27.10.2020

Kein Zweifel.

„Dann hat mich das Leben ja doch lieb“, sagt mein Lehrer. „Natürlich hat es das, daran darfst Du nie zweifeln“, antworte ich, und freue mich mit ihm über die gute Nachricht.
Und dann meditieren wir und lauschen in die Stille.

01.10.2010

friendly reminder.

Heute ist Weltbrustkrebstag. Und ich freue mich, dass ich immer noch hier bin.

2017 bin ich an beidseitigem Brustkrebs erkrankt. Ich kann nur jedem raten: geht zur Vorsorge. Nehmt Mammografieangebote wahr. Bleibt dran, auch wenn man Euch für zu jung für Brustkrebs befindet. Achtet selbst auf Euch, und das jeden Tag: nicht nur einmal im Monat zum Abtasten, nicht nur bei den Nachsorgeterminen; Ihr könnt selbst aktiv jeden Tag etwas für Eure Gesundheit tun: regelmässig Sport, gesunde Ernährung und Meditation helfen Euch, gesund zu bleiben bzw. Rezidiven vorzubeugen. Und selbst aktiv sein, nimmt auch die Angst.

Gebt Acht auf Euch, und zwar jeden Tag.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

05.09.2020

Becken-Begegnungen.

Angeber, ruft die junge blonde Frau durch’s Aussenbecken des öffentlichen Bades, hinüber zum Bereich der Kampfschwimmer. Das sieht klasse aus!, rufe ich durch’s Aussenbecken des öffentlichen Bades, hinüber zu dem jungen Mann, der so gar nicht die bullige Statur der Profis hat, aber die anderen Schwimmer links liegen lässt, als er das Wasser durchpflügt. Für’n deutschen Meister….richtet sich die Frau an mich, bevor sie wieder Angeber! zu ihrem Freund hinüberruft.
Der Angeber fliegt geradezu durch’s Aussenbecken, wechselt durch sämtliche Stile und wendet formvollendet, wenn er nach gefühlten drei Sekunden wieder an der anderen Seite angekommen ist. Ich bin fasziniert von der Leichtigkeit, der Kraft und der Ästhetik des Schwimmens.

Bitte aufpassen, sagt eine andere blonde Frau zu der Angeber-Rufenden, die, im Gegensatz zum Meisterfreund, denselben alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-Brustschwimm-Stil wie ich praktiziere. Die blonde Frau Nr. 2 deutet auf ihren Bauch: heute ist Stichtag, erklärt sie uns, aber noch ist von dem Baby nix zu sehen. Da kann man die Zeit natürlich nutzen und nochmal zum Schwimmen kommen. Das Krankenhaus sei auch gleich um die Ecke, ergänzt sie fröhlich.

Die ältere Dame in dem himmelblauen Badeanzug, die ich schon am Eingang getroffen habe, kommt zurück zum Aufwärmen: das Freibad mit dem 50-Meter-Becken ist zwar offiziell geschlossen, das Wasser aber noch nicht abgelassen, und die netten Bademeister haben die Erlaubnis gegeben, das riesige Becken mit zu nutzen. 18,5 Grad, sagt sie. Aber herrlich!
Morgen werde ich sie lustigerweise in der Frühschicht in der Umkleide treffen.

Die beiden jungen Bademeister mit den Spiegelbrillen und den falschrum aufgesetzten Cappies schlendern um den Pool, der grauhaarige Kollege lässt eine Kampfschwimmerin einen Gummireifen durch das Wasser rollen, wobei sie mehrmals prustend wieder auftauchen muss.

Das Aussenbecken – der friedlichste Ort am Freitag Mittag.
Seit die Bäder dank Corona Schwimm-Schichten eingerichtet haben, ist das Schwimmen wunderbar: nur eine Handvoll Schwimmer sind in „meinem“ Aussenbecken unterwegs, mit denen ich die Sonne und das glitzernde Wasser teile.

Auch bei der Frühschicht am Samstag gehört mir das Aussenbecken fast allein: der Delphinschwimmer ist in der Halle unterwegs, genauso wie die rotbebadekappte Frau, die jeden in zickiger Manier auf die Abstandsregeln hinweist. Abstand halten ist hier einfach, es sei denn, die rotbebadekappte Frau macht unversehens einen Handstand im Becken und nötigt einen auszuweichen.

Der Himmel ist grau. Während ich in Rückenlage die dunklen Wolken betrachte, die sich hinter dem alten Rotklinker-Gebäude auftürmen, fallen mir Regentropfen ins Gesicht.
Vier Enten fliegen auf und drehen quakend eine letzte Runde über das Aussenbecken, bevor sie am Himmel verschwinden. Es wird Herbst.

Fitness-Rückblick der Woche
Mo: Youtube-Workout ✔️
Di: Mediation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️



01.09.2020

Koffer packen.

Ich stehe auf der Treppe, in der rechten Hand halte ich meine Puppe, in der linken zwei Münzen, ein 50-Pfennig- und ein 10-Pfennig Stück. Meine Cousine wählt das 50-Pfennig-Stück, was ich bedauere, da ich die kleine silberne Münze hübscher finde. Dass sie mehr wert ist, weiß ich nicht. Im Gegenzug bekomme ich ein Kleid für Ute, meine Puppe.
Ich sehe den roten Läufer mit dem dunklen Muster, der auf der Holztreppe in unserem Flur liegt, ich sehe die große grau-grüne Vase, die auf dem Zwischenabsatz steht, und heute, da steht sie in meiner Wohnung.

Ich bin im Büro bei dem flapsigen Kollegen mit dem Schnauzbart und seiner Assistentin, einer älteren Dame, die wild geschminkt und bunt gekleidet ist. An diesem Ort halte ich mich länger auf. Hier war ich schon lange nicht mehr.

Dann packe ich die Vergangenheit in den großen ledernden Koffer und stelle ihn rechts von mir ab.

Ich sehe die Pinguine, den Schnee, die Felsen und die Berge, ich spüre die kalte Luft, ich höre den Boden unter meinen Schritten knirschen, ich ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht. Ich schaue mich um in meiner Zukunft. Ich freue mich, dass ich hier gelandet bin, hier am Ende der Welt, hier inmitten der Natur, ich spüre Frieden und Dankbarkeit.

Ich packe den Südpol samt Pinguinen in den zweiten großen Koffer und stelle ihn links von mir ab.

Nun sind wir im Hier und Jetzt. Das ist alles, was zählt.

Nachtrag:
Später wird mein Meditationslehrer sagen, dass er die Vergangenheit links und die Zukunft rechts abstellt. Später werde ich ihm sagen, dass es vielleicht daran liegt, dass ich Links- und er Rechtshänder ist. 😉

30.07.2020

Flugwetter.

Ich mag es, früh morgens mit dem Tag aufzuwachen. Durch die verglaste Fassade schaue ich vom Bett auf die Berge. Heute liegt Nebel am Fusse der Berge, die, in einen feinen grauen Schleier gehüllt, nun von der Sonne angestrahlt werden und das matte Grau in grüne Wiesen verwandelt.

Gestern waren die Berge klar zu sehen, es war ein warmer Sommertag. Und vorgestern, da lagen sie mystisch hinter Wolkenschwaden, die um die dunklen Berge waberten.

In zwei Stunden werden das Kind und ich an einem Abgrund in den Bergen stehen und, nur an einem Seil befestigt, eine 220m lange und 160m tiefe Schlucht überqueren/fliegen. Ich bin gespannt.

Die Sonne steigt höher und gibt einen sanften blauen Himmel frei. Gutes Flugwetter, denke ich.

27.07.2020

Ich stutze: war ich wirklich erst vor drei Tagen im Taiji-Camp? Jetzt liege ich im Bett und schaue durch bodentiefe Fenster über die Dachterrasse bis hin zu den Bergen. Schwarz heben sie sich vom grauen Himmel ab; es wird Nacht. Gestern sind wir erst in Österreich angekommen, und schon fühlt es sich an, als wären wir ewig hier. Ein gutes Zeichen. Dann ist auch die Seele mitgekommen.

Wir haben Wünschetage beschlossen: jeder darf einen Tag so gestalten, wie er es gern möchte; das Programm der restlichen Tage wird gemeinsam beschlossen. S. wünscht sich einen Wandertag in die Berge, mit Einkehr in Hütten und Zeit in der Natur. Ich wünsche mir einen Tag in Bad Gastein, das für seine Villen und Hotels aus der Belle Époque bekannt ist, die an Steilhängen gebaut wurden. Einen Wasserfall gibt es dort auch. Das Kind wünscht sich den „flying fox“, das ist ein Jump über die 160m hohe und 220m lange Dürnbachschlucht, bei der man nur an nem Seil befestigt ist (ich will es noch gar nicht so genau wissen, denn ich habe – im Gegensatz zu S. – sofort fröhlich zugesagt). Einen Besuch im Freibad wünscht das Kind sich auch, da bin ich doch gerne mit dabei (und freue mich insgeheim, dass ich dafür nicht meinen Wunschtag opfern muss, denn schwimmen, das mag ich sowieso).

Ich schaue auf die Berge, die Jalousien lasse ich auf, damit ich morgen früh die Bergwelt erwachen sehe.

24.07.2020

Retreat – Tag 6 (letzter Tag)

…wenn man am letzten Morgen etwas früher in den Trainingsraum kommt und der Lehrer am Klavier sitzt und spielt…I like the „wie geht denn das nochmal“ am Ende – das frage ich mich auch des öfteren beim Training…und irgendwie geht es dann doch immer weiter.

23.07.2020

Retreat – Tag 5

Ich beschliesse, meiner kann-ich-nicht-gut-Übung mit einem inneren Lächeln zu begegnen. Dadurch kann ich sie zwar nicht besser, aber ich lasse mich von ihr nicht mehr stressen.

Nicht nur in der dreistündigen Vormittagseinheit gibt es Varianten (nach dem Motto: schlimmer geht immer oder wo man überall Schmerzen spüren kann), auch die äusseren Begebenheiten wandeln sich: K. wirft ihren Pullover nicht wie sonst bei der vierten Stehenden Säule in hohem Bogen von hinten an mir vorbei auf die Bank vorm Fenster, sondern bereits bei Säule Nummer Zwei. Die drei Enten schauen erst in der zweiten Trainingshälfte vorbei, picken mit den Schnäbeln an die Türscheibe und schnattern vor sich hin.

