Pre-Prolog

Alle Flüge meiner Reise – und es sind insgesamt sechs Flüge – wurden zwischenzeitlich gecancelt oder verlegt. Statt am 29.5. fliege ich nun am 28.5. in die Arktis. Und ich fliege einen Tag später zurück. Damit habe ich zwei zusätzliche Tage und Nächte in Longyearbyen. Longyearbyen ist eine ehemalige Minenarbeitersiedlung, die 1.050 Kilometer vom geografischen Nordpol entfernt zwischen schneebedeckten Bergen liegt.

Ich habe nun auch einen Zwischenstopp in Tromso und eine Nacht in Oslo statt in Kopenhagen. Da muss man flexibel sein.

Spitzbergen hat 2.600 Einwohner (von denen die meisten in Longyearbyen leben) und mehr als 3.000 Eisbären. Eisbären sind neugierige Tiere. Seit 1970 wurden auf Spitzbergen sechs Touristen von Eisbären getötet, der letzte im August 2020 auf einem Zeltplatz. Zelten werde ich nicht. Wir werden den Großteil unserer Zeit in Zodiacs – das sind schnittige Schlauchboote – verbringen und die Natur samt seinen tierischen Einwohnern in aller Stille beobachten. Kann meine knallrote Arktisjacke bei den tierischen Einwohnern Neugier erwecken? Ich hoffe nicht. 

In Longyearbyen schneit es gerade. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 1 und -6 Grad. Ich mag Schnee. Und Reisen in abgelegene Gebiete sowieso.

Logbuch Côte d‘Azur

Das Jubiläum.

Ich sitze auf den Stufen vor der Villa Masséna, einem imposanten Gebäude der Belle Époque, und lausche dem Wind, der mit den Blättern der Bäume spielt. Die rosa Blüten schaukeln an den Zweigen, die Palmen biegen sich ganz sachte hin und her, als würden sie tanzen. Auf der Wiese rennt ein kleines Mädchen den auffliegenden Tauben hinterher, das alte Paar dreht seine dritte Runde durch den Park.

Der Wind spielt auch mit meinem Haar und streicht mir über mein Gesicht, und ich, ich lasse die letzten fünf Jahre Revue passieren.

Ich war am Ende der Welt in der Antarktis im Sturm und dem ewigen Eis. Am anderen Ende der Welt, der Arktis, habe ich nachts Nordlichter am Himmel tanzen gesehen. Ich war in Israel und im Westjordanland, ich stand auf den Golanhöhen zwischen blühenden Mandelbäumen und Minen. Nachts sass ich zwischen tausenden Kerzen im Sand vor Petras Schatzkammer in Jordanien. In der Sahara bin ich auf einem Kamel durch die Dünen geritten. Ich war auf 5.200 Metern Höhe im Basecamp des Mount Everest. Ich bin nach Madeira, Myanmar, Italien, Österreich, Edinburgh, Zürich und Amsterdam gereist und sitze nun in Nizza auf den Stufen der Villa Masséna.

Gestern habe ich eine Dankeskarte an meinen Arzt aus dem kleinen Krankenhaus geschickt, die heute bei ihm ankommen wird. Heute ist es genau fünf Jahre her, dass meine Krebstumore entfernt wurden. Das ist ein Meilenstein: damit gelte ich als Langzeitüberlebende.

Ich weiss, wie wertvoll und fragil Gesundheit ist: ich werde weiterhin gut auf mich aufpassen. Ich weiss, wie wertvoll und endlich Zeit ist: ich werde sie weiter gut nutzen. Es gibt noch viel zu entdecken.

Logbuch Côte d‘Azur

20.03.2022 – Tag 3

Das Gute mit mir selbst zu verreisen ist, dass ich nicht weiss, was ich im nächsten Moment machen werde. Auch wenn mir einerseits ein sturer Wesenszug nachgesagt wird, bin ich doch auch ein Meister der Flexibilität.

Ich verlasse das Hotel und weiss noch nicht, wohin es mich verschlagen wird. Monaco? Musee Matisse? Oder doch Saint Jean Cap Ferrat? Der Bus Nr. 12 hält. Ich steige ein. Lt App sollte ich bis…ach was..ich höre auf keine App und keine google map und steige einfach an einer anderen Haltestelle aus als die, die die App vorschlägt, warte auf die Linie 400 und fahre in Richtung Fondation Maeght. Dort steige ich dann doch nicht aus, ich habe jetzt Lust auf St Paul de Vence. St Paul de Vence ist ein kleines pittoreskes Dorf hoch oben auf dem Hügel. Ich wandere am Fusse des Dorfes entlang, es duftet nach Blumen, Orangenbäume tragen Früchte, ich blicke über grüne Hänge und Täler.

Der Weg endet auf dem wohl schönsten Friedhof der Welt, der am Rande des Dorfes liegt und über die Côte d‘Azur blickt. Ich besuche – wie immer, wenn ich hier bin – das Grab von Marc Chagall, dessen Gemälde ich gestern wieder bestaunt habe.

In einem kleinen Shop duftet es nach Oliven, Trüffel und Lavendel: man bietet mir Popcorn mit Trüffelsalz an (mega), ich teste eine Olivenhandcreme (bio) und erstehe Souvenire.

Oha! Der Rückweg wird eine Herausforderung, denn meine Haltestellen gibt es nicht. Die App, auf die ich nicht höre, will mich beim Umsteigen kompliziert durch eine obskure Gegend lotsen, das lehne ich natürlich ab. Dann evtl bis….die Fahrkarte erst in der Tram entwerten, sagt der Busfahrer, mit der Tram (?) plane ich zwar nicht zu fahren, aber wer weiss, wie ich aus den Bergdörfern am Sonntag wieder zurückkomme…

Ich nehme am Parc Phoenix tatsächlich die Tram, entwerte mein Ticket und bin doch recht froh, wieder nach Nizza zurückgefunden zu haben.

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19.03.2022 – Tag 2

Statt für die Villa Rothschild (Plan 1) oder die Fondation Maeght und St Paul de Vence (Plan 2) entscheide ich mich für das Musee Chagall, das auf einem Hügel oberhalb Nizzas liegt. Ich bin gespannt, was ich dort fühle; das letzte Mal war ich vor der Erkrankung dort. Zumindest spare ich diesmal den Eintritt und werde mit meinem Behindertenausweis durchgewunken.

Leicht sind die Gemälde, farbenfroh, intensiv und transzendent, Traumwelten treffen auf religiöse Motive und strahlen eine Leichtigkeit aus, die mir abhanden gekommen ist. Ich stehe im Raum und sehe mich um; meine verlorene Leichtigkeit finde ich nicht, aber das, wodurch sie damals ersetzt wurde: ich spüre eine tiefe Dankbarkeit und Demut, denn ich darf wieder hier sein.

Ich wandere zurück in die Stadt, schalte die blöde google map aus, denn der Weg wird immer länger, das kann ja gar nicht sein, noch 47 Minuten, 48 Minuten, 51 Minuten…ich gehe weiter. Zeit habe ich genug, und ausserdem liebe ich es, Neues zu entdecken. Ausserdem weiss ich: das Meer liegt unten. Also brauche ich nur abwärts gehen.

Ich gehe über den Blumenmarkt. Ich esse einen Salat in einem kleinen Bistro. Ich wandere durch die Altstadt. Und ich wandere zum Yachthafen. Ich nehme einen Lift zu einer Aussichtsplattform mit Blick über die Dächer von Nizza und schaue auf das azurblaue Meer. Ich laufe den Berg hinunter. Ich wandere an der Promenade des Anglais entlang. Ich setze mich in einen Beachclub und geniesse einen Milchkaffee. Ich lausche dem Rauschen der Wellen. Ich beobachte die Möwen am Himmel. Ich denke über die Leichtigkeit nach. Und vielleicht blitzt sie gerade doch ein wenig durch.

Logbuch Côte d‘Azur

18.03.2022 Tag 1

„Mein Name ist Luis de Funès, und ich begrüsse Sie im Namen der Kabinenbesatzung. Meine charmanten Kolleginnen Babette und Jeanette werden Sie jetzt mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen.“

Spätestens jetzt ist klar, dass ich im Flieger an die Côte d‘Azur sitze; entspannt lehne ich mich im Sitz zurück und folge dem Programm von Babette und Jeanette.

Wollen wir mal mutig sein?, frage ich mich, den Orientierungslegastheniker, oh ja, antworte ich und erwerbe ein Ticket für die neue und günstige Tram, statt mit dem teuren Taxi vom Flughafen zum Hotel nach Nizza zu fahren. Eigentlich wäre ich heute abgeholt worden und nach St Tropez gedüst; allerdings sind meine Freunde jetzt in Husum bei einer Beerdigung. Und ich nun kurzentschlossen in Nizza. Das Tram-Abenteuer glückt: ich steige nicht nur an der richtigen Station aus, ich finde sogar das Hotel.

In Nizza habe ich schon oft geurlaubt. Damit spare ich mir für das verlängerte Wochenende ein stressiges Programm, denn zu sehen gibt es viel. Ich werde mich treiben lassen und spontan entscheiden, ob ich nach St Paul de Vence fahre, ins Chagall- oder das Matisse-Museum gehe, am Hafen entlanglaufe oder mich auf den Weg zur Fondation Maeght oder zur Villa Rothschild nach Saint Jean Cap Ferrat aufmache. Ich könnte auch nach Antibes, das es höchstwahrscheinlich gar nicht gibt, denn das habe ich bisher auf keiner Reise gefunden.

Ich kann machen was ich will. Erstmal will ich an den Strand, dessen Meer dem Namen der Küste immer gerecht wird, sogar bei grauem Himmel.

13.03.2022

Im Aussenbecken.

Ich finde, Du siehst genauso gut aus wie immer, sage ich zu G., auf die ich nach langer Zeit mal wieder im öffentlichen Bad gestossen bin. Sie nimmt das Badetuch zur Seite, in das sie eingehüllt war und deutet auf den Bauch. Dick sei sie geworden, und außerdem – und nun geht ihr prüfender Blick zum Spiegel – würde sie Falten im Gesicht bekommen. Vielleicht Botox, setzt sie dann hinzu, aber diese dicken Lippen fände sie ja scheusslich. Für mich biste obere Liga, stelle ich fest, und Botox, das brauche sie auch nicht. G., meine schlanke Schwimmfreundin, ist wie immer dezent geschminkt, die braunen Locken kräuseln unter ihrer Badekappe hervor, sie ist die letzten Monate nicht geschwommen, hat aber täglich Gymnastik gemacht und ist dreimal wöchentlich von zuhause aus um die Hamburger Aussenalster gewandert. Eine Strecke beträgt 16,6 Kilometer. Sie, die seit über 30 Jahren mindestens fünf mal die Woche Sport macht, sich gesund ernährt und auf sich achtet, ist mein Vorbild. G. wird nächste Woche 83 Jahre alt.

Es ist schön, mal wieder an einem Freitag Mittag zu schwimmen, wie früher. Wie früher winkt mir W1 von weitem zu, und im Aussenbecken in der Sonne sind noch weitere bekannte Gesichter auszumachen. Großes Geglitzer. Großes Glück.

Am Sonntag stoße ich auf der Trödelbahn mit einer Mittrödlerin zusammen. Wir entschuldigen uns gegenseitig, ich dachte, der Abstand wäre groß genug, sagt sie, ich antworte, dass ich vor mich hingeträumt und auch nicht richtig aufgepasst habe. Uns sei ja nichts weiter passiert, ausser, dass wir noch nett zusammen plaudern, bevor sie mich dann für die nächsten Bahnen weiträumig umschwimmt. Wieder glitzert das Wasser, wieder scheint mir die Sonne ins Gesicht, wieder möchte ich sagen, dass die Welt vor der Tür des öffentlichen Bades stehenbleibt, aber das gelingt mir heute nicht so recht. Ich denke an meine Kollegen, die auf der Flucht aus der Ukraine nach Polen und Zypern sind, vor allem aber denke ich an die Kollegen, die sich entschieden haben, in ihrer Heimat zu bleiben. Ich halte den Kontakt und frage, ob ich ihnen irgendwie helfen kann, sie würden sich melden und es mich wissen lassen, kommt als Antwort zurück, aber ich lese aus ihren Antworten, dass sie sich sehr über den mentalen Beistand freuen.

Im Gras am Beckenrand sitzen zwei Enten. So sorglos, denke ich. Und so friedlich.

08.03.2022

Im Krankenhaus.

„Dann sehen wir uns demnächst beim Schwimmen“, sagt meine Gynäkologin, die mir mitteilt, dass sie in den Ruhestand gehen wird. Heute gibt es das finale Rundumprogramm mit Vorsorge, Nachsorge, meinem Wunsch auf Verlängerung des Krebsmedikaments Tamoxifen auf 10 Jahre wird zugestimmt, ein Termin im September für die Radiologie und auch ein weiterer Termin bei der Kollegin, bei der ich dann betreut werde, wird mir mitgegeben. Wir wünschen uns alles Gute, und wer weiß, vielleicht werde ich sie wirklich mal im Aussenbecken meines öffentlichen Bades treffen.

Heute treffe ich auf A., mit der ich samstags zusammen schwimme. Ich entdecke weitere Schwimmgefährten, grüße nach links, grüße nach rechts, plaudere mit A., freue mich über das glitzernde Wasser und die Sonne, die mir ins Gesicht scheint.

