Epilog

Warum ich das Reisen mag.

Vielleicht, weil ich die Kälte mag. Und die Wärme.

Vielleicht, weil ich das Rot und das Gelb der Wüsten mag. Und die Weiss- und Blautöne im ewigen Eis.

Vielleicht, weil ich den Blick in die Ferne schweifen lassen mag, über das Meer. Um dann vor mir auf den Boden zu blicken und Blumen zu entdecken, winzig klein.

Vielleicht, weil ich die Vögel singen hören mag, ganz früh am Morgen. Und das Knistern des schmelzenden Eises im Nordpolarmeer, das mag ich auch.

Vielleicht, weil ich Fernweh hab. Und ich die Welt so spannend finde.

Vielleicht, weil ich die Menschen mag, die ich von jeder Reise mitbringe. Und die Veränderungen meiner selbst. Die Erinnerungen, die ich mir bewahren werde, die mag ich auch.

Und vielleicht, weil mich die Intensität der Erlebnisse die Zeit länger erscheinen lässt.

Vielleicht, weil ich dann glücklich bin.

Logbuch Svalbard Tag 11

09.06.2022

Punkt 7.30h Email von T. an unsere Tischrunde, das den morgendlichen Weckruf des Schiffs auf humorvolle Weise interpretiert. Für den recap würde ein baby seal Video gesucht 😉 Ich teile es sofort und bin jetzt gutgelaunt.

Dann laufe ich ins Dorf, um in letzter Minute den Svalbard-Hoodie zu kaufen, um den ich schon mehrmals drumrum geschlichen bin.

Am Flughafen in Longyearbyen dann Chaos. Hier ist überall self-service, also kann ich niemanden fragen, ob ich in Tromso nicht ohne Umsteigen und Wartezeit weiter nach Oslo fliegen kann.

Der Tromso Airport ist eine Baustelle: erstmal Passkontrolle, dann Gepäck holen, in nen Bus und ab zum nächsten Terminal. Hier wieder Gepäck einchecken (diesmal geht es nur mit Hilfe) und wieder durch die Kontrolle. Ich frage mich, in wievielen Ländern ich gelandet bin; ich wähnte mich eigentlich nur in Norwegen.

Im Oslo Airport laufe ich erstmal durch einen Ausgang, den ich nicht als solchen identifiziert habe und muss mich dann auf illegalem Weg wieder zurückmanövrieren, um an mein Gepäck zu kommen. Auf dem Weg zum Hotel umwandere ich – nun mit Gepäck – den Flughafen, warte eine kleine Ewigkeit beim Check In obwohl mehr Staff als Gäste zugegen sind, überliste die laute und nicht auszustellende Klimaanlage, in dem ich das Fenster aufmache, um dann um 23.45h einen Anruf von der Rezeption zu bekommen, die meinen Namen nochmal rückbestätigen möchte. Es ist Zeit, nachhause zu kommen.

Logbuch Svalbard Tag 10

08.06.2022

„Can I watch the video of the baby seal a last time?“ fragt einer der holländischen Forscher. Alle lachen. Die Reisegruppe steigt in den Bus, der sie zum Flughafen bringen wird. Ich bleibe mit meinem baby seal Video zurück, da meine Flüge erst einen Tag später gehen. „Ich sende Euch allen das Video per email“, antworte ich, wir umarmen uns und nehmen Abschied.

Eben sass ich noch mit D. bei Chai-Tee und einem schönen Gespräch im kleinen Polarmuseum, nun bin ich allein. Ich werde etwas wehmütig, schlendere unschlüssig durch Longyearbyen, schaue in die Geschäfte ohne etwas zu finden, kaufe im Koop schliesslich Bananen und Knäckebrot und trinke einen Cappuccino auf der Terrasse eines Cafés. Draussen vorm Hotel weiden zwei Rentiere.

Logbuch Svalbard Tag 9

06.06.2022

7.40h. Ich sitze in der Bar. Die Musiker sind längst auf ihren Kabinen, der Tresen aufgeräumt, die Tische geputzt, die Sessel wieder ordentlich arrangiert.

Die Sonne streift über die Lehnen, den blaugemusterten Teppich und über die Berge. Heute Morgen werden wir mit den Zodiacs in Skansbukta anlanden und schauen, ob wir Puffins entdecken.

Keine Puffins in Skansbukta, dafür Steinschlag und ein Schneehuhn.

Die Sichtung des Schneehuhns, der Eisbären und die meisten Wale haben wir übrigens der Aufmerksamkeit unserer holländischen Forscher zu verdanken, die stundenlang an Deck ausharren. Ich revanchiere mich mit dem Video des Seehundbabies, das ich jedem enthusiastisch unter die Nase bzw. die Augen halte, gerne auch öfters.

In Borebukta werde ich richtig nass, ich sitze ganz vorn im Zodiac, die Wellen perlen von meinem Arktisoutfit ab. Es ist windig. Und kalt. Wir sehen noch eine Gruppe Walrosse , mich interessiert aber mehr eine heisse Dusche.

Die undefinierbare grün-pink-farbene Masse, die mit einem weissen Rand umsäumt ist, wurde als Alaska-Erdbeervariation angekündigt. „Schmeckt wie Marshmallows“, meint S. „Sieht aus wie Permafrost“, findet A. Wir haben hier einiges gelernt. Auch das man manchmal mit dem frischen Obst-Teller als Dessert doch besser beraten is(s)t.

Logbuch Svalbard Tag 9

07.06.2022

7.40h. Ich sitze in der Bar. Die Musiker sind längst auf ihren Kabinen, der Tresen aufgeräumt, die Tische geputzt, die Sessel wieder ordentlich arrangiert.

Die Sonne streift über die Lehnen, den blaugemusterten Teppich und über die Berge. Heute Morgen werden wir mit den Zodiacs in Skansbukta anlanden und schauen, ob wir Puffins entdecken.

Keine Puffins in Skansbukta, dafür Steinschlag und ein Schneehuhn.

Die Sichtung des Schneehuhns, der Eisbären und die meisten Wale haben wir übrigens der Aufmerksamkeit unserer holländischen Forscher zu verdanken, die stundenlang an Deck ausharren. Ich revanchiere mich mit dem Video des Seehundbabies, das ich jedem enthusiastisch unter die Nase bzw. die Augen halte, gerne auch öfters.

In Borebukta werde ich richtig nass, ich sitze ganz vorn im Zodiac, die Wellen perlen von meinem Arktisoutfit ab. Es ist windig. Und kalt. Wir sehen noch eine Gruppe Walrosse , mich interessiert aber mehr eine heisse Dusche.

Die undefinierbare grün-pink-farbene Masse, die mit einem weissen Rand umsäumt ist, wurde als Alaska-Erdbeervariation angekündigt. „Schmeckt wie Marshmallows“, meint S. „Sieht aus wie Permafrost“, findet A. Wir haben hier einiges gelernt. Auch das man manchmal mit dem frischen Obst-Teller als Dessert doch besser beraten is(s)t.

Logbuch Svalbard Tag 8

05.06.2022

Poolepynten.

Wir pirschen uns ganz leise an die Walrosse heran. Keinesfalls wollen wir sie stören oder erschrecken.

Da Walrosse extrem stinken, habe ich einen extra Tropfen Minzöl in meine Maske getan und atme durch den Mund. Mit Gestank kann ich nur schlecht umgehen. Fast eine Stunde beobachten wir die Gruppe männlicher Jungtiere, die am Strand herumliegen oder im Meer schwimmen, ihre Köpfe heben und grummelige Geräusche machen.

Im St. Johnsfjord sind wir wieder in Zodiacs unterwegs. Gletscher reihen sich aneinander, dazwischen schneebedeckte Berge, die sich in der glatten Wasseroberfläche spiegeln. Ein Seehundbaby taucht direkt vor mir auf und kommt neugierig näher. Ich filme die Szene. Und bin glücklich.

Abends BBQ auf Deck 5, wir sitzen in Skihosen und dicken Jacken um schön gedeckte Tische, wir Nordlichter lachen zusammen mit den holländischen Forschern.

Ich liege im Bett und höre Gesang, Lachen und Applaus. In der Bar nebenan ist Party. Ein Israeli hat seine Ukulele dabei, einer der Forscher spielt Gitarre, und jemand spielt Klavier.

Auch wenn ich schon im Bett liege, freue ich mich über die Lebendigkeit, die aus der Bar klingt.

Logbuch Svalbard Tag 7

04.06.2022

Ich ziehe meine Jacke über und laufe an Deck. Ein Grönlandwal wurde gesichtet; allerdings macht er mir nicht die Freude, noch einmal aufzutauchen (ich werde am Ende dieser Reise die wahrscheinlich Einzige bleiben, die weder Blauwal, Grönlandwal oder Zwergwale gesehen hat).

Statt Landgang entscheide ich mich für Gym und Jacuzzi.

Auch den Nachmittag vertrödele ich an Bord.

Beim Dinner geht es bei den Israelis mit den Festivitäten weiter. Wir haben diesmal Glück und bekommen Hummus, Yoghurtsauce und süsses Brot gereicht.

Logbuch Svalbard Tag 6

03.06.2022

Lillihoekbreen. Kalte, klare Luft. Gewaltige Gletscher. Berge, von Wolken umschleiert. Unendlich viele Blautöne. Verschneite, unberührte Täler. Knisterndes Meer, in dem man die Eisschollen schmelzen hört. Auffliegende Vögel. Wir, ganz klein im Zodiac.

Camp Zoe am Nachmittag: ich bin wieder bei den Beachbunnies: heute lernen wir etwas über Algen und Federn, interpretieren Einbuchtungen am steinigen Strand und beobachten den lila Strandläufer.

„Wir brauchen Militär“, sagen die Israelis. „Wir brauchen Demokratie“, sagen die Holländer. “Wir brauchen Leader“, sage ich, und ernenne T. kurzerhand zur Prime Ministerin und mich zur Queen. „Und was machen wir mit denen, die wir nicht brauchen?,“ fragt A. „Die schicken wir los, Hilfe holen“. Wir sitzen beim Dinner gehen gerade das Szenario was-wäre-wenn-wir-mit-diesem-Schiff-verschollen-gehen-und-überleben-wollen durch. Schwarzen Humor können wir.

Heute ist Shabatt; die beiden Isralis, die an unserem Tisch beim Dinner sitzen, werden von ihren Landesgenossen zu Wein und Gesang gebeten; vorher spricht der Älteste; wir hören interessiert zu. „Bless you all“, sagen die beiden, als sie wieder bei uns Platz nehmen; ihnen ist das ganze sichtlich unangenehm, sie sind nicht sonderlich religiös.

