Heute bin ich Covergirl

…bei den Mammomädels (Kooperationsgemeinschaft Mammographie), in der Social Media-Kampagne zum Brustkrebsmonat Oktober.

Grundsätzlich geht es um Selbstliebe. Wer sich mag, gibt acht auf sich.

Ich bin Anja. Im Februar 2017 bekam ich die Diagnose beidseitiger Brustkrebs. Eine Diagnose, die das Leben still stehen lässt. Eine Diagnose, als sei man ohne Vorwarnung mit Vollgas gegen eine Wand gefahren.

Ich habe die Erkrankung als Warnung verstanden, meinen Lebensstil zu überdenken und zu optimieren.

Gib acht auf dich: das Motto der @Mammomädels habe ich verinnerlicht. Vor- und Nachsorge sind extrem wichtig: für Frauen von 50 bis 69 Jahren wird zur Brustkrebsfrüherkennung das Mammographie-Screening angeboten. Nehmt das gern Angebot wahr. Es kann Euer Leben retten.

Auch wenn der Oktober der Brustkrebs-Awareness-Monat ist, ist Brustkrebs für mich als Betroffene jeden Monat, jede Woche und jeden Tag präsent. Auch das hat etwas mit „Gib acht auf dich“ zu tun: zur Vorsorge gehört für mich Bewegung: ich mache täglich Sport, was das Risiko auf ein Rezidiv reduziert. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich achte auf meine Ernährung. Ich achte darauf, Stress zu vermeiden.

Ich gebe acht auf mich. Weil ich mich mag. Weil ich nur diesen einen Körper habe. Weil ich noch viel erleben möchte. Und weil ich noch lange fit und gesund sein will. Weil ich das Leben liebe.

Logbuch Brindisi – Tag 6

Kurze Version: pleite aber glücklich.

Lange Version: ich wandere ein letztes Mal am Meer entlang, sitze am Wasser, trinke einen frischen Orangensaft im Café und besuche ein letztes Mal die Kathedrale, die ich – genauso wie das grosse weisse Postamt – mittlerweile im Schlaf finde.

Mein Spaziergang endet vor dem Schaufenster des Optikers. Oh no! Panik. Dort, wo bis gestern noch mein Objekt der Begierde ausgestellt war, liegt nun eine andere Sonnenbrille. Ich schaue durch die Tür. Eine Kundin verabschiedet sich mit einem Päckchen in der Hand. Das kann doch nicht wahr sein. Ich stürme das Geschäft, bis gestern sei doch im Fenster diese Sonnenbrille…man schaut mich etwas verständnislos an, leider verstünde man kein englisch. Ich wiederhole auf italienisch, die Optikerin nimmt die Brille aus dem Fenster, nein, nein, ein Missverständnis, ich meine doch eine andere Brille, die dort eben nicht mehr ist. Die Optikerin zieht eine Kollegin zu Rate, zu Zweit durchsuchen sie Schubladen und Schränke, und dann finden sie das Objekt meiner Begierde. Erleichterung! Ich setze sie auf. Sie passt perfekt. Sie sieht perfekt aus. Perfetto, sagt die Optikerin. Ich frage nach dem Preis. Es ist der, den ich bereits im Internet recherchiert habe. Der Schock sitzt tief, was man mir ansieht. Man bietet mir einen Rabatt an. Puuuh. Man bietet mir einen weiteren Rabatt an. Immerhin 50 Euro weniger. Ich nehm die Brille, höre ich mich sagen.

Ich nehme die Brille ab, die Optikerin setzt sie mir wieder auf die Nase, um zu schauen, ob man sie anpassen müsse. Sie ist perfekt, sagen wir beide.

Ich darf aus verschiedenen Etuis wählen, bekomme zwei Brillentücher, eine weitere Box, die ich gleich dort lasse, in 15 Minuten holt mich das Taxi vom Hotel, das mich zum Flughafen bringt, jetzt muss ich mich beeilen. Mehr Shopping ist zum Glück nicht drin.

Pleite aber glücklich. Arrivederci, Brindisi!

Logbuch Brindisi Tag 4+5

Angekommen bin ich dann, wenn sich Rituale herauskristallisieren: der nachmittägliche Besuch der kleinen Gelateria, der Kauf von Obst und Gemüse im Supermarkt um die Ecke, der Aufenthalt am Pool an den Nachmittagen, das Innehalten an der Promenade am Meer, das selbstverständliche Bewegen durch die Gassen, das Beobachten des Geschehens um mich herum.

Gestern habe ich ein kleines blaues Boot beobachtet. Hier gibt es einige Boote, unter anderem eine Fähre nach Korfu. Da muss ich also genau aufpassen, auf welches Boot ich steige. Ich möchte auf die andere Seite zum Marine-Denkmal. Ich hole mir ein Ticket am grünen Automaten, vergewissere mich, dass ich hier richtig bin, und schon geht es los nach Korfu – Quatsch – zum Denkmal. Das ist dann auch sportlich, unzählige Stufen führen bis auf eine kleine Aussichtsplatform, die einen grandiosen Ausblick auf Brindisi im sanften Licht der Nachmittagssonne bietet.

Seit Tagen bleibe ich am Schaufenster eines Brillengeschäftes stehen. Schön sieht es aus, das Objekt meiner Begierde, so schön, dass es kein Preisschild hat, aber der Blick ins Internet verrät, dass es mein Budget weit überschreitet.

Ich gehe hinein. Ich halte der Optikerin meine alte Sonnenbrille hin, ob sie die reparieren könnten. Können sie. Sie möchte nicht einmal Geld dafür annehmen, vielleicht auch, weil es ein italienisches Modell ist. Ich wage nicht zu fragen, ob ich die Brille aus dem Schaufenster mal aufsetzen dürfte, was in diesem Fall auch besser sprich: vernünftiger ist.

Ein Eis stelle ich mir in Aussicht, als Kompromiss.

Morgen werde ich sicher wieder vorm Schaufenster landen. Es wird Zeit, dass ich abreise.

Brindisi – Logbuch Tag 3

29.09.2021

Tempio di San Giovanni, Palazzo Granafei Nervegna, Pontificia Basilica Cathedrale und Chiesa di San Benetto notiere ich mir beim Frühstück. Über diverse andere Sehenswürdigkeiten bin ich bereits per Zufall gestolpert oder sie befinden sich ausserhalb meines Radius.

Ich beschliesse, mein Handy zur Navigation zu nutzen, um zumindest das eine oder andere wirklich zu finden. Rechts aus dem Haus, die Strasse hinunter, dann durch die nächste Gasse und ums Eck, und schon stehe ich überraschenderweise vor dem grossen weissen Postgebäude, in dem ich gestern einige Zeit verbracht habe. Ich marschiere weiter, noch ist es früh und die Sonne angenehm und tatsächlich finde ich den Tempio di San Giovanni. Ein Italiener spricht mich an, ob er mich davor fotografieren solle, molto gentile, ma no. Die Dame am Eingang möchte meinen green pass sehen. Meine apps zeigen meine Covid-Zertifikate allesamt in blau an, aber verwandeln sich in den green pass, als der QR-Code gescannt wird. Ich darf eintreten. Rotunde, alte Gemäuer und ein Garten mit Blumen, Sträuchern, Brunnen und Olivenbäumen, eine kleine Oase inmitten der Mauern.

Auf dem Weg zum Palazzo treffe ich wieder den Italiener, ob er ein Foto…molto gentile, ma no. Ich frage ihn, wo der Palazzo liegt (anderswo als mir mein Handy anzeigt) und gehe meines Weges. Wieder werden meine Zertifikate gescannt, wieder darf ich eintreten, und wieder mal habe ich mich gar nicht informiert, wo ich gerade gelandet bin. Der Palazzo scheint eine Mischung aus Behörde (ich lande prompt in einem Büro), Studienzimmer, Ausgrabungsstätte und einer Kunstausstellung zu sein. Ich schaue mir alles an und finde sogar wieder hinaus.

Zum Tempio di San Giovanni sollte ich gehen, meint ein Italiener. Ich werde hier permanent angesprochen, vermutlich, weil ich der einzige Tourist in Brindisi bin. Da käme ich gerade her, ich möchte zur Kathedrale. Auch diese finde ich (hurray!), und ausserdem davor Soldaten, Polizei, Marine, Feuerwehr, die Hundestaffel, Einsatzfahrzeuge…und zwei weisse Wagen, auf denen was mit „sangue“ steht. Blutspenden, vermute ich, diesmal spreche ich einen Italiener an, ob man in die Kirche dürfte. Darf man.

Die Sonne steigt höher. Ich marschiere weiter zur Chiesa di San Benedetto. Hat geschlossen. Macht nichts. Gehe ich halt in die Angeli, an Kirchen mangelt es hier nicht. Einen Briefkasten bräuchte ich, aber die sind lt google rar gesät.

Ich lese am Pool, gehe in „meine“ Gelateria, esse wieder ein leckeres Hazelnusseis und trinke Cappuccino, steuere zielstrebig das Postgebäude an (alle Wege führen zur Post!) um die Karten zu verschicken, spaziere zum Hafen und von hier aus zur Kathedrale, in 200m sollte sie erscheinen, aber ich schaffe es, mich zu verlaufen, auch wenn das Ziel ums Eck liegt. Der Menschenauflauf vom Morgen ist verschwunden. Ein paar Vögel kreisen über der Kirche.

Heute werde ich eine Nachtwanderung machen.