Das Aussenbecken ist eine kleine friedliche Oase, bei dem die Welt vor der Tür stehenbleibt. Hier gibt es nur das glitzernde Wasser, die Mitschwimmer, die Sonne und den blauen Himmel.

Und mich, mich gibt es auch.
4 Jahre, 11 Monate und 2 Wochen krebsfrei.

13.02.2022

Das Dilemma. (Vorläufiges) Finale.

Wir sind viele.

So viele haben den post über das Tamoxifen-Dilemma geteilt, kommentiert, Nachrichten geschickt, wertvolle Infos zu Alternativen in den Raum gestellt und ihre Hilfe beim Besorgen der Tabletten angeboten.

Die Krebs-Community auf social media ist groß. Und stark. Und vor allem ist sie solidarisch.

Nachdem die Nachricht des Lieferengpasses, mit dem ich bereits im letzten Jahr konfrontiert wurde, in den Medien publik gemacht wurde, habe ich mein kleines Krankenhaus kontaktiert und darum gebeten, das Nachfolge-Rezept etwas früher zu bekommen, da ich mich rechtzeitig auf die Suche nach einer Folgepackung Tamoxifen machen möchte. Ich bin niemand, der hortet. Ich bin aber auch niemand, der in solchem Fall bis zur letzten Tablette wartet und dann ins offene Messer läuft. Ich habe bei der letzten Packung 20 Apotheken abtelefoniert. Das ist stressig. Und das ist Stress, den man als Krebspatient, der noch in Therapie ist, nicht braucht.
Ausserdem teile ich meinem kleinen Krankenhaus mit, dass ich bei der Nachsorge im März gern besprechen möchte, was es ggbs. für Alternativen gibt.

Das kleine Krankenhaus ruft zurück; ich möge sofort kommen und mir das Rezept rausholen. Und ob ich denn eine Idee hätte, wo ich noch Tamoxifen finden könnte? Ich würde wieder die Apotheke beim großen Krankenhaus ansteuern, sage ich, rufen Sie dort an und reservieren Sie eine Packung, wenn Sie dort fündig werden, rät das kleine Krankenhaus. Und wenn ich nicht fündig werde, möge ich auf alle Fälle Bescheid geben, dann werden Alternativen besprochen.

Deja vu: ich ziehe meine Jacke an, laufe die Straße zur U-Bahn hinunter und entschliesse mich spontan, in meine Stammapotheke, die auf dem Weg liegt, einzukehren. Im Lockdown 1 hat der gute Apotheker ein Zwillingsprodukt für mich recherchiert. Beim letzten Mal hat mir seine Kollegin einen nicht professionellen Rat gegeben, dem ich natürlich nicht gefolgt bin. Der gute Apotheker steht am Tresen: ob er eine Packung Tamoxifen für mich hätte, frage ich. Er bejaht. Ich bin verblüfft – damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Normalerweise wird das Produkt immer erst bestellt. Eine andere Patienten hätte gestern schon gefragt, er habe dann gleich noch zwei Packungen geordert – und bekommen. Zwar nicht von meinem Hersteller, aber das ist jetzt nebensächlich.

Tamoxifen ist nicht gleich Tamoxifen. Die Hauptbestandteile sind dieselben; aber die Hersteller benutzen unterschiedliche Nebenstoffe und Fertigungsweisen. Deshalb kommt der Eine mit Tamoxifen von Hersteller x gut klar, mit dem Produkt von Hersteller y aber nicht.

Ich lasse mir eine Packung zurücklegen und hole mein Rezept im kleinen Krankenhaus ab. Später freut sich eine Hamburger Mitstreiterin, die ich informiere, dass meine Stammapotheke noch eine Packung Tamoxifen vor Ort hat.
Und noch später werde ich mit einer anderen Mitstreiterin meine Packung gegen ihre Packung tauschen: so braucht sie nicht wieder die Nebenwirkungen vom Produkt des Herstellers x ertragen, und ich bekomme wieder mein Zwillingsprodukt.

Ich denke, dass es wichtig ist, auf das Thema Lieferengpass bei Tamoxifen aufmerksam zu machen. Mit Panikmache hat das nichts zu tun. Auch im Trubel der C-Pandemie muss gewährleistet werden, dass ein gängiges – und wichtiges – Krebsmedikament, das ca 130.000 Menschen in Deutschland nehmen, lieferbar ist.

Folgende Fakten, Stand 13.02.2022:
– In Österreich, Frankreich, Schweiz und Spanien ist Tamoxifen weiterhin erhältlich
– Der Beirat für Liefer- und Versorgungsengpässe hat ein Maßnahmepaket zur Abmilderung der Lieferengpässe bei tamoxifenhaltigen Arzneimitteln beschlossen (mehr Infos bei: @doktor.pinkribbon)
– es gibt Alternativen

Sprecht rechtzeitig mit eurem Arzt, wenn ihr betroffen seid. Damit ihr agieren könnt. Und unnötigen Stress vermeidet.

Wir sind viele.


11.02.2022

Das Dilemma.

Ich lege den Hörer auf. Das kann doch echt nicht sein.

Vor einer halben Stunde habe ich mein Rezept in der Apotheke wieder an mich genommen, da meine Apotheke nicht in der Lage ist, mein Medikament zu besorgen. Mein Medikament heisst Tamoxifen. Es ist mein Krebsmedikament. Es ist mein Anker. Es soll mich davor bewahren, dass der Krebs zurückkommt.

Bereits im Lockdown 1 hatte ich Schwierigkeiten, mein Medikament zu bekommen. Da konnte die Apotheke ein Zwillingsprodukt eines anderen Herstellers recherchieren. Jetzt sagt die Apothekerin: dann müssen Sie mit der Therapie pausieren. Über diese Äusserung bin ich dermaßen sprachlos, dass ich vermerke, dass ich das sicherlich nicht tun werde, mein Rezept an mich nehme, aus der Apotheke rausche und anfange, die Apotheken in der Umgebung abzutelefonieren. Ein Glück, dass ich in der Großstadt lebe. Aber was machen diejenigen, die nicht so zentral wohnen?

Apotheker 1,2,5,8, 10, 12….haben etwas gemeinsam: alle sind freundlich, alle sind verständnisvoll. Und alle haben kein Tamoxifen. Es passiert das, was mir selten passiert: ich fühle mich hilflos. Und alleingelassen. Du musst strategisch denken, mahne ich mich. Wer könnte das Medikament noch führen? Ich schaue auf die google map und rufe eine Apotheke an, die sich auf dem Gelände eines großen Krankenhauses befindet. Treffer. Bitte zurücklegen, sage ich der Dame am Telefon, ziehe meine Jacke an, laufe los und springe in das nächste Taxi, das vorbeifährt.
Der Taxifahrer, der aus Algerien kommt, versteht meine Wut. Er habe immer Medikamente in Deutschland gekauft und seiner Mutter geschickt.

In welchem Land soll ich jetzt nachfragen, um Tamoxifen zu bekommen? Kann es wirklich sein, dass ein first world-Land nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten zu versorgen? Kann es wirklich sein, dass Zulieferer nicht liefern und es keine Alternativen gibt? Kann es wirklich sein, dass die Produktion eingestellt werden soll, weil sich das Produkt nicht rentiert? Kann es wirklich sein, dass circa 130.000 Patienten genauso hilflos wie ich reagieren, wenn der Apotheker rät, eine Krebstherapie zu unterbrechen?

So etwas darf nicht passieren.
Ich erwarte von einer Regierung, dass sie dafür Sorge trägt, dass lebenswichtige Medikamente für ihre Bevölkerung zur Verfügung stehen. Ich erwarte, dass Gründe wie „Nicht-Rentabilität“ keine Gründe sein dürfen, um eine Brustkrebs-Therapie zu stoppen. Und ich erwarte, dass sofort lösungsorientiert gehandelt wird.

06.02.2022

Unterwegs.

Und dann schwimme ich durch den Abend. Noch ist es hell, der Dampf steigt aus dem Wasser des Aussenbeckens, in dem die Lichter angehen. Voll ist es und hektisch und wild, als sei die Stimmung vom Arbeitstag auf den Feierabend übergeschwappt.

Und dann schwimme ich durch den Vormittag. „Hallo Anja“, ruft mir A. entgegen, ich grüße nach links, ich grüße nach rechts, man kennt sich, hier am Samstagmorgen im öffentlichen Bad, wir plaudern, während wir der Sonne, die hinter den Wolken hervorkommt, entgegen schwimmen. Großes Geglitzer.

Und dann wandere ich durch den Regen. Etwas ratlos bin ich schon, denn der Regen will nicht enden, und der Wind, der endet auch nicht. Das Wasser rinnt von der Kapuze über die Mütze ins Gesicht herunter, während ich meine nassen Hände in die Jackentaschen stecke.

Und dann denke ich: wie schön ist das eigentlich! Ich atme die klare Luft, die hier am menschenleeren Elbstrand weht, ich laufe und laufe weiter, und der Regen, der kommt mit. Und dann denke ich an diejenigen, die jetzt liebend gern durch den Regen wandern würden, ohne Schmerzen, ohne Angst, am Leben und mit eben jener Leichtigkeit, mit der ich hier gerade durch den Sand marschiere.

Und dann kehre ich um. Am Bootssteg warte ich auf die Fähre, und der Regen, der wartet mit.
Zwei Jungs in Sweatshirts und Cappies warten am Anleger; der eine sitzt im Rollstuhl, der andere hält einen Blindenstock in der Hand. Sie lachen.


07.01.2021

Unterwegs.

Ich bin entzückt! Vor mir steht P., ein Mitstreiter aus meiner ehemaligen Taiji-Klasse. Ich stehe auf der Zirkelfläche des Gyms im schicken Spa, auf der ich gerade zu einer 19-er Form angesetzt habe. P. ist neu im Club, und einen Taiji’ler habe ich hier überhaupt nicht erwartet. Während wir plaudern, merke ich, dass mir meine Taiji-Klasse fehlt, denn es sind feine Menschen, die ich dort kennen gelernt habe. Allerdings kann ich nicht überall Mitglied sein, das sprengt meine Zeit und mein Budget.

P. war übrigens derjenige, der sich damals, als ich mit Taiji begonnen habe und in der Experten-Klasse gelandet bin, anfänglich beim Formlaufen jedes Mal in mein Blickfeld gestellt hat, damit ich die Bewegungen imitieren konnte: Buddhas Wächter tritt aus dem Tempel, den Mantel befestigen, die Mähne des wilden Pferdes teilen, Fauststoß links und Fauststoß rechts, Vorwärtsschritte, Rückwärtsbewegungen, Drehungen, Sprünge – das war die ersten zwei Jahre eine Herausforderung, bei der ich dankbar ob der Unterstützung der Gruppe war.

„Du kannst ja einfach ab und an mal wieder auf eine Stunde beim Unterricht vorbeikommen“, sagt P., „da hat unser Lehrer bestimmt nichts dagegen“. Gute Idee, finde ich. Dann tauschen wir Telefonnummern aus, denn wo wir nun beide hier im Club sind, können wir auch mal die Spiegelräume zweckentfremden und hier gemeinsam Taiji praktizieren. Und dann stellt er sich zu mir auf die Zirkelfläche und wir beginnen, zur Verblüffung der Gewichtheber und Personal Trainer um uns herum, synchron die 19er-Form zu laufen. Ich bin entzückt!

Entzückt bin ich auch vom dichten Dampf, der um mich herum aus dem Aussenbecken des öffentlichen Bades aufsteigt und der die kahlen Bäume am Ende der Bahn nur erahnen lässt.

Entzückt bin ich vom leeren Pool im schicken Spa, hier kann ich entspannt im Eukalyptusduft herumschwimmen, ohne Mitschwimmern ausweichen zu müssen.

Entzückt bin ich auch, als ich feststelle, dass es am Wochenende im schicken Spa ein Kurs-Special gibt, 90 Minuten Übungen für den Schulter- und Nackenbereich, wofür ich mich sofort anmelde, da ich als Kopf-über-dem-Wasser-Schwimmer meinem Nacken einiges zumute.

Entzückt bin ich auch, dass ich am Sonntag von der Warteliste in den Mobility&Stretch-Kurs nachrücke, der einen perfekten Abschluss der diesjährigen Fitnesswoche darstellt.

24% weniger Rezidive bei körperlicher Aktivität.
12% Risikoreduktion, überhaupt an Brustkrebs zu erkranken.
(Quelle: Klinikum der Universität München)

Mein Körper ist mein zuhause. Mit dem Unterschied, dass ich nicht ausziehen kann. Behandele ich ihn entsprechend gut.

Fitnessrückblick der Woche:
Di: Schwimmen ✔️
Mi: Gym, Taji ✔️
Do: Schwimmen ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Nacken-Schulter-Special (Class)
So: Gym, Mobility&Stretch (Class)

24.12.2021

Wie Weihnachten wirklich ausschaut.

Ding Dong. Es läutet an der Tür. Heiligabend in Hamburg, der Besuch ist für 18.00h eingeplant, jetzt haben wir 17.15h.

Bis eben habe ich noch im Bett herumgetrödelt und Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga im TV geschaut. Nun hantiere ich mit halblackierten Fingernägeln an der Tür, um den Besuch hereinzulassen. Auch wenn er zu früh ist. Viel zu früh. Die Meditation, die ich eigentlich noch machen wollte, fällt somit aus.