Am Nachmittag marschieren wir wieder zur Wiese. Ich finde es faszinierend, wieviele kleine Geräusche es auf dem Weg durch Feld und Flur gibt, die zusammen eine Sinfonie ergeben.

Beim Dehnen des Hüftbeugemuskels (meiner nachmittags-kann-ich-nicht-gut-Übung) entdecke ich erst eine Wespe im Gras, dann eine riesige Spinne, zwei Grashüpfer und eine Ameise.

Wir machen ein schönes Gruppenfoto und beschäftigen uns die letzte halbe Stunde mit pushing hands, einer Partnerübung, die es bei Inneren Kampfkünsten gibt.

Ein letzter Rückweg durch die Felder, morgen ist der letzte Tag des Retreats.

22.07.2020

Retreat – Tag 4

Was ich mag.

Ich mag es, morgens kurz nach fünf von Vogelgezwitscher und Kaffeeduft aufgeweckt zu werden. Hinter den Bäumen, auf die ich von meinem Bett blicke, liegt der moosbedeckte Mühlenteich. Ich habe gut und tief geschlafen.

Ich mag es, noch ein bisschen wegzudämmern und um sieben vom Duft von warmen Brötchen endgültig wach zu werden.

Ich mag es, den Frieden in mir zu spüren.

Ich mag es, mich auf den Tag zu freuen, der wieder mit sechs Stunden Taiji und Meditation gefüllt sein wird. Und mit gutem Essen. Und sympathischen Menschen.

Ich mag den schweren Duft der orangenen Rosen, die am Haupteingang der Mühle blühen. Und ich mag die Schmetterlinge, die hier herumflattern.

Ich mag es, wenn die Sonne über die roten Johannisbeeren streift und die Gänse an die Glastür picken.

Ich mag es, auf der Wiese zu stehen und den Worten meines Lehrers zu folgen, der auch die Nachmittagseinheit mit einer Meditation einleitet, die uns darauf fokussiert, wo wir sind: im hier und jetzt. Auf einer grünen Wiese, umgeben von rauschenden Bäumen, summenden, brummenden und zirpenden Insekten. In der Nähe klopft ein Specht.

21.07.2020

Retreat Tag 3

Denjenigen, denen man erzählt, dass man Taiji praktiziert, schwingen wissend ihre Arme durch die Luft und drehen sich um die eigene Achse.

Diejenigen, die Taiji praktizieren, wissen, wie anspruchsvoll und anstrengend dieser Kampfsport ist, auch wenn es (in unserem Training) nicht um Kämpfen, sondern um Joint Loosening, Stehende Säulen, Formarbeit und innere und äussere Balance geht.

Am Vormittag folgen auf meine kann-ich-nicht-gut-Übung fünf verschiedene Stehende Säulen à fünf Minuten, das ist ambitioniert, die Beinmuskeln fangen ob der neuartigen Belastung an zu zittern; hinter mir wird das Atmen der Mitstreiter hörbar schneller, ab und an wird geseufzt (und leise geflucht?), kurzzeitig vergesse ich die drei Gänse, die wieder mit den Schnäbeln an die Glastür picken. Die roten Johannisbeeren am Strauch vorm Fenster liegen im Schatten, die wandernden Sonnenstrahlen habe ich heute nicht mitbekommen. Meine ganze Konzentration liegt in den Säulen und dem tiefen und langsamen Atmen.

Die dreistündige Nachmittagseinheit trainieren wir wieder auf der Wiese. Der Schattigen.

20.07.2020

Retreat – Tag 2

Stehende Säule mit Blick auf rote Johannisbeeren, die draussen im Garten am Strauch in der Sonne leuchten, die Sonne, sie wandert immer weiter; was eben noch im Hellen lag, liegt jetzt im Dunkeln. Drei Gänse picken neugierig mit ihren Schnäbeln an die Scheibe unseres Raumes. Ich bin angekommen in meiner Balance.

Eigentlich dachte ich, mich würde der Vormittag mit 3 Stunden Meditation, Stretchen, Dehnen und der Stehende Säule an meine Grenze bringen, tatsächlich war es dann aber der Nachmittag, der es in sich hatte.

Statt des Grossen Spiegelsaals, den wir für den Formennachmittag ins Auge gefasst hatten, marschieren wir durch Felder, Wiesen und Wälder, um endlich bei DER Wiese anzulangen. Allerdings bin ich abgelenkt von den vielen Grashüpfern, Fliegen, Wespen und Käfern, die um meine Beine schwirren, und Zecken, die gibt es hier auch. Von oben scheint die Sonne unbarmherzig auf den Kopf, und nach einer Stunde ist es vorbei mit der Balance. Meine Stimmung kippt.

Seit der Strahlentherapie bin ich ein Schnee- und Schattenmensch geworden, in der Sonne halte ich nicht lange durch. Bevor ich aber den Rückzug zur Mühle antreten kann, brechen wir auf zu einer anderen Wiese, die unter Bäumen liegt. Irgendwie sind hier auch weniger Insekten unterwegs, und so langsam finde ich in die Form und zu meiner Balance zurück.

Die spontan angesetzte Abendmeditation um 22h lasse ich ausfallen, da ich nach der Meditation immer frisch und munter bin, ich aber um 22.30h lieber tief und fest schlafen möchte. Statt Bodyscan-Meditation nehme ich eine Bodyscan-Dusche, um eventuelle Zecken aufzuspüren.

19.07.2020

Retreat – Tag 1

Wir sitzen im VW-Bus und fahren durch die Landschaft, weiter und immer weiter, um uns liegen Felder, Wiesen und Weite.

K. und ich unterhalten uns lebhaft, L., der hinten sitzt, döst vor sich hin.

Endlich erreichen wir die Mühle, die für die nächste Woche unser Rückzugsort sein wird. Inmitten im Grünen liegt sie, umgeben von zwei Mühlenteichen, die mit Moos überwuchert sind, überall blühen duftende Rosen, wir begegnen gackernden Gänsen und zwei Katzen und beziehen unsere Zimmer.

Um 16.00h gibt es Kaffee und Kuchen, und wir lernen unsere Mit-Retreatler kennen; insgesamt sind wir sechs Männer und vier Frauen, alle machen einen sympathischen Eindruck.

Dann folgt die Einführung über das, was uns erwartet: meine Vermutung, dass es anstrengend wird, scheint sich zu bestätigen. Gestartet wird mit einer Sitzmeditation, wir lassen es ruhig angehen. Das Abendessen nehmen wir draussen vor der Mühle ein; alles ist frisch zubereitet, viel Obst, Gemüse und Vollkornbrot, ich bin begeistert.

Ob wir noch Lust auf einen Spaziergang zu der Wiese machen wollen, auf der wir nachmittags trainieren werden? Klar haben wir das, T. bietet sich an, die Teller zurück ins Haus zu bringen und wird prompt vergessen, als wir uns auf den Weg machen (einen Weg gibt es nicht, wir marschieren über Feld und Flur). Grashüpfer springen durch die Wiesen, und irgendwann kommt dann auch DIE Wiese, über die sich ein sanftes gelbes Abendlicht legt.

Kannst Du die Bierflaschen mit reinnehmen, wir gehen T. suchen, fragt K. Den Trick kenne ich schon, sage ich und lache, bringe die Flaschen weg und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

20.06.2020

Wenn ich nachts dem Regen und morgens den Vögeln lausche.

Wenn die Luft kühl und klar ist.

Wenn die Ostsee 15 Grad Wassertemperatur hat. Das ist kalt.

Wenn ich mich am Strand unter bedecktem Himmel und frischer Brise entkleide und im Tankini langsam den Steg hinuntergehe. GNTM? Kann ich.

Wenn die Anderen in dicke Jacken vermummt sind und ich die Blicke im Rücken spüre.

Wenn ich am Ende des Steges die Leiter hinunterklettere. Wenn ich schwimme.

Wenn ich mittags ein Pfund Erdbeeren vom Erdbeerhof esse und nachmittags Freunde treffe, wenn wir Eis essen und Kaffee trinken und am Meer entlang zum Leuchtturm gehen, wenn der Schrittzähler abends bei knapp 16.000 Schritten steht, wenn ich eine frische Gemüsepizza und ein Glas Weisswein draussen beim Italiener geniesse.

Wenn ich mich schon auf Morgen freue, weil ich mein Frühstück im Strandkorb serviert bekomme.

Wenn das Leben schön ist.

15.06.2020

Liebesbrief.

Eingang Hohe Weide: ❌
Umkleiden: ❌
Warme Duschen: ❌
Schliessfächer: ❌

Mein liebes Aussenbecken des öffentlichen Bades,

da ich Dich die letzten Monate so sehr vermisst habe, habe ich trotz aller Widrigkeiten ein Ticket erstanden.

Mittwoch ist es endlich soweit: nach der Arbeit komme ich Dich besuchen (so ich den anderen Eingang finde), werde mich auf der Wiese umziehen und meine Wertsachen in einer wasserfesten Tasche mit in die kalten Fluten nehmen (das darf man nämlich, das habe ich schon gefragt) – grosse Schwimmliebe!

Ich freue mich, Dich wiederzusehen!

01.06.2020

Gegen den Strom.

1. Wer beim Frühstück die Frühschicht bucht, hat den Strandspielplatz für sich allein.

2. Wenn die Menschenmassen zum Strand anrücken, gehe ich in den Wald, Bäume umarmen. Und wenn sich alle in der Vorderreihe vor den Restaurants drängeln, picknicke ich vor der Kirche.

3. Die Ostseeorte Scharbeutz und Haffkrug wurden wegen Überfüllung geschlossen. Der Timmendorfer Strand ist am Limit seiner Kapazitäten angekommen.

Und ich? Ich sitze allein im Strandkorb meines kleinen Hotels in Travemünde und lese.

Covid-19 ist nicht mit den Lockerungen verschwunden.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.

08.05.2020

Home.

Woche 8 in Isolationshaft neigt sich dem Ende zu.

Home Office und Home Canteen laufen professionell, da kann ich mich nicht beklagen.
Auch mit den Paketboten bin ich eingespielt, die die Bestellungen unten in den Fahrstuhl stellen und ich oben die Sachen einfach auslade. Von diesen „Sachen“ sind in den letzten Wochen einige zusammengekommen: eine Auflage für den Deckchair in dunkelblau, ein Tankini in schwarz, zwei Snacklieferungen mit gebackenen Linsenflips und Gemüsechips, Wasserkisten, Nagellack und Unterlack, Vitamin B12, ein Handystativ, eine Stoffmaske und etwas Wäsche. Das ist ne ganze Menge, aber ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Die Laune ist gut.

