27.07.2020

Ich stutze: war ich wirklich erst vor drei Tagen im Taiji-Camp? Jetzt liege ich im Bett und schaue durch bodentiefe Fenster über die Dachterrasse bis hin zu den Bergen. Schwarz heben sie sich vom grauen Himmel ab; es wird Nacht. Gestern sind wir erst in Österreich angekommen, und schon fühlt es sich an, als wären wir ewig hier. Ein gutes Zeichen. Dann ist auch die Seele mitgekommen.

Wir haben Wünschetage beschlossen: jeder darf einen Tag so gestalten, wie er es gern möchte; das Programm der restlichen Tage wird gemeinsam beschlossen. S. wünscht sich einen Wandertag in die Berge, mit Einkehr in Hütten und Zeit in der Natur. Ich wünsche mir einen Tag in Bad Gastein, das für seine Villen und Hotels aus der Belle Époque bekannt ist, die an Steilhängen gebaut wurden. Einen Wasserfall gibt es dort auch. Das Kind wünscht sich den „flying fox“, das ist ein Jump über die 160m hohe und 220m lange Dürnbachschlucht, bei der man nur an nem Seil befestigt ist (ich will es noch gar nicht so genau wissen, denn ich habe – im Gegensatz zu S. – sofort fröhlich zugesagt). Einen Besuch im Freibad wünscht das Kind sich auch, da bin ich doch gerne mit dabei (und freue mich insgeheim, dass ich dafür nicht meinen Wunschtag opfern muss, denn schwimmen, das mag ich sowieso).

Ich schaue auf die Berge, die Jalousien lasse ich auf, damit ich morgen früh die Bergwelt erwachen sehe.

30.05.2020

Woche 11

Ich haste durch den U-Bahntunnel, links den Koffer neben mir herrollend, rechts den Rucksack, im Gesicht die vertrackte Maske, die mir einen Hustenanfall beschert und mich hyperventilieren lässt. Ich habe meine U-Bahn verpasst, da ich die Menschen vor mir auf der Rolltreppe nicht überholen konnte, und nun ist auch noch mein U-Bahnausgang am Hauptbahnhof gesperrt, was mich ebenfalls einige wertvolle Minuten kostet.

Aber ich schaffe es und springe in die Bahn nach Travemünde-Strand. Den geplanten Platz am Ausgang bekomme ich natürlich nicht mehr.

Hinter mir liegen fünf stressige Arbeitstage im home office, einige leckere Mittagspausen mit Freunden vor der Haustür, die in der Sonne am Wasser wie Urlaub anmuteten, ein Spurt auf den „Hamburger Berg“, das Gebäude von Stararchitekt Hadi Teherani in nur vier Minuten (inklusive wieder runterlaufen), einige Taiji-Runden auf dem Dach und im Hafen und noch etwas Sport mit Pamela auf youtube.

Die Nachbarn, die ich über slack aber nicht persönlich kenne und mit denen ich die letzten Wochen viel Spass hatte, haben mich zum Fachsimpeln auf einen Kaffee eingeladen, aber das liegt nicht hinter mir, sondern vor mir. Darauf freue ich mich.

Vor mir liegt auch ein Pfingsturlaub an der Ostsee, da die geplante Reise mit den Arktisfreunden nach Georgien leider bis auf weiteres verschoben werden muss.

Ich akzeptiere zur Begrüssung im Hotel ein Gläschen Sekt und warte im Strandkorb auf mein Zimmer, das noch nicht bezugsfertig ist. In den Bäumen zwitschern die Vögel, auf der Eingangstreppe der Jugendstilvilla lässt sich ein Boxer die Sonne aufs Fell scheinen.

Ich ziehe mich um, in pink-weiss gewandet geht es in die Vorderreihe, meiner Lieblingsstrasse in Travemünde. Ich gönne mir eine Kugel Buttermilch-Holundereis, kaufe ein Pfund frischgepflückte Erdbeeren am Stand des Erbeerhofes und stöbere etwas in der Buchhandlung herum, die ich mit einem Krimi wieder verlasse.

Nach knapp 10.000 Schritten geht es zurück auf meinen Balkon, Erdbeeren essen und etwas lesen, unter anderem die Nachricht meines Lehrers, dass ab nächster Woche wieder zusammen trainiert und meditiert wird. Im „Hinterhof“, schreibt er. Meinen tut er den verwunschenen Garten des Psychologenhauses. Da, wo die Blumen blühen, da wo die riesigen Rhododendren wachsen, da, wo wir wieder zusammen lachen können, wenn die Sonne untergeht.

23.02.2020

Logbuch Sahara – Epilog

Es ist dunkel. Das Licht in der Kabine ist ausgeschaltet. Das Flugzeug macht einen Satz abwärts, fängt sich, ich schaue zu meiner Sitznachbarin, die mich ebenso erschrocken anschaut. Es stürmt. Es stürmt so sehr, dass der Pilot sich entschuldigt hat, dass der Caterer nicht zum Flugzeug kommen konnte und wir nun mit den Restbeständen an Getränken, die vom letzten Flug übrig geblieben sind, Vorlieb nehmen müssten. Das ist allerdings meine geringste Sorge.

Du brauchst keine Angst haben, denke ich. Die Angst macht ja keinen Sinn. Ich kann nicht flüchten, ich kann die Situation nicht ändern, also kann ich den Flug genauso gut angstfrei verbringen. Ich schalte die Leselampe über meinem Sitz an und krame den Krimi aus dem Rucksack.

Koffer ausräumen: Ich schütte die Gemüsebrühe zurück ins Glas, den Kamillentee in die Schachtel und die Haferflocken in die Vorratsdose. Der Apfel, den ich zehn Tage durch die Wüste geschleppt habe, kommt wieder zurück in die Obstschale zu seinen Gefährten. Morgen früh werde ich ihn essen, zusammen mit einem Porridge.