Brindisi – Logbuch Tag 2

28.09.2021

Ich habe nichts geplant. Ich lasse das Frühstück stehen – da werden die Italiener und ich keine Freunde – und verlasse mein Haus. Hinunter an den Hafen, mal schauen, ob man das Hafenbecken umrunden kann, das Wasser schwappt dort an den Kai, die Sonne scheint. Schnell merke ich, dass die Entscheidung, den Rock aus- und die Jeans anzuziehen, falsch war. An Segelbooten und kleinen Yachten vorbei, hier und da ein leeres Café an der palmenumsäumten Promenade, ich gehe weiter, bis es nicht mehr geht. Maritimes Militärgebiet, Mauern mit Stacheldraht und ein hohes Tor versperren den Weg. Eigentlich sollte da auch eine Burg liegen. Ich stehe unschlüssig vor dem Tor, die Marinesoldaten mag ich nicht ansprechen. Ich trete den Rückzug an.

Wäsche flattert vor den Fenstern der gelbfarbenen Häuser, zwei Kochtöpfe stehen auf einer Fensterbank, in der Schule hört man Kinder singen, die Sonne scheint jetzt unbarmherzig auf mich herab. Spontan entschliesse ich mich, ins archäologische Museum zu gehen, ein Platz, an dem es erfahrungsgemäss gut gekühlt ist.

Vor 20 Stunden habe ich mich über die Küche in meinem Domizil echauffiert, nun stehe ich dort und bereite mir einen Salat zu.

Die nächsten Stunden verbringe ich am und im Rooftoppool, dann geht es in eine Gelateria.

Ich kaufe Postkarten. Briefmarken gibt es nicht im Tabakladen, da müsste ich zur Post. Ich laufe zur Post. Aha! Der aufmerksame Leser wird irritiert sein, wie ein Orientierungslegastheniker nun zielstrebig die Post ansteuern kann. Und ja, das geht; die Post liegt nämlich gegenüber des Tabakladens.

Habe ich mich bisher gewundert, dass es so gut wie keine Menschen in Brindisi gibt: hier sind sie also allesamt versammelt. Voll ist es in der Post, ich muss eine Nummer ziehen und warten. Und warten. Und warten.

Endlich wird meine Nummer aufgerufen. Ich sage, was ich möchte, der Beamte spricht kein Englisch. Ich wiederhole auf italienisch. Der Mann springt auf und verschwindet hinter der blauen Wand durch eine ebenso blaue Tür. Ich warte. Und warte. Das ist meine Aufgabe, denke ich: sich in Geduld üben. Sich nicht aufzuregen wegen Kleinigkeiten. Natürlich bin ich kurz davor, meine Wartenummer zu zerknüllen und die Post wütend zu verlassen, da kehrt der Beamte durch die blaue Wand zurück. Er setzt sich, nimmt eine Büroklammer und steckt die Marken sorgfältig zusammen. Dann erklärt er mir ausführlich, dass auf jede Karte zwei Marken gehören (was offensichtlich ist). Meine Geduld wird strapaziert, ausserdem muss ich auf Toilette.

Ich nehme die Marken, marschiere nach Hause, und wie gut, dass es hier eine Küche gibt, da mache ich mir gleich noch einen Salat.

Brindisi – Logbuch Tag 1

27.09.2021

Ich mag es, wenn der Flieger früh am Morgen geht. Dann nehme ich ein Taxi zum Flughafen. Es fährt durch die dunkle Nacht, die Strassen glänzen vom Regen, das orangefarbene Licht eines Einsatzfahrzeugs blinkt durch die Tropfen der Fensterscheibe, aus dem Radio ertönt Musik.

Mehrfach habe ich die letzten Tage Einreiseformulare bearbeitet; teils falsch ausgefüllt, teils neu ausgefüllt, da die Airline in letzter Minute meinen Sitzplatz geändert hat. Die Schweizer werfen einen kurzen Blick auf mein Handy mit dem Transit-Formular und winken mich durch. Na, das war ja einfach. In Brindisi steuere ich zwei Offizielle an, neugierig, was ich als erstes zücken muss: den Ausweis? Den Impfnachweis? Den Antigen-Test? Die Einreiseformulare für Italien? Oder die Einreiseformulare für Apulien? Die Offiziellen winken ab: nichts bräuchte ich vorzeigen. Ich bin verblüfft: sie scheinen genauso eine Abneigung gegen Formulare zu haben wie ich.

Mein Hotelzimmer entpuppt sich als grosszügig geschnittene Wohnung, die über zwei Etagen geht und über zwei Balkone, zwei Fernseher, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer mit inkludierter Küche verfügt. Eine Küche brauche ich nicht. Ich möchte lieber die Restaurants besuchen.

Besuchen tue ich erstmal die Dachterrasse mit Blick über die Dächer von Brindisi und einem kleinen Pool.

Ich schaue vor die Tür. Nicht, ohne erst zu testen, wie ich mit dem Plastikkärtchen wieder durch den Hauseingang zurückkomme, eine permanent besetzte Rezeption gibt es nämlich nicht. Verwinkelt sieht es aus, ich muss mich konzentrieren, denn ich bin Orientierungslegastheniker. Ich finde den Hafen, schlendere die Palmen-Promenade entlang, schön ist es hier und leer ist es hier. Überhaupt sehe ich so gut wie keine Menschen und erst recht keine Touristen.

Der Himmel ist grau. Wird es so früh dunkel in Italien? Oder wird es regnen? Ich öffne den Schirm und beschliesse, in das einzige geöffnete Restaurant zu gehen, ich sitze draussen am Hafen und esse den schlechtesten Caesarsalat meines Lebens.

Ich wandere zurück zum Corso Garibaldi, entdecke die Abzweigung (yeah!), die ich zu meinem Haus nehmen muss, biege aber in eine andere Gasse ein und betrete ein Reisebüro. Ausflüge in die Umgebung? Die Dame verneint, die gebe es nur im Juli/August. Ich spaziere wieder hinaus und in einen riesigen Supermarkt hinein (ich liebe es, im Ausland die Supermärkte zu durchstöbern), kaufe Obst, Gemüse, Brot und etwas Käse, schliesslich habe ich ja eine Küche.

Ich gehe auf den Balkon. Der Regen hat aufgehört. Der schwarze Himmel legt sich über die Strassen, die gelben Lampen gehen an, ein Hund bellt.

14.08.2021

Die Sonne steht tief und hüllt den Hamburger Dom in ein warmweiches Licht, das die Action und den Trubel langsamer erscheinen lässt.

Und wir?

Wir schlendern über das Gelände, inspizieren die Fahrgeschäfte (nein, da niemals rein, das da vielleicht, wer kommt mit in die Wildwasserbahn und wer geht in die rasende Schlange?), wir sitzen vorm Bierstübchen und essen und trinken, wir lachen und plaudern und hat das Riesenrad nicht ein neues Design?, wir essen und trinken noch mehr, fahren Karussell und quietschen, winken, fliegen mit dem Kettenkarussell durch den Abend und baumeln mit den Beinen, und dann, wie immer, krönen wir den Abschluss unseres Dombesuches mit der Fahrt im Riesenrad, hoch oben in der Gondel staunend über die Schönheit der Stadt, die winzigen Fussballer da unten im Millerntorstadion (Lokalderby HSV:Sankt Pauli), dahinten die Kräne des Hafens vorm rosanen Abendhimmel, dort blau-blinkend die Polizeiwagen, die sich für das Spielende bereitmachen, wir lachen und schweigen und geniessen den Abend, wie früher, fast so wie immer.

11.08.2021

Der Ausflug.

„Steuerbord! Nun Backbord!“, schallt es von der Rückbank. „Ihr seid nur Supernumerary und habt so gar nichts zu vermelden!“, rufe ich den beiden Kollegen, die im wirklichen Leben richtige Kapitäne sind, zu. Ich steuere, ich trete, also bin ich der Kapitän an Bord dieses Tretbootes.

Kapitän 1, mein Bürogenosse, hat bereits nach zehn Minuten seine Position als in die Pedale tretender und ins Steuer greifender Chief Officer wegen Rücken/Knie/Unfitness aufgegeben und mit dem Accountant halsbrecherisch den Platz gewechselt, der nun friedlich neben mir sitzt und gleichmässig mit mir das Tretboot vorwärts bewegt. „Was sollen bloss die Anderen denken, die uns sehen – drei Männer und eine Frau an Bord, die hier treten muss“, vermerkt Kapitän 2. „Was soll erst die Bootsvermietung denken, wenn sie das sieht“, entgegne ich. „Ich habe meinen Schwerbehindertenausweis als Pfand für die Tretboote abgegeben“.

Die Sprüche fliegen hin und her, während wir auf der Hamburger Aussenalster herumschippern, das Wetter ist perfekt für eine Bootstour, und ich gerate nicht einmal ins Schwitzen. Die heutige Fitnesseinheit ist hiermit ausserdem abgehakt.

08.07.2021

Unterwegs.

Aufgeregt (da Premiere), unsicher (wird die gecrashte Bandscheibe das mitmachen?), enthusiastisch (das bin ich meistens), neugierig (wie wird es mir gefallen?), balancierend auf dem Wasser (statt sonst schwimmend im Wasser), verschwitzt (da warm und sonnig), verschrammt (der Brombeerstrauch wollte nicht ausweichen) und glücklich!

Danke, liebe Su, für das tolle Einsteigertrainining (Fotos und Video: Su/Diagnose Leben)

25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

https://www.instagram.com/p/CQlytWiA3VE/?utm_medium=copy_link

23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.

