25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

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23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.

20.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 4

Und jetzt kommt der Kracher: seit Jahren fahre ich regelmässig nach Madeira, ursprünglich inspiriert durch die Sissi-Szene, in der die Kaiserin aka Romy Schneider lungenkrank im malerischen Garten liegt und über die madeirensische Küste schaut, während der Franz ihr Blumen und Perlen schickt…und stelle soeben fest: die Madeira-Szenen wurden gar nicht hier, sondern an der Amalfi-Küste in Italien gedreht 🤯! Ich bin irrtümlich auf Madeira gelandet.

Da nun die Film-Sissi nicht durch Gärten des Reids gewandelt ist, bleibt es aber trotzdem bei der Original-Kaiserin Sisi (mit einem ‚s‘), die hier schon residierte, ebenso taten dies Winston Churchill, Gregory Peck, George Bernard Shaw und Roger Moore. Und in die Gärten nehme ich Euch jetzt trotzdem mit, Sissi hin, Sisi her…(Video im link)

Bin etwas ratlos, wie mir so ein fauxpas unterlaufen konnte.

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19.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 3

Einen Ausflug zum Jardim Botanico wollte ich machen, Blumen bewundern und mit Papageien plaudern. In der Altstadt wollte ich Mittag essen, an der Promenade längsspazieren bis hin zum Mercado dos Lavradores. Eine Tagestour für Sonntag wollte ich buchen, vielleicht einen Levadawalk, vielleicht zum Pico do Arieiro, an die Klippen von Sao Lourenco in den Osten oder nach Porto Moniz in den Westen. Oder vielleicht eine Tour mit dem Katamaran machen und Delphine beobachten; die flyer habe ich von der Rezeption, und gestern war ich in zwei Ausflugsbüros.

Und dann fällt mir ein: warum sollte ich mein Paradies verlassen?

Und ich schwimme im Meerwasserpool, beobachte die riesigen roten Krebse, lese auf der Liege und schaue auf’s Meer.

18.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 2

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal vor Aufregung nicht schlafen konnte.

Ich liege wach im Bett, die vielen Kissen und Decken knistern auf dem Boxspringbett, mein Blick fällt durch die weit geöffnete Balkontür auf die Häuschen der schlafenden Stadt, die sich – in gelbes Licht gehüllt – an die dunklen Berge schmiegen.

Ich ziehe die Gardinen nie zu; ich liebe es, auf die mediterranen Lichter der Strassenlampen zu schauen und dem Meeresrauschen zu lauschen.

Auch gestern Nacht – bevor es vier Stunden mit der Bahn und fünf weitere mit dem Flieger Richtung Madeira ging, konnte ich nicht schlafen. Ich, die Vielreisende, bin schlichtweg aus der Übung. Höchste Zeit, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fahrt nehme ich auch auf, als ich mein Hotel durchquere, das rosafarben auf einer Klippe über dem Meer aufragt. Es windet sich um Ecken bis hinunter an den Ozean, was für mich als Orientierungslegastheniker eine Herausforderung ist. So habe ich die ersten 4.000 Schritte des Tages im Hotel zurückgelegt, auf der Suche nach dem Frühstücksbereich (am Pool 1 und 2), der Rezeption und meinem Zimmer, ich stosse auf meinem Weg überraschenderweise auf die riesigen Gärten, von denen aus schon Kaiserin Elisabeth von Österreich und Sissi-Romy Schneider den Blick über das Meer schweifen liessen. Der Fahrstuhl in die achte Etage bringt mich nicht zu meinem Zimmer, das in eben jener Etage liegt. Der nächste Fahrstuhl führt überhaupt keine achte Etage, und wenn ich zum Frühstück möchte, muss ich verschiedene Fahrstühle und noch eine Treppe nehmen, nachdem ich durch lange Flure gewandert bin.

Ich schwimme im Meerwasserpool am Vormittag und im warmen Pool am Nachmittag, ich lese liegend unterm Sonnenschirm, mein Blick folgt Möwen übers Meer.

07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

31.12.2020

Rückblick. Ausblick.

In diesem Moment würde ich eigentlich mit Freunden in einem Wiener Kaffeehaus sitzen. Wir würden überlegen, ob wir in Richtung Naschmarkt gehen oder in den botanischen Garten, der hinter den Parkanlagen des Belvederes liegt. Um Mitternacht stiessen wir mit einem Glas Sekt auf der Eislaufbahn am Rathaus an.
Ich hätte von meiner Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien berichtet und wie wir staunend am Kaukasus stehen. Ich hätte einmal mehr das Tosen der Wellen am Strand von Westerland beschrieben.

Dann gehe ich meine Fotos durch, die ich 2020 gemacht habe, einem Jahr, das mich öfters an meine mentale Grenze gebracht hat. Ich finde ein Meer an Erinnerungen, Erinnerungen, die durch den mächtigen Eindruck der Pandemie in den Hintergrund gerückt waren.

Ich erinnere mich an die Stille am Morgen, die von den Klavierklängen meines Taijilehrers durchbrochen wird, bevor wir mit dem Unterricht beim Retreat gestartet sind. Ich finde Bilder mit bunten Blumen und tanzenden Schmetterlingen, Sonnenstrahlen, die über Johannissträucher streifen, während wir die verschiedenen Stehenden Säulen praktizieren, und den Gänsen, die neugierig durchs Fenster zuschauen.

Ich erinnere mich an die Reise nach Österreich, das satte Grün der Wiesen, die schneebedeckten Berge, die Hütten, die mächtigen Farben und an die Überquerung der 210 Meter langen und 162 Meter tiefen Schlucht, nur gehalten von einem Seil.

Ich erinnere mich an den Safrangarten bei Marrakesch, an die zarten gelben Blüten, die das mehrgängige Mittagsmenü zierten. Und an den Ritt auf dem Kamel, durch die orangenen Dünen der Sahara, unter strahlend blauem Himmel.

Ich erinnere mich an die Wochenenden in Travemünde, eisessend mit Freunden an der Promenade, ich erinnere mich an lange Spaziergänge an der Nordsee auf Sylt und an den Kaffee, den ich am Strand genossen habe, mit einem grandiosen Buch – Gerald Durrell / The Corfu Trilogy – in der Hand.

Ich erinnere mich an unzählige Besuche meines öffentlichen Bades, das ich unter anderen Bedingungen neu entdeckt habe, an die vielen Stunden allein um 7.00h im 17-Grad kühlen Becken (ohne Neopren!), soviel Sonne, soviel Geglitzer auf dem Wasser und Frühstücken am Beckenrand um den Kampfschwimmern zuzusehen.

Ich erinnere mich an die schönen Begegnungen mit Menschen, die ich bisher nur über WordPress/Insta kannte, an die vielen Kommentare und den regen Austausch.

Ich erinnere mich an die Kampagne der Mammomädels im Oktober und an viele T-Shirts, die ich im Rahmen dessen gestaltet habe. Ich erinnere mich an die Aktion von Hamburg wird pink und das Video, in dem auch ich auf Brustkrebs aufmerksam mache. Ich erinnere mich an Cancer Unites, wo ich in einem Video mit anderen Bloggern zum Thema Angst Stellung genommen habe.

Ich erinnere mich an die vielen Spaziergänge durch Hamburg.
Ich erinnere mich an den Tod eines Freundes.

Ich erinnere mich an den geschmuggelten Sekt in der Thermoskanne, mit dem wir an meinem Geburtstag im Park angestossen haben.

Ich erinnere mich daran, dass ich Dank Meditation und Medikamenten gesundheitliche Schräglagen in den Griff bekommen habe.

Ich erinnere mich daran, dass ich gesund bin.
Und das 2021 ein wunderbares Jahr werden wird.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

19.07.2020

Retreat – Tag 1

Wir sitzen im VW-Bus und fahren durch die Landschaft, weiter und immer weiter, um uns liegen Felder, Wiesen und Weite.

K. und ich unterhalten uns lebhaft, L., der hinten sitzt, döst vor sich hin.

Endlich erreichen wir die Mühle, die für die nächste Woche unser Rückzugsort sein wird. Inmitten im Grünen liegt sie, umgeben von zwei Mühlenteichen, die mit Moos überwuchert sind, überall blühen duftende Rosen, wir begegnen gackernden Gänsen und zwei Katzen und beziehen unsere Zimmer.

Um 16.00h gibt es Kaffee und Kuchen, und wir lernen unsere Mit-Retreatler kennen; insgesamt sind wir sechs Männer und vier Frauen, alle machen einen sympathischen Eindruck.

Dann folgt die Einführung über das, was uns erwartet: meine Vermutung, dass es anstrengend wird, scheint sich zu bestätigen. Gestartet wird mit einer Sitzmeditation, wir lassen es ruhig angehen. Das Abendessen nehmen wir draussen vor der Mühle ein; alles ist frisch zubereitet, viel Obst, Gemüse und Vollkornbrot, ich bin begeistert.

Ob wir noch Lust auf einen Spaziergang zu der Wiese machen wollen, auf der wir nachmittags trainieren werden? Klar haben wir das, T. bietet sich an, die Teller zurück ins Haus zu bringen und wird prompt vergessen, als wir uns auf den Weg machen (einen Weg gibt es nicht, wir marschieren über Feld und Flur). Grashüpfer springen durch die Wiesen, und irgendwann kommt dann auch DIE Wiese, über die sich ein sanftes gelbes Abendlicht legt.

Kannst Du die Bierflaschen mit reinnehmen, wir gehen T. suchen, fragt K. Den Trick kenne ich schon, sage ich und lache, bringe die Flaschen weg und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

18.07.2020

Logbuch: Taiji-Retreat

Prolog
Sonnencreme für die Sahara, Toilettenpapier für Tibet, Tankini für das Tote Meer, Nüsse für den Nordpol, eine Schneehose für den Südpol.

Diesmal packe ich stapelweise T-Shirts in den Koffer, Trainingsanzüge, Turnschuhe, einen Badeanzug (immer im Gepäck, vielleicht finde ich einen See) und ein Buch.
Diesmal geht es an kein äusseres Ende der Welt, diesmal geht die Reise nach Innen.

Ein Retreat ist ein Rückzug. Es geht um Loslassen, dem Entwickeln von Raum und Freiheit im Körper und um das Sinken. Auch das wird ein Abenteuer, aber auf andere Art und Weise: ich stiefele nicht auf 5.200 Meter durch ein Basecamp, aus dem sonst Bergsteiger auf den Gipfel des höchsten Berg der Erde aufbrechen, ich reite nicht verhüllt auf einem Kamel durch gelben Wüstensand, ich werde keine Gletscher kalben hören, umgeben von unendlich vielen Blautönen, die die Kälte an den Polen widerspiegeln.

Ich werde stehen und mit diesem Stehen zu einem Weg ins Innere aufbrechen, begleitet vom Duft der Blumen auf der Wiese, dem Geplätscher des Teiches, dem Rauschen der Bäume, dem Summen der Bienen, dem Zwitschern der Vögel.
(note to myself: in der Ankündigung stehen 6 Stunden Taji-Unterricht täglich, das könnte in der Tat die ausgemalte Idylle mit Zwitschern, Summen, Brummen und Plätschern beeinflussen, schon das reguläre 90-Minuten-Training ist nicht ohne).

Ich bin gespannt, wie diese Reise wird, zu der ich morgen aufbrechen werde; das Freiheitsgefühl, das habe ich schon jetzt, den K. wird mich mit ihrem VW-Bus einsammeln, und dann geht sie los, die Reise ins Wendland in die Heide Innere.

01.06.2020

Gegen den Strom.

1. Wer beim Frühstück die Frühschicht bucht, hat den Strandspielplatz für sich allein.

2. Wenn die Menschenmassen zum Strand anrücken, gehe ich in den Wald, Bäume umarmen. Und wenn sich alle in der Vorderreihe vor den Restaurants drängeln, picknicke ich vor der Kirche.