Was habe ich von dieser Reise noch zurückgebracht?
Viele matte Rot-Gelb-und Brauntöne, die die Wüste und das Atlasgebirge dominieren. Ein krasser Gegensatz zu den glitzernden Blautönen, die ich aus der Arktis und der Antarktis kenne.
Das Wissen, dass die Sahara nicht nur aus Sanddünen besteht, sondern zu 80% aus Felsen und Steinen.
Eine Oase ist keine Palme an nem Tümpel irgendwo im unendlichen Sand. Eine Oase ist ein Paradies, in dem Blumen und Minze blühen, Dattelpalmen und Bohnen wachsen und Mandel- und Aprikosenbäume angebaut werden. Und noch so viel mehr.
Marokko ist das Land der Paläste und der Gärten.
Dromedare laufen sechs Kilometer in der Stunde.
Das Wissen, dass in drei Wochen ein paar kleine Jungs mit einem richtigen Fussball spielen können.

–  Ende –

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.

20.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 8

Und täglich grüsst das Murmeltier, denke ich und schliesse die Augen. Um mich herum tobt die morgendliche Auseinandersetzung ob der Sitzplätze im Bus, dabei hat jeder sogar zwei Sitzplätze, und mehrmals habe ich gesagt, dass sich gern (nun ja, nicht wirklich gern) jemand zu mir setzen könne oder ich den Platz auch tauschen würde. Aber es geht nicht um meinen Platz in Reihe 3, den mir I. jeden Morgen ungefragt mit ner Jacke reserviert, es geht um Reihe 2. Was für ein Klamauk, nun muss Ahmed, unser Reiseleiter, ein Machtwort sprechen.

Endlich fahren wir los, vorsichtig blinzele ich, langsam kehrt im Bus Ruhe ein.

Es geht zur Kasbah eines spanischen Bekannten von Ahmed, der diese wieder aufgebaut hat und als kleine Pension bewirtet. Gelegen ist sie inmitten einer grünen Oase, der Brunnen plätschert, der Pool leuchtet türkis, der Ausblick von der Dachterasse ist wunderschön. Genauso wunderschön wie der Spanier, das hat Ahmed schon im Bus erwähnt.

Hier würde ich gern eine Woche bleiben, hier in der Ruhe und Abgeschiedenheit, und natürlich ohne meine schwierigen Mitreisenden.

Die Schneegrenze ist gesunken, die Berge des Atlas sind weiss. Das wird morgen interessant, denn wir müssen über den Pass, der Bus mit den Koffern und wir in den Jeeps.

Aber jetzt geht es erstmal in die Atlas-Filmstudios. Viele Sandalen-Filme wurden hier in der marokkanischen Wüste gedreht, denn hier tobt kein (Bürger)Krieg: Asterix und Kleopatra, der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones, die riesigen Kulissen werden immer wieder angeglichen und nachhaltig genutzt, hier stehen ein jüdisches Haus neben römischen Säulen, dem Holzboot von Kleopatra, des Pferdegespanns von Ben Hur, eines riesigen ägyptischen Palastes und dem tibetischen Potalla-Palast. Very cool!

Auf in unser Riad, ein völlig verwinkeltes Boutique-Hotel, das inmitten einer Oase liegt. Ich schaffe es, meine klettigen Mitreisenden abzuhängen und entschwinde zu einem ruhigen Spaziergang durch Dattelpalmen, Mandel- und Feigenbäume.

Abends wird Ahmed eine Lesung abhalten: islamische Gedichte, Märchen und ein Kapitel aus seinem eigenen Buch, das von der Schönheit handelt. Draussen ruft der Muezzin zum Gebet.

19.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 7

Wir stehen im Kreis und kicken uns den platten Ball zu. Manchmal rollt er den Hügel hinab; dann laufen die Jungs hinterher. Auf unserem Spaziergang am Dadesfluss entlang sind wir auf eine Gruppe fussballspielender Jungs gestossen, die von Ahmeds Fussballkünsten begeistert sind. Auch wir kicken mit, selbst die 80-jährige H., die schlecht laufen kann, blüht beim Fussballspielen auf. Einen richtigen Fussball, der auch aufgepumpt ist, haben sie nicht, erzählen die Jungs, die fast alle in der Kühle in Filzpantoffeln unterwegs sind; die richtigen Bälle gäbe es nur in der Schule, aber nicht in der Freizeit. Lasst uns einen Ball besorgen, ich gebe Geld dazu, sage ich, die anderen Mitreisenden stimmen ein. Ahmed verspricht, in drei Wochen, wenn er wieder am Dadesfluss ist, den Jungs einen richtigen Fussball mitzubringen.

Am Bus steht ein kleines Mädchen. Es mag circa vier Jahre alt sein. Die Kleine hat dunkle struppige Haare und grosse braune Augen. Sie trägt eine Jacke aus Wolle und eine rote Hose, die wie ihr kleines Gesicht etwas schmutzig ist. Hussein, unser local guide, klettert in den Bus, öffnet den kleinen Kühlschrank und hält der Kleinen einen Joghurt hin. Schnell verschwindet dieser in ihrer Jackentasche. Die Szene ist rührend, ich lächele Hussein zu.

Als wir durch die Oase mit den Silberpappeln, den knorrigen Feigen- und den rosablühenden Mandelbäumen wandern, treffen wir eine Bekannte von Ahmed, die mit ihren Kindern auf dem Weg zur Vorschule ist. Wir dürfen mit, und schon stehen wir dichtgedrängt in einem kleinen Raum, in dem uns die vier- bis sechsjährigen Dorfkinder erst neugierig anschauen und dann zu singen anfangen. Ein Lied, zwei Lieder, drei Lieder, die Kleinen sind auch von der Lehrerin nicht zu stoppen und klettern singend auf die Tische.

Auf dem Heimweg erzählt uns Ahmed, dass hier noch immer viele Menschen Analphabeten sind, die Arbeitslosigkeit auf den Dörfern hoch ist und das medizinische Versorgungssystem korrupt und nur für die Wohlhabenden erschwinglich sei. Marokko ist, bei aller pittoresker Schönheit, ein Entwicklungsland. Zumindest konnten wir heute ein paar Kindern Hoffnung machen, Hoffnung auf einen Ball zum spielen und ein paar neue Stifte und Tafeln für die Vorschule. Und irgendwo sitzt jetzt ein kleines Mädchen und isst einen Joghurt.

