das ist so wunderschön.

Ich fange an zu planen. Es gibt so viel, was ich nächstes Jahr machen möchte, so viele Möglichkeiten, so viele Einladungen, ich lache, das haut doch alles gar nicht hin, mehr Zeit brauche ich, mehr Tage, mehr Jahre, und ja, das Leben muss gelebt werden, hier und jetzt, und auf der Couch kann ich immer noch sitzen, an einem Novemberabend, ganz weit in der Ferne, wenn ich alt bin, wenn gelebt worden ist und die Erinnerungen bleiben.

02.11.2019

Unterwegs.

Und was passiert, wenn ich auf den letzten Button dieser app clicke?
„Die Bestellung wurde abgeholt“, sagt die app.
Ich verdamme meine Neugier, die Bestellung habe ich natürlich noch nicht abgeholt, ich sitze ja in der Küche und versuche, die app zu durchschauen.
Ich ziehe die Jacke über, nehme den Einkaufskorb und laufe los zur Cafe-Bäckerei, bei der ich jetzt schon angeblich die Ware abgeholt habe.
Trotz des Malheurs gefällt mir die app – es geht darum, Lebensmittelverschwendung vorzubeugen; hier stellen Cafés, Bäcker, Geschäfte und Restaurants Lebensmittel ein, die sie nicht mehr an diesem Tag loswerden, und das zu einem Schnäppchenpreis.
Ich investiere Euro 3,80 und bin gespannt, was ich bekommen werde. Leicht wird das nicht, da ich ja (eigentlich) einen hohen Anspruch an meine Ernährung habe.
Das Tresenteam schaut mich interessiert an, als ich erkläre, dass ich meine Bestellung jetzt abholen komme, obwohl sie wohl die Info hätten, dass ich schon da gewesen sei. Sie bleiben gelassen, statt einer Überraschungstüte darf ich mir aussuchen, was ich mitnehmen möchte. Das gefällt mir gut, ich zeige auf ein Stück Käsekuchen (Sünde 1), man gibt noch zwei Muffins dazu (Sünde 2+3), ich möchte ein Brot mit Streichkäse, Wurzeln und Gurke, man gibt mir noch zwei riesige vegetarische Burger mit Gemüse dazu.
Da ich schon mal in der Gegend bin, geht es weiter zum Bioladen.

Ausserdem war ich heute nach der Arbeit schwimmen.
Kalt ist es, Dunst steigt auf und lässt das Aussenbecken des öffentlichen Bades mystisch wirken. Nur zwei weitere Schwimmer drehen ihre Runden, C., meine Schwimmfreundin,  habe ich bereits in der Kabine getroffen, sie war sehr früh dran, ich sehr spät, da ich noch in dem Laden für Mikronährstoffe meine Vorräte an B12 und D3 aufgefrischt habe.

Überhaupt ist die Fitnesswoche durcheinander geraten.
Stattdessen gab es Zahn- und Augenarzttermine, am Feiertag lag ich kränkelnd danieder, und am Dienstag war der Mutmachabend der Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses.
Das war doch sicher traurig, sagt meine Mutter am Telefon.
Ich verneine.
Im Gegenteil; das zahlreich erschienene Publikum hatte sogar etwas zu lachen.
Weder das Taschentuch, das ich vorsichtshalber in die Hosentasche gesteckt hatte – ich war mir nicht sicher, wie ich auf der Bühne mit der Konfrontation Brustkrebs reagiere – habe ich gebraucht, genauso wenig wie die Karteikarten, die ich dabei hatte, sollte mir nichts einfallen. Mir fällt viel ein, ich hätte noch locker zwei Stunden über die verschiedenen Aspekte zum Thema Brustkrebs sprechen können.

Ein weiteres Highlight der Woche ist das email meiner Arktis-Kabinengenossin D. aus North Carolina. Die 76-Jährige hat ihre nächste Expedition in die Kälte geplant und fragt, ob ich nicht wieder mitkommen möchte. Ausserdem fliege sie nächstes Jahr nach London und checke schon Flugverbindungen nach Georgien, wo wir uns doch alle wiedersehen wollen.
Trotz ihrer Versprechungen „…I will bring my sleep machine so I will not snore!!! I certainly feel better using it instead of the glorious mouth piece! I will unpack immediately upon arrival!!“ werde ich nächstes Jahr nicht wieder in die Arktis fahren – ich plane im Frühjahr eine ganz andere Exkursion mit A. aus Österreich, die ich in Israel kennen gelernt habe.