Karaoke im Jakuzzi mit den israelischen Jungs oder Whalewatching mit den holländischen Forschern? Wir deutschen Nordlichter entscheiden uns für die Ausschau nach Leben im Meer.

Logbuch Svalbard Tag 5

02.06.2022

Ice Edge, 80 Grad Nord.

Das Meer ist ruhig, das Wasser gleicht einer metallischen Oberfläche, die sich behäbig auf und ab bewegt. Die Eisschollen verdichten sich. Es ist kalt. Wir sind am Ice Edge angekommen.

Gestern Abend hatten wir einen lustigen Abend an der Bar; meine Freunde aus Hannover entdecke ich um 8.00h noch nicht an der frischen Luft, aber die holländischen Forscher sind schon auf Deck 4 aktiv. Auf Deck 5 stellen sich die Israelis für ein Gruppenfoto auf. Ich wandere umher und schaue aufs Meer, ob ich irgendwo Wale ausmachen kann. Wir sind jetzt geografisch dort, wo am Globus oben die kleine runde Metallkappe sitzt.

Nachmittags steht die Welt kopf. Im Raudfjorden spiegeln sich Wolken und schneebedeckte Berge im glasklaren Meer; wo unten und wo oben ist, das weiss man hier nicht so genau.

Stundenlang sitzen wir still in unseren Zodiacs und beobachten Eisbären.

Abendessen in fröhlicher Runde mit den Hannoveranern und den holländischen Forschern, danach geht es an Deck 5 in den Jakuzzi. Es ist 21.00h. Die Sonne scheint auf schneebedeckte Berge, während wir im Hot Tub mit Weisswein anstossen. Das Leben ist schön.

Logbuch Svalbard Tag 4

01.06.2022

„Ich habe einen Anzug dabei“, sagt H., ein deutscher Guide. „Für den Welcome-Abend!“ „Dann sind wir ein Match“, antworte ich. Ich habe ein Kleid im Gepäck. Auf Expeditionen ist das eher ungewöhnlich.

Mit Ny Ålesund besuchen wir die letzte Location mit menschlichem Leben: hier wohnen Forscher aus aller Welt; circa 80 Bewohner im Winter und 250-500 Bewohner gibt es in der Sommerzeit. Hier befindet sich auch der nördlichste Briefkasten der Welt; den südlichsten (Port Lockroy/Antarktis) und den höchsten (Everest/Tibet) habe ich ja schon gesehen.

Im Ossiansarsfjellet landen wir in Zodiacs an. Ich habe mich für die Beachtour entschieden. Ich ziehe das Innehalten und ruhige Beobachten der Natur den Hikingtouren vor (man könnte auch sagen: ich bin faul).

Wir lauschen einer singenden Schneeammer. Wir sehen eine brütende Kolonie von Dreizehenmöwen. Wir finden die Schlafplätze der Rentiere und lernen zu interpretieren, wie sie schlafen. Wir entdecken ein abgenagtes Skelett und Geweih eines alten Rentieres, das von einem Eisbären gefressen wurde. Wir freuen uns über kleine lila Blümchen, die sich ihren Weg durch Matsch und Eis bahnen. Wir lernen zu verstehen, wie alles hier zusammenhängt und eine Symbiose eingeht.

Man muss nur stehenbleiben und findet die faszinierende Welt direkt vor den Füssen.

Logbuch Svalbard Tag 3

31.05.2022

Im örtlichen Museum in Longyearbyen packt ein älterer deutscher Mitreisender seinen Laptop aus. „Ich zeige Ihnen jetzt meine Fotos von der Besteigung des Kilimanscharos“, verkündet er. Ich bin irritiert, lasse es mir aber nicht anmerken und lausche zwischen ausgestopften Eisbären und Polarfüchsen geduldig seinen Afrika-Geschichten.

„Das war 2010“, sagt T., der ich nachher von dieser skurillen Begegnung berichte. Auch sie hat schon Bekanntschaft mit dem Bezwinger des Kilimanscharos und seinen Fotos gemacht.

Der PCR-Test ist lax, trotzdem werden zwei Mitreisende positiv getestet. Beim Dinner später an Bord klagt die Italienerin an meinem Tisch über Heiserkeit und Halskratzen. Das fängt ja gut an.

Überhaupt wird es nochmal turbulent; angeblich ist eine Teilüberweisung von mir nicht beim Veranstalter eingetroffen, ich überweise ein zweites Mal (und verpasse dadurch die Sightseeingtour), da ich nicht möchte, dass die Drohung, nicht aufs Schiff gelassen zu werden, wahr gemacht wird. Das Thema werde ich zuhause aufarbeiten.

Beim Einchecken entspanne ich mich wieder: ich habe ein upgrade bekommen und damit eine wunderschöne Kabine samt begehbarem Kleiderschrank für mich allein.

Logbuch Svalbard Tag 2

30.05.2022

Where are you from? India! Italy! USA! Germany! Japan! Unsere Hundeschlittenwagentour, die ich mit fünf meiner internationalen Mitreisenden machen werde, ist bunt gemischt; unser Guide fügt sich gut ein, er kommt aus Dänemark.

Zwölf Hunde, eine Mischung aus Huskies und Grönlandhunden, werden angespannt, ruckeln aufgeregt an ihrem Geschirr, springen durcheinander und bellen aufgeregt. Sie können es kaum erwarten, dass es losgeht. Wir auch nicht. Es geht los; sofort verstummt das Gebell, die Hunde laufen gleichmässig und konzentriert. Rechts das Meer, links der kleine Flughafen (davor der Zeltplatz mit drei Zelten, auf dem 2020 ein Mann einem Eisbären zum Opfer fiel) und um uns herum die schneebedeckten Berge. Regelmässig wird Pause gemacht, damit die Hunde trinken können. Ob man die streicheln könne? Na klar, sagt der Guide, die Hunde freuen sich!

Der Fahrtwind weht uns eisig um die Ohren. Die Japanerin schlägt die Hände vors Gesicht und kichert, als ich einen Witz mache, die Inder schlagen ihre Hände vors Gesicht, weil sie frieren. Arktische Temperaturen sind sie nicht gewohnt.

Heute Vormittag haben wir auch schon gefröstelt, als es bei Minus 2-Grad durch die dunklen Stollen eines verlassenen Bergwerks ging. Dort befindet sich hinter einer schweren Eisentür das Arctic World Archive, in dem auf Mikrofilmen Dokumente für die Nachwelt aufbewahrt werden.

Das Abendprogramm – ein Dinner im Bergwerk – schwänze ich und nehme eine lange heisse Dusche.

Funfact: Dank meiner professionellen Arktis-Jacke des Veranstalters werde ich permanent für den Guide gehalten: beraten über Antarktisreisen kann ich sehr gut. Die Frage, ob man seine Sachen im Bus lassen kann, beantworte ich lieber nicht.

Logbuch Svalbard Tag 1

29.05.02022

„Wie gut spricht die Anja denn englisch?“ fragt mich die Dame bei der Einweisung für die nächsten beiden Reisetage. Die Anja antwortet: „sehr gut“. Und meldet sich als Freiwillige für die internationale Gruppe. Positiver Nebeneffekt: die Internationalen starten nicht wie die Deutschen morgens um 7.00h mit dem Programm, sondern können entspannt frühstücken, um dann um 10.00h das Bergwerk zu besichtigen, erst nachmittags wird es mit den Hundeschlitten in die Natur gehen. I like.

Die Mittagszeit habe ich im strahlenden Sonnenschein mit S. und M., einem sympathischen Paar aus Scharbeutz, verbracht. Wir haben uns gestern bereits zufällig auf dem Flughafen in Kopenhagen kennen gelernt und sind alle drei einen Tag früher angereist. Wir Nordlichter verstehen uns sehr gut und tauschen unsere Antarktiserfahrungen samt Pinguinbilder aus.

Nachmittags bummele ich durch die drei Strassen, die es hier gibt. S. und M. haben sich eine Tour mit dem Katamaran organisiert, ich muss heute irgendwo eine Pinzette auftreiben. Erschwerend kommt hinzu, dass es hier nicht nur nur drei Strassen gibt, es ist auch Sonntag. Challenge accepted.

Im rappelvollen Dorfcafé, in dem sich anscheinend alle Einwohner versammelt haben, bestelle ich mir einen Cappucino und ein veganes Stück Schokokuchen. Und erblicke an einem Tisch die Frau, die gestern auf dem Flug von Oslo nach Longyearbyen neben mir gesessen hat. Sie lacht mir zu. Ich setze mich zu ihr. Die Norwegerin ist wie ich das erste Mal auf Svalbard; allerdings ist sie geschäftlich unterwegs; sie wird morgen einen Vortrag über den Tourismus halten. Wir unterhalten uns über das Reisen, interkulturelle Begegnungen, sie erzählt von ihrem Bruder, der Botschafter in Brasilien ist, wir sprechen über Russland und der ägyptischen Haltung zur Situation und noch viel mehr.

Fühlte ich mich heute Morgen noch etwas mulmig, als ich durch die menschenleere (und zum Glück eisbärenfreie) Gegend gewandert bin, bin ich nun in meinem Element und socialise.

Ich finde sogar einen Supermarkt, der geöffnet hat. Samt Pinzette.

Und nun: auf ins Outdoor-Jakuzzi!

Prolog.

28.05.2022


Die Sonne geht nicht auf. Die Sonne geht nicht unter. Sie steht am Himmel und tut das, was sie am besten kann: sie taucht die schneebedeckten Berge, die unter uns liegen, in prächtiges Licht. Sie erweckt die bunten Holzhütten in Svalbard zum Leben. Sie lässt das Nordpolarmeer glitzern , meine Augen zusammenkneifen und meine Haare glänzen. Sie strahlt auf diese unwirkliche Szenerie, in der ich gerade gelandet bin. Ich mag die Sonne, die hier Tag und Nacht für uns scheinen wird.

24.05.2022

Pre-Prolog.

Ob ich glücklich sei, fragt sie mich, nachdem ich ihr erzählt habe, wie ich lebe, und schaut mich erwartungsvoll an. Wir sitzen hoch oben auf dem Holzboden einer Baumhütte, es ist der einzige Raum, den es hier gibt. Vor mir eine Tasse mit Tee, hinten an der Wand der Schrein mit Buddha und den Nats, das sind Naturgeister, an die man in Burma glaubt. Strom und fliessend Wasser gibt es nicht, genauso wenig wie Badezimmer oder Küche; hier wird für alles der kleine Bach genutzt. Ob sie glücklich sei, frage ich meine Gastgeberin. Sie strahlt und bejaht. Sie habe Kinder, die sie besuchen kommen und sie habe ein Zuhause.