18.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 6

In Merzouga lauschen wir marokkanisch-afrikanischer Musik. In Rissani ist Markttag: wir besuchen den Esel-Parkplatz (Kosten pro Esel: 2 Dirham), der in der Frühe noch recht leer ist, wir schauen beim Verkauf von Schafen zu und entdecken eine Anlage, in der wartende Hühner gleich geschreddert werden (note to myself: da ich an Fleisch eh nur noch ein Mal die Woche Huhn esse, kann ich auch ganz auf vegetarisch umsteigen. Gesünder für mich, gesünder für die Tiere, gesünder für die Umwelt).

Wir besuchen den Garten einer kleinen Moschee, Springbrunnen stehen inmitten von Palmen, die Sonne scheint, es ist eine friedliche Oase inmitten des lebhaften Markttages. Auch das neue Haus unseres local guides dürfen wir anschauen; stolz lädt er uns in sein Wohnzimmer, in dem gleich drei Kronleuchter an der Decke hängen und eine riesige traditionelle Sofalandschaft den gefliesten Raum einnimmt. Dein Haus ist mein Haus, so das Motto in Marokko, hier ist jeder willkommen und darf zum Tee, zum Essen und zum Übernachten bleiben. Hier kann es passieren, dass plötzlich drei Tanten vor der Tür stehen und vier Wochen zu Besuch bleiben (das ist auch unserem Guide Ahmed widerfahren, das ist normal, das ist Marokko).

Weiter geht es zur Besichtigung eines Wasserschachtes, was mich nicht interessiert, ich füttere derweil ein Kamel-Baby, das allein in der Mittagshitze vor dem Nomadenzelt steht. Mittagessen gibt es an einer Art Tankstelle, auch hier setze ich aus (tradionelles Berberessen mit Pfannkuchen und Linsen oder auch: gelbliche nicht identifizierbare Masse) und kaufe mir einen Schokoriegel.

Danach fahren wir zur Todraschlucht, die wir, auf den Spuren von Peter O’Toole – dem Lawrence von Arabien – durchqueren.

In der Oase Tinerhir blühen die Aprikosen- und Mandelbäume in weiss und rosé, dort drüben wächst Minze, dahinten Bohnen, überdacht wird die Szenerie von riesigen Dattelpalmen, die Vögel zwitschern. Die Temperaturen sind angenehm mild, während wir durch die Oase wandern. Ich komme mir vor, als sei ich im Paradies auf Erden gelandet.

Ahmed liest uns ein lustiges Kapitel aus einem marokkanischen Buch vor, während wir dem Sonnenuntergang entgegenfahren.

16.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 4

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich die Wüste beschreiben, die in unzähligen Farben, Strukturen und Lichteinflüssen an uns vorüberzieht. Über die schwarz glänzenden Felsen würde ich berichten. Und über das rot schraffierte Gestein, die rauen Felsen, die hohen Berge und die sandigen Dünen.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich meine Leser mit auf einen Spaziergang durch eine Fluss-Oase nehmen. Unter den Dattelpalmen hindurch, die Granatäpfel und das Bohnengewächs bestaunen. Die vielen blühenden Mandelbäume bewundern und an an den Rosen riechen, deren Duft schwer in der Luft hängt. Ein alter Mann kommt uns auf einem Esel entgegen geritten, er nickt uns freundlich zu.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich beschreiben, wie ich durch die Wüste laufe, den von der Abendsonne rotgefärbten Sanddünen entgegegen. Den Kamelen gegenüberstehen, die bei der grossen Palme reglos wie Statuen posieren. Kehr um, Du hast keinen Orientierungssinn!, rufe ich mir zu. Gleich wird es dunkel! Ich lache, laufe weiter, wie wunderschön leuchtet der Sand.

Wenn ich Schriftsteller wäre, würde ich berichten, wie ich unter dem tiefschwarzen Himmel stehe und zum Firmament aufschaue. Dort oben, da leuchtet der Polarstern. Und noch unendlich viel mehr.

Ich bin kein Schriftsteller, und mir fehlen die Worte, um die Schönheit der Wüste treffend zu beschreiben.

15.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 3

Die feindliche Übernahme der vorderen Sitzplätze im Bus gelingt I. ohne nennenswerte Gegenwehr. Ich hab Dir auch eine eigene Reihe reserviert, ruft sie mir zu. Sie hat mich wirklich lieb.

Wir verlassen Marrakesch, fahren am Königspalast und am La Mamounia vorbei, immer weiter und weiter, denn heute überqueren wir das Atlasgebirge. Schneebedeckte Berge ragen vor uns auf, die Felsen schimmern in Rot-Gelb- und Grüntönen. Mittendrin weissblühende Mandelbäume. Wir fahren durch Lehmdörfer, Frauen waschen in Bottichen ihre Wäsche, die zum Trocknen über den Dächern hängt, Kinder stehen am Strassenrand und winken, Hirten sitzen am Wegesrand und beobachten ihre Schafherden.

Während wir marokkanische Musik hören, gucke ich aus dem Fenster und verliere mich in Gedanken. Wie unfassbar schön ist die Welt.

Mittags geniessen wir die Sonne auf der nächsten Dachterrasse, ich bestelle wieder eine Gemüse-Tajine, an die hat sich mein Magen gewöhnt. Mittlerweile haben wir den Tizi-n-Tichka-Pass (2.260m) überquert und sind in der Wüste angekommen. 80% der Sahara besteht aus Fels und Stein, das wusste ich nicht. Doch wir werden auch den Sand sehen und die Dünen. Darauf freue ich mich.

Wir halten in Ait Benhaddou, die vielleicht schönste der Berberburgen und Unesco-Welterbe. Hier wurden unzählige Hollywood-Filme gedreht, unter anderem der Gladiator, Prince of Persia, Games of Thrones und Laurence von Arabien. Eine Stunde wandern wir über den Fluss und die vielen Treppen des kleinen und fast unbewohnten Stadtteils hinauf, um uns herum die Wüste, Palmen und eine spektakuläre Sicht. I. hat sich schon wieder lautstark mit jemanden in der Wolle, ich ignoriere es.