3. Die Ostseeorte Scharbeutz und Haffkrug wurden wegen Überfüllung geschlossen. Der Timmendorfer Strand ist am Limit seiner Kapazitäten angekommen.

Und ich? Ich sitze allein im Strandkorb meines kleinen Hotels in Travemünde und lese.

Covid-19 ist nicht mit den Lockerungen verschwunden.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.

15.05.2020

Highlights.

Wir sitzen an einem kleinen Tisch im italienischen Restaurant an der Ecke und studieren die Karte. Ich nehme eine Pizza Salerno, sage ich. Und eine Cola Light! Die letzte Cola habe ich vor Corona getrunken und ist somit das I-Tüpfelchen auf dem Highlight des Tages, dem Besuch im Restaurant.
Was „früher“ etwas Normales war, ist nun etwas besonderes geworden. Dasselbe Gefühl hatte ich vor drei Jahren, als mir – dank der Brustkrebs-Diagnose – die kleinen Dinge des Alltags in einem besonderen Licht erschienen und die Worte Wertschätzung, Demut und Dankbarkeit zentrale Begriffe in meinem Leben wurden.

Weitere Highlights der neunten Woche in Isolationshaft/Homeoffice waren ein Feierabendspaziergang mit meiner kleinen Cousine; knapp 12.000 Schritte ging es am Michel vorbei, weiter durch die Gassen des Komponistenviertels, hinein nach Planten un Blomen und zurück durch die Allee mit den hohen grünen Bäumen hinunter an den Hafen.

Ich habe – im virtuellen Raum – meine Taiji-Class und die Meditation-Class getroffen, eine knappe Stunde mit J., meinem britischen Arktis-Freund, gefacetimt und einige ausführliche Fachgespräche am Telefon mit meinem 10-jährigen Patenkind N. geführt.
Die Eltern schlagen überraschenderweise eine Einladung zum Mittag aus, das sei zu gefährlich – wobei nicht ganz klar wird, ob sie damit die C-Lage oder meine Kochkünste meinen. Ich hake nicht nach.

Außerdem habe ich es gewagt, mir nach über 2,5 Monaten Bankauszüge zu holen, vor denen mir ob der vielen Online-Bestellungen etwas bange war. Ich kann aufatmen; da diverse andere Kosten weggefallen sind, die ich im „normalen“ Leben, aber nicht in Isolationshaft, habe, bin ich doch nicht ruiniert. Auf geht’s ins Internet und bald wieder auf Kurztrips an die Ostsee, neue Highlights schaffen.

25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

23.02.2020

Logbuch Sahara – Epilog

Es ist dunkel. Das Licht in der Kabine ist ausgeschaltet. Das Flugzeug macht einen Satz abwärts, fängt sich, ich schaue zu meiner Sitznachbarin, die mich ebenso erschrocken anschaut. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass der Pilot sich entschuldigt hat, dass der Caterer nicht zum Flugzeug kommen konnte und wir nun mit den Restbeständen an Getränken, die vom letzten Flug übrig geblieben sind, Vorlieb nehmen müssten. Das ist allerdings meine geringste Sorge.

Du brauchst keine Angst haben, denke ich. Die Angst macht ja keinen Sinn. Ich kann nicht flüchten, ich kann die Situation nicht ändern, also kann ich den Flug genauso gut angstfrei verbringen. Ich schalte die Leselampe über meinem Sitz an und krame den Krimi aus dem Rucksack.

Koffer ausräumen: Ich schütte die Gemüsebrühe zurück ins Glas, den Kamillentee in die Schachtel und die Haferflocken in die Vorratsdose. Der Apfel, den ich zehn Tage durch die Wüste geschleppt habe, kommt wieder zurück in die Obstschale zu seinen Gefährten. Morgen früh werde ich ihn essen, zusammen mit einem Porridge.

Was habe ich von dieser Reise noch zurückgebracht?
Viele matte Rot-Gelb-und Brauntöne, die die Wüste und das Atlasgebirge dominieren. Ein krasser Gegensatz zu den glitzernden Blautönen, die ich aus der Arktis und der Antarktis kenne.
Das Wissen, dass die Sahara nicht nur aus Sanddünen besteht, sondern zu 80% aus Felsen und Steinen.
Eine Oase ist keine Palme an nem Tümpel irgendwo im unendlichen Sand. Eine Oase ist ein Paradies, in dem Blumen und Minze blühen, Dattelpalmen und Bohnen wachsen und Mandel- und Aprikosenbäume angebaut werden. Und noch so viel mehr.
Marokko ist das Land der Paläste und der Gärten.
Dromedare laufen sechs Kilometer in der Stunde.
Das Wissen, dass in drei Wochen ein paar kleine Jungs mit einem richtigen Fussball spielen können.

–  Ende –

22.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 10

Worte werden der Schönheit des Tages nicht gerecht.

U. und ich verbringen den Tag im Paradies, schlendern durch den Anima-Garten und später im Paradis du Safran durch Felder mit Zitronenbäumen, deren gelben Früchte einen krassen Gegensatz zum leuchtenden Blau des Himmels bilden. Wir riechen an Lavendel, an riesigen Hecken aus Rosmarin und an Salbei, Vanille, Pfeffer und Schwarzkümmel. Wir schreiten barfuss über Baumstämme, Palmwedel, Kieselsteine und Argannüsse, wir halten unsere Füsse in Tonkrüge mit kühlem Wasser und Rosenblüten, bevor wir sie mit Orangenöl pflegen.

Wir geniessen das beste Essen, was es geben kann, hier unter dem Strohdach der Terrasse, während die Katzen und Hunde neben uns Siesta halten.

Abends muss ich mir immer wieder die Fotos der Reisegruppe ansehen, die nach uns den Anima-Garten besucht hat, oh, sehr schön, sage ich, Du hast etwas verpasst, sagen die Mitreisenden, ich lächle und sage nichts.

Unser Abschiedsdinner findet in einem palastähnlichen Gebäude des 16./17.ten Jahrhunderts statt, den wir am Ende des Labyrinths der Souks durch eine riesige Holztür betreten. Ich bestaune die verschiedenen Etagen und klettere aufs Dach, die Dämmerung legt sich über Marrakesch, der Muezzin ruft.

Und nun passiert das, was das Paradies zur Hölle mutieren lässt: Ich dachte, in Marokko gäbe es nur Islamisten, aber hier gibts ja nette Menschen, stellt C. fest. I., die meint, das dicke Frauen gern Ausländer heiraten, sagt, ihr Essen sei sehr lecker. B. echauffiert sich, lecker, lecker, die deutsche Sprache hätte wohl bessere Worte zur Beschreibung des Essens zu bieten, Alternativen nennt sie nicht. Am anderen Tisch wird der Ober angeschrien, der ein Tuch (deutsche Sitzplatzreservierung) zur Seite nehmen wollte um den Tisch umzustellen. H. will jetzt ihr Bier, aber sofort, und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass der Ober ihren Teller zu sehr gefüllt habe. Der Teller muss weg.

Ahmed, der neben mir sitzt, versucht zu schlichten, bemüht sich, ruhig zu bleiben, um mir dann zuzuraunen, dass er so etwas auch noch nicht erlebt habe. Einen oder zwei schwierige Mitreisende gäbe es immer – hier sei das Verhältnis umgekehrt. Als T. von ihrer Woche in Marrakesch im Krankenhaus bei ihrem Mann erzählt, ist klar, was wirkliche Probleme sind, jedenfalls Ahmed und ich wissen das, während der Rest der Gruppe weiterstreitet. Später tausche ich mich mit U. aus, die am anderen Ende des Saals gesessen hat, natürlich war der Aufstand an meinem Tisch überall zu hören.

Wie gut, dass schlechte Erinnerungen verblassen werden. Die Schönheit des Erlebten, die wird bleiben.

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.

20.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 8

Und täglich grüsst das Murmeltier, denke ich und schliesse die Augen. Um mich herum tobt die morgendliche Auseinandersetzung ob der Sitzplätze im Bus, dabei hat jeder sogar zwei Sitzplätze, und mehrmals habe ich gesagt, dass sich gern (nun ja, nicht wirklich gern) jemand zu mir setzen könne oder ich den Platz auch tauschen würde. Aber es geht nicht um meinen Platz in Reihe 3, den mir I. jeden Morgen ungefragt mit ner Jacke reserviert, es geht um Reihe 2. Was für ein Klamauk, nun muss Ahmed, unser Reiseleiter, ein Machtwort sprechen.

Endlich fahren wir los, vorsichtig blinzele ich, langsam kehrt im Bus Ruhe ein.

Es geht zur Kasbah eines spanischen Bekannten von Ahmed, der diese wieder aufgebaut hat und als kleine Pension bewirtet. Gelegen ist sie inmitten einer grünen Oase, der Brunnen plätschert, der Pool leuchtet türkis, der Ausblick von der Dachterasse ist wunderschön. Genauso wunderschön wie der Spanier, das hat Ahmed schon im Bus erwähnt.

Hier würde ich gern eine Woche bleiben, hier in der Ruhe und Abgeschiedenheit, und natürlich ohne meine schwierigen Mitreisenden.

Die Schneegrenze ist gesunken, die Berge des Atlas sind weiss. Das wird morgen interessant, denn wir müssen über den Pass, der Bus mit den Koffern und wir in den Jeeps.

Aber jetzt geht es erstmal in die Atlas-Filmstudios. Viele Sandalen-Filme wurden hier in der marokkanischen Wüste gedreht, denn hier tobt kein (Bürger)Krieg: Asterix und Kleopatra, der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones, die riesigen Kulissen werden immer wieder angeglichen und nachhaltig genutzt, hier stehen ein jüdisches Haus neben römischen Säulen, dem Holzboot von Kleopatra, des Pferdegespanns von Ben Hur, eines riesigen ägyptischen Palastes und dem tibetischen Potalla-Palast. Very cool!

Auf in unser Riad, ein völlig verwinkeltes Boutique-Hotel, das inmitten einer Oase liegt. Ich schaffe es, meine klettigen Mitreisenden abzuhängen und entschwinde zu einem ruhigen Spaziergang durch Dattelpalmen, Mandel- und Feigenbäume.

Abends wird Ahmed eine Lesung abhalten: islamische Gedichte, Märchen und ein Kapitel aus seinem eigenen Buch, das von der Schönheit handelt. Draussen ruft der Muezzin zum Gebet.

19.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 7

Wir stehen im Kreis und kicken uns den platten Ball zu. Manchmal rollt er den Hügel hinab; dann laufen die Jungs hinterher. Auf unserem Spaziergang am Dadesfluss entlang sind wir auf eine Gruppe fussballspielender Jungs gestossen, die von Ahmeds Fussballkünsten begeistert sind. Auch wir kicken mit, selbst die 80-jährige H., die schlecht laufen kann, blüht beim Fussballspielen auf. Einen richtigen Fussball, der auch aufgepumpt ist, haben sie nicht, erzählen die Jungs, die fast alle in der Kühle in Filzpantoffeln unterwegs sind; die richtigen Bälle gäbe es nur in der Schule, aber nicht in der Freizeit. Lasst uns einen Ball besorgen, ich gebe Geld dazu, sage ich, die anderen Mitreisenden stimmen ein. Ahmed verspricht, in drei Wochen, wenn er wieder am Dadesfluss ist, den Jungs einen richtigen Fussball mitzubringen.

Am Bus steht ein kleines Mädchen. Es mag circa vier Jahre alt sein. Die Kleine hat dunkle struppige Haare und grosse braune Augen. Sie trägt eine Jacke aus Wolle und eine rote Hose, die wie ihr kleines Gesicht etwas schmutzig ist. Hussein, unser local guide, klettert in den Bus, öffnet den kleinen Kühlschrank und hält der Kleinen einen Joghurt hin. Schnell verschwindet dieser in ihrer Jackentasche. Die Szene ist rührend, ich lächele Hussein zu.

