29.10.2020

Schlecht.

Schlechte Nachrichten, werde ich im Gym vom Quälgeist Motivator begrüsst. Ich weiss, antworte ich. Heute ist das letzte Training. Und dann geht es in den Lockdown.

Das macht mich so traurig, dass ich nach dem Gym zum Lieblingsbäcker laufe und mir zum Trost ein Stück Schmandkuchen kaufe.

Und da ich morgen wieder traurig sein werde, da das vorletzte Mal Schwimmen ansteht, habe ich für morgen noch ein Stück Käsekuchen mitgenommen.

Ich werde schon vor dem Lockdown dick.

Doofes Covid.

27.10.2020

Kein Zweifel.

„Dann hat mich das Leben ja doch lieb“, sagt mein Lehrer. „Natürlich hat es das, daran darfst Du nie zweifeln“, antworte ich, und freue mich mit ihm über die gute Nachricht.
Und dann meditieren wir und lauschen in die Stille.

18.10.2020

Die Dame von Instagram

„Sind Sie die Dame von Instagram?“ Ansprechen tut mich eine asiatische Schnellschwimmerin in der Dusche des öffentlichen Bades am Mittwoch Abend.
Erst bin ich irritiert, dann aber freue ich mich, als sie meinen Accountnamen nennt und mich ob der schönen Texte und Bilder lobt. Später mache ich sie auf der Aussenbahn aus, und wie ich schon vermutet hatte, zieht sie schnell und elegant ihre Bahnen in der dunklen Nacht, die nur von den hellen Strahlern, die im Aussenbecken sind, erleuchtet wird.
Ich liebe diese Abendstimmung, auch wenn es mir eigentlich zu spät zum Schwimmen ist und ich Aktenzeichen XY verpasse.

Am Sonntag stoße ich unsanft auf einen Widerstand, als ich in Rückenlage das Becken – nun zur Mittagszeit – durchquere. Ich drehe mich um, aber statt gegen einen Mitschwimmer bin ich an die Wand am Ende der Bahn geschwommen. So schnell war ich noch nie auf der anderen Seite des 25-Meter-Beckens. Oder anders ausgedrückt: fasziniert habe ich in den Himmel geschaut, der impressionistisch anmutet. Wolkenschleier in verschiedenen Grautönen bedecken den Himmel, die Sonne erhellt die Wolkenfetzen, kann sich aber noch nicht recht durchsetzen. Das ändert sich am Nachmittag, wo sie sich klar vom blauen Himmel abhebt, der sich im Wasser spiegelt, in das die gelb-goldenen Blätter der umliegenden Bäume flattern. Heute schwimme ich nämlich morgens und nachmittags: mittendrin relaxe ich in der Sole, lasse mich im warmen Salzwasser treiben und genieße einen Smoothie und mein Buch in einem Korbsessel.

Ausserdem habe ich – und ein irritierter Kampfschwimmer – festgestellt, dass ich mit brustschwimmenden Schnellschwimmern fast im Tempo mithalten kann. „Fast“ nur deshalb, weil ich es nicht mag, mit dem Kopf im bzw. unter Wasser zu schwimmen. Ausserdem trage ich nicht das windschnittige Outfit, an dem man die Kampfschwimmer sofort erkennt. Denjenigen, die elegant und schnell wie ein Pfeil durchs Wasser gleiten, schaue ich gern zu. Noch lieber schaue ich allerdings in den Himmel und die Bäume und freue mich über das Glitzern des Wassers.

Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Taiji ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

11.10.2020

Nachtschicht.

Die Luft ist kühl, der Himmel schwarz. Jetzt bin ich doch noch nach draussen gegangen bzw. geschwommen, jetzt, wo der Regen aufgehört und sich das Aussenbecken des öffentlichen Bades geleert hat. Die Scheinwerfer, die im Becken angebracht sind, lassen das Wasser in einem kalten, hellen Blauton leuchten, am Ende der Bahn sind die Umrisse der großen Bäume auszumachen, die in der Dunkelheit liegen. Es ist 21.15h. Eigentlich ist es die Zeit, wo ich zuhause bin und gemütlich den Tag ausklingen lasse. Da aber die Schwimmschicht, die direkt an meine Arbeitszeit anschließt, ausgebucht war, habe ich notgedrungen ein Ticket für die Schicht von 20.00h-23.00h gekauft. Die Frage, ob ich das Schwimmen und damit mein Sportprogramm des Tages ausfallen lassen sollte, stellt sich mir nicht. Dafür schwimme ich zu gerne.

In der Halle ist der Delphinschwimmer, den ich aus der sommerlichen Frühschicht (6.30h-9.30h) kenne, unterwegs, immer wieder taucht er auf und unter, während um ihn herum das Wasser aufspritzt. Die beiden Teenies, die relaxt an der Beckenkante schwimmen, werden ignoriert und zur Seite gedrängt. Ab und an klettert er aus dem Wasser und fachsimpelt (vermute ich) mit den Bademeistern. Attraktiv ist er schon. Aber auch arrogant und rücksichtslos. Ich beschliesse, nicht zu grüssen und ihn zu ignorieren, auch wenn er mich sicher erkannt hat, selbst wenn ich heute die turbanartige und omahafte Badekappe trage, die mich älter wirken lässt (note to myself: Du bist...note back to myself: Bin ich nicht!).

Um 23.00h liege ich im Bett und kann nicht schlafen. Das war klar. Schwimmen macht munter.

Ich bewundere Deine Disziplin“ – dieses Feedback bekomme ich sehr häufig zu hören bzw. zu lesen, vor allem von Mitstreiterinnen, die ebenfalls an Brustkrebs erkrankt sind.
Darüber freue ich mich. Disziplin gehört sicher auch dazu, wenn man sich bei Wind und Wetter, frühmorgens oder spät abends auf den Weg zum Sport macht.
Allerdings ist Disziplin nicht alles, um regelmässig am Ball zu bleiben. Ich habe ein Ziel vor Augen: ich möchte noch lange leben, und zwar fit und gesund. Ausserdem würde Disziplin bei mir nichts bewirken, wenn mir das, was ich mache, keinen Spaß bringen würde. Und spätestens, wenn ich in eine der vielen faszinierenden Stimmungen, die es im Aussenbecken des öffentlichen Bades gibt, eingetaucht bin, sind alle Bedenken im Blau des Beckens versunken.

Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Taiji-Class ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️

04.10.2020

Trau Dich.

Ich schaue nach oben und sehe die alten, weißen Umkleidetürchen mit ihren Nummern, die sich hinter der Gitterbalustrade aneinanderreihen. Unterbrochen wird die Türenkette durch türkisfarbene Kacheln, die sich im Design der hohen, gewölbten Decke des Jugendstil-Bades widerspiegeln, und da, da spiegele ich mich auch.

Das Wasser im Innenbecken hat eine sanfte grünliche Farbe, die von den orangefarbenen Schwimmflügeln der Kinder durchbrochen wird. Ich schwimme ein wenig umher, das Wasser ist warm, und ganz am Ende der Bahn stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass ich dort gar nicht mehr stehen kann.

Als ein Signal ertönt, welches ich nicht deuten kann, verlasse ich das Becken und setze mich auf die Liege. Das Signal ertönt wieder, und dann, dann wird es wellig wie auf dem Meer. Kinder und Erwachsene springen von ihren blauen Plastikflößen in das wallende Wasser, um sich wieder zurück auf die Flöße zu hieven.

Ich stelle mich beim Bademeister vor und erkläre, dass ich hier noch nie gewesen bin. Ich bin Stammgast des Aussenbeckens des Nachbarbades, es allerdings einer gehörigen Portion Glück bedarf, um eines der 14 (!) frei verfügbaren Tickets pro Schwimmschicht im Vorverkauf zu ergattern. Für die Sonntags-Slots hatte ich kein Glück. Da ich aber unbedingt schwimmen wollte, bin ich über meinen Schatten und ins Aussenbecken des unbekannten Bades gesprungen. Der Sprung über den eigenen Schatten war eine gute Sache. Der Sprung ins (noch) fremde Aussenbecken auch.

Das Ambiente hier draußen ist anders, aber als Alternative durchaus passabel. Beim Schwimmen schaue ich auf ein großes blaues „U“, die Sandsteine und die grün-patinierten Kupferelemente des U-Bahnhofes Kellinghusenstraße. Eine Bahn fährt ein. Praktisch, denke ich, die werde ich nachher nehmen, denn sie fährt in meinen Stadtteil.

Ich steige Treppen hoch- und wieder runter und gehe in den Bereich, in dem die Therme liegt. Auch hier ist alles in ein sanftes Grün getaucht, ich gehe ins Becken, plansche ein bisschen herum, um dann doch wieder zum Aussenbecken zurückzugehen. Die Sonne kommt hervor und scheint mir ins Gesicht. Das Wasser, das glitzert. Fast so schön wie in „meinem“ Aussenbecken.

Fitnessrückblick der Woche:
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

01.10.2010

friendly reminder.

Heute ist Weltbrustkrebstag. Und ich freue mich, dass ich immer noch hier bin.

2017 bin ich an beidseitigem Brustkrebs erkrankt. Ich kann nur jedem raten: geht zur Vorsorge. Nehmt Mammografieangebote wahr. Bleibt dran, auch wenn man Euch für zu jung für Brustkrebs befindet. Achtet selbst auf Euch, und das jeden Tag: nicht nur einmal im Monat zum Abtasten, nicht nur bei den Nachsorgeterminen; Ihr könnt selbst aktiv jeden Tag etwas für Eure Gesundheit tun: regelmässig Sport, gesunde Ernährung und Meditation helfen Euch, gesund zu bleiben bzw. Rezidiven vorzubeugen. Und selbst aktiv sein, nimmt auch die Angst.

Gebt Acht auf Euch, und zwar jeden Tag.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

05.09.2020

Becken-Begegnungen.

Angeber, ruft die junge blonde Frau durch’s Aussenbecken des öffentlichen Bades, hinüber zum Bereich der Kampfschwimmer. Das sieht klasse aus!, rufe ich durch’s Aussenbecken des öffentlichen Bades, hinüber zu dem jungen Mann, der so gar nicht die bullige Statur der Profis hat, aber die anderen Schwimmer links liegen lässt, als er das Wasser durchpflügt. Für’n deutschen Meister….richtet sich die Frau an mich, bevor sie wieder Angeber! zu ihrem Freund hinüberruft.
Der Angeber fliegt geradezu durch’s Aussenbecken, wechselt durch sämtliche Stile und wendet formvollendet, wenn er nach gefühlten drei Sekunden wieder an der anderen Seite angekommen ist. Ich bin fasziniert von der Leichtigkeit, der Kraft und der Ästhetik des Schwimmens.

Bitte aufpassen, sagt eine andere blonde Frau zu der Angeber-Rufenden, die, im Gegensatz zum Meisterfreund, denselben alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-Brustschwimm-Stil wie ich praktiziere. Die blonde Frau Nr. 2 deutet auf ihren Bauch: heute ist Stichtag, erklärt sie uns, aber noch ist von dem Baby nix zu sehen. Da kann man die Zeit natürlich nutzen und nochmal zum Schwimmen kommen. Das Krankenhaus sei auch gleich um die Ecke, ergänzt sie fröhlich.

