23.10.2021

Alte Schwimmerweisheit:
Wenn die Umkleide ist leer,
sind die Schwimmer schon im Meer.

Natürlich ist das keine Schwimmerweisheit sondern ein Reim, der mir heute in den Sinn kommt, als ich aus der rosanen Damenumkleide und dem Duschzwischenstopp in Richtung Aussenbecken marschiere. Das Meer bzw. das Aussenbecken ist stark frequentiert. Einige Kampfschwimmer sind auf die Trödelseite ausgewichen und rauschen durch das Wasser, an der inneren Aussenkante schwimmt die sture, mürrische Dame auf dem Rücken, hin und her und her und hin, in der Mitte plaudern zwei spazierende Fussgänger – und das scheint hier der neue Trend zu sein – ich suche mir eine Lücke und schwimme mal hier und mal dort. Welche dieser Mitschwimmer mich am meisten ärgert, weiss ich gar nicht. Aber heute ist Konzentration angesagt, um nicht mit dem blaubekappten Kampfschwimmer und seinem Genossen zusammenzustoßen.

Gib acht auf Dich – gib acht auf Andere, das würde ich eigentlich gern Einigen zurufen, aber der augenrollende Austausch mit zwei weiteren Trödelschwimmern in Richtung Kampfschwimmer besänftigt mich. Irgendwann sind sie auch weg, diagonal unter allen durchgetaucht auf die andere Seite, erfolgreich verteidigt haben wir unsere kleine Ecke ganz aussen am Beckenrand.

Ich plaudere etwas mit der netten Bademeisterin, die am Beckenrand hockt und Unkraut zupft, ich dümpele am Beckenrand herum um etwas Sonne zu finden, in die ich blinzeln könnte (Fehlanzeige), ich freue mich über die kühle Luft und den Dampf, der aus dem Wasser steigt, während ich auf die gelb- und rotbelaubten Bäume zuschwimme.

Etwas Gutes hat das rege Treiben hier heute allerdings doch: normalerweise bekomme ich ab der 36igsten Bahn Hunger oder muss auf die Toilette; heute bin ich so fokussiert auf meine Umwelt, dass ich meine gängigen 40 Bahnen locker ohne Zwangspause schaffe. Immer noch kein Hunger. Immer noch kein Bedürfnis, auf die Toilette zu marschieren. Und immer noch keine Lust, das Becken, das mittlerweile leerer ist, zu verlassen. Ich schwimme weiter. Und weiter. Wenn die Umkleide ist leer, dann findest Du mich im blauen Meer.

13.10.2021

Unterwegs.

Es wird Herbst. Die Blätter fliegen durch die Luft, erst hoch in den Himmel hinauf, um dann kreiselnd auf den Gehweg zu schweben. Ich bin auf dem Weg ins öffentliche Bad. Einige ärgerliche Arbeitstage liegen hinter mir (note to myself: und auch noch vor Dir), kurzfristig habe ich vergessen, mich auf das Positive zu fokussieren und mich dazu hinreissen lassen, mich in die eine und die andere Auseinandersetzung zu werfen.

Eigentlich habe ich nun keine Lust zum Schwimmen zu gehen, aber ich weiß, dass sich das schnell ändern wird. Am Eingang zeige ich mein Impfzertifikat und meine Eintrittskarte vor, lasse mir viel Spass wünschen und marschiere in die rosafarbene Welt der Damenumkleiden. Es ist leer. Ich ziehe meinen Tankini an, den ich um die beiden Polster erleichtert habe, deren Sinn sich mir noch nie ergeben hat, und ausserdem verdrehen sie sich sowieso andauernd. Also weg damit. Ich gehe in die Dusche, auch hier bin ich die Einzige. Meine Laune fängt an, sich zu verbessern.

Ich mache mich auf den Weg in mein Aussenbecken: vier Trödelschwimmer auf der langsamen Seite, zwei Kampfschwimmer auf der anderen Seite, damit lässt es sich schwimmen. Das Wasser empfängt mich weich und freundlich; wie ein wärmender Mantel legt es sich um meine Schultern, während ich langsam meine Bahnen ziehe. Das heisst, so langsam bin ich nun auch wieder nicht: mühelos hole ich den Mann ein, der bebrillt und akkurat brustschwimmend (mit Kopf unter dem Wasser) unterwegs ist, auch die Frau rechts von mir überhole ich (note to myself: würdest Du den Trödelmodus Typ mit-Kopf-über-dem-Wasser-schwimmend-und-in-die-Sonne-blinzelnd gegen Schwimmbrille und eine richtige Kopfhaltung eintauschen, würde vielleicht doch noch ein Kampfschwimmer aus Dir werden!). Ich wechsele in die Rückenlage und beobachte die Wolken, bis ein Warnruf mich vor einem Zusammenstoß mit einem Neuankömmling bewahrt. Mittlerweile ist meine Laune richtig gut, ich freue mich über die kühle Luft, die bunten Blätter, das weiche Wasser, die gleichmässigen Bewegungen. Es wird Herbst. Und es wird Zeit, sich wieder auf das Positive zu fokussieren.

Heute bin ich Covergirl

…bei den Mammomädels (Kooperationsgemeinschaft Mammographie), in der Social Media-Kampagne zum Brustkrebsmonat Oktober.

Grundsätzlich geht es um Selbstliebe. Wer sich mag, gibt acht auf sich.

Ich bin Anja. Im Februar 2017 bekam ich die Diagnose beidseitiger Brustkrebs. Eine Diagnose, die das Leben still stehen lässt. Eine Diagnose, als sei man ohne Vorwarnung mit Vollgas gegen eine Wand gefahren.

Ich habe die Erkrankung als Warnung verstanden, meinen Lebensstil zu überdenken und zu optimieren.

Gib acht auf dich: das Motto der @Mammomädels habe ich verinnerlicht. Vor- und Nachsorge sind extrem wichtig: für Frauen von 50 bis 69 Jahren wird zur Brustkrebsfrüherkennung das Mammographie-Screening angeboten. Nehmt das gern Angebot wahr. Es kann Euer Leben retten.

Auch wenn der Oktober der Brustkrebs-Awareness-Monat ist, ist Brustkrebs für mich als Betroffene jeden Monat, jede Woche und jeden Tag präsent. Auch das hat etwas mit „Gib acht auf dich“ zu tun: zur Vorsorge gehört für mich Bewegung: ich mache täglich Sport, was das Risiko auf ein Rezidiv reduziert. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Ich achte auf meine Ernährung. Ich achte darauf, Stress zu vermeiden.

Ich gebe acht auf mich. Weil ich mich mag. Weil ich nur diesen einen Körper habe. Weil ich noch viel erleben möchte. Und weil ich noch lange fit und gesund sein will. Weil ich das Leben liebe.

Logbuch Brindisi – Tag 6

Kurze Version: pleite aber glücklich.

Lange Version: ich wandere ein letztes Mal am Meer entlang, sitze am Wasser, trinke einen frischen Orangensaft im Café und besuche ein letztes Mal die Kathedrale, die ich – genauso wie das grosse weisse Postamt – mittlerweile im Schlaf finde.

Mein Spaziergang endet vor dem Schaufenster des Optikers. Oh no! Panik. Dort, wo bis gestern noch mein Objekt der Begierde ausgestellt war, liegt nun eine andere Sonnenbrille. Ich schaue durch die Tür. Eine Kundin verabschiedet sich mit einem Päckchen in der Hand. Das kann doch nicht wahr sein. Ich stürme das Geschäft, bis gestern sei doch im Fenster diese Sonnenbrille…man schaut mich etwas verständnislos an, leider verstünde man kein englisch. Ich wiederhole auf italienisch, die Optikerin nimmt die Brille aus dem Fenster, nein, nein, ein Missverständnis, ich meine doch eine andere Brille, die dort eben nicht mehr ist. Die Optikerin zieht eine Kollegin zu Rate, zu Zweit durchsuchen sie Schubladen und Schränke, und dann finden sie das Objekt meiner Begierde. Erleichterung! Ich setze sie auf. Sie passt perfekt. Sie sieht perfekt aus. Perfetto, sagt die Optikerin. Ich frage nach dem Preis. Es ist der, den ich bereits im Internet recherchiert habe. Der Schock sitzt tief, was man mir ansieht. Man bietet mir einen Rabatt an. Puuuh. Man bietet mir einen weiteren Rabatt an. Immerhin 50 Euro weniger. Ich nehm die Brille, höre ich mich sagen.

Ich nehme die Brille ab, die Optikerin setzt sie mir wieder auf die Nase, um zu schauen, ob man sie anpassen müsse. Sie ist perfekt, sagen wir beide.

Ich darf aus verschiedenen Etuis wählen, bekomme zwei Brillentücher, eine weitere Box, die ich gleich dort lasse, in 15 Minuten holt mich das Taxi vom Hotel, das mich zum Flughafen bringt, jetzt muss ich mich beeilen. Mehr Shopping ist zum Glück nicht drin.

Pleite aber glücklich. Arrivederci, Brindisi!

Logbuch Brindisi Tag 4+5

Angekommen bin ich dann, wenn sich Rituale herauskristallisieren: der nachmittägliche Besuch der kleinen Gelateria, der Kauf von Obst und Gemüse im Supermarkt um die Ecke, der Aufenthalt am Pool an den Nachmittagen, das Innehalten an der Promenade am Meer, das selbstverständliche Bewegen durch die Gassen, das Beobachten des Geschehens um mich herum.

Gestern habe ich ein kleines blaues Boot beobachtet. Hier gibt es einige Boote, unter anderem eine Fähre nach Korfu. Da muss ich also genau aufpassen, auf welches Boot ich steige. Ich möchte auf die andere Seite zum Marine-Denkmal. Ich hole mir ein Ticket am grünen Automaten, vergewissere mich, dass ich hier richtig bin, und schon geht es los nach Korfu – Quatsch – zum Denkmal. Das ist dann auch sportlich, unzählige Stufen führen bis auf eine kleine Aussichtsplatform, die einen grandiosen Ausblick auf Brindisi im sanften Licht der Nachmittagssonne bietet.

Seit Tagen bleibe ich am Schaufenster eines Brillengeschäftes stehen. Schön sieht es aus, das Objekt meiner Begierde, so schön, dass es kein Preisschild hat, aber der Blick ins Internet verrät, dass es mein Budget weit überschreitet.

Ich gehe hinein. Ich halte der Optikerin meine alte Sonnenbrille hin, ob sie die reparieren könnten. Können sie. Sie möchte nicht einmal Geld dafür annehmen, vielleicht auch, weil es ein italienisches Modell ist. Ich wage nicht zu fragen, ob ich die Brille aus dem Schaufenster mal aufsetzen dürfte, was in diesem Fall auch besser sprich: vernünftiger ist.

Ein Eis stelle ich mir in Aussicht, als Kompromiss.

Morgen werde ich sicher wieder vorm Schaufenster landen. Es wird Zeit, dass ich abreise.

Brindisi – Logbuch Tag 3

29.09.2021

Tempio di San Giovanni, Palazzo Granafei Nervegna, Pontificia Basilica Cathedrale und Chiesa di San Benetto notiere ich mir beim Frühstück. Über diverse andere Sehenswürdigkeiten bin ich bereits per Zufall gestolpert oder sie befinden sich ausserhalb meines Radius.

Ich beschliesse, mein Handy zur Navigation zu nutzen, um zumindest das eine oder andere wirklich zu finden. Rechts aus dem Haus, die Strasse hinunter, dann durch die nächste Gasse und ums Eck, und schon stehe ich überraschenderweise vor dem grossen weissen Postgebäude, in dem ich gestern einige Zeit verbracht habe. Ich marschiere weiter, noch ist es früh und die Sonne angenehm und tatsächlich finde ich den Tempio di San Giovanni. Ein Italiener spricht mich an, ob er mich davor fotografieren solle, molto gentile, ma no. Die Dame am Eingang möchte meinen green pass sehen. Meine apps zeigen meine Covid-Zertifikate allesamt in blau an, aber verwandeln sich in den green pass, als der QR-Code gescannt wird. Ich darf eintreten. Rotunde, alte Gemäuer und ein Garten mit Blumen, Sträuchern, Brunnen und Olivenbäumen, eine kleine Oase inmitten der Mauern.

Auf dem Weg zum Palazzo treffe ich wieder den Italiener, ob er ein Foto…molto gentile, ma no. Ich frage ihn, wo der Palazzo liegt (anderswo als mir mein Handy anzeigt) und gehe meines Weges. Wieder werden meine Zertifikate gescannt, wieder darf ich eintreten, und wieder mal habe ich mich gar nicht informiert, wo ich gerade gelandet bin. Der Palazzo scheint eine Mischung aus Behörde (ich lande prompt in einem Büro), Studienzimmer, Ausgrabungsstätte und einer Kunstausstellung zu sein. Ich schaue mir alles an und finde sogar wieder hinaus.

