14.08.2021

Die Sonne steht tief und hüllt den Hamburger Dom in ein warmweiches Licht, das die Action und den Trubel langsamer erscheinen lässt.

Und wir?

Wir schlendern über das Gelände, inspizieren die Fahrgeschäfte (nein, da niemals rein, das da vielleicht, wer kommt mit in die Wildwasserbahn und wer geht in die rasende Schlange?), wir sitzen vorm Bierstübchen und essen und trinken, wir lachen und plaudern und hat das Riesenrad nicht ein neues Design?, wir essen und trinken noch mehr, fahren Karussell und quietschen, winken, fliegen mit dem Kettenkarussell durch den Abend und baumeln mit den Beinen, und dann, wie immer, krönen wir den Abschluss unseres Dombesuches mit der Fahrt im Riesenrad, hoch oben in der Gondel staunend über die Schönheit der Stadt, die winzigen Fussballer da unten im Millerntorstadion (Lokalderby HSV:Sankt Pauli), dahinten die Kräne des Hafens vorm rosanen Abendhimmel, dort blau-blinkend die Polizeiwagen, die sich für das Spielende bereitmachen, wir lachen und schweigen und geniessen den Abend, wie früher, fast so wie immer.

11.08.2021

Der Ausflug.

„Steuerbord! Nun Backbord!“, schallt es von der Rückbank. „Ihr seid nur Supernumerary und habt so gar nichts zu vermelden!“, rufe ich den beiden Kollegen, die im wirklichen Leben richtige Kapitäne sind, zu. Ich steuere, ich trete, also bin ich der Kapitän an Bord dieses Tretbootes.

Kapitän 1, mein Bürogenosse, hat bereits nach zehn Minuten seine Position als in die Pedale tretender und ins Steuer greifender Chief Officer wegen Rücken/Knie/Unfitness aufgegeben und mit dem Accountant halsbrecherisch den Platz gewechselt, der nun friedlich neben mir sitzt und gleichmässig mit mir das Tretboot vorwärts bewegt. „Was sollen bloss die Anderen denken, die uns sehen – drei Männer und eine Frau an Bord, die hier treten muss“, vermerkt Kapitän 2. „Was soll erst die Bootsvermietung denken, wenn sie das sieht“, entgegne ich. „Ich habe meinen Schwerbehindertenausweis als Pfand für die Tretboote abgegeben“.

Die Sprüche fliegen hin und her, während wir auf der Hamburger Aussenalster herumschippern, das Wetter ist perfekt für eine Bootstour, und ich gerate nicht einmal ins Schwitzen. Die heutige Fitnesseinheit ist hiermit ausserdem abgehakt.

08.07.2021

Unterwegs.

Aufgeregt (da Premiere), unsicher (wird die gecrashte Bandscheibe das mitmachen?), enthusiastisch (das bin ich meistens), neugierig (wie wird es mir gefallen?), balancierend auf dem Wasser (statt sonst schwimmend im Wasser), verschwitzt (da warm und sonnig), verschrammt (der Brombeerstrauch wollte nicht ausweichen) und glücklich!

Danke, liebe Su, für das tolle Einsteigertrainining (Fotos und Video: Su/Diagnose Leben)

25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

https://www.instagram.com/p/CQlytWiA3VE/?utm_medium=copy_link

23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.

20.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 4

Und jetzt kommt der Kracher: seit Jahren fahre ich regelmässig nach Madeira, ursprünglich inspiriert durch die Sissi-Szene, in der die Kaiserin aka Romy Schneider lungenkrank im malerischen Garten liegt und über die madeirensische Küste schaut, während der Franz ihr Blumen und Perlen schickt…und stelle soeben fest: die Madeira-Szenen wurden gar nicht hier, sondern an der Amalfi-Küste in Italien gedreht 🤯! Ich bin irrtümlich auf Madeira gelandet.

Da nun die Film-Sissi nicht durch Gärten des Reids gewandelt ist, bleibt es aber trotzdem bei der Original-Kaiserin Sisi (mit einem ‚s‘), die hier schon residierte, ebenso taten dies Winston Churchill, Gregory Peck, George Bernard Shaw und Roger Moore. Und in die Gärten nehme ich Euch jetzt trotzdem mit, Sissi hin, Sisi her…(Video im link)

Bin etwas ratlos, wie mir so ein fauxpas unterlaufen konnte.

https://www.instagram.com/reel/CQWT1cEIeIs/?utm_medium=copy_link

19.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 3

Einen Ausflug zum Jardim Botanico wollte ich machen, Blumen bewundern und mit Papageien plaudern. In der Altstadt wollte ich Mittag essen, an der Promenade längsspazieren bis hin zum Mercado dos Lavradores. Eine Tagestour für Sonntag wollte ich buchen, vielleicht einen Levadawalk, vielleicht zum Pico do Arieiro, an die Klippen von Sao Lourenco in den Osten oder nach Porto Moniz in den Westen. Oder vielleicht eine Tour mit dem Katamaran machen und Delphine beobachten; die flyer habe ich von der Rezeption, und gestern war ich in zwei Ausflugsbüros.

Und dann fällt mir ein: warum sollte ich mein Paradies verlassen?

Und ich schwimme im Meerwasserpool, beobachte die riesigen roten Krebse, lese auf der Liege und schaue auf’s Meer.

18.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 2

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal vor Aufregung nicht schlafen konnte.

Ich liege wach im Bett, die vielen Kissen und Decken knistern auf dem Boxspringbett, mein Blick fällt durch die weit geöffnete Balkontür auf die Häuschen der schlafenden Stadt, die sich – in gelbes Licht gehüllt – an die dunklen Berge schmiegen.

Ich ziehe die Gardinen nie zu; ich liebe es, auf die mediterranen Lichter der Strassenlampen zu schauen und dem Meeresrauschen zu lauschen.

Auch gestern Nacht – bevor es vier Stunden mit der Bahn und fünf weitere mit dem Flieger Richtung Madeira ging, konnte ich nicht schlafen. Ich, die Vielreisende, bin schlichtweg aus der Übung. Höchste Zeit, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fahrt nehme ich auch auf, als ich mein Hotel durchquere, das rosafarben auf einer Klippe über dem Meer aufragt. Es windet sich um Ecken bis hinunter an den Ozean, was für mich als Orientierungslegastheniker eine Herausforderung ist. So habe ich die ersten 4.000 Schritte des Tages im Hotel zurückgelegt, auf der Suche nach dem Frühstücksbereich (am Pool 1 und 2), der Rezeption und meinem Zimmer, ich stosse auf meinem Weg überraschenderweise auf die riesigen Gärten, von denen aus schon Kaiserin Elisabeth von Österreich und Sissi-Romy Schneider den Blick über das Meer schweifen liessen. Der Fahrstuhl in die achte Etage bringt mich nicht zu meinem Zimmer, das in eben jener Etage liegt. Der nächste Fahrstuhl führt überhaupt keine achte Etage, und wenn ich zum Frühstück möchte, muss ich verschiedene Fahrstühle und noch eine Treppe nehmen, nachdem ich durch lange Flure gewandert bin.

Ich schwimme im Meerwasserpool am Vormittag und im warmen Pool am Nachmittag, ich lese liegend unterm Sonnenschirm, mein Blick folgt Möwen übers Meer.

Logbuch Madeira

Prolog.

Ladies and Gentlemen, Ihnen ist sicher aufgefallen, dass die Sonne mal links und mal rechts von uns zu sehen ist. Das heisst nicht, dass wir uns verflogen haben, aber der Flughafen ist aufgrund von Sturm geschlossen. Mit uns kreisen noch vier weitere Flieger über die Insel, die nicht landen können.