Ich habe einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen und bleibe auch gleich 2 Stunden dort; die Verwahrlosung hat endlich ein Ende gefunden.
Am nächsten Tag geht es zum Zahnarzt; eigentlich bin ich Angstpatient, aber selbst auf dieses Date freue ich mich. Dass meine Frisur sitzt, fällt als erstes ins Auge und wird von der Zahnarzthelferin für top befunden. Meine Zähne sind das zum Glück auch.

Zuhause stelle ich Fotos meines Avatars nach und morse über Slack Dönerkind, Jade0815 und IcyCarbonite an, um zu checken, ob wir Termine zur Zündung von Eiern koordinieren wollen. Kennen tu ich Dönerkind & Co nicht wirklich, aber das macht nix. Mad Max aus der Nachbarschaft hat mit mir Kontakt aufgenommen; wir machen uns den Spass und legen Thementage fest: heute schreibe ich ihm: Moin, Freitag ist Fischtag. Diese kurze Nachricht langt; wir verstehen uns und werden heute wieder Spass haben. (Anmerkung des Autors: da kommen jetzt auch Insider nicht mehr mit).

Ich sitze draussen in der Sonne und lausche der Elbe, die an den Kai schwappt, ich beobachte die Möwen, die auffliegen und kreischen und die Bäume, deren Blätter leise im Wind rascheln. Was will ich mehr, denke ich.

01.05.2020

Woche 7 in Isolation.

Der Donnerstagabend steht unter dem Motto „gönn Dir“: Trash-TV, (Bio-Gemüse)Chips, ein kleines Glas Rotwein (wegen des Resveratrolgehaltes), Schokokekse (ungesund, nicht schönzureden) und ein Stück (vegetarische) Pizza stehen bereit.

Appetit habe ich auf einen grünen Apfel. Ok…also esse ich erst den Apfel, dann eine Karotte, ein paar frische Himbeeren, und trinken mag ich lieber Wasser. Danach esse ich doch noch die Gemüse-Chips. Aber eher deshalb, weil ich sie nun extra für den Trash-Abend besorgt habe.

Ich glaube, mein Körper hat keinen Bedarf mehr an ungesundem Quatsch.

Statt Tanz in den Mai geht es am Freitag wieder in den Hafen zum Taiji-Formen laufen, danach noch etwas Workout.

Ich bin ratlos.

25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

31.03.2020

Der wichtigste Moment.

Heute haben wir zusammen meditiert. Im virtuellen Raum. Wie gestern schon. Da habe ich mit meiner Taiji-Class trainiert.

Die Meditation war so schön, dass am Ende zwei Mitschüler geweint haben. Weil unser Lehrer wieder die richtigen Worte gefunden hat.
Der wichtigste Moment im Leben? Der ist jetzt.

Meditation. Live. Mit meiner Gruppe.
Taiji-Class im virtuellen Raum.

29.03.2020

Leben in Zeiten von Corona

Ich bin gutgelaunt. Eben ging eine Nachricht von meinem Zahnarzt ein, ich möge doch einen Termin zur Kontrolle abmachen sowie zur Zahnreinigung. Sofort rufe ich zurück und bin begeistert, dass man mir sogleich meinen favorisierten Termin vorschlägt (nämlich an einem Donnerstag Abend, man kenne sich doch schon so lange, da wüssten sie doch, wann ich Zeit habe…). Gleichzeitig bin ich verblüfft, dass mich das Abmachen eines Zahnarzttermins so fröhlich stimmt. Normalerweise bin ich der Angstpatient und der Zahnarzt mein Feind Nummer 1 (das sieht er natürlich anders, und das zu Recht…).

Es macht mir insofern gute Laune, weil diese Terminabsprache doch etwas Normaliät in mein Leben bringt, denn das Normale, das vermisse ich.

Statt Büro bin ich seit zwei Wochen im Home Office. Statt Taiji-Class, Meditationsstunde, Schwimmen, Gym und den vielen Sozialkontakten laufe ich allein im Hafen meine 19-er-Form, und das jeden Abend. Auf YouTube habe ich Fitnessvideos gefunden, mit meinen Arktis-Freunden aus den USA, UK, Georgien und der Schweiz halte ich Apero-Parties via FaceTime ab, einen Freund treffe ich zur Mittagspause auf einer Bank an der Elbe (wir halten mindestens 2 Meter Abstand, und es fühlt sich skurril an), ich skype-meete mehr als gewöhnlich, und ja, ich habe mich den jetzigen Gegebenheiten angepasst. Die Sonne scheint, und das bereits seit zwei Wochen, es ist das perfekte Wetter, um ins Aussenbecken des öffentlichen Bades…lassen wir das.

„Mein“ kleines Krankenhaus hat meinen Vor/Nachsorgetermin bereits zweimal verschoben, langsam müsste ich postalisch ein Tamoxifen-Rezept anfordern.

Mein Tag ist strukturiert, und das ist wichtig. Ich komme um Punkt 8:00h in meinem Home Office (ab 16.30h ist es wieder die Küche) an, angezogen und gekämmt, nachdem ich draussen eine Runde um den Block (statt zur Bushaltestelle) gegangen bin.
Mittlerweile ist der Gang zum Drogeriemarkt und zum Bioladen zum Tageshighlight mutiert, die Freude, dass eine Eisdiele und ein Blumenladen geöffnet haben, ist riesig.
Ich koche und backe vor mich hin (wenn das Home Office um 16.30h geschlossen hat), statt des freitäglichen Schokoriegels genehmige ich mir eine kleine Ausnahme pro Tag, ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Und doch weiß ich, dass das hier Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Ich habe schliesslich ein Dach über dem Kopf, ich kann von zuhause arbeiten, ich kann mir laufend die Hände waschen, ich kann Abstand zu meinen Mitmenschen halten, und in meinen Hafen zum Taiji-Üben darf ich auch gehen. Und der Hafen, der ist schön. Und gehört mir ganz allein. Ich kann von hier aus sogar zur Praxis meines Zahnarztes gucken.

29.02.2020

Better safe than sorry.

Ich stehe im Drogeriemarkt meines Vertrauens, und obwohl es noch am frühen Vormittag ist, sind die Regale, in denen sonst Seifen und Desinfektionsmittel stehen, leergefegt. Eigentlich wollte ich nur ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel für die Hände kaufen, die Sorte, die ich grundsätzlich immer auf dem Schreibtisch im Büro und in meiner Handtasche habe, aber nun nehme ich eines der letzten Seifenstückchen, das von den Hamsterern zurückgelassen wurde.

Ausserdem nehme ich zwei Gläser Bio-Kürbissuppe mit. Die standen zwar nicht auf meiner Einkaufsliste, aber ich habe erstmals beschlossen, einen kleinen Not-Vorrat anzulegen.
Das fällt mir schwer, da ich zuhause nur frische Lebensmittel und ein paar Haferflocken und Dinkelnudeln habe, aber ich halte es für durchaus sinnvoll, den Nudelvorrat etwas aufzustocken und um Spargel,- Wurzeln,- Erbsen,- Tomaten,- Mais,- Sauerkirschen,- Pfirsiche,- und Ananasdosen bzg. Gläser zu ergänzen.
Schon neulich, als ich mit Magen-Darm flachlag, ist mir aufgefallen, dass ich – bis auf ein paar Haferflocken und zwei Äpfel – nicht sehr viel zu essen zuhause hatte. Wobei ich da auch keinen Appetit und somit zwei Kilogramm an Gewicht verloren habe.

Ich habe mir die Notvorratsliste, die von der Bundesregierung herausgegeben wurde, angeschaut. Natürlich lege ich weder Milch- noch Fleischvorräte an, und erst recht kaufe ich mir keinen Campingkocher. Man muss die Kirche im Dorf lassen.
Trotzdem ordere ich online einen kleinen Vorrat, den ich im Keller im roten Koffer lagern werde. Das Brot werde ich natürlich in den Gefrierschrank tun, aber alles andere wird in den Keller wandern, und das aus gutem Grund: sobald ich etwas „aussergewöhnliches“ zu essen in der Wohnung habe, esse ich es auf. Sofort. Und Obst und Gemüse in Gläsern würden dazugehören, da bin ich mir sicher. Ich kenne mich.

Beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades treffe ich auf G., meine 80jährige Schwimmfreundin. Sie freut sich, mich zu sehen, aber, „umarmen können wir uns jetzt nicht“, sagt sie, „Corona….„. Ich stimme ihr zu, auch ich gebe niemandem mehr die Hand und wasche die meinigen umso häufiger. Da wir zu der Zielgruppe, die es schwerer treffen könnte (alt beziehungsweise immunschwach), gehören, muss man ja auch kein unnötiges Risiko eingehen. Aufmerksam agieren ist meine Devise, aber auch nicht unnötig in Panik verfallen. G. sieht das genauso; wir werden weiter ins Schwimmbad, das auffällig leer ist, gehen.

Auf Statistiken gebe ich nichts: 0,1% bis 0,2% der Grippeerkrankten sterben, 2,8% sind es derzeit bei den Coronafällen. Das klingt zwar nicht so hoch, aber ich bin auch diejenige, die zu den 8% an Bord eines Expeditionsschiffes gehört, die die stürmische Drakepassage ohne Seekrankheit übersteht. Und ich gehöre zu den 0,0…% (?) derjenigen, die an einem beidseitigen Brustkrebs, dem kein BRCA1/BRCA2-Defekt zugrunde liegt, erkrankt ist. Und einen so seltenen Gendefekt hat, der noch nicht einmal erforscht ist.

Man kann sich einerseits über die Panikmache in den Medien ärgern, die jeden Menschen, der hustet, als Eilmeldung publizieren, auf der anderen Seite über diejenigen, die sich über die Situation lustig machen (solange es einen nicht selbst trifft…) und auch über diejenigen, die tatsächlich sämtliche Vorräte aufkaufen, als gäbe es kein Morgen mehr. Zumindest kein Morgen, an dem Geschäfte geöffnet haben.
„Haben sie morgen auch nicht“, rufe ich mir zu, „morgen ist ja Sonntag!“ Nun gut, das meinte ich zwar nicht, aber ich meine, man müsse schon aufmerksam und etwas umsichtiger sein, wenn man in die Kategorie „alt und/oder immunschwach“ gehört. Ich krame mein Desinfektionsmittel, das ich schon seit dem Everest mit durch die Weltgeschichte trage, aus dem Badezimmerschrank hervor und reinige die Türklinken. Better safe than sorry.