20.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 4

Und jetzt kommt der Kracher: seit Jahren fahre ich regelmässig nach Madeira, ursprünglich inspiriert durch die Sissi-Szene, in der die Kaiserin aka Romy Schneider lungenkrank im malerischen Garten liegt und über die madeirensische Küste schaut, während der Franz ihr Blumen und Perlen schickt…und stelle soeben fest: die Madeira-Szenen wurden gar nicht hier, sondern an der Amalfi-Küste in Italien gedreht 🤯! Ich bin irrtümlich auf Madeira gelandet.

Da nun die Film-Sissi nicht durch Gärten des Reids gewandelt ist, bleibt es aber trotzdem bei der Original-Kaiserin Sisi (mit einem ‚s‘), die hier schon residierte, ebenso taten dies Winston Churchill, Gregory Peck, George Bernard Shaw und Roger Moore. Und in die Gärten nehme ich Euch jetzt trotzdem mit, Sissi hin, Sisi her…(Video im link)

Bin etwas ratlos, wie mir so ein fauxpas unterlaufen konnte.

https://www.instagram.com/reel/CQWT1cEIeIs/?utm_medium=copy_link

19.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 3

Einen Ausflug zum Jardim Botanico wollte ich machen, Blumen bewundern und mit Papageien plaudern. In der Altstadt wollte ich Mittag essen, an der Promenade längsspazieren bis hin zum Mercado dos Lavradores. Eine Tagestour für Sonntag wollte ich buchen, vielleicht einen Levadawalk, vielleicht zum Pico do Arieiro, an die Klippen von Sao Lourenco in den Osten oder nach Porto Moniz in den Westen. Oder vielleicht eine Tour mit dem Katamaran machen und Delphine beobachten; die flyer habe ich von der Rezeption, und gestern war ich in zwei Ausflugsbüros.

Und dann fällt mir ein: warum sollte ich mein Paradies verlassen?

Und ich schwimme im Meerwasserpool, beobachte die riesigen roten Krebse, lese auf der Liege und schaue auf’s Meer.

18.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 2

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal vor Aufregung nicht schlafen konnte.

Ich liege wach im Bett, die vielen Kissen und Decken knistern auf dem Boxspringbett, mein Blick fällt durch die weit geöffnete Balkontür auf die Häuschen der schlafenden Stadt, die sich – in gelbes Licht gehüllt – an die dunklen Berge schmiegen.

Ich ziehe die Gardinen nie zu; ich liebe es, auf die mediterranen Lichter der Strassenlampen zu schauen und dem Meeresrauschen zu lauschen.

Auch gestern Nacht – bevor es vier Stunden mit der Bahn und fünf weitere mit dem Flieger Richtung Madeira ging, konnte ich nicht schlafen. Ich, die Vielreisende, bin schlichtweg aus der Übung. Höchste Zeit, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fahrt nehme ich auch auf, als ich mein Hotel durchquere, das rosafarben auf einer Klippe über dem Meer aufragt. Es windet sich um Ecken bis hinunter an den Ozean, was für mich als Orientierungslegastheniker eine Herausforderung ist. So habe ich die ersten 4.000 Schritte des Tages im Hotel zurückgelegt, auf der Suche nach dem Frühstücksbereich (am Pool 1 und 2), der Rezeption und meinem Zimmer, ich stosse auf meinem Weg überraschenderweise auf die riesigen Gärten, von denen aus schon Kaiserin Elisabeth von Österreich und Sissi-Romy Schneider den Blick über das Meer schweifen liessen. Der Fahrstuhl in die achte Etage bringt mich nicht zu meinem Zimmer, das in eben jener Etage liegt. Der nächste Fahrstuhl führt überhaupt keine achte Etage, und wenn ich zum Frühstück möchte, muss ich verschiedene Fahrstühle und noch eine Treppe nehmen, nachdem ich durch lange Flure gewandert bin.

Ich schwimme im Meerwasserpool am Vormittag und im warmen Pool am Nachmittag, ich lese liegend unterm Sonnenschirm, mein Blick folgt Möwen übers Meer.

Logbuch Madeira

Prolog.

Ladies and Gentlemen, Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Sonne mal links und mal rechts von uns zu sehen ist. Das heisst nicht, dass wir uns verflogen haben, aber der Flughafen ist aufgrund von Sturm geschlossen. Mit uns kreisen noch vier weitere Flieger über die Insel, die nicht landen können.

Man weist uns ein zweites Mal auf die Safety Cards hin, die sich in der Tasche im Vordersitz befinden.

Dicht neben uns sehe ich die Berge, unter uns den blauen Ozean, auf dessen Wellen weisse Schaumkronen tanzen. Wir gehen tiefer, versinken in den grauen Wolken, es wackelt, der Motor dröhnt erst laut, dann wird es still.

Wie Sie bemerkt haben, mussten wir den Anflug abbrechen und wieder durchstarten, ertönt es aus dem Cockpit.

Ich erinnere mich an Chile, wo der Flieger ebenfalls kurz vor der Landung durchstartete, die spanischen Ansagen hatte ich nicht verstanden, aber durchs Fenster sah ich das kleine Flugzeug, das auf unserer Landebahn stand.

Im Südpolarmeer, in der Drakepassage, brach ein Kabinenfenster vom Sturm entzwei. Im Nordpolmeer bei Grönland toste ein Orkan, der uns ans Bett fesselte, aus dem wir fasziniert auf‘s schwarze Meer starrten.

Warum kannst Du nicht einfach eine Fahrradtour an die Ostsee machen, schimpfe ich mit mir, bevor mir ein „du scheisse“ entfährt. Um uns herum wird es grau.

22.03.2021

Der besondere Tag.

Heute ist ein besonderer Tag. Ich fühle mich ein bisschen als hätte ich Geburtstag. Heute vor vier Jahren standen wir in der Tiefgarage und verfrachteten meinen Koffer in das Auto, das mich ins Krankenhaus bringen sollte.

Ich hatte keine Angst. Im Gegenteil: ich habe mich gefreut.

Heute vor vier Jahren wurden zwei Krebstumore entfernt. Meine neue Zeitrechnung startete: es gibt nun ein „vorher“ und ein „danach“. Heute ist der Tag, an dem ich vier Jahre krebsfrei bin. Und gesund.

Das muss gefeiert werden. Heute treffe ich mich mit P. Wir werden ans Meer fahren und an den Klippen entlangwandern, in der Kälte und im Wind und das Salz auf den Lippen spüren. Wir werden lachen und den Tag geniessen.

Vor genau vier Jahren schrieb ich im Krankenhausbett einen Blogeintrag, der mit diesem Satz endete: „das Leben ist schön“.

21.02.2021

Zuhause.

Ich ziehe die Trainingsjacke aus. Ich ziehe das T-Shirt aus. Ich ziehe das Unterhemd aus. Der Schweiß läuft mir den Rücken herunter, während ich, nun im Bustier, mich boxend auf der Matte bewege.
Der Nachbar, der mit der Bierflasche in der Hand auf dem Balkon steht und neugierig zu mir herüberschaut, wird mit einem bösen Blick abgestraft, bis er in seiner Wohnung verschwindet, wo der Bildschirm des Fernsehers aufflackert.

Unterschätzt habe ich die Gabi und ihr Fitnessprogramm, dem ich jetzt auf YouTube folge. Kein Wunder, habe ich bisher das Morgengymnastik- und das Beckenbodenprogramm absolviert, die mir doch sehr angenehm erschienen. Nun bin ich bei der 21-Tage-Fitnesschallenge hängengeblieben, die gerade angelaufen ist und in 45-Minuten-Einheiten auf einem doch ganz anderen Level stattfindet. Da ich gestern den dritten Teil nur zur Hälfte absolviert habe, wird der fehlende Part heute nachgeholt, bevor ich mit Teil 4, dem Boxprogramm, starte. Ich schnaufe. Ich fluche. Ich werfe auch der Gabi einen bösen Blick zu, die sich natürlich nicht beeindrucken lässt. Aber da ich in absehbarer Zeit wieder ins Aussenbecken des öffentlichen Bades möchte, möchte ich auch in shape sein. Zumindest ein bisschen.

Heute Vormittag bin ich bereits durch den Hafen hinauf zum Hamburger Michel und weiter nach Planten un Blomen marschiert. Und heute Mittag bin ich mit Nims auf den Nanga Parbat geklettert, einem der 14 Achttausender, die er allesamt in sieben Monaten bezwungen und damit einen neuen Weltrekord aufgestellt hat. Für mich war die Besteigung zwar aufregend, aber nicht ganz so anstrengend, da ich dieser nur literarisch vom Liegestuhl aus beigewohnt bin. Trotzdem bin ich fasziniert von der Disziplin, der Fitness und dem positiven Mindset, das motiviert, das lässt mich das Programm mit der Gabi gleich viel ambitionierter angehen.

Das nächste Workout der 21-Tage-Challenge ist für straffe Beine, und das gefällt mir, die kann ich für das Schwimmen gut gebrauchen, genauso wie für die (mentale) Besteigung des Gasherbrum I, der als nächstes dran ist.

Es wird kühl. Ich ziehe das Unterhemd an. Ich ziehe das T-Shirt an. Ich ziehe die Trainingsjacke an. Der Berg ruft.

07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

22.11.2020

Was bleibt.

Was bleibt, ist der riesige Holztiger, der an der Balkontür wacht. Mir fällt auf, dass er nach Westen schaut; eigentlich müsste er nach Osten schauen, zum Sonnenaufgang, wie an jedem Tempel, an dem er in buddhistischen Ländern sitzt.

