18.11.2018

Unterwegs.

Ob ich mich vorher auch so gesund ernährt hätte, fragt mich B., während sie sich etwas von ihrem Bauernfrühstück auf die Gabel füllt. Nein, antworte ich meiner Herzi-Mitstreiterin, aber durch den Schock und den ersten Ernährungsvortrag, den ich mir bereits im Krankenhausbett einen Tag nach der Operation vom Arzt anhören durfte, wurden meine Süchte sofort eingestellt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich meine Lieblingsschokolade aus Chile, die ich extra als Trost eingepackt hatte, umgehend in den Mülleimer befördert habe. Ich wusste nicht, dass Krebs sich von Zucker ernährt. Und das Weizenmehlbrötchen mit Salami auch nicht viel gesünder sind.

Ich finde es interessant, daß B. ihre Zeitrechnung auch in ein vorher und ein nachher eingeteilt hat. Was zwischen dem vorher und dem nachher liegt, bleibt unausgesprochen.
Jedenfalls schaue ich sehr bestürzt drein, als unsere Trainerin und ein Herzi nach dem Abendessen in der Wirtschaft zum Rauchen vor die Tür verschwinden. Auch gegen eine Sucht kann man etwas tun, wenn diese nicht durch Schock ausgelöscht wird – wie bei mir, und Schokolade habe ich in der Tat sehr viel gegessen. Ich kasteie mich nun nicht, aber ich bin sehr diszipliniert, ich weiß ja, wofür ich das tue. Ich will leben und das noch möglichst lange und gesund. Also sitze ich heute Abend als Einzige mit einem Salatteller in der Wirtschaft, während die Herzis Rinderroulade und panierte Schnitzel vertilgen.
Zum Nachtisch teile ich mir aber eine Portion Topfenpalatschinken mit Zwetschgen und genieße diesen umso mehr, da dies eine Ausnahme ist, eine sehr leckere, zugegebenermaßen.

Dann krame ich meinen Laptop aus der Tasche. Tische und Stühle werden umhergerückt, denn alle zwölf Herzis wollen nun mit mir durch Tibet reisen. Und danach sogar noch durch die Antarktis; vorausschauenderweise hatte ich den zehnminütigen Film unseres chinesischen Vogelkundlers eingepackt. Es ist ein schöner Abend, hier in der Wirtschaft in Uhlenhorst, hier mit meinen Herzis.

Am Sonntag mache ich mich zu einer zweistündigen Wanderung auf, entlang der Hamburger Kanäle. Eine Gegend, die ich nicht kenne, da ich sonst immer entgegengesetzt in Richtung Aussenalster marschiere. Jugendstilbauten säumen die Finkenau, auf dem Wasser liegen Hausboote und am Kanal umgedrehte Kanus, über die sich das Herbstlaub gelegt hat. Es nieselt.

Zurück zu Hause wärme ich mir die restlichen Vollkornnudeln mit frischen Tomaten und Basilikum auf, zum Nachttisch gibt es ein Vollkornbrot mit Frischkäse und selbstgemachtem Renekloden-Gelee, das mir C., meine Freundin aus der Meditationsrunde, am Dienstag geschenkt hat.

Ein ruhiges Wochenende geht zu Ende, eine spannende Woche liegt vor mir.

29.8.2018

Unterwegs.

Ich stehe in der alten Turnhalle des Sportvereins und bin gerührt: P. klatscht begeistert in die Hände, als ich das Thema Fotovortrag Tibet anspreche, um den sie mich letzte Woche gebeten hatte. Auch M. und B. möchten dabei sein und mehr über das Land in weiter Ferne, das sie aufgrund ihrer Herzprobleme nie selbst besuchen können, erfahren. Dr. A., die ich sehr gerne mag, und die auch immer am Reisen ist, hat auch Interesse. Nächste Woche werde ich das Thema offiziell in der Runde ansprechen, heute habe ich das zwischen dem ganzen Pulsen und den bunten Pezzibällen verbaselt. Wenn ich schon nicht an Souvenirs für die Herzis gedacht habe, dann gibt es nun wenigstens eine Reisereportage nach einer unserer nächsten Sportstunden.