Als wir durch die Oase mit den Silberpappeln, den knorrigen Feigen- und den rosablühenden Mandelbäumen wandern, treffen wir eine Bekannte von Ahmed, die mit ihren Kindern auf dem Weg zur Vorschule ist. Wir dürfen mit, und schon stehen wir dichtgedrängt in einem kleinen Raum, in dem uns die vier- bis sechsjährigen Dorfkinder erst neugierig anschauen und dann zu singen anfangen. Ein Lied, zwei Lieder, drei Lieder, die Kleinen sind auch von der Lehrerin nicht zu stoppen und klettern singend auf die Tische.

Auf dem Heimweg erzählt uns Ahmed, dass hier noch immer viele Menschen Analphabeten sind, die Arbeitslosigkeit auf den Dörfern hoch ist und das medizinische Versorgungssystem korrupt und nur für die Wohlhabenden erschwinglich sei. Marokko ist, bei aller pittoresker Schönheit, ein Entwicklungsland. Zumindest konnten wir heute ein paar Kindern Hoffnung machen, Hoffnung auf einen Ball zum spielen und ein paar neue Stifte und Tafeln für die Vorschule. Und irgendwo sitzt jetzt ein kleines Mädchen und isst einen Joghurt.

18.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 6

In Merzouga lauschen wir marokkanisch-afrikanischer Musik. In Rissani ist Markttag: wir besuchen den Esel-Parkplatz (Kosten pro Esel: 2 Dirham), der in der Frühe noch recht leer ist, wir schauen beim Verkauf von Schafen zu und entdecken eine Anlage, in der wartende Hühner gleich geschreddert werden (note to myself: da ich an Fleisch eh nur noch ein Mal die Woche Huhn esse, kann ich auch ganz auf vegetarisch umsteigen. Gesünder für mich, gesünder für die Tiere, gesünder für die Umwelt).

Wir besuchen den Garten einer kleinen Moschee, Springbrunnen stehen inmitten von Palmen, die Sonne scheint, es ist eine friedliche Oase inmitten des lebhaften Markttages. Auch das neue Haus unseres local guides dürfen wir anschauen; stolz lädt er uns in sein Wohnzimmer, in dem gleich drei Kronleuchter an der Decke hängen und eine riesige traditionelle Sofalandschaft den gefliesten Raum einnimmt. Dein Haus ist mein Haus, so das Motto in Marokko, hier ist jeder willkommen und darf zum Tee, zum Essen und zum Übernachten bleiben. Hier kann es passieren, dass plötzlich drei Tanten vor der Tür stehen und vier Wochen zu Besuch bleiben (das ist auch unserem Guide Ahmed widerfahren, das ist normal, das ist Marokko).

Weiter geht es zur Besichtigung eines Wasserschachtes, was mich nicht interessiert, ich füttere derweil ein Kamel-Baby, das allein in der Mittagshitze vor dem Nomadenzelt steht. Mittagessen gibt es an einer Art Tankstelle, auch hier setze ich aus (tradionelles Berberessen mit Pfannkuchen und Linsen oder auch: gelbliche nicht identifizierbare Masse) und kaufe mir einen Schokoriegel.

Danach fahren wir zur Todraschlucht, die wir, auf den Spuren von Peter O’Toole – dem Lawrence von Arabien – durchqueren.

In der Oase Tinerhir blühen die Aprikosen- und Mandelbäume in weiss und rosé, dort drüben wächst Minze, dahinten Bohnen, überdacht wird die Szenerie von riesigen Dattelpalmen, die Vögel zwitschern. Die Temperaturen sind angenehm mild, während wir durch die Oase wandern. Ich komme mir vor, als sei ich im Paradies auf Erden gelandet.

Ahmed liest uns ein lustiges Kapitel aus einem marokkanischen Buch vor, während wir dem Sonnenuntergang entgegenfahren.

16.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 4

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich die Wüste beschreiben, die in unzähligen Farben, Strukturen und Lichteinflüssen an uns vorüberzieht. Über die schwarz glänzenden Felsen würde ich berichten. Und über das rot schraffierte Gestein, die rauen Felsen, die hohen Berge und die sandigen Dünen.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich meine Leser mit auf einen Spaziergang durch eine Fluss-Oase nehmen. Unter den Dattelpalmen hindurch, die Granatäpfel und das Bohnengewächs bestaunen. Die vielen blühenden Mandelbäume bewundern und an an den Rosen riechen, deren Duft schwer in der Luft hängt. Ein alter Mann kommt uns auf einem Esel entgegen geritten, er nickt uns freundlich zu.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich beschreiben, wie ich durch die Wüste laufe, den von der Abendsonne rotgefärbten Sanddünen entgegegen. Den Kamelen gegenüberstehen, die bei der grossen Palme reglos wie Statuen posieren. Kehr um, Du hast keinen Orientierungssinn!, rufe ich mir zu. Gleich wird es dunkel! Ich lache, laufe weiter, wie wunderschön leuchtet der Sand.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich berichten, wie ich unter dem tiefschwarzen Himmel stehe und zum Firmament aufschaue. Dort oben, da leuchtet der Polarstern. Und noch unendlich viel mehr.

Ich bin kein Schriftsteller, und mir fehlen die Worte, um die Schönheit der Wüste treffend zu beschreiben.

15.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 3

Die feindliche Übernahme der vorderen Sitzplätze im Bus gelingt I. ohne nennenswerte Gegenwehr. Ich hab Dir auch eine eigene Reihe reserviert, ruft sie mir zu. Sie hat mich wirklich lieb.

Wir verlassen Marrakesch, fahren am Königspalast und am La Mamounia vorbei, immer weiter und weiter, denn heute überqueren wir das Atlasgebirge. Schneebedeckte Berge ragen vor uns auf, die Felsen schimmern in Rot-Gelb- und Grüntönen. Mittendrin weissblühende Mandelbäume. Wir fahren durch Lehmdörfer, Frauen waschen in Bottichen ihre Wäsche, die zum Trocknen über den Dächern hängt, Kinder stehen am Strassenrand und winken, Hirten sitzen am Wegesrand und beobachten ihre Schafherden.

Während wir marokkanische Musik hören, gucke ich aus dem Fenster und verliere mich in Gedanken. Wie unfassbar schön ist die Welt.

Mittags geniessen wir die Sonne auf der nächsten Dachterrasse, ich bestelle wieder eine Gemüse-Tajine, an die hat sich mein Magen gewöhnt. Mittlerweile haben wir den Tizi-n-Tichka-Pass (2.260m) überquert und sind in der Wüste angekommen. 80% der Sahara besteht aus Fels und Stein, das wusste ich nicht. Doch wir werden auch den Sand sehen und die Dünen. Darauf freue ich mich.

Wir halten in Ait Benhaddou, die vielleicht schönste der Berberburgen und Unesco-Welterbe. Hier wurden unzählige Hollywood-Filme gedreht, unter anderem der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones und Laurence von Arabien. Eine Stunde wandern wir über den Fluss und die vielen Treppen des kleinen und fast unbewohnten Stadtteils hinauf, um uns herum die Wüste, Palmen und eine spektakuläre Sicht. I. hat sich schon wieder lautstark mit jemanden in der Wolle, ich ignoriere es.

Das heutige Hotel in Ouarzazate hat im Internet schlechte Bewertungen; da Ahmed aber meinte, dass ich keine Schlangen oder Skorpione im Zimmer befürchten muss und auch das Wasser in der Dusche warm ist, finde ich es eigentlich ganz gut. Ausserdem sind sämtliche Wände voller Mosaiken. Und eine Kuppel im Bad mit kleinen bunten Glasfenstern habe ich auch.

14.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 2

Pferdekutschen klappern durch die Altstadt, Männer tragen das traditionelle Djellaba-Gewand mit Kapuze und an den Füssen vorne spitz zugehende Lederschlappen, überall werden Holzkarren mit dunkelroten Erdbeeren oder Eiern gezogen, frische Kräuter und Gemüse werden am Strassenrand feilgeboten. Das bunte Gewimmel unter der warmen Sonne mutet einem Märchen aus 1000 und einer Nacht an.

Wir sind schon früh auf den Beinen, um den Bahia-Palast, der einst den Wesir mit seinen Konkubinen beherbergte, zu besichtigen. Wir schauen uns den Harem an, das sind der Innhof und die Räume, die früher von den Frauen bewohnt wurden sowie den wunderschön angelegten Garten, in dem gelbe Blumen blühen. Überall sind Mosaiken und bunte Glasfenster, durch die die Sonne scheint und ihre Farben auf die Wände widerspiegelt.

I., die unbedingt ein Foto von mir machen möchte, verscheucht fuchtelnd einen Araber, damit er nicht mit aufs Bild kommt. Ich schaue ihn entschuldigend an und schäme mich fremd. Schon gestern habe ich gemerkt, dass I. mir gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit ist, aber sich anderen gegenüber unverhältnismässig laut und ruppig verhält. Mich allerdings scheint die grauhaarige 76ig-Jährige in ihr Herz geschlossen zu haben, das sonst ihren vier Kindern, elf Enkeln und einem Urenkel gehört. Später wird sie sich lautstark mit einer anderen Dame streiten, worum es geht, weiss niemand so genau. Für morgen plant sie, einen anderen Platz im Bus einzunehmen. Das kann ja heiter werden.

Nach dem Palastbesuch schlendern wir durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, lauschen Ahmeds Ausführungen unter dem Minarett der Koutoubia-Moschee, trinken Pfefferminztee und essen Mandelgebäck auf der Dachterasse einer Teestube und Gemüse-Tajine auf einer weiteren Dachterrasse. Störche sitzen auf den roten Dächern der Häuser, und am Horizont sind die schneebedeckten Berge des Atlasgebirges zu sehen. Dieses werden wir morgen überqueren.

Doch zunächst geht es in den Jardin Majorelle, der vom französischen Maler Jacques Majorelle gestaltet und später von Yves Saint Laurent gekauft und restauriert wurde. Mit U. und C. sitze ich unter Palmen und führe eine angeregte Unterhaltung, in der wir beschliessen, am Ende unserer Reise Anima, den Andre Heller-Garten, der etwas ausserhalb von Marrakesch liegt, zusammen zu erkundschaften.

Ein weiteres Highlight ist der Besuch eines Institutes für Naturmedizin; ein Apotheker erklärt uns zwischen unzähligen Dosen und Gläsern die Wirkung von Safran, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel, Kurkuma und noch viel mehr, derweil wir wieder einen Tee (mit Safran!) offeriert bekommen und an diversen Curries und Gewürzen riechen. Ich verlasse diesen Laden mit einigen Muskatnüssen und einem Schwung Schwarzkümmel.

13.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 1

Da ich plietsch bin, platziere ich mich beim online-checkin von Hamburg nach Frankurt in Reihe 7, damit ich schnell raus aus dem Flieger und zum knapp getimten Anschlussflug gelangen kann.

Da Lufthansa nicht plietsch ist, bekomme ich am Gate einen neuen Sitzplatz zugewiesen, der sich in Reihe 30 befindet. Ich reklamiere, diskutiere und beschäftige gleich zwei freundliche Stewards, die mich mehrmals in Reihe 30 besuchen, mir den Lageplan des Frankfurter Flughafens bringen und herausfinden, dass es wirklich nur ein Katzensprung von B10 zu B26 ist – dazwischen liege nur noch eine Passkontrolle, doch dieses tückische Hindernis sei heute harmlos, da Asien wegen Corona ausfällt. Ich stehe als Einzige vor der Kontrolle.