Zum Tempio di San Giovanni sollte ich gehen, meint ein Italiener. Ich werde hier permanent angesprochen, vermutlich, weil ich der einzige Tourist in Brindisi bin. Da käme ich gerade her, ich möchte zur Kathedrale. Auch diese finde ich (hurray!), und ausserdem davor Soldaten, Polizei, Marine, Feuerwehr, die Hundestaffel, Einsatzfahrzeuge…und zwei weisse Wagen, auf denen was mit „sangue“ steht. Blutspenden, vermute ich, diesmal spreche ich einen Italiener an, ob man in die Kirche dürfte. Darf man.

Die Sonne steigt höher. Ich marschiere weiter zur Chiesa di San Benedetto. Hat geschlossen. Macht nichts. Gehe ich halt in die Angeli, an Kirchen mangelt es hier nicht. Einen Briefkasten bräuchte ich, aber die sind lt google rar gesät.

Ich lese am Pool, gehe in „meine“ Gelateria, esse wieder ein leckeres Hazelnusseis und trinke Cappuccino, steuere zielstrebig das Postgebäude an (alle Wege führen zur Post!) um die Karten zu verschicken, spaziere zum Hafen und von hier aus zur Kathedrale, in 200m sollte sie erscheinen, aber ich schaffe es, mich zu verlaufen, auch wenn das Ziel ums Eck liegt. Der Menschenauflauf vom Morgen ist verschwunden. Ein paar Vögel kreisen über der Kirche.

Heute werde ich eine Nachtwanderung machen.

Brindisi – Logbuch Tag 2

28.09.2021

Ich habe nichts geplant. Ich lasse das Frühstück stehen – da werden die Italiener und ich keine Freunde – und verlasse mein Haus. Hinunter an den Hafen, mal schauen, ob man das Hafenbecken umrunden kann, das Wasser schwappt dort an den Kai, die Sonne scheint. Schnell merke ich, dass die Entscheidung, den Rock aus- und die Jeans anzuziehen, falsch war. An Segelbooten und kleinen Yachten vorbei, hier und da ein leeres Café an der palmenumsäumten Promenade, ich gehe weiter, bis es nicht mehr geht. Maritimes Militärgebiet, Mauern mit Stacheldraht und ein hohes Tor versperren den Weg. Eigentlich sollte da auch eine Burg liegen. Ich stehe unschlüssig vor dem Tor, die Marinesoldaten mag ich nicht ansprechen. Ich trete den Rückzug an.

Wäsche flattert vor den Fenstern der gelbfarbenen Häuser, zwei Kochtöpfe stehen auf einer Fensterbank, in der Schule hört man Kinder singen, die Sonne scheint jetzt unbarmherzig auf mich herab. Spontan entschliesse ich mich, ins archäologische Museum zu gehen, ein Platz, an dem es erfahrungsgemäss gut gekühlt ist.

Vor 20 Stunden habe ich mich über die Küche in meinem Domizil echauffiert, nun stehe ich dort und bereite mir einen Salat zu.

Die nächsten Stunden verbringe ich am und im Rooftoppool, dann geht es in eine Gelateria.

Ich kaufe Postkarten. Briefmarken gibt es nicht im Tabakladen, da müsste ich zur Post. Ich laufe zur Post. Aha! Der aufmerksame Leser wird irritiert sein, wie ein Orientierungslegastheniker nun zielstrebig die Post ansteuern kann. Und ja, das geht; die Post liegt nämlich gegenüber des Tabakladens.

Habe ich mich bisher gewundert, dass es so gut wie keine Menschen in Brindisi gibt: hier sind sie also allesamt versammelt. Voll ist es in der Post, ich muss eine Nummer ziehen und warten. Und warten. Und warten.

Endlich wird meine Nummer aufgerufen. Ich sage, was ich möchte, der Beamte spricht kein Englisch. Ich wiederhole auf italienisch. Der Mann springt auf und verschwindet hinter der blauen Wand durch eine ebenso blaue Tür. Ich warte. Und warte. Das ist meine Aufgabe, denke ich: sich in Geduld üben. Sich nicht aufzuregen wegen Kleinigkeiten. Natürlich bin ich kurz davor, meine Wartenummer zu zerknüllen und die Post wütend zu verlassen, da kehrt der Beamte durch die blaue Wand zurück. Er setzt sich, nimmt eine Büroklammer und steckt die Marken sorgfältig zusammen. Dann erklärt er mir ausführlich, dass auf jede Karte zwei Marken gehören (was offensichtlich ist). Meine Geduld wird strapaziert, ausserdem muss ich auf Toilette.

Ich nehme die Marken, marschiere nach Hause, und wie gut, dass es hier eine Küche gibt, da mache ich mir gleich noch einen Salat.

Brindisi – Logbuch Tag 1

27.09.2021

Ich mag es, wenn der Flieger früh am Morgen geht. Dann nehme ich ein Taxi zum Flughafen. Es fährt durch die dunkle Nacht, die Strassen glänzen vom Regen, das orangefarbene Licht eines Einsatzfahrzeugs blinkt durch die Tropfen der Fensterscheibe, aus dem Radio ertönt Musik.

Mehrfach habe ich die letzten Tage Einreiseformulare bearbeitet; teils falsch ausgefüllt, teils neu ausgefüllt, da die Airline in letzter Minute meinen Sitzplatz geändert hat. Die Schweizer werfen einen kurzen Blick auf mein Handy mit dem Transit-Formular und winken mich durch. Na, das war ja einfach. In Brindisi steuere ich zwei Offizielle an, neugierig, was ich als erstes zücken muss: den Ausweis? Den Impfnachweis? Den Antigen-Test? Die Einreiseformulare für Italien? Oder die Einreiseformulare für Apulien? Die Offiziellen winken ab: nichts bräuchte ich vorzeigen. Ich bin verblüfft: sie scheinen genauso eine Abneigung gegen Formulare zu haben wie ich.

Mein Hotelzimmer entpuppt sich als grosszügig geschnittene Wohnung, die über zwei Etagen geht und über zwei Balkone, zwei Fernseher, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer mit inkludierter Küche verfügt. Eine Küche brauche ich nicht. Ich möchte lieber die Restaurants besuchen.

Besuchen tue ich erstmal die Dachterrasse mit Blick über die Dächer von Brindisi und einem kleinen Pool.

Ich schaue vor die Tür. Nicht, ohne erst zu testen, wie ich mit dem Plastikkärtchen wieder durch den Hauseingang zurückkomme, eine permanent besetzte Rezeption gibt es nämlich nicht. Verwinkelt sieht es aus, ich muss mich konzentrieren, denn ich bin Orientierungslegastheniker. Ich finde den Hafen, schlendere die Palmen-Promenade entlang, schön ist es hier und leer ist es hier. Überhaupt sehe ich so gut wie keine Menschen und erst recht keine Touristen.

Der Himmel ist grau. Wird es so früh dunkel in Italien? Oder wird es regnen? Ich öffne den Schirm und beschliesse, in das einzige geöffnete Restaurant zu gehen, ich sitze draussen am Hafen und esse den schlechtesten Caesarsalat meines Lebens.

Ich wandere zurück zum Corso Garibaldi, entdecke die Abzweigung (yeah!), die ich zu meinem Haus nehmen muss, biege aber in eine andere Gasse ein und betrete ein Reisebüro. Ausflüge in die Umgebung? Die Dame verneint, die gebe es nur im Juli/August. Ich spaziere wieder hinaus und in einen riesigen Supermarkt hinein (ich liebe es, im Ausland die Supermärkte zu durchstöbern), kaufe Obst, Gemüse, Brot und etwas Käse, schliesslich habe ich ja eine Küche.

Ich gehe auf den Balkon. Der Regen hat aufgehört. Der schwarze Himmel legt sich über die Strassen, die gelben Lampen gehen an, ein Hund bellt.

Logbuch Brindisi

25.09.2021 Prolog.

Wie komme ich eigentlich auf Brindisi? Ich habe gegoogelt. Weiße Häuschen, die sich übereinanderstapeln, den Berg hinauf und dann hinunter bis ans hellblaue Meer, eine Promenade mit Palmen säumend, über der die Sonne scheint, die Szenerie ist leicht und heiter wie ein Aquarell. Dieselben Bilder bei Nacht; der Himmel schwarz, wie es das nur in Italien gibt, die Gassen erleuchtet von den gelben Straßenlaternen, die quirligen Einwohner treffen sich auf dem Dorfplatz auf den Bänken, die Kinder spielen zu ihren Füssen, Gelächter, das Geklirre der Gläser in den Bars mengt sich mit dem Hupen der herumwuselnden Mopeds und der Musik des Karussels.

Ich liebe diese nächtliche Stimmung mit ihren gelben Farben, der weichen Luft und der Geräuschkulisse, so oft habe ich sie erlebt, in Livorno nachts vor der Kirche, durch den Torbogen hindurch spazierend, in Marina di Pisa am Meer vor dem kleinen Straßenrestaurant, wo wir auf weißen Plastikstühlen die leckersten Speisen aßen, mit offenem Dach im grünen Jaguar im Fahrtwind an der Küste entlangdüsend, meine Hand auf Deinem Knie, Dein Blick trifft meinen, wir schmunzeln, das waren die guten Momente.

Zuviele Erinnerungen, die mich an diese Orte nicht zurückkehren lassen, zu schwer die Last, dort die Erinnerungen allein tragen zu müssen.

Brindisi wird es sein! Die Flüge und das Hotel sind schnell gebucht, nicht ganz so schnell gestaltet es sich mit den drölfzig Formularen, die für die Reise ausgefüllt werden müssen. Formulare für die Schweiz (auch wenn es nur Transit ist). Formulare für Italien. Da möchte man ja hin. Formulare für Apulien. Dort liegt Brindisi. Ich fülle aus, ich lösche, ich fülle neu aus, ich hoffe insgeheim, dass ich es annähernd richtig mache und nicht bereits am Flughafen Fuhlsbüttel strande.

Brindisi. Wieso kommt es mir so bekannt vor, auch wenn ich dort noch niemals war? Irgendwann fällt es mir ein: Verdi! La Traviata! Die Arie! Brindisi! Ich bin erfreut und wohl die Einzige, die eine Reise nach Brindisi aufgrund einer gleichnamigen Opernarie antritt, allerdings bin ich wohl auch die Einzige, die aufgrund der Sissi-Verfilmungen auf Madeira gestoßen ist (um Jahre später festzustellen, dass die Madeira-Szenen nicht in den Gärten des Reids, sondern an der Amalfi-Küste gedreht wurden).

Ich tue das, was ich schon so oft getan habe. Ich packe meinen Koffer.

07.09.2021

Es ist 9.00h. Ich gehe über die Brücke und merke, wie sich mein Blick verändert. Der genaue Blick auf die Umgebung, den ich während der Erkrankung entwickelt hatte, stellt sich ein: ich nehme die kleinen graubraunen Wellen der Elbe wahr, ich sehe die Möwe, die kreischend über das Wasser fliegt, den Schatten, der sich von dem roten Klinkergebäude über den Weg legt.

Ich bin auf dem Weg in mein kleines Krankenhaus, ein Tag und ein Weg, der mich immer nachdenklich werden lässt. Genug Zeit habe ich für die Fahrt mit der U-Bahn und den anschliessenden Fussweg eingeplant; allerdings gibt es seit gestern eine Planänderung: erst muss ich ins Krankenhaus und eine Überweisung abholen, dann zu einer ausgelagerten Radiologie wandern, und eine Dreiviertelstunde später habe ich den Anschlusstermin im Krankenhaus bei meiner Ärztin.
Das könnte eventuell knapp werden, sage ich der medizinischen Assistenz, die mir die Überweisung überreicht. Sie kennen das schon, kein Problem, ist die freundliche Antwort.
Ich wandere zur Radiologie; die Mammographie ist zehn Minuten eher, ich bin erfreut, erfreut auch über das gute Ergebnis. Das geht ja schnell, sage ich zu der Radiologin. Trugschluss, hier sei jemand ausgefallen, noch fünf Patienten seien vor mir dran, bevor es dann mit Ultraschall etc. weiterginge.

Ich warte. Ich schaue auf die Uhr. Ich warte weiter. Ich fange an mich zu ärgern, dass sich das so hinzieht. Ich fange an mich zu ärgern, dass ich mich ärgere. Freuen sollte ich mich, ist doch die Mammographie schon mal gut gelaufen. Ich rufe im kleinen Krankenhaus an, dass ich hier leider festsitze und meinen Termin (der bereits vor zehn Minuten gewesen wäre), nicht einhalten kann. Ich schaue auf meine Schwimmtasche. Das kann ich auch knicken, ich schaffe es nicht mehr ins Freibad. Ich buche ein Ticket für morgen Abend, um etwas friedlicher zu werden.

Ich werde aufgerufen. Ich entkleide mich extra schnell, was bei über 80 Minuten Verspätung nun auch egal ist. Die Radiologin stellt Fragen. Ich antworte etwas genervt. Ob ich mit dem Operationsergebnis zufrieden sei? Jetzt bin ich endgültig genervt: natürlich, antworte ich. Ich stehe hier und lebe. Mein Busen war vor der Operation schön und er ist auch nach der Operation schön, aber das sage ich nicht, denn darum geht es mir nicht, wenn ich mit einer todbringenden Krankheit konfrontiert werde. Die Assistenz kommt in den Raum, das kleine Krankenhaus sei am Telefon, wo denn Patientin A. bliebe? Die sitze hier halbnackt auf der Liege, antworte ich, die Radiologin ergänzt, dass diese in fünfzehn Minuten fertig sei.