Das heutige Hotel in Ouarzazate hat im Internet schlechte Bewertungen; da Ahmed aber meinte, dass ich keine Schlangen oder Skorpione im Zimmer befürchten muss und auch das Wasser in der Dusche warm ist, finde ich es eigentlich ganz gut. Ausserdem sind sämtliche Wände voller Mosaiken. Und eine Kuppel im Bad mit kleinen bunten Glasfenstern habe ich auch.

14.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 2

Pferdekutschen klappern durch die Altstadt, Männer tragen das traditionelle Djellaba-Gewand mit Kapuze und an den Füssen vorne spitz zugehende Lederschlappen, überall werden Holzkarren mit dunkelroten Erdbeeren oder Eiern gezogen, frische Kräuter und Gemüse werden am Strassenrand feilgeboten. Das bunte Gewimmel unter der warmen Sonne mutet einem Märchen aus 1000 und einer Nacht an.

Wir sind schon früh auf den Beinen, um den Bahia-Palast, der einst den Wesir mit seinen Konkubinen beherbergte, zu besichtigen. Wir schauen uns den Harem an, das sind der Innhof und die Räume, die früher von den Frauen bewohnt wurden sowie den wunderschön angelegten Garten, in dem gelbe Blumen blühen. Überall sind Mosaiken und bunte Glasfenster, durch die die Sonne scheint und ihre Farben auf die Wände widerspiegelt.

I., die unbedingt ein Foto von mir machen möchte, verscheucht fuchtelnd einen Araber, damit er nicht mit aufs Bild kommt. Ich schaue ihn entschuldigend an und schäme mich fremd. Schon gestern habe ich gemerkt, dass I. mir gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit ist, aber sich anderen gegenüber unverhältnismässig laut und ruppig verhält. Mich allerdings scheint die grauhaarige 76ig-Jährige in ihr Herz geschlossen zu haben, das sonst ihren vier Kindern, elf Enkeln und einem Urenkel gehört. Später wird sie sich lautstark mit einer anderen Dame streiten, worum es geht, weiss niemand so genau. Für morgen plant sie, einen anderen Platz im Bus einzunehmen. Das kann ja heiter werden.

Nach dem Palastbesuch schlendern wir durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, lauschen Ahmeds Ausführungen unter dem Minarett der Koutoubia-Moschee, trinken Pfefferminztee und essen Mandelgebäck auf der Dachterasse einer Teestube und Gemüse-Tajine auf einer weiteren Dachterrasse. Störche sitzen auf den roten Dächern der Häuser, und am Horizont sind die schneebedeckten Berge des Atlasgebirges zu sehen. Dieses werden wir morgen überqueren.

Doch zunächst geht es in den Jardin Majorelle, der vom französischen Maler Jacques Majorelle gestaltet und später von Yves Saint Laurent gekauft und restauriert wurde. Mit U. und C. sitze ich unter Palmen und führe eine angeregte Unterhaltung, in der wir beschliessen, am Ende unserer Reise Anima, den Andre Heller-Garten, der etwas ausserhalb von Marrakesch liegt, zusammen zu erkundschaften.

Ein weiteres Highlight ist der Besuch eines Institutes für Naturmedizin; ein Apotheker erklärt uns zwischen unzähligen Dosen und Gläsern die Wirkung von Safran, Kreuzkümmel, Schwarzkümmel, Kurkuma und noch viel mehr, derweil wir wieder einen Tee (mit Safran!) offeriert bekommen und an diversen Curries und Gewürzen riechen. Ich verlasse diesen Laden mit einigen Muskatnüssen und einem Schwung Schwarzkümmel.

13.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 1

Da ich plietsch bin, platziere ich mich beim online-checkin von Hamburg nach Frankurt in Reihe 7, damit ich schnell raus aus dem Flieger und zum knapp getimten Anschlussflug gelangen kann.

Da Lufthansa nicht plietsch ist, bekomme ich am Gate einen neuen Sitzplatz zugewiesen, der sich in Reihe 30 befindet. Ich reklamiere, diskutiere und beschäftige gleich zwei freundliche Stewards, die mich mehrmals in Reihe 30 besuchen, mir den Lageplan des Frankfurter Flughafens bringen und herausfinden, dass es wirklich nur ein Katzensprung von B10 zu B26 ist – dazwischen liege nur noch eine Passkontrolle, doch dieses tückische Hindernis sei heute harmlos, da Asien wegen Corona ausfällt. Ich stehe als Einzige vor der Kontrolle.

Im Flieger in Reihe 15 treffe ich auf I., sie ist Teil meiner Reisegruppe. Zwischen uns sitzt ein Herr, der eine Fahrradtour übers Atlasgebirge samt Übernachtungen im Zelt gebucht hat. Das klingt aufregend. Aufregend auch der Austausch meiner Sitznachbarn über Spinnen, Ratten (die knabberte nachts am Finger), Kakerlaken (mögen keine Aircondition), Skorpione (immer die Schuhe ausschütteln, bevor man sie anzieht!) und Moskitos. Dass es in Marokko Tiere geben könnte, hatte ich bis dahin erfolgreich verdrängt. Ich stehe mehr auf Pinguine und Eisbären.

Mit I. marschiere ich zur Passkontrolle – diesmal in Marrakesch – gebe das Corona-Formular ab, und dann gehts weiter zum Exchange. Wenn wir 400 Euro wechseln, gibt es einen besseren Kurs, wir legen einträchtig unser Geld zusammen, als ob wir uns schon Jahre kennen.

Nachdem der Safe-Man den Tresor im Hotelzimmer aktiviert hat, lege ich dort meine Wertgegenstände hinein. Hinein kommt auch die I., sie marschiert in mein Zimmer und zielstrebig zum Safe, denn der würde nicht funktionieren (doch, doch! werfe ich ein), um mich mit einem Knopfdruck eines besseren zu belehren. Morgen werden meine Wertsachen in I.s abschliessbaren Koffer wandern (meinen haben die Israelis zerstört).