Vor der Tür stehen die Eltern und fünf riesige Taschen. „Wollt Ihr hier einziehen?, frage ich. Und ausserdem…“ Ich schaue auf meine Armbanduhr und lasse den Besuch samt dem vielen Gepäck in die Wohnung. Das kann ja heiter werden, denke ich.

Während die Mutter diverse Tupperdosen und zwei Kochtöpfe auspackt, marschiert der Vater zum Balkon. „Hier müssen die welken Blätter beseitigt werden“, sagt er vorwurfsvoll. “Aber nicht jetzt!“, antworte ich. Zum Glück habe ich den Tisch schon feierlich gedeckt und muss mich nur noch entscheiden, ob ich den Vater vom Balkon fernhalte oder mich in das Küchenszenario stürze. Ich entscheide mich für die Küche. Die Vorspeise (Karotten-Ingwersüppchen) und das Dessert (Beeren-Tiramisu) habe ich schon vorbereitet. Für den Hauptgang zeichnen die Eltern verantwortlich. Neben der Ente, Klössen, Rotkohl und Sausse (abgesprochen) werden nun zwei grosse Schüsseln mit Rosenkohl, Birnen, Aprikosen, Beerengelee und Kartoffeln aus den Tiefen der Taschen hervorgeholt. Ich konstatiere, dass es nur vier Herdplatten gebe, zwei Töpfe, von denen einer mit Suppe gefüllt ist und wir dieses Jahr nur zu Dritt sein werden: auch wenn noch zwei Töpfe mitgebracht wurden – das haue ja wohl nicht hin. Ich packe genervt einen Teil des Proviants wieder zurück in die Taschen und ärgere mich, dass ich nicht meditiert habe. Ich verteile die Töpfe auf dem Herd und die Ente in den Ofen, verfrachte den herumlaufenden Besuch an den Tisch und schenke erstmal Wein ein (nur für die Mutter und für mich, der Vater fährt und ist da akkurat).

Zurück im Pulk in die Küche, hätte ich den Ofen überhaupt angemacht (ja), und seien die Nachbarn zuhause (keine Ahnung), und…nein. Ab an den Weihnachtstisch, ich kümmere mich erstmal um die Vorspeise. Ich trinke ein weiteres Glas Wein. Irgendwie muss der heutige Abend überstanden werden. Die Suppe schmeckt. Das Küchenpersonal wird ausgetauscht, der Vater übernimmt, wo er schon nicht den Balkon aufräumen darf. Die Ente schmeckt.

Die Geschenke sind aufgebaut, mir wurde eine Überraschung – gross und bunt – angekündigt. Ich werde nervös. Mit Überraschungen habe ich es nicht so. Jedenfalls nicht, wenn sie mit „gross und bunt“ angekündigt werden. Eine Box wird mir überreicht, der Vater macht den Deckel ab. Es ist ein Ölgemälde. „Von Claude Monet“, sagt der Vater und tippt auf die Rückseite, wo tatsächlich ein Spassvogel den Namen des grossen französischen Impressionisten draufgeschrieben hat. Das Motiv ist zwar eine Wiese mit Mohnblumen, aber die Qualität ist weit von einem Monet entfernt. Und wäre es ein richtiger Monet, würden wir wohl eher im Gefängnis statt hier am Weihnachtstisch sitzen; jedenfalls kenne ich keine Menschen, die einen Monet im heimatlichen Wohnzimmer hängen haben, so ganz legal…

Der Vater geht mit dem Monet die Wände ab, hier könnte er hängen oder dort, niemals! rufe ich, das Bild wird bei mir kein Zuhause finden. Das Bild wandert zurück ins Gepäck zu den Kartoffeln und dem Rosenkohl. Auch die Kekse, keineswegs zuckerfrei, müssen nachher wieder den Rückweg antreten.

Sieht lecker aus, sagt der Vater, als er die rosa- und gelbfarbenen Kugeln entdeckt. Nicht essen!, verbiete ich sofort, es sind (von mir!) selbstgemachte Badekugeln, die lecker duften und optisch mit Gebäck mithalten können. Badekugeln, Marzipanhonig, Marzipankirschmarmelade, ein paar Tüten mit Bonbons vom Lieblingsladen am U-Bahnhof Schlump und einen geleasten Apfelbaum im Alten Land bekommen die Eltern. „Ich hätte lieber einen Birnbaum“, sagt der Vater. „Und ich lieber einen anderen Vater“, antworte ich und schenke mir noch ein Glas Wein ein. Wir streiten etwas herum, unser Ton ist grundsätzlich recht rustikal, aber böse sind wir uns nie lange.

Irgendwann muss der Besuch nachhause, und ich, ich werfe mich erledigt aufs Sofa und fange an, mein Weihnachtsgeschenk, das Katzenbuch von Hape Kerkeling, zu lesen, schnurrende Katzen beruhigen, auch wenn sie nur im Buch vorkommen.

Die restlichen Geschenke packe ich zwei Tage später aus. Dann ist nämlich mein Geburtstag. Und da treffe ich wie jedes Jahr meinen Korrekturleser, Klugscheisser und den Menschen, mit dem ich schon so viel gelacht und ebensoviel gezankt habe. Ich freue mich sehr darauf! Vielleicht sollte ich morgen noch ein wenig meditieren.

22.12.2021

Unterwegs.

Ich spüre den Fall in die Tiefe, doch bevor ich komplett in den schwarzen Sog strudele, setze ich mich auf den Stuhl und atme tief ein und aus. Ein und aus. Ein und aus. Die Achsel tut weh, die Achsel ist geschwollen, ich begutachte sie im Spiegel, drehe mich hin und her, wechsele von Coolpad zu heißem Bad, was alles keine Besserung bringt. Es ist nicht mein Impfarm, der sich gemeldet hat, und ich, ich melde mich besser für einen ausserordentlichen Termin in meinem kleinen Krankenhaus an. Sicher ist sicher. Drei Tage vorher sind die Schmerzen weg, die Schwellung abgeklungen, trotzdem beschließe ich, den Termin wahrzunehmen und die Fachfrau zu konsultieren. Keine Auffälligkeit, lautet ihr Urteil nach sorgfältigem Abtasten. Aber zur Sicherheit gibt es einen weiteren Termin zum Ultraschall in ihrer Praxis in Harvestehude, dem ich gelassen entgegenschaue.

So fit wie ich gerade bin, war ich schon lange nicht mehr: ich hüpfe enthusiastisch zwischen Gym, dem Aussenbecken meines öffentlichen Bades, Mobility&Stretch-Class, Aqua-Kick-Punch-Kursen und Taiji hin und her, und wenn ich mich nicht entscheiden kann, wozu ich am meisten Lust habe, mache ich einfach alles. An einem Tag. Schon morgens, wenn ich aufwache, überlege ich, wie mein Fitnessprogramm aussehen könnte. Es bringt mir Spass. Es hält mich gesund. Ich kann entspannt zum Ultraschall gehen, das auch etwas großflächiger ausfällt. Keine Auffälligkeit, lautet wieder das Urteil der Fachfrau. Im März sei dann der nächste reguläre Termin.

Ich verlasse die Praxis, ich bin immer noch gelassen, dazu gesellt sich Dankbarkeit, ich marschiere den Harvestehuder Weg hinunter zur Alster und schaue über den See. Raureif überzieht die Bäume und die Sträucher, kühl und klar ist die Luft, die Wiesen sind verlassen. So kalt, so schön.

Ich mache mich auf den Weg zum Aussenbecken des öffentlichen Bades. Nur vier Fahrräder stehen vor der Tür, ich bin die Einzige an der Kasse, kaufe mein Ticket und übergebe die Bonbontüten, die ich für das Personal mitgebracht habe. Dampf steigt aus dem Aussenbecken, so dicht, dass ich die Mitschwimmer erst später im Wasser ausmache. Zwei Trödelschwimmer auf meiner Seite, drei Kampfschwimmer auf der anderen Seite, ein „YEEHAAAH“ ertönt von der Schnellbahn, vor Begeisterung oder als Warnung ob eines nahenden Zusammenstoßes, das lässt sich im dichten Dampf nicht ausmachen. Die Lungen füllen sich mit minus 3 Grad kalter Luft, das Wasser fühlt sich kühler an als sonst, aber mein Herz ist warm, und ich, ich gleite durch den fahlen Nachmittag.

Vergessen habe ich vorhin, nach einem neuen Rezept zu fragen. Also mache ich noch einen Abstecher ins kleine Krankenhaus, bleibe mit dem Fahrstuhl stecken (der sich nach ner Schreckminute entschliesst, unsanft zu ruckeln und die Fahrt wieder aufzunehmen), die Praxis unterm Dach hat schon geschlossen, ich wandere ohne Rezept davon. Morgen, da werde ich ins Gym gehen. Oder zum Schwimmen. Oder eine 19-er Form Taiji auf der Zirkelfläche laufen. Auf alle Fälle weiterhin gesund.

20.11.2021

Unterwegs.

Meldorf, lese ich auf dem Schild des Bahnhofs, durch den wir rauschen, irgendwo in Schleswig Holstein auf der Strecke von Hamburg nach Sylt. Seit 1,5 Stunden schaue ich aus dem Fenster in den tristen Himmel, an dem Unmengen von Vögeln in Formationen fliegen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie elegant sie in der Gruppe agieren, ohne zusammenzustoßen und vom Himmel zu fallen. Jedenfalls habe ich das noch nicht gesehen.

Hier ein paar Schafe, dort ein paar Kühe, ein einsamer Reiter und ein Hund, mitten im blassen grau-grün, bevor die Schienen über das Meer auf die Insel führen.

Die Luft ist überraschend warm, 11 Grad plus und etwas Wind, der durch die Friedrichstrasse weht. Ich gehe hinunter zum Meer, das man in der Dunkelheit kaum sieht, aber hört: Wellen brechen brüllend an den Strand, bevor sie sich wieder ins Meer zurückziehen.

Ich wandere zurück und suche mir ein schönes Plätzchen zum Abendessen inmitten der funkelnden Lichter und Tannenbäumchen, die hier schon überall stehen. Da ich meine Arktisjacke anhabe, wähle ich einen Aussenplatz: grundsätzlich bin ich lieber draußen, und in diesen Zeiten erst recht.

Ich freue mich auf morgen, da kann ich machen was ich will, und ich will an den Strand, im Aussenbereich des Cafés sitzen und Kakao mit Sahne trinken und in meinen Lieblingsläden stöbern. Und den Möwen zusehen, die Formationen über dem Meer fliegen. Ohne zusammenzustoßen und ohne runterzufallen.

Meer, das ans Land flüchtet
tanzende Möwen

Logbuch Jordanien – Tag 11

07.11.2021

Der Himmel so blau über der Wüste, während wir lachend und staunend auf dem Jeep sitzen und durch den Sand rumpeln.

Der Himmel so rot, als wir auf der Königsstrasse im Bus in Richtung Amman fahren. Rot ist er nur dort, wo eben die Sonne unterging und die Landschaft wie einen Scherenschnitt dunkel hervorheben lässt: die Berge, die Strommasten, die Baracken am Strassenrand. Um uns die schwarze Nacht, und dort rechts die grellen Lichter, die zum grössten jordanischen Gefängnis gehören.

Der Himmel so schwarz, unterbrochen von den blinkenden Leuchtreklamen an den Skyscrapern und die riesige erleuchtete Brücke, auf die ich aus dem Hotelfenster schaue, nur einen Moment.

Der Himmel so schwarz, bis auf die Strassenlaternen und die Rücklichter der Autos vor uns, die sich hupend durch die nächtliche Grossstadt schieben, heimwärts, auswärts und wir zum Flughafen.

Grelles Deckenlicht am Gate, an dem um 2.40h mein Nachtflug nach Frankfurt geht.

Ein grauer, verregneter Himmel über Hamburg, als ich ins Taxi steige. Meine Seele tanzt noch unter dem blauen Wüstenhimmel.

Logbuch Jordanien – Tag 9

05.11.2021

Der Wind treibt mir die Tränen in die Augen, ebenso die Dankbarkeit, jetzt hier sein zu dürfen, aber auch das Mitgefühl für Mary, Marie und all die anderen, die gerade im Krankenhaus liegen und für weitere Zeit und schöne Momente kämpfen. Mich berührt das sehr, erlebe ich doch gerade schöne Momente. Im Wind auf dem Roten Meer, hier auf dem kleinen Glasbodenboot, verspüre ich sogar etwas von der verloren gegangenen Leichtigkeit, wir lachen, hören laut Musik und winken zu den anderen Booten rüber.

Am Nachmittag gehe ich in einen der vielen Pools schwimmen, leer ist es und sonnig. Ich suche mir noch einen Schattenplatz am Strand und tauche mit den Füssen ins Rote Meer. Matthias war bereits drin, barfuss, wovon auf den vielen Schildern ob der gefährlichen Fische abgeraten wird und ist auf etwas stacheliges getreten. Ausserdem ist sein Rücken rot, da er die Bekanntschaft einer Feuerqualle gemacht hat. Ich weiss, warum ich den harmlosen Pool vorziehe. Better safe than sorry.