Das Ultraschall fällt ebenfalls gut aus. Genauso der Tastbefund. Ich könne den Arztbrief gleich mit ins Krankenhaus nehmen. Wenigstens etwas. Ich ärgere mich am meisten über mich selbst. Freuen sollte ich mich und mich nicht wegen 80 Minuten, einem verpatzten Anschlusstermin und einen Freibadbesuch grämen.

Ich laufe nach draussen, mittlerweile ist es schon Mittagszeit, ich nehme auf dem Weg meine Tamoxifen, trinke und esse etwas (ich bin zum Glück immer mit Proviant ausgestattet) und marschiere in mein Krankenhaus.
Da sind Sie ja wieder, werde ich freundlich begrüsst. Ich warte drei Minuten im Wartezimmer, dann darf ich zur Ärztin. Profis eben. Wir gehen meine Medikamente durch, dann Sport und Ernährung und unterhalten uns über das Schwimmen, zu dem ich nun trotz gepackter Tasche nicht mehr gehen kann. Die Untersuchungen verlaufen gut. Alles ok. In sechs Monaten sehen wir uns wieder.

Ich verlasse das Gebäude und atme tief durch. Jetzt darf ich machen, was ich will, ich habe schliesslich frei genommen. Wenn ich nicht schwimmen kann, dann will ich an die Elbe. Und einen Sekt trinken. Auf mich. Auf
4 Jahre, 5 Monate und 16 Tage geschenkte, krebsfreie Zusatzzeit.

04.09.2021

A., Du bist nicht bei der Sache!, ruft die Trainerin durch den Raum. Sie meint nicht mich, sondern die Mitstreiterin, die vor mir ihre Arme im falschen Rhythmus emporstreckt und in die andere Richtung hüpft.
Ruhe und Entspannung – so die vertrauenserweckende Headline, die im Kursprogramm steht und die mich den Kurs vertrauensselig hat buchen lassen.
Die brasilianische Musik ist laut aufgedreht, aufgedreht ist auch die grazile Trainerin, die früher einmal Balletttänzerin war und sich entsprechend elegant bewegt, auf die Spitzen, Bein nach hinten gerade gestreckt, der Kopf dreht sich und schaut dem rechten Arm, der geöffnet nach oben und hinten Richtung Fenster geht, hinterher, wild ist die Musik, wild hüpfen wir auf der Stelle, und ich, ich frage mich, was man im schicken Spa wohl unter Ruhe und Entspannung versteht.

Das war der Mobility-Teil, nun folgt das Stretching!, kommt das Kommando von der fitten Tänzerin vor der Spiegelwand, und A., den Kopf nicht nach oben, sondern nach unten hängend und durch die Beine schauend! Diesmal meint sie mich, denn natürlich schaue ich regelmässig nach vorn um nachzuvollziehen, in welche Richtung wir uns drehen und wenden.

Am Ende der Stunde bin ich verschwitzt und erledigt, die Mitstreiter aber auch. Und schwups, trage ich mich für nächsten Freitag wieder in die Teilnehmerliste ein, und ein bisschen freue ich mich auch darauf, wenn wir wieder das virtuelle Lasso über unsere Köpfe schwingen lassen. A., die Mitstreiterin, gelobt auch Besserung und erhöhte Konzentration, denn auch sie wird nächste Woche wieder antreten.

Es ist Samstag. Wir sitzen am Pool des öffentlichen Bades und schauen auf das Geschehen, das sich vor uns in den Becken abspielt. Die Sonne wärmt, das Wasser glitzert, wir plaudern, tauschen uns über unser Freibad aus, zwischendurch trinke ich einen Schluck Vanilletee und beiße in mein Brötchen mit dem veganen Käse (aus Versehen gekauft) und der veganen Salami (bewusst gekauft), die Schwimmer ziehen ihre Bahnen, so wie wir es bis eben auch getan haben, friedlich ist es und auch meditativ, wenn die Krauler gleichmässig durch das Becken ziehen. Morgen hatte ich eigentlich geplant, ins Gym, das im schicken Spa ist, zu gehen.
Schau mal, wie leer dort hinten, wahrscheinlich auch sehr kalt, aber wie schön und dann morgens, und die Sonne könnte aufs Wasser scheinen, und dann, dann ist der morgige Plan über den Haufen geworfen, aber der neue Plan, der macht viel glücklicher.

Fitnessrückblick der Woche
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Faszientraining (class) ✔️
Mi: Meditation ✔️
Do: Gym (alt) ✔️
Fr: Mobility & Stretch (class) ✔️
Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen (in Planung)

14.08.2021

Die Sonne steht tief und hüllt den Hamburger Dom in ein warmweiches Licht, das die Action und den Trubel langsamer erscheinen lässt.

Und wir?

Wir schlendern über das Gelände, inspizieren die Fahrgeschäfte (nein, da niemals rein, das da vielleicht, wer kommt mit in die Wildwasserbahn und wer geht in die rasende Schlange?), wir sitzen vorm Bierstübchen und essen und trinken, wir lachen und plaudern und hat das Riesenrad nicht ein neues Design?, wir essen und trinken noch mehr, fahren Karussell und quietschen, winken, fliegen mit dem Kettenkarussell durch den Abend und baumeln mit den Beinen, und dann, wie immer, krönen wir den Abschluss unseres Dombesuches mit der Fahrt im Riesenrad, hoch oben in der Gondel staunend über die Schönheit der Stadt, die winzigen Fussballer da unten im Millerntorstadion (Lokalderby HSV:Sankt Pauli), dahinten die Kräne des Hafens vorm rosanen Abendhimmel, dort blau-blinkend die Polizeiwagen, die sich für das Spielende bereitmachen, wir lachen und schweigen und geniessen den Abend, wie früher, fast so wie immer.

11.08.2021

Der Ausflug.

„Steuerbord! Nun Backbord!“, schallt es von der Rückbank. „Ihr seid nur Supernumerary und habt so gar nichts zu vermelden!“, rufe ich den beiden Kollegen, die im wirklichen Leben richtige Kapitäne sind, zu. Ich steuere, ich trete, also bin ich der Kapitän an Bord dieses Tretbootes.

Kapitän 1, mein Bürogenosse, hat bereits nach zehn Minuten seine Position als in die Pedale tretender und ins Steuer greifender Chief Officer wegen Rücken/Knie/Unfitness aufgegeben und mit dem Accountant halsbrecherisch den Platz gewechselt, der nun friedlich neben mir sitzt und gleichmässig mit mir das Tretboot vorwärts bewegt. „Was sollen bloss die Anderen denken, die uns sehen – drei Männer und eine Frau an Bord, die hier treten muss“, vermerkt Kapitän 2. „Was soll erst die Bootsvermietung denken, wenn sie das sieht“, entgegne ich. „Ich habe meinen Schwerbehindertenausweis als Pfand für die Tretboote abgegeben“.

Die Sprüche fliegen hin und her, während wir auf der Hamburger Aussenalster herumschippern, das Wetter ist perfekt für eine Bootstour, und ich gerate nicht einmal ins Schwitzen. Die heutige Fitnesseinheit ist hiermit ausserdem abgehakt.

08.08.2021

Fitness

Er sehe eine fitte und fröhliche Person vor sich sitzen, sagt E. Ja, genau, das sei ich auch, stimme ich dem jungen, gutaussehenden Fitnesstrainer zu, der mit mir im neuen Club (den Lesern bekannt als „das schicke Spa“, in dem ich zum 1. August einen Halbjahresvertrag zu Superkonditionen abgeschlossen habe) einen individuellen Fitnessplan für das Gym aufstellen möchte.

Und bevor wir einen Plan erstellen, möchte E. natürlich erstmal von mir wissen, was ich an körperlichen Einschränkungen habe, eventuelle Krankheiten, warum ich denke, dass das mit der Gewichtsabnahme, die ich mir wünsche, schwierig würde (Medikamente!), und ich merke beim Erzählen meiner Krankengeschichte, dass da schon einiges zusammengekommen ist, auch wenn ich mich als gesund deklariere. Normalerweise würde ich auch nix erzählen, aber da es nunmal wichtig für die Planerstellung ist, müssen wir da durch. E. ist versiert: wie schon im Gym, in dem ich gerade gekündigt habe und das auf orthopädische Fälle spezialisiert ist, schlägt er mir statt Übungen an Geräten das TRX Training vor, bei dem mit Eigengewicht trainiert wird. Das kenne ich schon vom Trainingsplan des „Quälgeistes“, das ist wirklich effektiv. Dazu etwas Aufwärmen, einige Bodenübungen, einige Geräteübungen, die zu mir passen, wie wäre es noch mit diesem oder jenen, ich stimme enthusiastisch zu, und nach fast zwei Stunden steht mein Plan für die kommenden Monate, den ich praktischerweise über eine App mit dem Handy abrufen kann.

Was ich ihm vorhin alles aufgezählt habe – das sei ja wirklich eine Menge, greift E. das Thema wieder auf. Aber ich scheine nicht so, als ob ich Mitleid wolle. Natürlich nicht!, antworte ich. Das passe definitiv nicht zu mir und meiner Situation und ist im Übrigen einer der Gründe, weshalb ich sonst nicht über Krankheiten spreche.

Schon beim Verlassen des Gyms spüre ich meine Oberschenkel und fange an, meine nächste Fitnesswoche zu planen. Ich bin gespannt und freue mich auf die Abwechslung!

Fitnessrückblick der Woche:
Montag: Schwimmen ✔️
Dienstag: Faszientraining (Class) ✔️
Mittwoch: Meditation ✔️
Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym (altes Studio) ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Gym (neues Studio) ✔️
Schwimmen ✔️
Sonntag: Body Balance (Class) ✔️

25.07.2021

Was ich mag.
Ich mag es, wenn morgens die Sonne langsam über den alten Rotklinkerbau steigt und das Wasser glitzern lässt.
Ich mag es, ins Becken zu steigen, vier Schritte die Leiter hinunter, kurz innehalten, Luft anhalten und loszuschwimmen.
Ich mag es, wenn sich im Sonnenschein Gittermuster auf den Armen bilden.
Ich mag die hellen, bunten Farben meines neuen Tankinis, der sich von der gebräunten Haut abhebt.
Ich mag es, wenn die Gedanken mit jeder Bahn, die ich schwimme, weniger werden und ich vom Denken zum Fühlen übergehe.
Ich fühle, wie sich das Wasser wie ein leichter Mantel um mich legt.
Ich fühle, wie ich ruhig atme, während ich gleichmässig durchs Wasser gleite.
Ich fühle, wie die Sonne mein Gesicht wärmt.
Ich lausche dem Klang der Schwimmer, die durch das Becken kraulen.
Ich freue mich, bekannte Gesichter zu sehen und grüße.
Ich freue mich über die Wolken, die über mich hinwegziehen.

Was ich ausserdem mag.
Wenn es kalt ist aber mich die Hitzewelle – Tamoxifen sei Dank – im richtigen Freibadmoment trifft.

Was ich nicht mag.
Ich mag keine kaltnassen Bodenfliesen in der Umkleide. Ich mag es nicht, die Kleidung nach dem Schwimmen über den klammen Körper zu friemeln.

Fitnessrückblick der Woche:
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️Frühschicht. Um 7.00h morgens bin ich im Becken)

19.07.2021

Das vergessene Land.

„My mom is still weak. My grandpa and grandma are getting worse day by day, we have difficulties to find oxygen for them. We can’t go to hospitals and military makes the situation even more worse. We haven’t enough oxygen for all the sick people, Myanmar people are in huge trouble now. I am also very tired to save my grandma and my grandpa.“

Ob ich ihr irgendwie helfen könne, frage ich meine Kollegin. Ob sie Urlaub haben könne, zwei oder drei Wochen. Sie müsse Sauerstoff finden und sich um ihre kranke Familie kümmern. Die Familie, das sind die Mutter, der Vater, der kleine Bruder, der Großvater und zwei Großmütter. In Myanmar lebt man mit der ganzen Familie zusammen. Und alle haben Corona. Natürlich genehmige ich den Urlaub und verfolge weiter die unzähligen posts auf social media meiner Freunde und Kollegen, die in Myanmar leben, im Moment mehr schlecht als recht, irgendwo zwischen einem Militärputsch und einer massiven Coronawelle, die es laut Staatsfernsehen nicht gibt, es gehe allen gut, wird dort vermeldet. Derweil werden Straftäter aus den Gefängnissen entlassen, damit dort Platz für Demonstranten ist, die für Demokratie auf die Straße gehen, dort werden Menschen erschossen, nachts in Wohnungen eingebrochen und Putschgegner abtransportiert, Licht mache man abends längst nicht mehr an, aus Furcht.

UN und ASEAN drohen hilflos den neuen, alten Machtinhabern, die darüber nur lächeln können, man sei es gewohnt, keine Freunde zu haben, man sei es gewohnt, dass Sanktionen erhoben werden.