23.02.2020

Logbuch Sahara – Epilog

Es ist dunkel. Das Licht in der Kabine ist ausgeschaltet. Das Flugzeug macht einen Satz abwärts, fängt sich, ich schaue zu meiner Sitznachbarin, die mich ebenso erschrocken anschaut. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass der Pilot sich entschuldigt hat, dass der Caterer nicht zum Flugzeug kommen konnte und wir nun mit den Restbeständen an Getränken, die vom letzten Flug übrig geblieben sind, Vorlieb nehmen müssten. Das ist allerdings meine geringste Sorge.

Du brauchst keine Angst haben, denke ich. Die Angst macht ja keinen Sinn. Ich kann nicht flüchten, ich kann die Situation nicht ändern, also kann ich den Flug genauso gut angstfrei verbringen. Ich schalte die Leselampe über meinem Sitz an und krame den Krimi aus dem Rucksack.

Koffer ausräumen: Ich schütte die Gemüsebrühe zurück ins Glas, den Kamillentee in die Schachtel und die Haferflocken in die Vorratsdose. Der Apfel, den ich zehn Tage durch die Wüste geschleppt habe, kommt wieder zurück in die Obstschale zu seinen Gefährten. Morgen früh werde ich ihn essen, zusammen mit einem Porridge.

Was habe ich von dieser Reise noch zurückgebracht?
Viele matte Rot-Gelb-und Brauntöne, die die Wüste und das Atlasgebirge dominieren. Ein krasser Gegensatz zu den glitzernden Blautönen, die ich aus der Arktis und der Antarktis kenne.
Das Wissen, dass die Sahara nicht nur aus Sanddünen besteht, sondern zu 80% aus Felsen und Steinen.
Eine Oase ist keine Palme an nem Tümpel irgendwo im unendlichen Sand. Eine Oase ist ein Paradies, in dem Blumen und Minze blühen, Dattelpalmen und Bohnen wachsen und Mandel- und Aprikosenbäume angebaut werden. Und noch so viel mehr.
Marokko ist das Land der Paläste und der Gärten.
Dromedare laufen sechs Kilometer in der Stunde.
Das Wissen, dass in drei Wochen ein paar kleine Jungs mit einem richtigen Fussball spielen können.

–  Ende –

22.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 10

Worte werden der Schönheit des Tages nicht gerecht.

U. und ich verbringen den Tag im Paradies, schlendern durch den Anima-Garten und später im Paradis du Safran durch Felder mit Zitronenbäumen, deren gelben Früchte einen krassen Gegensatz zum leuchtenden Blau des Himmels bilden. Wir riechen an Lavendel, an riesigen Hecken aus Rosmarin und an Salbei, Vanille, Pfeffer und Schwarzkümmel. Wir schreiten barfuss über Baumstämme, Palmwedel, Kieselsteine und Argannüsse, wir halten unsere Füsse in Tonkrüge mit kühlem Wasser und Rosenblüten, bevor wir sie mit Orangenöl pflegen.

Wir geniessen das beste Essen, was es geben kann, hier unter dem Strohdach der Terrasse, während die Katzen und Hunde neben uns Siesta halten.

Abends muss ich mir immer wieder die Fotos der Reisegruppe ansehen, die nach uns den Anima-Garten besucht hat, oh, sehr schön, sage ich, Du hast etwas verpasst, sagen die Mitreisenden, ich lächle und sage nichts.

Unser Abschiedsdinner findet in einem palastähnlichen Gebäude des 16./17.ten Jahrhunderts statt, den wir am Ende des Labyrinths der Souks durch eine riesige Holztür betreten. Ich bestaune die verschiedenen Etagen und klettere aufs Dach, die Dämmerung legt sich über Marrakesch, der Muezzin ruft.

Und nun passiert das, was das Paradies zur Hölle mutieren lässt: Ich dachte, in Marokko gäbe es nur Islamisten, aber hier gibts ja nette Menschen, stellt C. fest. I., die meint, das dicke Frauen gern Ausländer heiraten, sagt, ihr Essen sei sehr lecker. B. echauffiert sich, lecker, lecker, die deutsche Sprache hätte wohl bessere Worte zur Beschreibung des Essens zu bieten, Alternativen nennt sie nicht. Am anderen Tisch wird der Ober angeschrien, der ein Tuch (deutsche Sitzplatzreservierung) zur Seite nehmen wollte um den Tisch umzustellen. H. will jetzt ihr Bier, aber sofort, und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass der Ober ihren Teller zu sehr gefüllt habe. Der Teller muss weg.

Ahmed, der neben mir sitzt, versucht zu schlichten, bemüht sich, ruhig zu bleiben, um mir dann zuzuraunen, dass er so etwas auch noch nicht erlebt habe. Einen oder zwei schwierige Mitreisende gäbe es immer – hier sei das Verhältnis umgekehrt. Als T. von ihrer Woche in Marrakesch im Krankenhaus bei ihrem Mann erzählt, ist klar, was wirkliche Probleme sind, jedenfalls Ahmed und ich wissen das, während der Rest der Gruppe weiterstreitet. Später tausche ich mich mit U. aus, die am anderen Ende des Saals gesessen hat, natürlich war der Aufstand an meinem Tisch überall zu hören.

Wie gut, dass schlechte Erinnerungen verblassen werden. Die Schönheit des Erlebten, die wird bleiben.

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.

20.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 8

Und täglich grüsst das Murmeltier, denke ich und schliesse die Augen. Um mich herum tobt die morgendliche Auseinandersetzung ob der Sitzplätze im Bus, dabei hat jeder sogar zwei Sitzplätze, und mehrmals habe ich gesagt, dass sich gern (nun ja, nicht wirklich gern) jemand zu mir setzen könne oder ich den Platz auch tauschen würde. Aber es geht nicht um meinen Platz in Reihe 3, den mir I. jeden Morgen ungefragt mit ner Jacke reserviert, es geht um Reihe 2. Was für ein Klamauk, nun muss Ahmed, unser Reiseleiter, ein Machtwort sprechen.

Endlich fahren wir los, vorsichtig blinzele ich, langsam kehrt im Bus Ruhe ein.

Es geht zur Kasbah eines spanischen Bekannten von Ahmed, der diese wieder aufgebaut hat und als kleine Pension bewirtet. Gelegen ist sie inmitten einer grünen Oase, der Brunnen plätschert, der Pool leuchtet türkis, der Ausblick von der Dachterasse ist wunderschön. Genauso wunderschön wie der Spanier, das hat Ahmed schon im Bus erwähnt.

Hier würde ich gern eine Woche bleiben, hier in der Ruhe und Abgeschiedenheit, und natürlich ohne meine schwierigen Mitreisenden.

Die Schneegrenze ist gesunken, die Berge des Atlas sind weiss. Das wird morgen interessant, denn wir müssen über den Pass, der Bus mit den Koffern und wir in den Jeeps.

Aber jetzt geht es erstmal in die Atlas-Filmstudios. Viele Sandalen-Filme wurden hier in der marokkanischen Wüste gedreht, denn hier tobt kein (Bürger)Krieg: Asterix und Kleopatra, der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones, die riesigen Kulissen werden immer wieder angeglichen und nachhaltig genutzt, hier stehen ein jüdisches Haus neben römischen Säulen, dem Holzboot von Kleopatra, des Pferdegespanns von Ben Hur, eines riesigen ägyptischen Palastes und dem tibetischen Potalla-Palast. Very cool!

Auf in unser Riad, ein völlig verwinkeltes Boutique-Hotel, das inmitten einer Oase liegt. Ich schaffe es, meine klettigen Mitreisenden abzuhängen und entschwinde zu einem ruhigen Spaziergang durch Dattelpalmen, Mandel- und Feigenbäume.

Abends wird Ahmed eine Lesung abhalten: islamische Gedichte, Märchen und ein Kapitel aus seinem eigenen Buch, das von der Schönheit handelt. Draussen ruft der Muezzin zum Gebet.

19.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 7

Wir stehen im Kreis und kicken uns den platten Ball zu. Manchmal rollt er den Hügel hinab; dann laufen die Jungs hinterher. Auf unserem Spaziergang am Dadesfluss entlang sind wir auf eine Gruppe fussballspielender Jungs gestossen, die von Ahmeds Fussballkünsten begeistert sind. Auch wir kicken mit, selbst die 80-jährige H., die schlecht laufen kann, blüht beim Fussballspielen auf. Einen richtigen Fussball, der auch aufgepumpt ist, haben sie nicht, erzählen die Jungs, die fast alle in der Kühle in Filzpantoffeln unterwegs sind; die richtigen Bälle gäbe es nur in der Schule, aber nicht in der Freizeit. Lasst uns einen Ball besorgen, ich gebe Geld dazu, sage ich, die anderen Mitreisenden stimmen ein. Ahmed verspricht, in drei Wochen, wenn er wieder am Dadesfluss ist, den Jungs einen richtigen Fussball mitzubringen.

Am Bus steht ein kleines Mädchen. Es mag circa vier Jahre alt sein. Die Kleine hat dunkle struppige Haare und grosse braune Augen. Sie trägt eine Jacke aus Wolle und eine rote Hose, die wie ihr kleines Gesicht etwas schmutzig ist. Hussein, unser local guide, klettert in den Bus, öffnet den kleinen Kühlschrank und hält der Kleinen einen Joghurt hin. Schnell verschwindet dieser in ihrer Jackentasche. Die Szene ist rührend, ich lächele Hussein zu.

Als wir durch die Oase mit den Silberpappeln, den knorrigen Feigen- und den rosablühenden Mandelbäumen wandern, treffen wir eine Bekannte von Ahmed, die mit ihren Kindern auf dem Weg zur Vorschule ist. Wir dürfen mit, und schon stehen wir dichtgedrängt in einem kleinen Raum, in dem uns die vier- bis sechsjährigen Dorfkinder erst neugierig anschauen und dann zu singen anfangen. Ein Lied, zwei Lieder, drei Lieder, die Kleinen sind auch von der Lehrerin nicht zu stoppen und klettern singend auf die Tische.