Das Dinner-Buffet bietet für mich Magen-Darm-Geschädigte Brot, Kartoffeln, Karotten und Bananen. Damit sollte ich den ersten Abend überleben.

Unser Reiseleiter Ahmed stellt sich vor; hier hatte ich einen dunkelhaarigen, drahtigen und leicht gebräunten Mann vor Augen, aber Ahmed entpuppt sich als stämmiger, blonder, blauäugiger, zum Islam konvertierter- und nach Marokko ausgewanderter Deutscher. Wir würden morgen früh aufbrechen, und dann einen Palast, Gärten und die vielen Gassen besuchen und zwischendurch Tee trinken. Das klingt doch ganz gut.

Lustigerweise könnte ich von meinem Hotelfenster direkt in den kleinen Pool springen.

12.02.2020

Prolog.

Ich blicke auf und schaue über den Rand der Sonnenbrille aufs Meer. Die Wellen rauschen, Möwen schweben am azurblauen Himmel, quietschende Kinder buddeln am Strand und bauen Sandburgen, zwei Mädchen spielen Beachvolleyball, plopp plopp plopp macht der Ball, der von links nach rechts und wieder zurück durch die Luft fliegt.
Ich lege das Buch zur Seite und greife zum Glas mit dem Aperol Spritz, in dem die Eiswürfel klirren.

Cut.

Natürlich greife ich zu keinem Glas Aperol Spritz.
Ich packe den Koffer gerade das dritte Mal wieder aus, um die optimale Auslastung mit Klopapier, Haferflocken, Gemüsebrühe, diversen Nusspackungen, Zartbitterschokolade, Elektrolyten, Kohlekompretten, Hefetabletten, Mütze, Handschuhen, Verbandszeug, Jodlösung, Skiunterwäsche und Küchenrolle*) herauszufinden. Etwas Platz für eine Handvoll T-Shirts, Socken, Unterwäsche und der rudimentären Outdoorklamotten-Grundausstattung muss auch noch gefunden werden.

Warum denn nicht mal wieder nach Nizza an die Cote D’Azur und den Tag an der Promenade des Anglais am Lido Plage vertrödeln?
Weil dort – und da ähnelt es den Eiswüsten der Arktis und der Antarktis – glitzernde Blautöne dominieren. Und ich mich diesmal auf den Weg mache, um in der größten Sandwüste der Erde eine Vielfalt an Rot- und Gelbtönen zu entdecken. Und tiefgrüne Oasen mit Palmen. Das klingt schön, denke ich, das klingt nach Abenteuer. Abenteuer Wüste. Abenteuer Sahara. Start des Abenteuers: morgen früh.

*) in Wirklichkeit ist es noch viel mehr.

10.02.2020

Weiterpacken.

Kamillentee, Klopapier, Desinfektionsmittel, Kohle-Kompretten, Trockenhefe, Verbandszeug, Elektrolyte, Haferflocken, Gemüsebrühe, Nüsse, Wanderstiefel, Mütze, Handschuhe, Sonnenbrille…

Du hast sie doch nicht mehr alle, sage ich.

Aber ich liebe Abenteuer!, antworte ich mir.

Noch etwas gebeutelt von Magen-Darm und einem Sturz bei Nacht, in der ich ohnmächtig in der Küche zusammengesackt und mit dem Kinn auf die Arbeitsplatte geknallt bin (und dabei auch noch meine Hand mit Teewasser verbrannt habe), fange ich an zu packen.

Deja vu: genauso sah es aus, als ich auf dem Weg zum Basecamp des Everest war; nun geht es in die Sahara.

Einfach mal so einen Strandurlaub…mit Buch…Cocktail…

ich winke ab. Ich möchte durch Oasen mit Palmen spazieren, wie Laurence von Arabien durch die Todraschlucht wandern, übers Atlasgebirge und zum Dadesfluss fahren…na dann – dann pack weiter.

18.12.2019

Zuhause.

No. 1 Antarctic: ✔️

No. 2 Arctic: ✔️

Very logical that I booked now no. 3 of the ranking of deserts. That was spontaneous. It will bring me to (over) my limits (again). I will never forget Tibet and Everest…

Why are you doing this?!? I ask myself.

Because I want to feel life and explore the world. And I like adventures. And to write logbooks.

Pretty sure I will have the good stories when I moved to the nursing home 😀

02.11.2019

Unterwegs.

Und was passiert, wenn ich auf den letzten Button dieser app clicke?
„Die Bestellung wurde abgeholt“, sagt die app.
Ich verdamme meine Neugier, die Bestellung habe ich natürlich noch nicht abgeholt, ich sitze ja in der Küche und versuche, die app zu durchschauen.
Ich ziehe die Jacke über, nehme den Einkaufskorb und laufe los zur Cafe-Bäckerei, bei der ich jetzt schon angeblich die Ware abgeholt habe.
Trotz des Malheurs gefällt mir die app – es geht darum, Lebensmittelverschwendung vorzubeugen; hier stellen Cafés, Bäcker, Geschäfte und Restaurants Lebensmittel ein, die sie nicht mehr an diesem Tag loswerden, und das zu einem Schnäppchenpreis.
Ich investiere Euro 3,80 und bin gespannt, was ich bekommen werde. Leicht wird das nicht, da ich ja (eigentlich) einen hohen Anspruch an meine Ernährung habe.
Das Tresenteam schaut mich interessiert an, als ich erkläre, dass ich meine Bestellung jetzt abholen komme, obwohl sie wohl die Info hätten, dass ich schon da gewesen sei. Sie bleiben gelassen, statt einer Überraschungstüte darf ich mir aussuchen, was ich mitnehmen möchte. Das gefällt mir gut, ich zeige auf ein Stück Käsekuchen (Sünde 1), man gibt noch zwei Muffins dazu (Sünde 2+3), ich möchte ein Brot mit Streichkäse, Wurzeln und Gurke, man gibt mir noch zwei riesige vegetarische Burger mit Gemüse dazu.
Da ich schon mal in der Gegend bin, geht es weiter zum Bioladen.