Und wieder einmal stelle ich fest, dass das Leben so viele wunderschöne Momente bereithält.

Fotovermerk: Hamburg Photography

Blumen statt Tränen 😍

#nofoodwaste

D. und ich auf unserer Arktis-Expedition

13.10.2019

Unterwegs.

Drei Meetings, davon eines ungeplant, eine Urheberrechtsverletzung, der nachgegangen werden muß, kurzfristige Anfragen aus dem Büro in Zypern, daneben versuche ich, die Budgetplanung 2020 für mehrere Schwesterfirmen zu finalisieren, aber es fehlen noch zuviele Details und Unterlagen, mir fällt ein, dass ich etwas auf dem Firmenaccount bei LinkedIn posten möchte, kläre das schnell mit den Kollegen ab, ja, der Text gefalle ihnen sehr, auch das ausgewählte Foto der Veranstaltung, ob ich das noch heute…ja klar, das mache ich noch heute.

Ich schaue auf die Uhr, laufe zur Bahn und fahre nach Hause, ziehe die Bürokleidung aus und meinen Trainingsanzug an, packe die Schlüssel für das Psychologenhaus und den Meditationsraum ein, greife meine Klangschale und marschiere in die entgegengesetzte Richtung zur anderen U-Bahnstation.

Kurzer Stop am duftenden Bonbonstand im U-Bahnhof Schlump, hier kaufe ich mir alle zwei Wochen eine kleine Tüte Salmibonbons, überzogen mit dunkler Schokolade. Ein Bonbon stecke ich sofort in den Mund, das ist mein kleines Highlight, das ich mir gönne.

Es nieselt, das gelb-braune Laub flattert von den Bäumen auf den Weg, während ich die Schröderstiftstraße hinunterlaufe. Trotzdem bleibe ich stehen.
Wie geht es Dir?, frage ich und schaue mich an.
Gut, antworte ich. Mir geht es gut.
Da ich weiß, dass ich ehrlich zu mir bin (alles andere macht auch keinen Sinn), bin ich zufrieden mit der Antwort, immerhin war es ein turbulenter Tag.  Ich biege zum Psychologenhaus ab.

Auf diesen Abend habe ich mich gefreut, auf die Stille des Meditationsraumes, den Blick aus dem Fenster in den verwunschenen Garten, den Klang meiner tibetischen Schale, auf C., die mir Äpfel aus ihrem Garten versprochen hat, auf J., der trotz Kniebeschwerden zum Meditieren kommt, auf das Loslassen, den Tag den Tag sein lassen, das Gewesene das Gewesene, das Kommende das Kommende, die Gedanken davonziehen lassen und auf den Atem achten, das einzige, was uns im Hier und Jetzt halten wird.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Meditation ✔️
Mittwoch: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: 10.399 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

11.10.2019

Buchtipp

„Lassen bedeutet für mich: Loslassen, heiter gelassen sein, zulassen, sein lassen, laufen lassen! Dem Leben seinen Lauf lassen, dankbar annehmen, akzeptieren, nicht mit aller Kraft versuchen, die Kontrolle zu behalten und alles mit Gewalt in jene Richtung zu lenken, welche der Verstand vorgibt. Das Gehirn hilft oft nicht. Das Gehirn hindert mich oft.“

Alex ist gesund. Glaubt er jedenfalls. Bis eines Tages bei ihm Hodenkrebs diagnostiziert wird. Ein sensibles Thema, über das Mann nicht gern spricht.
Alex geht seine Krankheit pragmatisch an, plant nebenbei seine berufliche Selbstständigkeit, jobbt, macht sich auf die Suche nach seinem Vater und ist immer auf Achse.