Die Ärzte haben die Krankenhäuser verlassen. Niemand will unter dem Militär arbeiten. Das Volk, das stirbt. Es gibt keinen Impfstoff gegen Corona; ein deutscher Freund, einer der ganz wenigen Ausländer, die in Yangon geblieben sind, konnte sich dank seiner guten Kontakte zur russischen Botschaft mit Sputnik impfen lassen. Besser als gar nichts. Das Volk habe nicht soviel Glück.

Auch der Großvater hat kein Glück. „Now my grandpa is gone, I am left with the both grandmas, my mom and dad and my younger brother. Don’t worry, my neighbors help us with food“.

Die Übersetzungen vom Burmesischen ins Englische sind unbefriedigend. „Grandpa has taken also grandma with him“, lese ich am Sonntag, ein Foto zeigt die aufgebahrten Toten in der Wohnung, die Leicheneinsammler, die durch die Straßen gehen, waren noch nicht da.

„Now I need to fight for my dad and my other grandma“, schreibt mir Lin Lin am Montag. Ich finde keine Worte für diese humanitäre Katastrophe, für die Hölle, in der sie sich befindet, und versuche zu trösten, so gut ich kann.

Als ich an Brustkrebs erkrankt war, schrieb mir eine burmesische Kollegin, dass sie zur Shwedagon Pagode gegangen und für mich gebetet hat. Vielleicht hat Buddha ein bisschen mein Leben gerettet.

Ich möchte einen Teil meines nächsten Gehaltes an meine Kollegin überschreiben, sage ich. Ich habe schliesslich zu essen, ich bin geimpft, ich bin gesund. „I am proud to have such colleagues. My respect“, schreibt mir der Head of HR. „Das ist kompliziert, das hätte ich mal absprechen sollen“, höre ich von meinem Geschäftsführer. „Das kriegen wir hin, in cash, denn die Banken haben geschlossen, Geldautomaten funktionieren nicht mehr“, sagt der Buchhalter, aber ich vertraue den kreativen Kollegen im Accounting, die eine Lösung finden werden. „We love you. Hope to see you soon“, schreibt mir Myo Maung aus Sanchaung. „Next time when I am in, we drink a beer together“, antworte ich. Und „please stay safe.“ „Please stay safe, too“, antwortet er.

Soll ich zum ersten Kulturevent nach Planten un Blomen unter freiem Himmel gehen? Soll ich lachen? Soll ich schwimmen gehen? Ja, das sollte ich: nur wenn ich psychisch und physisch fit bin, kann ich anderen helfen.

Ich schwimme. Und schwimme. Ich schwimme, bis ich denke, dass ich fliege, so leicht gleite ich dahin, hindurch durch das Wasser, hinein in den Himmel, der steinern grau über dem Becken liegt.

08.07.2021

Unterwegs.

Aufgeregt (da Premiere), unsicher (wird die gecrashte Bandscheibe das mitmachen?), enthusiastisch (das bin ich meistens), neugierig (wie wird es mir gefallen?), balancierend auf dem Wasser (statt sonst schwimmend im Wasser), verschwitzt (da warm und sonnig), verschrammt (der Brombeerstrauch wollte nicht ausweichen) und glücklich!

Danke, liebe Su, für das tolle Einsteigertrainining (Fotos und Video: Su/Diagnose Leben)

05.07.2021

Unterwegs.

„Ich geh‘ jetzt ins Freibad“, sage ich. Mein Kollege schaut kurz auf, „Viel Spass, Prinzessin, das ist gut für’s Immunsystem“ und vertieft sich wieder im PC. Ich wiederhole dasselbe eine Tür weiter, der Geschäftsführer sieht aus dem Fenster auf den dunkelgrauen Himmel und den Nieselregen, rollt mit den Augen und winkt ab. Man kennt mich. Abhalten kann man mich eh nicht, und sei das Unterfangen noch so unverständlich.

Ich schultere die Schwimmtasche und marschiere los. Durch den Hauptbahnhof und um ein Mandelhörnchen reicher, geht es mit der U-Bahn Richtung Freibad.

Und hier fühle ich mich wie in dem kleinen gallischen Dorf, das aufmüpfig dem römischen Reich trotzt, denn hier kommt die Sonne, die den ganzen Tag nicht zu sehen war, zwischen den Wolken hervor. Ich gleite ins glitzernde Wasser, Muster entstehen auf den Armen, während ich gleichmässig meine Bahnen ziehe.

Ich wünschte, ich könnte Fotos machen und diesen friedlichen Moment festhalten: ein junger Mann sitzt mit übereinander geschlagenen Beinen, ganz aufrecht und grazil, auf der roten Mauer und liest Zeitung, zwei kleine Jungs in blauer und roter Badehose, denen die Sonne auf die gebräunten Rücken scheint, haben sich kumpelhaft die Arme um die Schultern gelegt und plaudern mit dem Bademeister, ein älterer Herr in Hemd und Anzug sucht sich ein Plätzchen auf der Anhöhe. Rechts von mir schwimmt ein Asiate mit langen Haaren, langsam und etwas unsicher bleibt er an der Beckenkante, auch wenn hier eigentlich Kreisverkehr gilt. Ich wechsele vom Brustschwimmen in die Rückenlage und tue das, was ich am liebsten tue: in die Sonne blinzeln.

Fitness-Wochenrückblick, Fitness-Wochenausblick:

Mo: Schwimmen ✔️

Mi: Hantelworkout / Balanceboard ✔️

Do: Gym ✔️

Fr: Schwimmen ✔️

Sa: Schwimmen ✔️

So: Schwimmen ✔️

Mo: Schwimmen ✔️

Di: Taji-Class bzw. Meditation-Class 🔲

Mi: Stand Up Paddling (Premiere) 🔲

Do: Gym 🔲

Fr: Schwimmen 🔲

Sa: Schwimmen 🔲

So: Schwimmen 🔲

03.07.2021

In between.

Grau ist die Wolke, die über mir schwebt. Wird es regnen? Wird sie weiterziehen? Das kann niemand beantworten.

Der Humangenetiker, den ich gebeten habe, eine erneute Beurteilung meines sehr seltenen Gendefektes abzugeben, kommt zu dem gleichen Resultat wie vor vier Jahren: unklassifizierte Varianten, keine Einschätzung möglich. „Möglicherweise krankheitsverursachend, möglicherweise ein erhöhtes Risiko für Tumorerkrankungen“, sagt die Mutationsdatenbank. „Unklassifiziert“, heisst es in einer anderen Datenbank. Die dritte Datenbank stuft den Defekt neben „unklassifiziert“ noch als „likely benign“ ein.

Eine bessere Einschätzung könne vorgenommen werden, wenn ein Verwandter getestet würde. Mein Vater erklärt sich bereit, die Antwort kommt prompt, dann erzählt er, dass sie gerade im Garten sitzen und noch spazieren gehen werden und weist auf C-Risiken bei Reisen hin. Dass ich hier wohl ein ganz anderes Risiko habe, erwähne ich nicht.

Der Humangenetiker hat mir noch eine 14-seitige Abhandlung der University of Washington geschickt, „NTHL1 Tumor Syndrome“, das beträfe mein defektes Gen, wenn auch mein Defekt etwas anders liegt: nämlich im Dunkeln.

Und trotzdem finde ich mich in dieser Abhandlung wieder: bilateral breastcancer, sessile-serrated polyps…Befunde, die es auch in meinen Arztbriefen gibt. Ich gehe über zu „Recommended Surveillance for Individuals with NTHL1 Tumor Syndrome“ und finde dort die Vor- und Nachsorgeuntersuchungen samt Rhythmen, die ich fast genauso wahrnehme.

„I will worry about tomorrow when tomorrow comes“; dieses Motto des Extrembergsteigers Nimsdal Purjas habe ich für mich übernommen. Und doch bin ich wachsam und möchte vorbauen, um mir auch morgen keine Sorgen machen zu müssen.

Ich nehme meine Tasche und mache mich auf den Weg. Im Aussenbecken des öffentlichen Bades gleite ich ins kühle Wasser und schwimme los, weiter und weiter, bis das Wasser von der Sonne zu glitzern beginnt. Die graue Wolke habe ich erstmal hinter mir gelassen.

25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

https://www.instagram.com/p/CQlytWiA3VE/?utm_medium=copy_link

23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.

20.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 4

Und jetzt kommt der Kracher: seit Jahren fahre ich regelmässig nach Madeira, ursprünglich inspiriert durch die Sissi-Szene, in der die Kaiserin aka Romy Schneider lungenkrank im malerischen Garten liegt und über die madeirensische Küste schaut, während der Franz ihr Blumen und Perlen schickt…und stelle soeben fest: die Madeira-Szenen wurden gar nicht hier, sondern an der Amalfi-Küste in Italien gedreht 🤯! Ich bin irrtümlich auf Madeira gelandet.

Da nun die Film-Sissi nicht durch Gärten des Reids gewandelt ist, bleibt es aber trotzdem bei der Original-Kaiserin Sisi (mit einem ‚s‘), die hier schon residierte, ebenso taten dies Winston Churchill, Gregory Peck, George Bernard Shaw und Roger Moore. Und in die Gärten nehme ich Euch jetzt trotzdem mit, Sissi hin, Sisi her…(Video im link)

Bin etwas ratlos, wie mir so ein fauxpas unterlaufen konnte.

https://www.instagram.com/reel/CQWT1cEIeIs/?utm_medium=copy_link

19.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 3

Einen Ausflug zum Jardim Botanico wollte ich machen, Blumen bewundern und mit Papageien plaudern. In der Altstadt wollte ich Mittag essen, an der Promenade längsspazieren bis hin zum Mercado dos Lavradores. Eine Tagestour für Sonntag wollte ich buchen, vielleicht einen Levadawalk, vielleicht zum Pico do Arieiro, an die Klippen von Sao Lourenco in den Osten oder nach Porto Moniz in den Westen. Oder vielleicht eine Tour mit dem Katamaran machen und Delphine beobachten; die flyer habe ich von der Rezeption, und gestern war ich in zwei Ausflugsbüros.

Und dann fällt mir ein: warum sollte ich mein Paradies verlassen?

Und ich schwimme im Meerwasserpool, beobachte die riesigen roten Krebse, lese auf der Liege und schaue auf’s Meer.

18.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 2

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal vor Aufregung nicht schlafen konnte.

Ich liege wach im Bett, die vielen Kissen und Decken knistern auf dem Boxspringbett, mein Blick fällt durch die weit geöffnete Balkontür auf die Häuschen der schlafenden Stadt, die sich – in gelbes Licht gehüllt – an die dunklen Berge schmiegen.

Ich ziehe die Gardinen nie zu; ich liebe es, auf die mediterranen Lichter der Strassenlampen zu schauen und dem Meeresrauschen zu lauschen.

Auch gestern Nacht – bevor es vier Stunden mit der Bahn und fünf weitere mit dem Flieger Richtung Madeira ging, konnte ich nicht schlafen. Ich, die Vielreisende, bin schlichtweg aus der Übung. Höchste Zeit, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fahrt nehme ich auch auf, als ich mein Hotel durchquere, das rosafarben auf einer Klippe über dem Meer aufragt. Es windet sich um Ecken bis hinunter an den Ozean, was für mich als Orientierungslegastheniker eine Herausforderung ist. So habe ich die ersten 4.000 Schritte des Tages im Hotel zurückgelegt, auf der Suche nach dem Frühstücksbereich (am Pool 1 und 2), der Rezeption und meinem Zimmer, ich stosse auf meinem Weg überraschenderweise auf die riesigen Gärten, von denen aus schon Kaiserin Elisabeth von Österreich und Sissi-Romy Schneider den Blick über das Meer schweifen liessen. Der Fahrstuhl in die achte Etage bringt mich nicht zu meinem Zimmer, das in eben jener Etage liegt. Der nächste Fahrstuhl führt überhaupt keine achte Etage, und wenn ich zum Frühstück möchte, muss ich verschiedene Fahrstühle und noch eine Treppe nehmen, nachdem ich durch lange Flure gewandert bin.

Ich schwimme im Meerwasserpool am Vormittag und im warmen Pool am Nachmittag, ich lese liegend unterm Sonnenschirm, mein Blick folgt Möwen übers Meer.

Logbuch Madeira

Prolog.

Ladies and Gentlemen, Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Sonne mal links und mal rechts von uns zu sehen ist. Das heisst nicht, dass wir uns verflogen haben, aber der Flughafen ist aufgrund von Sturm geschlossen. Mit uns kreisen noch vier weitere Flieger über die Insel, die nicht landen können.

Man weist uns ein zweites Mal auf die Safety Cards hin, die sich in der Tasche im Vordersitz befinden.

Dicht neben uns sehe ich die Berge, unter uns den blauen Ozean, auf dessen Wellen weisse Schaumkronen tanzen. Wir gehen tiefer, versinken in den grauen Wolken, es wackelt, der Motor dröhnt erst laut, dann wird es still.

Wie Sie bemerkt haben, mussten wir den Anflug abbrechen und wieder durchstarten, ertönt es aus dem Cockpit.