Auf dem Heimweg erzählt uns Ahmed, dass hier noch immer viele Menschen Analphabeten sind, die Arbeitslosigkeit auf den Dörfern hoch ist und das medizinische Versorgungssystem korrupt und nur für die Wohlhabenden erschwinglich sei. Marokko ist, bei aller pittoresker Schönheit, ein Entwicklungsland. Zumindest konnten wir heute ein paar Kindern Hoffnung machen, Hoffnung auf einen Ball zum spielen und ein paar neue Stifte und Tafeln für die Vorschule. Und irgendwo sitzt jetzt ein kleines Mädchen und isst einen Joghurt.

18.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 6

In Merzouga lauschen wir marokkanisch-afrikanischer Musik. In Rissani ist Markttag: wir besuchen den Esel-Parkplatz (Kosten pro Esel: 2 Dirham), der in der Frühe noch recht leer ist, wir schauen beim Verkauf von Schafen zu und entdecken eine Anlage, in der wartende Hühner gleich geschreddert werden (note to myself: da ich an Fleisch eh nur noch ein Mal die Woche Huhn esse, kann ich auch ganz auf vegetarisch umsteigen. Gesünder für mich, gesünder für die Tiere, gesünder für die Umwelt).

Wir besuchen den Garten einer kleinen Moschee, Springbrunnen stehen inmitten von Palmen, die Sonne scheint, es ist eine friedliche Oase inmitten des lebhaften Markttages. Auch das neue Haus unseres local guides dürfen wir anschauen; stolz lädt er uns in sein Wohnzimmer, in dem gleich drei Kronleuchter an der Decke hängen und eine riesige traditionelle Sofalandschaft den gefliesten Raum einnimmt. Dein Haus ist mein Haus, so das Motto in Marokko, hier ist jeder willkommen und darf zum Tee, zum Essen und zum Übernachten bleiben. Hier kann es passieren, dass plötzlich drei Tanten vor der Tür stehen und vier Wochen zu Besuch bleiben (das ist auch unserem Guide Ahmed widerfahren, das ist normal, das ist Marokko).

Weiter geht es zur Besichtigung eines Wasserschachtes, was mich nicht interessiert, ich füttere derweil ein Kamel-Baby, das allein in der Mittagshitze vor dem Nomadenzelt steht. Mittagessen gibt es an einer Art Tankstelle, auch hier setze ich aus (tradionelles Berberessen mit Pfannkuchen und Linsen oder auch: gelbliche nicht identifizierbare Masse) und kaufe mir einen Schokoriegel.

Danach fahren wir zur Todraschlucht, die wir, auf den Spuren von Peter O’Toole – dem Lawrence von Arabien – durchqueren.

In der Oase Tinerhir blühen die Aprikosen- und Mandelbäume in weiss und rosé, dort drüben wächst Minze, dahinten Bohnen, überdacht wird die Szenerie von riesigen Dattelpalmen, die Vögel zwitschern. Die Temperaturen sind angenehm mild, während wir durch die Oase wandern. Ich komme mir vor, als sei ich im Paradies auf Erden gelandet.

Ahmed liest uns ein lustiges Kapitel aus einem marokkanischen Buch vor, während wir dem Sonnenuntergang entgegenfahren.

16.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 4

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich die Wüste beschreiben, die in unzähligen Farben, Strukturen und Lichteinflüssen an uns vorüberzieht. Über die schwarz glänzenden Felsen würde ich berichten. Und über das rot schraffierte Gestein, die rauen Felsen, die hohen Berge und die sandigen Dünen.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich meine Leser mit auf einen Spaziergang durch eine Fluss-Oase nehmen. Unter den Dattelpalmen hindurch, die Granatäpfel und das Bohnengewächs bestaunen. Die vielen blühenden Mandelbäume bewundern und an an den Rosen riechen, deren Duft schwer in der Luft hängt. Ein alter Mann kommt uns auf einem Esel entgegen geritten, er nickt uns freundlich zu.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich beschreiben, wie ich durch die Wüste laufe, den von der Abendsonne rotgefärbten Sanddünen entgegegen. Den Kamelen gegenüberstehen, die bei der grossen Palme reglos wie Statuen posieren. Kehr um, Du hast keinen Orientierungssinn!, rufe ich mir zu. Gleich wird es dunkel! Ich lache, laufe weiter, wie wunderschön leuchtet der Sand.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich berichten, wie ich unter dem tiefschwarzen Himmel stehe und zum Firmament aufschaue. Dort oben, da leuchtet der Polarstern. Und noch unendlich viel mehr.

Ich bin kein Schriftsteller, und mir fehlen die Worte, um die Schönheit der Wüste treffend zu beschreiben.

15.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 3

Die feindliche Übernahme der vorderen Sitzplätze im Bus gelingt I. ohne nennenswerte Gegenwehr. Ich hab Dir auch eine eigene Reihe reserviert, ruft sie mir zu. Sie hat mich wirklich lieb.

Wir verlassen Marrakesch, fahren am Königspalast und am La Mamounia vorbei, immer weiter und weiter, denn heute überqueren wir das Atlasgebirge. Schneebedeckte Berge ragen vor uns auf, die Felsen schimmern in Rot-Gelb- und Grüntönen. Mittendrin weissblühende Mandelbäume. Wir fahren durch Lehmdörfer, Frauen waschen in Bottichen ihre Wäsche, die zum Trocknen über den Dächern hängt, Kinder stehen am Strassenrand und winken, Hirten sitzen am Wegesrand und beobachten ihre Schafherden.

Während wir marokkanische Musik hören, gucke ich aus dem Fenster und verliere mich in Gedanken. Wie unfassbar schön ist die Welt.

Mittags geniessen wir die Sonne auf der nächsten Dachterrasse, ich bestelle wieder eine Gemüse-Tajine, an die hat sich mein Magen gewöhnt. Mittlerweile haben wir den Tizi-n-Tichka-Pass (2.260m) überquert und sind in der Wüste angekommen. 80% der Sahara besteht aus Fels und Stein, das wusste ich nicht. Doch wir werden auch den Sand sehen und die Dünen. Darauf freue ich mich.

Wir halten in Ait Benhaddou, die vielleicht schönste der Berberburgen und Unesco-Welterbe. Hier wurden unzählige Hollywood-Filme gedreht, unter anderem der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones und Laurence von Arabien. Eine Stunde wandern wir über den Fluss und die vielen Treppen des kleinen und fast unbewohnten Stadtteils hinauf, um uns herum die Wüste, Palmen und eine spektakuläre Sicht. I. hat sich schon wieder lautstark mit jemanden in der Wolle, ich ignoriere es.

Das heutige Hotel in Ouarzazate hat im Internet schlechte Bewertungen; da Ahmed aber meinte, dass ich keine Schlangen oder Skorpione im Zimmer befürchten muss und auch das Wasser in der Dusche warm ist, finde ich es eigentlich ganz gut. Ausserdem sind sämtliche Wände voller Mosaiken. Und eine Kuppel im Bad mit kleinen bunten Glasfenstern habe ich auch.

14.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 2

Pferdekutschen klappern durch die Altstadt, Männer tragen das traditionelle Djellaba-Gewand mit Kapuze und an den Füssen vorne spitz zugehende Lederschlappen, überall werden Holzkarren mit dunkelroten Erdbeeren oder Eiern gezogen, frische Kräuter und Gemüse werden am Strassenrand feilgeboten. Das bunte Gewimmel unter der warmen Sonne mutet einem Märchen aus 1000 und einer Nacht an.

Wir sind schon früh auf den Beinen, um den Bahia-Palast, der einst den Wesir mit seinen Konkubinen beherbergte, zu besichtigen. Wir schauen uns den Harem an, das sind der Innhof und die Räume, die früher von den Frauen bewohnt wurden sowie den wunderschön angelegten Garten, in dem gelbe Blumen blühen. Überall sind Mosaiken und bunte Glasfenster, durch die die Sonne scheint und ihre Farben auf die Wände widerspiegelt.

I., die unbedingt ein Foto von mir machen möchte, verscheucht fuchtelnd einen Araber, damit er nicht mit aufs Bild kommt. Ich schaue ihn entschuldigend an und schäme mich fremd. Schon gestern habe ich gemerkt, dass I. mir gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit ist, aber sich anderen gegenüber unverhältnismässig laut und ruppig verhält. Mich allerdings scheint die grauhaarige 76ig-Jährige in ihr Herz geschlossen zu haben, das sonst ihren vier Kindern, elf Enkeln und einem Urenkel gehört. Später wird sie sich lautstark mit einer anderen Dame streiten, worum es geht, weiss niemand so genau. Für morgen plant sie, einen anderen Platz im Bus einzunehmen. Das kann ja heiter werden.

Nach dem Palastbesuch schlendern wir durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, lauschen Ahmeds Ausführungen unter dem Minarett der Koutoubia-Moschee, trinken Pfefferminztee und essen Mandelgebäck auf der Dachterasse einer Teestube und Gemüse-Tajine auf einer weiteren Dachterrasse. Störche sitzen auf den roten Dächern der Häuser, und am Horizont sind die schneebedeckten Berge des Atlasgebirges zu sehen. Dieses werden wir morgen überqueren.

Doch zunächst geht es in den Jardin Majorelle, der vom französischen Maler Jacques Majorelle gestaltet und später von Yves Saint Laurent gekauft und restauriert wurde. Mit U. und C. sitze ich unter Palmen und führe eine angeregte Unterhaltung, in der wir beschliessen, am Ende unserer Reise Anima, den Andre Heller-Garten, der etwas ausserhalb von Marrakesch liegt, zusammen zu erkundschaften.

Ein weiteres Highlight ist der Besuch eines Institutes für Naturmedizin; ein Apotheker erklärt uns zwischen unzähligen Dosen und Gläsern die Wirkung von Safran, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel, Kurkuma und noch viel mehr, derweil wir wieder einen Tee (mit Safran!) offeriert bekommen und an diversen Curries und Gewürzen riechen. Ich verlasse diesen Laden mit einigen Muskatnüssen und einem Schwung Schwarzkümmel.

12.02.2020

Prolog.