Im Flieger in Reihe 15 treffe ich auf I., sie ist Teil meiner Reisegruppe. Zwischen uns sitzt ein Herr, der eine Fahrradtour übers Atlasgebirge samt Übernachtungen im Zelt gebucht hat. Das klingt aufregend. Aufregend auch der Austausch meiner Sitznachbarn über Spinnen, Ratten (die knabberte nachts am Finger), Kakerlaken (mögen keine Aircondition), Skorpione (immer die Schuhe ausschütteln, bevor man sie anzieht!) und Moskitos. Dass es in Marokko Tiere geben könnte, hatte ich bis dahin erfolgreich verdrängt. Ich stehe mehr auf Pinguine und Eisbären.

Mit I. marschiere ich zur Passkontrolle – diesmal in Marrakesch – gebe das Corona-Formular ab, und dann gehts weiter zum Exchange. Wenn wir 400 Euro wechseln, gibt es einen besseren Kurs, wir legen einträchtig unser Geld zusammen, als ob wir uns schon Jahre kennen.

Nachdem der Safe-Man den Tresor im Hotelzimmer aktiviert hat, lege ich dort meine Wertgegenstände hinein. Hinein kommt auch die I., sie marschiert in mein Zimmer und zielstrebig zum Safe, denn der würde nicht funktionieren (doch, doch! werfe ich ein), um mich mit einem Knopfdruck eines besseren zu belehren. Morgen werden meine Wertsachen in I.s abschliessbaren Koffer wandern (meinen haben die Israelis zerstört).

Das Dinner-Buffet bietet für mich Magen-Darm-Geschädigte Brot, Kartoffeln, Karotten und Bananen. Damit sollte ich den ersten Abend überleben.

Unser Reiseleiter Ahmed stellt sich vor; hier hatte ich einen dunkelhaarigen, drahtigen und leicht gebräunten Mann vor Augen, aber Ahmed entpuppt sich als stämmiger, blonder, blauäugiger, zum Islam konvertierter- und nach Marokko ausgewanderter Deutscher. Wir würden morgen früh aufbrechen, und dann einen Palast, Gärten und die vielen Gassen besuchen und zwischendurch Tee trinken. Das klingt doch ganz gut.

Lustigerweise könnte ich von meinem Hotelfenster direkt in den kleinen Pool springen.

12.02.2020

Prolog.

Ich blicke auf und schaue über den Rand der Sonnenbrille aufs Meer. Die Wellen rauschen, Möwen schweben am azurblauen Himmel, quietschende Kinder buddeln am Strand und bauen Sandburgen, zwei Mädchen spielen Beachvolleyball, plopp plopp plopp macht der Ball, der von links nach rechts und wieder zurück durch die Luft fliegt.
Ich lege das Buch zur Seite und greife zum Glas mit dem Aperol Spritz, in dem die Eiswürfel klirren.

Cut.

Natürlich greife ich zu keinem Glas Aperol Spritz.
Ich packe den Koffer gerade das dritte Mal wieder aus, um die optimale Auslastung mit Klopapier, Haferflocken, Gemüsebrühe, diversen Nusspackungen, Zartbitterschokolade, Elektrolyten, Kohlekompretten, Hefetabletten, Mütze, Handschuhen, Verbandszeug, Jodlösung, Skiunterwäsche und Küchenrolle*) herauszufinden. Etwas Platz für eine Handvoll T-Shirts, Socken, Unterwäsche und der rudimentären Outdoorklamotten-Grundausstattung muss auch noch gefunden werden.

Warum denn nicht mal wieder nach Nizza an die Cote D’Azur und den Tag an der Promenade des Anglais am Lido Plage vertrödeln?
Weil dort – und da ähnelt es den Eiswüsten der Arktis und der Antarktis – glitzernde Blautöne dominieren. Und ich mich diesmal auf den Weg mache, um in der größten Sandwüste der Erde eine Vielfalt an Rot- und Gelbtönen zu entdecken. Und tiefgrüne Oasen mit Palmen. Das klingt schön, denke ich, das klingt nach Abenteuer. Abenteuer Wüste. Abenteuer Sahara. Start des Abenteuers: morgen früh.

*) in Wirklichkeit ist es noch viel mehr.

10.02.2020

Weiterpacken.

Kamillentee, Klopapier, Desinfektionsmittel, Kohle-Kompretten, Trockenhefe, Verbandszeug, Elektrolyte, Haferflocken, Gemüsebrühe, Nüsse, Wanderstiefel, Mütze, Handschuhe, Sonnenbrille…

Du hast sie doch nicht mehr alle, sage ich.

Aber ich liebe Abenteuer!, antworte ich mir.

Noch etwas gebeutelt von Magen-Darm und einem Sturz bei Nacht, in der ich ohnmächtig in der Küche zusammengesackt und mit dem Kinn auf die Arbeitsplatte geknallt bin (und dabei auch noch meine Hand mit Teewasser verbrannt habe), fange ich an zu packen.

Deja vu: genauso sah es aus, als ich auf dem Weg zum Basecamp des Everest war; nun geht es in die Sahara.

Einfach mal so einen Strandurlaub…mit Buch…Cocktail…

ich winke ab. Ich möchte durch Oasen mit Palmen spazieren, wie Laurence von Arabien durch die Todraschlucht wandern, übers Atlasgebirge und zum Dadesfluss fahren…na dann – dann pack weiter.

12.01.2020

Mein Tempel, mein Zuhause.

Dein Körper ist Dein Tempel. Dein Körper ist Dein Zuhause.
Ich mag es, wie unser Lehrer die Meditation anleitet, er findet immer weise Worte.
Wenn mein Körper mein Tempel ist, dann sollte er mir heilig sein und ich ihn entsprechend ehrfürchtig behandeln.
Wenn mein Körper mein Zuhause ist, dann sollte ich ihn entsprechend liebevoll pflegen.

Das Skelett bleibt aufrecht, aber die Muskeln und alles andere lassen wir los. Wir lassen los.
Derselbe Lehrer und wieder weise Worte, diesmal aber im Taiji-Unterricht zum Praktizieren der Stehenden Säule.

Endlich ist wieder die Routine eingekehrt, die ich während der Feiertage vermisst habe.

Am Mittwoch Abend gehe ich schwimmen, es ist kalt und dunkel, der Dampf steigt auf, in der Ferne tauchen graue Gestalten aus dem Wasser auf, verschwinden wieder, kommen näher, passieren mich, verlieren sich wieder in der Ferne. Mystische Stimmung im Aussenbecken des öffentlichen Bades.

Auch im Gym ist es recht voll, noch greifen sie, die guten Vorsätze zum neuen Jahr.

Freitag Mittag ist das Wasser im Becken erstaunlich warm, heute gibt es keine Ausrede, warum ich nicht die 40 Bahnen schwimmen könnte. Wobei ich die letzten Male wirklich sehr konsequent war, Wassertemperatur hin oder her.

Am Trödeltag ziehe ich automatisch meinen Jogginganzug an, verliere allerdings mein Ziel, in die Innenstadt zu marschieren, aus den Augen, überhaupt verliere ich den Haushalt und die Einkäufe aus den Augen, ist ja auch Trödeltag, denke ich, aber gefallen tut mir meine Wankelmütigkeit nicht. Ich gehe in den Garten und laufe unter grauem Himmel zwei 19-er Formen. Taiji geht immer.

Im schicken Spa trödele ich im Becken die Bahnen entlang, das Wasser ist warm, das Wasser ist hell, ein ganz sanftes grün-blau, ich freue mich über die Mosaiksteinchen der Mauer, auf denen große lehmfarbene Töpfe mit dunkelgrünen Palmen stehen. Eine Oase, denke ich, so stelle ich mir eine Oase vor, während ich durchs Wasser gleite, so muss eine Oase in der Sahara sein, etwas fliegt an meine Nase, ein Moskito, ich wische es weg, es ist nur ein Wassertropfen, und ich bin im schicken Spa – noch – aber bald, in ein paar Wochen, werde ich Oasen sehen, und dann, dann bin ich wirklich in der Sahara.

Fitness-Rückblick der Woche:
Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Taiji ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

 

27.12.2019

Rückblick. Ausblick.

Wien – Sylt – Israel – Westjordanland – München  – Amsterdam – Sylt – München  – Island – Grönland – Travemünde – Travemünde 2 – Sylt – München

Ich bin in Wien auf dem Naschmarkt im Regen herumspaziert.
Ich war im Sturm am Nordseestrand.
Ich habe im Toten Meer gebadet.
Ich stand auf den (syrischen) Golanhöhen, auf denen Pfirsichbäume blühten.
Ich habe einen Olivenbaum in einem palästinensischen Garten gepflanzt, durch den eine Mauer geht und auf deren anderer Seite eine jüdische Siedlung steht.
Ich habe in der ersten Reihe in einem Club in Amsterdam zur Musik meiner Lieblingsband getanzt.
Ich habe in der Sansibar auf Sylt in die Sonne geblinzelt.
Ich bin ich München mit Patenkind 1 schwimmen gewesen. Und im Park, Pokemon jagen.
Ich habe die Geysire und den riesigen Wasserfall auf Island entdeckt und habe bei heftigem Sturm das Nordpolarmeer durchquert. Ich habe Eisbären gesehen. Und Eisberge und Gletscher, glitzernd in unendlich vielen Blautönen.
Ich habe Bäume an der Ostsee umarmt.
Und war wieder am Strand an der Nordsee.
Ich habe mit den Patenkindern gespielt.
Und viele wunderbare Menschen auf den Reisen kennen gelernt, die zu Freunden geworden sind.

Ich war schwimmen, morgens in der Sonne, mittags im Regen, abends im Dunkeln, bei Hitze und bei Kälte. Ich habe meine Taiji-Form verfeinert und dazugelernt. Ich habe schöne Gespräche bei der Meditation geführt. Und mit Freunden.

Ich wache auf. Ich schaue ins Dunkel der Nacht und überlege, wann ich das letzte Mal Angst hatte. Nicht Angst davor, den Flieger zu verpassen oder für’s Management-Meeting schlecht vorbereitet zu sein – sondern die Angst, die einen den Boden unter den Füssen wegzieht und an deren Ende die eigene Endlichkeit steht.
Im November 2018, antworte ich. Der Arztbrief aus dem großen Krankenhaus, in das ich für einige Tage stationär in die Nuklearmedizin aufgenommen werden sollte, und aus dem mir die Worte „maligne“, „abklärungsbedürftig“ und „Thyroid Cancer Guidelines“ entgegensprangen.
Ich denke weiter nach, und ja, es stimmt, das war das letzte Mal, dass ich diese Angst hatte. Ich bin gelassener geworden. Keineswegs unachtsamer, aber auch nicht mehr in Panik verfallend, wenn es irgendwo schmerzt. Das ist gut.

Es war ein gutes Jahr. Ich bin gesund geblieben. (In der Tat liege ich vorn in der Krankheitsstatistik der Firma, mit nur einem Fehltag in 2019. Darüber freue ich mich sehr).
Ich habe viel erlebt, ich habe die Welt gesehen, ich habe gelacht und getanzt und geschwommen und gelebt. Dafür bin ich dankbar.
Ich habe mein Fitnessprogramm kontinuierlich verfolgt und bin der gesunden Ernährung treu geblieben. Darauf bin ich stolz.

Ich bin gespannt, was das nächste Jahr bringen wird, vor allem darauf, was es für einen humangenetischen Rat zu meinem Gendefekt geben wird.
Auf alle Fälle freue ich mich auf viele wunderbare und abenteuerliche Reisen. Und auf ein Wiedersehen mit Freunden. Und auf alles, was das Leben lebenswert macht.

18.12.2019

Zuhause.