Mittagshitze. Die Sonne scheint unbarmherzig auf uns hinab. Mein Guide marschiert stundenlang mit mir durch Reisfelder, wohin genau, das wird sich zeigen. Die Wanderung endet vor einigen runden Strohhütten, auf deren Dächern dünne Fladenbrote getrocknet werden. Wir kriechen in eine Hütte hinein, wo eine Frau auf dem sandigen Boden vor einem Feuer sitzt und backt. In Nullkommanix tauchen die anderen Dorfbewohner auf und starren mich an. Fremde wie mich kennt man hier nicht.

Die kleinen Jungs in Thanliyn umzingeln mich und halten ihre dunklen Ärmchen neben meinen, der so viel heller ist: Farbabgleich. Aufgeregt wird diskutiert. Im Waisenhaus freut man sich über die willkommene Abwechslung. Beim Essen, es gibt Reis mit Gemüse, bin ich die einzige, die ein Besteck bekommt; traditionell wird mit den Fingern gegessen.

Die Nacht beim Goldenen Felsen im Mon-Staat, in der ich kein Auge zugemacht habe; Ameisen, Motten und Lizzards frequentierten mein Zimmer, um 4.00 Uhr im Morgengrauen folgten Lautsprecherdurchsagen der Mönche. Du hattest Lizzards im Zimmer?, strahlt meine Begleiterin. Die bringen Glück!

Die Palästinenserin im Westjordanland erzählt uns die Geschichte ihres Olivenhains, in dem eines Tages die Israelis mit Baggern stehen, um eine Mauer zu bauen. Nach dem Mittagessen, das wir in in ihrem Esszimmer eingenommen haben, fahren wir in den Garten und stehen an der Mauer, hinter der sich eine israelische Siedlung erhebt. Wir pflanzen gemeinsam einen neuen Olivenbaum.

Ich erinnere mich an den Ritt durch die Anden, durch Rinderherden hindurch und über kleine Pfade an Abhängen entlang, auf die mein Pferd – Manteca – sicher seine Hufe setzt. Später lande ich im Graben, über den mein Pferd nicht springen will.

Ich mag Begegnungen in der Ferne, ich mag es, mich auf überraschende und mir unbekannte Situationen einzustellen, mich treiben zu lassen und neugierig zu schauen, was passiert.

Und ich mag die Farben und die Töne in der Ferne: den unendlichen Wüstensand, gelb in der Sahara und rot in Wadi Rum, erwachende Geysire in der Atacama-Wüste, die funkelnden Blautöne im Süd- und im Nordpolarmeer, das Kalben der Gletscher, die mit dumpfen Krachen ins Meer kippen. Die Wolke, die sich langsam zur Seite schiebt und den Blick auf den Everest freigibt, hoch oben im Basecamp auf 5.200 Metern. Die laut krächzenden Krähen im riesigen Mangobaum, unter dem ich in Yangon mit einem Buch liege. Die Dschungelgrenze, die wir als Backpacker überqueren, irgendwo zwischen Chile und Argentinien. Das gelbe Straßenlicht in den schwarzen Nächten von Livorno. Das Rauschen der Meere.

In der Ferne entdecke ich nicht nur die Vielfalt dieser Welt; ebenso entdecke ich mich.

Funfacts:
1. ich könnte schon wieder einen Prolog starten und erzählen, was ich im Sommer alles in meinen Koffer packe (Skihose, Schal, Handschuhe, dicke Unterwäsche…)

2. ich werde am Samstag diejenige sein, die in Arktisjacke und Wanderstiefeln am Flughafen zwischen Mallorca-Reisenden in Flipflops stehen wird.

Pre-Prolog

Alle Flüge meiner Reise – und es sind insgesamt sechs Flüge – wurden zwischenzeitlich gecancelt oder verlegt. Statt am 29.5. fliege ich nun am 28.5. in die Arktis. Und ich fliege einen Tag später zurück. Damit habe ich zwei zusätzliche Tage und Nächte in Longyearbyen. Longyearbyen ist eine ehemalige Minenarbeitersiedlung, die 1.050 Kilometer vom geografischen Nordpol entfernt zwischen schneebedeckten Bergen liegt.

Ich habe nun auch einen Zwischenstopp in Tromso und eine Nacht in Oslo statt in Kopenhagen. Da muss man flexibel sein.

Spitzbergen hat 2.600 Einwohner (von denen die meisten in Longyearbyen leben) und mehr als 3.000 Eisbären. Eisbären sind neugierige Tiere. Seit 1970 wurden auf Spitzbergen sechs Touristen von Eisbären getötet, der letzte im August 2020 auf einem Zeltplatz. Zelten werde ich nicht. Wir werden den Großteil unserer Zeit in Zodiacs – das sind schnittige Schlauchboote – verbringen und die Natur samt seinen tierischen Einwohnern in aller Stille beobachten. Kann meine knallrote Arktisjacke bei den tierischen Einwohnern Neugier erwecken? Ich hoffe nicht. 

In Longyearbyen schneit es gerade. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 1 und -6 Grad. Ich mag Schnee. Und Reisen in abgelegene Gebiete sowieso.

Logbuch Côte d‘Azur

20.03.2022 – Tag 3

Das Gute mit mir selbst zu verreisen ist, dass ich nicht weiss, was ich im nächsten Moment machen werde. Auch wenn mir einerseits ein sturer Wesenszug nachgesagt wird, bin ich doch auch ein Meister der Flexibilität.

Ich verlasse das Hotel und weiss noch nicht, wohin es mich verschlagen wird. Monaco? Musee Matisse? Oder doch Saint Jean Cap Ferrat? Der Bus Nr. 12 hält. Ich steige ein. Lt App sollte ich bis…ach was..ich höre auf keine App und keine google map und steige einfach an einer anderen Haltestelle aus als die, die die App vorschlägt, warte auf die Linie 400 und fahre in Richtung Fondation Maeght. Dort steige ich dann doch nicht aus, ich habe jetzt Lust auf St Paul de Vence. St Paul de Vence ist ein kleines pittoreskes Dorf hoch oben auf dem Hügel. Ich wandere am Fusse des Dorfes entlang, es duftet nach Blumen, Orangenbäume tragen Früchte, ich blicke über grüne Hänge und Täler.

Der Weg endet auf dem wohl schönsten Friedhof der Welt, der am Rande des Dorfes liegt und über die Côte d‘Azur blickt. Ich besuche – wie immer, wenn ich hier bin – das Grab von Marc Chagall, dessen Gemälde ich gestern wieder bestaunt habe.

In einem kleinen Shop duftet es nach Oliven, Trüffel und Lavendel: man bietet mir Popcorn mit Trüffelsalz an (mega), ich teste eine Olivenhandcreme (bio) und erstehe Souvenire.

Oha! Der Rückweg wird eine Herausforderung, denn meine Haltestellen gibt es nicht. Die App, auf die ich nicht höre, will mich beim Umsteigen kompliziert durch eine obskure Gegend lotsen, das lehne ich natürlich ab. Dann evtl bis….die Fahrkarte erst in der Tram entwerten, sagt der Busfahrer, mit der Tram (?) plane ich zwar nicht zu fahren, aber wer weiss, wie ich aus den Bergdörfern am Sonntag wieder zurückkomme…

Ich nehme am Parc Phoenix tatsächlich die Tram, entwerte mein Ticket und bin doch recht froh, wieder nach Nizza zurückgefunden zu haben.

Logbuch Côte d‘Azur

19.03.2022 – Tag 2

Statt für die Villa Rothschild (Plan 1) oder die Fondation Maeght und St Paul de Vence (Plan 2) entscheide ich mich für das Musee Chagall, das auf einem Hügel oberhalb Nizzas liegt. Ich bin gespannt, was ich dort fühle; das letzte Mal war ich vor der Erkrankung dort. Zumindest spare ich diesmal den Eintritt und werde mit meinem Behindertenausweis durchgewunken.

Leicht sind die Gemälde, farbenfroh, intensiv und transzendent, Traumwelten treffen auf religiöse Motive und strahlen eine Leichtigkeit aus, die mir abhanden gekommen ist. Ich stehe im Raum und sehe mich um; meine verlorene Leichtigkeit finde ich nicht, aber das, wodurch sie damals ersetzt wurde: ich spüre eine tiefe Dankbarkeit und Demut, denn ich darf wieder hier sein.

Ich wandere zurück in die Stadt, schalte die blöde google map aus, denn der Weg wird immer länger, das kann ja gar nicht sein, noch 47 Minuten, 48 Minuten, 51 Minuten…ich gehe weiter. Zeit habe ich genug, und ausserdem liebe ich es, Neues zu entdecken. Ausserdem weiss ich: das Meer liegt unten. Also brauche ich nur abwärts gehen.

Ich gehe über den Blumenmarkt. Ich esse einen Salat in einem kleinen Bistro. Ich wandere durch die Altstadt. Und ich wandere zum Yachthafen. Ich nehme einen Lift zu einer Aussichtsplattform mit Blick über die Dächer von Nizza und schaue auf das azurblaue Meer. Ich laufe den Berg hinunter. Ich wandere an der Promenade des Anglais entlang. Ich setze mich in einen Beachclub und geniesse einen Milchkaffee. Ich lausche dem Rauschen der Wellen. Ich beobachte die Möwen am Himmel. Ich denke über die Leichtigkeit nach. Und vielleicht blitzt sie gerade doch ein wenig durch.

Logbuch Côte d‘Azur

18.03.2022 Tag 1

„Mein Name ist Luis de Funès, und ich begrüsse Sie im Namen der Kabinenbesatzung. Meine charmanten Kolleginnen Babette und Jeanette werden Sie jetzt mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen.“

Spätestens jetzt ist klar, dass ich im Flieger an die Côte d‘Azur sitze; entspannt lehne ich mich im Sitz zurück und folge dem Programm von Babette und Jeanette.

Wollen wir mal mutig sein?, frage ich mich, den Orientierungslegastheniker, oh ja, antworte ich und erwerbe ein Ticket für die neue und günstige Tram, statt mit dem teuren Taxi vom Flughafen zum Hotel nach Nizza zu fahren. Eigentlich wäre ich heute abgeholt worden und nach St Tropez gedüst; allerdings sind meine Freunde jetzt in Husum bei einer Beerdigung. Und ich nun kurzentschlossen in Nizza. Das Tram-Abenteuer glückt: ich steige nicht nur an der richtigen Station aus, ich finde sogar das Hotel.