Ich blicke auf und schaue über den Rand der Sonnenbrille aufs Meer. Die Wellen rauschen, Möwen schweben am azurblauen Himmel, quietschende Kinder buddeln am Strand und bauen Sandburgen, zwei Mädchen spielen Beachvolleyball, plopp plopp plopp macht der Ball, der von links nach rechts und wieder zurück durch die Luft fliegt.
Ich lege das Buch zur Seite und greife zum Glas mit dem Aperol Spritz, in dem die Eiswürfel klirren.

Cut.

Natürlich greife ich zu keinem Glas Aperol Spritz.
Ich packe den Koffer gerade das dritte Mal wieder aus, um die optimale Auslastung mit Klopapier, Haferflocken, Gemüsebrühe, diversen Nusspackungen, Zartbitterschokolade, Elektrolyten, Kohlekompretten, Hefetabletten, Mütze, Handschuhen, Verbandszeug, Jodlösung, Skiunterwäsche und Küchenrolle*) herauszufinden. Etwas Platz für eine Handvoll T-Shirts, Socken, Unterwäsche und der rudimentären Outdoorklamotten-Grundausstattung muss auch noch gefunden werden.

Warum denn nicht mal wieder nach Nizza an die Cote D’Azur und den Tag an der Promenade des Anglais am Lido Plage vertrödeln?
Weil dort – und da ähnelt es den Eiswüsten der Arktis und der Antarktis – glitzernde Blautöne dominieren. Und ich mich diesmal auf den Weg mache, um in der größten Sandwüste der Erde eine Vielfalt an Rot- und Gelbtönen zu entdecken. Und tiefgrüne Oasen mit Palmen. Das klingt schön, denke ich, das klingt nach Abenteuer. Abenteuer Wüste. Abenteuer Sahara. Start des Abenteuers: morgen früh.

*) in Wirklichkeit ist es noch viel mehr.

10.02.2020

Weiterpacken.

Kamillentee, Klopapier, Desinfektionsmittel, Kohle-Kompretten, Trockenhefe, Verbandszeug, Elektrolyte, Haferflocken, Gemüsebrühe, Nüsse, Wanderstiefel, Mütze, Handschuhe, Sonnenbrille…

Du hast sie doch nicht mehr alle, sage ich.

Aber ich liebe Abenteuer!, antworte ich mir.

Noch etwas gebeutelt von Magen-Darm und einem Sturz bei Nacht, in der ich ohnmächtig in der Küche zusammengesackt und mit dem Kinn auf die Arbeitsplatte geknallt bin (und dabei auch noch meine Hand mit Teewasser verbrannt habe), fange ich an zu packen.

Deja vu: genauso sah es aus, als ich auf dem Weg zum Basecamp des Everest war; nun geht es in die Sahara.

Einfach mal so einen Strandurlaub…mit Buch…Cocktail…

ich winke ab. Ich möchte durch Oasen mit Palmen spazieren, wie Laurence von Arabien durch die Todraschlucht wandern, übers Atlasgebirge und zum Dadesfluss fahren…na dann – dann pack weiter.

31.01.2020

Mein Meer.

Ich ziehe die Kapuze meiner roten Arktisjacke tiefer ins Gesicht, als ich das Büro verlasse. Der Sturm ist kalt, genauso wie der Regen, der schon den ganzen Tag vom Himmel fällt.
Nach Hause auf die Couch oder zum Schwimmen ins Aussenbecken des öffentlichen Bades?
Auf die Couch!, ruft der innere Schweinehund.
Natürlich zum Schwimmen!, antwortet mein Verstand.
Ich weiß auch nicht, seufze ich.
Im U-Bahntunnel beschliesse ich, das Schicksal entscheiden zu lassen: wenn die nächste Bahn, die einfährt, in Richtung Schwimmbad geht, geht es ins Aussenbecken. Wenn es die Bahn in die Heimat ist, geht es auf die Couch.
Die Bahn kommt, es ist die, die Richtung Schwimmbad fährt. Ich steige ein.

Vorm öffentlichen Bad stehen nur drei Räder. Ob das Wasser kalt sei, frage ich den Bademeister an der Kasse, bei dem Sturm, der da seit zwei Tagen draufsteht, sei es doch locker zwei Grad kühler. Bisher keine Beschwerden, antwortet er, und damit fällt auch der Kompromiss, nämlich drinnen zu schwimmen, flach. Es geht ins Aussenbecken.

Ich schwimme den kahlen Bäumen entgegen, die sich dunkel von dem grauen Himmel abzeichnen. Die Lichterkette, die in der Weihnachtszeit an der Bande leuchtete, ist jetzt weg. Um mich herum rauscht es. Wassertropfen fliegen hellgrün glitzernd durch die Luft, ein Heer aus Armen und Beinen kämpft sich durch das Becken, die Kampfschwimmer haben auch „meine“ Seite in Beschlag genommen. Ich schwimme weiter, bewundere den Himmel, der immer dunkler wird und mich trotzdem gewahr werden lässt, dass die Tage wieder länger werden.

Der Regen hat aufgehört. Der Sturm auch; die Bäume stehen starr.
Ich lege einen Stop am Ende des Beckens ein, gehe in die Gegenbewegung, dehne den Rücken und schaue in den Himmel.
Ich sehe die schwarze Silhouette der Christuskirche, ich sehe den Mond und einen einzelnen Stern. Stille setzt ein. Ich drehe mich um, das Becken ist leer. Ich schwimme weiter und stelle mir vor, ich schwämme allein im Meer, die Szenerie erinnert mich an ein Gemälde, das ich in einem Palazzo in Venedig entdeckt und schon öfters bewundert habe. Heute schwimme ich in meinem Meer, hin und her, 40 Bahnen, unter dem schwarzen Himmel mit dem Mond, unter dem Stern, und der leuchtet.

27.01.2020

Weiter leben.

Wir lachen. Das habe sie in der Tat auch schon überlegt, ob sie an den Stadtrand ziehen sollte, antwortet die Humangenetikerin, als ich die Feinstaubproblematik in der Hamburger Innenstadt anspreche. Feinstaub ist ein Krebsrisiko. Genauso wie mangelnde Bewegung, Übergewicht und ungesunde Ernährung. Unser Lebensstil und Umwelteinflüsse hängen damit zusammen, ob bzw. auch wann man an Krebs erkrankt.
Sie habe schon mal drei Generationen mit demselben Gendefekt vor sich gehabt: die Großmutter sei mit 70 Jahren an Krebs erkrankt, die Mutter mit 50 Jahren, die Tochter mit 30 Jahren. Warum bricht also die Krankheit bei dem einen früher und bei dem anderen später aus?

Ich beuge Risiken, (wieder) an Krebs zu erkranken, konsequent vor, soweit es sich von meiner Seite machen lässt. Gesunde Ernährung, regelmässiger Sport, Stressreduzierung, Vor- und Nachsorgeuntersuchungen der Organe, die von einem NTHL1-Defekt betroffen sein können….aber ein Restrisiko, das ich Schicksal nenne, bleibt immer bestehen.

Die Forschungsergebnisse aus 2019, die ich im Internet zu meinem seltenen Gendefekt gefunden habe, habe ich mitgebracht, genauso wie diverse Arztbriefe. Auch die Humangenetikerin hat überprüft, ob es zu meiner speziellen Form des Gendefektes neue Erkenntnisse gibt, aber dem ist nicht so. Weitere Checks auf Basis der Forschungsergebnisse könne man machen, müsste ich aber im Moment selbst finanzieren, da Krankenkassen diese Kosten nur alle vier Jahre übernehmen. Und es kann sehr gut sein, dass auch nach dem Check keine neuen Erkenntnisse vorliegen.

Fazit des interessanten Gespräches und der für mich auch etwas komplizierten Materie: Einem beidseitigen Brustkrebs liegt wahrscheinlich ein Gendefekt zugrunde. In meinem Fall bedeutet es zum jetzigen Zeitpunkt: weiterleben wie gehabt. Regelmässig zu sämtlichen Vor- und Nachsorgeuntersuchungen gehen, weiter meinem gesunden Lebensstil folgen und im Juli 2021 zu weiteren Tests antreten. Wer weiss, wie weit bis dahin die Forschung gekommen ist. Und wer weiß, was ich bis dahin noch alles erlebt habe.

18.12.2019

Zuhause.

No. 1 Antarctic: ✔️

No. 2 Arctic: ✔️

Very logical that I booked now no. 3 of the ranking of deserts. That was spontaneous. It will bring me to (over) my limits (again). I will never forget Tibet and Everest…

Why are you doing this?!? I ask myself.

Because I want to feel life and explore the world. And I like adventures. And to write logbooks.

Pretty sure I will have the good stories when I moved to the nursing home 😀

30.11.2019

Unterwegs.

Am Freitag mache ich G., meiner 80-jährigen Schwimmfreundin, Mut, da sie Schmerzen im Knie und Krämpfe im Bein hat und Angst bekommt, dass sie bald keinen Sport mehr machen kann.

Am Freitag mache ich einem Kollegen Mut, der in meinem Büro zu weinen anfängt, als er mir erzählt, dass seine Frau Brustkrebs hat. Sie habe doch schon Leukämie gehabt. Fair sei das nicht. Ich oute mich und biete an, dass, wenn sie sich austauschen möchte, mich jederzeit kontaktieren kann.

Das Leben ist fragil. Das Leben ist zu schade, um es im Bett zu verplempern. Also mache ich mich am Samstag in aller Frühe auf den Weg nach Sylt. Auf dem Bahnhof gönne ich mir einen Kaffee mit „richtiger“ Milch und ein Croissant. Für die Reise habe ich ich noch Wurzeln, Pflaumen, Gurkenscheiben, Bananen, ein Vollkornbrötchen, Nüsse und Wasser mit frischer Zitrone dabei.

Der Zug fährt los. Ich sehe die Sonne über den Wiesen aufgehen. Ich sehe den Nebel aus den Weiden emporsteigen. Ich sehe den Raureif, der auf den Feldern liegt. Ich sehe einen Regenbogen. Die Ausbeute an wunderschönen Eindrücken ist groß, dabei ist es noch nicht mal 9.00h!

Mein Zimmer ist noch nicht bezugsfertig, also mache ich mich auf den Weg in die Friedrichstraße. Neben der Vorderreihe in Travemünde ist sie meine Lieblingseinkaufsstraße. Es dauert keine Stunde, und ich habe die ersten 100 Euro vershoppt (Klobürste, Abwaschbürste, Weihnachskarten, Kalendarium 2020, Postkarten, kleine Weihnachtsgeschenke, ein Pfund Kaffee – kriegt man ja alles nicht in Hamburg 🤨). Aus Selbstschutz gehe ich zurück ins Hotel, setze mich ins Foyer und schreibe die ersten Karten.