Die ältere Dame in dem himmelblauen Badeanzug, die ich schon am Eingang getroffen habe, kommt zurück zum Aufwärmen: das Freibad mit dem 50-Meter-Becken ist zwar offiziell geschlossen, das Wasser aber noch nicht abgelassen, und die netten Bademeister haben die Erlaubnis gegeben, das riesige Becken mit zu nutzen. 18,5 Grad, sagt sie. Aber herrlich!
Morgen werde ich sie lustigerweise in der Frühschicht in der Umkleide treffen.

Die beiden jungen Bademeister mit den Spiegelbrillen und den falschrum aufgesetzten Cappies schlendern um den Pool, der grauhaarige Kollege lässt eine Kampfschwimmerin einen Gummireifen durch das Wasser rollen, wobei sie mehrmals prustend wieder auftauchen muss.

Das Aussenbecken – der friedlichste Ort am Freitag Mittag.
Seit die Bäder dank Corona Schwimm-Schichten eingerichtet haben, ist das Schwimmen wunderbar: nur eine Handvoll Schwimmer sind in „meinem“ Aussenbecken unterwegs, mit denen ich die Sonne und das glitzernde Wasser teile.

Auch bei der Frühschicht am Samstag gehört mir das Aussenbecken fast allein: der Delphinschwimmer ist in der Halle unterwegs, genauso wie die rotbebadekappte Frau, die jeden in zickiger Manier auf die Abstandsregeln hinweist. Abstand halten ist hier einfach, es sei denn, die rotbebadekappte Frau macht unversehens einen Handstand im Becken und nötigt einen auszuweichen.

Der Himmel ist grau. Während ich in Rückenlage die dunklen Wolken betrachte, die sich hinter dem alten Rotklinker-Gebäude auftürmen, fallen mir Regentropfen ins Gesicht.
Vier Enten fliegen auf und drehen quakend eine letzte Runde über das Aussenbecken, bevor sie am Himmel verschwinden. Es wird Herbst.

Fitness-Rückblick der Woche
Mo: Youtube-Workout ✔️
Di: Mediation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️



01.09.2020

Koffer packen.

Ich stehe auf der Treppe, in der rechten Hand halte ich meine Puppe, in der linken zwei Münzen, ein 50-Pfennig- und ein 10-Pfennig Stück. Meine Cousine wählt das 50-Pfennig-Stück, was ich bedauere, da ich die kleine silberne Münze hübscher finde. Dass sie mehr wert ist, weiß ich nicht. Im Gegenzug bekomme ich ein Kleid für Ute, meine Puppe.
Ich sehe den roten Läufer mit dem dunklen Muster, der auf der Holztreppe in unserem Flur liegt, ich sehe die große grau-grüne Vase, die auf dem Zwischenabsatz steht, und heute, da steht sie in meiner Wohnung.

Ich bin im Büro bei dem flapsigen Kollegen mit dem Schnauzbart und seiner Assistentin, einer älteren Dame, die wild geschminkt und bunt gekleidet ist. An diesem Ort halte ich mich länger auf. Hier war ich schon lange nicht mehr.

Dann packe ich die Vergangenheit in den großen ledernden Koffer und stelle ihn rechts von mir ab.

Ich sehe die Pinguine, den Schnee, die Felsen und die Berge, ich spüre die kalte Luft, ich höre den Boden unter meinen Schritten knirschen, ich ziehe die Mütze tiefer ins Gesicht. Ich schaue mich um in meiner Zukunft. Ich freue mich, dass ich hier gelandet bin, hier am Ende der Welt, hier inmitten der Natur, ich spüre Frieden und Dankbarkeit.

Ich packe den Südpol samt Pinguinen in den zweiten großen Koffer und stelle ihn links von mir ab.

Nun sind wir im Hier und Jetzt. Das ist alles, was zählt.

Nachtrag:
Später wird mein Meditationslehrer sagen, dass er die Vergangenheit links und die Zukunft rechts abstellt. Später werde ich ihm sagen, dass es vielleicht daran liegt, dass ich Links- und er Rechtshänder ist. 😉

16.08.2020

Go!

Ich mag es, wenn meine Fingernägel hell im Wasser leuchten und meine Haut viel brauner wirkt, als sie es eigentlich ist, während ich brustschwimmend durch das Aussenbecken meines öffentlichen Bades gleite. Es ist 7.45h. Die Sonne kommt hinter den Bäumen hervor, noch wärmt sie sacht und taucht das Freibad in ein sanftes Licht.

Der Delphin-Schwimmer, der auch gestern früh schon mit mir im Becken unterwegs war, hat Brötchen dabei und trinkt mit den Bademeistern am Beckenrand Kaffee. „Den muss man sich hier verdienen„, ruft er mir zu, denn einen Kaffee, den hätte ich jetzt auch ganz gern. Ich erwidere nicht, dass ich diejenige bin, die vor ein paar Wochen als Einzige bei 17 (!) Grad geschwommen ist und schwimme noch etwas weiter.

Die Mitstreiter und Bademeister haben sich am Ende des Beckens positioniert und schauen gespannt zum Sprungbecken rüber: auf dem 10-Meter-Brett steht eine Frau. Sie geht zum Rand, geht wieder zurück, bleibt stehen, ihre Unschlüssigkeit ist bis zu meinem Becken zu spüren, das wird nichts mehr, denke ich, und schwimme weiter. Zwei Bahnen später schaue ich wieder hinüber und sehe, wie sie den Turm hinuntersteigt.

Ein circa 6-jähriger Junge, der mit im Becken planscht, ist aufgeregt: auch er möchte springen, und zwar vom Drei-Meter-Brett, am besten sofort. Die Mutter rollt mit den Augen, er möge doch vielleicht erstmal den Sprung vom Ein-Meter-Brett angehen, doch der Enthusiasmus ist ungebrochen.

Ich gehe in „meine“ Umkleideschnecke, dann setze ich mich mit meinem Frühstück in die Sonne an das 50-Meter-Becken. Als ich zum Sprungbecken hinüberblicke, steht oben auf dem Drei-Meter-Turm der kleine Junge. Er schaut zum Rand, dreht sich um und klettert den Turm wieder hinunter, marschiert zum Ein-Meter-Brett, springt fröhlich drauf herum und dann ins Wasser. Ich bin beeindruckt vom Enthusiasmus und der Zielstrebigkeit, die dieser Knirps an den Tag legt. Kein Bedenkenträger, der aber auch fähig ist, eine Entscheidung zu überprüfen und zeitnah zu justieren.

Ich packe meine Sachen ein, drei Tage Schwimmen liegen hinter mir, und vor mir, da liegt die Idee, ab jetzt morgens vor der Arbeit um 6.30h im Aussenbecken meines öffentlichen Bades Bahnen zu ziehen und die Sonne aufgehen zu sehen. Und einen Kaffee zu trinken. Den habe ich mir nämlich verdient.

Fitness-Rückblick der Woche
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

note to myself: eine kleine Thermoskanne mit Becher besorgen und ab jetzt Kaffee zum Frühschwimmen mitnehmen

08.08.2020

Schnecke statt Schlange

Das Freibad ist ausverkauft. Kein Wunder bei der Hitze. Ich stelle mich in die Schlange vor der Umkleide (nur zwei Personen zur Zeit sind dort erlaubt), ich stelle mich in die nächste Schlange vor die Toiletten, ich überlege kurz, ob ich ins 50-Meter-Becken oder in „mein“ Aussenbecken des öffentlichen Bades gehe, und ja, genau das möchte ich, in „meinem“ Becken schwimmen, denn hier habe ich nicht nur die schönen alten Bäume im Blick, sondern auch meine Habseligkeiten, wenn ich meine Bahnen ziehe.

Kinder planschen herum, auch sie sind fröhlich, ich weiche aus, beschliesse, langsam (soooo schnell bin ich eh nicht) zu schwimmen und das lebhafte Treiben zu geniessen.
Als ich aus dem Becken steige, sehe ich von weitem die Schlange vor der Umkleide und den Toiletten und erinnere mich an die Umkleideschnecke, die ich neulich auf dem Gelände entdeckt hatte. Ganz unscheinbar unter den Bäumen steht eine zweite Schnecke, die sogar einen festen Holzboden hat, ich kreisele hinein, die Sonne scheint durch die Blätter auf mich hinunter, und eigentlich gefällt mir die Schnecke jetzt ganz gut. Schnecke statt Schlange.

Am Samstag um 07.25h bin ich wieder im Bad. Wieder zeigt das Schild am Eingang „ausverkauft“ an, aber es ist weitaus übersichtlicher als gestern Mittag. Ich ziehe meine Bahnen in der Sonne, das Wasser ist warm, nach 1.000 Metern plansche ich noch etwas am Beckenrand herum, dann steuere ich automatisch auf „meine“ Umkleideschnecke zu, da habe ich mich ja schnell dran gewöhnt. Ein Blatt fällt vom Baum auf mich hinunter, die Sonne huscht über die Haut. Ich schlendere zur Bank am 50-Meter-Becken, hole mein Frühstücksbrötchen aus der Tasche und schaue den Schwimmern zu.

Fitness-Rückblick der Woche
Mo: Schwimmen ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

 

30.07.2020

Flugwetter.

Ich mag es, früh morgens mit dem Tag aufzuwachen. Durch die verglaste Fassade schaue ich vom Bett auf die Berge. Heute liegt Nebel am Fusse der Berge, die, in einen feinen grauen Schleier gehüllt, nun von der Sonne angestrahlt werden und das matte Grau in grüne Wiesen verwandelt.

Gestern waren die Berge klar zu sehen, es war ein warmer Sommertag. Und vorgestern, da lagen sie mystisch hinter Wolkenschwaden, die um die dunklen Berge waberten.

In zwei Stunden werden das Kind und ich an einem Abgrund in den Bergen stehen und, nur an einem Seil befestigt, eine 220m lange und 160m tiefe Schlucht überqueren/fliegen. Ich bin gespannt.

Die Sonne steigt höher und gibt einen sanften blauen Himmel frei. Gutes Flugwetter, denke ich.

27.07.2020

Ich stutze: war ich wirklich erst vor drei Tagen im Taiji-Camp? Jetzt liege ich im Bett und schaue durch bodentiefe Fenster über die Dachterrasse bis hin zu den Bergen. Schwarz heben sie sich vom grauen Himmel ab; es wird Nacht. Gestern sind wir erst in Österreich angekommen, und schon fühlt es sich an, als wären wir ewig hier. Ein gutes Zeichen. Dann ist auch die Seele mitgekommen.