In Nizza habe ich schon oft geurlaubt. Damit spare ich mir für das verlängerte Wochenende ein stressiges Programm, denn zu sehen gibt es viel. Ich werde mich treiben lassen und spontan entscheiden, ob ich nach St Paul de Vence fahre, ins Chagall- oder das Matisse-Museum gehe, am Hafen entlanglaufe oder mich auf den Weg zur Fondation Maeght oder zur Villa Rothschild nach Saint Jean Cap Ferrat aufmache. Ich könnte auch nach Antibes, das es höchstwahrscheinlich gar nicht gibt, denn das habe ich bisher auf keiner Reise gefunden.

Ich kann machen was ich will. Erstmal will ich an den Strand, dessen Meer dem Namen der Küste immer gerecht wird, sogar bei grauem Himmel.

20.11.2021

Unterwegs.

Meldorf, lese ich auf dem Schild des Bahnhofs, durch den wir rauschen, irgendwo in Schleswig Holstein auf der Strecke von Hamburg nach Sylt. Seit 1,5 Stunden schaue ich aus dem Fenster in den tristen Himmel, an dem Unmengen von Vögeln in Formationen fliegen. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie elegant sie in der Gruppe agieren, ohne zusammenzustoßen und vom Himmel zu fallen. Jedenfalls habe ich das noch nicht gesehen.

Hier ein paar Schafe, dort ein paar Kühe, ein einsamer Reiter und ein Hund, mitten im blassen grau-grün, bevor die Schienen über das Meer auf die Insel führen.

Die Luft ist überraschend warm, 11 Grad plus und etwas Wind, der durch die Friedrichstrasse weht. Ich gehe hinunter zum Meer, das man in der Dunkelheit kaum sieht, aber hört: Wellen brechen brüllend an den Strand, bevor sie sich wieder ins Meer zurückziehen.

Ich wandere zurück und suche mir ein schönes Plätzchen zum Abendessen inmitten der funkelnden Lichter und Tannenbäumchen, die hier schon überall stehen. Da ich meine Arktisjacke anhabe, wähle ich einen Aussenplatz: grundsätzlich bin ich lieber draußen, und in diesen Zeiten erst recht.

Ich freue mich auf morgen, da kann ich machen was ich will, und ich will an den Strand, im Aussenbereich des Cafés sitzen und Kakao mit Sahne trinken und in meinen Lieblingsläden stöbern. Und den Möwen zusehen, die Formationen über dem Meer fliegen. Ohne zusammenzustoßen und ohne runterzufallen.

Meer, das ans Land flüchtet
tanzende Möwen

Logbuch Jordanien – Tag 9

05.11.2021

Der Wind treibt mir die Tränen in die Augen, ebenso die Dankbarkeit, jetzt hier sein zu dürfen, aber auch das Mitgefühl für Mary, Marie und all die anderen, die gerade im Krankenhaus liegen und für weitere Zeit und schöne Momente kämpfen. Mich berührt das sehr, erlebe ich doch gerade schöne Momente. Im Wind auf dem Roten Meer, hier auf dem kleinen Glasbodenboot, verspüre ich sogar etwas von der verloren gegangenen Leichtigkeit, wir lachen, hören laut Musik und winken zu den anderen Booten rüber.

Am Nachmittag gehe ich in einen der vielen Pools schwimmen, leer ist es und sonnig. Ich suche mir noch einen Schattenplatz am Strand und tauche mit den Füssen ins Rote Meer. Matthias war bereits drin, barfuss, wovon auf den vielen Schildern ob der gefährlichen Fische abgeraten wird und ist auf etwas stacheliges getreten. Ausserdem ist sein Rücken rot, da er die Bekanntschaft einer Feuerqualle gemacht hat. Ich weiss, warum ich den harmlosen Pool vorziehe. Better safe than sorry.

Anweisung der Reiseleitung: Treff um 18.30h am Strand mit Zahnputzbecher, sie möchte einen Schnaps ausgeben. Ich werde mir stattdessen ein Wasser mitnehmen.

Logbuch Jordanien – Tag 8

04.11.2021

Im Schrank finde ich ein Bügelbrett samt Eisen und eine Waage. Das ist ja wohl ein Affront! Eigentlich hatte ich in dem grandiosen 5* Hotel, in das wir heute am Roten Meer eingecheckt sind, einen Bademantel samt Latschen erwartet. Ich kontaktiere die Rezeption, umgehend wird geliefert.

Heute Morgen sind wir bereits durch den Sik al-Barid (Little Petra) gestiefelt und von dort unter sengender Sonne in die Steinzeitsiedlung El-Beidha, die über 10.000 Jahre alt ist. Das ist was für Archäologen, stellt Gisela fest; mittlerweile sind wir steinmüde.

In Akaba gibt es Falafel mit Hummus, bevor wir in eines der schönsten Resorts einchecken: Marmor, riesige Halle, grosszügiges Zimmer samt Bad, Balkon mit Blick auf Pool (yeah!) und das Rote Meer (nochmal yeah!). Endlich kann ich mein Kleid zum Dinner anziehen, aber vorher geht es im Badeoutfit zum Strand. Ins Meer darf man allerdings nur mit Badeschuhen, die ich nicht dabei habe; hier gibt es Stachelfische, die am Meeresgrund sitzen. Also ab in den Pool, den ich für mich habe, ich schwimme mit Blick aufs Meer und blinzel in den Sonnenuntergang.

Logbuch Jordanien – Tag 7

03.11.2021

Ich wurde reingelegt.

Das lerne ich beim lang ersehnten Dinner bei den Beduinen, von dem wir alle recht enttäuscht sind, da wir uns vor kleinen Zelten bei Fackelschein im Sand der Wüste sitzend wähnten. Wir sitzen allerdings in einem Restaurant, das nur entfernt an ein Zelt erinnert oder wie die ganz enttäuschten Mitreisenden sagen: das hier sei bestenfalls eine Beduinen-Kantine. Es ist laut, gross und voll, aber das Essen finde ich lecker (auch wenn ich nur reduziert esse, weil Magen…). Gisela kommt triumphierend mit einem echten Bier zurück, immerhin etwas.

Reingelegt wurde ich von Mohammed, mit dem ich heute zum Glück nicht in die Berge geritten bin und der mir gestern sieben Dinar für den Ritt abgeknöpft hat, und das war schon runtergehandelt. Besser gehandelt hätte ich, wenn ich mir das Kleingedruckte auf der Rückseite der Eintrittskarte durchgelesen hätte: Pferderitt inklusive. Das hat uns allerdings auch die allwissende Reiseleitung unterschlagen, die jeden Stein ausführlich erläutert, aber den Trab vom Sik zum Visitor Centre nicht erwähnte.

Nun hören wir noch den Musikern zu, dann einem Vortrag über das Leben in Jordanien, der sehr interessant ist (von einem Beduinen, nicht von der Reiseleitung), wir bewundern die Grabnischen in den Bergen, die von Tausenden Lichtern erhellt werden, und dann geht es schon wieder zurück ins Hotel, so kommen wir nicht allzu spät ins Bett. Morgen geht es erst um 9.00h weiter, nach Akaba ans Rote Meer. Mit dem Bus. Nicht auf dem Pferd.

Logbuch Jordanien – Tag 6

02.11.2021

Ich drücke der Reiseleitung das Geld für mein reserviertes Mittagessen in die Hand, sage, dass sie mein Lunch gern verschenken darf, und marschiere ohne die Gruppe weiter. Seit 8 Uhr früh sind wir unterwegs, eine Handtasche bleibt irgendwo stehen, ein Kameraobjektiv ist herrenlos, wir bleiben an jeder Ecke stehen, sengende Sonne hin oder her, jeder Stein muss erklärt und jede Diskussion ausgefochten werden. Weit sind wir noch nicht gekommen.

Das tut nix für meine innere Balance, und ausserdem komme ich hier selbst zurecht, bin ich schon gestern Nacht bis zur Schatzkammer vorgedrungen. Auch bei Tageslicht ist es beeindruckend: die Felsen ragen bis weit in den Himmel, winden sich den Weg entlang, weiten sich, verengen sich, wechseln die Farbe, sind rauh und mal glatt, lassen ab und an den Himmel wie zufällig blau aufleuchten, und geben nach zwei Kilometer und einer letzten Wende den Blick auf die Schatzkammer frei. Ich fühle mich hier wohl, fast heimisch, am Fusse des riesigen Schatzhauses, das ein Jahrhundert v.Chr. erbaut wurde. Ich spaziere weiter, überall in den Felsen tauchen weitere Grabstätten auf, ein römisches Theater, Tempel und Säulen.

Ich kaufe mir einen Keks und einen Minztee, setze mich vor ein Café und komme mit einem Jordanier, der in den USA lebt, ins Gespräch. Irgendwann zieht meine Gruppe an uns vorbei, ich bleibe sitzen.

Ich erstehe ein paar Mitbringsel und für mich ein silbernes Armband und ein wunderschönes Kamel aus Bronze. Ich plaudere mal hier und mal da und bin tiefenentspannt.

Irgendwann kehre ich um. Noch etwas bewundernd vorm Schatzhaus stehen, durch den schattigen Sik (Felsenschacht) bummeln, überlegen, wie ich die letzten Kilometer in flirrender Sonne bewerkstellige, und dann steht da schon Mohammed mit seinem Pferd, bis zum Hotel könne ich reiten, was ich dann doch dankend ablehne. Vorm Visitor Centre steige ich ab.

Morgen könnte ich mit Mohammed in die Berge reiten und von oben auf Petra schauen. Ich überlege.

Logbuch Jordanien – Tag 4

31.10.2021

Wir Frauen stehen in der Schlange vor der Moschee, um ein dunkles figurverhüllendes Gewand überzuziehen, ohne welches wir – nebst verhülltem Haar – nicht die Moschee betreten dürften. Auch Oliver steht in der Schlange. Er trägt bereits sein Outfit für das Tote Meer, aber kurze Shorts und Adiletten sind nicht gerade moscheenkonform. Auch er bekommt eines dieser Gewänder verpasst, das die Figur unsichtbar werden lässt.

Die König-Abdullah-Moschee hat einen dicken weichen Teppich mit Sternchenmuster, das uns die Reiseleitung erklärt. Da ich mich nicht für Religion interessiere, wandere ich ein wenig unter der riesigen Kuppel umher und spüre die Füsse im Teppich versinken, die nette Aufsicht bietet mir ein Glas Wasser an (später bekomme ich einen indirekten Rüffel, weil ich nicht beim Teppichmustervortrag aufgepasst habe).