Ausserdem war ich heute nach der Arbeit schwimmen.
Kalt ist es, Dunst steigt auf und lässt das Aussenbecken des öffentlichen Bades mystisch wirken. Nur zwei weitere Schwimmer drehen ihre Runden, C., meine Schwimmfreundin,  habe ich bereits in der Kabine getroffen, sie war sehr früh dran, ich sehr spät, da ich noch in dem Laden für Mikronährstoffe meine Vorräte an B12 und D3 aufgefrischt habe.

Überhaupt ist die Fitnesswoche durcheinander geraten.
Stattdessen gab es Zahn- und Augenarzttermine, am Feiertag lag ich kränkelnd danieder, und am Dienstag war der Mutmachabend der Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses.
Das war doch sicher traurig, sagt meine Mutter am Telefon.
Ich verneine.
Im Gegenteil; das zahlreich erschienene Publikum hatte sogar etwas zu lachen.
Weder das Taschentuch, das ich vorsichtshalber in die Hosentasche gesteckt hatte – ich war mir nicht sicher, wie ich auf der Bühne mit der Konfrontation Brustkrebs reagiere – habe ich gebraucht, genauso wenig wie die Karteikarten, die ich dabei hatte, sollte mir nichts einfallen. Mir fällt viel ein, ich hätte noch locker zwei Stunden über die verschiedenen Aspekte zum Thema Brustkrebs sprechen können.

Ein weiteres Highlight der Woche ist das email meiner Arktis-Kabinengenossin D. aus North Carolina. Die 76-Jährige hat ihre nächste Expedition in die Kälte geplant und fragt, ob ich nicht wieder mitkommen möchte. Ausserdem fliege sie nächstes Jahr nach London und checke schon Flugverbindungen nach Georgien, wo wir uns doch alle wiedersehen wollen.
Trotz ihrer Versprechungen „…I will bring my sleep machine so I will not snore!!! I certainly feel better using it instead of the glorious mouth piece! I will unpack immediately upon arrival!!“ werde ich nächstes Jahr nicht wieder in die Arktis fahren – ich plane im Frühjahr eine ganz andere Exkursion mit A. aus Österreich, die ich in Israel kennen gelernt habe.

Und wieder einmal stelle ich fest, dass das Leben so viele wunderschöne Momente bereithält.

Fotovermerk: Hamburg Photography

Blumen statt Tränen 😍

#nofoodwaste

D. und ich auf unserer Arktis-Expedition

17.09.2019

Epilog: was bleibt.

Ich habe das Nordpolarmeer gesehen.
Ich habe die Nordlichter beobachtet, die am schwarzen Himmel tanzten und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen liessen.
Ich habe die klare Luft gefühlt, kalt und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zog.
Ich habe die Gischt im Gesicht gespürt, kühl und frisch, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis geglitten sind.
Ich habe die Wale gesehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchten, bevor sie wieder in der Tiefe verschwanden.
Ich habe die Eisbären gesehen, „white and fluffy“.
Ich habe die Gletscher und die Eisberge bestaunt, die in unendlich vielen Blautönen geglitzert und unseren Weg in die Kälte gesäumt haben.
Ich habe am Tag die helle Sonne gesehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich habe mich auf den Weg gemacht.

Ich habe neue Freunde gefunden.

Und ein chinesisches Familienmitglied bin ich auch geworden…

– Ende –

Nachtrag
Email von D:
…You will be happy to know that I am fully unpacked and am now ready to pack again to leave for California on Thursday!
Thank you for being such a good, kind and patient roommate
🤗 Fond memories! Take care“

16.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 11

Am nächsten Morgen, wir laufen aufgrund des Unwetters mit vier Stunden Verspätung in Reykjavik ein, erfahren wir, dass A. aus Kalifornien in der Kabine gestürzt ist und zwei Passagiere mitsamt ihren Stühlen im Restaurant umgekippt sind.
Auch unser Tisch war am letzten Abend spärlich besetzt, die Stimmung verhalten. Den Abschiedsabend hatten wir uns anders vorgestellt.

Um 4.00h morgens steht D., die eigentlich erst um 9.00h auschecken muss, mit mir an der Gangway. Sie singt mir ein amerikanisches Lied vor, das man Kindern zum Trösten vorspielt, damit sie beim Abschiednehmen nicht weinen.
Wir umarmen uns, vergiss nicht zu packen, sage ich, D. aber steht an der Reling und ruft meinen Namen und winkt, bis ich endgültig im Bus, der mich zum Flughafen bringt, verschwunden bin.

15.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 10

Unser letzter Landausflug geht in das kleine isländische Fischerdorf Suoureyri mit 240 Einwohnern. Eine Premiere: hier ist noch nie ein Schiff mit Passagieren angekommen. Die Fischer haben ihre Boote umgeparkt, damit unsere Zodiacs Platz am Anleger haben. Und so wird in dem kleinen Dorf morgens um 8.15h Fisch für uns gekocht (ich setze aus),  dann geht es zur Besichtigung der ortseigenen Fischfabrik (ich setze aus), es gibt Fischfrikadellen (ich setze aus) und zu guter Letzt noch getrockneten Fisch zu probieren (ich setze aus).

D. (zur Erinnerung: 76 Jahre alt) ist begeistert; sie war im ersten Zodiac beim Anlanden und im letzten, als es aufs Schiff zurückgeht. Ich frage mich, wo sie ihre unglaubliche Energie hernimmt. Allerdings brauchen wir diese, da wir mal wieder ihren Zimmerschlüssel suchen.

Auf der Brücke – neben dem Jakuzzi an Deck 5 mein Lieblingsplatz – werde ich fröhlich begrüsst, man kennt mich hier schon, ich komme täglich vorbei, und ausserdem habe ich die Wale gesichtet.
5 Meter hohe Wellen mit Windstärke 8 stünden uns bevor, die gesamte Strecke zurück nach Reykjavik.

Die Expeditionsleitung mahnt uns, unsere Seekrankheit-Tabletten einzunehmen und unverzüglich die Koffer zu packen; wenn es erstmal stürmt, würde das Packen schwierig werden.