No. 1 Antarctic: ✔️

No. 2 Arctic: ✔️

Very logical that I booked now no. 3 of the ranking of deserts. That was spontaneous. It will bring me to (over) my limits (again). I will never forget Tibet and Everest…

Why are you doing this?!? I ask myself.

Because I want to feel life and explore the world. And I like adventures. And to write logbooks.

Pretty sure I will have the good stories when I moved to the nursing home 😀

15.12.2019

Unterwegs.

Überall glitzert es. Beim Schwimmen, abends, wenn die Lichterkette, die um das Aussenbecken des öffentlichen Bades dekoriert ist, funkelt, während der Dampf so dicht ist, dass man nicht sehen kann, ob einem jemand im Dunklen entgegen schwimmt. Die Kirchenglocken läuten.

Auf dem Weihnachtsmarkt glitzert es. Auch hier läuten die Kirchenglocken, und der Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein legt sich über das Geglitzer.

Ob er mir etwas von seinem Schokoweihnachtsmann abgeben würde, frage ich meinen Bürogenossen. Dieser schaut verwundert auf. Längst aufgegessen, antwortet er. Und nichts angeboten, konstatiere ich, obwohl die Antwort, die nun kommt, auch nicht verwunderlich ist. Du isst doch keine helle Schokolade, da habe er mich gar nicht erst gefragt. Die Bananen teile er mit mir, vom Bäcker bringe er „Diätberliner“(Quarkbrötchen) und Obstküchlein (Obst ist ja gesund) für mich mit, während er für sich mit Puderzucker bestäubte Berliner mitbringt.
Nun stehe ich auf dem Weihnachtsmarkt, in der Hand eine kleine Tüte Schmalzkuchen, der Puderzucker verteilt sich bereits auf meiner Jacke, um mich nochmal nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass Schmalzkuchen nix in meiner Hand zu suchen haben.
Am Samstag tausche ich den Weihnachtsmarkt wieder mit dem Bio-Wochenmarkt ein.

Es glitzert auf dem Weg zu J., meinem französischen Meditations-Mitschüler, bei dem die Gruppe heute Abend meditiert und danach zusammen Abendbrot essen wird. Die Kerzen werfen ein gemütliches Licht auf den Tisch mit der Süsskartoffel-Birnensuppe und der frischen Minze, dem grünen Salat, dem Körnerbrot, der Käseplatte, der Pistaziencreme und den Mandarinen.

Am Sonntag glitzert die Sonne auf dem Wasser des Aussenbeckens. Kleine Wellen kräuseln sich an der Oberfläche, der Sturm setzt ein, die Wolken fliegen über mich hinweg, während ich auf dem Rücken schwimme. Heute steigt kein Dampf auf. Die Luft ist kalt, ebenso das Wasser.
Das Wasser ist kalt, sagt J., zu dem ich vorhin schon auf die Kampfschwimmerbahn hinübergewunken habe und ein Stück Flosse zurückwinkte, bis auch sie unter der Oberfläche verschwand.

Das Wasser ist kalt, aber das Wasser ist herrlich, genauso wie die Luft, finde ich, sie riecht nach Meer, was eigentlich nicht sein kann, und schon setze ich mich hin und schicke eine Anfrage an den Reiseveranstalter, Seeluft macht abenteuerlustig, auch wenn mich das nächste große Abenteuer nicht zum Meer führen wird, oder vielleicht doch, einem Meer, das nicht aus Wasser besteht, aber die Sonne, sie wird glitzern.

30.11.2019

Unterwegs.

Am Freitag mache ich G., meiner 80-jährigen Schwimmfreundin, Mut, da sie Schmerzen im Knie und Krämpfe im Bein hat und Angst bekommt, dass sie bald keinen Sport mehr machen kann.

Am Freitag mache ich einem Kollegen Mut, der in meinem Büro zu weinen anfängt, als er mir erzählt, dass seine Frau Brustkrebs hat. Sie habe doch schon Leukämie gehabt. Fair sei das nicht. Ich oute mich und biete an, dass, wenn sie sich austauschen möchte, mich jederzeit kontaktieren kann.

Das Leben ist fragil. Das Leben ist zu schade, um es im Bett zu verplempern. Also mache ich mich am Samstag in aller Frühe auf den Weg nach Sylt. Auf dem Bahnhof gönne ich mir einen Kaffee mit „richtiger“ Milch und ein Croissant. Für die Reise habe ich ich noch Wurzeln, Pflaumen, Gurkenscheiben, Bananen, ein Vollkornbrötchen, Nüsse und Wasser mit frischer Zitrone dabei.

Der Zug fährt los. Ich sehe die Sonne über den Wiesen aufgehen. Ich sehe den Nebel aus den Weiden emporsteigen. Ich sehe den Raureif, der auf den Feldern liegt. Ich sehe einen Regenbogen. Die Ausbeute an wunderschönen Eindrücken ist groß, dabei ist es noch nicht mal 9.00h!

Mein Zimmer ist noch nicht bezugsfertig, also mache ich mich auf den Weg in die Friedrichstraße. Neben der Vorderreihe in Travemünde ist sie meine Lieblingseinkaufsstraße. Es dauert keine Stunde, und ich habe die ersten 100 Euro vershoppt (Klobürste, Abwaschbürste, Weihnachskarten, Kalendarium 2020, Postkarten, kleine Weihnachtsgeschenke, ein Pfund Kaffee – kriegt man ja alles nicht in Hamburg 🤨). Aus Selbstschutz gehe ich zurück ins Hotel, setze mich ins Foyer und schreibe die ersten Karten.

Später mache ich einen langen Spaziergang am Strand entlang, gönne mir noch einen Kaffee (und eine frische Waffel), dann gehe ich schwimmen. Abends ein Salat und ein weiterer Spaziergang.

Es ist dunkel am Strand, die Luft ist klar. Vor mir krachen die Wellen an Land, über mir glitzern die Sterne. Ich gehe weiter und weiter, niemand ist hier unterwegs, nur ich und die Wellen und die Sterne. Gut, denke ich. Dann gehört mir die klare Luft hier ganz allein.

24.11.2019

Zuhause. Und unterwegs.

Sonntag morgen, 8.30h. Ich sitze in der Küche, in der rechten Hand die Tasse Kaffee, mit der linken tippe ich auf dem Laptop herum und buche Flüge nach Georgien. Reiseplanung gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und steigert die ohnehin schon gute Laune ungemein. Ich informiere Team Naugthy – meine Freunde aus der Arktis – dass ich mit A. aus der Schweiz unsere Flüge am Buchen bin, ab München werden wir zusammen nach Tiflis weiterfliegen, G., der uns nach Georgien eingeladen hat, lässt wissen, dass er einen Wagen zum Flughafen schicken und in die Detailplanung gehen wird. Damit steht eines meiner Highlights für 2020!

Danach geht es zum Schwimmen. Da keine bekannten Gesichter im Aussenbecken auszumachen sind, habe ich Zeit, die nächsten 1.000 Meter nachzudenken. Über meine momentan extrem gute Laune (wenn man mal vom Zirkus bei der Arbeit absieht). Ich habe Bedenken, dass der Fall umso tiefer sein könnte, wenn es mir so (zu?) gut geht. Das habe ich bei einigen beobachtet, denen es nach einer schlechten Phase erst wieder besser ging, bevor der Feind kurze Zeit später ein letztes Mal zuschlug.
Jetzt bin ich allerdings gesund und vom Sterben weit entfernt (sollte ich nicht morgen zufällig vor ein Auto laufen), doch lässt es mich innehalten.
Wie geht es Dir?, frage ich mich und schaue mich an. Gut geht es mir, antworte ich, das Leben wird gelebt, die Reisen gereist, die Bahnen geschwommen, das Lachen gelacht, was genau ist das Problem?

Die gecrashte Bandscheibe, die im Winter wieder schmerzt (und dieser Umstand mit einem warmen Leibchen behoben werden kann)?
Die Müdigkeit und Unkonzentriertheit, die ich treffsicher auf einen Vitamin-B-Mangel zurückgeführt habe und denen mit Mikronährstoffen zu Leibe gerückt bin?
Hab ich im Griff, sage ich zu meinem Hausarzt, bei dem ich wegen Impfungen vorspreche und der den B-Mangel glatt übersehen hat, was mich nicht so sehr stört, da ich meine Blutwerte immer ausdrucken lasse, um sie selbst zu überprüfen. Auch seine Praxiskollegin, bei der ich zur Schilddrüsensonografie war, hat den B-Mangel im Computer entdeckt, alles im Griff, preventive action läuft.
Der seltene Gendefekt meines NTHL1-Gens, zu dem es erstmals in 2019 Forschungsergebnisse gibt und der tatsächlich für ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Darmkrebs, Eierstockkrebs, Schilddrüsenkrebs, Hautkrebs und Hirntumor bei einer Generation verantwortlich ist? Weil das NTHL1-Gen, das für die Fehlerfindung auf der DNA zuständig ist, keine Fehler finden kann, wenn es defekt ist und somit Krebszellen ignoriert?
Damit habe ich den unsicheren Faktor in meinem Leben gefunden. Ich bleibe pragmatisch; Ende Januar haben ich einen Termin beim Humangenetiker, im worst case werden sie vorschlagen, zehn Körperteile zu entfernen (was ich aber nicht glaube), im good case werden sie sagen, dass ich feinmaschiger als bisher zu Vor- und Nachsorgeuntersuchungen anzutreten habe. Mit dem good case kann ich leben.

Ich schwimme auf dem Rücken und gucke in den grauen Himmel. Von den bunten Bäumen sind nur noch Skelette übrig, die dunkel und kahl über das Aussenbecken ragen. Ein Schwarm Vögel zieht vorbei. Wie geht es Dir?, frage ich. Gut geht es mir. Mir geht es gut.  

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Stretching ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

…und am Samstag im Kino grünen Tee, Gemüsesticks, Trauben und Käse bestellt statt Prosecco und Popcorn. (note to myself: freiwillig!)

17.11.2019

Unterwegs.

Hältst Du mal? Die unbekannte Frau drückt mir einen Strick in die Hand, an dessen Ende ein schwarzes Pferd tänzelt und geht weg. Ich schaue genauso irritiert wie das Pferd, dann schaue ich zu L., die ihren spanischen Falben zurückhält und stelle fest, dass ich das schon sehr gewagt finde, einfach jemandem Unbedarften sein Pferd anzuvertrauen.
Naja, sagt L, wir sind hier auf nem Reiterhof, da gingen sie davon aus, dass man mit Pferden umgehen kann. Ich trage statt reiterhof-grün-braun zwar arktis-rot und auch sonst kein Reiter-affines Outfit, aber das hilft jetzt auch nicht weiter, das unruhige Pferd am Ende des Stricks muss gehalten werden.

Wochenende auf dem Land. Mit frischer Luft und Bewegung an derselbigen, Urlaubsplanungen am lodernden Kamin, leckerer Linsen-Möhren-Suppe, Salat und grünem Tee und Katzen im Bett.

Spät am Abend fahren wir nochmal zur Weide. Der Regen hat aufgehört. Die Kälte kriecht durch die Nacht und das nasse Laub, der Weg durch den Matsch wackelt durch die Stirnlampen, die an den Mützen befestigt sind. Es ist ein wenig gruselig, große dunkle Körper bewegen sich auf uns zu, während wir die Weide betreten, die Pferdeaugen leuchten. Der Falbe bekommt eine dickere Decke aufgelegt und etwas zu fressen, während mich ein braunes Pferd neugierig mit der Nase anstupst.

Auch am nächsten Morgen sind wir in aller Frühe wieder auf dem Weg zur Weide, um das Pferd zu bewegen, derweil das Kind zuhause ein wirklich gutes Frühstück mit Rührei, Baked Beans, Kaffee, Tee und Smoothies zubereitet. Das ist vorbildlich und eine gute Einstimmung auf unseren gemeinsamen Wanderurlaub, den wir nächstes Jahr zusammen machen werden.