Über dem langen Gang, der zu den Toiletten (scheusslich!) führt, steht nur etwas auf arabisch. Lange gefliesste Gänge mit Möglichkeiten, die Füsse zu waschen und lange Gänge mit den von mir gehassten östlichen Toiletten. Was muss, das muss. Auf dem Rückmarsch stosse ich auf einen Mann, der, vermute ich, ein „huch“ auf arabisch ruft, ich husche ganz schnell aus der Herrentoilette davon.

In Madaba besichtigen wir die griechisch-orthodoxe Kirche St Georg, die voller Mosaiken aus dem 6ten Jahrhundert ist. Das Städtchen ist hübsch und ganz modern mit einem Leitsystem, es gibt rote aneinandergereihte Steine auf dem Fussweg, damit Fremde zum Visitor Centre zurückfinden. Finde ich natürlich nicht. Zum Glück laufen hier noch andere aus der Gruppe herum, ich brauch nur jemandem hinterherdackeln.

Auf dem Berg Nebo schauen wir ins Jordantal, von hier hat angeblich schon Moses auf das Gelobte Land geblickt. Vor uns, 20-50km entfernt, liegen Jericho, Bethlehem, Jerusalem, Rammallah und die Golanhöhen.

Endstation: Totes Meer! War ich eben noch völlig erledigt, werfe ich mich flugs in meinen Badeanzug, schnappe das Handtuch und wandere hinunter zum Wasser. Warm ist es und wunderbar. Ich lasse mich auf dem Meer treiben.

Logbuch Jordanien – Tag 3

30.10.2021

Um 8.30h starten wir an der Zitadelle von Amman. Die Zitadelle liegt oben auf dem Jabal al Qal‘a. Ägyptens Geschichte ist jung im Vergleich zu Jordaniens, die 10.000 Jahre zurückreicht: hier gibt es eine Höhle aus der Bronzezeit, den Herkules-Tempel, eine umayyadische Moschee und das archäologische Museum. Von hier oben schaut man auf das römische Theater und die Stadt.

Und dann geht es erstmals raus aus der Geschichte und hinein ins aktuelle Gewühl der Stadt. Der Strassenverkehr ist zusammengebrochen, überall wird gehupt und gerufen, wir schlängeln uns durch die Marktschreier, die nur noch von den Rufen des Muezzins übertönt werden. Wir teilen uns, ich gehe mit unserem jordanischen Guide durch weiteres Marktgewusel und zum Falafelessen (ein Mitreisender ordert Almdudler, man kann‘s ja mal versuchen), und ja, die Zeit läuft uns davon. Mich stört das nicht, gehöre ich zu der Handvoll Reisenden, die nicht die anschliessende Tour zu den Wüstenschlössern gebucht hat sondern eigenständig die Atmosphäre Ammans aufnehmen möchte. Reinhild und Helmut schliessen sich mir an, was ganz nett ist, da ich dann nicht allein in der 4 Millionen-Einwohnerstadt verlorengehe. Wir bummeln nochmal durch die Stände und den Goldmarkt und fahren zur Rainbow Street. Hier ist die Stimmung gleich ganz anders, die Strasse könnte auch in London liegen mit seinen chilligen Cafés und kleinen Lädchen. Cappuccino trinken wir, dazu singt Adriano Celentano aus den Boxen, ein relaxter und angenehmer Nachmittag im eigenen Tempo neigt sich dem Ende zu.

Heute Abend heisst es dann noch Kofferpacken, denn morgen früh um 8.30h geht es weiter nach Madaba und zum Toten Meer.

Logbuch Jordanien – Tag 2

29.10.2021

Verwirrung mit der Zeitumstellung. Ist uns Jordanien eigentlich eine Stunde voraus, hat das Land als Novum eine Zeitumstellung eingeführt. Diese startet am 29.10.2021. Also alle Uhren wieder zurückstellen und Uhrenvergleich mit allen Reiseteilnehmern. Wir haben nun wieder die deutsche Zeit.

Keine Verwirrung gibt es hingegen bei den Sitzplätzen im Bus: war das Thema bei den Reisen nach Tibet, Israel und Marokko ein Kampfthema (was ich persönlich nicht nachvollziehen kann), herrschen hier – Corona sei Dank – feste Regeln. Jeder bleibt für die gesamte Reise auf seinem Platz. Zimmerpartner nebeneinander, Einzelzimmer allein in einer Reihe. Das freut mich, kann ich mich mitsamt meinem Handgepäck schön ausbreiten.

Gerasa (Jerash) begrüsst uns mit sengender Hitze. Wieder einmal mehr merke ich, dass ich hitzeempfindlich geworden bin und suche die rar gesäten Schattenplätzchen in den Felsen. Wir gehen über einen Basar mit passablen Toiletten und treten durch den Hadriansbogen ins alte Jerash ein. Was wären wir ohne die Römer. Kaiser Hadrian kenne ich noch aus England, wo wir über die Hadrianswall stolperten. Hippodrom, Forum, Jupiter-Tempel, Nymphäum, Artemis-Tempel, wir schreiten auf säulenumrahmten Wegen, an denen sich früher die Geschäfte aneinanderreihten, und wieder einmal bewundere ich die Römer für ihre intelligenten und imposanten Bauten, Abwassersystem inklusive.

Als – nicht nur mir – die Sonne zu Kopfe steigt, bleibt eine Wolke gnädig über uns hängen und beglückt uns mit einigen Regentropfen. Ich bin doch ein richtiges Nordlicht.

Ein spätes Mittagessen in dem einzigen Restaurant, ich habe prophylaktisch eine Magentablette genommen, aber das zumeist vegetarische Essen ist einwandfrei.

Gefreut habe ich mich auf den Abend. Ich sage den Cocktailempfang ab und marschiere zum Pool. Allein bin ich dort, und das brauche ich auch immer wieder; was ich nicht gebraucht hätte, wäre das Eiswasser im Becken. Ich mache das, was ich sonst nie mache: ich kehre tatsächlich um. Das wäre Hadrian nicht passiert.

Logbuch Jordanien Tag 1

Tag 1 nur ein kleines Resumee nach drölfzig Stunden Anreise

Bin mit der turkmenischen Fussballnationalmannschaft im Fahrstuhl gefahren. Und mit den Palästinensern. Schnelle Anfreundung. Gisela, 83 Jahre, habe ich in der Bar gelassen. Karla war auf ner Flussfahrt in Indien, die Vögel haben im Speiseraum in der Deckenleuchte genistet Also in Indien. Nicht hier. Das Buffet beim Dinner war sehr gut. Hummus geht immer. Die Reiseleitung hat sich rückversichert, dass ich als Vegetarier (melde mich immer als Vegetarier an) etwas zu essen gefunden habe. Hab ich. Das ist der Blick aus dem 13ten Stock auf Amman. Jetzt gehe ich in mein wunderbares Boxspringbett. Und morgen geht es nach Gerasa.

Ach ja. Im Flieger mussten weitere Dokumente für die Einreise ausgefüllt werden. Die Fluggäste waren unwillig. Man habe doch schon ähnliches mehrmals ausgefüllt. Ansage aus dem Cockpit. Alle haben die Formulare auszufüllen (die ersten Passagiere mussten ja schon in Wien wegen fehlender PCR-Tests zurückbleiben). Bei Einreise schleppt jeder die Akten in der Hand. Was müssen wir davon vorzeigen: den Reisepass und den QR-Code.

Logbuch Brindisi – Tag 6

Kurze Version: pleite aber glücklich.

Lange Version: ich wandere ein letztes Mal am Meer entlang, sitze am Wasser, trinke einen frischen Orangensaft im Café und besuche ein letztes Mal die Kathedrale, die ich – genauso wie das grosse weisse Postamt – mittlerweile im Schlaf finde.

Mein Spaziergang endet vor dem Schaufenster des Optikers. Oh no! Panik. Dort, wo bis gestern noch mein Objekt der Begierde ausgestellt war, liegt nun eine andere Sonnenbrille. Ich schaue durch die Tür. Eine Kundin verabschiedet sich mit einem Päckchen in der Hand. Das kann doch nicht wahr sein. Ich stürme das Geschäft, bis gestern sei doch im Fenster diese Sonnenbrille…man schaut mich etwas verständnislos an, leider verstünde man kein englisch. Ich wiederhole auf italienisch, die Optikerin nimmt die Brille aus dem Fenster, nein, nein, ein Missverständnis, ich meine doch eine andere Brille, die dort eben nicht mehr ist. Die Optikerin zieht eine Kollegin zu Rate, zu Zweit durchsuchen sie Schubladen und Schränke, und dann finden sie das Objekt meiner Begierde. Erleichterung! Ich setze sie auf. Sie passt perfekt. Sie sieht perfekt aus. Perfetto, sagt die Optikerin. Ich frage nach dem Preis. Es ist der, den ich bereits im Internet recherchiert habe. Der Schock sitzt tief, was man mir ansieht. Man bietet mir einen Rabatt an. Puuuh. Man bietet mir einen weiteren Rabatt an. Immerhin 50 Euro weniger. Ich nehm die Brille, höre ich mich sagen.

Ich nehme die Brille ab, die Optikerin setzt sie mir wieder auf die Nase, um zu schauen, ob man sie anpassen müsse. Sie ist perfekt, sagen wir beide.

Ich darf aus verschiedenen Etuis wählen, bekomme zwei Brillentücher, eine weitere Box, die ich gleich dort lasse, in 15 Minuten holt mich das Taxi vom Hotel, das mich zum Flughafen bringt, jetzt muss ich mich beeilen. Mehr Shopping ist zum Glück nicht drin.

Pleite aber glücklich. Arrivederci, Brindisi!

Logbuch Brindisi Tag 4+5

Angekommen bin ich dann, wenn sich Rituale herauskristallisieren: der nachmittägliche Besuch der kleinen Gelateria, der Kauf von Obst und Gemüse im Supermarkt um die Ecke, der Aufenthalt am Pool an den Nachmittagen, das Innehalten an der Promenade am Meer, das selbstverständliche Bewegen durch die Gassen, das Beobachten des Geschehens um mich herum.

Gestern habe ich ein kleines blaues Boot beobachtet. Hier gibt es einige Boote, unter anderem eine Fähre nach Korfu. Da muss ich also genau aufpassen, auf welches Boot ich steige. Ich möchte auf die andere Seite zum Marine-Denkmal. Ich hole mir ein Ticket am grünen Automaten, vergewissere mich, dass ich hier richtig bin, und schon geht es los nach Korfu – Quatsch – zum Denkmal. Das ist dann auch sportlich, unzählige Stufen führen bis auf eine kleine Aussichtsplatform, die einen grandiosen Ausblick auf Brindisi im sanften Licht der Nachmittagssonne bietet.