Man weist uns ein zweites Mal auf die Safety Cards hin, die sich in der Tasche im Vordersitz befinden.

Dicht neben uns sehe ich die Berge, unter uns den blauen Ozean, auf dessen Wellen weisse Schaumkronen tanzen. Wir gehen tiefer, versinken in den grauen Wolken, es wackelt, der Motor dröhnt erst laut, dann wird es still.

Wie Sie bemerkt haben, mussten wir den Anflug abbrechen und wieder durchstarten, ertönt es aus dem Cockpit.

Ich erinnere mich an Chile, wo der Flieger ebenfalls kurz vor der Landung durchstartete, die spanischen Ansagen hatte ich nicht verstanden, aber durchs Fenster sah ich das kleine Flugzeug, das auf unserer Landebahn stand.

Im Südpolarmeer, in der Drakepassage, brach ein Kabinenfenster vom Sturm entzwei. Im Nordpolmeer bei Grönland toste ein Orkan, der uns ans Bett fesselte, aus dem wir fasziniert auf‘s schwarze Meer starrten.

Warum kannst Du nicht einfach eine Fahrradtour an die Ostsee machen, schimpfe ich mit mir, bevor mir ein „du scheisse“ entfährt. Um uns herum wird es grau.

28.03.2021

Schreiben.

Logbücher kann ich nicht schreiben, da man nicht reisen kann. Ich könnte stattdessen darüber berichten, dass ich die Welt, wenn ich sie schon nicht bereisen kann, zu mir nachhause geholt habe: weißblühende chinesische Hortensien, hohe japanische Kamelien mit rosa und roten Blüten, duftender italienischer Rosmarin, griechische Olivenbäume und australischer Eukalyptus zieren jetzt meinen Balkon (die anreisende Botanik war im Übrigen genauso kostspielig wie ein Ausflug meinerseits in die große weite Welt).

Über meine freitäglichen Wochenmarktbesuche, bei denen ich grundsätzlich mehr kaufe als auf dem akribisch angefertigten Einkaufszettel steht, habe ich keine Lust zu schreiben. Auch nicht über meine Koch- und Backkünste, die in den letzten zwölf Monaten geradezu explodiert sind (dem stagnierten Leben sei Dank).

Über meine Spaziergänge durch Hamburg, durch den Hafen, hinauf zum Michel und hinein nach Planten un Blomen könnte ich schreiben, über gelbe Narzissen, die im Park blühen oder blau-weiße Krokusse, die wie ein wogendes Meer vor mir liegen, Vögel zwitschern, der Boden knirscht unter den Schritten, aber nein, auch darüber möchte ich nicht berichten.

Über Wasser, das glitzert, möchte ich schreiben, über fröhliche Gespräche mit meiner 81-jährigen und pinkbekappten Schwimmfreundin und anderen Begegnungen, über Umziehschnecken, über Freibadpommes, ja Freibadpoesie, das wäre es jetzt, aber das geht ja nicht.

Und dann blinkt eine Nachricht auf, von F. Ihr Gartenpool – eine 10-Meter-Bahn – sei seit Freitag wieder in Betrieb, das Wasser habe bisher nur 21 Grad, aber, und mit Einhalten von Hygieneregeln, könnte ich gerne… und ich werde wieder meine Schwimmtasche packen, und das Wasser, das wird glitzern, und ich, ich bin begeistert, eine Reise ins Hamburger Umland, zu dem Garten mit dem Pool, und die Freibadpoesie, die wird dann auch wieder aufblühen.

22.03.2021

Der besondere Tag.

Heute ist ein besonderer Tag. Ich fühle mich ein bisschen als hätte ich Geburtstag. Heute vor vier Jahren standen wir in der Tiefgarage und verfrachteten meinen Koffer in das Auto, das mich ins Krankenhaus bringen sollte.

Ich hatte keine Angst. Im Gegenteil: ich habe mich gefreut.

Heute vor vier Jahren wurden zwei Krebstumore entfernt. Meine neue Zeitrechnung startete: es gibt nun ein „vorher“ und ein „danach“. Heute ist der Tag, an dem ich vier Jahre krebsfrei bin. Und gesund.

Das muss gefeiert werden. Heute treffe ich mich mit P. Wir werden ans Meer fahren und an den Klippen entlangwandern, in der Kälte und im Wind und das Salz auf den Lippen spüren. Wir werden lachen und den Tag geniessen.

Vor genau vier Jahren schrieb ich im Krankenhausbett einen Blogeintrag, der mit diesem Satz endete: „das Leben ist schön“.

07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

29.12.2020

Einbruch.

Die Thermoskanne ploppt dumpf auf dem waldigen Boden auf, als ich sie über die Mauer werfe. Und nun noch die Rucksäcke und die Picknickdecke, sage ich zu meiner Begleitung.

Unnütz, eine Picknickdecke mitzuschleppen, schimpfe ich mich selbst, als ob man nachts um 2.00h in der Winterkälte gemütlich den Proviant auspacken würde. Ne, das geht so nicht, lass mich mal wieder runtersteigen. Ich verlasse die Feuerleiter, die mein Begleiter aus seinen Händen geformt hat, ziehe die Flipflops aus und werfe auch diese über den Rand der roten Backsteinmauer. Zum Glück ist da eine Lücke im Stacheldraht, über die man steigen könnte, wenn man denn erst mal oben auf der Mauer sitzen täte.

Es fängt an zu nieseln. Die Finger klammern sich in die Ritzen des alten Gemäuers, kalt und nass, aber immerhin ist das Unterfangen barfuss besser zu bewältigen. Ich springe.
Hauptsache du springst nicht in eine Scherbe, denke ich und lande dann weich auf der Picknickdecke, die ich jetzt doch nicht mehr so unnütz finde.
Willst Du nicht besser die Schwimmbrille abnehmen? zische ich der Begleitung zu. Dieser winkt ab und klettert – ebenso wie ich im Neoprenoutfit – etwas eleganter über die Mauer.
Hauptsache, es sieht uns keiner. Das ist eine unnötige Sorge, denn nachts um 2.00h sind selbst die hartnäckigsten Jogger und Gassigeher nicht mehr am Kaiser Friedrich-Ufer unterwegs, sondern liegen zuhause in ihren warmen Betten.

Vor uns liegt das 50-Meter-Becken des Freibades. Das Wasser ist herausgelassen, der Mond, der hinter den Wolken hervorkommt, lässt es in einem fahlen Blau erstrahlen.
Achtung, da ist kein Wasser drin, raune ich dem Begleiter zu, der sich in Richtung der steinernden Startblöcke aufgemacht hat. Ausserdem ist das nicht „mein“ Becken des öffentlichen Bades, das liegt weiter oben im Gelände. Auf glitschigem Untergrund geht es einen Hügel hinauf, vorbei an dem kleinen Holzhäuschen des Kiosks, in dem es im Sommer die Schwimmbad-Pommes gibt, nun ist es leer. Es geht vorbei an der plakatierten Umkleideschnecke, die im Dunkeln unter den Bäumen liegt. Und dann liegt es vor uns: im Licht eines einsamen Scheinwerfers steigt der Dampf aus dem 25-Meter-Becken auf, ein gutes Zeichen. Ein gutes Zeichen, sage ich und deute in die Luft. Das Wasser ist tatsächlich beheizt. Flipflops, Decke, Rucksäcke und Thermoskanne landen an der Bande. Und dann steige ich langsam ins glitzernde Wasser. Der Regen hat aufgehört.

…und dann klappe ich amüsiert das Laptop zu, schalte das Licht aus und schlafe ein, genauso wie die Gassigeher und Jogger, morgen musst Du die Thermoskanne mitnehmen, denke ich noch.