Ich erinnere mich an Chile, wo der Flieger ebenfalls kurz vor der Landung durchstartete, die spanischen Ansagen hatte ich nicht verstanden, aber durchs Fenster sah ich das kleine Flugzeug, das auf unserer Landebahn stand.

Im Südpolarmeer, in der Drakepassage, brach ein Kabinenfenster vom Sturm entzwei. Im Nordpolmeer bei Grönland toste ein Orkan, der uns ans Bett fesselte, aus dem wir fasziniert auf‘s schwarze Meer starrten.

Warum kannst Du nicht einfach eine Fahrradtour an die Ostsee machen, schimpfe ich mit mir, bevor mir ein „du scheisse“ entfährt. Um uns herum wird es grau.

12.06.2021

Zuhause.

Es ist Samstag. Ich habe den großen Koffer aus dem Keller geholt, denn am Donnerstag fahre ich in Urlaub. Normalerweise benötige ich keine Woche Vorlauf um meine Sachen, die ich mit auf Reise nehmen möchte, zusammenzupacken. Da ich allerdings nun länger keinen Koffer mehr gepackt habe, fange ich gemächlich an.

Das mit der Gemächlichkeit hat sich allerdings schnell erledigt. Da ich in den letzten 14 Monaten zwar nicht durchgängig sportlich war wie sonst, allerdings durchgängig Sportklamotten getragen habe, in denen man dank des dehnbaren Materials nicht sofort merkte, wie die Kilos sich einschlichen, muss ich erstmal anprobieren. Die halblange beige Stoffhose darf nicht mit. Der knappe Bikini muss auch im Kleiderschrank bleiben. Das rote Kleid passt zwar noch, aber ist so zerknautscht, dass ich es sicher nicht in einem Luxushotel tragen kann. Denn dieses habe ich mir für die ersten Tage der Reise – sozusagen als Entschädigung für über ein Jahr in sensorischer Deprivation, auch Küchenoffice genannt – gegönnt. Wenn nicht jetzt, wann dann, flüstert mir die innere Stimme zu, und Recht hat sie. Das hat zur Folge, dass ich nicht nur alles durchprobieren muss, was halbwegs nett ausschaut, es muss auch noch gebügelt werden.

Ich bügele nie. Vor der Misere hat meine Mutter sich alle 14 Tage erbarmt und auf die Bügelwäsche gelbe Post-Its geklebt, die mir zuriefen, dass dieses und jenes Kleidungsstück schwer zu bügeln sei oder aufgrund vermeintlicher Altersschwäche komplett ausgetauscht werden sollte. Während der Zeit in Küchenhaft habe ich natürlich auch nicht gebügelt; den Screen, der Blick in die Welt und zu den Meetings mit Kollegen, kann ich intelligent zurechtrücken, da entfällt nicht nur das Bügeln, sondern auch das Aufräumen der Küche, da ich den Bildschirm mit einem Lächeln ausfülle.

Nun stehe ich in der Küche mit den Top 10 der Kleidungsstücke, die am dringendsten gebügelt werden müssen, hantiere mit dem Eisen herum, die Gewänder auf einem Frottiertuch auf dem Tisch drapiert, ein Bügelbrett gibt es hier nicht. Was für eine unsinnige Aufgabe, schimpfe ich und beschliesse, nur noch die großen Flächen einigermaßen glatt zu bekommen. Aus dem Restaurant und den öffentlichen Bereichen dürfen sie mich ja nicht hinauskomplimentieren, immerhin bin ich ein Übernachtungsgast.

Ich erinnere mich an eine Reise in die Toskana, wo mich der Mann überraschenderweise in ein sehr elegantes Restaurant geführt hat, die italienischen Herren in dunklen Anzügen, die Damen in langen Kleidern, und ich in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Mein Rucksack wurde vom livrierten Ober, der keine Miene verzog, auf einen kleinen antiken Hocker gestellt, auf den die Dame von Welt sonst ihre Handtasche platziert. Der Mann liess sich nicht vom Umfeld, in das er uns hineinmanövriert hat, beirren. Schliesslich seien wir es, die in einem Bentley vorgefahren sind, was mit Sicherheit zur Kenntnis genommen wurde, so der Mann.

Vorfahren muss ich am Donnerstag übrigens auch, nämlich mit der Bahn – inklusive Umsteigen – zum Flughafen nach Düsseldorf, auf den mich die Fluggesellschaft umgebucht hat, auch der Rückflug geht nicht mehr direkt, sondern mit Stop in Fuerteventura. Ich versuche, mich in Gelassenheit zu üben, auch wenn mich das sehr ärgert, genauso wie die Tatsache, dass die Online-Einreiseformulare der madeirensischen Regierung nicht akkurat auszufüllen sind, was nicht an mir liegt. Wenn alle Stricke reissen, werde ich am Donnerstag Abend nicht im Ausland landen, sondern wieder im Aussenbecken des öffentlichen Bades. Da kann ich auch den Rucksack auf den Rasen stellen.

06.06.2021

Freibad-Snippets

Nieselregen, der sich frühmorgens wie ein Schleier über das Freibad legt.
Sonne und Geglitzer am späten Vormittag, ein Duftgemisch aus Sonnencreme, Chlor und heißem Vanilletee hängt in der Luft.
Langsam ins Becken steigen, das Wasser ist kalt.
Das Mädchen ruft: Wenn Du schnell strampelst, wird Dir warm.
Der kleine Junge hat eine giftgrüne Haifischflosse auf den Rücken gebunden.
Zickzackkurs schwimmen, wenn es nicht frühmorgens ist. Frühmorgens hat man eine Bahn für sich.
Bademeister in blauen Shirts, die fröhlich winken.
Die Umkleideschnecke liebgewinnen. Sie steht zwischen den Bäumen, sieht aus wie eine heruntergekommene Litfaßsäule, hat innen zwei Haken und sonst nix und ist von allen anderen auf dem Freibadgelände unentdeckt.
Blütenblätterdach, das den Regen abhält.
Eine der Blüten auf dem Boden bewegt sich vorwärts. Sich neugierig hinunterbeugen und eine Ameise unter der Blüte entdecken.
Waldbodenmatschige Flipflops. Macht nix.
An der Mauer sitzen, das Frühstück auspacken und den kraulenden Kampfschwimmern im großen Becken zuschauen.
Abends versuchen, den Kiosk zu ignorieren, wo es nach Schwimmbadpommes duftet.
Am Stand am Ende des Kaiser Friedrich-Ufers dunkelrote Erdbeeren kaufen.






29.05.2021

Unterwegs.

Ich stehe am Beckenrand, mein rechter Fuss taucht ins Wasser, es ist kalt (sehr kalt). Der Himmel hängt dunkelgrau über dem Freibad, die Luft hat 9 Grad (plus) und das Wasser, es ist kalt (sehr kalt). Die Bademeisterin nickt mir freundlich von der anderen Seite zu, ich winke, steige die Stufen hinab, ein kurzes Zögern, Luftanhalten, dann schwimme ich los.

Seit ich mich um 8.00h auf den Weg ins Testzentrum gemacht habe, habe ich auf Dauerschleife ein Du-hast-echt-einen-Knall im Ohr. Es begleitet mich auf dem Weg durch den windigen Hafen, vielleicht ist es ja etwas wärmer und weniger windig im Freibad, rede ich mir ein, die Blüten des Baumes, der über mir das Dach der Umkleideschnecke bildet, rieseln auf mich herab, immer mehr und mehr, bedeckt die feuchten Holzplanken, meine FlipFlops, meine Schultern. Du hast echt einen Knall. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich schwimme zügig, weiche den mutigen Mitstreitern aus, die sich ebenfalls am ersten Tag der Freibadsaison in die Fluten gewagt haben, ich spüre ein Lächeln im Gesicht und eine Träne im Auge, denn es ist überwältigend, wieder hier zu sein, Kälte hin oder her, es ist herrlich, rufe ich mir innerlich zu, einfach herrlich, und vielleicht habe ich ja doch keinen Knall. Dann reißt der Himmel auf. Die Sonne steigt über das rote Backsteingemäuer und lässt das Wasser glitzern, die Kälte, die durch die Knochen kriecht, ist für einen Moment vergessen.

Nach 22 Bahnen in meinem Aussenbecken des öffentlichen Bades steige ich aus dem Wasser. Das reicht für heute.

Ich setze mich an das große Becken, freue mich über den mitgebrachten heissen Vanilletee, dessen Duft sich mit dem Chlorgeruch des Wassers vermischt und schaue den Kampfschwimmern zu.

Morgen werde ich wieder am Beckenrand stehen.

Nachtrag:
das Reel, das ich erstellt habe, ist noch schöner, wenn man es mit der von mir unterlegten Musik „Schwimmen“ von Neopoetik hört – zu finden auch auf meinem gleichnamigen Account auf Instagram (link)

22.05.2021

Unterwegs.

Wir schreiten durch den Raum, die Füsse setzen sanft auf dem Parkett auf, die Blicke streifen über Wände, weiter durch die weit geöffneten Fenster, die Terrassentür bis in den Garten. Wir stehen im Grünen unter den Bäumen, Blätter rauschen, die Blüten des Rhododendrons fallen auf den Rasen, die Finger gleiten durch imaginären Sand, schieben die Wolken auseinander und halten den Mond, wir setzen sanft die Zehen des rechten Fusses auf, lassen die Arme steigen, wie ein Kranich, der die Flügel ausbreitet, vorsichtig auf die Hacke wechselnd, das Gewicht verlagernd, die Arme schwingen und wir fliegen, immer schneller durch den Raum, wir stehen wie ein Baum, geerdet im Boden, dessen Zweige sich anfangen zu bewegen, wir huschen wie Tiere im Wald um die stillstehenden Mitstreiter, aufmerksam, neugierig, sie spüren, dass wir da sind und bleiben ruhig, bis auch sie irgendwann in die Bewegung übergehen und Synergien eingehen, dazu erklingt eine Melodie, ein Rhythmus, dem die Bewegungen folgen.


Dreistündiger Workshop QiGong und Tanztherapie der Hamburger Krebsgesellschaft. Das mit dem Tanzen hatte ich bei der Anmeldung übersehen, aber wenn man sich drauf einlässt, ist es faszinierend.

Mein erster Event mit realen Menschen seit 1854 (circa).

16.05.2021

Unterwegs.

Rhabarber Crumble, rote Grütze, Rhabarber-Marmelade…während ich meine gewohnte Runde durch den Hafen, zum Michel bis hin nach Planten un Blomen aufnehme, überlege ich, was ich mit meinen heute früh getätigten Einkäufen auf dem Biowochenmarkt anstellen kann.
Wildsalat mit Hühnchen, Dinkel-Penne mit frischem Spinat oder selbstgemachte Spinat-Mozarella-Pizza…auf alle Fälle werde ich die ersten (und somit teuren) kleinen, tiefroten Erdbeeren vom Demeterstand unverarbeitet verzehren.

Ich freue mich, dass ich es geschafft habe, so früh nach Altona zum Markt aufzubrechen und jetzt noch motiviert einen weiteren Ausflug in Richtung Komponistenviertel angehe.
Ausserdem habe ich festgestellt, dass ich einen Kleiderschrank habe, in dem es tatsächlich etwas gibt, was kein Joggingoutfit ist, und so laufe ich wochenendfein in Hose, Pullover und blauem Mantel durch den blühenden Park.

Noch scheint die Sonne, aber sämtliche Wetter-Apps drohen mit Regen. Die Luft ist schwül. Ich setze mich auf eine Bank an die Eis- und Rollschuhbahn, schliesse die Augen und lausche den Gesprächsfetzen vorbeigehender Passanten.

Heute früh, als ich noch im Bett lag, habe ich folgendes festgestellt: mir ist nicht zu kalt und nicht zu warm. Statt einer Bettdecke habe ich eine Kombi aus mehreren dünnen Lagen konstruiert, die optimal gegen die – Tamoxifen-sei-Dank – Hitzewallungen wirkt. Ich atme ganz ruhig, ich spüre keinen Stress, ich freue mich über das Gezwitscher der Spatzen und habe keine Schmerzen. Das ist perfekt. Wer schon einmal mit extremen Schmerzen zu tun hatte (bei mir war es die gecrashte Bandscheibe, die in sieben Teile gesprungen war und sich auf den Nerv verteilt hatte, „die Schmerzen können Sie mit Folter gleichsetzen“, habe ich den Chirurgen nach der schweren Rücken-OP im Ohr), weiß solche Momente zu schätzen.

Ich verlasse die Bank und den Park und wandere zurück in Richtung Hafen. Am Himmel über dem Michel türmen sich Wolken auf, durch die hellgrünen Blätter der Bäume geht ein Rauschen. Die Michelwiesen sind noch gut besucht, über dem Gruner und Jahr-Gebäude hängt ein tiefgrauer Himmel, vor dem sich die einfahrende rot-silberne U-Bahn scharf abhebt.
Ein Frachter wendet auf der unruhig werdenden Elbe, die gelben Kräne ragen grell in den Himmel empor.

Ein Tropfen fällt auf meine Hand. Zeit, nachhause zu gehen.

Nachtrag:
Am Sonntag war dieselbe Wanderung weniger gut getimt. Positiv ausgedrückt: die neue Segeljacke ist wasserdicht (die restlichen Klamotten tropfen das Badezimmer voll)

13.05.2021

Unterwegs.