Später mache ich einen langen Spaziergang am Strand entlang, gönne mir noch einen Kaffee (und eine frische Waffel), dann gehe ich schwimmen. Abends ein Salat und ein weiterer Spaziergang.

Es ist dunkel am Strand, die Luft ist klar. Vor mir krachen die Wellen an Land, über mir glitzern die Sterne. Ich gehe weiter und weiter, niemand ist hier unterwegs, nur ich und die Wellen und die Sterne. Gut, denke ich. Dann gehört mir die klare Luft hier ganz allein.

10.11.2019

Unterwegs.

Aktiv leben? ✔️
Spontanentschlüsse treffen? ✔️
Freitag buche ich Hotel und Zugfahrt; dadurch verschiebt sich das Timing für Einkäufe und Wohnungsputz, das muss nun alles am Freitag nach der Arbeit und nach dem Schwimmen erledigt werden. Auch der Koffer muss gepackt werden.
Das Kofferpacken geht fix, da bin ich routiniert (auch wenn ich am Samstag feststelle, dass ich – inclusive des Neukaufs – fünf lange Hosen im Gepäck (für eine Auswärtsübernachtung) habe. Plus zwei Badeanzüge (schwarz mit kleinen weißen Pünktchen und den Baywatch-roten), einen Schirm, ein Buch, das ich unbedingt an diesem Wochenende beenden muss, da es eine der drei Buchbesprechungen für die Dezember-Ausgabe der Zeitung wird, für die ich nach der Arbeit schreibe, das wird knapp, aber es ist zu schaffen.

Am Samstag komme ich früh im Hotel an der Ostsee an, zu früh, das Zimmer ist noch nicht bezugsfertig. Ich bleibe gelassen.
Ich mache einen ausgedehnten Spaziergang. Im Wald, den ich bei vorangegangenen Besuchen noch nie wahrgenommen habe, ist es ruhig. Die Luft ist kühl und feucht und duftet nach Erde und Herbst, das Laub leuchtet gelb, gold und bronzefarben. Spontan umarme ich einen Baum. Und noch einen zweiten. Sehen tut mich hier eh niemand, ich bin die Einzige, die sich hier im Wald verirrt hat. Jetzt werde ich hellhörig, verirren tu ich mich recht schnell, da ich Orientierungslegastheniker bin. Vor Anbruch der Dunkelheit muss ich hier wieder herausfinden. Schon letzte Woche bin ich leicht in Panik verfallen, als ich spätnachmittags bei strömenden Regen durch den Jenischpark irrte und den Ausgang nicht finden konnte. Aber es ist noch früh, zu früh, um sich Sorgen zu machen, und irgendwann erscheinen Häuschen und ein Park, und dann die kleine Strandpromenade.

Das italienische Restaurant, in das ich eigentlich heute Abend gehen wollte, hat wegen Renovierung geschlossen. Ich bleibe gelassen.
Ich bummele über die Strandpromenade und stelle fest, dass auch die beiden Eisdielen zu haben. Dabei hatte ich während der Bahnfahrt hin- und herüberlegt, ob ich ein Haselnusseis mit Sahne oder bei Niederegger ein Stück Nusstorte geniessen sollte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Natürlich möchte ich jetzt lieber ein Nusseis essen. Ich bin nur noch so semi-gelassen.

Ich gehe schnurstracks in mein Lieblingsklamottengeschäft, um es einen Augenblick später mit einer neuen Hose und einer Bluse zu verlassen. Das war eigentlich so nicht geplant, und ich überlege, womit ich den Spontankauf rechtfertigen kann. Mir fällt nichts ein. Ausser, dass ich diese Woche wieder on track mit meinem Fitnessprogramm bin und in 2019 bei den Fehltagen in der Firma ganz oben in der Statistik liege – nur einen Krankheitstag habe ich zu verzeichnen. Mein Sport- und Ernährungsprogramm trägt Früchte. Das lasse ich gelten, hierfür also die neue Hose und die Bluse.

Zurück im Hotel ziehe ich einen der Badeanzüge (den schwarzen mit den kleinen weissen Pünktchen) an, werfe den Bademantel über und gehe zum Pool. Beim Schwimmen kann ich in Ruhe überlegen, wo ich heute Abend essen möchte.
Die Wahl fällt auf mein Lieblingsrestaurant, auch wenn es eine neue, eine schreckliche Innenbeleuchtung bekommen hat; ein riesiger Kompass hängt über den Köpfen der Gäste und lässt diese in giftgrünem Licht erstrahlen. Trotzdem mag ich das Restaurant; das Essen ist sehr gut, und auch, wenn man mal allein hierher kommt, bekommt man keinen Katzentisch sondern einen schönen Vierertisch am Fenster.
Ich sitze am Fenster und schaue hinaus in die Dunkelheit; die Autofähre taucht auf, wie ein riesiges Hochhaus schiebt sie sich am Fenster vorbei und die Ostsee hinunter, ich schaue hinaus, und dann wieder hinein in den Roman, der faszinierend aber auch speziell ist und sich mit Kryonik befasst.

Am Morgen – nach dem Schwimmen – gehe ich frühstücken, natürlich trage ich sofort die neue Hose und die Bluse. Der Tag wird schön. Ich gehe nochmal in den Wald, umarme einen dritten Baum, verirre mich nicht und gehe weiter an den Strand. Zwischen den Algen liegen rote Rosen, mal ein Blatt, mal eine ganze Rose, das Meer spült die Erinnerungen an die Toten, die hier seebestattet wurden, zurück ans Land.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Stretching ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️ und 11.478 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ und 10.212 Schritte ✔️

02.11.2019

Unterwegs.

Und was passiert, wenn ich auf den letzten Button dieser app clicke?
„Die Bestellung wurde abgeholt“, sagt die app.
Ich verdamme meine Neugier, die Bestellung habe ich natürlich noch nicht abgeholt, ich sitze ja in der Küche und versuche, die app zu durchschauen.
Ich ziehe die Jacke über, nehme den Einkaufskorb und laufe los zur Cafe-Bäckerei, bei der ich jetzt schon angeblich die Ware abgeholt habe.
Trotz des Malheurs gefällt mir die app – es geht darum, Lebensmittelverschwendung vorzubeugen; hier stellen Cafés, Bäcker, Geschäfte und Restaurants Lebensmittel ein, die sie nicht mehr an diesem Tag loswerden, und das zu einem Schnäppchenpreis.
Ich investiere Euro 3,80 und bin gespannt, was ich bekommen werde. Leicht wird das nicht, da ich ja (eigentlich) einen hohen Anspruch an meine Ernährung habe.
Das Tresenteam schaut mich interessiert an, als ich erkläre, dass ich meine Bestellung jetzt abholen komme, obwohl sie wohl die Info hätten, dass ich schon da gewesen sei. Sie bleiben gelassen, statt einer Überraschungstüte darf ich mir aussuchen, was ich mitnehmen möchte. Das gefällt mir gut, ich zeige auf ein Stück Käsekuchen (Sünde 1), man gibt noch zwei Muffins dazu (Sünde 2+3), ich möchte ein Brot mit Streichkäse, Wurzeln und Gurke, man gibt mir noch zwei riesige vegetarische Burger mit Gemüse dazu.
Da ich schon mal in der Gegend bin, geht es weiter zum Bioladen.

Ausserdem war ich heute nach der Arbeit schwimmen.
Kalt ist es, Dunst steigt auf und lässt das Aussenbecken des öffentlichen Bades mystisch wirken. Nur zwei weitere Schwimmer drehen ihre Runden, C., meine Schwimmfreundin,  habe ich bereits in der Kabine getroffen, sie war sehr früh dran, ich sehr spät, da ich noch in dem Laden für Mikronährstoffe meine Vorräte an B12 und D3 aufgefrischt habe.

Überhaupt ist die Fitnesswoche durcheinander geraten.
Stattdessen gab es Zahn- und Augenarzttermine, am Feiertag lag ich kränkelnd danieder, und am Dienstag war der Mutmachabend der Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses.
Das war doch sicher traurig, sagt meine Mutter am Telefon.
Ich verneine.
Im Gegenteil; das zahlreich erschienene Publikum hatte sogar etwas zu lachen.
Weder das Taschentuch, das ich vorsichtshalber in die Hosentasche gesteckt hatte – ich war mir nicht sicher, wie ich auf der Bühne mit der Konfrontation Brustkrebs reagiere – habe ich gebraucht, genauso wenig wie die Karteikarten, die ich dabei hatte, sollte mir nichts einfallen. Mir fällt viel ein, ich hätte noch locker zwei Stunden über die verschiedenen Aspekte zum Thema Brustkrebs sprechen können.

Ein weiteres Highlight der Woche ist das email meiner Arktis-Kabinengenossin D. aus North Carolina. Die 76-Jährige hat ihre nächste Expedition in die Kälte geplant und fragt, ob ich nicht wieder mitkommen möchte. Ausserdem fliege sie nächstes Jahr nach London und checke schon Flugverbindungen nach Georgien, wo wir uns doch alle wiedersehen wollen.
Trotz ihrer Versprechungen „…I will bring my sleep machine so I will not snore!!! I certainly feel better using it instead of the glorious mouth piece! I will unpack immediately upon arrival!!“ werde ich nächstes Jahr nicht wieder in die Arktis fahren – ich plane im Frühjahr eine ganz andere Exkursion mit A. aus Österreich, die ich in Israel kennen gelernt habe.

Und wieder einmal stelle ich fest, dass das Leben so viele wunderschöne Momente bereithält.

Fotovermerk: Hamburg Photography

Blumen statt Tränen 😍

#nofoodwaste

D. und ich auf unserer Arktis-Expedition

13.10.2019

Unterwegs.

Drei Meetings, davon eines ungeplant, eine Urheberrechtsverletzung, der nachgegangen werden muß, kurzfristige Anfragen aus dem Büro in Zypern, daneben versuche ich, die Budgetplanung 2020 für mehrere Schwesterfirmen zu finalisieren, aber es fehlen noch zuviele Details und Unterlagen, mir fällt ein, dass ich etwas auf dem Firmenaccount bei LinkedIn posten möchte, kläre das schnell mit den Kollegen ab, ja, der Text gefalle ihnen sehr, auch das ausgewählte Foto der Veranstaltung, ob ich das noch heute…ja klar, das mache ich noch heute.