Nachtrag:
Handlung und Personen sind frei erfunden. Zufälligkeiten mit lebenden Personen sind unbeabsichtigt. Der Autor und der Ich-Erzähler müssen nicht identisch sein.

Nachtrag 2:
Könnte ein Verantwortlicher bitte den Schlüssel für den Eingang meines öffentlichen Bades unter der Fussmatte deponieren?

22.11.2020

Was bleibt.

Was bleibt, ist der riesige Holztiger, der an der Balkontür wacht. Mir fällt auf, dass er nach Westen schaut; eigentlich müsste er nach Osten schauen, zum Sonnenaufgang, wie an jedem Tempel, an dem er in buddhistischen Ländern sitzt.

Was bleibt, sind die Tiger im Bücherregal, Tiger in der dunklen Vitrine, Tiger aus Holz, Marmor, Sandstein und Kupfer und die mich anschauen, wenn ich an ihnen vorbeigehe. Von jeder Deiner Asienreisen hast Du mir einen weiteren Tiger mitgebracht.

Was bleibt, ist der riesige Bildband, den Du für mich zusammengestellt hast, mit hunderten Tigern, die Du in Myanmar für mich fotografiert und täglich geschickt hast. Dieses Jahr hast Du mir das Buch anfertigen lassen. Mit goldenen Schriftzeichen auf dem Cover.

Dafür würde ich Dich glatt heiraten, sagte ich zu Dir, berührt von so viel Aufmerksamkeit. Natürlich haben wir darüber gelacht, denn wir beide wussten, dass Du Dir aus Frauen nichts machst.

Was bleibt, ist die Erinnerung an die verregnete Wanderung über Stock und Stein an der Levada entlang, auf Madeira. Und an Deinen verängstigten Blick, als wir auf dem gläsernen Vorsprung des Cabo Girao standen, einer der höchsten Steilklippen Europas.

Was bleibt, sind die vielen lustigen Schlagabtausche, die wir uns geliefert haben.

Hast Du gehört, dass C. verstorben ist?, fragt mich N. Ich bin entsetzt, ungläubig, nein, woher sie das wisse, ein Nachruf eines Bekannten auf Facebook und dann die Gewissheit, als sie eine Traueranzeige aus der Süddeutschen Zeitung schickt: Dr. med. C.H., plötzlich verstorben.

Was bleibt, ist das Gespräch mit N., die ich nur virtuell über C. kenne und mit der ich mich aus der Ferne angefreundet habe: viele traurige Details und die Erkenntnis, dass C. ein Einzelgänger war, der seine Probleme hatte. Wer aktuell am Reisen planen ist und sich eine neue Kamera kauft, wird nicht…aber wer nicht auf sich achtgibt – und das tut man nicht, wenn man sich nicht selbst liebt – der kann an vielem versterben. Wir wissen es nicht. Wir werden es wohl nie erfahren. Und so weinen wir, als wir an die wohl letzten Momente denken.

Was bleibt, ist eine Lücke. Was bleibt, ist die Leere. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir auf uns achtgeben müssen. Auch auf uns selbst.

17.11.2020

Anker.

Hört ihr mich?, ruft unser Lehrer. Zumindest vermuten wir, dass er das ruft, wir jedenfalls hören ihn nicht.

Wir, das sind die Mitstreiter der dienstäglichen Meditation-Class und ich, jeder für sich zuhause und trotzdem alle zusammen, zumindest virtuell.

K. hat als Hintergrund ein Gebirge ausgewählt, das halb in der Sonne und halb im Schatten liegt. N. sitzt im All, hinter ihm ist ein Planet auszumachen, durch eine Bildstörung scheint dieser einem permanenten Steinschlag ausgesetzt zu sein. D.sitzt anscheinend in einer Abstellkammer, um ihn herum türmen sich Regalwände, das Licht ist grell. Unser Lehrer, den wir nicht hören, der aber weiterhin spricht, hantiert an der Technik herum und erscheint mal kopfüber und mal seitwärts auf dem Screen. Endlich klappt es mit dem Ton. Dafür sehe ich von Planeten-N. nur noch den Oberkörper, von Gebirge-K. nur noch den Kopf, es scheint, als ob K.’s Kopf auf N.’s Oberkörper sitzt, was mich an ein Kartenspiel aus Kindertagen erinnert, bei dem man dreigeteilte Figuren immer neu zusammenfügen konnte.

Nach diesem amüsanten Vorspiel kann die Meditation starten. Ich bin die einzige Frau in der Runde, stelle ich fest, und die einzige, die einfach auf nem Kissen im Wohnzimmer sitzt.

Heute tauchen wir mit dem Zeitstrahl in die Tiefe der Stille ein, die nur von den Worten unseres Lehrers unterbrochen wird. Den Koffer mit der Vergangenheit stelle ich rechts von mir ab, den Koffer mit der Zukunft links. Nun gibt es nur noch das Hier und Jetzt und meinen Atem. Und K., der nach einer halben Stunde wie von Zauberhand in der Gebirgswand verschwindet. So skurril das alles ist, ist es doch ein Anker in einer gerade noch skurriler anmutenden Welt.

Und weil ich meine Welt vermisse, gibt es zu diesem Beitrag ein Bild aus guten Tagen. Vom See Genezareth, von den Golanhöhen aus fotografiert.

07.11.2020

Sintflut.

Der Regen rauscht auf mich herunter, immer stärker und stärker, ich ziehe den Kopf ein und versuche gleichzeitig, den Fluten, die über den Gehsteig fliessen, auszuweichen.
Trotzdem gehe ich weiter, dicht an den Wänden der rotgeklinkerten Häuser entlang, in einigen Fenstern brennt ein Licht, während ich die Dunkelheit durchstreife und mir der Regen die Stirn und die Nase hinunterläuft.

Ein Torbogen taucht auf, die alten Lampen erhellen die Treppenstufen, wie am Montmartre in Paris, denke ich, doch statt der weißen Sacré Coer ragt vor mir der Hamburger Michel auf.
Auf den Turm würde ich jetzt gern steigen, ich stelle mir vor, wie der Pastor – ein Verwandter von mir – heimlich den Zugang gewährt und ich die Stiegen nach oben steige, höher und höher, die riesigen Glocken unter mir lasse und dann über Hamburg schaue. (da ich aber lausig in der Pflege von verwandtschaftlichen Beziehungen bin, bleibt das bei dem frommen Gedanken).

Ich betrete den Michel. Vorne steht tatsächlich ein Pastor, ob es mein Verwandter ist, erkenne ich aus der Ferne nicht. Zwei Betende sitzen in den Reihen, ich bleibe an der Tür stehen. Orangene Rettungsringe hängen an der Balustrade, als würden sie auf Seefahrer warten, die in Seenot geraten sind, doch hier stehe nur ich, triefend und durchnässt, als würde ich gerade der Elbe entstiegen sein.
Ich bin nicht gläubig, aber ich mag die Stimmung in der Kirche, die Ruhe und die Festlichkeit; und der Michel ist ein Anker, der fest und sicher der stürmischen Nacht standhält.

Als ich wieder hinaustrete, stelle ich fest, dass meine Turnschuhe durchweicht sind. Auch die Regenjacke ist nur noch eine Jacke, der Regen rinnt den Nacken hinunter. Die Strickjacke unter der Jacke wird immer schwerer, das Taschentuch in der linken Tasche ist ebenfalls durchweicht, nur die Schokosalmis, die in der kleinen Plastiktüte in der rechten Jackentasche stecken, scheinen trocken geblieben zu sein.

Ich wandere weiter zum Baumwall hinunter, sehe Licht im Fenster einer Bekannten, klingeln tue ich aber nicht, denn ich sehe schon vor meinem inneren Auge den See, der sich um meine Füsse bildet, wenn ich jetzt anhalten täte.