Als er zwei Jahre später Schmerzen im Oberarm bekommt, ignoriert er diese, bis sie unerträglich sind und sich der Arm nicht mehr bewegen lässt. Zwei Jahre nach der Erstdiagnose ist der Krebs zurück: ein großer Tumor befindet sich im rechten Oberarmknochen.

Alex stellt sein Leben auf den Prüfstand und auf den Kopf.

In „Wie ich dem Tod in die Eier trat“ wird aufgezeigt, wie unterschiedlich man mit dem Thema Krebs umgehen kann. Spricht man darüber? Oder schweigt man? Was genau bedeutet eigentlich Leben? Und welche Heilmethoden machen Sinn?

Mein Fazit: ich habe das Buch sehr gern gelesen, war erstaunt, was es so alles gibt (in der vielfältigen Welt der Heiler), war berührt über die Offenheit des Autors und interessiert, wie er mit dem Thema Krebs und Kommunikation umgeht (anders als ich es für mich entschieden habe). Auf alle Fälle freue ich mich sehr, dass Alex, den ich vor 2,5 Jahren beim Bloggen kennen gelernt und auch in Wien getroffen habe, seinen Weg für sich gefunden hat. Denn ein einschneidendes Erlebnis wie eine Krebsdiagnose birgt auch die Chance, sein wahres Leben zu entdecken.

Alexander Greiner „Als ich dem Tod in die Eier trat“ – Euro 22,-, Hardcover, ist im Verlag Kremayr-Scheriau erschienen.

 

(ist ein Buchtipp eigentlich Werbung? Nicht sicher…also setze ich besser ein „unbezahlte Werbung“ hinzu)

 

03.10.2019

Israel-Westjordanland

Was macht Mut?

Über diese Frage werde ich die nächsten Tage genauer nachdenken.
Was macht mir Mut?
Wie mache ich Anderen Mut?

Der Oktober ist offiziell Brustkrebs-Monat.

Am Dienstag, den 29.10.2019 um 19.30h, findet in Hamburg im Hotel Gastwerk eine Veranstaltung statt, die von der Stiftung Mammazentrum Hamburg organisiert wird.
Thema: Aufklärung und Mut machen!
Bei der moderierten Veranstaltung werden Ärzte „meines“ Krankenhauses zu Wort kommen, genauso wie Betroffene. Eine davon bin ich. Deshalb mache ich mir schon mal etwas Gedanken zum Thema Mut. Und freue mich auf einen spannenden Abend.

Das Programm wird künstlerisch unter anderem von der Schirmherrin der Stiftung, der Schauspielerin Barbara Auer, begleitet.

Interessierte können sich über die Stiftung Mammazentrum Hamburg per email anmelden. Wer also Interesse hat und in Hamburg ist….vielleicht sehen wir uns.

17.09.2019

Epilog: was bleibt.

Ich habe das Nordpolarmeer gesehen.
Ich habe die Nordlichter beobachtet, die am schwarzen Himmel tanzten und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen liessen.
Ich habe die klare Luft gefühlt, kalt und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zog.
Ich habe die Gischt im Gesicht gespürt, kühl und frisch, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis geglitten sind.
Ich habe die Wale gesehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchten, bevor sie wieder in der Tiefe verschwanden.
Ich habe die Eisbären gesehen, „white and fluffy“.
Ich habe die Gletscher und die Eisberge bestaunt, die in unendlich vielen Blautönen geglitzert und unseren Weg in die Kälte gesäumt haben.
Ich habe am Tag die helle Sonne gesehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich habe mich auf den Weg gemacht.

Ich habe neue Freunde gefunden.

Und ein chinesisches Familienmitglied bin ich auch geworden…

– Ende –

Nachtrag
Email von D:
…You will be happy to know that I am fully unpacked and am now ready to pack again to leave for California on Thursday!
Thank you for being such a good, kind and patient roommate
🤗 Fond memories! Take care“

16.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 11

Am nächsten Morgen, wir laufen aufgrund des Unwetters mit vier Stunden Verspätung in Reykjavik ein, erfahren wir, dass A. aus Kalifornien in der Kabine gestürzt ist und zwei Passagiere mitsamt ihren Stühlen im Restaurant umgekippt sind.
Auch unser Tisch war am letzten Abend spärlich besetzt, die Stimmung verhalten. Den Abschiedsabend hatten wir uns anders vorgestellt.