Seit Tagen bleibe ich am Schaufenster eines Brillengeschäftes stehen. Schön sieht es aus, das Objekt meiner Begierde, so schön, dass es kein Preisschild hat, aber der Blick ins Internet verrät, dass es mein Budget weit überschreitet.

Ich gehe hinein. Ich halte der Optikerin meine alte Sonnenbrille hin, ob sie die reparieren könnten. Können sie. Sie möchte nicht einmal Geld dafür annehmen, vielleicht auch, weil es ein italienisches Modell ist. Ich wage nicht zu fragen, ob ich die Brille aus dem Schaufenster mal aufsetzen dürfte, was in diesem Fall auch besser sprich: vernünftiger ist.

Ein Eis stelle ich mir in Aussicht, als Kompromiss.

Morgen werde ich sicher wieder vorm Schaufenster landen. Es wird Zeit, dass ich abreise.

Brindisi – Logbuch Tag 3

29.09.2021

Tempio di San Giovanni, Palazzo Granafei Nervegna, Pontificia Basilica Cathedrale und Chiesa di San Benetto notiere ich mir beim Frühstück. Über diverse andere Sehenswürdigkeiten bin ich bereits per Zufall gestolpert oder sie befinden sich ausserhalb meines Radius.

Ich beschliesse, mein Handy zur Navigation zu nutzen, um zumindest das eine oder andere wirklich zu finden. Rechts aus dem Haus, die Strasse hinunter, dann durch die nächste Gasse und ums Eck, und schon stehe ich überraschenderweise vor dem grossen weissen Postgebäude, in dem ich gestern einige Zeit verbracht habe. Ich marschiere weiter, noch ist es früh und die Sonne angenehm und tatsächlich finde ich den Tempio di San Giovanni. Ein Italiener spricht mich an, ob er mich davor fotografieren solle, molto gentile, ma no. Die Dame am Eingang möchte meinen green pass sehen. Meine apps zeigen meine Covid-Zertifikate allesamt in blau an, aber verwandeln sich in den green pass, als der QR-Code gescannt wird. Ich darf eintreten. Rotunde, alte Gemäuer und ein Garten mit Blumen, Sträuchern, Brunnen und Olivenbäumen, eine kleine Oase inmitten der Mauern.

Auf dem Weg zum Palazzo treffe ich wieder den Italiener, ob er ein Foto…molto gentile, ma no. Ich frage ihn, wo der Palazzo liegt (anderswo als mir mein Handy anzeigt) und gehe meines Weges. Wieder werden meine Zertifikate gescannt, wieder darf ich eintreten, und wieder mal habe ich mich gar nicht informiert, wo ich gerade gelandet bin. Der Palazzo scheint eine Mischung aus Behörde (ich lande prompt in einem Büro), Studienzimmer, Ausgrabungsstätte und einer Kunstausstellung zu sein. Ich schaue mir alles an und finde sogar wieder hinaus.

Zum Tempio di San Giovanni sollte ich gehen, meint ein Italiener. Ich werde hier permanent angesprochen, vermutlich, weil ich der einzige Tourist in Brindisi bin. Da käme ich gerade her, ich möchte zur Kathedrale. Auch diese finde ich (hurray!), und ausserdem davor Soldaten, Polizei, Marine, Feuerwehr, die Hundestaffel, Einsatzfahrzeuge…und zwei weisse Wagen, auf denen was mit „sangue“ steht. Blutspenden, vermute ich, diesmal spreche ich einen Italiener an, ob man in die Kirche dürfte. Darf man.

Die Sonne steigt höher. Ich marschiere weiter zur Chiesa di San Benedetto. Hat geschlossen. Macht nichts. Gehe ich halt in die Angeli, an Kirchen mangelt es hier nicht. Einen Briefkasten bräuchte ich, aber die sind lt google rar gesät.

Ich lese am Pool, gehe in „meine“ Gelateria, esse wieder ein leckeres Hazelnusseis und trinke Cappuccino, steuere zielstrebig das Postgebäude an (alle Wege führen zur Post!) um die Karten zu verschicken, spaziere zum Hafen und von hier aus zur Kathedrale, in 200m sollte sie erscheinen, aber ich schaffe es, mich zu verlaufen, auch wenn das Ziel ums Eck liegt. Der Menschenauflauf vom Morgen ist verschwunden. Ein paar Vögel kreisen über der Kirche.

Heute werde ich eine Nachtwanderung machen.

Brindisi – Logbuch Tag 2

28.09.2021

Ich habe nichts geplant. Ich lasse das Frühstück stehen – da werden die Italiener und ich keine Freunde – und verlasse mein Haus. Hinunter an den Hafen, mal schauen, ob man das Hafenbecken umrunden kann, das Wasser schwappt dort an den Kai, die Sonne scheint. Schnell merke ich, dass die Entscheidung, den Rock aus- und die Jeans anzuziehen, falsch war. An Segelbooten und kleinen Yachten vorbei, hier und da ein leeres Café an der palmenumsäumten Promenade, ich gehe weiter, bis es nicht mehr geht. Maritimes Militärgebiet, Mauern mit Stacheldraht und ein hohes Tor versperren den Weg. Eigentlich sollte da auch eine Burg liegen. Ich stehe unschlüssig vor dem Tor, die Marinesoldaten mag ich nicht ansprechen. Ich trete den Rückzug an.

Wäsche flattert vor den Fenstern der gelbfarbenen Häuser, zwei Kochtöpfe stehen auf einer Fensterbank, in der Schule hört man Kinder singen, die Sonne scheint jetzt unbarmherzig auf mich herab. Spontan entschliesse ich mich, ins archäologische Museum zu gehen, ein Platz, an dem es erfahrungsgemäss gut gekühlt ist.

Vor 20 Stunden habe ich mich über die Küche in meinem Domizil echauffiert, nun stehe ich dort und bereite mir einen Salat zu.

Die nächsten Stunden verbringe ich am und im Rooftoppool, dann geht es in eine Gelateria.

Ich kaufe Postkarten. Briefmarken gibt es nicht im Tabakladen, da müsste ich zur Post. Ich laufe zur Post. Aha! Der aufmerksame Leser wird irritiert sein, wie ein Orientierungslegastheniker nun zielstrebig die Post ansteuern kann. Und ja, das geht; die Post liegt nämlich gegenüber des Tabakladens.

Habe ich mich bisher gewundert, dass es so gut wie keine Menschen in Brindisi gibt: hier sind sie also allesamt versammelt. Voll ist es in der Post, ich muss eine Nummer ziehen und warten. Und warten. Und warten.

Endlich wird meine Nummer aufgerufen. Ich sage, was ich möchte, der Beamte spricht kein Englisch. Ich wiederhole auf italienisch. Der Mann springt auf und verschwindet hinter der blauen Wand durch eine ebenso blaue Tür. Ich warte. Und warte. Das ist meine Aufgabe, denke ich: sich in Geduld üben. Sich nicht aufzuregen wegen Kleinigkeiten. Natürlich bin ich kurz davor, meine Wartenummer zu zerknüllen und die Post wütend zu verlassen, da kehrt der Beamte durch die blaue Wand zurück. Er setzt sich, nimmt eine Büroklammer und steckt die Marken sorgfältig zusammen. Dann erklärt er mir ausführlich, dass auf jede Karte zwei Marken gehören (was offensichtlich ist). Meine Geduld wird strapaziert, ausserdem muss ich auf Toilette.

Ich nehme die Marken, marschiere nach Hause, und wie gut, dass es hier eine Küche gibt, da mache ich mir gleich noch einen Salat.

Brindisi – Logbuch Tag 1

27.09.2021

Ich mag es, wenn der Flieger früh am Morgen geht. Dann nehme ich ein Taxi zum Flughafen. Es fährt durch die dunkle Nacht, die Strassen glänzen vom Regen, das orangefarbene Licht eines Einsatzfahrzeugs blinkt durch die Tropfen der Fensterscheibe, aus dem Radio ertönt Musik.

Mehrfach habe ich die letzten Tage Einreiseformulare bearbeitet; teils falsch ausgefüllt, teils neu ausgefüllt, da die Airline in letzter Minute meinen Sitzplatz geändert hat. Die Schweizer werfen einen kurzen Blick auf mein Handy mit dem Transit-Formular und winken mich durch. Na, das war ja einfach. In Brindisi steuere ich zwei Offizielle an, neugierig, was ich als erstes zücken muss: den Ausweis? Den Impfnachweis? Den Antigen-Test? Die Einreiseformulare für Italien? Oder die Einreiseformulare für Apulien? Die Offiziellen winken ab: nichts bräuchte ich vorzeigen. Ich bin verblüfft: sie scheinen genauso eine Abneigung gegen Formulare zu haben wie ich.

Mein Hotelzimmer entpuppt sich als grosszügig geschnittene Wohnung, die über zwei Etagen geht und über zwei Balkone, zwei Fernseher, ein Schlaf- und ein Wohnzimmer mit inkludierter Küche verfügt. Eine Küche brauche ich nicht. Ich möchte lieber die Restaurants besuchen.

Besuchen tue ich erstmal die Dachterrasse mit Blick über die Dächer von Brindisi und einem kleinen Pool.

Ich schaue vor die Tür. Nicht, ohne erst zu testen, wie ich mit dem Plastikkärtchen wieder durch den Hauseingang zurückkomme, eine permanent besetzte Rezeption gibt es nämlich nicht. Verwinkelt sieht es aus, ich muss mich konzentrieren, denn ich bin Orientierungslegastheniker. Ich finde den Hafen, schlendere die Palmen-Promenade entlang, schön ist es hier und leer ist es hier. Überhaupt sehe ich so gut wie keine Menschen und erst recht keine Touristen.

Der Himmel ist grau. Wird es so früh dunkel in Italien? Oder wird es regnen? Ich öffne den Schirm und beschliesse, in das einzige geöffnete Restaurant zu gehen, ich sitze draussen am Hafen und esse den schlechtesten Caesarsalat meines Lebens.

Ich wandere zurück zum Corso Garibaldi, entdecke die Abzweigung (yeah!), die ich zu meinem Haus nehmen muss, biege aber in eine andere Gasse ein und betrete ein Reisebüro. Ausflüge in die Umgebung? Die Dame verneint, die gebe es nur im Juli/August. Ich spaziere wieder hinaus und in einen riesigen Supermarkt hinein (ich liebe es, im Ausland die Supermärkte zu durchstöbern), kaufe Obst, Gemüse, Brot und etwas Käse, schliesslich habe ich ja eine Küche.

Ich gehe auf den Balkon. Der Regen hat aufgehört. Der schwarze Himmel legt sich über die Strassen, die gelben Lampen gehen an, ein Hund bellt.