Was bleibt, sind die Tiger im Bücherregal, Tiger in der dunklen Vitrine, Tiger aus Holz, Marmor, Sandstein und Kupfer und die mich anschauen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Von jeder Deiner Asienreisen hast Du mir einen weiteren Tiger mitgebracht.

Was bleibt, ist der riesige Bildband, den Du für mich zusammengestellt hast, mit hunderten Tigern, die Du in Myanmar für mich fotografiert und täglich geschickt hast. Dieses Jahr hast Du mir das Buch anfertigen lassen. Mit goldenen Schriftzeichen auf dem Cover.

Dafür würde ich Dich glatt heiraten, sagte ich zu Dir, berührt von so viel Aufmerksamkeit. Natürlich haben wir darüber gelacht, denn wir beide wussten, dass Du Dir aus Frauen nichts machst.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die verregnete Wanderung über Stock und Stein an der Levada entlang, auf Madeira. Und an Deinen verängstigten Blick, als wir auf dem gläsernen Vorsprung des Cabo Girao standen, einer der höchsten Steilklippen Europas.

Was bleibt, sind die vielen lustigen Schlagabtausche, die wir uns geliefert haben.

Hast Du gehört, dass C. verstorben ist?, fragt mich N. Ich bin entsetzt, ungläubig, nein, woher sie das wisse, ein Nachruf eines Bekannten auf Facebook und dann die Gewissheit, als sie eine Traueranzeige aus der Süddeutschen Zeitung schickt: Dr. med. C.H., plötzlich verstorben.

Was bleibt, ist das Gespräch mit N., die ich nur virtuell über C. kenne und mit der ich mich aus der Ferne angefreundet habe: viele traurige Details und die Erkenntnis, dass C. ein Einzelgänger war, der seine Probleme hatte. Wer aktuell am Reisen planen ist und sich eine neue Kamera kauft, wird nicht…aber wer nicht auf sich achtgibt – und das tut man nicht, wenn man sich nicht selbst liebt – der kann an vielem versterben. Wir wissen es nicht. Wir werden es wohl nie erfahren. Und so weinen wir, als wir an die wohl letzten Momente denken.

Was bleibt, ist eine Lücke. Was bleibt, ist die Leere. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir auf uns achtgeben müssen. Auch auf uns selbst.

17.11.2020

Anker.

Hört ihr mich?, ruft unser Lehrer. Zumindest vermuten wir, dass er das ruft, wir jedenfalls hören ihn nicht.

Wir, das sind die Mitstreiter der dienstäglichen Meditation-Class und ich, jeder für sich zuhause und trotzdem alle zusammen, zumindest virtuell.

K. hat als Hintergrund ein Gebirge ausgewählt, das halb in der Sonne und halb im Schatten liegt. N. sitzt im All, hinter ihm ist ein Planet auszumachen, durch eine Bildstörung scheint dieser einem permanenten Steinschlag ausgesetzt zu sein. D.sitzt anscheinend in einer Abstellkammer, um ihn herum türmen sich Regalwände, das Licht ist grell. Unser Lehrer, den wir nicht hören, der aber weiterhin spricht, hantiert an der Technik herum und erscheint mal kopfüber und mal seitwärts auf dem Screen. Endlich klappt es mit dem Ton. Dafür sehe ich von Planeten-N. nur noch den Oberkörper, von Gebirge-K. nur noch den Kopf, es scheint, als ob K.’s Kopf auf N.’s Oberkörper sitzt, was mich an ein Kartenspiel aus Kindertagen erinnert, bei dem man dreigeteilte Figuren immer neu zusammenfügen konnte.

Nach diesem amüsanten Vorspiel kann die Meditation starten. Ich bin die einzige Frau in der Runde, stelle ich fest, und die einzige, die einfach auf nem Kissen im Wohnzimmer sitzt.

Heute tauchen wir mit dem Zeitstrahl in die Tiefe der Stille ein, die nur von den Worten unseres Lehrers unterbrochen wird. Den Koffer mit der Vergangenheit stelle ich rechts von mir ab, den Koffer mit der Zukunft links. Nun gibt es nur noch das Hier und Jetzt und meinen Atem. Und K., der nach einer halben Stunde wie von Zauberhand in der Gebirgswand verschwindet. So skurril das alles ist, ist es doch ein Anker in einer gerade noch skurriler anmutenden Welt.

Und weil ich meine Welt vermisse, gibt es zu diesem Beitrag ein Bild aus guten Tagen. Vom See Genezareth, von den Golanhöhen aus fotografiert.

07.11.2020

Sintflut.

Der Regen rauscht auf mich herunter, immer stärker und stärker, ich ziehe den Kopf ein und versuche gleichzeitig, den Fluten, die über den Gehsteig fliessen, auszuweichen.
Trotzdem gehe ich weiter, dicht an den Wänden der rotgeklinkerten Häuser entlang, in einigen Fenstern brennt ein Licht, während ich die Dunkelheit durchstreife und mir der Regen die Stirn und die Nase hinunterläuft.

Ein Torbogen taucht auf, die alten Lampen erhellen die Treppenstufen, wie am Montmartre in Paris, denke ich, doch statt der weißen Sacré Coer ragt vor mir der Hamburger Michel auf.
Auf den Turm würde ich jetzt gern steigen, ich stelle mir vor, wie der Pastor – ein Verwandter von mir – heimlich den Zugang gewährt und ich die Stiegen nach oben steige, höher und höher, die riesigen Glocken unter mir lasse und dann über Hamburg schaue. (da ich aber lausig in der Pflege von verwandtschaftlichen Beziehungen bin, bleibt das bei dem frommen Gedanken).

Ich betrete den Michel. Vorne steht tatsächlich ein Pastor, ob es mein Verwandter ist, erkenne ich aus der Ferne nicht. Zwei Betende sitzen in den Reihen, ich bleibe an der Tür stehen. Orangene Rettungsringe hängen an der Balustrade, als würden sie auf Seefahrer warten, die in Seenot geraten sind, doch hier stehe nur ich, triefend und durchnässt, als würde ich gerade der Elbe entstiegen sein.
Ich bin nicht gläubig, aber ich mag die Stimmung in der Kirche, die Ruhe und die Festlichkeit; und der Michel ist ein Anker, der fest und sicher der stürmischen Nacht standhält.

Als ich wieder hinaustrete, stelle ich fest, dass meine Turnschuhe durchweicht sind. Auch die Regenjacke ist nur noch eine Jacke, der Regen rinnt den Nacken hinunter. Die Strickjacke unter der Jacke wird immer schwerer, das Taschentuch in der linken Tasche ist ebenfalls durchweicht, nur die Schokosalmis, die in der kleinen Plastiktüte in der rechten Jackentasche stecken, scheinen trocken geblieben zu sein.

Ich wandere weiter zum Baumwall hinunter, sehe Licht im Fenster einer Bekannten, klingeln tue ich aber nicht, denn ich sehe schon vor meinem inneren Auge den See, der sich um meine Füsse bildet, wenn ich jetzt anhalten täte.

Ich überquere eine Brücke, jetzt bin ich wieder in Paris und an der Seine, vor mir blinkt der Eiffelturm, mal grün, mal blau, blink, blink, er blinkt hier wirklich, allerdings auf dem Dach eines Wägelchens, das Crepes verkauft, an wen in dieser verregneten Nacht, bleibt unklar.
Ein Angler kommt mir auf der nächsten Brücke entgegen, seine Regensachen glänzen genauso wie meine, er zieht die Mütze tiefer in die Stirn.

Über eine Stunde war ich unterwegs, Bewegung muss sein. Und eine heisse Dusche auch.

Nachtrag:
ich kann das ganze Jahr über draussen schwimmen, ohne krank zu werden.
Ich kann eine einzige Wanderung durch den Regen machen, und fange mir eine Erkältung ein.

Nachtrag 2:
Der Fitnessrückblick der Woche entfällt (aus gegebenen Anlass).

29.10.2020

Schlecht.

Schlechte Nachrichten, werde ich im Gym vom Quälgeist Motivator begrüsst. Ich weiss, antworte ich. Heute ist das letzte Training. Und dann geht es in den Lockdown.

Das macht mich so traurig, dass ich nach dem Gym zum Lieblingsbäcker laufe und mir zum Trost ein Stück Schmandkuchen kaufe.

Und da ich morgen wieder traurig sein werde, da das vorletzte Mal Schwimmen ansteht, habe ich für morgen noch ein Stück Käsekuchen mitgenommen.

Ich werde schon vor dem Lockdown dick.

Doofes Covid.

27.10.2020

Kein Zweifel.

„Dann hat mich das Leben ja doch lieb“, sagt mein Lehrer. „Natürlich hat es das, daran darfst Du nie zweifeln“, antworte ich, und freue mich mit ihm über die gute Nachricht.
Und dann meditieren wir und lauschen in die Stille.

18.10.2020

Die Dame von Instagram

„Sind Sie die Dame von Instagram?“ Ansprechen tut mich eine asiatische Schnellschwimmerin in der Dusche des öffentlichen Bades am Mittwoch Abend.
Erst bin ich irritiert, dann aber freue ich mich, als sie meinen Accountnamen nennt und mich ob der schönen Texte und Bilder lobt. Später mache ich sie auf der Aussenbahn aus, und wie ich schon vermutet hatte, zieht sie schnell und elegant ihre Bahnen in der dunklen Nacht, die nur von den hellen Strahlern, die im Aussenbecken sind, erleuchtet wird.
Ich liebe diese Abendstimmung, auch wenn es mir eigentlich zu spät zum Schwimmen ist und ich Aktenzeichen XY verpasse.