Wir haben Wünschetage beschlossen: jeder darf einen Tag so gestalten, wie er es gern möchte; das Programm der restlichen Tage wird gemeinsam beschlossen. S. wünscht sich einen Wandertag in die Berge, mit Einkehr in Hütten und Zeit in der Natur. Ich wünsche mir einen Tag in Bad Gastein, das für seine Villen und Hotels aus der Belle Époque bekannt ist, die an Steilhängen gebaut wurden. Einen Wasserfall gibt es dort auch. Das Kind wünscht sich den „flying fox“, das ist ein Jump über die 160m hohe und 220m lange Dürnbachschlucht, bei der man nur an nem Seil befestigt ist (ich will es noch gar nicht so genau wissen, denn ich habe – im Gegensatz zu S. – sofort fröhlich zugesagt). Einen Besuch im Freibad wünscht das Kind sich auch, da bin ich doch gerne mit dabei (und freue mich insgeheim, dass ich dafür nicht meinen Wunschtag opfern muss, denn schwimmen, das mag ich sowieso).

Ich schaue auf die Berge, die Jalousien lasse ich auf, damit ich morgen früh die Bergwelt erwachen sehe.

24.07.2020

Retreat – Tag 6 (letzter Tag)

…wenn man am letzten Morgen etwas früher in den Trainingsraum kommt und der Lehrer am Klavier sitzt und spielt…I like the „wie geht denn das nochmal“ am Ende – das frage ich mich auch des öfteren beim Training…und irgendwie geht es dann doch immer weiter.

23.07.2020

Retreat – Tag 5

Ich beschliesse, meiner kann-ich-nicht-gut-Übung mit einem inneren Lächeln zu begegnen. Dadurch kann ich sie zwar nicht besser, aber ich lasse mich von ihr nicht mehr stressen.

Nicht nur in der dreistündigen Vormittagseinheit gibt es Varianten (nach dem Motto: schlimmer geht immer oder wo man überall Schmerzen spüren kann), auch die äusseren Begebenheiten wandeln sich: K. wirft ihren Pullover nicht wie sonst bei der vierten Stehenden Säule in hohem Bogen von hinten an mir vorbei auf die Bank vorm Fenster, sondern bereits bei Säule Nummer Zwei. Die drei Enten schauen erst in der zweiten Trainingshälfte vorbei, picken mit den Schnäbeln an die Türscheibe und schnattern vor sich hin.

Am Nachmittag marschieren wir wieder zur Wiese. Ich finde es faszinierend, wieviele kleine Geräusche es auf dem Weg durch Feld und Flur gibt, die zusammen eine Sinfonie ergeben.

Beim Dehnen des Hüftbeugemuskels (meiner nachmittags-kann-ich-nicht-gut-Übung) entdecke ich erst eine Wespe im Gras, dann eine riesige Spinne, zwei Grashüpfer und eine Ameise.

Wir machen ein schönes Gruppenfoto und beschäftigen uns die letzte halbe Stunde mit pushing hands, einer Partnerübung, die es bei Inneren Kampfkünsten gibt.

Ein letzter Rückweg durch die Felder, morgen ist der letzte Tag des Retreats.

22.07.2020

Retreat – Tag 4

Was ich mag.

Ich mag es, morgens kurz nach fünf von Vogelgezwitscher und Kaffeeduft aufgeweckt zu werden. Hinter den Bäumen, auf die ich von meinem Bett blicke, liegt der moosbedeckte Mühlenteich. Ich habe gut und tief geschlafen.

Ich mag es, noch ein bisschen wegzudämmern und um sieben vom Duft von warmen Brötchen endgültig wach zu werden.

Ich mag es, den Frieden in mir zu spüren.

Ich mag es, mich auf den Tag zu freuen, der wieder mit sechs Stunden Taiji und Meditation gefüllt sein wird. Und mit gutem Essen. Und sympathischen Menschen.

Ich mag den schweren Duft der orangenen Rosen, die am Haupteingang der Mühle blühen. Und ich mag die Schmetterlinge, die hier herumflattern.

Ich mag es, wenn die Sonne über die roten Johannisbeeren streift und die Gänse an die Glastür picken.

Ich mag es, auf der Wiese zu stehen und den Worten meines Lehrers zu folgen, der auch die Nachmittagseinheit mit einer Meditation einleitet, die uns darauf fokussiert, wo wir sind: im hier und jetzt. Auf einer grünen Wiese, umgeben von rauschenden Bäumen, summenden, brummenden und zirpenden Insekten. In der Nähe klopft ein Specht.

21.07.2020

Retreat Tag 3

Denjenigen, denen man erzählt, dass man Taiji praktiziert, schwingen wissend ihre Arme durch die Luft und drehen sich um die eigene Achse.

Diejenigen, die Taiji praktizieren, wissen, wie anspruchsvoll und anstrengend dieser Kampfsport ist, auch wenn es (in unserem Training) nicht um Kämpfen, sondern um Joint Loosening, Stehende Säulen, Formarbeit und innere und äussere Balance geht.

Am Vormittag folgen auf meine kann-ich-nicht-gut-Übung fünf verschiedene Stehende Säulen à fünf Minuten, das ist ambitioniert, die Beinmuskeln fangen ob der neuartigen Belastung an zu zittern; hinter mir wird das Atmen der Mitstreiter hörbar schneller, ab und an wird geseufzt (und leise geflucht?), kurzzeitig vergesse ich die drei Gänse, die wieder mit den Schnäbeln an die Glastür picken. Die roten Johannisbeeren am Strauch vorm Fenster liegen im Schatten, die wandernden Sonnenstrahlen habe ich heute nicht mitbekommen. Meine ganze Konzentration liegt in den Säulen und dem tiefen und langsamen Atmen.

Die dreistündige Nachmittagseinheit trainieren wir wieder auf der Wiese. Der Schattigen.

20.07.2020

Retreat – Tag 2

Stehende Säule mit Blick auf rote Johannisbeeren, die draussen im Garten am Strauch in der Sonne leuchten, die Sonne, sie wandert immer weiter; was eben noch im Hellen lag, liegt jetzt im Dunkeln. Drei Gänse picken neugierig mit ihren Schnäbeln an die Scheibe unseres Raumes. Ich bin angekommen in meiner Balance.

Eigentlich dachte ich, mich würde der Vormittag mit 3 Stunden Meditation, Stretchen, Dehnen und der Stehende Säule an meine Grenze bringen, tatsächlich war es dann aber der Nachmittag, der es in sich hatte.

Statt des Grossen Spiegelsaals, den wir für den Formennachmittag ins Auge gefasst hatten, marschieren wir durch Felder, Wiesen und Wälder, um endlich bei DER Wiese anzulangen. Allerdings bin ich abgelenkt von den vielen Grashüpfern, Fliegen, Wespen und Käfern, die um meine Beine schwirren, und Zecken, die gibt es hier auch. Von oben scheint die Sonne unbarmherzig auf den Kopf, und nach einer Stunde ist es vorbei mit der Balance. Meine Stimmung kippt.

Seit der Strahlentherapie bin ich ein Schnee- und Schattenmensch geworden, in der Sonne halte ich nicht lange durch. Bevor ich aber den Rückzug zur Mühle antreten kann, brechen wir auf zu einer anderen Wiese, die unter Bäumen liegt. Irgendwie sind hier auch weniger Insekten unterwegs, und so langsam finde ich in die Form und zu meiner Balance zurück.

Die spontan angesetzte Abendmeditation um 22h lasse ich ausfallen, da ich nach der Meditation immer frisch und munter bin, ich aber um 22.30h lieber tief und fest schlafen möchte. Statt Bodyscan-Meditation nehme ich eine Bodyscan-Dusche, um eventuelle Zecken aufzuspüren.

19.07.2020

Retreat – Tag 1

Wir sitzen im VW-Bus und fahren durch die Landschaft, weiter und immer weiter, um uns liegen Felder, Wiesen und Weite.

K. und ich unterhalten uns lebhaft, L., der hinten sitzt, döst vor sich hin.

Endlich erreichen wir die Mühle, die für die nächste Woche unser Rückzugsort sein wird. Inmitten im Grünen liegt sie, umgeben von zwei Mühlenteichen, die mit Moos überwuchert sind, überall blühen duftende Rosen, wir begegnen gackernden Gänsen und zwei Katzen und beziehen unsere Zimmer.

Um 16.00h gibt es Kaffee und Kuchen, und wir lernen unsere Mit-Retreatler kennen; insgesamt sind wir sechs Männer und vier Frauen, alle machen einen sympathischen Eindruck.

Dann folgt die Einführung über das, was uns erwartet: meine Vermutung, dass es anstrengend wird, scheint sich zu bestätigen. Gestartet wird mit einer Sitzmeditation, wir lassen es ruhig angehen. Das Abendessen nehmen wir draussen vor der Mühle ein; alles ist frisch zubereitet, viel Obst, Gemüse und Vollkornbrot, ich bin begeistert.

Ob wir noch Lust auf einen Spaziergang zu der Wiese machen wollen, auf der wir nachmittags trainieren werden? Klar haben wir das, T. bietet sich an, die Teller zurück ins Haus zu bringen und wird prompt vergessen, als wir uns auf den Weg machen (einen Weg gibt es nicht, wir marschieren über Feld und Flur). Grashüpfer springen durch die Wiesen, und irgendwann kommt dann auch DIE Wiese, über die sich ein sanftes gelbes Abendlicht legt.

Kannst Du die Bierflaschen mit reinnehmen, wir gehen T. suchen, fragt K. Den Trick kenne ich schon, sage ich und lache, bringe die Flaschen weg und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

18.07.2020

Logbuch: Taiji-Retreat

Prolog
Sonnencreme für die Sahara, Toilettenpapier für Tibet, Tankini für das Tote Meer, Nüsse für den Nordpol, eine Schneehose für den Südpol.

Diesmal packe ich stapelweise T-Shirts in den Koffer, Trainingsanzüge, Turnschuhe, einen Badeanzug (immer im Gepäck, vielleicht finde ich einen See) und ein Buch.
Diesmal geht es an kein äusseres Ende der Welt, diesmal geht die Reise nach Innen.

Ein Retreat ist ein Rückzug. Es geht um Loslassen, dem Entwickeln von Raum und Freiheit im Körper und um das Sinken. Auch das wird ein Abenteuer, aber auf andere Art und Weise: ich stiefele nicht auf 5.200 Meter durch ein Basecamp, aus dem sonst Bergsteiger auf den Gipfel des höchsten Berg der Erde aufbrechen, ich reite nicht verhüllt auf einem Kamel durch gelben Wüstensand, ich werde keine Gletscher kalben hören, umgeben von unendlich vielen Blautönen, die die Kälte an den Polen widerspiegeln.

Ich werde stehen und mit diesem Stehen zu einem Weg ins Innere aufbrechen, begleitet vom Duft der Blumen auf der Wiese, dem Geplätscher des Teiches, dem Rauschen der Bäume, dem Summen der Bienen, dem Zwitschern der Vögel.
(note to myself: in der Ankündigung stehen 6 Stunden Taji-Unterricht täglich, das könnte in der Tat die ausgemalte Idylle mit Zwitschern, Summen, Brummen und Plätschern beeinflussen, schon das reguläre 90-Minuten-Training ist nicht ohne).