Es regnet. Ich spüre die Tropfen im Gesicht, ich höre meine Schritte auf dem Weg, der mich vom Hafen hinauf zum Michel und durch’s Komponistenviertel bis hin nach Planten un Blomen führt. Die Blumen blühen, die Bäume auch, ich atme die frische Luft ein, die nach Regen und Blüten duftet. Unter meinem Lieblingsbaum halte ich an, lege die Hand auf den Stamm und spüre die raue Oberfläche; und ich spüre in mich hinein, die Stimmung ist gut, die Kopfschmerzen, die mich seit gestern Abend verfolgen, habe ich abgehängt. Alles ist gut.

Das Leben nimmt wieder Fahrt und ich meine Reiseplanungen auf. Exakt 14 Tage nach der zweiten Impfung werde ich auf meine Lieblingsinsel fliegen, zwar jetzt schon mit einer Herausforderung, hat doch die Fluggesellschaft meinen Abflug von Hamburg nach Düsseldorf verlegt. Da musste halt flexibel sein, sage ich mir, nach über einem Jahr, das ich fast ausschliesslich in meiner Küche – arbeitend, essend, aus dem Fenster schauend – verbracht habe, werde ich mal wieder gefordert.
Ich tue das, was ich mir angeeignet habe: ich fokussiere mich auf das Positive. Der Fokus liegt auf den Hotels, die ich mir dort gönnen werde, beide mit herrlichem Blick aufs Meer und beide mit wunderbaren Swimming Pools, die ich zu frequentieren gedenke. Beziehungsweise gar nicht erst wieder verlassen werde. Und so freue ich mich auf den Moment, wenn ich den Flieger verlasse und die warme Blumenluft einatme, die die Insel ausmacht.

Ausserdem habe ich kurzentschlossen und aus mehrerlei Gründen meine Reiseplanung für den Herbst geändert: statt durch den Dschungel zu klettern und zu den 8000ern im Himalaya zu marschieren, ist mir neulich Abend, als ich wieder einen meiner Lieblingsklassiker auf arte gesehen habe, eingefallen, dass ich genau dort, wo der Film spielt, schon immer mal hinwollte. Warum die Destination es nicht auf meine Bucket-List geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Aber es wird grandios werden, da bin ich mir sicher. So die Reise denn durchgeführt wird. Und davon gehe ich jetzt erstmal aus; ich freue mich lieber, als dass ich Bedenken trage.

Überhaupt nimmt alles wieder Fahrt auf: gestern hatte ich das dritte (und letzte) Mal Physio, die überraschenderweise im Fitnessraum (yeah!) stattfand, der ziemlich gut besucht war, was mich etwas irritierte, aber nicht so sehr störte, war ich – samt Erstimpfung und FFP2 – in einem abgetrennten Bereich unterwegs.

Und ich werde Ende Mai an einem 3-stündigen QiGong-Workshop der Hamburger Krebshilfe teilnehmen. Mit Test, Maske, Erstimpfung, aber dafür in einem Garten mit anderen Menschen. Darauf freue ich mich. Auch wenn ich überlesen habe, dass es nicht nur ein QiGong- sondern auch ein Tanzworkshop ist. Doch auch das könnte ganz schön werden und sehe „Der Tanz“ von Henri Matisse vor meinem inneren Auge, ja, so ungefähr könnte es sein.

Das Leben nimmt Fahrt auf.

28.04.2021

Falsche Erwartungen.

Ich liege – mal wieder teilbekleidet – auf dem Rücken und schaue interessiert zum Ultraschall. Wie verändert sich der untere Teil des Körpers wenn ich huste, was passiert, wenn ich die Muskeln zusammenziehe, was wird wann gequetscht, verkürzt oder wovon gehalten, warum liege ich hier eigentlich schon wieder flach und fühle mich wie beim kombinierten Besuch von Gynäkologie und Urologie?

Heute habe ich den ersten Termin bei der Physiotherapie (nach Besuchen bei Hausärztin, Gynäkologin, Urologin). Dafür habe ich mich in die Sportklamotten geworfen, Handtuch und Turnschuhe eingepackt und bin durch den Hafen Richtung Michel marschiert, wo das Physiozentrum liegt. Zumindest hatte ich das so in Erinnerung von früheren Physioterminen, dass man mir die eine oder andere Übung zeigt und mir Hausaufgaben mitgibt, damit ich zuhause weiter trainiere.

Hausaufgaben bekomme ich nach diesem denkwürdigen Termin auch mit, allerdings in Form einer Tabelle, die über 48 Stunden ausgefüllt werden muss, Homeoffice sei dank, sonst wäre diese Art an Statistiken nicht umzusetzen. Ob wir jetzt noch dies und das checken wollen, fragt die urogynäkologische Kombikraft, ja klar, antworte ich, wo wir nun schon mal dabei sind, ausserdem finde ich das recht faszinierend, wie mir anhand des lebenden Objektes – also an mir – das Geheimnis des Beckenbodens am Ultraschall erläutert wird.

Ich hätte heute allerdings etwas anderes erwartet, sage ich. Übungen, ein Trainingsprogramm. Deshalb hätte ich auch mein Sportzeug angezogen, setze ich hinzu. Das liegt jetzt geknüllt auf dem Stuhl. Dass das Sportzeug eigentlich mein gewohnter Lockdownlook ist, behalte ich für mich.

Eine Übung wird mir auch noch mitgegeben, on top zu den schriftlichen Hausaufgaben, und bis zur nächsten Woche erwarte sie, dass ich nachts nicht mehr ins Badezimmer gehe. Jedenfalls verweigere ich jetzt den Besuch der Toilette vor Ort, nach der ich vorhin noch gefragt hatte, konstatiere ich und stapfe von dannen, etwas irritiert, etwas amüsiert und im Sportoutfit, das ich gedenke, auch beim nächsten Besuch wieder zu tragen, vielleicht gibt es ja doch noch ein Trainingsprogramm.

28.03.2021

Schreiben.

Logbücher kann ich nicht schreiben, da man nicht reisen kann. Ich könnte stattdessen darüber berichten, dass ich die Welt, wenn ich sie schon nicht bereisen kann, zu mir nachhause geholt habe: weißblühende chinesische Hortensien, hohe japanische Kamelien mit rosa und roten Blüten, duftender italienischer Rosmarin, griechische Olivenbäume und australischer Eukalyptus zieren jetzt meinen Balkon (die anreisende Botanik war im Übrigen genauso kostspielig wie ein Ausflug meinerseits in die große weite Welt).

Über meine freitäglichen Wochenmarktbesuche, bei denen ich grundsätzlich mehr kaufe als auf dem akribisch angefertigten Einkaufszettel steht, habe ich keine Lust zu schreiben. Auch nicht über meine Koch- und Backkünste, die in den letzten zwölf Monaten geradezu explodiert sind (dem stagnierten Leben sei Dank).

Über meine Spaziergänge durch Hamburg, durch den Hafen, hinauf zum Michel und hinein nach Planten un Blomen könnte ich schreiben, über gelbe Narzissen, die im Park blühen oder blau-weiße Krokusse, die wie ein wogendes Meer vor mir liegen, Vögel zwitschern, der Boden knirscht unter den Schritten, aber nein, auch darüber möchte ich nicht berichten.

Über Wasser, das glitzert, möchte ich schreiben, über fröhliche Gespräche mit meiner 81-jährigen und pinkbekappten Schwimmfreundin und anderen Begegnungen, über Umziehschnecken, über Freibadpommes, ja Freibadpoesie, das wäre es jetzt, aber das geht ja nicht.

Und dann blinkt eine Nachricht auf, von F. Ihr Gartenpool – eine 10-Meter-Bahn – sei seit Freitag wieder in Betrieb, das Wasser habe bisher nur 21 Grad, aber, und mit Einhalten von Hygieneregeln, könnte ich gerne… und ich werde wieder meine Schwimmtasche packen, und das Wasser, das wird glitzern, und ich, ich bin begeistert, eine Reise ins Hamburger Umland, zu dem Garten mit dem Pool, und die Freibadpoesie, die wird dann auch wieder aufblühen.

22.03.2021

Der besondere Tag.

Heute ist ein besonderer Tag. Ich fühle mich ein bisschen als hätte ich Geburtstag. Heute vor vier Jahren standen wir in der Tiefgarage und verfrachteten meinen Koffer in das Auto, das mich ins Krankenhaus bringen sollte.

Ich hatte keine Angst. Im Gegenteil: ich habe mich gefreut.

Heute vor vier Jahren wurden zwei Krebstumore entfernt. Meine neue Zeitrechnung startete: es gibt nun ein „vorher“ und ein „danach“. Heute ist der Tag, an dem ich vier Jahre krebsfrei bin. Und gesund.

Das muss gefeiert werden. Heute treffe ich mich mit P. Wir werden ans Meer fahren und an den Klippen entlangwandern, in der Kälte und im Wind und das Salz auf den Lippen spüren. Wir werden lachen und den Tag geniessen.

Vor genau vier Jahren schrieb ich im Krankenhausbett einen Blogeintrag, der mit diesem Satz endete: „das Leben ist schön“.

07.03.2021

Unterwegs.

Ich schaue durch das Fenster. Ich sehe die Sprossenwand, über die ich sonst meine Jacke hänge, die Holzbänke, auf denen wir in den Pausen sitzen und plaudern, ich sehe die große blaue Matte, die an der weißen Wand lehnt. Sonnenstrahlen fallen durch die Fenster und duplizieren die Fensterrahmen auf den Boden der alten Turnhalle. Das Gebäude des ehemaligen Hospitals spiegelt sich in den gegenüberliegenden Fenstern.

Es scheint, als seien die großen Bäume des Parks in die Halle gekommen, sanft wiegen sich die Zweige im Wind und ihre Schatten auf dem Boden, man könnte vermuten, sie seien hier zusammengekommen um Taiji zu praktizieren, sie sind es nun, die in anmutigen Bewegungen den Mantel befestigen und die Mähne des wilden Pferdes teilen.

Ich gehe zur Tür und strecke die Hand aus, ziehe sie wieder zurück, denn ich weiß, dass sie abgeschlossen ist, zu endgültig wäre der Schritt, zu wehmütig die Erinnerung an die geöffnete Tür an den Montagabenden, an denen ich gutgelaunt hineinspazieren konnte.

Ich vermisse die feinen Menschen, mit denen ich montags trainiert habe und auch den Humor und das Lachen meines Lehrers. Noch immer trainieren wir am Montag, aber jeder in seinem Wohnzimmer, aus denen wir uns durch die Laptops zuwinken, bevor der Ton stummgeschaltet wird und wir mit den Übungen beginnen. Die Menschen sind trotzdem fein. Der Lehrer macht immer noch Witze, über die wir lachen, das Lachen bleibt aber in unseren Wohnzimmern stecken, in denen wir alleine stehen.

Ich wandere durch den Park. Es ist kühl. Und es ist still. Es fehlen die Federbälle, die durch die Luft schwirren und auf die gespannten Netze der Schläger ploppen, hin und her und her und hin, es fehlt der Jongleur und die ballspielenden Kinder, die kreischend durch den Park laufen, es fehlt die Gymnastik- und die Klettergruppe, es fehlt das Gezwitscher der Vögel; es fehlt das Leben.

Die Bäume, die eben noch in der Halle eine imaginäre Taiji-Form gelaufen sind, stehen nun wieder ruhig im Park. Aber wenn ich genau hinschaue, dann sehe ich die Zweige, die sich im Wind bewegen, ganz sanft, als würden sie die Mähne des wilden Pferdes teilen wollen.

Pragmatische Version:
Test der Strecke: Zuhause –> Taijitraining. Die Buslinien fahren seit Neuestem eine andere Strecke.
Fazit: längere Fussmärsche sind einzuplanen. Dafür kein Umsteigen (die Haltestelle an den Landungsbrücken samt Buslinie gibt es nicht mehr).
Wunsch an den Wettergott:
Mach, dass es montags nie regnet. Zumindest nicht in Hamburg.

Nachtrag:
Nein, ich habe nicht vor, mit dem Fahrrad zu fahren.

02.03.2021

Im Krankenhaus.

Ich habe ein Problem, sage ich zu der Ärztin. Im best case ist es eine Entzündung, im worst case…den Satz beende ich nicht.

Ich erläutere, was die Hausärztin bereits in Gang gesetzt hat, erwähne, dass ich seit meinem letzten Besuch nun auch noch Schilddrüsen- und Blutdruckmedikamente nehme, was sie genauso irritiert wie alle anderen Ärzte aufblicken lässt, da ich überhaupt nicht die Statur bzw. die Lebensweise eines Hochdruckpatienten habe, dann startet die Untersuchung. Alles unauffällig, sagt die Ärztin und dreht den Screen zu mir herüber. Abasten hier und dort, und dann stehe ich wieder – etwas unschlüssig – an der Rezeption.

Ich bekomme ein Schreiben, dass ich der Risikogruppe 2 zugehörig bin, was die Corona-Impfung betrifft, ein Rezept für das Tamoxifen und zwei Follow-Up-Termine bei ihr und beim Radiologen im September.