Anweisung der Reiseleitung: Treff um 18.30h am Strand mit Zahnputzbecher, sie möchte einen Schnaps ausgeben. Ich werde mir stattdessen ein Wasser mitnehmen.

Logbuch Jordanien – Tag 8

04.11.2021

Im Schrank finde ich ein Bügelbrett samt Eisen und eine Waage. Das ist ja wohl ein Affront! Eigentlich hatte ich in dem grandiosen 5* Hotel, in das wir heute am Roten Meer eingecheckt sind, einen Bademantel samt Latschen erwartet. Ich kontaktiere die Rezeption, umgehend wird geliefert.

Heute Morgen sind wir bereits durch den Sik al-Barid (Little Petra) gestiefelt und von dort unter sengender Sonne in die Steinzeitsiedlung El-Beidha, die über 10.000 Jahre alt ist. Das ist was für Archäologen, stellt Gisela fest; mittlerweile sind wir steinmüde.

In Akaba gibt es Falafel mit Hummus, bevor wir in eines der schönsten Resorts einchecken: Marmor, riesige Halle, grosszügiges Zimmer samt Bad, Balkon mit Blick auf Pool (yeah!) und das Rote Meer (nochmal yeah!). Endlich kann ich mein Kleid zum Dinner anziehen, aber vorher geht es im Badeoutfit zum Strand. Ins Meer darf man allerdings nur mit Badeschuhen, die ich nicht dabei habe; hier gibt es Stachelfische, die am Meeresgrund sitzen. Also ab in den Pool, den ich für mich habe, ich schwimme mit Blick aufs Meer und blinzel in den Sonnenuntergang.

Logbuch Jordanien – Tag 7

03.11.2021

Ich wurde reingelegt.

Das lerne ich beim lang ersehnten Dinner bei den Beduinen, von dem wir alle recht enttäuscht sind, da wir uns vor kleinen Zelten bei Fackelschein im Sand der Wüste sitzend wähnten. Wir sitzen allerdings in einem Restaurant, das nur entfernt an ein Zelt erinnert oder wie die ganz enttäuschten Mitreisenden sagen: das hier sei bestenfalls eine Beduinen-Kantine. Es ist laut, gross und voll, aber das Essen finde ich lecker (auch wenn ich nur reduziert esse, weil Magen…). Gisela kommt triumphierend mit einem echten Bier zurück, immerhin etwas.

Reingelegt wurde ich von Mohammed, mit dem ich heute zum Glück nicht in die Berge geritten bin und der mir gestern sieben Dinar für den Ritt abgeknöpft hat, und das war schon runtergehandelt. Besser gehandelt hätte ich, wenn ich mir das Kleingedruckte auf der Rückseite der Eintrittskarte durchgelesen hätte: Pferderitt inklusive. Das hat uns allerdings auch die allwissende Reiseleitung unterschlagen, die jeden Stein ausführlich erläutert, aber den Trab vom Sik zum Visitor Centre nicht erwähnte.

Nun hören wir noch den Musikern zu, dann einem Vortrag über das Leben in Jordanien, der sehr interessant ist (von einem Beduinen, nicht von der Reiseleitung), wir bewundern die Grabnischen in den Bergen, die von Tausenden Lichtern erhellt werden, und dann geht es schon wieder zurück ins Hotel, so kommen wir nicht allzu spät ins Bett. Morgen geht es erst um 9.00h weiter, nach Akaba ans Rote Meer. Mit dem Bus. Nicht auf dem Pferd.

Logbuch Jordanien – Tag 6

02.11.2021

Ich drücke der Reiseleitung das Geld für mein reserviertes Mittagessen in die Hand, sage, dass sie mein Lunch gern verschenken darf, und marschiere ohne die Gruppe weiter. Seit 8 Uhr früh sind wir unterwegs, eine Handtasche bleibt irgendwo stehen, ein Kameraobjektiv ist herrenlos, wir bleiben an jeder Ecke stehen, sengende Sonne hin oder her, jeder Stein muss erklärt und jede Diskussion ausgefochten werden. Weit sind wir noch nicht gekommen.

Das tut nix für meine innere Balance, und ausserdem komme ich hier selbst zurecht, bin ich schon gestern Nacht bis zur Schatzkammer vorgedrungen. Auch bei Tageslicht ist es beeindruckend: die Felsen ragen bis weit in den Himmel, winden sich den Weg entlang, weiten sich, verengen sich, wechseln die Farbe, sind rauh und mal glatt, lassen ab und an den Himmel wie zufällig blau aufleuchten, und geben nach zwei Kilometer und einer letzten Wende den Blick auf die Schatzkammer frei. Ich fühle mich hier wohl, fast heimisch, am Fusse des riesigen Schatzhauses, das ein Jahrhundert v.Chr. erbaut wurde. Ich spaziere weiter, überall in den Felsen tauchen weitere Grabstätten auf, ein römisches Theater, Tempel und Säulen.

Ich kaufe mir einen Keks und einen Minztee, setze mich vor ein Café und komme mit einem Jordanier, der in den USA lebt, ins Gespräch. Irgendwann zieht meine Gruppe an uns vorbei, ich bleibe sitzen.

Ich erstehe ein paar Mitbringsel und für mich ein silbernes Armband und ein wunderschönes Kamel aus Bronze. Ich plaudere mal hier und mal da und bin tiefenentspannt.

Irgendwann kehre ich um. Noch etwas bewundernd vorm Schatzhaus stehen, durch den schattigen Sik (Felsenschacht) bummeln, überlegen, wie ich die letzten Kilometer in flirrender Sonne bewerkstellige, und dann steht da schon Mohammed mit seinem Pferd, bis zum Hotel könne ich reiten, was ich dann doch dankend ablehne. Vorm Visitor Centre steige ich ab.

Morgen könnte ich mit Mohammed in die Berge reiten und von oben auf Petra schauen. Ich überlege.

Logbuch Jordanien – Tag 5

01.11.2021

Heute sind wir über sechs Stunden im Bus unterwegs, unser Ziel ist eine Kreuzritterburg in Kerak, und danach steuern wir auf Petra zu.

Gestern Abend ging ein Raunen durch die Gruppe, als die Reiseleitung das Programm für Petra vorstellte. Das es um 8.00h morgens losgeht, damit kann man rechnen. Das die Wanderung (Hinweg!) durch Petra bis 15h geht, und man dann noch ne Stunde in die Höhe klettern kann – oder aber den zweistündigen Rückweg antritt, bliebe einem selbst überlassen. Hiess die Reise nicht „Jordanien mit Musse“?!? Das fragen sich jetzt Einige. Wandern ist ja ok, aber wir werden dort Hitze, Sonne und keinen Wind zwischen den Felswänden haben. Der zweite Tag in Petra wird noch ambitionierter, ich schalte auf Durchzug und werde in meinem Tempo einen Ausflug machen.

Zwei Mitreisende fragen nach der Nachttour, die abgeblockt wird, zu anstrengend nach der langen Fahrt. Aber Moment! Das finde ich nun auch interessant. In Kerak sind wir schon zu Fünft, die autark die Nachttour machen möchten, Gisela kann ich auch noch überzeugen. Die 83-jährige ehemalige Chirurgin ist unwahrscheinlich fit.

Trotz Magenproblemen (woher auch immer) und Fan vom frühen Zubettgehen nehme ich mir die Nachtwanderung vor.

20.30h. Wir wandern eine halbe Stunde durch den Sik, den riesigen Felswänden; der 2km lange Pfad ist beleuchtet von unzähligen Kerzen, es duftet nach Wachs, eine Melodie ertönt, die Sterne in der schwarzen Nacht sind zum Greifen nah. Und dann sitzen wir im Sand vor der gewaltigen Schatzkammer, Hunderte von Kerzen bedecken den Boden, die Flöte spielt, über uns die Sterne und im Herzen tiefe Dankbarkeit.

Logbuch Jordanien – Tag 4

31.10.2021

Wir Frauen stehen in der Schlange vor der Moschee, um ein dunkles figurverhüllendes Gewand überzuziehen, ohne welches wir – nebst verhülltem Haar – nicht die Moschee betreten dürften. Auch Oliver steht in der Schlange. Er trägt bereits sein Outfit für das Tote Meer, aber kurze Shorts und Adiletten sind nicht gerade moscheenkonform. Auch er bekommt eines dieser Gewänder verpasst, das die Figur unsichtbar werden lässt.

Die König-Abdullah-Moschee hat einen dicken weichen Teppich mit Sternchenmuster, das uns die Reiseleitung erklärt. Da ich mich nicht für Religion interessiere, wandere ich ein wenig unter der riesigen Kuppel umher und spüre die Füsse im Teppich versinken, die nette Aufsicht bietet mir ein Glas Wasser an (später bekomme ich einen indirekten Rüffel, weil ich nicht beim Teppichmustervortrag aufgepasst habe).

Über dem langen Gang, der zu den Toiletten (scheusslich!) führt, steht nur etwas auf arabisch. Lange gefliesste Gänge mit Möglichkeiten, die Füsse zu waschen und lange Gänge mit den von mir gehassten östlichen Toiletten. Was muss, das muss. Auf dem Rückmarsch stosse ich auf einen Mann, der, vermute ich, ein „huch“ auf arabisch ruft, ich husche ganz schnell aus der Herrentoilette davon.

In Madaba besichtigen wir die griechisch-orthodoxe Kirche St Georg, die voller Mosaiken aus dem 6ten Jahrhundert ist. Das Städtchen ist hübsch und ganz modern mit einem Leitsystem, es gibt rote aneinandergereihte Steine auf dem Fussweg, damit Fremde zum Visitor Centre zurückfinden. Finde ich natürlich nicht. Zum Glück laufen hier noch andere aus der Gruppe herum, ich brauch nur jemandem hinterherdackeln.

Auf dem Berg Nebo schauen wir ins Jordantal, von hier hat angeblich schon Moses auf das Gelobte Land geblickt. Vor uns, 20-50km entfernt, liegen Jericho, Bethlehem, Jerusalem, Rammallah und die Golanhöhen.

Endstation: Totes Meer! War ich eben noch völlig erledigt, werfe ich mich flugs in meinen Badeanzug, schnappe das Handtuch und wandere hinunter zum Wasser. Warm ist es und wunderbar. Ich lasse mich auf dem Meer treiben.

Logbuch Jordanien – Tag 3

30.10.2021

Um 8.30h starten wir an der Zitadelle von Amman. Die Zitadelle liegt oben auf dem Jabal al Qal‘a. Ägyptens Geschichte ist jung im Vergleich zu Jordaniens, die 10.000 Jahre zurückreicht: hier gibt es eine Höhle aus der Bronzezeit, den Herkules-Tempel, eine umayyadische Moschee und das archäologische Museum. Von hier oben schaut man auf das römische Theater und die Stadt.

Und dann geht es erstmals raus aus der Geschichte und hinein ins aktuelle Gewühl der Stadt. Der Strassenverkehr ist zusammengebrochen, überall wird gehupt und gerufen, wir schlängeln uns durch die Marktschreier, die nur noch von den Rufen des Muezzins übertönt werden. Wir teilen uns, ich gehe mit unserem jordanischen Guide durch weiteres Marktgewusel und zum Falafelessen (ein Mitreisender ordert Almdudler, man kann‘s ja mal versuchen), und ja, die Zeit läuft uns davon. Mich stört das nicht, gehöre ich zu der Handvoll Reisenden, die nicht die anschliessende Tour zu den Wüstenschlössern gebucht hat sondern eigenständig die Atmosphäre Ammans aufnehmen möchte. Reinhild und Helmut schliessen sich mir an, was ganz nett ist, da ich dann nicht allein in der 4 Millionen-Einwohnerstadt verlorengehe. Wir bummeln nochmal durch die Stände und den Goldmarkt und fahren zur Rainbow Street. Hier ist die Stimmung gleich ganz anders, die Strasse könnte auch in London liegen mit seinen chilligen Cafés und kleinen Lädchen. Cappuccino trinken wir, dazu singt Adriano Celentano aus den Boxen, ein relaxter und angenehmer Nachmittag im eigenen Tempo neigt sich dem Ende zu.

Heute Abend heisst es dann noch Kofferpacken, denn morgen früh um 8.30h geht es weiter nach Madaba und zum Toten Meer.

Logbuch Jordanien – Tag 2

29.10.2021

Verwirrung mit der Zeitumstellung. Ist uns Jordanien eigentlich eine Stunde voraus, hat das Land als Novum eine Zeitumstellung eingeführt. Diese startet am 29.10.2021. Also alle Uhren wieder zurückstellen und Uhrenvergleich mit allen Reiseteilnehmern. Wir haben nun wieder die deutsche Zeit.

Keine Verwirrung gibt es hingegen bei den Sitzplätzen im Bus: war das Thema bei den Reisen nach Tibet, Israel und Marokko ein Kampfthema (was ich persönlich nicht nachvollziehen kann), herrschen hier – Corona sei Dank – feste Regeln. Jeder bleibt für die gesamte Reise auf seinem Platz. Zimmerpartner nebeneinander, Einzelzimmer allein in einer Reihe. Das freut mich, kann ich mich mitsamt meinem Handgepäck schön ausbreiten.

