Das vergessene Land.

„My mom is still weak. My grandpa and grandma are getting worse day by day, we have difficulties to find oxygen for them. We can’t go to hospitals and military makes the situation even more worse. We haven’t enough oxygen for all the sick people, Myanmar people are in huge trouble now. I am also very tired to save my grandma and my grandpa.“

Ob ich ihr irgendwie helfen könne, frage ich meine Kollegin. Ob sie Urlaub haben könne, zwei oder drei Wochen. Sie müsse Sauerstoff finden und sich um ihre kranke Familie kümmern. Die Familie, das sind die Mutter, der Vater, der kleine Bruder, der Großvater und zwei Großmütter. In Myanmar lebt man mit der ganzen Familie zusammen. Und alle haben Corona. Natürlich genehmige ich den Urlaub und verfolge weiter die unzähligen posts auf social media meiner Freunde und Kollegen, die in Myanmar leben, im Moment mehr schlecht als recht, irgendwo zwischen einem Militärputsch und einer massiven Coronawelle, die es laut Staatsfernsehen nicht gibt, es gehe allen gut, wird dort vermeldet. Derweil werden Straftäter aus den Gefängnissen entlassen, damit dort Platz für Demonstranten ist, die für Demokratie auf die Straße gehen, dort werden Menschen erschossen, nachts in Wohnungen eingebrochen und Putschgegner abtransportiert, Licht mache man abends längst nicht mehr an, aus Furcht.

UN und ASEAN drohen hilflos den neuen, alten Machtinhabern, die darüber nur lächeln können, man sei es gewohnt, keine Freunde zu haben, man sei es gewohnt, dass Sanktionen erhoben werden.

Die Ärzte haben die Krankenhäuser verlassen. Niemand will unter dem Militär arbeiten. Das Volk, das stirbt. Es gibt keinen Impfstoff gegen Corona; ein deutscher Freund, einer der ganz wenigen Ausländer, die in Yangon geblieben sind, konnte sich dank seiner guten Kontakte zur russischen Botschaft mit Sputnik impfen lassen. Besser als gar nichts. Das Volk habe nicht soviel Glück.

Auch der Großvater hat kein Glück. „Now my grandpa is gone, I am left with the both grandmas, my mom and dad and my younger brother. Don’t worry, my neighbors help us with food“.

Die Übersetzungen vom Burmesischen ins Englische sind unbefriedigend. „Grandpa has taken also grandma with him“, lese ich am Sonntag, ein Foto zeigt die aufgebahrten Toten in der Wohnung, die Leicheneinsammler, die durch die Straßen gehen, waren noch nicht da.

„Now I need to fight for my dad and my other grandma“, schreibt mir Lin Lin am Montag. Ich finde keine Worte für diese humanitäre Katastrophe, für die Hölle, in der sie sich befindet, und versuche zu trösten, so gut ich kann.

Als ich an Brustkrebs erkrankt war, schrieb mir eine burmesische Kollegin, dass sie zur Shwedagon Pagode gegangen und für mich gebetet hat. Vielleicht hat Buddha ein bisschen mein Leben gerettet.

Ich möchte einen Teil meines nächsten Gehaltes an meine Kollegin überschreiben, sage ich. Ich habe schliesslich zu essen, ich bin geimpft, ich bin gesund. „I am proud to have such colleagues. My respect“, schreibt mir der Head of HR. „Das ist kompliziert, das hätte ich mal absprechen sollen“, höre ich von meinem Geschäftsführer. „Das kriegen wir hin, in cash, denn die Banken haben geschlossen, Geldautomaten funktionieren nicht mehr“, sagt der Buchhalter, aber ich vertraue den kreativen Kollegen im Accounting, die eine Lösung finden werden. „We love you. Hope to see you soon“, schreibt mir Myo Maung aus Sanchaung. „Next time when I am in, we drink a beer together“, antworte ich. Und „please stay safe.“ „Please stay safe, too“, antwortet er.

Soll ich zum ersten Kulturevent nach Planten un Blomen unter freiem Himmel gehen? Soll ich lachen? Soll ich schwimmen gehen? Ja, das sollte ich: nur wenn ich psychisch und physisch fit bin, kann ich anderen helfen.

Ich schwimme. Und schwimme. Ich schwimme, bis ich denke, dass ich fliege, so leicht gleite ich dahin, hindurch durch das Wasser, hinein in den Himmel, der steinern grau über dem Becken liegt.

5 Gedanken zu “19.07.2021

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