Am Sonntag stoße ich unsanft auf einen Widerstand, als ich in Rückenlage das Becken – nun zur Mittagszeit – durchquere. Ich drehe mich um, aber statt gegen einen Mitschwimmer bin ich an die Wand am Ende der Bahn geschwommen. So schnell war ich noch nie auf der anderen Seite des 25-Meter-Beckens. Oder anders ausgedrückt: fasziniert habe ich in den Himmel geschaut, der impressionistisch anmutet. Wolkenschleier in verschiedenen Grautönen bedecken den Himmel, die Sonne erhellt die Wolkenfetzen, kann sich aber noch nicht recht durchsetzen. Das ändert sich am Nachmittag, wo sie sich klar vom blauen Himmel abhebt, der sich im Wasser spiegelt, in das die gelb-goldenen Blätter der umliegenden Bäume flattern. Heute schwimme ich nämlich morgens und nachmittags: mittendrin relaxe ich in der Sole, lasse mich im warmen Salzwasser treiben und genieße einen Smoothie und mein Buch in einem Korbsessel.

Ausserdem habe ich – und ein irritierter Kampfschwimmer – festgestellt, dass ich mit brustschwimmenden Schnellschwimmern fast im Tempo mithalten kann. „Fast“ nur deshalb, weil ich es nicht mag, mit dem Kopf im bzw. unter Wasser zu schwimmen. Ausserdem trage ich nicht das windschnittige Outfit, an dem man die Kampfschwimmer sofort erkennt. Denjenigen, die elegant und schnell wie ein Pfeil durchs Wasser gleiten, schaue ich gern zu. Noch lieber schaue ich allerdings in den Himmel und die Bäume und freue mich über das Glitzern des Wassers.

Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Taiji ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

01.10.2010

friendly reminder.

Heute ist Weltbrustkrebstag. Und ich freue mich, dass ich immer noch hier bin.

2017 bin ich an beidseitigem Brustkrebs erkrankt. Ich kann nur jedem raten: geht zur Vorsorge. Nehmt Mammografieangebote wahr. Bleibt dran, auch wenn man Euch für zu jung für Brustkrebs befindet. Achtet selbst auf Euch, und das jeden Tag: nicht nur einmal im Monat zum Abtasten, nicht nur bei den Nachsorgeterminen; Ihr könnt selbst aktiv jeden Tag etwas für Eure Gesundheit tun: regelmässig Sport, gesunde Ernährung und Meditation helfen Euch, gesund zu bleiben bzw. Rezidiven vorzubeugen. Und selbst aktiv sein, nimmt auch die Angst.

Gebt Acht auf Euch, und zwar jeden Tag.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

16.08.2020

Go!

Ich mag es, wenn meine Fingernägel hell im Wasser leuchten und meine Haut viel brauner wirkt, als sie es eigentlich ist, während ich brustschwimmend durch das Aussenbecken meines öffentlichen Bades gleite. Es ist 7.45h. Die Sonne kommt hinter den Bäumen hervor, noch wärmt sie sacht und taucht das Freibad in ein sanftes Licht.

Der Delphin-Schwimmer, der auch gestern früh schon mit mir im Becken unterwegs war, hat Brötchen dabei und trinkt mit den Bademeistern am Beckenrand Kaffee. „Den muss man sich hier verdienen„, ruft er mir zu, denn einen Kaffee, den hätte ich jetzt auch ganz gern. Ich erwidere nicht, dass ich diejenige bin, die vor ein paar Wochen als Einzige bei 17 (!) Grad geschwommen ist und schwimme noch etwas weiter.

Die Mitstreiter und Bademeister haben sich am Ende des Beckens positioniert und schauen gespannt zum Sprungbecken rüber: auf dem 10-Meter-Brett steht eine Frau. Sie geht zum Rand, geht wieder zurück, bleibt stehen, ihre Unschlüssigkeit ist bis zu meinem Becken zu spüren, das wird nichts mehr, denke ich, und schwimme weiter. Zwei Bahnen später schaue ich wieder hinüber und sehe, wie sie den Turm hinuntersteigt.

Ein circa 6-jähriger Junge, der mit im Becken planscht, ist aufgeregt: auch er möchte springen, und zwar vom Drei-Meter-Brett, am besten sofort. Die Mutter rollt mit den Augen, er möge doch vielleicht erstmal den Sprung vom Ein-Meter-Brett angehen, doch der Enthusiasmus ist ungebrochen.

Ich gehe in „meine“ Umkleideschnecke, dann setze ich mich mit meinem Frühstück in die Sonne an das 50-Meter-Becken. Als ich zum Sprungbecken hinüberblicke, steht oben auf dem Drei-Meter-Turm der kleine Junge. Er schaut zum Rand, dreht sich um und klettert den Turm wieder hinunter, marschiert zum Ein-Meter-Brett, springt fröhlich drauf herum und dann ins Wasser. Ich bin beeindruckt vom Enthusiasmus und der Zielstrebigkeit, die dieser Knirps an den Tag legt. Kein Bedenkenträger, der aber auch fähig ist, eine Entscheidung zu überprüfen und zeitnah zu justieren.

Ich packe meine Sachen ein, drei Tage Schwimmen liegen hinter mir, und vor mir, da liegt die Idee, ab jetzt morgens vor der Arbeit um 6.30h im Aussenbecken meines öffentlichen Bades Bahnen zu ziehen und die Sonne aufgehen zu sehen. Und einen Kaffee zu trinken. Den habe ich mir nämlich verdient.

Fitness-Rückblick der Woche
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

note to myself: eine kleine Thermoskanne mit Becher besorgen und ab jetzt Kaffee zum Frühschwimmen mitnehmen

08.08.2020

Schnecke statt Schlange

Das Freibad ist ausverkauft. Kein Wunder bei der Hitze. Ich stelle mich in die Schlange vor der Umkleide (nur zwei Personen zur Zeit sind dort erlaubt), ich stelle mich in die nächste Schlange vor die Toiletten, ich überlege kurz, ob ich ins 50-Meter-Becken oder in „mein“ Aussenbecken des öffentlichen Bades gehe, und ja, genau das möchte ich, in „meinem“ Becken schwimmen, denn hier habe ich nicht nur die schönen alten Bäume im Blick, sondern auch meine Habseligkeiten, wenn ich meine Bahnen ziehe.

Kinder planschen herum, auch sie sind fröhlich, ich weiche aus, beschliesse, langsam (soooo schnell bin ich eh nicht) zu schwimmen und das lebhafte Treiben zu geniessen.
Als ich aus dem Becken steige, sehe ich von weitem die Schlange vor der Umkleide und den Toiletten und erinnere mich an die Umkleideschnecke, die ich neulich auf dem Gelände entdeckt hatte. Ganz unscheinbar unter den Bäumen steht eine zweite Schnecke, die sogar einen festen Holzboden hat, ich kreisele hinein, die Sonne scheint durch die Blätter auf mich hinunter, und eigentlich gefällt mir die Schnecke jetzt ganz gut. Schnecke statt Schlange.

Am Samstag um 07.25h bin ich wieder im Bad. Wieder zeigt das Schild am Eingang „ausverkauft“ an, aber es ist weitaus übersichtlicher als gestern Mittag. Ich ziehe meine Bahnen in der Sonne, das Wasser ist warm, nach 1.000 Metern plansche ich noch etwas am Beckenrand herum, dann steuere ich automatisch auf „meine“ Umkleideschnecke zu, da habe ich mich ja schnell dran gewöhnt. Ein Blatt fällt vom Baum auf mich hinunter, die Sonne huscht über die Haut. Ich schlendere zur Bank am 50-Meter-Becken, hole mein Frühstücksbrötchen aus der Tasche und schaue den Schwimmern zu.

Fitness-Rückblick der Woche
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

 

30.07.2020

Flugwetter.

Ich mag es, früh morgens mit dem Tag aufzuwachen. Durch die verglaste Fassade schaue ich vom Bett auf die Berge. Heute liegt Nebel am Fusse der Berge, die, in einen feinen grauen Schleier gehüllt, nun von der Sonne angestrahlt werden und das matte Grau in grüne Wiesen verwandelt.

Gestern waren die Berge klar zu sehen, es war ein warmer Sommertag. Und vorgestern, da lagen sie mystisch hinter Wolkenschwaden, die um die dunklen Berge waberten.

In zwei Stunden werden das Kind und ich an einem Abgrund in den Bergen stehen und, nur an einem Seil befestigt, eine 220m lange und 160m tiefe Schlucht überqueren/fliegen. Ich bin gespannt.

Die Sonne steigt höher und gibt einen sanften blauen Himmel frei. Gutes Flugwetter, denke ich.

27.07.2020

Ich stutze: war ich wirklich erst vor drei Tagen im Taiji-Camp? Jetzt liege ich im Bett und schaue durch bodentiefe Fenster über die Dachterrasse bis hin zu den Bergen. Schwarz heben sie sich vom grauen Himmel ab; es wird Nacht. Gestern sind wir erst in Österreich angekommen, und schon fühlt es sich an, als wären wir ewig hier. Ein gutes Zeichen. Dann ist auch die Seele mitgekommen.