Gerasa (Jerash) begrüsst uns mit sengender Hitze. Wieder einmal mehr merke ich, dass ich hitzeempfindlich geworden bin und suche die rar gesäten Schattenplätzchen in den Felsen. Wir gehen über einen Basar mit passablen Toiletten und treten durch den Hadriansbogen ins alte Jerash ein. Was wären wir ohne die Römer. Kaiser Hadrian kenne ich noch aus England, wo wir über die Hadrianswall stolperten. Hippodrom, Forum, Jupiter-Tempel, Nymphäum, Artemis-Tempel, wir schreiten auf säulenumrahmten Wegen, an denen sich früher die Geschäfte aneinanderreihten, und wieder einmal bewundere ich die Römer für ihre intelligenten und imposanten Bauten, Abwassersystem inklusive.

Als – nicht nur mir – die Sonne zu Kopfe steigt, bleibt eine Wolke gnädig über uns hängen und beglückt uns mit einigen Regentropfen. Ich bin doch ein richtiges Nordlicht.

Ein spätes Mittagessen in dem einzigen Restaurant, ich habe prophylaktisch eine Magentablette genommen, aber das zumeist vegetarische Essen ist einwandfrei.

Gefreut habe ich mich auf den Abend. Ich sage den Cocktailempfang ab und marschiere zum Pool. Allein bin ich dort, und das brauche ich auch immer wieder; was ich nicht gebraucht hätte, wäre das Eiswasser im Becken. Ich mache das, was ich sonst nie mache: ich kehre tatsächlich um. Das wäre Hadrian nicht passiert.

Logbuch Jordanien Tag 1

Tag 1 nur ein kleines Resumee nach drölfzig Stunden Anreise

Bin mit der turkmenischen Fussballnationalmannschaft im Fahrstuhl gefahren. Und mit den Palästinensern. Schnelle Anfreundung. Gisela, 83 Jahre, habe ich in der Bar gelassen. Karla war auf ner Flussfahrt in Indien, die Vögel haben im Speiseraum in der Deckenleuchte genistet Also in Indien. Nicht hier. Das Buffet beim Dinner war sehr gut. Hummus geht immer. Die Reiseleitung hat sich rückversichert, dass ich als Vegetarier (melde mich immer als Vegetarier an) etwas zu essen gefunden habe. Hab ich. Das ist der Blick aus dem 13ten Stock auf Amman. Jetzt gehe ich in mein wunderbares Boxspringbett. Und morgen geht es nach Gerasa.

Ach ja. Im Flieger mussten weitere Dokumente für die Einreise ausgefüllt werden. Die Fluggäste waren unwillig. Man habe doch schon ähnliches mehrmals ausgefüllt. Ansage aus dem Cockpit. Alle haben die Formulare auszufüllen (die ersten Passagiere mussten ja schon in Wien wegen fehlender PCR-Tests zurückbleiben). Bei Einreise schleppt jeder die Akten in der Hand. Was müssen wir davon vorzeigen: den Reisepass und den QR-Code.

Logbuch Jordanien

Prolog

Ich hab einen Bluterguss im Auge, sage ich zu meinem Kollegen. Erschreckt schaut er auf, ich lache. Gestern war ich – Premiere – beim PCR-Test, der von ihm mit einem bedrohlichen „die stechen Dir von innen ins Auge bis ins Hirn“ und „man muss sich fast übergeben“ angekündigt wurde. Der Kollege ist Profi in Sachen PCR-Test und hatte mich verunsichert. Es war nicht annähernd spektakulär.

Ich prüfe die Unterlagen, die ich für die Reise zusammengestellt habe:
– Impfbescheinigung ✔️
– PCR-Zertifikat ✔️
– Gesundheitsformular ✔️
– Bestätigung meiner Auslandskrankenversicherung über die Übernahme sämtlicher Kosten im Krankheitsfall ✔️
– Einreisedokument für Jordanien mit QR-Code ✔️
– Flugtickets ✔️
…und das Visum sowie einen weiteren PCR-Test gibt es bei der Ankunft in Amman.

Amman, Akaba, Gerasa, Totes Meer, Petra, Wadi Rum, Rotes Meer, Mosaiken, Paläste, Moscheen, Wüste, Beduinen, Kamele, Jeeps, Zelte, Sand und Sonne…das klingt alles nach Tausendundeiner Nacht. In den Sand werde ich die Füsse stecken, den Kopf natürlich nicht.

Ich habe mich nicht auf die Reise vorbereitet – das tue ich eigentlich nie – ursprünglich sollte es ja nach Nepal gehen, dann auf den Nil, und nun ist es Jordanien geworden. Ich lasse mich gern ins Abenteuer fallen und überraschen, da bin ich tiefenentspannt. Ich plane nur das Drumherum: die ganzen Dokumente parat zu haben, den Koffer zu packen, den Kühlschrank aufzuräumen, noch eine Überweisung zu tätigen, Zertifikate in der kleinen chinesischen Post ausdrucken zu lassen, die Apotheke aufzusuchen, das Taxi für den frühen Morgen vorzubestellen, die Wohnung aufzuräumen und ein letztes Mal zum Schwimmen zu gehen.

Voll ist es am Mittwochmorgen im Aussenbecken des öffentlichen Bades; im Zickzackkurs treffe ich auf Hyazinth, den kleinen Spanier, der mir das letzte Mal im Lockdown in Planten un Blomen über den Weg gelaufen ist und auf das Gelbkäppchen, das ebenso häufig wie ich im Wasser anzutreffen ist. Auf der inneren Aussenbahn ist wieder die sture Rückenschwimmerin unterwegs, ansonsten fühle ich mich an die Bilder der Budapester Thermalbäder erinnert, in denen sich die Menschen träge auf dem Wasser treiben lassen.

Auf dem Wasser werde ich mich in einigen Tagen auch treiben lassen, nämlich auf dem Toten Meer, diesmal aber nicht auf der israelischen sondern auf der jordanischen Seite.

Ich mache mich auf den Weg.

23.10.2021

Alte Schwimmerweisheit:
Wenn die Umkleide ist leer,
sind die Schwimmer schon im Meer.

Natürlich ist das keine Schwimmerweisheit sondern ein Reim, der mir heute in den Sinn kommt, als ich aus der rosanen Damenumkleide und dem Duschzwischenstopp in Richtung Aussenbecken marschiere. Das Meer bzw. das Aussenbecken ist stark frequentiert. Einige Kampfschwimmer sind auf die Trödelseite ausgewichen und rauschen durch das Wasser, an der inneren Aussenkante schwimmt die sture, mürrische Dame auf dem Rücken, hin und her und her und hin, in der Mitte plaudern zwei spazierende Fussgänger – und das scheint hier der neue Trend zu sein – ich suche mir eine Lücke und schwimme mal hier und mal dort. Welche dieser Mitschwimmer mich am meisten ärgert, weiss ich gar nicht. Aber heute ist Konzentration angesagt, um nicht mit dem blaubekappten Kampfschwimmer und seinem Genossen zusammenzustoßen.

Gib acht auf Dich – gib acht auf Andere, das würde ich eigentlich gern Einigen zurufen, aber der augenrollende Austausch mit zwei weiteren Trödelschwimmern in Richtung Kampfschwimmer besänftigt mich. Irgendwann sind sie auch weg, diagonal unter allen durchgetaucht auf die andere Seite, erfolgreich verteidigt haben wir unsere kleine Ecke ganz aussen am Beckenrand.

Ich plaudere etwas mit der netten Bademeisterin, die am Beckenrand hockt und Unkraut zupft, ich dümpele am Beckenrand herum um etwas Sonne zu finden, in die ich blinzeln könnte (Fehlanzeige), ich freue mich über die kühle Luft und den Dampf, der aus dem Wasser steigt, während ich auf die gelb- und rotbelaubten Bäume zuschwimme.

Etwas Gutes hat das rege Treiben hier heute allerdings doch: normalerweise bekomme ich ab der 36igsten Bahn Hunger oder muss auf die Toilette; heute bin ich so fokussiert auf meine Umwelt, dass ich meine gängigen 40 Bahnen locker ohne Zwangspause schaffe. Immer noch kein Hunger. Immer noch kein Bedürfnis, auf die Toilette zu marschieren. Und immer noch keine Lust, das Becken, das mittlerweile leerer ist, zu verlassen. Ich schwimme weiter. Und weiter. Wenn die Umkleide ist leer, dann findest Du mich im blauen Meer.

13.10.2021

Unterwegs.

Es wird Herbst. Die Blätter fliegen durch die Luft, erst hoch in den Himmel hinauf, um dann kreiselnd auf den Gehweg zu schweben. Ich bin auf dem Weg ins öffentliche Bad. Einige ärgerliche Arbeitstage liegen hinter mir (note to myself: und auch noch vor Dir), kurzfristig habe ich vergessen, mich auf das Positive zu fokussieren und mich dazu hinreissen lassen, mich in die eine und die andere Auseinandersetzung zu werfen.

Eigentlich habe ich nun keine Lust zum Schwimmen zu gehen, aber ich weiß, dass sich das schnell ändern wird. Am Eingang zeige ich mein Impfzertifikat und meine Eintrittskarte vor, lasse mir viel Spass wünschen und marschiere in die rosafarbene Welt der Damenumkleiden. Es ist leer. Ich ziehe meinen Tankini an, den ich um die beiden Polster erleichtert habe, deren Sinn sich mir noch nie ergeben hat, und ausserdem verdrehen sie sich sowieso andauernd. Also weg damit. Ich gehe in die Dusche, auch hier bin ich die Einzige. Meine Laune fängt an, sich zu verbessern.

Ich mache mich auf den Weg in mein Aussenbecken: vier Trödelschwimmer auf der langsamen Seite, zwei Kampfschwimmer auf der anderen Seite, damit lässt es sich schwimmen. Das Wasser empfängt mich weich und freundlich; wie ein wärmender Mantel legt es sich um meine Schultern, während ich langsam meine Bahnen ziehe. Das heisst, so langsam bin ich nun auch wieder nicht: mühelos hole ich den Mann ein, der bebrillt und akkurat brustschwimmend (mit Kopf unter dem Wasser) unterwegs ist, auch die Frau rechts von mir überhole ich (note to myself: würdest Du den Trödelmodus Typ mit-Kopf-über-dem-Wasser-schwimmend-und-in-die-Sonne-blinzelnd gegen Schwimmbrille und eine richtige Kopfhaltung eintauschen, würde vielleicht doch noch ein Kampfschwimmer aus Dir werden!). Ich wechsele in die Rückenlage und beobachte die Wolken, bis ein Warnruf mich vor einem Zusammenstoß mit einem Neuankömmling bewahrt. Mittlerweile ist meine Laune richtig gut, ich freue mich über die kühle Luft, die bunten Blätter, das weiche Wasser, die gleichmässigen Bewegungen. Es wird Herbst. Und es wird Zeit, sich wieder auf das Positive zu fokussieren.

Heute bin ich Covergirl

…bei den Mammomädels (Kooperationsgemeinschaft Mammographie), in der Social Media-Kampagne zum Brustkrebsmonat Oktober.

Grundsätzlich geht es um Selbstliebe. Wer sich mag, gibt acht auf sich.

Ich bin Anja. Im Februar 2017 bekam ich die Diagnose beidseitiger Brustkrebs. Eine Diagnose, die das Leben still stehen lässt. Eine Diagnose, als sei man ohne Vorwarnung mit Vollgas gegen eine Wand gefahren.

Ich habe die Erkrankung als Warnung verstanden, meinen Lebensstil zu überdenken und zu optimieren.

Gib acht auf dich: das Motto der @Mammomädels habe ich verinnerlicht. Vor- und Nachsorge sind extrem wichtig: für Frauen von 50 bis 69 Jahren wird zur Brustkrebsfrüherkennung das Mammographie-Screening angeboten. Nehmt das gern Angebot wahr. Es kann Euer Leben retten.

Auch wenn der Oktober der Brustkrebs-Awareness-Monat ist, ist Brustkrebs für mich als Betroffene jeden Monat, jede Woche und jeden Tag präsent. Auch das hat etwas mit „Gib acht auf dich“ zu tun: zur Vorsorge gehört für mich Bewegung: ich mache täglich Sport, was das Risiko auf ein Rezidiv reduziert. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich achte auf meine Ernährung. Ich achte darauf, Stress zu vermeiden.

Ich gebe acht auf mich. Weil ich mich mag. Weil ich nur diesen einen Körper habe. Weil ich noch viel erleben möchte. Und weil ich noch lange fit und gesund sein will. Weil ich das Leben liebe.

Logbuch Brindisi – Tag 6

Kurze Version: pleite aber glücklich.

Lange Version: ich wandere ein letztes Mal am Meer entlang, sitze am Wasser, trinke einen frischen Orangensaft im Café und besuche ein letztes Mal die Kathedrale, die ich – genauso wie das grosse weisse Postamt – mittlerweile im Schlaf finde.