Ich überquere eine Brücke, jetzt bin ich wieder in Paris und an der Seine, vor mir blinkt der Eiffelturm, mal grün, mal blau, blink, blink, er blinkt hier wirklich, allerdings auf dem Dach eines Wägelchens, das Crepes verkauft, an wen in dieser verregneten Nacht, bleibt unklar.
Ein Angler kommt mir auf der nächsten Brücke entgegen, seine Regensachen glänzen genauso wie meine, er zieht die Mütze tiefer in die Stirn.

Über eine Stunde war ich unterwegs, Bewegung muss sein. Und eine heisse Dusche auch.

Nachtrag:
ich kann das ganze Jahr über draussen schwimmen, ohne krank zu werden.
Ich kann eine einzige Wanderung durch den Regen machen, und fange mir eine Erkältung ein.

Nachtrag 2:
Der Fitnessrückblick der Woche entfällt (aus gegebenen Anlass).

29.10.2020

Schlecht.

Schlechte Nachrichten, werde ich im Gym vom Quälgeist Motivator begrüsst. Ich weiss, antworte ich. Heute ist das letzte Training. Und dann geht es in den Lockdown.

Das macht mich so traurig, dass ich nach dem Gym zum Lieblingsbäcker laufe und mir zum Trost ein Stück Schmandkuchen kaufe.

Und da ich morgen wieder traurig sein werde, da das vorletzte Mal Schwimmen ansteht, habe ich für morgen noch ein Stück Käsekuchen mitgenommen.

Ich werde schon vor dem Lockdown dick.

Doofes Covid.

27.10.2020

Kein Zweifel.

„Dann hat mich das Leben ja doch lieb“, sagt mein Lehrer. „Natürlich hat es das, daran darfst Du nie zweifeln“, antworte ich, und freue mich mit ihm über die gute Nachricht.
Und dann meditieren wir und lauschen in die Stille.

01.10.2010

friendly reminder.

Heute ist Weltbrustkrebstag. Und ich freue mich, dass ich immer noch hier bin.

2017 bin ich an beidseitigem Brustkrebs erkrankt. Ich kann nur jedem raten: geht zur Vorsorge. Nehmt Mammografieangebote wahr. Bleibt dran, auch wenn man Euch für zu jung für Brustkrebs befindet. Achtet selbst auf Euch, und das jeden Tag: nicht nur einmal im Monat zum Abtasten, nicht nur bei den Nachsorgeterminen; Ihr könnt selbst aktiv jeden Tag etwas für Eure Gesundheit tun: regelmässig Sport, gesunde Ernährung und Meditation helfen Euch, gesund zu bleiben bzw. Rezidiven vorzubeugen. Und selbst aktiv sein, nimmt auch die Angst.

Gebt Acht auf Euch, und zwar jeden Tag.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

05.09.2020

Becken-Begegnungen.

Angeber, ruft die junge blonde Frau durch’s Aussenbecken des öffentlichen Bades, hinüber zum Bereich der Kampfschwimmer. Das sieht klasse aus!, rufe ich durch’s Aussenbecken des öffentlichen Bades, hinüber zu dem jungen Mann, der so gar nicht die bullige Statur der Profis hat, aber die anderen Schwimmer links liegen lässt, als er das Wasser durchpflügt. Für’n deutschen Meister….richtet sich die Frau an mich, bevor sie wieder Angeber! zu ihrem Freund hinüberruft.
Der Angeber fliegt geradezu durch’s Aussenbecken, wechselt durch sämtliche Stile und wendet formvollendet, wenn er nach gefühlten drei Sekunden wieder an der anderen Seite angekommen ist. Ich bin fasziniert von der Leichtigkeit, der Kraft und der Ästhetik des Schwimmens.

Bitte aufpassen, sagt eine andere blonde Frau zu der Angeber-Rufenden, die, im Gegensatz zum Meisterfreund, denselben alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-Brustschwimm-Stil wie ich praktiziere. Die blonde Frau Nr. 2 deutet auf ihren Bauch: heute ist Stichtag, erklärt sie uns, aber noch ist von dem Baby nix zu sehen. Da kann man die Zeit natürlich nutzen und nochmal zum Schwimmen kommen. Das Krankenhaus sei auch gleich um die Ecke, ergänzt sie fröhlich.

Die ältere Dame in dem himmelblauen Badeanzug, die ich schon am Eingang getroffen habe, kommt zurück zum Aufwärmen: das Freibad mit dem 50-Meter-Becken ist zwar offiziell geschlossen, das Wasser aber noch nicht abgelassen, und die netten Bademeister haben die Erlaubnis gegeben, das riesige Becken mit zu nutzen. 18,5 Grad, sagt sie. Aber herrlich!
Morgen werde ich sie lustigerweise in der Frühschicht in der Umkleide treffen.

Die beiden jungen Bademeister mit den Spiegelbrillen und den falschrum aufgesetzten Cappies schlendern um den Pool, der grauhaarige Kollege lässt eine Kampfschwimmerin einen Gummireifen durch das Wasser rollen, wobei sie mehrmals prustend wieder auftauchen muss.

Das Aussenbecken – der friedlichste Ort am Freitag Mittag.
Seit die Bäder dank Corona Schwimm-Schichten eingerichtet haben, ist das Schwimmen wunderbar: nur eine Handvoll Schwimmer sind in „meinem“ Aussenbecken unterwegs, mit denen ich die Sonne und das glitzernde Wasser teile.

Auch bei der Frühschicht am Samstag gehört mir das Aussenbecken fast allein: der Delphinschwimmer ist in der Halle unterwegs, genauso wie die rotbebadekappte Frau, die jeden in zickiger Manier auf die Abstandsregeln hinweist. Abstand halten ist hier einfach, es sei denn, die rotbebadekappte Frau macht unversehens einen Handstand im Becken und nötigt einen auszuweichen.

Der Himmel ist grau. Während ich in Rückenlage die dunklen Wolken betrachte, die sich hinter dem alten Rotklinker-Gebäude auftürmen, fallen mir Regentropfen ins Gesicht.
Vier Enten fliegen auf und drehen quakend eine letzte Runde über das Aussenbecken, bevor sie am Himmel verschwinden. Es wird Herbst.

Fitness-Rückblick der Woche
Mo: Youtube-Workout ✔️
Di: Mediation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️



01.09.2020

Koffer packen.

Ich stehe auf der Treppe, in der rechten Hand halte ich meine Puppe, in der linken zwei Münzen, ein 50-Pfennig- und ein 10-Pfennig Stück. Meine Cousine wählt das 50-Pfennig-Stück, was ich bedauere, da ich die kleine silberne Münze hübscher finde. Dass sie mehr wert ist, weiß ich nicht. Im Gegenzug bekomme ich ein Kleid für Ute, meine Puppe.
Ich sehe den roten Läufer mit dem dunklen Muster, der auf der Holztreppe in unserem Flur liegt, ich sehe die große grau-grüne Vase, die auf dem Zwischenabsatz steht, und heute, da steht sie in meiner Wohnung.

Ich bin im Büro bei dem flapsigen Kollegen mit dem Schnauzbart und seiner Assistentin, einer älteren Dame, die wild geschminkt und bunt gekleidet ist. An diesem Ort halte ich mich länger auf. Hier war ich schon lange nicht mehr.

Dann packe ich die Vergangenheit in den großen ledernden Koffer und stelle ihn rechts von mir ab.

Ich sehe die Pinguine, den Schnee, die Felsen und die Berge, ich spüre die kalte Luft, ich höre den Boden unter meinen Schritten knirschen, ich ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht. Ich schaue mich um in meiner Zukunft. Ich freue mich, dass ich hier gelandet bin, hier am Ende der Welt, hier inmitten der Natur, ich spüre Frieden und Dankbarkeit.