25.06.2021 – Logbuch Madeira

Epilog.

Das Faszinierendste, was ich auf der Insel gesehen habe, war der Vollmond, der nachts das schwarze Meer silbern glitzern ließ.

Die Wellen rauschen; im gleichmässigen Rhythmus erobern sie den Strand, umgreifen die Steine und ziehen sie mit sich hinaus aufs Meer.

Dass ich nicht schlafen kann, stört mich nicht. Viel lieber verlasse ich immer wieder das Bett, um auf dem Balkon zu stehen, in den Himmel zu schauen und den Mond zu beobachten, der mit den Wolken tanzt und dem Gesang des Meeres zuzuhören.

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23.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 7

Zerzaust, aber glücklich!

Das ist mein erster Urlaub, der unter das Motto Pool-/Meerhopping geraten ist.

Ich habe mich einfach treiben lassen, immer ein Buch und ein Handtuch unterm Arm und das Badezeug untendrunter.

Würde ich Madeira nicht schon so gut kennen, wäre das ein Frevel.

So ist es eine Woche Freiheit, gepaart mit Aufregung, Vorfreude und Freude, wie man sie wohl erst nach einem Jahr sensorischer Deprivation wahrnimmt. Das kühle Salzwasser auf der Haut spüren, dem Rauschen des Meeres zuhören, die sprühende Gischt sehen, den Wind in den Haaren fühlen.

Im allerschönsten Freibad dieser Welt auf dem Rücken schwimmen, in die Sonne blinzeln und denken: das Leben ist schön.

22.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 6

Ich kenne Dich seit vielen Jahren. Mal mit hellgrünen Wänden, dann in himmelblau, kleine schwarz-weisse Kacheln schmiegen sich wie eine Perlenkette an Dich, halten, brechen, fallen auf den Grund, der mal mit Steinen, mal mit Matsch und mal mit Pfützen, in denen kleine Fische schwimmen, bedeckt ist. Das Meer kracht mit aller Kraft über Deinen Beckenrand und lässt Dich glänzen in salziger Gischt.

Seit das Spassbad am anderen Ende der Promenade eröffnet hat, habe ich jedes Jahr befürchtet, Deinen Wal abmontiert und Dich zubetoniert zu sehen.

Doch jedes Jahr warst Du noch da, immer etwas mehr ramponiert, lagst Du morbide-melancholisch hinter der kleinen Markthalle, in der der schwarze Degenfisch verkauft wird.

Und dieses Jahr hast Du mich überrascht: sauber geputzt und instandgesetzt, gefüllt mit Meer und planschenden Dorfbewohnern strahlst Du mir entgegen, ich hole mein Handtuch und das Schwimmzeug, wer braucht schon einen sterilen Hotelpool, und weisst Du was, das Spassbad am anderen Ende der Promenade, das haben sie geschlossen.

Video:

21.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 5

Wenn ich mich ein letztes Mal ins Meer wage, das Seil, das über mir an einem Stahlarm baumelt, ergreife und mich im Takt der Wellen wiege.

Wenn es mir schwerfällt, das Paradies zu verlassen, aber ich für die nächsten Tage in mein Dorf fahren werde.

Wenn ich gespannt bin, was sich dort verändert hat; das letzte Mal war ich 2016 hier. Das Dorf ist über die Jahre verfallen, bei jedem meiner Besuche etwas mehr. Nun stehe ich vorm Eingang des Hotels.

Wenn ich dasselbe Zimmer wie früher haben möchte und es bekomme. Es liegt direkt am Meer. Die Sicht geht übers Wasser, das Wellenrauschen ist so laut, als würden diese in mein Zimmer schwappen.

Wenn sich der Besitzer des Restaurants auf dem Dorfplatz freut, mich wiederzusehen.

Wenn ich feststelle, dass sich etwas getan hat: die Bäckerei hat statt des gelben Zeltdaches ein beiges Dach, unter das ich mich setze und einen frischen Orangensaft bestelle.

Wenn die Promenade mit den schwarzen und weissen Pflastersteinchen ausgebessert wurde.

Wenn alles mit Blumen geschmückt ist.

Wenn das Graffiti unter der Landebahn, das meinen allerersten Post meines Brustkrebsblogs begleitete, noch da ist. Wenn das Graffiti, das eine Tänzerin im Bikinioberteil zeigt, noch da ist, aber mit Löchern versehen und beschädigt wurde. Aber es ist noch da. So wie ich. Das ist alles, was zählt.

Wenn das Allerbeste zum Schluss kommt: das dunkelblaue Becken am Meer mit dem steinernden Wal, das bei jedem meiner Besuche ein Stück weiter verfallen war, wurde instandgesetzt und mit Wasser gefüllt. Darin tummeln sich einige Portugiesen. Wenn ich den Lifeguard anspreche und er sagt, dass ich hier auch gern schwimmen darf, es sei das öffentliche Bad. Und kosten, das würde es auch nichts.

Wenn ich mich freue und beschliesse, morgen den riesigen und leeren Hotelpool zu ignorieren, um zum allerersten Mal in dem schönsten Becken zu schwimmen, das ich je gesehen habe.

20.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 4

Und jetzt kommt der Kracher: seit Jahren fahre ich regelmässig nach Madeira, ursprünglich inspiriert durch die Sissi-Szene, in der die Kaiserin aka Romy Schneider lungenkrank im malerischen Garten liegt und über die madeirensische Küste schaut, während der Franz ihr Blumen und Perlen schickt…und stelle soeben fest: die Madeira-Szenen wurden gar nicht hier, sondern an der Amalfi-Küste in Italien gedreht 🤯! Ich bin irrtümlich auf Madeira gelandet.

Da nun die Film-Sissi nicht durch Gärten des Reids gewandelt ist, bleibt es aber trotzdem bei der Original-Kaiserin Sisi (mit einem ‚s‘), die hier schon residierte, ebenso taten dies Winston Churchill, Gregory Peck, George Bernard Shaw und Roger Moore. Und in die Gärten nehme ich Euch jetzt trotzdem mit, Sissi hin, Sisi her…(Video im link)

Bin etwas ratlos, wie mir so ein fauxpas unterlaufen konnte.

https://www.instagram.com/reel/CQWT1cEIeIs/?utm_medium=copy_link

19.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 3

Einen Ausflug zum Jardim Botanico wollte ich machen, Blumen bewundern und mit Papageien plaudern. In der Altstadt wollte ich Mittag essen, an der Promenade längsspazieren bis hin zum Mercado dos Lavradores. Eine Tagestour für Sonntag wollte ich buchen, vielleicht einen Levadawalk, vielleicht zum Pico do Arieiro, an die Klippen von Sao Lourenco in den Osten oder nach Porto Moniz in den Westen. Oder vielleicht eine Tour mit dem Katamaran machen und Delphine beobachten; die flyer habe ich von der Rezeption, und gestern war ich in zwei Ausflugsbüros.

Und dann fällt mir ein: warum sollte ich mein Paradies verlassen?

Und ich schwimme im Meerwasserpool, beobachte die riesigen roten Krebse, lese auf der Liege und schaue auf’s Meer.

18.06.2021 – Logbuch Madeira

Tag 2

Ich weiss nicht, wann ich das letzte Mal vor Aufregung nicht schlafen konnte.

Ich liege wach im Bett, die vielen Kissen und Decken knistern auf dem Boxspringbett, mein Blick fällt durch die weit geöffnete Balkontür auf die Häuschen der schlafenden Stadt, die sich – in gelbes Licht gehüllt – an die dunklen Berge schmiegen.

Ich ziehe die Gardinen nie zu; ich liebe es, auf die mediterranen Lichter der Strassenlampen zu schauen und dem Meeresrauschen zu lauschen.

Auch gestern Nacht – bevor es vier Stunden mit der Bahn und fünf weitere mit dem Flieger Richtung Madeira ging, konnte ich nicht schlafen. Ich, die Vielreisende, bin schlichtweg aus der Übung. Höchste Zeit, dass das Leben wieder Fahrt aufnimmt.

Fahrt nehme ich auch auf, als ich mein Hotel durchquere, das rosafarben auf einer Klippe über dem Meer aufragt. Es windet sich um Ecken bis hinunter an den Ozean, was für mich als Orientierungslegastheniker eine Herausforderung ist. So habe ich die ersten 4.000 Schritte des Tages im Hotel zurückgelegt, auf der Suche nach dem Frühstücksbereich (am Pool 1 und 2), der Rezeption und meinem Zimmer, ich stosse auf meinem Weg überraschenderweise auf die riesigen Gärten, von denen aus schon Kaiserin Elisabeth von Österreich und Sissi-Romy Schneider den Blick über das Meer schweifen liessen. Der Fahrstuhl in die achte Etage bringt mich nicht zu meinem Zimmer, das in eben jener Etage liegt. Der nächste Fahrstuhl führt überhaupt keine achte Etage, und wenn ich zum Frühstück möchte, muss ich verschiedene Fahrstühle und noch eine Treppe nehmen, nachdem ich durch lange Flure gewandert bin.

Ich schwimme im Meerwasserpool am Vormittag und im warmen Pool am Nachmittag, ich lese liegend unterm Sonnenschirm, mein Blick folgt Möwen übers Meer.

07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

31.12.2020

Rückblick. Ausblick.

In diesem Moment würde ich eigentlich mit Freunden in einem Wiener Kaffeehaus sitzen. Wir würden überlegen, ob wir in Richtung Naschmarkt gehen oder in den botanischen Garten, der hinter den Parkanlagen des Belvederes liegt. Um Mitternacht stiessen wir mit einem Glas Sekt auf der Eislaufbahn am Rathaus an.
Ich hätte von meiner Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien berichtet und wie wir staunend am Kaukasus stehen. Ich hätte einmal mehr das Tosen der Wellen am Strand von Westerland beschrieben.

Dann gehe ich meine Fotos durch, die ich 2020 gemacht habe, einem Jahr, das mich öfters an meine mentale Grenze gebracht hat. Ich finde ein Meer an Erinnerungen, Erinnerungen, die durch den mächtigen Eindruck der Pandemie in den Hintergrund gerückt waren.

Ich erinnere mich an die Stille am Morgen, die von den Klavierklängen meines Taijilehrers durchbrochen wird, bevor wir mit dem Unterricht beim Retreat gestartet sind. Ich finde Bilder mit bunten Blumen und tanzenden Schmetterlingen, Sonnenstrahlen, die über Johannissträucher streifen, während wir die verschiedenen Stehenden Säulen praktizieren, und den Gänsen, die neugierig durchs Fenster zuschauen.