Mein Spaziergang endet vor dem Schaufenster des Optikers. Oh no! Panik. Dort, wo bis gestern noch mein Objekt der Begierde ausgestellt war, liegt nun eine andere Sonnenbrille. Ich schaue durch die Tür. Eine Kundin verabschiedet sich mit einem Päckchen in der Hand. Das kann doch nicht wahr sein. Ich stürme das Geschäft, bis gestern sei doch im Fenster diese Sonnenbrille…man schaut mich etwas verständnislos an, leider verstünde man kein englisch. Ich wiederhole auf italienisch, die Optikerin nimmt die Brille aus dem Fenster, nein, nein, ein Missverständnis, ich meine doch eine andere Brille, die dort eben nicht mehr ist. Die Optikerin zieht eine Kollegin zu Rate, zu Zweit durchsuchen sie Schubladen und Schränke, und dann finden sie das Objekt meiner Begierde. Erleichterung! Ich setze sie auf. Sie passt perfekt. Sie sieht perfekt aus. Perfetto, sagt die Optikerin. Ich frage nach dem Preis. Es ist der, den ich bereits im Internet recherchiert habe. Der Schock sitzt tief, was man mir ansieht. Man bietet mir einen Rabatt an. Puuuh. Man bietet mir einen weiteren Rabatt an. Immerhin 50 Euro weniger. Ich nehm die Brille, höre ich mich sagen.

Ich nehme die Brille ab, die Optikerin setzt sie mir wieder auf die Nase, um zu schauen, ob man sie anpassen müsse. Sie ist perfekt, sagen wir beide.

Ich darf aus verschiedenen Etuis wählen, bekomme zwei Brillentücher, eine weitere Box, die ich gleich dort lasse, in 15 Minuten holt mich das Taxi vom Hotel, das mich zum Flughafen bringt, jetzt muss ich mich beeilen. Mehr Shopping ist zum Glück nicht drin.

Pleite aber glücklich. Arrivederci, Brindisi!

Logbuch Brindisi Tag 4+5

Angekommen bin ich dann, wenn sich Rituale herauskristallisieren: der nachmittägliche Besuch der kleinen Gelateria, der Kauf von Obst und Gemüse im Supermarkt um die Ecke, der Aufenthalt am Pool an den Nachmittagen, das Innehalten an der Promenade am Meer, das selbstverständliche Bewegen durch die Gassen, das Beobachten des Geschehens um mich herum.

Gestern habe ich ein kleines blaues Boot beobachtet. Hier gibt es einige Boote, unter anderem eine Fähre nach Korfu. Da muss ich also genau aufpassen, auf welches Boot ich steige. Ich möchte auf die andere Seite zum Marine-Denkmal. Ich hole mir ein Ticket am grünen Automaten, vergewissere mich, dass ich hier richtig bin, und schon geht es los nach Korfu – Quatsch – zum Denkmal. Das ist dann auch sportlich, unzählige Stufen führen bis auf eine kleine Aussichtsplatform, die einen grandiosen Ausblick auf Brindisi im sanften Licht der Nachmittagssonne bietet.

Seit Tagen bleibe ich am Schaufenster eines Brillengeschäftes stehen. Schön sieht es aus, das Objekt meiner Begierde, so schön, dass es kein Preisschild hat, aber der Blick ins Internet verrät, dass es mein Budget weit überschreitet.

Ich gehe hinein. Ich halte der Optikerin meine alte Sonnenbrille hin, ob sie die reparieren könnten. Können sie. Sie möchte nicht einmal Geld dafür annehmen, vielleicht auch, weil es ein italienisches Modell ist. Ich wage nicht zu fragen, ob ich die Brille aus dem Schaufenster mal aufsetzen dürfte, was in diesem Fall auch besser sprich: vernünftiger ist.

Ein Eis stelle ich mir in Aussicht, als Kompromiss.

Morgen werde ich sicher wieder vorm Schaufenster landen. Es wird Zeit, dass ich abreise.

Brindisi – Logbuch Tag 3

29.09.2021

Tempio di San Giovanni, Palazzo Granafei Nervegna, Pontificia Basilica Cathedrale und Chiesa di San Benetto notiere ich mir beim Frühstück. Über diverse andere Sehenswürdigkeiten bin ich bereits per Zufall gestolpert oder sie befinden sich ausserhalb meines Radius.

Ich beschliesse, mein Handy zur Navigation zu nutzen, um zumindest das eine oder andere wirklich zu finden. Rechts aus dem Haus, die Strasse hinunter, dann durch die nächste Gasse und ums Eck, und schon stehe ich überraschenderweise vor dem grossen weissen Postgebäude, in dem ich gestern einige Zeit verbracht habe. Ich marschiere weiter, noch ist es früh und die Sonne angenehm und tatsächlich finde ich den Tempio di San Giovanni. Ein Italiener spricht mich an, ob er mich davor fotografieren solle, molto gentile, ma no. Die Dame am Eingang möchte meinen green pass sehen. Meine apps zeigen meine Covid-Zertifikate allesamt in blau an, aber verwandeln sich in den green pass, als der QR-Code gescannt wird. Ich darf eintreten. Rotunde, alte Gemäuer und ein Garten mit Blumen, Sträuchern, Brunnen und Olivenbäumen, eine kleine Oase inmitten der Mauern.

Auf dem Weg zum Palazzo treffe ich wieder den Italiener, ob er ein Foto…molto gentile, ma no. Ich frage ihn, wo der Palazzo liegt (anderswo als mir mein Handy anzeigt) und gehe meines Weges. Wieder werden meine Zertifikate gescannt, wieder darf ich eintreten, und wieder mal habe ich mich gar nicht informiert, wo ich gerade gelandet bin. Der Palazzo scheint eine Mischung aus Behörde (ich lande prompt in einem Büro), Studienzimmer, Ausgrabungsstätte und einer Kunstausstellung zu sein. Ich schaue mir alles an und finde sogar wieder hinaus.

Zum Tempio di San Giovanni sollte ich gehen, meint ein Italiener. Ich werde hier permanent angesprochen, vermutlich, weil ich der einzige Tourist in Brindisi bin. Da käme ich gerade her, ich möchte zur Kathedrale. Auch diese finde ich (hurray!), und ausserdem davor Soldaten, Polizei, Marine, Feuerwehr, die Hundestaffel, Einsatzfahrzeuge…und zwei weisse Wagen, auf denen was mit „sangue“ steht. Blutspenden, vermute ich, diesmal spreche ich einen Italiener an, ob man in die Kirche dürfte. Darf man.

Die Sonne steigt höher. Ich marschiere weiter zur Chiesa di San Benedetto. Hat geschlossen. Macht nichts. Gehe ich halt in die Angeli, an Kirchen mangelt es hier nicht. Einen Briefkasten bräuchte ich, aber die sind lt google rar gesät.

Ich lese am Pool, gehe in „meine“ Gelateria, esse wieder ein leckeres Hazelnusseis und trinke Cappuccino, steuere zielstrebig das Postgebäude an (alle Wege führen zur Post!) um die Karten zu verschicken, spaziere zum Hafen und von hier aus zur Kathedrale, in 200m sollte sie erscheinen, aber ich schaffe es, mich zu verlaufen, auch wenn das Ziel ums Eck liegt. Der Menschenauflauf vom Morgen ist verschwunden. Ein paar Vögel kreisen über der Kirche.

Heute werde ich eine Nachtwanderung machen.

Brindisi – Logbuch Tag 2

28.09.2021

Ich habe nichts geplant. Ich lasse das Frühstück stehen – da werden die Italiener und ich keine Freunde – und verlasse mein Haus. Hinunter an den Hafen, mal schauen, ob man das Hafenbecken umrunden kann, das Wasser schwappt dort an den Kai, die Sonne scheint. Schnell merke ich, dass die Entscheidung, den Rock aus- und die Jeans anzuziehen, falsch war. An Segelbooten und kleinen Yachten vorbei, hier und da ein leeres Café an der palmenumsäumten Promenade, ich gehe weiter, bis es nicht mehr geht. Maritimes Militärgebiet, Mauern mit Stacheldraht und ein hohes Tor versperren den Weg. Eigentlich sollte da auch eine Burg liegen. Ich stehe unschlüssig vor dem Tor, die Marinesoldaten mag ich nicht ansprechen. Ich trete den Rückzug an.

Wäsche flattert vor den Fenstern der gelbfarbenen Häuser, zwei Kochtöpfe stehen auf einer Fensterbank, in der Schule hört man Kinder singen, die Sonne scheint jetzt unbarmherzig auf mich herab. Spontan entschliesse ich mich, ins archäologische Museum zu gehen, ein Platz, an dem es erfahrungsgemäss gut gekühlt ist.

Vor 20 Stunden habe ich mich über die Küche in meinem Domizil echauffiert, nun stehe ich dort und bereite mir einen Salat zu.

Die nächsten Stunden verbringe ich am und im Rooftoppool, dann geht es in eine Gelateria.

Ich kaufe Postkarten. Briefmarken gibt es nicht im Tabakladen, da müsste ich zur Post. Ich laufe zur Post. Aha! Der aufmerksame Leser wird irritiert sein, wie ein Orientierungslegastheniker nun zielstrebig die Post ansteuern kann. Und ja, das geht; die Post liegt nämlich gegenüber des Tabakladens.

Habe ich mich bisher gewundert, dass es so gut wie keine Menschen in Brindisi gibt: hier sind sie also allesamt versammelt. Voll ist es in der Post, ich muss eine Nummer ziehen und warten. Und warten. Und warten.

Endlich wird meine Nummer aufgerufen. Ich sage, was ich möchte, der Beamte spricht kein Englisch. Ich wiederhole auf italienisch. Der Mann springt auf und verschwindet hinter der blauen Wand durch eine ebenso blaue Tür. Ich warte. Und warte. Das ist meine Aufgabe, denke ich: sich in Geduld üben. Sich nicht aufzuregen wegen Kleinigkeiten. Natürlich bin ich kurz davor, meine Wartenummer zu zerknüllen und die Post wütend zu verlassen, da kehrt der Beamte durch die blaue Wand zurück. Er setzt sich, nimmt eine Büroklammer und steckt die Marken sorgfältig zusammen. Dann erklärt er mir ausführlich, dass auf jede Karte zwei Marken gehören (was offensichtlich ist). Meine Geduld wird strapaziert, ausserdem muss ich auf Toilette.

Ich nehme die Marken, marschiere nach Hause, und wie gut, dass es hier eine Küche gibt, da mache ich mir gleich noch einen Salat.

Brindisi – Logbuch Tag 1

27.09.2021

Ich mag es, wenn der Flieger früh am Morgen geht. Dann nehme ich ein Taxi zum Flughafen. Es fährt durch die dunkle Nacht, die Strassen glänzen vom Regen, das orangefarbene Licht eines Einsatzfahrzeugs blinkt durch die Tropfen der Fensterscheibe, aus dem Radio ertönt Musik.

Mehrfach habe ich die letzten Tage Einreiseformulare bearbeitet; teils falsch ausgefüllt, teils neu ausgefüllt, da die Airline in letzter Minute meinen Sitzplatz geändert hat. Die Schweizer werfen einen kurzen Blick auf mein Handy mit dem Transit-Formular und winken mich durch. Na, das war ja einfach. In Brindisi steuere ich zwei Offizielle an, neugierig, was ich als erstes zücken muss: den Ausweis? Den Impfnachweis? Den Antigen-Test? Die Einreiseformulare für Italien? Oder die Einreiseformulare für Apulien? Die Offiziellen winken ab: nichts bräuchte ich vorzeigen. Ich bin verblüfft: sie scheinen genauso eine Abneigung gegen Formulare zu haben wie ich.

Mein Hotelzimmer entpuppt sich als grosszügig geschnittene Wohnung, die über zwei Etagen geht und über zwei Balkone, zwei Fernseher, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer mit inkludierter Küche verfügt. Eine Küche brauche ich nicht. Ich möchte lieber die Restaurants besuchen.

Besuchen tue ich erstmal die Dachterrasse mit Blick über die Dächer von Brindisi und einem kleinen Pool.

Ich schaue vor die Tür. Nicht, ohne erst zu testen, wie ich mit dem Plastikkärtchen wieder durch den Hauseingang zurückkomme, eine permanent besetzte Rezeption gibt es nämlich nicht. Verwinkelt sieht es aus, ich muss mich konzentrieren, denn ich bin Orientierungslegastheniker. Ich finde den Hafen, schlendere die Palmen-Promenade entlang, schön ist es hier und leer ist es hier. Überhaupt sehe ich so gut wie keine Menschen und erst recht keine Touristen.

Der Himmel ist grau. Wird es so früh dunkel in Italien? Oder wird es regnen? Ich öffne den Schirm und beschliesse, in das einzige geöffnete Restaurant zu gehen, ich sitze draussen am Hafen und esse den schlechtesten Caesarsalat meines Lebens.

Ich wandere zurück zum Corso Garibaldi, entdecke die Abzweigung (yeah!), die ich zu meinem Haus nehmen muss, biege aber in eine andere Gasse ein und betrete ein Reisebüro. Ausflüge in die Umgebung? Die Dame verneint, die gebe es nur im Juli/August. Ich spaziere wieder hinaus und in einen riesigen Supermarkt hinein (ich liebe es, im Ausland die Supermärkte zu durchstöbern), kaufe Obst, Gemüse, Brot und etwas Käse, schliesslich habe ich ja eine Küche.

Ich gehe auf den Balkon. Der Regen hat aufgehört. Der schwarze Himmel legt sich über die Strassen, die gelben Lampen gehen an, ein Hund bellt.