Ich bin gespannt, wie diese Reise wird, zu der ich morgen aufbrechen werde; das Freiheitsgefühl, das habe ich schon jetzt, den K. wird mich mit ihrem VW-Bus einsammeln, und dann geht sie los, die Reise ins Wendland in die Heide Innere.

11.07.2020

Glück.

Ich tippe mit dem Fuß ins Wasser, das ganz glatt und glitzernd vor mir liegt. Ich ziehe den Fuß wieder zurück. Das Wasser meines Aussenbeckens des öffentlichen Bades ist kalt. Sehr kalt.
Ich schlendere zum Bademeister rüber, 17,4 Grad, sagt er, das sei sogar kälter als das Wasser im 50-Meter-Bahn-Becken, das habe 17,6 Grad. Wir schauen hinunter auf das große Becken, in dem ein paar Kampfschwimmer in Neopren ihre Bahnen ziehen.
Ich habe keinen Neoprenanzug, ich trage meinen Tankini, der schwarz in der Sonne glänzt, die hinter den Wolken hervorkommt. Das ist meine Chance, sage ich, das ist das erste Mal, dass ich das Becken für mich allein haben könnte. Langsam gehe ich ins Wasser, über mir die Sonne, vor mir das Glitzern, ich halte die Luft an und schwimme los.

Der Bademeister lacht, streckt den Daumen nach oben und ruft mir zu, dass ich doch nur in der Sonne schwimmen und den Teil des Beckens, der im Schatten liegt, auslassen könne, Querschwimmen, im Kreis schwimmen, das Becken gehöre mir allein.

Wenn man im kalten Wasser schwimmt, werden Adrenalin und Endorphine freigesetzt, und das spüre ich: glücklich fühle ich mich, während ich schwimme, mal in Brust- und mal in Rückenlage, die Kälte, die spüre ich nicht mehr, herrlich ist es, hier allein am Morgen, hier in meinem Becken und dem Geglitzer, das nur für mich da ist.

Nach 25 Minuten steige ich aus dem Wasser, nicht, weil ich nicht mehr kann, aber weil ich auf mich acht gebe: für den Körper ist das eine Hochleistung, er setzt extra Energie frei, um die Körpertemperatur bei 37 Grad zu halten – nicht einfach, wenn der Mensch, der zu diesem Körper gehört, im 17 Grad kühlen Wasser herumplanschen möchte.

Das hast Du gut gemacht, denke ich, als ich meinen Bademantel überwerfe und durch die Gartenanlage hinüber zur Freibadumkleide gehe.

Das hast Du gut gemacht. Das ist einer der Sätze, der am häufigsten in den Zwiegesprächen mit mir selbst fällt. Genauso wie „das ist ok“, wenn ich mal etwas will oder auch nicht will, ich beobachte mich da sehr genau und justiere, wenn ich Anzeichen von Stress spüre.

Auch Schwimmen reduziert Stress, und glücklich, das macht es sowieso.

…und erstmals kann ich hier Fotos direkt aus dem Becken mit Euch teilen!

05.07.2020

Sprache.

Den Akku aufladen.
Sonne tanken. 

Solche Ausdrücke, die menschliche Aktivitäten beschreiben (sollen), sind mir ein Gräuel. Ich habe keinen Akku. Ich kann nichts aufladen. Und tanken, das muss ich auch nicht. Ich bin nämlich kein Auto oder eine Maschine. Ich bin ein Mensch.
Bedenklich finde ich, dass es diese Formulierungen in der deutschen Sprache gibt, denn es mutet an, dass wir Gegenstände sind, die funktionieren, ja laufen müssen. Und wenn sie es nicht tun, dann wird halt eben getankt oder aufgeladen. Dann läuft es wieder. Aber tut es das wirklich?

Ich nutze solche Begriffe nicht.

Schwimmen war ich, mittags um 12.00h und morgens um 7.00h (!) im 21-Grad-kalten Aussenbecken des öffentlichen Bades, die Sonne habe ich nicht getankt, aber auf der Haut gespürt, genauso wie den Wind und den Regen, und ich habe mich über die glitzernden Tropfen, die ins blaue Becken fielen, gefreut.

Ich habe meinen Akku nicht aufgeladen, aber am Wochenende rumgetrödelt, mit Kaffee, Kuchen und Obst vorm Fernseher gelegen und über Guidos Sprüche gelacht.

Gefreut (sehr!) habe ich mich über das Feedback zu meinem blog, und ich wünsche der lieben UT, dass sie genauso viel Freude am Schwimmen und in ihrem Probetraining beim Taiji wie ich haben wird.

Freuen tue ich mich auch auf das Taiji-Camp, zu dem ich in zwei Wochen aufbrechen werde: es wird „Übungen zur Öffnung des physischen Körpers geben, Faszien- und Bänderdehnung zur Minderung von übermässigem Stress im Weichteil-Gewebe und in den Gelenken. Voraussetzungen schaffen, um Loslassen zu können. Stehende Säule zur Entwicklung von Raum und Freiheit im Körper. Voraussetzung um innerlich Sinken zu können und Kräfte durch den Körper zu lenken. Übungen zur Transformation von äusserer Kraft zu innerer Kraft über das Führen von „SONG“ (lösen, öffnen, release, relax).“
Das klingt spannend und lebendig, und genauso sollte es sein, wenn es um den Menschen geht.

Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Taiji ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Gym ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Youtube Workout ✔️

27.06.2020

Change Management.

Dann ist es Zeit zu sterben, sagt G. Meine 80-jährige Schwimmfreundin hat die Krise arg getroffen: ihre drei Gymnastikkurse finden nun irgendwo in Altona im Freien statt, allerdings müsse sie, da es keine Umkleidemöglichkeiten gebe, bereits in Jogginghose das Haus verlassen (no go!), das Aussenbecken des öffentlichen Bades ist nur mit QR-Code zugänglich, in das tiefe 50-Meter-Becken möchte sie nicht, aber „unser“ Becken ist zur Zeit von Ferienkindern frequentiert, und umkleiden, das kann man sich hier auch nicht. Ich ergänze, dass es auch keine Spiegel, Duschen oder einen Fön gebe, und das ist für meine eitle Mitstreiterin ein Problem, genauso, wie sie niemals das Haus in Sport-Outfit verlassen würde. Und erst recht nicht früh am Morgen, denn ausschlafen möchte sie auch.
Ich finde nicht, dass Du jetzt sterben musst, antworte ich am Telefon, und rate ihr, über ihren Schatten zu springen und wenigstens zur Gymnastik zu gehen. Ein Schwimmticket könne ich auf meinem Handy kaufen, was aber nix bringen würde, da das Gesamtpaket nicht stimmt.
Wir verabreden uns zum Kaffee, das ist einfacher.

Mittlerweile war ich drei Mal beim Schwimmen und habe alle Zeitfenster, die angeboten werden, getestet. Alles annehmbar, finde ich, trotz permanent ausverkauften Tickets ist das Freibad sehr angenehm gefüllt, Corona sei Dank.
Das Schwimmen auf der 50-Meter-Bahn bringt Spass und ist recht stressfrei, ausserdem erfrischend kühl.
Ich kann mich jetzt – mit Handtuch umschlungen – auf der Wiese umziehen und habe heute sogar eine sichtgeschützte Ecke entdeckt, an „meinem“ Aussenbecken, zwischen Hecken und ner Hauswand. Denn heute, da war ich in „meinem“ Becken schwimmen. Wie früher. In der Sonne. Den Bäumen entgegen, das glitzernde Wasser um mich herum, und nur zwei Mitstreiter auf den Bahnen. Kein Wunder. Es ist Samstag. Und es ist 7.00h in der Früh.

Wenn sich Gegebenheiten ändern, muss man sich anpassen. Wenn man den neuen Gegebenheiten auch noch mit Neugier begegnet, ist es sogar ein Gewinn. Ich habe die 50-Meter-Bahn entdeckt, das kühle Wasser und das unbeschwerte Schwimmen in dem großen Becken, die kleinen Wertschliessfächer, Bänke und bequeme Holzstühle, auf denen man in der Sonne in Ruhe frühstücken und den Schwimmern zuschauen kann.
Ich habe einen Teil meines „alten“ Fitnesslebens zurückgewonnen, aber in besser.

Und G., der werde ich von „unserem“ leeren Becken um 7.00h vorschwärmen, vielleicht springt sie ja doch noch über ihren Schatten.

Fitnessrückblick der Woche:
Di: Taiji ✔️
Mi: Gym ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sa: Schwimmen ✔️
So: Taiji ✔️

20.06.2020

Wenn ich nachts dem Regen und morgens den Vögeln lausche.

Wenn die Luft kühl und klar ist.

Wenn die Ostsee 15 Grad Wassertemperatur hat. Das ist kalt.

Wenn ich mich am Strand unter bedecktem Himmel und frischer Brise entkleide und im Tankini langsam den Steg hinuntergehe. GNTM? Kann ich.

Wenn die Anderen in dicke Jacken vermummt sind und ich die Blicke im Rücken spüre.

Wenn ich am Ende des Steges die Leiter hinunterklettere. Wenn ich schwimme.

Wenn ich mittags ein Pfund Erdbeeren vom Erdbeerhof esse und nachmittags Freunde treffe, wenn wir Eis essen und Kaffee trinken und am Meer entlang zum Leuchtturm gehen, wenn der Schrittzähler abends bei knapp 16.000 Schritten steht, wenn ich eine frische Gemüsepizza und ein Glas Weisswein draussen beim Italiener geniesse.

Wenn ich mich schon auf Morgen freue, weil ich mein Frühstück im Strandkorb serviert bekomme.

Wenn das Leben schön ist.

17.06.2020

Plitschplatsch.

Ein Bild ploppt bei Facebook auf – heute vor 5 Jahren habe ich eine Lesung mit Sandra Völker, einer der größten deutschen Schwimmerinnen, moderiert. Ein passendes Vorzeichen für das, was heute Abend ansteht.

Ich höre Gejuchze, Gekreische und Wasser, das zur Seite spritzt, ich sehe durch die Bäume hindurch auf das hellblaue Becken, und da, da kommt der Lärm her. Es ist heiß, und ich ärgere mich, dass ich eine Jacke mitgeschleppt habe. Am Eingang des Freibades sitzt ein mir bekannter Bademeister, und später sehe ich sie alle, denn hier ist heute Großeinsatz. Mein Schwimmbad (zumindest ein Teil davon) hat wieder geöffnet.

Ich nehme das Handy aus seiner Schutzhülle und packe es in die wasserdichte Handyverpackung, diese wiederum tue ich in die größere wasserdichte Tasche, in die auch noch mein Haustürschlüssel (abgespeckte Version), mein Geld, die Kreditkarte, mein Perso, das Jahresticket für Bus und Bahn und meine Armbanduhr kommen. Ich bringe das ganze zu dem kleinen Schliessfach, dass ich in der Nähe des Beckens entdeckt habe und schliesse alles weg. Natürlich hätte ich nicht alles vorher in die wasserdichten Verpackungen tun müssen, aber gekauft ist gekauft und wird jetzt auch genutzt. Eigentlich wollte ich mir die Tasche um die Körpermitte schnallen und mit in die kalten Fluten nehmen, auch auf die Gefahr hin, dass ich sinken könnte (Inhalt zu schwer) oder etwas höher treibe (Auftrieb durch Plastik?), aber das werde ich heute nicht mehr in Erfahrung bringen.