Ich bin in 15 Minuten fertig mit meinem Gepäck; als ich wieder in die Kabine komme, sieht es allerdings aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. D. packt nicht, D. sitzt vorm Spiegel und tuscht sich seelenruhig die Wimpern. Ob ich ihr beim Packen helfen solle, frage ich. Sie sei so gut wie fertig, kommt als Antwort und das Chaos ignorierend, ausserdem müssten wir jetzt die Präsentation des Bordfotografen in der Lounge verfolgen.
Wir machen uns auf den Weg in die Lounge, die Sea Spirit schaukelt vor sich hin.

Nach der Präsentation bleibt unsere Clique sitzen und tauscht Adressen aus. Wir wissen nicht, dass wir uns in diesem Moment zum letzten Mal sehen werden.

Der Sturm nimmt zu. Fasziniert blicken wir aus unserem Kabinenfenster, an das die Wellen krachen, mal scheinen wir unter Wasser zu sein, mal sehen wir nur den Himmel, wir schweben, wir fallen krachend in die Tiefe. D.s Noch-Nicht-Kofferinventar trudelt und fliegt durch die Kabine. Mit dem Captains Dinner wird das nix, sage ich, als ich auf allen Vieren ins Badezimmer krieche.
D. stimmt mir zu, safety first, wir bleiben auf den Betten liegen und lassen uns grüne Äpfel und Cracker bringen. Tut uns auch mal ganz gut, meine ich, nach den unzähligen Kuchen, Waffeln, Cremes und Crepes.

Ansage von der Brücke: das Captain Dinner fällt aus, ausserdem würden wir nach Backbord drehen, es würde noch stürmischer werden. Die Passagiere mögen bitte sicher sitzen oder noch besser: im Bett liegen. Das Herumlaufen auf dem Schiff wird verboten.
Wir machen das richtig, ruft D. unter ihrer Bettdecke hervor, während die Sea Spirit ächzt und sich durch die Wellen kämpft.

14.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 9

Wale!, rufe ich aufgeregt und deute irgendwo ins Nordpolarmeer. Ganz nah am Schiff!
Der Kapitän und der Safety Officer, die bis eben noch konzentriert auf der Brücke gearbeitet haben, schauen auf. Well spotted, werde ich vom Kapitän gelobt, der jetzt zu mir herübergetreten ist, es dürften Finnwale sein. Nach dem Lunch komme ich wieder, lasse ich das Bridge-Team wissen, ich bin ja schnell enthusiastisch bei der Sache.

Im Restaurant berichte ich von meiner Walsichtung, leider hat weder die Brücke noch die Expeditionsleitung eine Durchsage gemacht, und nun sind meine Mitreisenden etwas geknickt. Auf Wale haben sie bisher vergeblich gewartet.
Nach dem Mittag werde ich als Watchman wieder on duty auf der Brücke sein.

Nachts ertönt wieder einmal die Durchsage, das Nordlichter zu sehen seien, ich schlafe weiter, murmele ich, D. sucht ihre Kamera (ich helfe ihr nicht beim Suchen) und macht sich auf in die Kälte. Kurze Zeit später ist sie zurück, die Nordlichter waren schwach und nur auf den Fotos der chinesischen Familienmitglieder zu sehen, die ihr allerdings Fotos schicken werden. Das Moon Festival hat sich ganz positiv auf die chinesisch-internationalen Beziehungen an Bord der Sea Spirit ausgewirkt.

13.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 8

Minus 11 Grad. Es ist 6.20h, D. springt aus dem Bett, schau die Berge an, ruft sie, über die sich der rosa Schleier des Sonnenaufgangs gelegt hat. Wir laufen auf Deck 5, um die Sonne zu begrüssen.

Heute Vormittag habe ich mich für das botanische Programm entschieden. Man muss nicht weit gehen, um die Schönheit dieser Welt zu entdecken. Wir schauen im Gosefjord auf den Boden, der mal gefroren unter unseren Schritten knistert und sich an anderen Stellen wie ein dicker flauschiger Teppich anfühlt. Etwas Arnika, ein paar späte Blaubeeren, kleine weiße und lila Blümchen wiegen sich im Wind, es ist kalt, es ist Herbst, nächste Woche wird sich der Schnee über die arktische Landschaft legen.

Zurück an Deck, gehe ich mit meiner Zimmergenossin auf die Brücke. Wir setzen uns draussen unter die breite Fensterfront und geniessen die Sicht auf die unendlich vielen Eisberge.

Viking Bay – Frede Glacier.
If you think we can’t top the highlights of this trip…we can!, so die Ansage der Expeditionsleitung. We have spotted something white and fluffy outside….Eisbären!!!!
Das ist sehr selten, auch wenn unsere Anlandungsplätze immer sorgfältig auf Eisbärspuren geprüft werden und das Team für den Notfall mit Gewehren ausgerüstet ist.

Trotz des Hineinschummelns in die internationale Gruppe – ein aufwendiger Akt – schaffen wir es nicht, zusammen ein Zodiac zu bekommen. A. aus der Schweiz landet im russischen Boot, S. aus der Schweiz samt D. und G. aus Georgien sind im internationalen Boot, Jay aus Wales, J. aus Maine und ich sind bei den Amerikanern gelandet.

Alle Zodiacs sind im Einsatz, wir nähern uns dem Gletscher und den Bergen. Mitten am Berg, auf einer schneebedeckten Platform, bewegt sich etwas Weisses. Unser erster Eisbär! Ganz still ist es in den Booten, selbst den sonst agilen Chinesen scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

Der Bär legt sich hin; wir steuern dichter an den Gletscher heran. Wieder ist eine Bewegung am Berg auszumachen: ein Eisbär und zwei Eisbärbabies schauen in unsere Richtung. Dahinter der Gletscher mitsamt seinen türkisfarbenen Eisbergen- und Schollen, die wie überdimensionale Diamanten in der Sonne glitzern.

Im Restaurant, das heute mit chinesischen Lampions und Luftschlangen geschmückt ist, sitzen wir alle wieder zusammen an unserem Tisch. Lucky Sally ergreift das Mikrofon: heute ist das chinesische Moon Festival, ein wichtiger Feiertag in China, der mit der Familie gefeiert wird. Heute sind wir auf diesem Schiff eine große Familie, sagt Lucky Sally. Zum ersten Mal verschwimmt die unsichtbare Grenze, die sich durch die Chinesen und den Internationalen und durch das Restaurant gezogen hat.