Wir haben Wünschetage beschlossen: jeder darf einen Tag so gestalten, wie er es gern möchte; das Programm der restlichen Tage wird gemeinsam beschlossen. S. wünscht sich einen Wandertag in die Berge, mit Einkehr in Hütten und Zeit in der Natur. Ich wünsche mir einen Tag in Bad Gastein, das für seine Villen und Hotels aus der Belle Époque bekannt ist, die an Steilhängen gebaut wurden. Einen Wasserfall gibt es dort auch. Das Kind wünscht sich den „flying fox“, das ist ein Jump über die 160m hohe und 220m lange Dürnbachschlucht, bei der man nur an nem Seil befestigt ist (ich will es noch gar nicht so genau wissen, denn ich habe – im Gegensatz zu S. – sofort fröhlich zugesagt). Einen Besuch im Freibad wünscht das Kind sich auch, da bin ich doch gerne mit dabei (und freue mich insgeheim, dass ich dafür nicht meinen Wunschtag opfern muss, denn schwimmen, das mag ich sowieso).

Ich schaue auf die Berge, die Jalousien lasse ich auf, damit ich morgen früh die Bergwelt erwachen sehe.

24.07.2020

Retreat – Tag 6 (letzter Tag)

…wenn man am letzten Morgen etwas früher in den Trainingsraum kommt und der Lehrer am Klavier sitzt und spielt…I like the „wie geht denn das nochmal“ am Ende – das frage ich mich auch des öfteren beim Training…und irgendwie geht es dann doch immer weiter.

23.07.2020

Retreat – Tag 5

Ich beschliesse, meiner kann-ich-nicht-gut-Übung mit einem inneren Lächeln zu begegnen. Dadurch kann ich sie zwar nicht besser, aber ich lasse mich von ihr nicht mehr stressen.

Nicht nur in der dreistündigen Vormittagseinheit gibt es Varianten (nach dem Motto: schlimmer geht immer oder wo man überall Schmerzen spüren kann), auch die äusseren Begebenheiten wandeln sich: K. wirft ihren Pullover nicht wie sonst bei der vierten Stehenden Säule in hohem Bogen von hinten an mir vorbei auf die Bank vorm Fenster, sondern bereits bei Säule Nummer Zwei. Die drei Enten schauen erst in der zweiten Trainingshälfte vorbei, picken mit den Schnäbeln an die Türscheibe und schnattern vor sich hin.

Am Nachmittag marschieren wir wieder zur Wiese. Ich finde es faszinierend, wieviele kleine Geräusche es auf dem Weg durch Feld und Flur gibt, die zusammen eine Sinfonie ergeben.

Beim Dehnen des Hüftbeugemuskels (meiner nachmittags-kann-ich-nicht-gut-Übung) entdecke ich erst eine Wespe im Gras, dann eine riesige Spinne, zwei Grashüpfer und eine Ameise.

Wir machen ein schönes Gruppenfoto und beschäftigen uns die letzte halbe Stunde mit pushing hands, einer Partnerübung, die es bei Inneren Kampfkünsten gibt.

Ein letzter Rückweg durch die Felder, morgen ist der letzte Tag des Retreats.

22.07.2020

Retreat – Tag 4

Was ich mag.

Ich mag es, morgens kurz nach fünf von Vogelgezwitscher und Kaffeeduft aufgeweckt zu werden. Hinter den Bäumen, auf die ich von meinem Bett blicke, liegt der moosbedeckte Mühlenteich. Ich habe gut und tief geschlafen.

Ich mag es, noch ein bisschen wegzudämmern und um sieben vom Duft von warmen Brötchen endgültig wach zu werden.

Ich mag es, den Frieden in mir zu spüren.

Ich mag es, mich auf den Tag zu freuen, der wieder mit sechs Stunden Taiji und Meditation gefüllt sein wird. Und mit gutem Essen. Und sympathischen Menschen.

Ich mag den schweren Duft der orangenen Rosen, die am Haupteingang der Mühle blühen. Und ich mag die Schmetterlinge, die hier herumflattern.

Ich mag es, wenn die Sonne über die roten Johannisbeeren streift und die Gänse an die Glastür picken.

Ich mag es, auf der Wiese zu stehen und den Worten meines Lehrers zu folgen, der auch die Nachmittagseinheit mit einer Meditation einleitet, die uns darauf fokussiert, wo wir sind: im hier und jetzt. Auf einer grünen Wiese, umgeben von rauschenden Bäumen, summenden, brummenden und zirpenden Insekten. In der Nähe klopft ein Specht.

21.07.2020

Retreat Tag 3

Denjenigen, denen man erzählt, dass man Taiji praktiziert, schwingen wissend ihre Arme durch die Luft und drehen sich um die eigene Achse.

Diejenigen, die Taiji praktizieren, wissen, wie anspruchsvoll und anstrengend dieser Kampfsport ist, auch wenn es (in unserem Training) nicht um Kämpfen, sondern um Joint Loosening, Stehende Säulen, Formarbeit und innere und äussere Balance geht.

Am Vormittag folgen auf meine kann-ich-nicht-gut-Übung fünf verschiedene Stehende Säulen à fünf Minuten, das ist ambitioniert, die Beinmuskeln fangen ob der neuartigen Belastung an zu zittern; hinter mir wird das Atmen der Mitstreiter hörbar schneller, ab und an wird geseufzt (und leise geflucht?), kurzzeitig vergesse ich die drei Gänse, die wieder mit den Schnäbeln an die Glastür picken. Die roten Johannisbeeren am Strauch vorm Fenster liegen im Schatten, die wandernden Sonnenstrahlen habe ich heute nicht mitbekommen. Meine ganze Konzentration liegt in den Säulen und dem tiefen und langsamen Atmen.

Die dreistündige Nachmittagseinheit trainieren wir wieder auf der Wiese. Der Schattigen.

20.07.2020

Retreat – Tag 2

Stehende Säule mit Blick auf rote Johannisbeeren, die draussen im Garten am Strauch in der Sonne leuchten, die Sonne, sie wandert immer weiter; was eben noch im Hellen lag, liegt jetzt im Dunkeln. Drei Gänse picken neugierig mit ihren Schnäbeln an die Scheibe unseres Raumes. Ich bin angekommen in meiner Balance.

Eigentlich dachte ich, mich würde der Vormittag mit 3 Stunden Meditation, Stretchen, Dehnen und der Stehende Säule an meine Grenze bringen, tatsächlich war es dann aber der Nachmittag, der es in sich hatte.

Statt des Grossen Spiegelsaals, den wir für den Formennachmittag ins Auge gefasst hatten, marschieren wir durch Felder, Wiesen und Wälder, um endlich bei DER Wiese anzulangen. Allerdings bin ich abgelenkt von den vielen Grashüpfern, Fliegen, Wespen und Käfern, die um meine Beine schwirren, und Zecken, die gibt es hier auch. Von oben scheint die Sonne unbarmherzig auf den Kopf, und nach einer Stunde ist es vorbei mit der Balance. Meine Stimmung kippt.

Seit der Strahlentherapie bin ich ein Schnee- und Schattenmensch geworden, in der Sonne halte ich nicht lange durch. Bevor ich aber den Rückzug zur Mühle antreten kann, brechen wir auf zu einer anderen Wiese, die unter Bäumen liegt. Irgendwie sind hier auch weniger Insekten unterwegs, und so langsam finde ich in die Form und zu meiner Balance zurück.

Die spontan angesetzte Abendmeditation um 22h lasse ich ausfallen, da ich nach der Meditation immer frisch und munter bin, ich aber um 22.30h lieber tief und fest schlafen möchte. Statt Bodyscan-Meditation nehme ich eine Bodyscan-Dusche, um eventuelle Zecken aufzuspüren.

19.07.2020

Retreat – Tag 1

Wir sitzen im VW-Bus und fahren durch die Landschaft, weiter und immer weiter, um uns liegen Felder, Wiesen und Weite.

K. und ich unterhalten uns lebhaft, L., der hinten sitzt, döst vor sich hin.

Endlich erreichen wir die Mühle, die für die nächste Woche unser Rückzugsort sein wird. Inmitten im Grünen liegt sie, umgeben von zwei Mühlenteichen, die mit Moos überwuchert sind, überall blühen duftende Rosen, wir begegnen gackernden Gänsen und zwei Katzen und beziehen unsere Zimmer.

Um 16.00h gibt es Kaffee und Kuchen, und wir lernen unsere Mit-Retreatler kennen; insgesamt sind wir sechs Männer und vier Frauen, alle machen einen sympathischen Eindruck.

Dann folgt die Einführung über das, was uns erwartet: meine Vermutung, dass es anstrengend wird, scheint sich zu bestätigen. Gestartet wird mit einer Sitzmeditation, wir lassen es ruhig angehen. Das Abendessen nehmen wir draussen vor der Mühle ein; alles ist frisch zubereitet, viel Obst, Gemüse und Vollkornbrot, ich bin begeistert.

Ob wir noch Lust auf einen Spaziergang zu der Wiese machen wollen, auf der wir nachmittags trainieren werden? Klar haben wir das, T. bietet sich an, die Teller zurück ins Haus zu bringen und wird prompt vergessen, als wir uns auf den Weg machen (einen Weg gibt es nicht, wir marschieren über Feld und Flur). Grashüpfer springen durch die Wiesen, und irgendwann kommt dann auch DIE Wiese, über die sich ein sanftes gelbes Abendlicht legt.