Ich gehe unter die kalte Dusche, um dann das erste Mal ins tiefe und nicht beheizte 50 Meter Becken zu steigen. Das Wasser ist…..kalt…..aber grandios. Ich schwimme sofort los, bleibe auf der Aussenbahn, da man in diesem Becken nicht stehen kann und ich mich erstmal wieder einschwimmen muss, die Bahn ist frei, überhaupt ist es nicht sehr voll (kein Wunder, ist ja kalt), ich schwimme der Sonne entgegen, die mich zwinkern lässt und meine Arme in ein sanftes Licht hüllt. Das Wasser, das glitzert, wie in alten Zeiten.

Den ganzen Tag war ich schon aufgeregt, wie es wohl im großen Becken und mit den ganzen Einschränkungen sein wird, ob ich überhaupt den Freibad-Eingang finde, wie wohl die ominösen Umkleideschnecken sind und wo die Toiletten und ob ich wohl eine Chance habe, in mein eigentliches Becken, in dem ich normalerweise 2-3 Mal in der Woche schwimme, komme. Die Antwort ist: nein. „Mein“ Becken ist von den Kindern okkupiert, da deren Kinderbecken geschlossen ist, ein Schwimmen ist hier ausgeschlossen.
Auf der Liegewiese irren Leute umher, die immer wieder nach Umkleiden (gibt es nicht) und richtigen Duschen (gibt es auch nicht) fragen. Die verstaubte Umkleideschnecke (es gibt genau eine, in die eine Person passt) entdecke ich erst beim Verlassen des Bades, sie steht in einer dunklen Ecke auf noch dunklerem Waldboden, ein verlassenes Handtuch hängt über der Wand, die Schnecke ist unbewohnt. Kein Wunder. Hier kommt man ja auch schmutzig wieder heraus. Wenn man sie denn überhaupt gefunden hat.

Ich habe mich an den fröhlichen Tipp auf der Website des Badbetreibers gehalten und mich „ruckzuck mit dem Handtuch um die Hüften“ auf der Wiese umgekleidet. Dabei habe ich mir einen nassen Hosenboden eingefangen. Ich freue mich, die Jacke mitgeschleppt zu haben und schlinge sie auf dem Heimweg um die Hüften.

15.06.2020

Liebesbrief.

Eingang Hohe Weide: ❌
Umkleiden: ❌
Warme Duschen: ❌
Schliessfächer: ❌

Mein liebes Aussenbecken des öffentlichen Bades,

da ich Dich die letzten Monate so sehr vermisst habe, habe ich trotz aller Widrigkeiten ein Ticket erstanden.

Mittwoch ist es endlich soweit: nach der Arbeit komme ich Dich besuchen (so ich den anderen Eingang finde), werde mich auf der Wiese umziehen und meine Wertsachen in einer wasserfesten Tasche mit in die kalten Fluten nehmen (das darf man nämlich, das habe ich schon gefragt) – grosse Schwimmliebe!

Ich freue mich, Dich wiederzusehen!

04.06.2020

Über die Grenze gehen.

Ich spüre Schmerzen.
Ich nehme dann mal meine Karte für die Geräte, sage ich zu der netten Physiotherapeutin, die an der Rezeption steht.
Die Geräterunde habe ich eigentlich gestern schon gemacht, das erste Mal seit drei Monaten. Endlich wieder Gym. Gestern stand mir allerdings eine andere, eine kritische Physiotherapeutin gegenüber, die mich nach meinen sportlichen Zielen fragte. Joaaa, so bleiben wie ich bin, vielleicht etwas Muskelaufbau oder nen Kilo weniger. Eigentlich habe ich mir da auch seit langer Zeit keine großen Gedanken gemacht, was ich denn erreichen möchte, ausser, dass ich mich täglich bewegen muss möchte.
Ein Plan muss her, befindet mein kritisches Gegenüber, heute noch Geräterunde, und morgen, da werden wir ein richtiges Programm aufstellen. Schliesslich müsse man sich ja weiterentwickeln. Es ist klingt wie eine Drohung.

Ich nehme die Karte für die Geräte entgegen, als von hinten eine mir bekannte Stimme ruft: die Karte können Sie gleich wieder abgeben, ich habe schon angefangen, einen Plan aufzustellen! Aber erstmal aufwärmen!
Ich schlendere zum Stepper, Gnadenpause, bevor es zurück zum Quälgeist Motivator geht.
Der Quälgeist Motivator hat sich Gedanken gemacht. Schon beim ersten Programmpunkt rinnt mir der Schweiss den Rücken und das Faceshield, das wir hier tragen (und mit dem man in der Tat besser atmen kann als mit ner Mund/Nasenmaske) über die Stirn hinunter. Es folgen weitere Übungen, mein Einwand, dass ich ja schwerbehindert sei und eine gecrashte Bandscheibe habe, wird überhört.
Was für die Bauchmuskeln fehle noch, sagt der Quälgeist Motivator und schaut mich an. Planks, antworte ich. (note to myself: bist Du noch zu retten?!?) Dem wird sofort zugestimmt, allerdings meint sie nicht profane Planks, sondern eine Abwandlung, die die eh schon ambitiöse Übung auf das nächste Schmerzlevel hebt. Nun fangen auch die Beine an zu zittern.
Aber irgendwie finde ich das jetzt auch gut, ich gehe über meine Grenzen, mein Ehrgeiz ist geweckt, mein Kampfgeist ebenso, und der Quälgeist  mein Motivator bestätigt mir eine akkurate Körperhaltung.

Das gibt Muskelkater, stellt sie am Ende der Stunde zufrieden fest. Ob ich heute noch was vorhätte? Duschen, antworte ich.

Ich spüre Schmerzen, in jedem einzelnen Muskel, und nächste Woche, da geht es in die nächste Runde, zusammen mit dem Quälgeist Motivator, zusammen Ziele zu erreichen.

01.06.2020

Gegen den Strom.

1. Wer beim Frühstück die Frühschicht bucht, hat den Strandspielplatz für sich allein.

2. Wenn die Menschenmassen zum Strand anrücken, gehe ich in den Wald, Bäume umarmen. Und wenn sich alle in der Vorderreihe vor den Restaurants drängeln, picknicke ich vor der Kirche.

3. Die Ostseeorte Scharbeutz und Haffkrug wurden wegen Überfüllung geschlossen. Der Timmendorfer Strand ist am Limit seiner Kapazitäten angekommen.

Und ich? Ich sitze allein im Strandkorb meines kleinen Hotels in Travemünde und lese.

Covid-19 ist nicht mit den Lockerungen verschwunden.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.

24.05.2020

Was der Krebs mit einem macht.

Am schlimmsten sei die Vorstellung, vergessen zu werden. 
A. ist eine junge blonde Frau mit strahlend blauen Augen, die sich für Mode interessiert und am liebsten mit ihrem Hund unterwegs ist. Seit drei Jahren hat die 23-Jährige Magenkrebs. Therapien, Operationen, Hoffnungen, weitere Therapien und Enttäuschungen wechseln sich ab. A. ist unheilbar krank. Die Metastasen sind nicht aufzuhalten. Laut ihren Ärzten könne man nur noch etwas gegen die Schmerzen tun.

Das könne doch alles nicht wahr sein, schreibt A. fassungslos.
Ob sie einen Psychoonkologen und Menschen an ihrer Seite habe, frage ich. Der Psychologe wird verneint, die Menschen, dass seien die Eltern und die Kontakte auf social media, hier postet sie täglich und kommuniziert mit ihren Followern, einer davon bin ich. Auf social media fragt A. auch, ob sich jemand mit Aszites auskenne und erzählt, dass ihre Tumore in den Bauch bluten, daher die Schmerzen, die sie in den letzten Tagen ans Bett fesselten.
Seit zwei Tagen ist ihr Account auf social media verschwunden.

Auf der Site ihrer Klinik haben bereits mehrere unter einem Foto von ihr kommentiert, dass sie sich Sorgen machen.
Es wäre so gut, wenn jemand ihr die Beiträge zeigen könne, schreibe ich an die Klinik. Das zeige ganz wunderbar, dass A. nicht vergessen würde, was ihre schlimmste Befürchtung sei.
Ich habe A. soeben gezeigt, dass an sie gedacht wird – 1000 Dank für Eure lieben Worte“, schreibt eine Krankenschwester zurück.

Der kleine L. ist noch nicht einmal zwei Jahre alt und liegt im Krankenhaus. Seine junge Mutter beschreibt sehr berührend auf Instagram, wie sehr ihr Kind (und auch sie) leidet. L. ist an Leukämie erkrankt und macht eine Chemotherapie.
Kleiner Kämpfer. Loveyoutothemoonandback.
Mich berührt ihr Schicksal, und ich frage sie, ob ich ihrem Kind eine Freude machen könne. Am Ende wird es ein Benjamin Blümchen-Toni mit Gute Nacht-Geschichten, die ich ihnen nach Süddeutschland schicke. L. habe sich wirklich sehr gefreut, schreibt sie mir später.

Was der Krebs mit einem macht?
Emphatisch gegenüber anderen, deren Schicksal ungleich schwerer ist.
Dankbar dafür, dass es einem gut geht.
Demütig vor dem Leben.
Leben wir, lieben wir, lachen wir, reisen wir, als ob es kein Morgen gäbe. Alles andere ist Zeitverschwendung.

23.05.2020

Es geht voran.

Woche 10. Da mich die Ziellosigkeit, mit der ich die letzten Wochen verbracht habe, stört, habe ich mir über Pfingsten ein kleines Hotel in Travemünde gebucht.
Ich habe das gut überlegt: im kleinen Hotel gibt es keinen Fahrstuhl, in dem ich mich infizieren könnte, sondern nur zwei oder drei Stockwerke, die ich locker zu Fuss erklimmen kann. Es gibt auch keine hunderte Zimmer und tausende Gäste, es wird sehr übersichtlich und kein Problem sein, allen aus dem Weg zu gehen.
Die Restaurants, die ich zu besuchen gedenke, haben einen Aussenbereich und die Freunde, mit denen ich mich verabredet habe, werde ich auch nicht umarmen.
Der kritische Punkt ist die Zugfahrt, bei der ich mich zusammenreissen muss, da ich mit Maske hyperventiliere und zu husten anfange, da ich mit ihr einfach nicht atmen kann (und ich bin mittlerweile bei Maskenmodell No. 4 angekommen). Also werde ich mich direkt an die Tür setzen, damit ich frische Luft bekomme.

Lustigerweise habe ich mir über die (nun zwangsweise verschobene) Reise nach Georgien und den Kaukasus nicht annähernd so viele Gedanken gemacht wie über den Kurztrip ins beschauliche Ostseebad um die Ecke.