Ich packe den Südpol samt Pinguinen in den zweiten großen Koffer und stelle ihn links von mir ab.

Nun sind wir im Hier und Jetzt. Das ist alles, was zählt.

Nachtrag:
Später wird mein Meditationslehrer sagen, dass er die Vergangenheit links und die Zukunft rechts abstellt. Später werde ich ihm sagen, dass es vielleicht daran liegt, dass ich Links- und er Rechtshänder ist. 😉

30.07.2020

Flugwetter.

Ich mag es, früh morgens mit dem Tag aufzuwachen. Durch die verglaste Fassade schaue ich vom Bett auf die Berge. Heute liegt Nebel am Fusse der Berge, die, in einen feinen grauen Schleier gehüllt, nun von der Sonne angestrahlt werden und das matte Grau in grüne Wiesen verwandelt.

Gestern waren die Berge klar zu sehen, es war ein warmer Sommertag. Und vorgestern, da lagen sie mystisch hinter Wolkenschwaden, die um die dunklen Berge waberten.

In zwei Stunden werden das Kind und ich an einem Abgrund in den Bergen stehen und, nur an einem Seil befestigt, eine 220m lange und 160m tiefe Schlucht überqueren/fliegen. Ich bin gespannt.

Die Sonne steigt höher und gibt einen sanften blauen Himmel frei. Gutes Flugwetter, denke ich.

27.07.2020

Ich stutze: war ich wirklich erst vor drei Tagen im Taiji-Camp? Jetzt liege ich im Bett und schaue durch bodentiefe Fenster über die Dachterrasse bis hin zu den Bergen. Schwarz heben sie sich vom grauen Himmel ab; es wird Nacht. Gestern sind wir erst in Österreich angekommen, und schon fühlt es sich an, als wären wir ewig hier. Ein gutes Zeichen. Dann ist auch die Seele mitgekommen.

Wir haben Wünschetage beschlossen: jeder darf einen Tag so gestalten, wie er es gern möchte; das Programm der restlichen Tage wird gemeinsam beschlossen. S. wünscht sich einen Wandertag in die Berge, mit Einkehr in Hütten und Zeit in der Natur. Ich wünsche mir einen Tag in Bad Gastein, das für seine Villen und Hotels aus der Belle Époque bekannt ist, die an Steilhängen gebaut wurden. Einen Wasserfall gibt es dort auch. Das Kind wünscht sich den „flying fox“, das ist ein Jump über die 160m hohe und 220m lange Dürnbachschlucht, bei der man nur an nem Seil befestigt ist (ich will es noch gar nicht so genau wissen, denn ich habe – im Gegensatz zu S. – sofort fröhlich zugesagt). Einen Besuch im Freibad wünscht das Kind sich auch, da bin ich doch gerne mit dabei (und freue mich insgeheim, dass ich dafür nicht meinen Wunschtag opfern muss, denn schwimmen, das mag ich sowieso).

Ich schaue auf die Berge, die Jalousien lasse ich auf, damit ich morgen früh die Bergwelt erwachen sehe.

24.07.2020

Retreat – Tag 6 (letzter Tag)

…wenn man am letzten Morgen etwas früher in den Trainingsraum kommt und der Lehrer am Klavier sitzt und spielt…I like the „wie geht denn das nochmal“ am Ende – das frage ich mich auch des öfteren beim Training…und irgendwie geht es dann doch immer weiter.

23.07.2020

Retreat – Tag 5

Ich beschliesse, meiner kann-ich-nicht-gut-Übung mit einem inneren Lächeln zu begegnen. Dadurch kann ich sie zwar nicht besser, aber ich lasse mich von ihr nicht mehr stressen.

Nicht nur in der dreistündigen Vormittagseinheit gibt es Varianten (nach dem Motto: schlimmer geht immer oder wo man überall Schmerzen spüren kann), auch die äusseren Begebenheiten wandeln sich: K. wirft ihren Pullover nicht wie sonst bei der vierten Stehenden Säule in hohem Bogen von hinten an mir vorbei auf die Bank vorm Fenster, sondern bereits bei Säule Nummer Zwei. Die drei Enten schauen erst in der zweiten Trainingshälfte vorbei, picken mit den Schnäbeln an die Türscheibe und schnattern vor sich hin.

Am Nachmittag marschieren wir wieder zur Wiese. Ich finde es faszinierend, wieviele kleine Geräusche es auf dem Weg durch Feld und Flur gibt, die zusammen eine Sinfonie ergeben.

Beim Dehnen des Hüftbeugemuskels (meiner nachmittags-kann-ich-nicht-gut-Übung) entdecke ich erst eine Wespe im Gras, dann eine riesige Spinne, zwei Grashüpfer und eine Ameise.

Wir machen ein schönes Gruppenfoto und beschäftigen uns die letzte halbe Stunde mit pushing hands, einer Partnerübung, die es bei Inneren Kampfkünsten gibt.

Ein letzter Rückweg durch die Felder, morgen ist der letzte Tag des Retreats.

22.07.2020

Retreat – Tag 4

Was ich mag.

Ich mag es, morgens kurz nach fünf von Vogelgezwitscher und Kaffeeduft aufgeweckt zu werden. Hinter den Bäumen, auf die ich von meinem Bett blicke, liegt der moosbedeckte Mühlenteich. Ich habe gut und tief geschlafen.

Ich mag es, noch ein bisschen wegzudämmern und um sieben vom Duft von warmen Brötchen endgültig wach zu werden.

Ich mag es, den Frieden in mir zu spüren.

Ich mag es, mich auf den Tag zu freuen, der wieder mit sechs Stunden Taiji und Meditation gefüllt sein wird. Und mit gutem Essen. Und sympathischen Menschen.

Ich mag den schweren Duft der orangenen Rosen, die am Haupteingang der Mühle blühen. Und ich mag die Schmetterlinge, die hier herumflattern.

Ich mag es, wenn die Sonne über die roten Johannisbeeren streift und die Gänse an die Glastür picken.

Ich mag es, auf der Wiese zu stehen und den Worten meines Lehrers zu folgen, der auch die Nachmittagseinheit mit einer Meditation einleitet, die uns darauf fokussiert, wo wir sind: im hier und jetzt. Auf einer grünen Wiese, umgeben von rauschenden Bäumen, summenden, brummenden und zirpenden Insekten. In der Nähe klopft ein Specht.

21.07.2020

Retreat Tag 3

Denjenigen, denen man erzählt, dass man Taiji praktiziert, schwingen wissend ihre Arme durch die Luft und drehen sich um die eigene Achse.

Diejenigen, die Taiji praktizieren, wissen, wie anspruchsvoll und anstrengend dieser Kampfsport ist, auch wenn es (in unserem Training) nicht um Kämpfen, sondern um Joint Loosening, Stehende Säulen, Formarbeit und innere und äussere Balance geht.

Am Vormittag folgen auf meine kann-ich-nicht-gut-Übung fünf verschiedene Stehende Säulen à fünf Minuten, das ist ambitioniert, die Beinmuskeln fangen ob der neuartigen Belastung an zu zittern; hinter mir wird das Atmen der Mitstreiter hörbar schneller, ab und an wird geseufzt (und leise geflucht?), kurzzeitig vergesse ich die drei Gänse, die wieder mit den Schnäbeln an die Glastür picken. Die roten Johannisbeeren am Strauch vorm Fenster liegen im Schatten, die wandernden Sonnenstrahlen habe ich heute nicht mitbekommen. Meine ganze Konzentration liegt in den Säulen und dem tiefen und langsamen Atmen.

Die dreistündige Nachmittagseinheit trainieren wir wieder auf der Wiese. Der Schattigen.