Kannst Du die Bierflaschen mit reinnehmen, wir gehen T. suchen, fragt K. Den Trick kenne ich schon, sage ich und lache, bringe die Flaschen weg und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

18.07.2020

Logbuch: Taiji-Retreat

Prolog
Sonnencreme für die Sahara, Toilettenpapier für Tibet, Tankini für das Tote Meer, Nüsse für den Nordpol, eine Schneehose für den Südpol.

Diesmal packe ich stapelweise T-Shirts in den Koffer, Trainingsanzüge, Turnschuhe, einen Badeanzug (immer im Gepäck, vielleicht finde ich einen See) und ein Buch.
Diesmal geht es an kein äusseres Ende der Welt, diesmal geht die Reise nach Innen.

Ein Retreat ist ein Rückzug. Es geht um Loslassen, dem Entwickeln von Raum und Freiheit im Körper und um das Sinken. Auch das wird ein Abenteuer, aber auf andere Art und Weise: ich stiefele nicht auf 5.200 Meter durch ein Basecamp, aus dem sonst Bergsteiger auf den Gipfel des höchsten Berg der Erde aufbrechen, ich reite nicht verhüllt auf einem Kamel durch gelben Wüstensand, ich werde keine Gletscher kalben hören, umgeben von unendlich vielen Blautönen, die die Kälte an den Polen widerspiegeln.

Ich werde stehen und mit diesem Stehen zu einem Weg ins Innere aufbrechen, begleitet vom Duft der Blumen auf der Wiese, dem Geplätscher des Teiches, dem Rauschen der Bäume, dem Summen der Bienen, dem Zwitschern der Vögel.
(note to myself: in der Ankündigung stehen 6 Stunden Taji-Unterricht täglich, das könnte in der Tat die ausgemalte Idylle mit Zwitschern, Summen, Brummen und Plätschern beeinflussen, schon das reguläre 90-Minuten-Training ist nicht ohne).

Ich bin gespannt, wie diese Reise wird, zu der ich morgen aufbrechen werde; das Freiheitsgefühl, das habe ich schon jetzt, den K. wird mich mit ihrem VW-Bus einsammeln, und dann geht sie los, die Reise ins Wendland in die Heide Innere.

11.07.2020

Glück.

Ich tippe mit dem Fuß ins Wasser, das ganz glatt und glitzernd vor mir liegt. Ich ziehe den Fuß wieder zurück. Das Wasser meines Aussenbeckens des öffentlichen Bades ist kalt. Sehr kalt.
Ich schlendere zum Bademeister rüber, 17,4 Grad, sagt er, das sei sogar kälter als das Wasser im 50-Meter-Bahn-Becken, das habe 17,6 Grad. Wir schauen hinunter auf das große Becken, in dem ein paar Kampfschwimmer in Neopren ihre Bahnen ziehen.
Ich habe keinen Neoprenanzug, ich trage meinen Tankini, der schwarz in der Sonne glänzt, die hinter den Wolken hervorkommt. Das ist meine Chance, sage ich, das ist das erste Mal, dass ich das Becken für mich allein haben könnte. Langsam gehe ich ins Wasser, über mir die Sonne, vor mir das Glitzern, ich halte die Luft an und schwimme los.

Der Bademeister lacht, streckt den Daumen nach oben und ruft mir zu, dass ich doch nur in der Sonne schwimmen und den Teil des Beckens, der im Schatten liegt, auslassen könne, Querschwimmen, im Kreis schwimmen, das Becken gehöre mir allein.

Wenn man im kalten Wasser schwimmt, werden Adrenalin und Endorphine freigesetzt, und das spüre ich: glücklich fühle ich mich, während ich schwimme, mal in Brust- und mal in Rückenlage, die Kälte, die spüre ich nicht mehr, herrlich ist es, hier allein am Morgen, hier in meinem Becken und dem Geglitzer, das nur für mich da ist.

Nach 25 Minuten steige ich aus dem Wasser, nicht, weil ich nicht mehr kann, aber weil ich auf mich acht gebe: für den Körper ist das eine Hochleistung, er setzt extra Energie frei, um die Körpertemperatur bei 37 Grad zu halten – nicht einfach, wenn der Mensch, der zu diesem Körper gehört, im 17 Grad kühlen Wasser herumplanschen möchte.

Das hast Du gut gemacht, denke ich, als ich meinen Bademantel überwerfe und durch die Gartenanlage hinüber zur Freibadumkleide gehe.

Das hast Du gut gemacht. Das ist einer der Sätze, der am häufigsten in den Zwiegesprächen mit mir selbst fällt. Genauso wie „das ist ok“, wenn ich mal etwas will oder auch nicht will, ich beobachte mich da sehr genau und justiere, wenn ich Anzeichen von Stress spüre.

Auch Schwimmen reduziert Stress, und glücklich, das macht es sowieso.

…und erstmals kann ich hier Fotos direkt aus dem Becken mit Euch teilen!

05.07.2020

Sprache.

Den Akku aufladen.
Sonne tanken. 

Solche Ausdrücke, die menschliche Aktivitäten beschreiben (sollen), sind mir ein Gräuel. Ich habe keinen Akku. Ich kann nichts aufladen. Und tanken, das muss ich auch nicht. Ich bin nämlich kein Auto oder eine Maschine. Ich bin ein Mensch.
Bedenklich finde ich, dass es diese Formulierungen in der deutschen Sprache gibt, denn es mutet an, dass wir Gegenstände sind, die funktionieren, ja laufen müssen. Und wenn sie es nicht tun, dann wird halt eben getankt oder aufgeladen. Dann läuft es wieder. Aber tut es das wirklich?

Ich nutze solche Begriffe nicht.

Schwimmen war ich, mittags um 12.00h und morgens um 7.00h (!) im 21-Grad-kalten Aussenbecken des öffentlichen Bades, die Sonne habe ich nicht getankt, aber auf der Haut gespürt, genauso wie den Wind und den Regen, und ich habe mich über die glitzernden Tropfen, die ins blaue Becken fielen, gefreut.

Ich habe meinen Akku nicht aufgeladen, aber am Wochenende rumgetrödelt, mit Kaffee, Kuchen und Obst vorm Fernseher gelegen und über Guidos Sprüche gelacht.

Gefreut (sehr!) habe ich mich über das Feedback zu meinem blog, und ich wünsche der lieben UT, dass sie genauso viel Freude am Schwimmen und in ihrem Probetraining beim Taiji wie ich haben wird.

Freuen tue ich mich auch auf das Taiji-Camp, zu dem ich in zwei Wochen aufbrechen werde: es wird „Übungen zur Öffnung des physischen Körpers geben, Faszien- und Bänderdehnung zur Minderung von übermässigem Stress im Weichteil-Gewebe und in den Gelenken. Voraussetzungen schaffen, um Loslassen zu können. Stehende Säule zur Entwicklung von Raum und Freiheit im Körper. Voraussetzung um innerlich Sinken zu können und Kräfte durch den Körper zu lenken. Übungen zur Transformation von äusserer Kraft zu innerer Kraft über das Führen von „SONG“ (lösen, öffnen, release, relax).“
Das klingt spannend und lebendig, und genauso sollte es sein, wenn es um den Menschen geht.

Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Taiji ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Gym ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Youtube Workout ✔️

27.06.2020

Change Management.

Dann ist es Zeit zu sterben, sagt G. Meine 80-jährige Schwimmfreundin hat die Krise arg getroffen: ihre drei Gymnastikkurse finden nun irgendwo in Altona im Freien statt, allerdings müsse sie, da es keine Umkleidemöglichkeiten gebe, bereits in Jogginghose das Haus verlassen (no go!), das Aussenbecken des öffentlichen Bades ist nur mit QR-Code zugänglich, in das tiefe 50-Meter-Becken möchte sie nicht, aber „unser“ Becken ist zur Zeit von Ferienkindern frequentiert, und umkleiden, das kann man sich hier auch nicht. Ich ergänze, dass es auch keine Spiegel, Duschen oder einen Fön gebe, und das ist für meine eitle Mitstreiterin ein Problem, genauso, wie sie niemals das Haus in Sport-Outfit verlassen würde. Und erst recht nicht früh am Morgen, denn ausschlafen möchte sie auch.
Ich finde nicht, dass Du jetzt sterben musst, antworte ich am Telefon, und rate ihr, über ihren Schatten zu springen und wenigstens zur Gymnastik zu gehen. Ein Schwimmticket könne ich auf meinem Handy kaufen, was aber nix bringen würde, da das Gesamtpaket nicht stimmt.
Wir verabreden uns zum Kaffee, das ist einfacher.

Mittlerweile war ich drei Mal beim Schwimmen und habe alle Zeitfenster, die angeboten werden, getestet. Alles annehmbar, finde ich, trotz permanent ausverkauften Tickets ist das Freibad sehr angenehm gefüllt, Corona sei Dank.
Das Schwimmen auf der 50-Meter-Bahn bringt Spass und ist recht stressfrei, ausserdem erfrischend kühl.
Ich kann mich jetzt – mit Handtuch umschlungen – auf der Wiese umziehen und habe heute sogar eine sichtgeschützte Ecke entdeckt, an „meinem“ Aussenbecken, zwischen Hecken und ner Hauswand. Denn heute, da war ich in „meinem“ Becken schwimmen. Wie früher. In der Sonne. Den Bäumen entgegen, das glitzernde Wasser um mich herum, und nur zwei Mitstreiter auf den Bahnen. Kein Wunder. Es ist Samstag. Und es ist 7.00h in der Früh.