Im Home Office möchte ich Fotos von Folder a in Folder b kopieren.
Keine Zugriffsberechtigung, sagt das System. Ah so. Das kann natürlich gar nicht sein, dass ausgerechnet ich nicht auf die Abteilungsordner zugreifen kann. Ich fülle das Formular aus, das aufploppt und bitte um eine Berechtigung, ich bin gespannt, wer mir denn die Berechtigung erteilen wird.
Kurz darauf erhalte ich eine email mit der Anfrage, ob ich die Berechtigung an mich zu erteilen gedenke. Was für eine Frage. Ich klicke auf den Zusatz, dass ich mir die höchste, also die Adminberechtigung erteile. Ich bekomme ein weiteres email, dass mir die Berechtigung erteilt wurde. Ich kopiere Fotos von Folder a in Folder b.
Eine halbe Stunde später das gleiche Spiel von vorn. Wieder erteile ich mir die Berechtigung und überlege, ob ich vielleicht mal die IT-Abteilung konsultieren sollte. Da ich mich aber noch nicht allzu sehr ärgere, lasse ich es bleiben. Das Home Office macht mich friedfertig.

Draussen esse ich mittags Spinatcrispelle mit rote-Beete-Mousse auf Salat, einen anderen Tag eine knusprige vegetarische Pizza. In der Home Canteen gibt es selbstgebackenen zucker- und weizenmehlfreien Kuchen (wenn man mal vom Zuckergehalt der Schokolinsen absieht), selbstgemachtes Hummus mit Argan-Öl aus dem Safrangarten bei Marrakesch und frischen Yoghurtdip, Tomaten-Bruschetta mit Basilikum und Sommersalat mit gebratenem Spargel. Dafür, dass ich nicht kochen kann, schlage ich mich ausgesprochen gut. Ich verleihe mir einen mentalen Stern.

Ausserdem melde ich mich zu einem einwöchigen Taiji-Camp an (was nicht schaden kann, da ich immer noch damit liebäugele, einmal in China in einer Taiji-Schule zu trainieren). Und während ich das schreibe, fällt mir auf, dass ich von der Ratlosigkeit der letzten Wochen wieder auf Zielsetzung umgeschaltet habe. Zeit, den Koffer aus dem Keller zu holen.

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15.05.2020

Highlights.

Wir sitzen an einem kleinen Tisch im italienischen Restaurant an der Ecke und studieren die Karte. Ich nehme eine Pizza Salerno, sage ich. Und eine Cola Light! Die letzte Cola habe ich vor Corona getrunken und ist somit das I-Tüpfelchen auf dem Highlight des Tages, dem Besuch im Restaurant.
Was „früher“ etwas Normales war, ist nun etwas besonderes geworden. Dasselbe Gefühl hatte ich vor drei Jahren, als mir – dank der Brustkrebs-Diagnose – die kleinen Dinge des Alltags in einem besonderen Licht erschienen und die Worte Wertschätzung, Demut und Dankbarkeit zentrale Begriffe in meinem Leben wurden.

Weitere Highlights der neunten Woche in Isolationshaft/Homeoffice waren ein Feierabendspaziergang mit meiner kleinen Cousine; knapp 12.000 Schritte ging es am Michel vorbei, weiter durch die Gassen des Komponistenviertels, hinein nach Planten un Blomen und zurück durch die Allee mit den hohen grünen Bäumen hinunter an den Hafen.

Ich habe – im virtuellen Raum – meine Taiji-Class und die Meditation-Class getroffen, eine knappe Stunde mit J., meinem britischen Arktis-Freund, gefacetimt und einige ausführliche Fachgespräche am Telefon mit meinem 10-jährigen Patenkind N. geführt.
Die Eltern schlagen überraschenderweise eine Einladung zum Mittag aus, das sei zu gefährlich – wobei nicht ganz klar wird, ob sie damit die C-Lage oder meine Kochkünste meinen. Ich hake nicht nach.

Außerdem habe ich es gewagt, mir nach über 2,5 Monaten Bankauszüge zu holen, vor denen mir ob der vielen Online-Bestellungen etwas bange war. Ich kann aufatmen; da diverse andere Kosten weggefallen sind, die ich im „normalen“ Leben, aber nicht in Isolationshaft, habe, bin ich doch nicht ruiniert. Auf geht’s ins Internet und bald wieder auf Kurztrips an die Ostsee, neue Highlights schaffen.

08.05.2020

Home.

Woche 8 in Isolationshaft neigt sich dem Ende zu.

Home Office und Home Canteen laufen professionell, da kann ich mich nicht beklagen.
Auch mit den Paketboten bin ich eingespielt, die die Bestellungen unten in den Fahrstuhl stellen und ich oben die Sachen einfach auslade. Von diesen „Sachen“ sind in den letzten Wochen einige zusammengekommen: eine Auflage für den Deckchair in dunkelblau, ein Tankini in schwarz, zwei Snacklieferungen mit gebackenen Linsenflips und Gemüsechips, Wasserkisten, Nagellack und Unterlack, Vitamin B12, ein Handystativ, eine Stoffmaske und etwas Wäsche. Das ist ne ganze Menge, aber ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Die Laune ist gut.

Ich habe einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen und bleibe auch gleich 2 Stunden dort; die Verwahrlosung hat endlich ein Ende gefunden.
Am nächsten Tag geht es zum Zahnarzt; eigentlich bin ich Angstpatient, aber selbst auf dieses Date freue ich mich. Dass meine Frisur sitzt, fällt als erstes ins Auge und wird von der Zahnarzthelferin für top befunden. Meine Zähne sind das zum Glück auch.

Zuhause stelle ich Fotos meines Avatars nach und morse über Slack Dönerkind, Jade0815 und IcyCarbonite an, um zu checken, ob wir Termine zur Zündung von Eiern koordinieren wollen. Kennen tu ich Dönerkind & Co nicht wirklich, aber das macht nix. Mad Max aus der Nachbarschaft hat mit mir Kontakt aufgenommen; wir machen uns den Spass und legen Thementage fest: heute schreibe ich ihm: Moin, Freitag ist Fischtag. Diese kurze Nachricht langt; wir verstehen uns und werden heute wieder Spass haben. (Anmerkung des Autors: da kommen jetzt auch Insider nicht mehr mit).

Ich sitze draussen in der Sonne und lausche der Elbe, die an den Kai schwappt, ich beobachte die Möwen, die auffliegen und kreischen und die Bäume, deren Blätter leise im Wind rascheln. Was will ich mehr, denke ich.

01.05.2020

Woche 7 in Isolation.

Der Donnerstagabend steht unter dem Motto „gönn Dir“: Trash-TV, (Bio-Gemüse)Chips, ein kleines Glas Rotwein (wegen des Resveratrolgehaltes), Schokokekse (ungesund, nicht schönzureden) und ein Stück (vegetarische) Pizza stehen bereit.

Appetit habe ich auf einen grünen Apfel. Ok…also esse ich erst den Apfel, dann eine Karotte, ein paar frische Himbeeren, und trinken mag ich lieber Wasser. Danach esse ich doch noch die Gemüse-Chips. Aber eher deshalb, weil ich sie nun extra für den Trash-Abend besorgt habe.

Ich glaube, mein Körper hat keinen Bedarf mehr an ungesundem Quatsch.

Statt Tanz in den Mai geht es am Freitag wieder in den Hafen zum Taiji-Formen laufen, danach noch etwas Workout.

Ich bin ratlos.

25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

24.04.2020

Life goes on.

Woche 6 im Home Office neigt sich dem Ende zu.

Mittlerweile habe ich mich den neuen Gegebenheiten angepasst und habe keine nennenswerten Probleme mit der Einzelhaft.

Im Gegenteil:
Ich mache viele Spaziergänge durch die nähere Umgebung (und lande überraschenderweise immer wieder am Hamburger Michel, um dort innezuhalten – dabei bin ich Atheist).
Mein Kühlschrank ist gut gefüllt (normalerweise sind die Vorräte Mitte der Woche aufgebraucht).
Mein Arbeitstag beginnt wie gewohnt morgens um 8.00h, ich habe viele Meetings, bekomme tonnenweise E-Mails und ab und an auch einen Anruf.
Bei Videokonferenzen versuche ich den Bildschirm auszufüllen, damit es nicht so auffällt, dass ich in der Küche sitze und sich hinter mir die Kochtöpfe, Pfannen und Teller türmen.

Ich „koche“ recht viel (das „kochen“ setze ich bewusst in Anführungszeichen, das ist eher ein munteres Zusammenwürfeln), es schmeckt mir ausgesprochen gut, und ich bleibe meiner gesunden Ernährung im Großen und Ganzen treu.

Taiji mache ich immer noch regelmässig abends im Hafen oder mit meinen Mitschülern im virtuellen Raum. Das ist schön. Wir freuen uns immer, uns wiederzusehen.

Ich rufe G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, an und erzähle ihr, dass ich mir einen Tankini gekauft habe, der wunderbar die zusätzlichen zwei Kilo (Schuld ist der prall gefüllte Kühlschrank!), die sich am Bauch festgesetzt haben, kaschiert. Hoffentlich macht unser Außenbecken des öffentlichen Bades bald wieder auf.

Und dankbar, das bin ich auch. Immerhin sitze ich hier immer noch gesund und munter, habe genügend zu essen und zu arbeiten, die Sonne scheint, die Elbe glitzert fröhlich vor sich hin, die Möwen schweben kreischend an meinem Balkon vorbei, um abends von den Fledermäusen abgelöst zu werden.

Heute ist Freitag. Wie immer am Freitag mache ich um 12.00h Feierabend, und da ich ja leider nicht ins öffentliche Bad fahren kann, gönne ich mir einen Besuch auf meinem Lieblingswochenmarkt. In der Bahn setze ich die Stoffmaske auf (danke an die liebe K. für den Tipp, Minzöl reinzuträufeln, das mich vorm Erstickungstod bewahrt). Mich umgibt eine Wolke von Chinaöl, meine Augen tränen, aber immerhin kann ich nun etwas atmen.

Der Hamburger Isemarkt ist gut besucht. Ich liebe es, an der frischen Luft einzukaufen. Ich schenke mir zwei Bund orangene Tulpen. Und eine marokkanische Minze, deren Duft mich an den vergangenen Urlaub erinnert. Ich kaufe Spargel, neue Kartoffeln, Petersilie, einen Brokkoli, frischen Spinat, Eier und etwas Obst. Der nette Händler, bei dem ich Olivenbrot und Peperoni-Dipp kaufe, schenkt mir noch ein Schälchen mit weniger scharfem Dipp.

Zuhause gibt es etwas von dem selbstgemachten Tiramisu (mit Blau- und Erdbeeren) und einen Kaffee mit Hafermilch. Und heute Abend, da werde ich wahrscheinlich wieder am Hamburger Michel landen. Und mich über die Fledermäuse freuen.

18.04.2020

…und sonst so?