Ich schaue auf die Uhr, laufe zur Bahn und fahre nach Hause, ziehe die Bürokleidung aus und meinen Trainingsanzug an, packe die Schlüssel für das Psychologenhaus und den Meditationsraum ein, greife meine Klangschale und marschiere in die entgegengesetzte Richtung zur anderen U-Bahnstation.

Kurzer Stop am duftenden Bonbonstand im U-Bahnhof Schlump, hier kaufe ich mir alle zwei Wochen eine kleine Tüte Salmibonbons, überzogen mit dunkler Schokolade. Ein Bonbon stecke ich sofort in den Mund, das ist mein kleines Highlight, das ich mir gönne.

Es nieselt, das gelb-braune Laub flattert von den Bäumen auf den Weg, während ich die Schröderstiftstraße hinunterlaufe. Trotzdem bleibe ich stehen.
Wie geht es Dir?, frage ich und schaue mich an.
Gut, antworte ich. Mir geht es gut.
Da ich weiß, dass ich ehrlich zu mir bin (alles andere macht auch keinen Sinn), bin ich zufrieden mit der Antwort, immerhin war es ein turbulenter Tag.  Ich biege zum Psychologenhaus ab.

Auf diesen Abend habe ich mich gefreut, auf die Stille des Meditationsraumes, den Blick aus dem Fenster in den verwunschenen Garten, den Klang meiner tibetischen Schale, auf C., die mir Äpfel aus ihrem Garten versprochen hat, auf J., der trotz Kniebeschwerden zum Meditieren kommt, auf das Loslassen, den Tag den Tag sein lassen, das Gewesene das Gewesene, das Kommende das Kommende, die Gedanken davonziehen lassen und auf den Atem achten, das einzige, was uns im Hier und Jetzt halten wird.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Meditation ✔️
Mittwoch: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: 10.399 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

11.10.2019

Buchtipp

„Lassen bedeutet für mich: Loslassen, heiter gelassen sein, zulassen, sein lassen, laufen lassen! Dem Leben seinen Lauf lassen, dankbar annehmen, akzeptieren, nicht mit aller Kraft versuchen, die Kontrolle zu behalten und alles mit Gewalt in jene Richtung zu lenken, welche der Verstand vorgibt. Das Gehirn hilft oft nicht. Das Gehirn hindert mich oft.“

Alex ist gesund. Glaubt er jedenfalls. Bis eines Tages bei ihm Hodenkrebs diagnostiziert wird. Ein sensibles Thema, über das Mann nicht gern spricht.
Alex geht seine Krankheit pragmatisch an, plant nebenbei seine berufliche Selbstständigkeit, jobbt, macht sich auf die Suche nach seinem Vater und ist immer auf Achse.

Als er zwei Jahre später Schmerzen im Oberarm bekommt, ignoriert er diese, bis sie unerträglich sind und sich der Arm nicht mehr bewegen lässt. Zwei Jahre nach der Erstdiagnose ist der Krebs zurück: ein großer Tumor befindet sich im rechten Oberarmknochen.

Alex stellt sein Leben auf den Prüfstand und auf den Kopf.

In „Wie ich dem Tod in die Eier trat“ wird aufgezeigt, wie unterschiedlich man mit dem Thema Krebs umgehen kann. Spricht man darüber? Oder schweigt man? Was genau bedeutet eigentlich Leben? Und welche Heilmethoden machen Sinn?

Mein Fazit: ich habe das Buch sehr gern gelesen, war erstaunt, was es so alles gibt (in der vielfältigen Welt der Heiler), war berührt über die Offenheit des Autors und interessiert, wie er mit dem Thema Krebs und Kommunikation umgeht (anders als ich es für mich entschieden habe). Auf alle Fälle freue ich mich sehr, dass Alex, den ich vor 2,5 Jahren beim Bloggen kennen gelernt und auch in Wien getroffen habe, seinen Weg für sich gefunden hat. Denn ein einschneidendes Erlebnis wie eine Krebsdiagnose birgt auch die Chance, sein wahres Leben zu entdecken.

Alexander Greiner „Als ich dem Tod in die Eier trat“ – Euro 22,-, Hardcover, ist im Verlag Kremayr-Scheriau erschienen.

 

(ist ein Buchtipp eigentlich Werbung? Nicht sicher…also setze ich besser ein „unbezahlte Werbung“ hinzu)

 

03.10.2019

Israel-Westjordanland

Was macht Mut?

Über diese Frage werde ich die nächsten Tage genauer nachdenken.
Was macht mir Mut?
Wie mache ich Anderen Mut?

Der Oktober ist offiziell Brustkrebs-Monat.

Am Dienstag, den 29.10.2019 um 19.30h, findet in Hamburg im Hotel Gastwerk eine Veranstaltung statt, die von der Stiftung Mammazentrum Hamburg organisiert wird.
Thema: Aufklärung und Mut machen!
Bei der moderierten Veranstaltung werden Ärzte „meines“ Krankenhauses zu Wort kommen, genauso wie Betroffene. Eine davon bin ich. Deshalb mache ich mir schon mal etwas Gedanken zum Thema Mut. Und freue mich auf einen spannenden Abend.

Das Programm wird künstlerisch unter anderem von der Schirmherrin der Stiftung, der Schauspielerin Barbara Auer, begleitet.

Interessierte können sich über die Stiftung Mammazentrum Hamburg per email anmelden. Wer also Interesse hat und in Hamburg ist….vielleicht sehen wir uns.

16.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 11

Am nächsten Morgen, wir laufen aufgrund des Unwetters mit vier Stunden Verspätung in Reykjavik ein, erfahren wir, dass A. aus Kalifornien in der Kabine gestürzt ist und zwei Passagiere mitsamt ihren Stühlen im Restaurant umgekippt sind.
Auch unser Tisch war am letzten Abend spärlich besetzt, die Stimmung verhalten. Den Abschiedsabend hatten wir uns anders vorgestellt.

Um 4.00h morgens steht D., die eigentlich erst um 9.00h auschecken muss, mit mir an der Gangway. Sie singt mir ein amerikanisches Lied vor, das man Kindern zum Trösten vorspielt, damit sie beim Abschiednehmen nicht weinen.
Wir umarmen uns, vergiss nicht zu packen, sage ich, D. aber steht an der Reling und ruft meinen Namen und winkt, bis ich endgültig im Bus, der mich zum Flughafen bringt, verschwunden bin.

12.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 7

Anlandung in Eskimobukta. In den Bergen klettern Moschusochsen, wir klettern auch. Wir sehen alte Gräber: Steinhaufen, durch die man durchblicken und Knochen und sogar einen Totenkopf erkennen kann. Etwas weiter die Reste der Häuser und ein toller Ausblick auf das Meer, die Berge, die Gletscher und das Eis.

Den Nachmittag verbringen wir im Frederiksdal im Nordvestfjord. Statt der Wanderungen entscheide ich mich für das Beach-Bunny-Programm und schlendere die Bucht entlang, setze mich auf einen Stein und schaue aufs Meer.

Auf unsere Freundschaft, ruft Jay, die Gläser mit dem Weisswein klirren, wir jubeln, um uns herum dampft und bubbelt es, am Himmel leuchten der Mond und die Sterne, Eisberge gleiten an und vorbei, während Jay, J. und ich nachts im Jakuzzi das Leben feiern.

11.09.2019

Logbuch Arktis- Tag 6

8.15h, Minus 8 Grad: wir sitzen in den Zodiacs und steuern eine bergige Insel im Rype Fjord an. Wir sehen Moschusochsen, Vögel und Robben. Die Chinesen tragen bunte Mundschutze und Mützen mit Hello Kitty-Ohren.

Nach 1,5 Stunden Wandern geht es für weitere 1,5 Stunden mit den Zodiacs auf Gletscher- und Eisbergtour. Die Sonne strahlt und lässt das Eis in unendlich vielen weiss-bläulichen Schattierungen glitzern.

21 Passagiere sind mutig und wagen den Polar Plunge; bei 1 Grad Wassertemperatur springen sie ins Nordpolarmeer, Jay macht einen spektakulären Salto, und auch die 77-jährige R. gehört zu den Mutigen. Für die polar-plungenden Chinesen gibt es eine Extra-Durchsage: sie mögen vor dem Sprung sagen, ob sie überhaupt schwimmen könnten. Ärztin Gloria aus El Salvador steht an der Gangway mit Handtüchern und Defibrillator parat.

Mittagessen wieder draussen auf Deck 5, Ms Anja, wir haben vegetarische Pizza, lässt mich R., der Oberkellner, wissen. Und Bananencremetorte zum Dessert. Das Leben könnte nicht besser sein.

Wir fahren durch den Øfjord, der zwischen Renland und Milne Land liegt.

Am Nachmittag steht ein zweistündiger Zodiac-Cruise bei Baer-Island im Halve Fjord auf dem Programm. A. sowie S. aus der Schweiz und ich schummeln uns durch die strenge Bordkontrolle: wir gehören eigentlich in die deutschsprachige Gruppe, möchten aber gern mit unseren Freunden, die in der internationalen Gruppe sind, zusammen in einem Zodiac verbringen. G. aus Georgien entkommt seinem russischen Boot, mit J. aus Maine und Jay aus Wales erklimmen wir unser Zodiac, irgendwie sind wir doch alle international.

Dieser Nachmittag wird unvergesslich bleiben: um uns herum ragen schneebedeckte Berge auf, wir fahren an Gletschern vorbei, umrunden wundersam geformte Eisberge, die sich im Wasser spiegeln und liegen still neben den Eisschollen, um Robben in der Sonne zu beobachten.

Als wir wieder am Schiff ankommen, liegen wir uns in den Armen. Das Leben ist schön.

Mitten in der Nacht die uns schon bekannte Durchsage: Nordlichter am Himmel! Wir kriechen aus den Betten, ziehen an, was in greifbarer Nähe liegt und laufen los. Es ist eisig auf Deck 5, der Wind bläst uns empfindlich ins Gesicht. Ich setze die Kapuze auf und schaue in den Himmel. Sterne, Sterne, Sterne – die Nordlichter sind nicht mehr auszumachen.