Wir sind jetzt Chinesen, stelle ich fest.
Die neue chinesische Familie kommt an unsere Tische und bietet chinesische Kuchen und Süssigkeiten an, macht Fotos it den neuen Familienmitgliedern, sie singen und klatschen und sind fröhlich, während wir noch etwas verblüfft aus der Wäsche schauen und die teils schrecklich schmeckenden Süssigkeiten heimlich im indischen Curry und den Tagliatelle verstecken.

Bevor der Sake an unseren Tisch ankommt, machen wir uns auf den Weg zu Deck 5. Im roten Baywatch-Badeanzug und mit meiner Flasche Rotwein bewaffnet, treffe ich bei Minus 8 Grad auf meine Freunde im Jakuzzi. The party can start!

 

 

 

03.04.2019

Logbuch Israel – Epilog.

Was bleibt.

Interessante Einblicke in so unterschiedliche Welten, die sich in einer vereinen.
Ein Fahrstuhl am Freitag, dessen Knöpfe man nicht drücken kann und der in jeder Etage hält und in dem ein Stuhl steht.
Geschirr für den Morgen und Geschirr für den Abend, streng auseinander gehalten.

24 Kilometer von Ramallah entfernt, 20 Kilometer vom Gazastreifen, 5 Kilometer von Syrien, 10 Meter von Jordanien, auf dem Tempelberg vor der Al-Aqsa-Moschee und auf den Golanhöhen gestanden.
An geschichtsträchtigen Orten zu sein, die ich bisher nur aus den Nachrichten kannte und zu denen ich nun eine Beziehung aufbaue und sie versuche zu verstehen.
Rosa blühende Pfirsichbäume, Rapsfelder, Mohnblumen und Olivenhaine auf den Golanhöhen. Unter mir der See Genezareth. Ein scheinbares Paradies, in dem sich Stacheldraht und Bunker verstecken.
Masada in unendlicher Wüste gelegen, oben auf dem Berg  im gleißenden Sonnenlicht.
Im Toten Meer baden.
Durch den persischen Garten zum Bahai-Tempel in Haifa spazieren.
Wandern auf dem Jesus-Trail.

Hunderte weißgewandete Christen, die sich in den schmutzigen Jordan stürzen, um sich dort wie Jesus taufen zu lassen.
Der Ruf des Muezzin über Jerusalem.
Kirchenglockengeläut.
Klezmermusik und fröhlich tanzende Juden, die zum Fest an die Klagemauer ziehen.
Jüdische Frauen mit Perücken und turbanähnlichen Kopfbedeckungen, verhüllt in züchtiger Kleidung.
Moslimische Frauen, verhüllt in schwarze Gewänder.
Große Holzkreuze, die man sich mieten kann, um damit die Via Dolorosa in Jerusalem zu beschreiten, wie Jesus.

Das österreichische ehemalige Hospiz, das mitten in Jerusalem liegt und so etwas wie ein Heimkommen bedeutet, heim zu Kaffee und Sachertorte und warmen Apfelstrudel.
Köstliches Essen in Israel und Palästina, so viele Salate, so viel Gemüse, so viel Obst und so viel Kuchen. Gewürze, die ich im arabischen Bazar und dem Mahane Yehudi-Markt kaufe.
Falafel – unser Highlight zum Mittagessen.
Ein wunderbares Picknick zwischen Olivenbäumen und Kakteen.

Schöne Gespräche und Wunscherfüllung-Freizeit  mit meinen neuen Freunden.

Emotionale Momente.
Im Olivenbaum-Garten stehen von F., der Palästinenserin, der an einer riesigen Betonmauer mit Stacheldraht abrupt endet. In dem wir einen kleinen Olivenbaum pflanzen, und dem wir wünschen, dass er niemals ausgerissen wird. Zur jüdischen Siedlung blicken, die hinter der Mauer liegt.
Yad Vashem. Der dunkle Saal mit den fünf Kerzen, die sich in den Spiegelwänden vervielfältigen und die unerträgliche Dimension des Holocausts und der vielen getöteten Kinder widerspiegelt.
Jüdische Kinder auf dem Dach spielend, hinter Stacheldraht, abgegrenzt vom arabischen Viertel.

Was bleibt, ist außerdem J. Er bleibt in Jerusalem im Krankenhaus. 15E, sein Platz im Flieger, bleibt leer.

Ende

12.8.2018

Epilog

Was bleibt.

Bauern-, Mönchs- und Nomadenbesuche in den Weiten Tibets, die wieder einmal mehr verdeutlichen, dass es unterschiedliche Lebensmodelle gibt, die nicht schlechter oder besser als das eigene sind. Lächelnde und zufrieden aussehende Menschen.

Ein Berg, der nicht nur ein Berg ist, sondern mir persönlich viel bedeutet, da er mir in einem entscheidenen Moment meines Lebens als erstes in den Sinn kam. Und der, als ich vor ihm stand, sich in seiner ganzen Schönheit zeigte, nachdem er sich vier Wochen lang in Wolken verhüllt hatte. A tick on my bucket list.

Weite Steppenlandschaften mit glatten Seen, riesigen Bergketten, wilden Eseln, Yaks, Schafherden und Kühen, die überall am Wegesrand längstrotten. Picknick mit Eiern und Kartoffeln.

Tibetische Baggerfahrer, die immer hilfsbereit zur Stelle sind.

Dankbarkeit für das, was selbstverständlich scheint: fliessend warmes Wasser, saubere Bettwäsche, eine Toilette, eine Tasse Tee und freundliche Menschen wo immer man hinkommt, gute Gespräche und Lachen.

Flüchtige Abschiede am Flughafen. Viele werde ich nicht wiedersehen. Doch einige werden bleiben.

Und hey, ist schon mal jemandem aufgefallen, wie sauber die Toiletten auf dem Frankfurter Flughafen sind?

– Ende –