Logbuch Brindisi

25.09.2021 Prolog.

Wie komme ich eigentlich auf Brindisi? Ich habe gegoogelt. Weiße Häuschen, die sich übereinanderstapeln, den Berg hinauf und dann hinunter bis ans hellblaue Meer, eine Promenade mit Palmen säumend, über der die Sonne scheint, die Szenerie ist leicht und heiter wie ein Aquarell. Dieselben Bilder bei Nacht; der Himmel schwarz, wie es das nur in Italien gibt, die Gassen erleuchtet von den gelben Straßenlaternen, die quirligen Einwohner treffen sich auf dem Dorfplatz auf den Bänken, die Kinder spielen zu ihren Füssen, Gelächter, das Geklirre der Gläser in den Bars mengt sich mit dem Hupen der herumwuselnden Mopeds und der Musik des Karussels.

Ich liebe diese nächtliche Stimmung mit ihren gelben Farben, der weichen Luft und der Geräuschkulisse, so oft habe ich sie erlebt, in Livorno nachts vor der Kirche, durch den Torbogen hindurch spazierend, in Marina di Pisa am Meer vor dem kleinen Straßenrestaurant, wo wir auf weißen Plastikstühlen die leckersten Speisen aßen, mit offenem Dach im grünen Jaguar im Fahrtwind an der Küste entlangdüsend, meine Hand auf Deinem Knie, Dein Blick trifft meinen, wir schmunzeln, das waren die guten Momente.

Zuviele Erinnerungen, die mich an diese Orte nicht zurückkehren lassen, zu schwer die Last, dort die Erinnerungen allein tragen zu müssen.

Brindisi wird es sein! Die Flüge und das Hotel sind schnell gebucht, nicht ganz so schnell gestaltet es sich mit den drölfzig Formularen, die für die Reise ausgefüllt werden müssen. Formulare für die Schweiz (auch wenn es nur Transit ist). Formulare für Italien. Da möchte man ja hin. Formulare für Apulien. Dort liegt Brindisi. Ich fülle aus, ich lösche, ich fülle neu aus, ich hoffe insgeheim, dass ich es annähernd richtig mache und nicht bereits am Flughafen Fuhlsbüttel strande.

Brindisi. Wieso kommt es mir so bekannt vor, auch wenn ich dort noch niemals war? Irgendwann fällt es mir ein: Verdi! La Traviata! Die Arie! Brindisi! Ich bin erfreut und wohl die Einzige, die eine Reise nach Brindisi aufgrund einer gleichnamigen Opernarie antritt, allerdings bin ich wohl auch die Einzige, die aufgrund der Sissi-Verfilmungen auf Madeira gestoßen ist (um Jahre später festzustellen, dass die Madeira-Szenen nicht in den Gärten des Reids, sondern an der Amalfi-Küste gedreht wurden).

Ich tue das, was ich schon so oft getan habe. Ich packe meinen Koffer.

07.09.2021

Es ist 9.00h. Ich gehe über die Brücke und merke, wie sich mein Blick verändert. Der genaue Blick auf die Umgebung, den ich während der Erkrankung entwickelt hatte, stellt sich ein: ich nehme die kleinen graubraunen Wellen der Elbe wahr, ich sehe die Möwe, die kreischend über das Wasser fliegt, den Schatten, der sich von dem roten Klinkergebäude über den Weg legt.

Ich bin auf dem Weg in mein kleines Krankenhaus, ein Tag und ein Weg, der mich immer nachdenklich werden lässt. Genug Zeit habe ich für die Fahrt mit der U-Bahn und den anschliessenden Fussweg eingeplant; allerdings gibt es seit gestern eine Planänderung: erst muss ich ins Krankenhaus und eine Überweisung abholen, dann zu einer ausgelagerten Radiologie wandern, und eine Dreiviertelstunde später habe ich den Anschlusstermin im Krankenhaus bei meiner Ärztin.
Das könnte eventuell knapp werden, sage ich der medizinischen Assistenz, die mir die Überweisung überreicht. Sie kennen das schon, kein Problem, ist die freundliche Antwort.
Ich wandere zur Radiologie; die Mammographie ist zehn Minuten eher, ich bin erfreut, erfreut auch über das gute Ergebnis. Das geht ja schnell, sage ich zu der Radiologin. Trugschluss, hier sei jemand ausgefallen, noch fünf Patienten seien vor mir dran, bevor es dann mit Ultraschall etc. weiterginge.

Ich warte. Ich schaue auf die Uhr. Ich warte weiter. Ich fange an mich zu ärgern, dass sich das so hinzieht. Ich fange an mich zu ärgern, dass ich mich ärgere. Freuen sollte ich mich, ist doch die Mammographie schon mal gut gelaufen. Ich rufe im kleinen Krankenhaus an, dass ich hier leider festsitze und meinen Termin (der bereits vor zehn Minuten gewesen wäre), nicht einhalten kann. Ich schaue auf meine Schwimmtasche. Das kann ich auch knicken, ich schaffe es nicht mehr ins Freibad. Ich buche ein Ticket für morgen Abend, um etwas friedlicher zu werden.

Ich werde aufgerufen. Ich entkleide mich extra schnell, was bei über 80 Minuten Verspätung nun auch egal ist. Die Radiologin stellt Fragen. Ich antworte etwas genervt. Ob ich mit dem Operationsergebnis zufrieden sei? Jetzt bin ich endgültig genervt: natürlich, antworte ich. Ich stehe hier und lebe. Mein Busen war vor der Operation schön und er ist auch nach der Operation schön, aber das sage ich nicht, denn darum geht es mir nicht, wenn ich mit einer todbringenden Krankheit konfrontiert werde. Die Assistenz kommt in den Raum, das kleine Krankenhaus sei am Telefon, wo denn Patientin A. bliebe? Die sitze hier halbnackt auf der Liege, antworte ich, die Radiologin ergänzt, dass diese in fünfzehn Minuten fertig sei.

Das Ultraschall fällt ebenfalls gut aus. Genauso der Tastbefund. Ich könne den Arztbrief gleich mit ins Krankenhaus nehmen. Wenigstens etwas. Ich ärgere mich am meisten über mich selbst. Freuen sollte ich mich und mich nicht wegen 80 Minuten, einem verpatzten Anschlusstermin und einen Freibadbesuch grämen.

Ich laufe nach draussen, mittlerweile ist es schon Mittagszeit, ich nehme auf dem Weg meine Tamoxifen, trinke und esse etwas (ich bin zum Glück immer mit Proviant ausgestattet) und marschiere in mein Krankenhaus.
Da sind Sie ja wieder, werde ich freundlich begrüsst. Ich warte drei Minuten im Wartezimmer, dann darf ich zur Ärztin. Profis eben. Wir gehen meine Medikamente durch, dann Sport und Ernährung und unterhalten uns über das Schwimmen, zu dem ich nun trotz gepackter Tasche nicht mehr gehen kann. Die Untersuchungen verlaufen gut. Alles ok. In sechs Monaten sehen wir uns wieder.

Ich verlasse das Gebäude und atme tief durch. Jetzt darf ich machen, was ich will, ich habe schliesslich frei genommen. Wenn ich nicht schwimmen kann, dann will ich an die Elbe. Und einen Sekt trinken. Auf mich. Auf
4 Jahre, 5 Monate und 16 Tage geschenkte, krebsfreie Zusatzzeit.

04.09.2021

A., Du bist nicht bei der Sache!, ruft die Trainerin durch den Raum. Sie meint nicht mich, sondern die Mitstreiterin, die vor mir ihre Arme im falschen Rhythmus emporstreckt und in die andere Richtung hüpft.
Ruhe und Entspannung – so die vertrauenserweckende Headline, die im Kursprogramm steht und die mich den Kurs vertrauensselig hat buchen lassen.
Die brasilianische Musik ist laut aufgedreht, aufgedreht ist auch die grazile Trainerin, die früher einmal Balletttänzerin war und sich entsprechend elegant bewegt, auf die Spitzen, Bein nach hinten gerade gestreckt, der Kopf dreht sich und schaut dem rechten Arm, der geöffnet nach oben und hinten Richtung Fenster geht, hinterher, wild ist die Musik, wild hüpfen wir auf der Stelle, und ich, ich frage mich, was man im schicken Spa wohl unter Ruhe und Entspannung versteht.

Das war der Mobility-Teil, nun folgt das Stretching!, kommt das Kommando von der fitten Tänzerin vor der Spiegelwand, und A., den Kopf nicht nach oben, sondern nach unten hängend und durch die Beine schauend! Diesmal meint sie mich, denn natürlich schaue ich regelmässig nach vorn um nachzuvollziehen, in welche Richtung wir uns drehen und wenden.

Am Ende der Stunde bin ich verschwitzt und erledigt, die Mitstreiter aber auch. Und schwups, trage ich mich für nächsten Freitag wieder in die Teilnehmerliste ein, und ein bisschen freue ich mich auch darauf, wenn wir wieder das virtuelle Lasso über unsere Köpfe schwingen lassen. A., die Mitstreiterin, gelobt auch Besserung und erhöhte Konzentration, denn auch sie wird nächste Woche wieder antreten.

Es ist Samstag. Wir sitzen am Pool des öffentlichen Bades und schauen auf das Geschehen, das sich vor uns in den Becken abspielt. Die Sonne wärmt, das Wasser glitzert, wir plaudern, tauschen uns über unser Freibad aus, zwischendurch trinke ich einen Schluck Vanilletee und beiße in mein Brötchen mit dem veganen Käse (aus Versehen gekauft) und der veganen Salami (bewusst gekauft), die Schwimmer ziehen ihre Bahnen, so wie wir es bis eben auch getan haben, friedlich ist es und auch meditativ, wenn die Krauler gleichmässig durch das Becken ziehen. Morgen hatte ich eigentlich geplant, ins Gym, das im schicken Spa ist, zu gehen.
Schau mal, wie leer dort hinten, wahrscheinlich auch sehr kalt, aber wie schön und dann morgens, und die Sonne könnte aufs Wasser scheinen, und dann, dann ist der morgige Plan über den Haufen geworfen, aber der neue Plan, der macht viel glücklicher.

Fitnessrückblick der Woche
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Faszientraining (class) ✔️
Mi: Meditation ✔️
Do: Gym (alt) ✔️
Fr: Mobility & Stretch (class) ✔️
Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen (in Planung)

14.08.2021

Die Sonne steht tief und hüllt den Hamburger Dom in ein warmweiches Licht, das die Action und den Trubel langsamer erscheinen lässt.

Und wir?

Wir schlendern über das Gelände, inspizieren die Fahrgeschäfte (nein, da niemals rein, das da vielleicht, wer kommt mit in die Wildwasserbahn und wer geht in die rasende Schlange?), wir sitzen vorm Bierstübchen und essen und trinken, wir lachen und plaudern und hat das Riesenrad nicht ein neues Design?, wir essen und trinken noch mehr, fahren Karussell und quietschen, winken, fliegen mit dem Kettenkarussell durch den Abend und baumeln mit den Beinen, und dann, wie immer, krönen wir den Abschluss unseres Dombesuches mit der Fahrt im Riesenrad, hoch oben in der Gondel staunend über die Schönheit der Stadt, die winzigen Fussballer da unten im Millerntorstadion (Lokalderby HSV:Sankt Pauli), dahinten die Kräne des Hafens vorm rosanen Abendhimmel, dort blau-blinkend die Polizeiwagen, die sich für das Spielende bereitmachen, wir lachen und schweigen und geniessen den Abend, wie früher, fast so wie immer.

11.08.2021

Der Ausflug.

„Steuerbord! Nun Backbord!“, schallt es von der Rückbank. „Ihr seid nur Supernumerary und habt so gar nichts zu vermelden!“, rufe ich den beiden Kollegen, die im wirklichen Leben richtige Kapitäne sind, zu. Ich steuere, ich trete, also bin ich der Kapitän an Bord dieses Tretbootes.

Kapitän 1, mein Bürogenosse, hat bereits nach zehn Minuten seine Position als in die Pedale tretender und ins Steuer greifender Chief Officer wegen Rücken/Knie/Unfitness aufgegeben und mit dem Accountant halsbrecherisch den Platz gewechselt, der nun friedlich neben mir sitzt und gleichmässig mit mir das Tretboot vorwärts bewegt. „Was sollen bloss die Anderen denken, die uns sehen – drei Männer und eine Frau an Bord, die hier treten muss“, vermerkt Kapitän 2. „Was soll erst die Bootsvermietung denken, wenn sie das sieht“, entgegne ich. „Ich habe meinen Schwerbehindertenausweis als Pfand für die Tretboote abgegeben“.

Die Sprüche fliegen hin und her, während wir auf der Hamburger Aussenalster herumschippern, das Wetter ist perfekt für eine Bootstour, und ich gerate nicht einmal ins Schwitzen. Die heutige Fitnesseinheit ist hiermit ausserdem abgehakt.

08.08.2021

Fitness

Er sehe eine fitte und fröhliche Person vor sich sitzen, sagt E. Ja, genau, das sei ich auch, stimme ich dem jungen, gutaussehenden Fitnesstrainer zu, der mit mir im neuen Club (den Lesern bekannt als „das schicke Spa“, in dem ich zum 1. August einen Halbjahresvertrag zu Superkonditionen abgeschlossen habe) einen individuellen Fitnessplan für das Gym aufstellen möchte.