Ich gehe zur Bahn, die Sonne scheint, und doch bin ich nicht so gutgelaunt, wie ich es sonst nach den erfolgreich absolvierten Nachsorgeuntersuchungen bin.
Dass ich ein Problem habe, weiß ich. Dass es keine gynäkologischen Ursachen hat, weiss ich jetzt auch.
Ich steige in die Bahn, setze mich zweimal um (Maskenverweigerer und Maskenfalschtrager), steige an meiner Haltestelle aus und gehe an die Elbe.

Sekt habt ihr nicht?, frage ich am Kiosk. Sekt wird verneint, ich nehme eine kleine Flasche Weisswein und einen Plastikbecher und setze mich ans Wasser.
Es ist warm. Die Fähre legt ab, die Möwen fliegen kreischend auf, ein Entenpärchen sonnt sich am Ufer in der Nachmittagssonne. Nach einem halben Glas Wein hebt sich die Stimmung: auch wenn ich davon ausging, heute die Lösung meines Problems zu bekommen, sollte ich mich freuen, dass dem nicht so ist. Die Lösung wäre womöglich ein Tumor gewesen. Ist es aber nicht. Und dann freue ich mich doch: 3 Jahre, 11 Monate und 10 Tage krebsfrei.

21.02.2021

Zuhause.

Ich ziehe die Trainingsjacke aus. Ich ziehe das T-Shirt aus. Ich ziehe das Unterhemd aus. Der Schweiß läuft mir den Rücken herunter, während ich, nun im Bustier, mich boxend auf der Matte bewege.
Der Nachbar, der mit der Bierflasche in der Hand auf dem Balkon steht und neugierig zu mir herüberschaut, wird mit einem bösen Blick abgestraft, bis er in seiner Wohnung verschwindet, wo der Bildschirm des Fernsehers aufflackert.

Unterschätzt habe ich die Gabi und ihr Fitnessprogramm, dem ich jetzt auf YouTube folge. Kein Wunder, habe ich bisher das Morgengymnastik- und das Beckenbodenprogramm absolviert, die mir doch sehr angenehm erschienen. Nun bin ich bei der 21-Tage-Fitnesschallenge hängengeblieben, die gerade angelaufen ist und in 45-Minuten-Einheiten auf einem doch ganz anderen Level stattfindet. Da ich gestern den dritten Teil nur zur Hälfte absolviert habe, wird der fehlende Part heute nachgeholt, bevor ich mit Teil 4, dem Boxprogramm, starte. Ich schnaufe. Ich fluche. Ich werfe auch der Gabi einen bösen Blick zu, die sich natürlich nicht beeindrucken lässt. Aber da ich in absehbarer Zeit wieder ins Aussenbecken des öffentlichen Bades möchte, möchte ich auch in shape sein. Zumindest ein bisschen.

Heute Vormittag bin ich bereits durch den Hafen hinauf zum Hamburger Michel und weiter nach Planten un Blomen marschiert. Und heute Mittag bin ich mit Nims auf den Nanga Parbat geklettert, einem der 14 Achttausender, die er allesamt in sieben Monaten bezwungen und damit einen neuen Weltrekord aufgestellt hat. Für mich war die Besteigung zwar aufregend, aber nicht ganz so anstrengend, da ich dieser nur literarisch vom Liegestuhl aus beigewohnt bin. Trotzdem bin ich fasziniert von der Disziplin, der Fitness und dem positiven Mindset, das motiviert, das lässt mich das Programm mit der Gabi gleich viel ambitionierter angehen.

Das nächste Workout der 21-Tage-Challenge ist für straffe Beine, und das gefällt mir, die kann ich für das Schwimmen gut gebrauchen, genauso wie für die (mentale) Besteigung des Gasherbrum I, der als nächstes dran ist.

Es wird kühl. Ich ziehe das Unterhemd an. Ich ziehe das T-Shirt an. Ich ziehe die Trainingsjacke an. Der Berg ruft.

07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

11.01.2021

Wenn Du wiedergeboren wirst.

I just want to know how he passed away and has he suffered? Did he had anybody beside him in his last time? And…did he had a message for me?
I am still crying while I am texting…I can’t believe he just left.
If you see my message and if you know, please do tell me. It will mean a lot to me.


Samstag Nacht, eigentlich sollte ich schlafen. Doch ich habe zufällig einen Spam-Ordner auf Facebook entdeckt, in dem unzählige Nachrichten sind, Nachrichten von Deinen Freunden aus aller Welt, Nachrichten aus denen Verzweiflung schreit, Nachrichten mit Fotos von gemeinsamen Unternehmungen, Nachrichten von denen, die gemeinsam mit Dir nach Tigern in Myanmar gesucht haben, meinem buddhistischen Zeichen. Alle Nachrichten beinhalten dieselbe Frage: was ist geschehen?
So sehr die Frage geklärt werden möchte, so groß ist auch die Angst davor, mit der Antwort nicht umgehen zu können.

Statt zu schlafen, starre ich auf die Buchstaben, die vor meinen Augen verschwimmen, und doch weiss ich, was zu tun ist.

Am Sonntag Morgen schreibe ich eine Nachricht an Deine Firma. Seriös und doch persönlich, schliesslich möchte ich, dass man einer Unbekannten Auskunft über den Tod eines Mitarbeiters gibt. Ich füge mein Lieblingsfoto bei, auf dem wir beide klatschnass im Regen in die Kamera lachen, irgendwo auf einer unserer Wanderungen auf Madeira.

Und dann ist sie da, die Antwort. Lang und ausführlich ist sie, warmherzig, offen, die Tochter der Firmengründer – eine Deiner Kolleginnen – teilt das, was sie weiss: C. ist eines natürlichen Todes gestorben, soviel ist sicher. Absurderweise freue ich mich über diesen Satz. Und dann verschwimmen wieder Buchstaben vor meinen Augen: das Foto, das Sie mitgeschickt haben, stand übrigens immer auf seinem Schreibtisch.

Ich könne mich gern wieder melden, wenn ich weitere Fragen habe. Und das es schön sei zu lesen, dass C. vermisst würde.
Ich telefoniere mit N., wir werden – wenn es wieder geht – in Nürnberg Dein Grab besuchen.
Ich schreibe Deinen Freunden, denn ich weiß, wie wichtig diese Infos sind, um Deinen Tod zu verarbeiten. Eine Wiedergeburt in Myanmar, das wünschen sich die Burmesen für Dich. Ich weiß, dass Du Dich darüber freuen würdest.

Vielleicht treffe ich Deinen Freund S. das nächste Mal in Myanmar, vielleicht gehen wir zusammen Tiger suchen, und ganz bestimmt werden wir an Dich denken.



31.12.2020

Rückblick. Ausblick.

In diesem Moment würde ich eigentlich mit Freunden in einem Wiener Kaffeehaus sitzen. Wir würden überlegen, ob wir in Richtung Naschmarkt gehen oder in den botanischen Garten, der hinter den Parkanlagen des Belvederes liegt. Um Mitternacht stiessen wir mit einem Glas Sekt auf der Eislaufbahn am Rathaus an.
Ich hätte von meiner Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien berichtet und wie wir staunend am Kaukasus stehen. Ich hätte einmal mehr das Tosen der Wellen am Strand von Westerland beschrieben.

Dann gehe ich meine Fotos durch, die ich 2020 gemacht habe, einem Jahr, das mich öfters an meine mentale Grenze gebracht hat. Ich finde ein Meer an Erinnerungen, Erinnerungen, die durch den mächtigen Eindruck der Pandemie in den Hintergrund gerückt waren.

Ich erinnere mich an die Stille am Morgen, die von den Klavierklängen meines Taijilehrers durchbrochen wird, bevor wir mit dem Unterricht beim Retreat gestartet sind. Ich finde Bilder mit bunten Blumen und tanzenden Schmetterlingen, Sonnenstrahlen, die über Johannissträucher streifen, während wir die verschiedenen Stehenden Säulen praktizieren, und den Gänsen, die neugierig durchs Fenster zuschauen.

Ich erinnere mich an die Reise nach Österreich, das satte Grün der Wiesen, die schneebedeckten Berge, die Hütten, die mächtigen Farben und an die Überquerung der 210 Meter langen und 162 Meter tiefen Schlucht, nur gehalten von einem Seil.

Ich erinnere mich an den Safrangarten bei Marrakesch, an die zarten gelben Blüten, die das mehrgängige Mittagsmenü zierten. Und an den Ritt auf dem Kamel, durch die orangenen Dünen der Sahara, unter strahlend blauem Himmel.

Ich erinnere mich an die Wochenenden in Travemünde, eisessend mit Freunden an der Promenade, ich erinnere mich an lange Spaziergänge an der Nordsee auf Sylt und an den Kaffee, den ich am Strand genossen habe, mit einem grandiosen Buch – Gerald Durrell / The Corfu Trilogy – in der Hand.

Ich erinnere mich an unzählige Besuche meines öffentlichen Bades, das ich unter anderen Bedingungen neu entdeckt habe, an die vielen Stunden allein um 7.00h im 17-Grad kühlen Becken (ohne Neopren!), soviel Sonne, soviel Geglitzer auf dem Wasser und Frühstücken am Beckenrand um den Kampfschwimmern zuzusehen.

Ich erinnere mich an die schönen Begegnungen mit Menschen, die ich bisher nur über WordPress/Insta kannte, an die vielen Kommentare und den regen Austausch.

Ich erinnere mich an die Kampagne der Mammomädels im Oktober und an viele T-Shirts, die ich im Rahmen dessen gestaltet habe. Ich erinnere mich an die Aktion von Hamburg wird pink und das Video, in dem auch ich auf Brustkrebs aufmerksam mache. Ich erinnere mich an Cancer Unites, wo ich in einem Video mit anderen Bloggern zum Thema Angst Stellung genommen habe.

Ich erinnere mich an die vielen Spaziergänge durch Hamburg.
Ich erinnere mich an den Tod eines Freundes.

Ich erinnere mich an den geschmuggelten Sekt in der Thermoskanne, mit dem wir an meinem Geburtstag im Park angestossen haben.

Ich erinnere mich daran, dass ich Dank Meditation und Medikamenten gesundheitliche Schräglagen in den Griff bekommen habe.

Ich erinnere mich daran, dass ich gesund bin.
Und das 2021 ein wunderbares Jahr werden wird.

29.12.2020

Einbruch.

Die Thermoskanne ploppt dumpf auf dem waldigen Boden auf, als ich sie über die Mauer werfe. Und nun noch die Rucksäcke und die Picknickdecke, sage ich zu meiner Begleitung.

Unnütz, eine Picknickdecke mitzuschleppen, schimpfe ich mich selbst, als ob man nachts um 2.00h in der Winterkälte gemütlich den Proviant auspacken würde. Ne, das geht so nicht, lass mich mal wieder runtersteigen. Ich verlasse die Feuerleiter, die mein Begleiter aus seinen Händen geformt hat, ziehe die Flipflops aus und werfe auch diese über den Rand der roten Backsteinmauer. Zum Glück ist da eine Lücke im Stacheldraht, über die man steigen könnte, wenn man denn erst mal oben auf der Mauer sitzen täte.

Es fängt an zu nieseln. Die Finger klammern sich in die Ritzen des alten Gemäuers, kalt und nass, aber immerhin ist das Unterfangen barfuss besser zu bewältigen. Ich springe.
Hauptsache du springst nicht in eine Scherbe, denke ich und lande dann weich auf der Picknickdecke, die ich jetzt doch nicht mehr so unnütz finde.
Willst Du nicht besser die Schwimmbrille abnehmen? zische ich der Begleitung zu. Dieser winkt ab und klettert – ebenso wie ich im Neoprenoutfit – etwas eleganter über die Mauer.
Hauptsache, es sieht uns keiner. Das ist eine unnötige Sorge, denn nachts um 2.00h sind selbst die hartnäckigsten Jogger und Gassigeher nicht mehr am Kaiser Friedrich-Ufer unterwegs, sondern liegen zuhause in ihren warmen Betten.

Vor uns liegt das 50-Meter-Becken des Freibades. Das Wasser ist herausgelassen, der Mond, der hinter den Wolken hervorkommt, lässt es in einem fahlen Blau erstrahlen.
Achtung, da ist kein Wasser drin, raune ich dem Begleiter zu, der sich in Richtung der steinernden Startblöcke aufgemacht hat. Ausserdem ist das nicht „mein“ Becken des öffentlichen Bades, das liegt weiter oben im Gelände. Auf glitschigem Untergrund geht es einen Hügel hinauf, vorbei an dem kleinen Holzhäuschen des Kiosks, in dem es im Sommer die Schwimmbad-Pommes gibt, nun ist es leer. Es geht vorbei an der plakatierten Umkleideschnecke, die im Dunkeln unter den Bäumen liegt. Und dann liegt es vor uns: im Licht eines einsamen Scheinwerfers steigt der Dampf aus dem 25-Meter-Becken auf, ein gutes Zeichen. Ein gutes Zeichen, sage ich und deute in die Luft. Das Wasser ist tatsächlich beheizt. Flipflops, Decke, Rucksäcke und Thermoskanne landen an der Bande. Und dann steige ich langsam ins glitzernde Wasser. Der Regen hat aufgehört.