20.07.2020

Retreat – Tag 2

Stehende Säule mit Blick auf rote Johannisbeeren, die draussen im Garten am Strauch in der Sonne leuchten, die Sonne, sie wandert immer weiter; was eben noch im Hellen lag, liegt jetzt im Dunkeln. Drei Gänse picken neugierig mit ihren Schnäbeln an die Scheibe unseres Raumes. Ich bin angekommen in meiner Balance.

Eigentlich dachte ich, mich würde der Vormittag mit 3 Stunden Meditation, Stretchen, Dehnen und der Stehende Säule an meine Grenze bringen, tatsächlich war es dann aber der Nachmittag, der es in sich hatte.

Statt des Grossen Spiegelsaals, den wir für den Formennachmittag ins Auge gefasst hatten, marschieren wir durch Felder, Wiesen und Wälder, um endlich bei DER Wiese anzulangen. Allerdings bin ich abgelenkt von den vielen Grashüpfern, Fliegen, Wespen und Käfern, die um meine Beine schwirren, und Zecken, die gibt es hier auch. Von oben scheint die Sonne unbarmherzig auf den Kopf, und nach einer Stunde ist es vorbei mit der Balance. Meine Stimmung kippt.

Seit der Strahlentherapie bin ich ein Schnee- und Schattenmensch geworden, in der Sonne halte ich nicht lange durch. Bevor ich aber den Rückzug zur Mühle antreten kann, brechen wir auf zu einer anderen Wiese, die unter Bäumen liegt. Irgendwie sind hier auch weniger Insekten unterwegs, und so langsam finde ich in die Form und zu meiner Balance zurück.

Die spontan angesetzte Abendmeditation um 22h lasse ich ausfallen, da ich nach der Meditation immer frisch und munter bin, ich aber um 22.30h lieber tief und fest schlafen möchte. Statt Bodyscan-Meditation nehme ich eine Bodyscan-Dusche, um eventuelle Zecken aufzuspüren.

19.07.2020

Retreat – Tag 1

Wir sitzen im VW-Bus und fahren durch die Landschaft, weiter und immer weiter, um uns liegen Felder, Wiesen und Weite.

K. und ich unterhalten uns lebhaft, L., der hinten sitzt, döst vor sich hin.

Endlich erreichen wir die Mühle, die für die nächste Woche unser Rückzugsort sein wird. Inmitten im Grünen liegt sie, umgeben von zwei Mühlenteichen, die mit Moos überwuchert sind, überall blühen duftende Rosen, wir begegnen gackernden Gänsen und zwei Katzen und beziehen unsere Zimmer.

Um 16.00h gibt es Kaffee und Kuchen, und wir lernen unsere Mit-Retreatler kennen; insgesamt sind wir sechs Männer und vier Frauen, alle machen einen sympathischen Eindruck.

Dann folgt die Einführung über das, was uns erwartet: meine Vermutung, dass es anstrengend wird, scheint sich zu bestätigen. Gestartet wird mit einer Sitzmeditation, wir lassen es ruhig angehen. Das Abendessen nehmen wir draussen vor der Mühle ein; alles ist frisch zubereitet, viel Obst, Gemüse und Vollkornbrot, ich bin begeistert.

Ob wir noch Lust auf einen Spaziergang zu der Wiese machen wollen, auf der wir nachmittags trainieren werden? Klar haben wir das, T. bietet sich an, die Teller zurück ins Haus zu bringen und wird prompt vergessen, als wir uns auf den Weg machen (einen Weg gibt es nicht, wir marschieren über Feld und Flur). Grashüpfer springen durch die Wiesen, und irgendwann kommt dann auch DIE Wiese, über die sich ein sanftes gelbes Abendlicht legt.

Kannst Du die Bierflaschen mit reinnehmen, wir gehen T. suchen, fragt K. Den Trick kenne ich schon, sage ich und lache, bringe die Flaschen weg und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

20.06.2020

Wenn ich nachts dem Regen und morgens den Vögeln lausche.

Wenn die Luft kühl und klar ist.

Wenn die Ostsee 15 Grad Wassertemperatur hat. Das ist kalt.

Wenn ich mich am Strand unter bedecktem Himmel und frischer Brise entkleide und im Tankini langsam den Steg hinuntergehe. GNTM? Kann ich.

Wenn die Anderen in dicke Jacken vermummt sind und ich die Blicke im Rücken spüre.

Wenn ich am Ende des Steges die Leiter hinunterklettere. Wenn ich schwimme.

Wenn ich mittags ein Pfund Erdbeeren vom Erdbeerhof esse und nachmittags Freunde treffe, wenn wir Eis essen und Kaffee trinken und am Meer entlang zum Leuchtturm gehen, wenn der Schrittzähler abends bei knapp 16.000 Schritten steht, wenn ich eine frische Gemüsepizza und ein Glas Weisswein draussen beim Italiener geniesse.

Wenn ich mich schon auf Morgen freue, weil ich mein Frühstück im Strandkorb serviert bekomme.

Wenn das Leben schön ist.

15.06.2020

Liebesbrief.

Eingang Hohe Weide: ❌
Umkleiden: ❌
Warme Duschen: ❌
Schliessfächer: ❌

Mein liebes Aussenbecken des öffentlichen Bades,

da ich Dich die letzten Monate so sehr vermisst habe, habe ich trotz aller Widrigkeiten ein Ticket erstanden.

Mittwoch ist es endlich soweit: nach der Arbeit komme ich Dich besuchen (so ich den anderen Eingang finde), werde mich auf der Wiese umziehen und meine Wertsachen in einer wasserfesten Tasche mit in die kalten Fluten nehmen (das darf man nämlich, das habe ich schon gefragt) – grosse Schwimmliebe!

Ich freue mich, Dich wiederzusehen!

01.06.2020

Gegen den Strom.

1. Wer beim Frühstück die Frühschicht bucht, hat den Strandspielplatz für sich allein.

2. Wenn die Menschenmassen zum Strand anrücken, gehe ich in den Wald, Bäume umarmen. Und wenn sich alle in der Vorderreihe vor den Restaurants drängeln, picknicke ich vor der Kirche.

3. Die Ostseeorte Scharbeutz und Haffkrug wurden wegen Überfüllung geschlossen. Der Timmendorfer Strand ist am Limit seiner Kapazitäten angekommen.

Und ich? Ich sitze allein im Strandkorb meines kleinen Hotels in Travemünde und lese.

Covid-19 ist nicht mit den Lockerungen verschwunden.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.

08.05.2020

Home.

Woche 8 in Isolationshaft neigt sich dem Ende zu.

Home Office und Home Canteen laufen professionell, da kann ich mich nicht beklagen.
Auch mit den Paketboten bin ich eingespielt, die die Bestellungen unten in den Fahrstuhl stellen und ich oben die Sachen einfach auslade. Von diesen „Sachen“ sind in den letzten Wochen einige zusammengekommen: eine Auflage für den Deckchair in dunkelblau, ein Tankini in schwarz, zwei Snacklieferungen mit gebackenen Linsenflips und Gemüsechips, Wasserkisten, Nagellack und Unterlack, Vitamin B12, ein Handystativ, eine Stoffmaske und etwas Wäsche. Das ist ne ganze Menge, aber ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Die Laune ist gut.

Ich habe einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen und bleibe auch gleich 2 Stunden dort; die Verwahrlosung hat endlich ein Ende gefunden.
Am nächsten Tag geht es zum Zahnarzt; eigentlich bin ich Angstpatient, aber selbst auf dieses Date freue ich mich. Dass meine Frisur sitzt, fällt als erstes ins Auge und wird von der Zahnarzthelferin für top befunden. Meine Zähne sind das zum Glück auch.