Und bevor wir einen Plan erstellen, möchte E. natürlich erstmal von mir wissen, was ich an körperlichen Einschränkungen habe, eventuelle Krankheiten, warum ich denke, dass das mit der Gewichtsabnahme, die ich mir wünsche, schwierig würde (Medikamente!), und ich merke beim Erzählen meiner Krankengeschichte, dass da schon einiges zusammengekommen ist, auch wenn ich mich als gesund deklariere. Normalerweise würde ich auch nix erzählen, aber da es nunmal wichtig für die Planerstellung ist, müssen wir da durch. E. ist versiert: wie schon im Gym, in dem ich gerade gekündigt habe und das auf orthopädische Fälle spezialisiert ist, schlägt er mir statt Übungen an Geräten das TRX Training vor, bei dem mit Eigengewicht trainiert wird. Das kenne ich schon vom Trainingsplan des „Quälgeistes“, das ist wirklich effektiv. Dazu etwas Aufwärmen, einige Bodenübungen, einige Geräteübungen, die zu mir passen, wie wäre es noch mit diesem oder jenen, ich stimme enthusiastisch zu, und nach fast zwei Stunden steht mein Plan für die kommenden Monate, den ich praktischerweise über eine App mit dem Handy abrufen kann.

Was ich ihm vorhin alles aufgezählt habe – das sei ja wirklich eine Menge, greift E. das Thema wieder auf. Aber ich scheine nicht so, als ob ich Mitleid wolle. Natürlich nicht!, antworte ich. Das passe definitiv nicht zu mir und meiner Situation und ist im Übrigen einer der Gründe, weshalb ich sonst nicht über Krankheiten spreche.

Schon beim Verlassen des Gyms spüre ich meine Oberschenkel und fange an, meine nächste Fitnesswoche zu planen. Ich bin gespannt und freue mich auf die Abwechslung!

Fitnessrückblick der Woche:
Montag: Schwimmen ✔️
Dienstag: Faszientraining (Class) ✔️
Mittwoch: Meditation ✔️
Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym (altes Studio) ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Gym (neues Studio) ✔️
Schwimmen ✔️
Sonntag: Body Balance (Class) ✔️

25.07.2021

Was ich mag.
Ich mag es, wenn morgens die Sonne langsam über den alten Rotklinkerbau steigt und das Wasser glitzern lässt.
Ich mag es, ins Becken zu steigen, vier Schritte die Leiter hinunter, kurz innehalten, Luft anhalten und loszuschwimmen.
Ich mag es, wenn sich im Sonnenschein Gittermuster auf den Armen bilden.
Ich mag die hellen, bunten Farben meines neuen Tankinis, der sich von der gebräunten Haut abhebt.
Ich mag es, wenn die Gedanken mit jeder Bahn, die ich schwimme, weniger werden und ich vom Denken zum Fühlen übergehe.
Ich fühle, wie sich das Wasser wie ein leichter Mantel um mich legt.
Ich fühle, wie ich ruhig atme, während ich gleichmässig durchs Wasser gleite.
Ich fühle, wie die Sonne mein Gesicht wärmt.
Ich lausche dem Klang der Schwimmer, die durch das Becken kraulen.
Ich freue mich, bekannte Gesichter zu sehen und grüße.
Ich freue mich über die Wolken, die über mich hinwegziehen.

Was ich ausserdem mag.
Wenn es kalt ist aber mich die Hitzewelle – Tamoxifen sei Dank – im richtigen Freibadmoment trifft.

Was ich nicht mag.
Ich mag keine kaltnassen Bodenfliesen in der Umkleide. Ich mag es nicht, die Kleidung nach dem Schwimmen über den klammen Körper zu friemeln.

Fitnessrückblick der Woche:
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️Frühschicht. Um 7.00h morgens bin ich im Becken)

19.07.2021

Das vergessene Land.

„My mom is still weak. My grandpa and grandma are getting worse day by day, we have difficulties to find oxygen for them. We can’t go to hospitals and military makes the situation even more worse. We haven’t enough oxygen for all the sick people, Myanmar people are in huge trouble now. I am also very tired to save my grandma and my grandpa.“

Ob ich ihr irgendwie helfen könne, frage ich meine Kollegin. Ob sie Urlaub haben könne, zwei oder drei Wochen. Sie müsse Sauerstoff finden und sich um ihre kranke Familie kümmern. Die Familie, das sind die Mutter, der Vater, der kleine Bruder, der Großvater und zwei Großmütter. In Myanmar lebt man mit der ganzen Familie zusammen. Und alle haben Corona. Natürlich genehmige ich den Urlaub und verfolge weiter die unzähligen posts auf social media meiner Freunde und Kollegen, die in Myanmar leben, im Moment mehr schlecht als recht, irgendwo zwischen einem Militärputsch und einer massiven Coronawelle, die es laut Staatsfernsehen nicht gibt, es gehe allen gut, wird dort vermeldet. Derweil werden Straftäter aus den Gefängnissen entlassen, damit dort Platz für Demonstranten ist, die für Demokratie auf die Straße gehen, dort werden Menschen erschossen, nachts in Wohnungen eingebrochen und Putschgegner abtransportiert, Licht mache man abends längst nicht mehr an, aus Furcht.

UN und ASEAN drohen hilflos den neuen, alten Machtinhabern, die darüber nur lächeln können, man sei es gewohnt, keine Freunde zu haben, man sei es gewohnt, dass Sanktionen erhoben werden.

Die Ärzte haben die Krankenhäuser verlassen. Niemand will unter dem Militär arbeiten. Das Volk, das stirbt. Es gibt keinen Impfstoff gegen Corona; ein deutscher Freund, einer der ganz wenigen Ausländer, die in Yangon geblieben sind, konnte sich dank seiner guten Kontakte zur russischen Botschaft mit Sputnik impfen lassen. Besser als gar nichts. Das Volk habe nicht soviel Glück.

Auch der Großvater hat kein Glück. „Now my grandpa is gone, I am left with the both grandmas, my mom and dad and my younger brother. Don’t worry, my neighbors help us with food“.

Die Übersetzungen vom Burmesischen ins Englische sind unbefriedigend. „Grandpa has taken also grandma with him“, lese ich am Sonntag, ein Foto zeigt die aufgebahrten Toten in der Wohnung, die Leicheneinsammler, die durch die Straßen gehen, waren noch nicht da.

„Now I need to fight for my dad and my other grandma“, schreibt mir Lin Lin am Montag. Ich finde keine Worte für diese humanitäre Katastrophe, für die Hölle, in der sie sich befindet, und versuche zu trösten, so gut ich kann.

Als ich an Brustkrebs erkrankt war, schrieb mir eine burmesische Kollegin, dass sie zur Shwedagon Pagode gegangen und für mich gebetet hat. Vielleicht hat Buddha ein bisschen mein Leben gerettet.

Ich möchte einen Teil meines nächsten Gehaltes an meine Kollegin überschreiben, sage ich. Ich habe schliesslich zu essen, ich bin geimpft, ich bin gesund. „I am proud to have such colleagues. My respect“, schreibt mir der Head of HR. „Das ist kompliziert, das hätte ich mal absprechen sollen“, höre ich von meinem Geschäftsführer. „Das kriegen wir hin, in cash, denn die Banken haben geschlossen, Geldautomaten funktionieren nicht mehr“, sagt der Buchhalter, aber ich vertraue den kreativen Kollegen im Accounting, die eine Lösung finden werden. „We love you. Hope to see you soon“, schreibt mir Myo Maung aus Sanchaung. „Next time when I am in, we drink a beer together“, antworte ich. Und „please stay safe.“ „Please stay safe, too“, antwortet er.

Soll ich zum ersten Kulturevent nach Planten un Blomen unter freiem Himmel gehen? Soll ich lachen? Soll ich schwimmen gehen? Ja, das sollte ich: nur wenn ich psychisch und physisch fit bin, kann ich anderen helfen.

Ich schwimme. Und schwimme. Ich schwimme, bis ich denke, dass ich fliege, so leicht gleite ich dahin, hindurch durch das Wasser, hinein in den Himmel, der steinern grau über dem Becken liegt.

08.07.2021

Unterwegs.

Aufgeregt (da Premiere), unsicher (wird die gecrashte Bandscheibe das mitmachen?), enthusiastisch (das bin ich meistens), neugierig (wie wird es mir gefallen?), balancierend auf dem Wasser (statt sonst schwimmend im Wasser), verschwitzt (da warm und sonnig), verschrammt (der Brombeerstrauch wollte nicht ausweichen) und glücklich!

Danke, liebe Su, für das tolle Einsteigertrainining (Fotos und Video: Su/Diagnose Leben)

05.07.2021

Unterwegs.

„Ich geh‘ jetzt ins Freibad“, sage ich. Mein Kollege schaut kurz auf, „Viel Spass, Prinzessin, das ist gut für’s Immunsystem“ und vertieft sich wieder im PC. Ich wiederhole dasselbe eine Tür weiter, der Geschäftsführer sieht aus dem Fenster auf den dunkelgrauen Himmel und den Nieselregen, rollt mit den Augen und winkt ab. Man kennt mich. Abhalten kann man mich eh nicht, und sei das Unterfangen noch so unverständlich.

Ich schultere die Schwimmtasche und marschiere los. Durch den Hauptbahnhof und um ein Mandelhörnchen reicher, geht es mit der U-Bahn Richtung Freibad.

Und hier fühle ich mich wie in dem kleinen gallischen Dorf, das aufmüpfig dem römischen Reich trotzt, denn hier kommt die Sonne, die den ganzen Tag nicht zu sehen war, zwischen den Wolken hervor. Ich gleite ins glitzernde Wasser, Muster entstehen auf den Armen, während ich gleichmässig meine Bahnen ziehe.

Ich wünschte, ich könnte Fotos machen und diesen friedlichen Moment festhalten: ein junger Mann sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen, ganz aufrecht und grazil, auf der roten Mauer und liest Zeitung, zwei kleine Jungs in blauer und roter Badehose, denen die Sonne auf die gebräunten Rücken scheint, haben sich kumpelhaft die Arme um die Schultern gelegt und plaudern mit dem Bademeister, ein älterer Herr in Hemd und Anzug sucht sich ein Plätzchen auf der Anhöhe. Rechts von mir schwimmt ein Asiate mit langen Haaren, langsam und etwas unsicher bleibt er an der Beckenkante, auch wenn hier eigentlich Kreisverkehr gilt. Ich wechsele vom Brustschwimmen in die Rückenlage und tue das, was ich am liebsten tue: in die Sonne blinzeln.

Fitness-Wochenrückblick, Fitness-Wochenausblick:

Mo: Schwimmen ✔️

Mi: Hantelworkout / Balanceboard ✔️

Do: Gym ✔️

Fr: Schwimmen ✔️

Sa: Schwimmen ✔️

So: Schwimmen ✔️

Mo: Schwimmen ✔️

Di: Taji-Class bzw. Meditation-Class 🔲

Mi: Stand Up Paddling (Premiere) 🔲

Do: Gym 🔲

Fr: Schwimmen 🔲

Sa: Schwimmen 🔲

So: Schwimmen 🔲

03.07.2021

In between.

Grau ist die Wolke, die über mir schwebt. Wird es regnen? Wird sie weiterziehen? Das kann niemand beantworten.

Der Humangenetiker, den ich gebeten habe, eine erneute Beurteilung meines sehr seltenen Gendefektes abzugeben, kommt zu dem gleichen Resultat wie vor vier Jahren: unklassifizierte Varianten, keine Einschätzung möglich. „Möglicherweise krankheitsverursachend, möglicherweise ein erhöhtes Risiko für Tumorerkrankungen“, sagt die Mutationsdatenbank. „Unklassifiziert“, heisst es in einer anderen Datenbank. Die dritte Datenbank stuft den Defekt neben „unklassifiziert“ noch als „likely benign“ ein.

Eine bessere Einschätzung könne vorgenommen werden, wenn ein Verwandter getestet würde. Mein Vater erklärt sich bereit, die Antwort kommt prompt, dann erzählt er, dass sie gerade im Garten sitzen und noch spazieren gehen werden und weist auf C-Risiken bei Reisen hin. Dass ich hier wohl ein ganz anderes Risiko habe, erwähne ich nicht.

Der Humangenetiker hat mir noch eine 14-seitige Abhandlung der University of Washington geschickt, „NTHL1 Tumor Syndrome“, das beträfe mein defektes Gen, wenn auch mein Defekt etwas anders liegt: nämlich im Dunkeln.

Und trotzdem finde ich mich in dieser Abhandlung wieder: bilateral breastcancer, sessile-serrated polyps…Befunde, die es auch in meinen Arztbriefen gibt. Ich gehe über zu „Recommended Surveillance for Individuals with NTHL1 Tumor Syndrome“ und finde dort die Vor- und Nachsorgeuntersuchungen samt Rhythmen, die ich fast genauso wahrnehme.

„I will worry about tomorrow when tomorrow comes“; dieses Motto des Extrembergsteigers Nimsdal Purjas habe ich für mich übernommen. Und doch bin ich wachsam und möchte vorbauen, um mir auch morgen keine Sorgen machen zu müssen.

Ich nehme meine Tasche und mache mich auf den Weg. Im Aussenbecken des öffentlichen Bades gleite ich ins kühle Wasser und schwimme los, weiter und weiter, bis das Wasser von der Sonne zu glitzern beginnt. Die graue Wolke habe ich erstmal hinter mir gelassen.

25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

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23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.