Wenn sich Gegebenheiten ändern, muss man sich anpassen. Wenn man den neuen Gegebenheiten auch noch mit Neugier begegnet, ist es sogar ein Gewinn. Ich habe die 50-Meter-Bahn entdeckt, das kühle Wasser und das unbeschwerte Schwimmen in dem großen Becken, die kleinen Wertschliessfächer, Bänke und bequeme Holzstühle, auf denen man in der Sonne in Ruhe frühstücken und den Schwimmern zuschauen kann.
Ich habe einen Teil meines „alten“ Fitnesslebens zurückgewonnen, aber in besser.

Und G., der werde ich von „unserem“ leeren Becken um 7.00h vorschwärmen, vielleicht springt sie ja doch noch über ihren Schatten.

Fitnessrückblick der Woche:
Di: Taiji ✔️
Mi: Gym ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Taiji ✔️

20.06.2020

Wenn ich nachts dem Regen und morgens den Vögeln lausche.

Wenn die Luft kühl und klar ist.

Wenn die Ostsee 15 Grad Wassertemperatur hat. Das ist kalt.

Wenn ich mich am Strand unter bedecktem Himmel und frischer Brise entkleide und im Tankini langsam den Steg hinuntergehe. GNTM? Kann ich.

Wenn die Anderen in dicke Jacken vermummt sind und ich die Blicke im Rücken spüre.

Wenn ich am Ende des Steges die Leiter hinunterklettere. Wenn ich schwimme.

Wenn ich mittags ein Pfund Erdbeeren vom Erdbeerhof esse und nachmittags Freunde treffe, wenn wir Eis essen und Kaffee trinken und am Meer entlang zum Leuchtturm gehen, wenn der Schrittzähler abends bei knapp 16.000 Schritten steht, wenn ich eine frische Gemüsepizza und ein Glas Weisswein draussen beim Italiener geniesse.

Wenn ich mich schon auf Morgen freue, weil ich mein Frühstück im Strandkorb serviert bekomme.

Wenn das Leben schön ist.

17.06.2020

Plitschplatsch.

Ein Bild ploppt bei Facebook auf – heute vor 5 Jahren habe ich eine Lesung mit Sandra Völker, einer der größten deutschen Schwimmerinnen, moderiert. Ein passendes Vorzeichen für das, was heute Abend ansteht.

Ich höre Gejuchze, Gekreische und Wasser, das zur Seite spritzt, ich sehe durch die Bäume hindurch auf das hellblaue Becken, und da, da kommt der Lärm her. Es ist heiß, und ich ärgere mich, dass ich eine Jacke mitgeschleppt habe. Am Eingang des Freibades sitzt ein mir bekannter Bademeister, und später sehe ich sie alle, denn hier ist heute Großeinsatz. Mein Schwimmbad (zumindest ein Teil davon) hat wieder geöffnet.

Ich nehme das Handy aus seiner Schutzhülle und packe es in die wasserdichte Handyverpackung, diese wiederum tue ich in die größere wasserdichte Tasche, in die auch noch mein Haustürschlüssel (abgespeckte Version), mein Geld, die Kreditkarte, mein Perso, das Jahresticket für Bus und Bahn und meine Armbanduhr kommen. Ich bringe das ganze zu dem kleinen Schliessfach, dass ich in der Nähe des Beckens entdeckt habe und schliesse alles weg. Natürlich hätte ich nicht alles vorher in die wasserdichten Verpackungen tun müssen, aber gekauft ist gekauft und wird jetzt auch genutzt. Eigentlich wollte ich mir die Tasche um die Körpermitte schnallen und mit in die kalten Fluten nehmen, auch auf die Gefahr hin, dass ich sinken könnte (Inhalt zu schwer) oder etwas höher treibe (Auftrieb durch Plastik?), aber das werde ich heute nicht mehr in Erfahrung bringen.

Ich gehe unter die kalte Dusche, um dann das erste Mal ins tiefe und nicht beheizte 50 Meter Becken zu steigen. Das Wasser ist…..kalt…..aber grandios. Ich schwimme sofort los, bleibe auf der Aussenbahn, da man in diesem Becken nicht stehen kann und ich mich erstmal wieder einschwimmen muss, die Bahn ist frei, überhaupt ist es nicht sehr voll (kein Wunder, ist ja kalt), ich schwimme der Sonne entgegen, die mich zwinkern lässt und meine Arme in ein sanftes Licht hüllt. Das Wasser, das glitzert, wie in alten Zeiten.

Den ganzen Tag war ich schon aufgeregt, wie es wohl im großen Becken und mit den ganzen Einschränkungen sein wird, ob ich überhaupt den Freibad-Eingang finde, wie wohl die ominösen Umkleideschnecken sind und wo die Toiletten und ob ich wohl eine Chance habe, in mein eigentliches Becken, in dem ich normalerweise 2-3 Mal in der Woche schwimme, komme. Die Antwort ist: nein. „Mein“ Becken ist von den Kindern okkupiert, da deren Kinderbecken geschlossen ist, ein Schwimmen ist hier ausgeschlossen.
Auf der Liegewiese irren Leute umher, die immer wieder nach Umkleiden (gibt es nicht) und richtigen Duschen (gibt es auch nicht) fragen. Die verstaubte Umkleideschnecke (es gibt genau eine, in die eine Person passt) entdecke ich erst beim Verlassen des Bades, sie steht in einer dunklen Ecke auf noch dunklerem Waldboden, ein verlassenes Handtuch hängt über der Wand, die Schnecke ist unbewohnt. Kein Wunder. Hier kommt man ja auch schmutzig wieder heraus. Wenn man sie denn überhaupt gefunden hat.

Ich habe mich an den fröhlichen Tipp auf der Website des Badbetreibers gehalten und mich „ruckzuck mit dem Handtuch um die Hüften“ auf der Wiese umgekleidet. Dabei habe ich mir einen nassen Hosenboden eingefangen. Ich freue mich, die Jacke mitgeschleppt zu haben und schlinge sie auf dem Heimweg um die Hüften.

15.06.2020

Liebesbrief.

Eingang Hohe Weide: ❌
Umkleiden: ❌
Warme Duschen: ❌
Schliessfächer: ❌

Mein liebes Aussenbecken des öffentlichen Bades,

da ich Dich die letzten Monate so sehr vermisst habe, habe ich trotz aller Widrigkeiten ein Ticket erstanden.

Mittwoch ist es endlich soweit: nach der Arbeit komme ich Dich besuchen (so ich den anderen Eingang finde), werde mich auf der Wiese umziehen und meine Wertsachen in einer wasserfesten Tasche mit in die kalten Fluten nehmen (das darf man nämlich, das habe ich schon gefragt) – grosse Schwimmliebe!

Ich freue mich, Dich wiederzusehen!

04.06.2020

Über die Grenze gehen.

Ich spüre Schmerzen.
Ich nehme dann mal meine Karte für die Geräte, sage ich zu der netten Physiotherapeutin, die an der Rezeption steht.
Die Geräterunde habe ich eigentlich gestern schon gemacht, das erste Mal seit drei Monaten. Endlich wieder Gym. Gestern stand mir allerdings eine andere, eine kritische Physiotherapeutin gegenüber, die mich nach meinen sportlichen Zielen fragte. Joaaa, so bleiben wie ich bin, vielleicht etwas Muskelaufbau oder nen Kilo weniger. Eigentlich habe ich mir da auch seit langer Zeit keine großen Gedanken gemacht, was ich denn erreichen möchte, ausser, dass ich mich täglich bewegen muss möchte.
Ein Plan muss her, befindet mein kritisches Gegenüber, heute noch Geräterunde, und morgen, da werden wir ein richtiges Programm aufstellen. Schliesslich müsse man sich ja weiterentwickeln. Es ist klingt wie eine Drohung.

Ich nehme die Karte für die Geräte entgegen, als von hinten eine mir bekannte Stimme ruft: die Karte können Sie gleich wieder abgeben, ich habe schon angefangen, einen Plan aufzustellen! Aber erstmal aufwärmen!
Ich schlendere zum Stepper, Gnadenpause, bevor es zurück zum Quälgeist Motivator geht.
Der Quälgeist Motivator hat sich Gedanken gemacht. Schon beim ersten Programmpunkt rinnt mir der Schweiss den Rücken und das Faceshield, das wir hier tragen (und mit dem man in der Tat besser atmen kann als mit ner Mund/Nasenmaske) über die Stirn hinunter. Es folgen weitere Übungen, mein Einwand, dass ich ja schwerbehindert sei und eine gecrashte Bandscheibe habe, wird überhört.
Was für die Bauchmuskeln fehle noch, sagt der Quälgeist Motivator und schaut mich an. Planks, antworte ich. (note to myself: bist Du noch zu retten?!?) Dem wird sofort zugestimmt, allerdings meint sie nicht profane Planks, sondern eine Abwandlung, die die eh schon ambitiöse Übung auf das nächste Schmerzlevel hebt. Nun fangen auch die Beine an zu zittern.
Aber irgendwie finde ich das jetzt auch gut, ich gehe über meine Grenzen, mein Ehrgeiz ist geweckt, mein Kampfgeist ebenso, und der Quälgeist  mein Motivator bestätigt mir eine akkurate Körperhaltung.

Das gibt Muskelkater, stellt sie am Ende der Stunde zufrieden fest. Ob ich heute noch was vorhätte? Duschen, antworte ich.

Ich spüre Schmerzen, in jedem einzelnen Muskel, und nächste Woche, da geht es in die nächste Runde, zusammen mit dem Quälgeist Motivator, zusammen Ziele zu erreichen.