Um 4.00h morgens steht D., die eigentlich erst um 9.00h auschecken muss, mit mir an der Gangway. Sie singt mir ein amerikanisches Lied vor, das man Kindern zum Trösten vorspielt, damit sie beim Abschiednehmen nicht weinen.
Wir umarmen uns, vergiss nicht zu packen, sage ich, D. aber steht an der Reling und ruft meinen Namen und winkt, bis ich endgültig im Bus, der mich zum Flughafen bringt, verschwunden bin.

15.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 10

Unser letzter Landausflug geht in das kleine isländische Fischerdorf Suoureyri mit 240 Einwohnern. Eine Premiere: hier ist noch nie ein Schiff mit Passagieren angekommen. Die Fischer haben ihre Boote umgeparkt, damit unsere Zodiacs Platz am Anleger haben. Und so wird in dem kleinen Dorf morgens um 8.15h Fisch für uns gekocht (ich setze aus),  dann geht es zur Besichtigung der ortseigenen Fischfabrik (ich setze aus), es gibt Fischfrikadellen (ich setze aus) und zu guter Letzt noch getrockneten Fisch zu probieren (ich setze aus).

D. (zur Erinnerung: 76 Jahre alt) ist begeistert; sie war im ersten Zodiac beim Anlanden und im letzten, als es aufs Schiff zurückgeht. Ich frage mich, wo sie ihre unglaubliche Energie hernimmt. Allerdings brauchen wir diese, da wir mal wieder ihren Zimmerschlüssel suchen.

Auf der Brücke – neben dem Jakuzzi an Deck 5 mein Lieblingsplatz – werde ich fröhlich begrüsst, man kennt mich hier schon, ich komme täglich vorbei, und ausserdem habe ich die Wale gesichtet.
5 Meter hohe Wellen mit Windstärke 8 stünden uns bevor, die gesamte Strecke zurück nach Reykjavik.

Die Expeditionsleitung mahnt uns, unsere Seekrankheit-Tabletten einzunehmen und unverzüglich die Koffer zu packen; wenn es erstmal stürmt, würde das Packen schwierig werden.

Ich bin in 15 Minuten fertig mit meinem Gepäck; als ich wieder in die Kabine komme, sieht es allerdings aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. D. packt nicht, D. sitzt vorm Spiegel und tuscht sich seelenruhig die Wimpern. Ob ich ihr beim Packen helfen solle, frage ich. Sie sei so gut wie fertig, kommt als Antwort und das Chaos ignorierend, ausserdem müssten wir jetzt die Präsentation des Bordfotografen in der Lounge verfolgen.
Wir machen uns auf den Weg in die Lounge, die Sea Spirit schaukelt vor sich hin.

Nach der Präsentation bleibt unsere Clique sitzen und tauscht Adressen aus. Wir wissen nicht, dass wir uns in diesem Moment zum letzten Mal sehen werden.

Der Sturm nimmt zu. Fasziniert blicken wir aus unserem Kabinenfenster, an das die Wellen krachen, mal scheinen wir unter Wasser zu sein, mal sehen wir nur den Himmel, wir schweben, wir fallen krachend in die Tiefe. D.s Noch-Nicht-Kofferinventar trudelt und fliegt durch die Kabine. Mit dem Captains Dinner wird das nix, sage ich, als ich auf allen Vieren ins Badezimmer krieche.
D. stimmt mir zu, safety first, wir bleiben auf den Betten liegen und lassen uns grüne Äpfel und Cracker bringen. Tut uns auch mal ganz gut, meine ich, nach den unzähligen Kuchen, Waffeln, Cremes und Crepes.

Ansage von der Brücke: das Captain Dinner fällt aus, ausserdem würden wir nach Backbord drehen, es würde noch stürmischer werden. Die Passagiere mögen bitte sicher sitzen oder noch besser: im Bett liegen. Das Herumlaufen auf dem Schiff wird verboten.
Wir machen das richtig, ruft D. unter ihrer Bettdecke hervor, während die Sea Spirit ächzt und sich durch die Wellen kämpft.