Erwiesenermaßen bin ich weder ein glorreicher Koch noch ein Bäcker. Trotzdem – oder gerade deshalb – habe ich mich dazu entschlossen, auf meinem Blog eine Rubrik mit Rezepten zu eröffnen, nämlich solche, die simpel, lecker und (zumindest die meisten) auch noch gesund sind. Rezepte werden immer mal wieder ergänzt. Bisher finden die geneigten Leser dort, wie man z.B. zuckerfreie Zitronen bzw. Orangenmarmelade, zuckerfreie Müsliriegel, mehlfreie Flammkuchen, Rharbarbergrütze oder zuckerfreie Schokoküchlein herstellen kann.

Eigentlich kann ich besser Salate und vor allem Office-Snackboxen, die werde ich auch mal demnächst ergänzen.

Wenn Ihr also auch nicht so die Küchenfeen- und Zauberer seid, besucht gern http://www.derfeindinmir.blog –> Rezepte.

Und: ist das nicht ein wohltuender Beitrag, mal so ganz ohne Corona? 🙂

31.03.2020

Der wichtigste Moment.

Heute haben wir zusammen meditiert. Im virtuellen Raum. Wie gestern schon. Da habe ich mit meiner Taiji-Class trainiert.

Die Meditation war so schön, dass am Ende zwei Mitschüler geweint haben. Weil unser Lehrer wieder die richtigen Worte gefunden hat.
Der wichtigste Moment im Leben? Der ist jetzt.

Meditation. Live. Mit meiner Gruppe.
Taiji-Class im virtuellen Raum.

29.03.2020

Leben in Zeiten von Corona

Ich bin gutgelaunt. Eben ging eine Nachricht von meinem Zahnarzt ein, ich möge doch einen Termin zur Kontrolle abmachen sowie zur Zahnreinigung. Sofort rufe ich zurück und bin begeistert, dass man mir sogleich meinen favorisierten Termin vorschlägt (nämlich an einem Donnerstag Abend, man kenne sich doch schon so lange, da wüssten sie doch, wann ich Zeit habe…). Gleichzeitig bin ich verblüfft, dass mich das Abmachen eines Zahnarzttermins so fröhlich stimmt. Normalerweise bin ich der Angstpatient und der Zahnarzt mein Feind Nummer 1 (das sieht er natürlich anders, und das zu Recht…).

Es macht mir insofern gute Laune, weil diese Terminabsprache doch etwas Normaliät in mein Leben bringt, denn das Normale, das vermisse ich.

Statt Büro bin ich seit zwei Wochen im Home Office. Statt Taiji-Class, Meditationsstunde, Schwimmen, Gym und den vielen Sozialkontakten laufe ich allein im Hafen meine 19-er-Form, und das jeden Abend. Auf YouTube habe ich Fitnessvideos gefunden, mit meinen Arktis-Freunden aus den USA, UK, Georgien und der Schweiz halte ich Apero-Parties via FaceTime ab, einen Freund treffe ich zur Mittagspause auf einer Bank an der Elbe (wir halten mindestens 2 Meter Abstand, und es fühlt sich skurril an), ich skype-meete mehr als gewöhnlich, und ja, ich habe mich den jetzigen Gegebenheiten angepasst. Die Sonne scheint, und das bereits seit zwei Wochen, es ist das perfekte Wetter, um ins Aussenbecken des öffentlichen Bades…lassen wir das.

„Mein“ kleines Krankenhaus hat meinen Vor/Nachsorgetermin bereits zweimal verschoben, langsam müsste ich postalisch ein Tamoxifen-Rezept anfordern.

Mein Tag ist strukturiert, und das ist wichtig. Ich komme um Punkt 8:00h in meinem Home Office (ab 16.30h ist es wieder die Küche) an, angezogen und gekämmt, nachdem ich draussen eine Runde um den Block (statt zur Bushaltestelle) gegangen bin.
Mittlerweile ist der Gang zum Drogeriemarkt und zum Bioladen zum Tageshighlight mutiert, die Freude, dass eine Eisdiele und ein Blumenladen geöffnet haben, ist riesig.
Ich koche und backe vor mich hin (wenn das Home Office um 16.30h geschlossen hat), statt des freitäglichen Schokoriegels genehmige ich mir eine kleine Ausnahme pro Tag, ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Und doch weiß ich, dass das hier Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Ich habe schliesslich ein Dach über dem Kopf, ich kann von zuhause arbeiten, ich kann mir laufend die Hände waschen, ich kann Abstand zu meinen Mitmenschen halten, und in meinen Hafen zum Taiji-Üben darf ich auch gehen. Und der Hafen, der ist schön. Und gehört mir ganz allein. Ich kann von hier aus sogar zur Praxis meines Zahnarztes gucken.

22.03.2017

Im Krankenhaus.

Beim Aufwachen erzähle ich der Anästhesistin, dass ich zuhause sei und nicht im Krankenhaus. Das erzählt sie mir später, als sie mich auf der Station besucht.

Ich mache ihm Ärger, sagt Prof Dr M. augenzwinkernd, als ich mit nem Blutdruck von 70:xy und weiteren Problemen wegklappe . ER mache MIR Ärger, entgegne ich. Humor kann ich in jeder Lebenslage.

Sie sind so jung und zart, sagt die Schwester bei der Kontrolle. Das ist nett. Ausserdem sind wir dasselbe Sternzeichen.

Ich hab sie hier alle sehr gern.

Am Schönsten ist aber das Video, welches mein Kollege T. mir von seinem wunderhübschen Sohn aus Asien schickt, den seine Frau J. heute geboren hat. Das schaue ich ganz oft an.

Das Leben ist schön.

***

So intensive, wunderbare, erlebnisreiche und gesunde drei Jahre habe ich seitdem geschenkt bekommen, in denen ich viele Träume verwirklicht habe. Danke an das Leben.

15.03.2020

Schleichend.

Am Dienstag treffe ich mich mit einer Freundin in der Sole. Ich war schon zwei Stunden vorher dort, schwimme im Aussenbecken, lese und schaue auf die beiden Damen in ihren blau-weiß-gepunkteten Badeanzügen, die im Solebad auf dem Rücken im rechten Winkel zueinander dahintreiben, bald werden sich ihre Zehenspitzen berühren. Draussen herrscht ausgelassene Stimmung, ich plaudere mit Hyazinth, dem kleinen Spanier, freue mich, dass das 90-jährige Pärchen wieder durch das Wasser watet und schnappe Wortfetzen zweier älterer Damen auf, die sich über onkologische Themen unterhalten.

Wie leer ist das denn, stelle ich fest, die Gesundheitsmanagerin zuckt mit den Schultern, der Virus halte alle fern, damit sind wir nur zu zweit im Fitnessraum. Ich habe extra ein Desinfektionstüchlein mitgebracht, on top zu dem Spray, das hier sowieso steht und reinige vor Nutzung akribisch die Geräte.

Am Freitag schaue ich in den blauen Himmel, die Wolken ziehen wild vorüber. Noch scheint die Sonne. Ich blinzele, während ich in Rückenlage das Aussenbecken des öffentlichen Bades durchschwimme. Nur zwei weitere Gäste sind im Wasser, das heute wunderbar warm ist. Ein Grad mehr, sagt später die Bademeisterin, das spürt man sofort. Es bleibt leer, auch G., meine Schwimmfreundin, ist nicht erschienen. In den Umkleiden und den Toiletten riecht es nach Desinfektion.

Ich rufe G. an, als ich am Samstag kurz zum Supermarkt möchte, sie wohnt auf der Strecke, ich will fragen, ob ich ihr etwas mitbringen kann. Keiner hebt ab. Am Sonntag lacht sie ins Telefon, sie freut sich sehr ob meines Angebotes, aber sie sei ja nicht gebrechlich (nur 80 Jahre, denke, aber sage ich nicht).
Ich kaufe Kaffee und Filtertüten, nun habe ich je 1,5  Päckchen zuhause. Das ist trotzdem noch kein hamstern, finde ich. Auf dem Rückweg nach Hause ist es menschenleer. Normalerweise muss ich mich durch Touristenmassen drängeln, jetzt stehen hier drei Menschen herum, etwas verloren sehen sie aus.

Die Schwimmtasche für Sonntag ist gepackt, kurz vorher schaue ich sicherheitshalber nochmal auf die Website. Und da steht es: die Stadt Hamburg schliesst ab 14.00h alle Bäder. Ich rufe im Bad an, neun Gesprächspartner sind vor mir in der Leitung, ich lege wieder auf, unschlüssig, ob ich schnell losfahre und die letzte Runde bis auf weiteres schwimme, verwerfe die Idee, es könnte voll sein, und ich achte schon länger darauf, Sicherheitsabstände zu anderen einzuhalten. Da ich eh schon im Sportoutfit bin, jogge ich in den Hafen und laufe meine Taiji-Form, wieder und immer wieder, bis ich meine innere Balance wiedergefunden habe.

Eine Nachricht jagt die nächste, das Virus kommt näher, nimmt Fahrt auf und das tägliche Leben weg. Das mein Schwimmbad geschlossen hat, hat mich wirklich getroffen. Trotzdem muss ich mich weiter bewegen, bewegen für das Immunsystem, bewegen gegen Rückschläge anderer Art, die härter ausfallen würden.
Zwischen den Schlagzeilen lobe ich innerlich meinen Hausarzt, der mich im November bei der Grippeimpfung auch kurzerhand gegen Lungenentzündung geimpft hat, nun wird der Impfstoff knapp.
Eine Nachricht von meinem Taiji-Lehrer, er habe lange nachgedacht und sich entschlossen, weiter zu unterrichten, aber mit Vorkehrungen, die man beim Taiji auch sehr gut einhalten kann (großzügiger Sicherheitsabstand, keine Berührungen, und wer kränkelt, möge fernbleiben). Ich freue mich, denn Balance braucht man wirklich in dieser Krise, schreibe fröhlich zurück, um dann in den neuen Anordnungen der Stadt Hamburg zu lesen, dass sämtliche Sporthallen zu schliessen haben.

Der Fitness-Rückblick – vermutlich der letzte „normale“ Rückblick für die nächste Zeit:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Schwimmen/Sole ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Mini-Jogging und Taiji ✔️

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07.03.2020

Zeitstrahl.

Ich sehe den jungen, schwarzgekleideten Mann, der mir in der Bahn schräg gegenübersitzt und hustet. Ich rieche den Duft der Salmis am Stand des U-Bahnhofes Schlump, an dem ich mir eine Tüte Bonbons kaufe und den ersten auf dem Weg zur Meditation in den Mund stecke. Ich denke an den Arbeitstag und dass es morgens auf dem Weg dorthin schon wieder heller wird, an den Ritt auf dem Dromedar durch die Sanddünen der Sahara, ich stehe im Basecamp vorm Mount Everest, ich sehe mich als Teenager mit dem Fahrrad zum Reiten fahren und wie ich als kleines Kind auf der Treppe meines Elternhauses auf dem rot-schwarzgepunkteten Läufer stehe, zusammen mit meiner großen Cousine, die eine Etage unter uns wohnt.

Ich stelle die Vergangenheit rechts neben mich.