Ich erinnere mich an die Reise nach Österreich, das satte Grün der Wiesen, die schneebedeckten Berge, die Hütten, die mächtigen Farben und an die Überquerung der 210 Meter langen und 162 Meter tiefen Schlucht, nur gehalten von einem Seil.

Ich erinnere mich an den Safrangarten bei Marrakesch, an die zarten gelben Blüten, die das mehrgängige Mittagsmenü zierten. Und an den Ritt auf dem Kamel, durch die orangenen Dünen der Sahara, unter strahlend blauem Himmel.

Ich erinnere mich an die Wochenenden in Travemünde, eisessend mit Freunden an der Promenade, ich erinnere mich an lange Spaziergänge an der Nordsee auf Sylt und an den Kaffee, den ich am Strand genossen habe, mit einem grandiosen Buch – Gerald Durrell / The Corfu Trilogy – in der Hand.

Ich erinnere mich an unzählige Besuche meines öffentlichen Bades, das ich unter anderen Bedingungen neu entdeckt habe, an die vielen Stunden allein um 7.00h im 17-Grad kühlen Becken (ohne Neopren!), soviel Sonne, soviel Geglitzer auf dem Wasser und Frühstücken am Beckenrand um den Kampfschwimmern zuzusehen.

Ich erinnere mich an die schönen Begegnungen mit Menschen, die ich bisher nur über WordPress/Insta kannte, an die vielen Kommentare und den regen Austausch.

Ich erinnere mich an die Kampagne der Mammomädels im Oktober und an viele T-Shirts, die ich im Rahmen dessen gestaltet habe. Ich erinnere mich an die Aktion von Hamburg wird pink und das Video, in dem auch ich auf Brustkrebs aufmerksam mache. Ich erinnere mich an Cancer Unites, wo ich in einem Video mit anderen Bloggern zum Thema Angst Stellung genommen habe.

Ich erinnere mich an die vielen Spaziergänge durch Hamburg.
Ich erinnere mich an den Tod eines Freundes.

Ich erinnere mich an den geschmuggelten Sekt in der Thermoskanne, mit dem wir an meinem Geburtstag im Park angestossen haben.

Ich erinnere mich daran, dass ich Dank Meditation und Medikamenten gesundheitliche Schräglagen in den Griff bekommen habe.

Ich erinnere mich daran, dass ich gesund bin.
Und das 2021 ein wunderbares Jahr werden wird.

23.09.2020

Am Strand.

In der Friedrichstrasse drängeln sich die Menschen. Kein Wunder. Ein Sturm zieht auf, der Himmel hat sich in ein fahles Grau gehüllt.

Ich gehe hinunter zum Strand. Das Meer hat einen sanften Türkiston angenommen, der im Widerspruch zu den sich auftürmenden Wellen steht. Weisse Gischt balanciert auf den dunklen Wellenkämmen, um dann mit der Welle zusammenzubrechen und tosend an den Strand zu krachen.

Ich mag den Wetterumschwung, das Salz in der klaren Luft, das Grollen des Meeres, ich denke an das Kabinenfenster, dass der Sturm in der Drakepassage auf dem Weg in die Antarktis eingedrückt hat, während sich die kleine Sea Spirit tapfer gegen die Wellen stemmte und sich knarrend und ächzend ihren Weg ins Südpolarmeer bahnte.

Ich denke an unsere Kabinenfenster, auf die D. – meine amerikanische Reisegefährtin – und ich fasziniert gestarrt haben, als die Wellen des Nordpolarmeeres über uns zusammenbrachen und den Horizont im Schwarz des Wassers und der Nacht verschwinden liessen.

Ich stapfe durch den Sand, ganz hinten am Horizont ein gleissendes Glitzern, friedlich und weit weg, als ob das Meer dort ein anderes wäre.

Als ich zurückblicke, schaue ich in einen schwarzen Himmel. Es ist Zeit, umzukehren.

21.09.2020

Im Krankenhaus.

Ich sitze im OP-Hemdchen im Rollstuhl, die Arzthelferin hat mir einen Zugang in den rechten Arm gelegt. Es piekt. Ich sage nichts, sondern gucke zur Wand, an dem ein rotes Plastikbrett mit der Aufschrift „Reanimation“ befestigt ist.

Das ich heute im Krankenhaus zum Brust-MRT gelandet bin, ist überraschend; genauso wie das Outfit, in dem ich jetzt stecke.

Ob man diese Technomusik ausstellen könne, frage ich, als ich bäuchlings mit fixierten Armen und ner Platte auf dem Rücken ins Gerät geschoben werde. Das ginge nicht, das seien die Geräusche des Gerätes, und lauter, das würden sie dann auch noch werden. 20 Minuten dauert das Prozedere, in dem ich nichts sehe, dafür umso mehr höre und spüre, als die Kontrastflüssigkeit in den Arm geleitet wird.

Alles perfekt, sagt die Radiologin, als sie mich auf dem Flur abfängt.

Ob ich denn jetzt zum Schwimmen gehen könne?, frage ich. Mein Aussenbecken des öffentlichen Bades liegt genau neben dem Krankenhaus, und ausserdem scheint die Sonne.

Ich vermute, dass ich die Einzige bin, die nach einem MRT, bei dem eventuelle Narbenrezidive abgeklärt werden sollen, nach einer Schwimmerlaubnis fragt.

Ich laufe zum Schwimmbad rüber und beglückwünsche mich, dass ich mich nicht vorher mit derlei Untersuchungen auseinandersetze. Da spare ich mir schlechte Laune.

Diese trifft mich allerdings am Montag: überraschenderweise lande ich beim EKG bei meinem Hausarzt, da mein Blutdruck viel zu hoch ist, und keine Ursache ausgemacht werden kann. Ein Rezept für einen Betablocker (für den Notfall) bekomme ich mit, meine Blutdruckwerte möge ich dokumentieren und weitere Untersuchungstermine ausmachen, und dann, dann darf ich doch – mit Verspätung – meine Reise ans Meer starten.

19.07.2020

Retreat – Tag 1

Wir sitzen im VW-Bus und fahren durch die Landschaft, weiter und immer weiter, um uns liegen Felder, Wiesen und Weite.

K. und ich unterhalten uns lebhaft, L., der hinten sitzt, döst vor sich hin.

Endlich erreichen wir die Mühle, die für die nächste Woche unser Rückzugsort sein wird. Inmitten im Grünen liegt sie, umgeben von zwei Mühlenteichen, die mit Moos überwuchert sind, überall blühen duftende Rosen, wir begegnen gackernden Gänsen und zwei Katzen und beziehen unsere Zimmer.

Um 16.00h gibt es Kaffee und Kuchen, und wir lernen unsere Mit-Retreatler kennen; insgesamt sind wir sechs Männer und vier Frauen, alle machen einen sympathischen Eindruck.

Dann folgt die Einführung über das, was uns erwartet: meine Vermutung, dass es anstrengend wird, scheint sich zu bestätigen. Gestartet wird mit einer Sitzmeditation, wir lassen es ruhig angehen. Das Abendessen nehmen wir draussen vor der Mühle ein; alles ist frisch zubereitet, viel Obst, Gemüse und Vollkornbrot, ich bin begeistert.

Ob wir noch Lust auf einen Spaziergang zu der Wiese machen wollen, auf der wir nachmittags trainieren werden? Klar haben wir das, T. bietet sich an, die Teller zurück ins Haus zu bringen und wird prompt vergessen, als wir uns auf den Weg machen (einen Weg gibt es nicht, wir marschieren über Feld und Flur). Grashüpfer springen durch die Wiesen, und irgendwann kommt dann auch DIE Wiese, über die sich ein sanftes gelbes Abendlicht legt.

Kannst Du die Bierflaschen mit reinnehmen, wir gehen T. suchen, fragt K. Den Trick kenne ich schon, sage ich und lache, bringe die Flaschen weg und ziehe mich in mein Zimmer zurück.

18.07.2020

Logbuch: Taiji-Retreat

Prolog
Sonnencreme für die Sahara, Toilettenpapier für Tibet, Tankini für das Tote Meer, Nüsse für den Nordpol, eine Schneehose für den Südpol.

Diesmal packe ich stapelweise T-Shirts in den Koffer, Trainingsanzüge, Turnschuhe, einen Badeanzug (immer im Gepäck, vielleicht finde ich einen See) und ein Buch.
Diesmal geht es an kein äusseres Ende der Welt, diesmal geht die Reise nach Innen.

Ein Retreat ist ein Rückzug. Es geht um Loslassen, dem Entwickeln von Raum und Freiheit im Körper und um das Sinken. Auch das wird ein Abenteuer, aber auf andere Art und Weise: ich stiefele nicht auf 5.200 Meter durch ein Basecamp, aus dem sonst Bergsteiger auf den Gipfel des höchsten Berg der Erde aufbrechen, ich reite nicht verhüllt auf einem Kamel durch gelben Wüstensand, ich werde keine Gletscher kalben hören, umgeben von unendlich vielen Blautönen, die die Kälte an den Polen widerspiegeln.

Ich werde stehen und mit diesem Stehen zu einem Weg ins Innere aufbrechen, begleitet vom Duft der Blumen auf der Wiese, dem Geplätscher des Teiches, dem Rauschen der Bäume, dem Summen der Bienen, dem Zwitschern der Vögel.
(note to myself: in der Ankündigung stehen 6 Stunden Taji-Unterricht täglich, das könnte in der Tat die ausgemalte Idylle mit Zwitschern, Summen, Brummen und Plätschern beeinflussen, schon das reguläre 90-Minuten-Training ist nicht ohne).

Ich bin gespannt, wie diese Reise wird, zu der ich morgen aufbrechen werde; das Freiheitsgefühl, das habe ich schon jetzt, den K. wird mich mit ihrem VW-Bus einsammeln, und dann geht sie los, die Reise ins Wendland in die Heide Innere.

01.06.2020

Gegen den Strom.

1. Wer beim Frühstück die Frühschicht bucht, hat den Strandspielplatz für sich allein.

2. Wenn die Menschenmassen zum Strand anrücken, gehe ich in den Wald, Bäume umarmen. Und wenn sich alle in der Vorderreihe vor den Restaurants drängeln, picknicke ich vor der Kirche.

3. Die Ostseeorte Scharbeutz und Haffkrug wurden wegen Überfüllung geschlossen. Der Timmendorfer Strand ist am Limit seiner Kapazitäten angekommen.

Und ich? Ich sitze allein im Strandkorb meines kleinen Hotels in Travemünde und lese.

Covid-19 ist nicht mit den Lockerungen verschwunden.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.