…und dann klappe ich amüsiert das Laptop zu, schalte das Licht aus und schlafe ein, genauso wie die Gassigeher und Jogger, morgen musst Du die Thermoskanne mitnehmen, denke ich noch.

Nachtrag:
Handlung und Personen sind frei erfunden. Zufälligkeiten mit lebenden Personen sind unbeabsichtigt. Der Autor und der Ich-Erzähler müssen nicht identisch sein.

Nachtrag 2:
Könnte ein Verantwortlicher bitte den Schlüssel für den Eingang meines öffentlichen Bades unter der Fussmatte deponieren?

13.12.2020

Triptrap.

Mach das ruhig in Deinem Tempo, sagt die Gabi und schaut mich an. Das ist nicht nötig, möchte ich ihr antworten, denn Gabi ist nett, und die Morgengymnastik, die Wirbelsäulengymnastik und auch das Training mit den Tubes sind recht entspannt. Antworten brauche ich der Gabi nicht. Sie schaut aus meinem Laptop heraus, auf dem ich bei YouTube Fitnesseinheiten recherchiere. Nach 20 Minuten verabschieden wir uns, dann treffe ich auf Pamela.

Mit Pamela absolviere ich das Six-Pack-Programm. Mit Pamela verbindet mich eine Hassliebe; ihre Übungen sind anspruchsvoll und ambitioniert, kein Vergleich mit den Einheiten, die die Gabi bietet, hier wird auch nicht gesprochen sondern hart trainiert, während im Hintergrund die passende Musik erklingt. Pamela trägt schicke Turnschuhe, Sportleggings und ein bauchfreies Top, das ihr Six-Pack eindrucksvoll zur Geltung bringt. Ihr blonder Pferdeschwanz wippt im Rhythmus ihrer Übungen, die sie mit ernstem Blick aus großen blauen Augen ausführt. Ich schimpfe mit Pamela und schaue mit jedem plank böser in ihre Richtung, mein Pferdeschwanz wippt nicht im Takt, mein Outfit ist nicht schick und windschnittig, die Baumwolljogginghose rutscht von der Hüfte und das Pikachu-T-Shirt von der Schulter herunter.

Puh, jetzt bin ich ausser Atem! Das sage nicht etwa ich, sondern die schweisslose und immer noch wunderschön aussehende Pamela, und ich frage mich, ob sie sich über mich lustig macht. Trotzdem trainiere ich mit Pamela, wahrscheinlich, weil ich mir einbilde, irgendwann dann auch so einen Astralkörper zu haben (den ich aber nicht bekommen werde, denn Pamela ist ein zwanzigjähriges Fitnessmodell, und ich, ich bin halt ich).

Während ich im ersten Lockdown täglich im Hafen Taiji gemacht habe, bin ich im Lockdown No. 2 zu Spaziergängen übergegangen. Zu kühl, zu nieselig, zu rutschig, zu grau, um auf den Holzplanken an der Elbe zu trainieren. Ich spaziere durch die Dunkelheit, wandere durch Planten un Blomen, schaue hinauf auf den angestrahlten Turm des Michels und sitze ganz hinten auf der Holzbank innendrin. Am Altar steht der Tannenbaum. Riesengroß, mit Lichtern und Lametta, so wie ich es mag, alles glitzert, so wie das Wasser im Aussenbecken des öffentlichen Bades, wenn es von der Sonne angestrahlt wird. So schön kann nicht einmal Pamela glitzern.

29.11.2020

Zuhause.

Und dann ruft ein Patenkind an, das bei mir übernachten möchte, nächstes Jahr, wenn man wieder reisen darf, und es möchte selbstgemachte zuckerfreie Gummibärchen essen und meine Müsliriegel, auch sonst sei es mit meinen Kochkreationen, die es immer auf Facebook zu sehen bekommt, sehr einverstanden, nur Birne, Aubergine und Gorgonzola, das möge es nicht, und wir könnten zusammen in mein Schwimmbad gehen, seines in München kenne ich ja schon, genauso wie den See, in dem wir letztes Jahr geschwommen sind und der zu seinem Schwimmverein gehört.
Als wir auflegen, bin ich gutgelaunt.

Note to myself:
Und Schwimmbad-Pommes, die werden wir uns nächstes Mal auch gönnen, wurde der letzte Schwimmausflug mit einer „1-“ seitens des Kindes abgestraft, das Minus dafür, weil ich ihm keine Pommes gekauft hätte (es allerdings auch nicht danach gefragt hatte, da es nicht davon ausging, dass es welche von der healthy-lifestyle-Tante bekommen würde).

***
Übrigens: wer genauso wenig wie ich kochen und backen kann, der findet auf meinem Blog (Extrarubrik!) von mir getestete und meist individualisierte Rezepte, die wirklich jeder umsetzen kann. Neu dazugekommen ist heute der extrem leckere Quarkauflauf (zucker- und weizenmehlfrei).

22.11.2020

Was bleibt.

Was bleibt, ist der riesige Holztiger, der an der Balkontür wacht. Mir fällt auf, dass er nach Westen schaut; eigentlich müsste er nach Osten schauen, zum Sonnenaufgang, wie an jedem Tempel, an dem er in buddhistischen Ländern sitzt.

Was bleibt, sind die Tiger im Bücherregal, Tiger in der dunklen Vitrine, Tiger aus Holz, Marmor, Sandstein und Kupfer und die mich anschauen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Von jeder Deiner Asienreisen hast Du mir einen weiteren Tiger mitgebracht.

Was bleibt, ist der riesige Bildband, den Du für mich zusammengestellt hast, mit hunderten Tigern, die Du in Myanmar für mich fotografiert und täglich geschickt hast. Dieses Jahr hast Du mir das Buch anfertigen lassen. Mit goldenen Schriftzeichen auf dem Cover.

Dafür würde ich Dich glatt heiraten, sagte ich zu Dir, berührt von so viel Aufmerksamkeit. Natürlich haben wir darüber gelacht, denn wir beide wussten, dass Du Dir aus Frauen nichts machst.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die verregnete Wanderung über Stock und Stein an der Levada entlang, auf Madeira. Und an Deinen verängstigten Blick, als wir auf dem gläsernen Vorsprung des Cabo Girao standen, einer der höchsten Steilklippen Europas.

Was bleibt, sind die vielen lustigen Schlagabtausche, die wir uns geliefert haben.

Hast Du gehört, dass C. verstorben ist?, fragt mich N. Ich bin entsetzt, ungläubig, nein, woher sie das wisse, ein Nachruf eines Bekannten auf Facebook und dann die Gewissheit, als sie eine Traueranzeige aus der Süddeutschen Zeitung schickt: Dr. med. C.H., plötzlich verstorben.

Was bleibt, ist das Gespräch mit N., die ich nur virtuell über C. kenne und mit der ich mich aus der Ferne angefreundet habe: viele traurige Details und die Erkenntnis, dass C. ein Einzelgänger war, der seine Probleme hatte. Wer aktuell am Reisen planen ist und sich eine neue Kamera kauft, wird nicht…aber wer nicht auf sich achtgibt – und das tut man nicht, wenn man sich nicht selbst liebt – der kann an vielem versterben. Wir wissen es nicht. Wir werden es wohl nie erfahren. Und so weinen wir, als wir an die wohl letzten Momente denken.

Was bleibt, ist eine Lücke. Was bleibt, ist die Leere. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir auf uns achtgeben müssen. Auch auf uns selbst.

17.11.2020

Anker.

Hört ihr mich?, ruft unser Lehrer. Zumindest vermuten wir, dass er das ruft, wir jedenfalls hören ihn nicht.

Wir, das sind die Mitstreiter der dienstäglichen Meditation-Class und ich, jeder für sich zuhause und trotzdem alle zusammen, zumindest virtuell.

K. hat als Hintergrund ein Gebirge ausgewählt, das halb in der Sonne und halb im Schatten liegt. N. sitzt im All, hinter ihm ist ein Planet auszumachen, durch eine Bildstörung scheint dieser einem permanenten Steinschlag ausgesetzt zu sein. D.sitzt anscheinend in einer Abstellkammer, um ihn herum türmen sich Regalwände, das Licht ist grell. Unser Lehrer, den wir nicht hören, der aber weiterhin spricht, hantiert an der Technik herum und erscheint mal kopfüber und mal seitwärts auf dem Screen. Endlich klappt es mit dem Ton. Dafür sehe ich von Planeten-N. nur noch den Oberkörper, von Gebirge-K. nur noch den Kopf, es scheint, als ob K.’s Kopf auf N.’s Oberkörper sitzt, was mich an ein Kartenspiel aus Kindertagen erinnert, bei dem man dreigeteilte Figuren immer neu zusammenfügen konnte.

Nach diesem amüsanten Vorspiel kann die Meditation starten. Ich bin die einzige Frau in der Runde, stelle ich fest, und die einzige, die einfach auf nem Kissen im Wohnzimmer sitzt.

Heute tauchen wir mit dem Zeitstrahl in die Tiefe der Stille ein, die nur von den Worten unseres Lehrers unterbrochen wird. Den Koffer mit der Vergangenheit stelle ich rechts von mir ab, den Koffer mit der Zukunft links. Nun gibt es nur noch das Hier und Jetzt und meinen Atem. Und K., der nach einer halben Stunde wie von Zauberhand in der Gebirgswand verschwindet. So skurril das alles ist, ist es doch ein Anker in einer gerade noch skurriler anmutenden Welt.

Und weil ich meine Welt vermisse, gibt es zu diesem Beitrag ein Bild aus guten Tagen. Vom See Genezareth, von den Golanhöhen aus fotografiert.

07.11.2020

Sintflut.

Der Regen rauscht auf mich herunter, immer stärker und stärker, ich ziehe den Kopf ein und versuche gleichzeitig, den Fluten, die über den Gehsteig fliessen, auszuweichen.
Trotzdem gehe ich weiter, dicht an den Wänden der rotgeklinkerten Häuser entlang, in einigen Fenstern brennt ein Licht, während ich die Dunkelheit durchstreife und mir der Regen die Stirn und die Nase hinunterläuft.

Ein Torbogen taucht auf, die alten Lampen erhellen die Treppenstufen, wie am Montmartre in Paris, denke ich, doch statt der weißen Sacré Coer ragt vor mir der Hamburger Michel auf.
Auf den Turm würde ich jetzt gern steigen, ich stelle mir vor, wie der Pastor – ein Verwandter von mir – heimlich den Zugang gewährt und ich die Stiegen nach oben steige, höher und höher, die riesigen Glocken unter mir lasse und dann über Hamburg schaue. (da ich aber lausig in der Pflege von verwandtschaftlichen Beziehungen bin, bleibt das bei dem frommen Gedanken).

Ich betrete den Michel. Vorne steht tatsächlich ein Pastor, ob es mein Verwandter ist, erkenne ich aus der Ferne nicht. Zwei Betende sitzen in den Reihen, ich bleibe an der Tür stehen. Orangene Rettungsringe hängen an der Balustrade, als würden sie auf Seefahrer warten, die in Seenot geraten sind, doch hier stehe nur ich, triefend und durchnässt, als würde ich gerade der Elbe entstiegen sein.
Ich bin nicht gläubig, aber ich mag die Stimmung in der Kirche, die Ruhe und die Festlichkeit; und der Michel ist ein Anker, der fest und sicher der stürmischen Nacht standhält.

Als ich wieder hinaustrete, stelle ich fest, dass meine Turnschuhe durchweicht sind. Auch die Regenjacke ist nur noch eine Jacke, der Regen rinnt den Nacken hinunter. Die Strickjacke unter der Jacke wird immer schwerer, das Taschentuch in der linken Tasche ist ebenfalls durchweicht, nur die Schokosalmis, die in der kleinen Plastiktüte in der rechten Jackentasche stecken, scheinen trocken geblieben zu sein.

Ich wandere weiter zum Baumwall hinunter, sehe Licht im Fenster einer Bekannten, klingeln tue ich aber nicht, denn ich sehe schon vor meinem inneren Auge den See, der sich um meine Füsse bildet, wenn ich jetzt anhalten täte.

Ich überquere eine Brücke, jetzt bin ich wieder in Paris und an der Seine, vor mir blinkt der Eiffelturm, mal grün, mal blau, blink, blink, er blinkt hier wirklich, allerdings auf dem Dach eines Wägelchens, das Crepes verkauft, an wen in dieser verregneten Nacht, bleibt unklar.
Ein Angler kommt mir auf der nächsten Brücke entgegen, seine Regensachen glänzen genauso wie meine, er zieht die Mütze tiefer in die Stirn.

Über eine Stunde war ich unterwegs, Bewegung muss sein. Und eine heisse Dusche auch.

Nachtrag:
ich kann das ganze Jahr über draussen schwimmen, ohne krank zu werden.
Ich kann eine einzige Wanderung durch den Regen machen, und fange mir eine Erkältung ein.

Nachtrag 2:
Der Fitnessrückblick der Woche entfällt (aus gegebenen Anlass).