Die Schmerzen im rechten Arm (Lungenentzündung-Impfung) und im linken (Grippe-Impfung) klingen langsam ab, haben allerdings meine Fitnesswoche etwas durcheinandergebracht. Dafür sollte ich jetzt mittlerweile so ziemlich gegen alles geimpft sein, was es so gibt und damit fit und fröhlich durch den Winter kommen.

10.11.2019

Unterwegs.

Aktiv leben? ✔️
Spontanentschlüsse treffen? ✔️
Freitag buche ich Hotel und Zugfahrt; dadurch verschiebt sich das Timing für Einkäufe und Wohnungsputz, das muss nun alles am Freitag nach der Arbeit und nach dem Schwimmen erledigt werden. Auch der Koffer muss gepackt werden.
Das Kofferpacken geht fix, da bin ich routiniert (auch wenn ich am Samstag feststelle, dass ich – inclusive des Neukaufs – fünf lange Hosen im Gepäck (für eine Auswärtsübernachtung) habe. Plus zwei Badeanzüge (schwarz mit kleinen weißen Pünktchen und den Baywatch-roten), einen Schirm, ein Buch, das ich unbedingt an diesem Wochenende beenden muss, da es eine der drei Buchbesprechungen für die Dezember-Ausgabe der Zeitung wird, für die ich nach der Arbeit schreibe, das wird knapp, aber es ist zu schaffen.

Am Samstag komme ich früh im Hotel an der Ostsee an, zu früh, das Zimmer ist noch nicht bezugsfertig. Ich bleibe gelassen.
Ich mache einen ausgedehnten Spaziergang. Im Wald, den ich bei vorangegangenen Besuchen noch nie wahrgenommen habe, ist es ruhig. Die Luft ist kühl und feucht und duftet nach Erde und Herbst, das Laub leuchtet gelb, gold und bronzefarben. Spontan umarme ich einen Baum. Und noch einen zweiten. Sehen tut mich hier eh niemand, ich bin die Einzige, die sich hier im Wald verirrt hat. Jetzt werde ich hellhörig, verirren tu ich mich recht schnell, da ich Orientierungslegastheniker bin. Vor Anbruch der Dunkelheit muss ich hier wieder herausfinden. Schon letzte Woche bin ich leicht in Panik verfallen, als ich spätnachmittags bei strömenden Regen durch den Jenischpark irrte und den Ausgang nicht finden konnte. Aber es ist noch früh, zu früh, um sich Sorgen zu machen, und irgendwann erscheinen Häuschen und ein Park, und dann die kleine Strandpromenade.

Das italienische Restaurant, in das ich eigentlich heute Abend gehen wollte, hat wegen Renovierung geschlossen. Ich bleibe gelassen.
Ich bummele über die Strandpromenade und stelle fest, dass auch die beiden Eisdielen zu haben. Dabei hatte ich während der Bahnfahrt hin- und herüberlegt, ob ich ein Haselnusseis mit Sahne oder bei Niederegger ein Stück Nusstorte geniessen sollte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Natürlich möchte ich jetzt lieber ein Nusseis essen. Ich bin nur noch so semi-gelassen.

Ich gehe schnurstracks in mein Lieblingsklamottengeschäft, um es einen Augenblick später mit einer neuen Hose und einer Bluse zu verlassen. Das war eigentlich so nicht geplant, und ich überlege, womit ich den Spontankauf rechtfertigen kann. Mir fällt nichts ein. Ausser, dass ich diese Woche wieder on track mit meinem Fitnessprogramm bin und in 2019 bei den Fehltagen in der Firma ganz oben in der Statistik liege – nur einen Krankheitstag habe ich zu verzeichnen. Mein Sport- und Ernährungsprogramm trägt Früchte. Das lasse ich gelten, hierfür also die neue Hose und die Bluse.

Zurück im Hotel ziehe ich einen der Badeanzüge (den schwarzen mit den kleinen weissen Pünktchen) an, werfe den Bademantel über und gehe zum Pool. Beim Schwimmen kann ich in Ruhe überlegen, wo ich heute Abend essen möchte.
Die Wahl fällt auf mein Lieblingsrestaurant, auch wenn es eine neue, eine schreckliche Innenbeleuchtung bekommen hat; ein riesiger Kompass hängt über den Köpfen der Gäste und lässt diese in giftgrünem Licht erstrahlen. Trotzdem mag ich das Restaurant; das Essen ist sehr gut, und auch, wenn man mal allein hierher kommt, bekommt man keinen Katzentisch sondern einen schönen Vierertisch am Fenster.
Ich sitze am Fenster und schaue hinaus in die Dunkelheit; die Autofähre taucht auf, wie ein riesiges Hochhaus schiebt sie sich am Fenster vorbei und die Ostsee hinunter, ich schaue hinaus, und dann wieder hinein in den Roman, der faszinierend aber auch speziell ist und sich mit Kryonik befasst.

Am Morgen – nach dem Schwimmen – gehe ich frühstücken, natürlich trage ich sofort die neue Hose und die Bluse. Der Tag wird schön. Ich gehe nochmal in den Wald, umarme einen dritten Baum, verirre mich nicht und gehe weiter an den Strand. Zwischen den Algen liegen rote Rosen, mal ein Blatt, mal eine ganze Rose, das Meer spült die Erinnerungen an die Toten, die hier seebestattet wurden, zurück ans Land.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Stretching ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️ und 11.478 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ und 10.212 Schritte ✔️

07.11.2019

Unterwegs.

November. Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt; die Menschen verziehen sich in ihre warmen und von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer, während sie in Wolldecken gehüllt auf dem Sofa liegen und vorm Fernseher ein Glas Wein geniessen.
Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt? Nein!
Und hier fühle ich mich wie das kleine gallische Dorf, das anarchistisch das tägliche Kontrastprogramm bestreitet.

Das Aussenbecken des öffentlichen Bades, das von großen dunklen Bäumen umsäumt wird, ist erleuchtet: ich schwimme durch das hellblaue Wasser, Dampf steigt auf, die Luft ist kalt, während ich am Abend meine Bahnen ziehe.

Durch die hohen Fenster der alten Sporthalle, durch die ich sonst beim Praktizieren der Stehenden Säule in den schönen Park blicke, blicke ich nun auf mein Spiegelbild. Der Park liegt im Dunkeln.

Auch der verwunschene Garten des Psychologenhauses ist in der Nacht verschwunden, als ich am weit geöffnetem Fenster tief einatme. Es regnet. Wir meditieren.

Im Fitnessraum schaue ich vom Stepper auf die unter mir liegende Mönckebergstraße. Menschen hasten mit Einkaufstaschen in die nächsten Geschäfte, der Himmel ist schwarz, die Straße nass, da hinten ist die Spitze der Nikolaikirche zu sehen und das Rathaus.

Im Dunkeln auf dem Balkon des 12ten Stocks über die Bucht schauen, auf die Ostsee, den Strand, die Häuser, ganz winzig und verstreut, die Kälte fühlen, den Bademantel anziehen und ins Schwimmbad gehen.

November. Zeit des Requiems. Zeit zu gedenken. Nicht unbedingt zu weinen, auch wenn ich das Lacrimosa liebe. Verdis Lacrimosa. Das ist so wunderschön.

Ich fange an zu planen. Es gibt so viel, was ich nächstes Jahr machen möchte, so viele Möglichkeiten, so viele Einladungen, ich lache, das haut doch alles gar nicht hin, mehr Zeit brauche ich, mehr Tage, mehr Jahre, und ja, das Leben muss gelebt werden, hier und jetzt, und auf der Couch kann ich immer noch sitzen, an einem Novemberabend, ganz weit in der Ferne, wenn ich alt bin, wenn gelebt worden ist und die Erinnerungen bleiben.

02.11.2019

Unterwegs.

Und was passiert, wenn ich auf den letzten Button dieser app clicke?
„Die Bestellung wurde abgeholt“, sagt die app.
Ich verdamme meine Neugier, die Bestellung habe ich natürlich noch nicht abgeholt, ich sitze ja in der Küche und versuche, die app zu durchschauen.
Ich ziehe die Jacke über, nehme den Einkaufskorb und laufe los zur Cafe-Bäckerei, bei der ich jetzt schon angeblich die Ware abgeholt habe.
Trotz des Malheurs gefällt mir die app – es geht darum, Lebensmittelverschwendung vorzubeugen; hier stellen Cafés, Bäcker, Geschäfte und Restaurants Lebensmittel ein, die sie nicht mehr an diesem Tag loswerden, und das zu einem Schnäppchenpreis.
Ich investiere Euro 3,80 und bin gespannt, was ich bekommen werde. Leicht wird das nicht, da ich ja (eigentlich) einen hohen Anspruch an meine Ernährung habe.
Das Tresenteam schaut mich interessiert an, als ich erkläre, dass ich meine Bestellung jetzt abholen komme, obwohl sie wohl die Info hätten, dass ich schon da gewesen sei. Sie bleiben gelassen, statt einer Überraschungstüte darf ich mir aussuchen, was ich mitnehmen möchte. Das gefällt mir gut, ich zeige auf ein Stück Käsekuchen (Sünde 1), man gibt noch zwei Muffins dazu (Sünde 2+3), ich möchte ein Brot mit Streichkäse, Wurzeln und Gurke, man gibt mir noch zwei riesige vegetarische Burger mit Gemüse dazu.
Da ich schon mal in der Gegend bin, geht es weiter zum Bioladen.

Ausserdem war ich heute nach der Arbeit schwimmen.
Kalt ist es, Dunst steigt auf und lässt das Aussenbecken des öffentlichen Bades mystisch wirken. Nur zwei weitere Schwimmer drehen ihre Runden, C., meine Schwimmfreundin,  habe ich bereits in der Kabine getroffen, sie war sehr früh dran, ich sehr spät, da ich noch in dem Laden für Mikronährstoffe meine Vorräte an B12 und D3 aufgefrischt habe.

Überhaupt ist die Fitnesswoche durcheinander geraten.
Stattdessen gab es Zahn- und Augenarzttermine, am Feiertag lag ich kränkelnd danieder, und am Dienstag war der Mutmachabend der Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses.
Das war doch sicher traurig, sagt meine Mutter am Telefon.
Ich verneine.
Im Gegenteil; das zahlreich erschienene Publikum hatte sogar etwas zu lachen.
Weder das Taschentuch, das ich vorsichtshalber in die Hosentasche gesteckt hatte – ich war mir nicht sicher, wie ich auf der Bühne mit der Konfrontation Brustkrebs reagiere – habe ich gebraucht, genauso wenig wie die Karteikarten, die ich dabei hatte, sollte mir nichts einfallen. Mir fällt viel ein, ich hätte noch locker zwei Stunden über die verschiedenen Aspekte zum Thema Brustkrebs sprechen können.

Ein weiteres Highlight der Woche ist das email meiner Arktis-Kabinengenossin D. aus North Carolina. Die 76-Jährige hat ihre nächste Expedition in die Kälte geplant und fragt, ob ich nicht wieder mitkommen möchte. Ausserdem fliege sie nächstes Jahr nach London und checke schon Flugverbindungen nach Georgien, wo wir uns doch alle wiedersehen wollen.
Trotz ihrer Versprechungen „…I will bring my sleep machine so I will not snore!!! I certainly feel better using it instead of the glorious mouth piece! I will unpack immediately upon arrival!!“ werde ich nächstes Jahr nicht wieder in die Arktis fahren – ich plane im Frühjahr eine ganz andere Exkursion mit A. aus Österreich, die ich in Israel kennen gelernt habe.

Und wieder einmal stelle ich fest, dass das Leben so viele wunderschöne Momente bereithält.