Ich sehe die Schröderstiftstraße, die ich nachher zusammen mit C. entlang zum Bahnhof gehen werde, wir werden uns austauschen, dann steige ich in die Bahn. Ich werde am Hafen aussteigen, an der Elbe entlang nach Hause gehen, den dunklen Himmel und die leuchtenden Lichter sehen und die kalte Abendluft spüren, ich denke an Morgen und an die anstehenden Meetings. Ich sehe mich beim Schwimmen am Freitag und G. mit ihrer neuen blauen Badekappe neben mir, ich sehe mich am Flughafen am Gate in München, wo ich auf A. aus der Schweiz stoße und wir zusammen weiter nach Georgien fliegen. Ich sehe mich beim Taiji-Camp im Juli und beim Wandern in der Sonne durch die grünen Täler in Österreich.

Ich stelle die Zukunft links neben mich.

Und jetzt konzentrieren wir uns auf das, was bleibt, sagt unser Lehrer. Es ist das Hier und Jetzt, wir sitzen mit geschlossenen Augen im Meditationsraum des Psychologenhauses mit dem verwunschenen Garten, wir achten auf unseren Atem.

Und plötzlich spüre ich Freude, Freude darüber, dass meine Gedanken an die Vergangenheit und vor allem an die Zukunft heiter und angstfrei sind.

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29.02.2020

Better safe than sorry.

Ich stehe im Drogeriemarkt meines Vertrauens, und obwohl es noch am frühen Vormittag ist, sind die Regale, in denen sonst Seifen und Desinfektionsmittel stehen, leergefegt. Eigentlich wollte ich nur ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel für die Hände kaufen, die Sorte, die ich grundsätzlich immer auf dem Schreibtisch im Büro und in meiner Handtasche habe, aber nun nehme ich eines der letzten Seifenstückchen, das von den Hamsterern zurückgelassen wurde.

Ausserdem nehme ich zwei Gläser Bio-Kürbissuppe mit. Die standen zwar nicht auf meiner Einkaufsliste, aber ich habe erstmals beschlossen, einen kleinen Not-Vorrat anzulegen.
Das fällt mir schwer, da ich zuhause nur frische Lebensmittel und ein paar Haferflocken und Dinkelnudeln habe, aber ich halte es für durchaus sinnvoll, den Nudelvorrat etwas aufzustocken und um Spargel,- Wurzeln,- Erbsen,- Tomaten,- Mais,- Sauerkirschen,- Pfirsiche,- und Ananasdosen bzg. Gläser zu ergänzen.
Schon neulich, als ich mit Magen-Darm flachlag, ist mir aufgefallen, dass ich – bis auf ein paar Haferflocken und zwei Äpfel – nicht sehr viel zu essen zuhause hatte. Wobei ich da auch keinen Appetit und somit zwei Kilogramm an Gewicht verloren habe.

Ich habe mir die Notvorratsliste, die von der Bundesregierung herausgegeben wurde, angeschaut. Natürlich lege ich weder Milch- noch Fleischvorräte an, und erst recht kaufe ich mir keinen Campingkocher. Man muss die Kirche im Dorf lassen.
Trotzdem ordere ich online einen kleinen Vorrat, den ich im Keller im roten Koffer lagern werde. Das Brot werde ich natürlich in den Gefrierschrank tun, aber alles andere wird in den Keller wandern, und das aus gutem Grund: sobald ich etwas „aussergewöhnliches“ zu essen in der Wohnung habe, esse ich es auf. Sofort. Und Obst und Gemüse in Gläsern würden dazugehören, da bin ich mir sicher. Ich kenne mich.

Beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades treffe ich auf G., meine 80jährige Schwimmfreundin. Sie freut sich, mich zu sehen, aber, „umarmen können wir uns jetzt nicht“, sagt sie, „Corona….„. Ich stimme ihr zu, auch ich gebe niemandem mehr die Hand und wasche die meinigen umso häufiger. Da wir zu der Zielgruppe, die es schwerer treffen könnte (alt beziehungsweise immunschwach), gehören, muss man ja auch kein unnötiges Risiko eingehen. Aufmerksam agieren ist meine Devise, aber auch nicht unnötig in Panik verfallen. G. sieht das genauso; wir werden weiter ins Schwimmbad, das auffällig leer ist, gehen.

Auf Statistiken gebe ich nichts: 0,1% bis 0,2% der Grippeerkrankten sterben, 2,8% sind es derzeit bei den Coronafällen. Das klingt zwar nicht so hoch, aber ich bin auch diejenige, die zu den 8% an Bord eines Expeditionsschiffes gehört, die die stürmische Drakepassage ohne Seekrankheit übersteht. Und ich gehöre zu den 0,0…% (?) derjenigen, die an einem beidseitigen Brustkrebs, dem kein BRCA1/BRCA2-Defekt zugrunde liegt, erkrankt ist. Und einen so seltenen Gendefekt hat, der noch nicht einmal erforscht ist.

Man kann sich einerseits über die Panikmache in den Medien ärgern, die jeden Menschen, der hustet, als Eilmeldung publizieren, auf der anderen Seite über diejenigen, die sich über die Situation lustig machen (solange es einen nicht selbst trifft…) und auch über diejenigen, die tatsächlich sämtliche Vorräte aufkaufen, als gäbe es kein Morgen mehr. Zumindest kein Morgen, an dem Geschäfte geöffnet haben.
„Haben sie morgen auch nicht“, rufe ich mir zu, „morgen ist ja Sonntag!“ Nun gut, das meinte ich zwar nicht, aber ich meine, man müsse schon aufmerksam und etwas umsichtiger sein, wenn man in die Kategorie „alt und/oder immunschwach“ gehört. Ich krame mein Desinfektionsmittel, das ich schon seit dem Everest mit durch die Weltgeschichte trage, aus dem Badezimmerschrank hervor und reinige die Türklinken. Better safe than sorry.

23.02.2020

Logbuch Sahara – Epilog

Es ist dunkel. Das Licht in der Kabine ist ausgeschaltet. Das Flugzeug macht einen Satz abwärts, fängt sich, ich schaue zu meiner Sitznachbarin, die mich ebenso erschrocken anschaut. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass der Pilot sich entschuldigt hat, dass der Caterer nicht zum Flugzeug kommen konnte und wir nun mit den Restbeständen an Getränken, die vom letzten Flug übrig geblieben sind, Vorlieb nehmen müssten. Das ist allerdings meine geringste Sorge.

Du brauchst keine Angst haben, denke ich. Die Angst macht ja keinen Sinn. Ich kann nicht flüchten, ich kann die Situation nicht ändern, also kann ich den Flug genauso gut angstfrei verbringen. Ich schalte die Leselampe über meinem Sitz an und krame den Krimi aus dem Rucksack.

Koffer ausräumen: Ich schütte die Gemüsebrühe zurück ins Glas, den Kamillentee in die Schachtel und die Haferflocken in die Vorratsdose. Der Apfel, den ich zehn Tage durch die Wüste geschleppt habe, kommt wieder zurück in die Obstschale zu seinen Gefährten. Morgen früh werde ich ihn essen, zusammen mit einem Porridge.

Was habe ich von dieser Reise noch zurückgebracht?
Viele matte Rot-Gelb-und Brauntöne, die die Wüste und das Atlasgebirge dominieren. Ein krasser Gegensatz zu den glitzernden Blautönen, die ich aus der Arktis und der Antarktis kenne.
Das Wissen, dass die Sahara nicht nur aus Sanddünen besteht, sondern zu 80% aus Felsen und Steinen.
Eine Oase ist keine Palme an nem Tümpel irgendwo im unendlichen Sand. Eine Oase ist ein Paradies, in dem Blumen und Minze blühen, Dattelpalmen und Bohnen wachsen und Mandel- und Aprikosenbäume angebaut werden. Und noch so viel mehr.
Marokko ist das Land der Paläste und der Gärten.
Dromedare laufen sechs Kilometer in der Stunde.
Das Wissen, dass in drei Wochen ein paar kleine Jungs mit einem richtigen Fussball spielen können.

–  Ende –

22.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 10

Worte werden der Schönheit des Tages nicht gerecht.

U. und ich verbringen den Tag im Paradies, schlendern durch den Anima-Garten und später im Paradis du Safran durch Felder mit Zitronenbäumen, deren gelben Früchte einen krassen Gegensatz zum leuchtenden Blau des Himmels bilden. Wir riechen an Lavendel, an riesigen Hecken aus Rosmarin und an Salbei, Vanille, Pfeffer und Schwarzkümmel. Wir schreiten barfuss über Baumstämme, Palmwedel, Kieselsteine und Argannüsse, wir halten unsere Füsse in Tonkrüge mit kühlem Wasser und Rosenblüten, bevor wir sie mit Orangenöl pflegen.

Wir geniessen das beste Essen, was es geben kann, hier unter dem Strohdach der Terrasse, während die Katzen und Hunde neben uns Siesta halten.

Abends muss ich mir immer wieder die Fotos der Reisegruppe ansehen, die nach uns den Anima-Garten besucht hat, oh, sehr schön, sage ich, Du hast etwas verpasst, sagen die Mitreisenden, ich lächle und sage nichts.

Unser Abschiedsdinner findet in einem palastähnlichen Gebäude des 16./17.ten Jahrhunderts statt, den wir am Ende des Labyrinths der Souks durch eine riesige Holztür betreten. Ich bestaune die verschiedenen Etagen und klettere aufs Dach, die Dämmerung legt sich über Marrakesch, der Muezzin ruft.

Und nun passiert das, was das Paradies zur Hölle mutieren lässt: Ich dachte, in Marokko gäbe es nur Islamisten, aber hier gibts ja nette Menschen, stellt C. fest. I., die meint, das dicke Frauen gern Ausländer heiraten, sagt, ihr Essen sei sehr lecker. B. echauffiert sich, lecker, lecker, die deutsche Sprache hätte wohl bessere Worte zur Beschreibung des Essens zu bieten, Alternativen nennt sie nicht. Am anderen Tisch wird der Ober angeschrien, der ein Tuch (deutsche Sitzplatzreservierung) zur Seite nehmen wollte um den Tisch umzustellen. H. will jetzt ihr Bier, aber sofort, und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass der Ober ihren Teller zu sehr gefüllt habe. Der Teller muss weg.

Ahmed, der neben mir sitzt, versucht zu schlichten, bemüht sich, ruhig zu bleiben, um mir dann zuzuraunen, dass er so etwas auch noch nicht erlebt habe. Einen oder zwei schwierige Mitreisende gäbe es immer – hier sei das Verhältnis umgekehrt. Als T. von ihrer Woche in Marrakesch im Krankenhaus bei ihrem Mann erzählt, ist klar, was wirkliche Probleme sind, jedenfalls Ahmed und ich wissen das, während der Rest der Gruppe weiterstreitet. Später tausche ich mich mit U. aus, die am anderen Ende des Saals gesessen hat, natürlich war der Aufstand an meinem Tisch überall zu hören.

Wie gut, dass schlechte Erinnerungen verblassen werden. Die Schönheit des Erlebten, die wird bleiben.

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.