Zuhause stelle ich Fotos meines Avatars nach und morse über Slack Dönerkind, Jade0815 und IcyCarbonite an, um zu checken, ob wir Termine zur Zündung von Eiern koordinieren wollen. Kennen tu ich Dönerkind & Co nicht wirklich, aber das macht nix. Mad Max aus der Nachbarschaft hat mit mir Kontakt aufgenommen; wir machen uns den Spass und legen Thementage fest: heute schreibe ich ihm: Moin, Freitag ist Fischtag. Diese kurze Nachricht langt; wir verstehen uns und werden heute wieder Spass haben. (Anmerkung des Autors: da kommen jetzt auch Insider nicht mehr mit).

Ich sitze draussen in der Sonne und lausche der Elbe, die an den Kai schwappt, ich beobachte die Möwen, die auffliegen und kreischen und die Bäume, deren Blätter leise im Wind rascheln. Was will ich mehr, denke ich.

01.05.2020

Woche 7 in Isolation.

Der Donnerstagabend steht unter dem Motto „gönn Dir“: Trash-TV, (Bio-Gemüse)Chips, ein kleines Glas Rotwein (wegen des Resveratrolgehaltes), Schokokekse (ungesund, nicht schönzureden) und ein Stück (vegetarische) Pizza stehen bereit.

Appetit habe ich auf einen grünen Apfel. Ok…also esse ich erst den Apfel, dann eine Karotte, ein paar frische Himbeeren, und trinken mag ich lieber Wasser. Danach esse ich doch noch die Gemüse-Chips. Aber eher deshalb, weil ich sie nun extra für den Trash-Abend besorgt habe.

Ich glaube, mein Körper hat keinen Bedarf mehr an ungesundem Quatsch.

Statt Tanz in den Mai geht es am Freitag wieder in den Hafen zum Taiji-Formen laufen, danach noch etwas Workout.

Ich bin ratlos.

25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

31.03.2020

Der wichtigste Moment.

Heute haben wir zusammen meditiert. Im virtuellen Raum. Wie gestern schon. Da habe ich mit meiner Taiji-Class trainiert.

Die Meditation war so schön, dass am Ende zwei Mitschüler geweint haben. Weil unser Lehrer wieder die richtigen Worte gefunden hat.
Der wichtigste Moment im Leben? Der ist jetzt.

Meditation. Live. Mit meiner Gruppe.
Taiji-Class im virtuellen Raum.

29.03.2020

Leben in Zeiten von Corona

Ich bin gutgelaunt. Eben ging eine Nachricht von meinem Zahnarzt ein, ich möge doch einen Termin zur Kontrolle abmachen sowie zur Zahnreinigung. Sofort rufe ich zurück und bin begeistert, dass man mir sogleich meinen favorisierten Termin vorschlägt (nämlich an einem Donnerstag Abend, man kenne sich doch schon so lange, da wüssten sie doch, wann ich Zeit habe…). Gleichzeitig bin ich verblüfft, dass mich das Abmachen eines Zahnarzttermins so fröhlich stimmt. Normalerweise bin ich der Angstpatient und der Zahnarzt mein Feind Nummer 1 (das sieht er natürlich anders, und das zu Recht…).

Es macht mir insofern gute Laune, weil diese Terminabsprache doch etwas Normaliät in mein Leben bringt, denn das Normale, das vermisse ich.

Statt Büro bin ich seit zwei Wochen im Home Office. Statt Taiji-Class, Meditationsstunde, Schwimmen, Gym und den vielen Sozialkontakten laufe ich allein im Hafen meine 19-er-Form, und das jeden Abend. Auf YouTube habe ich Fitnessvideos gefunden, mit meinen Arktis-Freunden aus den USA, UK, Georgien und der Schweiz halte ich Apero-Parties via FaceTime ab, einen Freund treffe ich zur Mittagspause auf einer Bank an der Elbe (wir halten mindestens 2 Meter Abstand, und es fühlt sich skurril an), ich skype-meete mehr als gewöhnlich, und ja, ich habe mich den jetzigen Gegebenheiten angepasst. Die Sonne scheint, und das bereits seit zwei Wochen, es ist das perfekte Wetter, um ins Aussenbecken des öffentlichen Bades…lassen wir das.

„Mein“ kleines Krankenhaus hat meinen Vor/Nachsorgetermin bereits zweimal verschoben, langsam müsste ich postalisch ein Tamoxifen-Rezept anfordern.

Mein Tag ist strukturiert, und das ist wichtig. Ich komme um Punkt 8:00h in meinem Home Office (ab 16.30h ist es wieder die Küche) an, angezogen und gekämmt, nachdem ich draussen eine Runde um den Block (statt zur Bushaltestelle) gegangen bin.
Mittlerweile ist der Gang zum Drogeriemarkt und zum Bioladen zum Tageshighlight mutiert, die Freude, dass eine Eisdiele und ein Blumenladen geöffnet haben, ist riesig.
Ich koche und backe vor mich hin (wenn das Home Office um 16.30h geschlossen hat), statt des freitäglichen Schokoriegels genehmige ich mir eine kleine Ausnahme pro Tag, ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Und doch weiß ich, dass das hier Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Ich habe schliesslich ein Dach über dem Kopf, ich kann von zuhause arbeiten, ich kann mir laufend die Hände waschen, ich kann Abstand zu meinen Mitmenschen halten, und in meinen Hafen zum Taiji-Üben darf ich auch gehen. Und der Hafen, der ist schön. Und gehört mir ganz allein. Ich kann von hier aus sogar zur Praxis meines Zahnarztes gucken.

29.02.2020

Better safe than sorry.

Ich stehe im Drogeriemarkt meines Vertrauens, und obwohl es noch am frühen Vormittag ist, sind die Regale, in denen sonst Seifen und Desinfektionsmittel stehen, leergefegt. Eigentlich wollte ich nur ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel für die Hände kaufen, die Sorte, die ich grundsätzlich immer auf dem Schreibtisch im Büro und in meiner Handtasche habe, aber nun nehme ich eines der letzten Seifenstückchen, das von den Hamsterern zurückgelassen wurde.

Ausserdem nehme ich zwei Gläser Bio-Kürbissuppe mit. Die standen zwar nicht auf meiner Einkaufsliste, aber ich habe erstmals beschlossen, einen kleinen Not-Vorrat anzulegen.
Das fällt mir schwer, da ich zuhause nur frische Lebensmittel und ein paar Haferflocken und Dinkelnudeln habe, aber ich halte es für durchaus sinnvoll, den Nudelvorrat etwas aufzustocken und um Spargel,- Wurzeln,- Erbsen,- Tomaten,- Mais,- Sauerkirschen,- Pfirsiche,- und Ananasdosen bzg. Gläser zu ergänzen.
Schon neulich, als ich mit Magen-Darm flachlag, ist mir aufgefallen, dass ich – bis auf ein paar Haferflocken und zwei Äpfel – nicht sehr viel zu essen zuhause hatte. Wobei ich da auch keinen Appetit und somit zwei Kilogramm an Gewicht verloren habe.

Ich habe mir die Notvorratsliste, die von der Bundesregierung herausgegeben wurde, angeschaut. Natürlich lege ich weder Milch- noch Fleischvorräte an, und erst recht kaufe ich mir keinen Campingkocher. Man muss die Kirche im Dorf lassen.
Trotzdem ordere ich online einen kleinen Vorrat, den ich im Keller im roten Koffer lagern werde. Das Brot werde ich natürlich in den Gefrierschrank tun, aber alles andere wird in den Keller wandern, und das aus gutem Grund: sobald ich etwas „aussergewöhnliches“ zu essen in der Wohnung habe, esse ich es auf. Sofort. Und Obst und Gemüse in Gläsern würden dazugehören, da bin ich mir sicher. Ich kenne mich.

Beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades treffe ich auf G., meine 80jährige Schwimmfreundin. Sie freut sich, mich zu sehen, aber, „umarmen können wir uns jetzt nicht“, sagt sie, „Corona….„. Ich stimme ihr zu, auch ich gebe niemandem mehr die Hand und wasche die meinigen umso häufiger. Da wir zu der Zielgruppe, die es schwerer treffen könnte (alt beziehungsweise immunschwach), gehören, muss man ja auch kein unnötiges Risiko eingehen. Aufmerksam agieren ist meine Devise, aber auch nicht unnötig in Panik verfallen. G. sieht das genauso; wir werden weiter ins Schwimmbad, das auffällig leer ist, gehen.

Auf Statistiken gebe ich nichts: 0,1% bis 0,2% der Grippeerkrankten sterben, 2,8% sind es derzeit bei den Coronafällen. Das klingt zwar nicht so hoch, aber ich bin auch diejenige, die zu den 8% an Bord eines Expeditionsschiffes gehört, die die stürmische Drakepassage ohne Seekrankheit übersteht. Und ich gehöre zu den 0,0…% (?) derjenigen, die an einem beidseitigen Brustkrebs, dem kein BRCA1/BRCA2-Defekt zugrunde liegt, erkrankt ist. Und einen so seltenen Gendefekt hat, der noch nicht einmal erforscht ist.

Man kann sich einerseits über die Panikmache in den Medien ärgern, die jeden Menschen, der hustet, als Eilmeldung publizieren, auf der anderen Seite über diejenigen, die sich über die Situation lustig machen (solange es einen nicht selbst trifft…) und auch über diejenigen, die tatsächlich sämtliche Vorräte aufkaufen, als gäbe es kein Morgen mehr. Zumindest kein Morgen, an dem Geschäfte geöffnet haben.
„Haben sie morgen auch nicht“, rufe ich mir zu, „morgen ist ja Sonntag!“ Nun gut, das meinte ich zwar nicht, aber ich meine, man müsse schon aufmerksam und etwas umsichtiger sein, wenn man in die Kategorie „alt und/oder immunschwach“ gehört. Ich krame mein Desinfektionsmittel, das ich schon seit dem Everest mit durch die Weltgeschichte trage, aus dem Badezimmerschrank hervor und reinige die Türklinken. Better safe than sorry.

23.02.2020

Logbuch Sahara – Epilog

Es ist dunkel. Das Licht in der Kabine ist ausgeschaltet. Das Flugzeug macht einen Satz abwärts, fängt sich, ich schaue zu meiner Sitznachbarin, die mich ebenso erschrocken anschaut. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass der Pilot sich entschuldigt hat, dass der Caterer nicht zum Flugzeug kommen konnte und wir nun mit den Restbeständen an Getränken, die vom letzten Flug übrig geblieben sind, Vorlieb nehmen müssten. Das ist allerdings meine geringste Sorge.

Du brauchst keine Angst haben, denke ich. Die Angst macht ja keinen Sinn. Ich kann nicht flüchten, ich kann die Situation nicht ändern, also kann ich den Flug genauso gut angstfrei verbringen. Ich schalte die Leselampe über meinem Sitz an und krame den Krimi aus dem Rucksack.

Koffer ausräumen: Ich schütte die Gemüsebrühe zurück ins Glas, den Kamillentee in die Schachtel und die Haferflocken in die Vorratsdose. Der Apfel, den ich zehn Tage durch die Wüste geschleppt habe, kommt wieder zurück in die Obstschale zu seinen Gefährten. Morgen früh werde ich ihn essen, zusammen mit einem Porridge.

Was habe ich von dieser Reise noch zurückgebracht?
Viele matte Rot-Gelb-und Brauntöne, die die Wüste und das Atlasgebirge dominieren. Ein krasser Gegensatz zu den glitzernden Blautönen, die ich aus der Arktis und der Antarktis kenne.
Das Wissen, dass die Sahara nicht nur aus Sanddünen besteht, sondern zu 80% aus Felsen und Steinen.
Eine Oase ist keine Palme an nem Tümpel irgendwo im unendlichen Sand. Eine Oase ist ein Paradies, in dem Blumen und Minze blühen, Dattelpalmen und Bohnen wachsen und Mandel- und Aprikosenbäume angebaut werden. Und noch so viel mehr.
Marokko ist das Land der Paläste und der Gärten.
Dromedare laufen sechs Kilometer in der Stunde.
Das Wissen, dass in drei Wochen ein paar kleine Jungs mit einem richtigen Fussball spielen können.

–  Ende –

22.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 10

Worte werden der Schönheit des Tages nicht gerecht.

U. und ich verbringen den Tag im Paradies, schlendern durch den Anima-Garten und später im Paradis du Safran durch Felder mit Zitronenbäumen, deren gelben Früchte einen krassen Gegensatz zum leuchtenden Blau des Himmels bilden. Wir riechen an Lavendel, an riesigen Hecken aus Rosmarin und an Salbei, Vanille, Pfeffer und Schwarzkümmel. Wir schreiten barfuss über Baumstämme, Palmwedel, Kieselsteine und Argannüsse, wir halten unsere Füsse in Tonkrüge mit kühlem Wasser und Rosenblüten, bevor wir sie mit Orangenöl pflegen.

Wir geniessen das beste Essen, was es geben kann, hier unter dem Strohdach der Terrasse, während die Katzen und Hunde neben uns Siesta halten.

Abends muss ich mir immer wieder die Fotos der Reisegruppe ansehen, die nach uns den Anima-Garten besucht hat, oh, sehr schön, sage ich, Du hast etwas verpasst, sagen die Mitreisenden, ich lächle und sage nichts.

Unser Abschiedsdinner findet in einem palastähnlichen Gebäude des 16./17.ten Jahrhunderts statt, den wir am Ende des Labyrinths der Souks durch eine riesige Holztür betreten. Ich bestaune die verschiedenen Etagen und klettere aufs Dach, die Dämmerung legt sich über Marrakesch, der Muezzin ruft.

Und nun passiert das, was das Paradies zur Hölle mutieren lässt: Ich dachte, in Marokko gäbe es nur Islamisten, aber hier gibts ja nette Menschen, stellt C. fest. I., die meint, das dicke Frauen gern Ausländer heiraten, sagt, ihr Essen sei sehr lecker. B. echauffiert sich, lecker, lecker, die deutsche Sprache hätte wohl bessere Worte zur Beschreibung des Essens zu bieten, Alternativen nennt sie nicht. Am anderen Tisch wird der Ober angeschrien, der ein Tuch (deutsche Sitzplatzreservierung) zur Seite nehmen wollte um den Tisch umzustellen. H. will jetzt ihr Bier, aber sofort, und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass der Ober ihren Teller zu sehr gefüllt habe. Der Teller muss weg.

Ahmed, der neben mir sitzt, versucht zu schlichten, bemüht sich, ruhig zu bleiben, um mir dann zuzuraunen, dass er so etwas auch noch nicht erlebt habe. Einen oder zwei schwierige Mitreisende gäbe es immer – hier sei das Verhältnis umgekehrt. Als T. von ihrer Woche in Marrakesch im Krankenhaus bei ihrem Mann erzählt, ist klar, was wirkliche Probleme sind, jedenfalls Ahmed und ich wissen das, während der Rest der Gruppe weiterstreitet. Später tausche ich mich mit U. aus, die am anderen Ende des Saals gesessen hat, natürlich war der Aufstand an meinem Tisch überall zu hören.

Wie gut, dass schlechte Erinnerungen verblassen werden. Die Schönheit des Erlebten, die wird bleiben.

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.