Fotovermerk: Hamburg Photography

Blumen statt Tränen 😍

#nofoodwaste

D. und ich auf unserer Arktis-Expedition

17.09.2019

Epilog: was bleibt.

Ich habe das Nordpolarmeer gesehen.
Ich habe die Nordlichter beobachtet, die am schwarzen Himmel tanzten und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen liessen.
Ich habe die klare Luft gefühlt, kalt und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zog.
Ich habe die Gischt im Gesicht gespürt, kühl und frisch, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis geglitten sind.
Ich habe die Wale gesehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchten, bevor sie wieder in der Tiefe verschwanden.
Ich habe die Eisbären gesehen, „white and fluffy“.
Ich habe die Gletscher und die Eisberge bestaunt, die in unendlich vielen Blautönen geglitzert und unseren Weg in die Kälte gesäumt haben.
Ich habe am Tag die helle Sonne gesehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich habe mich auf den Weg gemacht.

Ich habe neue Freunde gefunden.

Und ein chinesisches Familienmitglied bin ich auch geworden…

– Ende –

Nachtrag
Email von D:
…You will be happy to know that I am fully unpacked and am now ready to pack again to leave for California on Thursday!
Thank you for being such a good, kind and patient roommate
🤗 Fond memories! Take care“

16.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 11

Am nächsten Morgen, wir laufen aufgrund des Unwetters mit vier Stunden Verspätung in Reykjavik ein, erfahren wir, dass A. aus Kalifornien in der Kabine gestürzt ist und zwei Passagiere mitsamt ihren Stühlen im Restaurant umgekippt sind.
Auch unser Tisch war am letzten Abend spärlich besetzt, die Stimmung verhalten. Den Abschiedsabend hatten wir uns anders vorgestellt.

Um 4.00h morgens steht D., die eigentlich erst um 9.00h auschecken muss, mit mir an der Gangway. Sie singt mir ein amerikanisches Lied vor, das man Kindern zum Trösten vorspielt, damit sie beim Abschiednehmen nicht weinen.
Wir umarmen uns, vergiss nicht zu packen, sage ich, D. aber steht an der Reling und ruft meinen Namen und winkt, bis ich endgültig im Bus, der mich zum Flughafen bringt, verschwunden bin.

15.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 10

Unser letzter Landausflug geht in das kleine isländische Fischerdorf Suoureyri mit 240 Einwohnern. Eine Premiere: hier ist noch nie ein Schiff mit Passagieren angekommen. Die Fischer haben ihre Boote umgeparkt, damit unsere Zodiacs Platz am Anleger haben. Und so wird in dem kleinen Dorf morgens um 8.15h Fisch für uns gekocht (ich setze aus),  dann geht es zur Besichtigung der ortseigenen Fischfabrik (ich setze aus), es gibt Fischfrikadellen (ich setze aus) und zu guter Letzt noch getrockneten Fisch zu probieren (ich setze aus).

D. (zur Erinnerung: 76 Jahre alt) ist begeistert; sie war im ersten Zodiac beim Anlanden und im letzten, als es aufs Schiff zurückgeht. Ich frage mich, wo sie ihre unglaubliche Energie hernimmt. Allerdings brauchen wir diese, da wir mal wieder ihren Zimmerschlüssel suchen.

Auf der Brücke – neben dem Jakuzzi an Deck 5 mein Lieblingsplatz – werde ich fröhlich begrüsst, man kennt mich hier schon, ich komme täglich vorbei, und ausserdem habe ich die Wale gesichtet.
5 Meter hohe Wellen mit Windstärke 8 stünden uns bevor, die gesamte Strecke zurück nach Reykjavik.

Die Expeditionsleitung mahnt uns, unsere Seekrankheit-Tabletten einzunehmen und unverzüglich die Koffer zu packen; wenn es erstmal stürmt, würde das Packen schwierig werden.

Ich bin in 15 Minuten fertig mit meinem Gepäck; als ich wieder in die Kabine komme, sieht es allerdings aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. D. packt nicht, D. sitzt vorm Spiegel und tuscht sich seelenruhig die Wimpern. Ob ich ihr beim Packen helfen solle, frage ich. Sie sei so gut wie fertig, kommt als Antwort und das Chaos ignorierend, ausserdem müssten wir jetzt die Präsentation des Bordfotografen in der Lounge verfolgen.
Wir machen uns auf den Weg in die Lounge, die Sea Spirit schaukelt vor sich hin.

Nach der Präsentation bleibt unsere Clique sitzen und tauscht Adressen aus. Wir wissen nicht, dass wir uns in diesem Moment zum letzten Mal sehen werden.

Der Sturm nimmt zu. Fasziniert blicken wir aus unserem Kabinenfenster, an das die Wellen krachen, mal scheinen wir unter Wasser zu sein, mal sehen wir nur den Himmel, wir schweben, wir fallen krachend in die Tiefe. D.s Noch-Nicht-Kofferinventar trudelt und fliegt durch die Kabine. Mit dem Captains Dinner wird das nix, sage ich, als ich auf allen Vieren ins Badezimmer krieche.
D. stimmt mir zu, safety first, wir bleiben auf den Betten liegen und lassen uns grüne Äpfel und Cracker bringen. Tut uns auch mal ganz gut, meine ich, nach den unzähligen Kuchen, Waffeln, Cremes und Crepes.

Ansage von der Brücke: das Captain Dinner fällt aus, ausserdem würden wir nach Backbord drehen, es würde noch stürmischer werden. Die Passagiere mögen bitte sicher sitzen oder noch besser: im Bett liegen. Das Herumlaufen auf dem Schiff wird verboten.
Wir machen das richtig, ruft D. unter ihrer Bettdecke hervor, während die Sea Spirit ächzt und sich durch die Wellen kämpft.

14.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 9

Wale!, rufe ich aufgeregt und deute irgendwo ins Nordpolarmeer. Ganz nah am Schiff!
Der Kapitän und der Safety Officer, die bis eben noch konzentriert auf der Brücke gearbeitet haben, schauen auf. Well spotted, werde ich vom Kapitän gelobt, der jetzt zu mir herübergetreten ist, es dürften Finnwale sein. Nach dem Lunch komme ich wieder, lasse ich das Bridge-Team wissen, ich bin ja schnell enthusiastisch bei der Sache.

Im Restaurant berichte ich von meiner Walsichtung, leider hat weder die Brücke noch die Expeditionsleitung eine Durchsage gemacht, und nun sind meine Mitreisenden etwas geknickt. Auf Wale haben sie bisher vergeblich gewartet.
Nach dem Mittag werde ich als Watchman wieder on duty auf der Brücke sein.

Nachts ertönt wieder einmal die Durchsage, das Nordlichter zu sehen seien, ich schlafe weiter, murmele ich, D. sucht ihre Kamera (ich helfe ihr nicht beim Suchen) und macht sich auf in die Kälte. Kurze Zeit später ist sie zurück, die Nordlichter waren schwach und nur auf den Fotos der chinesischen Familienmitglieder zu sehen, die ihr allerdings Fotos schicken werden. Das Moon Festival hat sich ganz positiv auf die chinesisch-internationalen Beziehungen an Bord der Sea Spirit ausgewirkt.

13.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 8

Minus 11 Grad. Es ist 6.20h, D. springt aus dem Bett, schau die Berge an, ruft sie, über die sich der rosa Schleier des Sonnenaufgangs gelegt hat. Wir laufen auf Deck 5, um die Sonne zu begrüssen.

Heute Vormittag habe ich mich für das botanische Programm entschieden. Man muss nicht weit gehen, um die Schönheit dieser Welt zu entdecken. Wir schauen im Gosefjord auf den Boden, der mal gefroren unter unseren Schritten knistert und sich an anderen Stellen wie ein dicker flauschiger Teppich anfühlt. Etwas Arnika, ein paar späte Blaubeeren, kleine weiße und lila Blümchen wiegen sich im Wind, es ist kalt, es ist Herbst, nächste Woche wird sich der Schnee über die arktische Landschaft legen.

Zurück an Deck, gehe ich mit meiner Zimmergenossin auf die Brücke. Wir setzen uns draussen unter die breite Fensterfront und geniessen die Sicht auf die unendlich vielen Eisberge.

Viking Bay – Frede Glacier.
If you think we can’t top the highlights of this trip…we can!, so die Ansage der Expeditionsleitung. We have spotted something white and fluffy outside….Eisbären!!!!
Das ist sehr selten, auch wenn unsere Anlandungsplätze immer sorgfältig auf Eisbärspuren geprüft werden und das Team für den Notfall mit Gewehren ausgerüstet ist.

Trotz des Hineinschummelns in die internationale Gruppe – ein aufwendiger Akt – schaffen wir es nicht, zusammen ein Zodiac zu bekommen. A. aus der Schweiz landet im russischen Boot, S. aus der Schweiz samt D. und G. aus Georgien sind im internationalen Boot, Jay aus Wales, J. aus Maine und ich sind bei den Amerikanern gelandet.

Alle Zodiacs sind im Einsatz, wir nähern uns dem Gletscher und den Bergen. Mitten am Berg, auf einer schneebedeckten Platform, bewegt sich etwas Weisses. Unser erster Eisbär! Ganz still ist es in den Booten, selbst den sonst agilen Chinesen scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

Der Bär legt sich hin; wir steuern dichter an den Gletscher heran. Wieder ist eine Bewegung am Berg auszumachen: ein Eisbär und zwei Eisbärbabies schauen in unsere Richtung. Dahinter der Gletscher mitsamt seinen türkisfarbenen Eisbergen- und Schollen, die wie überdimensionale Diamanten in der Sonne glitzern.

Im Restaurant, das heute mit chinesischen Lampions und Luftschlangen geschmückt ist, sitzen wir alle wieder zusammen an unserem Tisch. Lucky Sally ergreift das Mikrofon: heute ist das chinesische Moon Festival, ein wichtiger Feiertag in China, der mit der Familie gefeiert wird. Heute sind wir auf diesem Schiff eine große Familie, sagt Lucky Sally. Zum ersten Mal verschwimmt die unsichtbare Grenze, die sich durch die Chinesen und den Internationalen und durch das Restaurant gezogen hat.

Wir sind jetzt Chinesen, stelle ich fest.
Die neue chinesische Familie kommt an unsere Tische und bietet chinesische Kuchen und Süssigkeiten an, macht Fotos it den neuen Familienmitgliedern, sie singen und klatschen und sind fröhlich, während wir noch etwas verblüfft aus der Wäsche schauen und die teils schrecklich schmeckenden Süssigkeiten heimlich im indischen Curry und den Tagliatelle verstecken.

Bevor der Sake an unseren Tisch ankommt, machen wir uns auf den Weg zu Deck 5. Im roten Baywatch-Badeanzug und mit meiner Flasche Rotwein bewaffnet, treffe ich bei Minus 8 Grad auf meine Freunde im Jakuzzi. The party can start!

 

 

 

12.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 7

Anlandung in Eskimobukta. In den Bergen klettern Moschusochsen, wir klettern auch. Wir sehen alte Gräber: Steinhaufen, durch die man durchblicken und Knochen und sogar einen Totenkopf erkennen kann. Etwas weiter die Reste der Häuser und ein toller Ausblick auf das Meer, die Berge, die Gletscher und das Eis.

Den Nachmittag verbringen wir im Frederiksdal im Nordvestfjord. Statt der Wanderungen entscheide ich mich für das Beach-Bunny-Programm und schlendere die Bucht entlang, setze mich auf einen Stein und schaue aufs Meer.

Auf unsere Freundschaft, ruft Jay, die Gläser mit dem Weisswein klirren, wir jubeln, um uns herum dampft und bubbelt es, am Himmel leuchten der Mond und die Sterne, Eisberge gleiten an und vorbei, während Jay, J. und ich nachts im Jakuzzi das Leben feiern.

11.09.2019

Logbuch Arktis- Tag 6

8.15h, Minus 8 Grad: wir sitzen in den Zodiacs und steuern eine bergige Insel im Rype Fjord an. Wir sehen Moschusochsen, Vögel und Robben. Die Chinesen tragen bunte Mundschutze und Mützen mit Hello Kitty-Ohren.

Nach 1,5 Stunden Wandern geht es für weitere 1,5 Stunden mit den Zodiacs auf Gletscher- und Eisbergtour. Die Sonne strahlt und lässt das Eis in unendlich vielen weiss-bläulichen Schattierungen glitzern.

21 Passagiere sind mutig und wagen den Polar Plunge; bei 1 Grad Wassertemperatur springen sie ins Nordpolarmeer, Jay macht einen spektakulären Salto, und auch die 77-jährige R. gehört zu den Mutigen. Für die polar-plungenden Chinesen gibt es eine Extra-Durchsage: sie mögen vor dem Sprung sagen, ob sie überhaupt schwimmen könnten. Ärztin Gloria aus El Salvador steht an der Gangway mit Handtüchern und Defibrillator parat.

Mittagessen wieder draussen auf Deck 5, Ms Anja, wir haben vegetarische Pizza, lässt mich R., der Oberkellner, wissen. Und Bananencremetorte zum Dessert. Das Leben könnte nicht besser sein.

Wir fahren durch den Øfjord, der zwischen Renland und Milne Land liegt.

Am Nachmittag steht ein zweistündiger Zodiac-Cruise bei Baer-Island im Halve Fjord auf dem Programm. A. sowie S. aus der Schweiz und ich schummeln uns durch die strenge Bordkontrolle: wir gehören eigentlich in die deutschsprachige Gruppe, möchten aber gern mit unseren Freunden, die in der internationalen Gruppe sind, zusammen in einem Zodiac verbringen. G. aus Georgien entkommt seinem russischen Boot, mit J. aus Maine und Jay aus Wales erklimmen wir unser Zodiac, irgendwie sind wir doch alle international.

Dieser Nachmittag wird unvergesslich bleiben: um uns herum ragen schneebedeckte Berge auf, wir fahren an Gletschern vorbei, umrunden wundersam geformte Eisberge, die sich im Wasser spiegeln und liegen still neben den Eisschollen, um Robben in der Sonne zu beobachten.

Als wir wieder am Schiff ankommen, liegen wir uns in den Armen. Das Leben ist schön.

Mitten in der Nacht die uns schon bekannte Durchsage: Nordlichter am Himmel! Wir kriechen aus den Betten, ziehen an, was in greifbarer Nähe liegt und laufen los. Es ist eisig auf Deck 5, der Wind bläst uns empfindlich ins Gesicht. Ich setze die Kapuze auf und schaue in den Himmel. Sterne, Sterne, Sterne – die Nordlichter sind nicht mehr auszumachen.

10.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 5

Ich packe heute die Koffer aus, sagt D., die ihre Sonnenbrille nicht finden kann. Ich helfe ihr beim Suchen.

Um 7.15h sitze ich am Frühstückstisch, da ich bereits für die 8.15h-Anlandegruppe eingeteilt bin. Wir steuern mit den Zodiacs Hekla Havn auf Denmark Island an. Das Meer ist ruhig, die Sonne scheint über den schneebedeckten Bergen, während wir auf die kleine Bucht zusteuern. Die Landschaft hat sich in herbstliche Farben gehüllt, rote, gelbe, rosafarbene und weisse Blümchen säumen den moosigen Untergrund, ganz weich geht man hier, als würde man über einen dicken Teppich schreiten. Wir sehen jahrhundertealte Steinformationen, die auf Campingplätze hinweisen.

Zwischen Rückkehr und Mittag haben wir eine Stunde Zeit. D. packt tatsächlich ihre Koffer aus und räumt auch noch das Sofa leer. Daisy (unser Zimmermädchen) wird überrascht sein, meint sie. Sie wird denken, sie sei in der falschen Kabine gelandet, antworte ich. Wir lachen.

Da das Wetter so herrlich ist, während wir durch den Fonjfjord gleiten, gibt es Lunch draussen auf Deck 5. M., eine ältere Dame aus den Niederlanden, proklamiert ein erdachtes Haiku über ihre innige Begegnung mit einem Baby-Pinguin in der Antarktis. Ich höre zu und blinzele in die Sonne.

Später gibt es noch einen Zodiac Cruise rund um Red Island herum. Die Natur ist unbeschreiblich schön.

09.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 4

Eine weitere stürmische Nacht liegt hinter uns. Wellen krachen ans Kabinenfenster, der Horizont lässt sich im Schwarz des Meeres und des Himmels nur erahnen. Die Sea Spirit ächzt und knarrt, während sie sich vorwärts kämpft.

Irgendwann liegt sie still. Die Ankerkette rasselt, ich schaue aus dem Fenster: kleine bunte Holzhütten verteilen sich in einer bergigen, schneebedeckten Landschaft. Ittoqqortoormiit ist die einzige Ortschaft, die wir auf dieser Reise sehen werden. 300 Einwohner gibt es hier, wir werden gebeten, im Supermarkt kein Obst und Gemüse zu kaufen. Es wird nur zweimal im Jahr angeliefert und ist rationiert. Also werfe ich nur einen kurzen Blick in den kleinen Laden, in dem es vorrangig Fleisch, Brot, Nudeln und etwas Kleidung zu kaufen gibt. In der Tiefkühltruhe liegen zwei Tüten mit Erbsen und Wurzeln. Frisches Obst und Gemüse gibt es nicht.

Das kleine Museum ist sehr schön, Postkarten gibt es im Touri-Centre (ein kleiner vertäfelter Raum), und wir schauen der Hundefütterung zu. D. hat eine zusätzliche Fahrt mit dem Zodiac genossen, da sie ihr Portemonnaie an Bord vergessen hat.

Am Nachmittag steht eine etwas beschwerlichere Wanderung auf die hügelige Umgebung von Hurry Inlet bei Nökkedal an, die ich ausfallen lasse: ich gehe ins Gym, und danach eröffne ich die Jakuzzi-Saison auf Deck 5. Während ich im warmen Wasser liege, blicke ich auf hellblaue Eisberge schneebedeckte Bergkuppen, dazwischen laufen kleine rote Punkte – meine Mitreisenden – herum. Ich geniesse den Moment, den ich hier ganz für mich alleine habe.

Der Kellner deutet nach rechts, als ich das Restaurant zum Dinner betrete. A. aus der Schweiz, J. aus Maine, G. aus Georgien und Jay aus Wales winken und zeigen auf den letzten leeren Platz. Jetzt ist die Runde perfekt, strahlt A. Sie hat recht: wir lachen und albern herum, amüsieren uns über die Chinesen, die sich heute zum Captains Empfang in oscarreife Abendroben geworfen haben und aufgeregt im Restaurant hin- und herlaufen.

Sally, die chinesische Travelagentin, trägt ein schwarzes langes Kleid mit einer goldbestickten Stola. Sie hat Geburtstag. Die philippinischen Kellner bringen eine Torte und singen zur Gitarre gleich mehrere Geburtstagslieder, wir klatschen mit. Sally ist sichtlich gerührt; mit einer Flasche Rotwein bewaffnet, kommt sie an unseren Tisch, sie möchte mit uns anstossen und schenkt ein, Lucky Sally sei ihr Name, sie habe heute nicht nur Geburtstag, auch Nordlichter würden wir heute Nacht sehen, ihr roter Lippenstift ist verwischt, sie schwankt, und sie ist glücklich. Das ist alles, was zählt.

Jay notiert sich unsere Kabinennummern, er wird klopfen, wenn er Nordlichter sieht. Noch ein Drink in der Bar, zu dem uns G. aus Georgien einlädt, dann gehe ich zu Bett.

In unserer Kabine breitet sich das Chaos aus: D. hat es immer noch nicht geschafft, so richtig auszupacken bzw. ihre Sachen wegzuräumen. Ich sehe das gelassen, mache mich bettfertig und schlafe ein.

Durchsage von der Brücke und zeitgleich ein lautes Klopfen an der Tür, Jay stürzt herein, Nordlichter über uns! D. will im Pyjama loslaufen, zieh eine Jacke über, wir haben Minusgrade an Deck, rufe ich ihr nach, ich ziehe an, was in greifbarer Nähe liegt. Auf Deck 5 laufen die Chinesen zwischen aufgebauten Stativen herum, unter den roten Arktis-Jacken schauen der rote Tüll und die grüne Spitze der Abendkleider hervor. Über uns am Himmel fangen die Nordlichter an zu tanzen, es schaut aus als spielten sie miteinander, es werden immer mehr. Lucky Sally kommt auf mich zu und strahlt, zeigt in den Himmel, fällt mir in die Arme, wieder und immer wieder, sie ist Lucky Sally, und heute ist sie richtig glücklich.

08.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 3

Noch immer stürmt es. Die chinesische Übermacht an Bord hat sich merklich reduziert. Die Seekrankheit greift um sich. J. ist blass und fühlt sich nicht gut, D. bestelle ich ein Frühstück auf die Kabine. Im Restaurant lerne ich zwei Deutsche kennen sowie G. aus Georgien, Jay aus Wales, A. aus der Schweiz und G. und A. aus Chicago. R. der Oberkellner, begrüsst mich: Ms Anja, please have a look to the buffet – we have almond milk for you.

Ich bin sprachlos; auf dem Fragebogen, den man vor Antritt der Reise ausfüllen musste, hatte ich vermerkt, dass ich Wert auf gesunde Ernährung lege und Mandel- oder Kokosmilch bevorzuge. Mehr Service geht nicht.

Ich statte der Brücke einen Besuch ab, ich bin der einzige Gast.

Der Whirlpool auf Deck 5 ist abgedeckt. Ich setze mich in eine windgeschützte Ecke und schaue über das leere Deck. Hier haben wir nachts in der Antarktis zur Discomusik des DJ‘s getanzt, während sich das Eis immer dichter an die Sea Spirit geschmiegt hat. Titanic-Feeling.

Heute tanzen die Wellen.

Spucktüten sind die Gänge hinunter an den Wänden drappiert, das Bordshopping, das Kayak-Intro und der Vogelkunde-Vortrag werden verschoben, es ist ja kaum ein Passagier auf den Beinen. Zum Glück werden die für 16.00h angekündigten Crepe Suzette in der Lounge nicht verschoben. D. lasse ich auf der Kabine schlafen und trete den wackeligen Weg in die Lounge an. Ich plaudere mit G. aus Berlin und A. aus der Schweiz.

Ob ich ein Schokocroissant möchte, fragt D. Sie habe einige aus dem Hotel aus Reykjavik mitgebracht. D. sitzt in der Kabine auf dem Sofa neben ihren unausgepackten Koffern, in dem sich neben den Croissants noch Äpfel, Kekse, Müsliriegel und ein grosses Sortiment an Tabletten befinden. Ausserdem könne sie gerade ihre Wasserflasche nicht finden. Ich helfe ihr beim Suchen.

Kein Maskara heute, zu gefährlich bei dem Sturm, da könne man sich ja die Augen ausstechen, stellt meine quirlige Zimmergenossin fest.

Ich habe D. angeboten, beim Auspacken und Verstauen zu helfen, vielleicht später, nach dem nächsten Vortrag, und weg ist sie.

Nach dem Dinner hole ich mir an der Rezeption meine Charge Tabletten gegen Seekrankeit. Aufregung am Fenster, ich schaue hinaus: die ersten schneebedeckten Berge und ein hellblau schimmernder Eisberg tauchen auf. Vor uns liegt Grönland.