Ich sitze auf der Bank an der Bushaltestelle neben mir und beobachte mich. Heute Mittag war ich mit S., einem Freund und ehemaligen Kollegen, in einer karibischen Salatbar. S. ist mit C. verheiratet, auch sie ist eine ehemalige Kollegin, wir drei haben zusammen gelernt. S. hat mir vor zwei Jahren erzählt, dass C. vor einigen Jahren Brustkrebs hatte. Heute erzählt er mir, dass der Krebs zurückgekommen ist. Knochenmetastasen. Metastasierender Brustkrebs ist unheilbar. Das weiß ich. S. weiß das natürlich auch. Zurückgezogen haben sie sich, sie leben glücklich mit den beiden Töchtern im Teenager-Alter, ab und an gingen sie in ein Restaurant, und sie fahren in Urlaub. Gesellschaften geben sie schon lange nicht mehr. Ich erzähle S., warum ich gerade jetzt etwas außergewöhnliche Reisen mache. Ich erzähle ihm von meiner Bucket List und davon, dass auch ich letztes Jahr Brustkrebs hatte. Und das wir jetzt leben. Nicht gestern und nicht morgen.
Auch S. würde gern zum Everest, am liebsten bis zur Spitze. Aber er fahre mit der Familie in die USA. Das sei auch sehr schön.
Später sende ich ihm eine Nachricht; wenn C. mal mit einer „Artgenossin“ reden möchte, könne sie mich kontaktieren. Ein paar Minuten später werden mir liebe Grüße ausgerichtet und C.’s Handynummer geschickt.
Ich sitze auf der Bank neben mir und beobachte mich.
Was macht die Nachricht von C.’s Wiedererkrankung mit mir? Sie lässt mich innehalten, stimmt nachdenklich und traurig und zeigt mir wieder auf, wie fragil das Leben und wie wertvoll der Moment ist.
Angst macht mir die Nachricht nicht, nicht auf mich bezogen. Ich werde C. diese Woche kontaktieren. Vielleicht freut sie sich. Vielleicht hilft ihr das. Vielleicht hilft mir das auch, auf die eine oder andere Weise.

Ich stehe im verwunschenen Garten des Psychologenhauses und bin ein bißchen stolz. Und glücklich. Wir sind nur drei Schüler, meine Mitstreiter sind schon viele Jahre beim Taijiquan, sie möchten in der (schwierigen) 38er Form weiterkommen. Ich „kann“ nur die 19er Form. Aber heute darf ich das erste Mal bei einer anderen Form mitmachen.

Ich komme nach Hause und schaue in den Briefkasten. Es ist eine Karte angekommen. Vom Nordpol. Vom Schiff, mit dem ich in der Antarktis war.
Es wird Zeit, die nächsten Ziele zu planen.

23.8.2018

Unterwegs.

Das Pulsen fällt heute aus, ruft unsere Trainerin. Dafür erzählt uns C. von ihrer Reise nach Tibet!
Um es kurz zu machen, sage ich, ich habe mein Ziel erreicht: ich stand im Basecamp auf 5200m vorm Mount Everest. Dann ergänze ich doch noch etwas mehr, denn die Herzis sind nicht nur sehr interessiert, sondern freuen sich augenscheinlich, daß ich wieder zurück bin. Und beim Aufwärmen dürft ihr C. noch weiter mit Fragen löchern, sagt die Trainerin, und wir laufen armrudernd und mit Tischtennisschlägern und Bällen bewaffnet durch die alte muffige Halle des Sportvereins. Ich beantworte unterwegs noch die Fragen meiner Sportsfreunde.

Schade, dass H. nicht da ist, die hätte das auch sehr interessiert, sagt P.
H., die kleine alte Dame mit den vergnügten Augen, war in den 70ern dreimal im Himalaya und am Everest unterwegs – allerdings Trekking über mehrere Wochen mit dem Alpenverein – das ist nochmal eine ganz andere Hausnummer. Schon öfters haben wir uns darüber unterhalten, genauso wie über unsere Abenteuer in der chilenischen Atacama-Wüste, die wir auch beide bereist haben.

Die Hälfte des Aufwärmtrainings verbringe ich allerdings auf der Bank, denn auch Dr. A. ist neugierig und möchte einiges über die Reise wissen.

Ob ich nicht mal einen Vortragsabend machen könne, über meine ganzen Reisen, fragt mich P. Grundsätzlich könne ich das, wenn Interesse bestünde, antworte ich. Ob ich eine Gebetsfahne mitgebracht hätte, fragt die Trainerin. Das habe ich. Und was ich mir noch mitgebracht hätte, möchte P. wissen. Eine Klangschale, erzähle ich und bereue in diesem Moment, dass ich zwar Glücksbringer für meine Meditationsrunde mitgebracht habe, aber gar nichts für die Herzis.

Und wie ich das mit meinem Herz gemacht hätte, fragt P. wieder. Ob es besondere Medikamente gäbe? Ich schaue irritiert, aber verstehe dann, was sie meint, schliesslich bin ich bei den Herzis. Mein Herz ist gesund, sage ich. Ich bin in der Herzsportgruppe, weil Dr. A. mich netterweise aufgenommen hat, da sie der Meinung ist, dass Krebssportgruppen nichts für mich sind. Ich hatte Krebs.
Und dann verstehe ich die anrührende Begeisterung und die vielen lebhaften Fragen der Anderen:  Herzis können nicht nach Tibet reisen.

Note to myself: bei der nächsten Reise unbedingt an Mitbringsel für die Herzis denken.

12.8.2018

Epilog

Was bleibt.

Bauern-, Mönchs- und Nomadenbesuche in den Weiten Tibets, die wieder einmal mehr verdeutlichen, dass es unterschiedliche Lebensmodelle gibt, die nicht schlechter oder besser als das eigene sind. Lächelnde und zufrieden aussehende Menschen.

Ein Berg, der nicht nur ein Berg ist, sondern mir persönlich viel bedeutet, da er mir in einem entscheidenen Moment meines Lebens als erstes in den Sinn kam. Und der, als ich vor ihm stand, sich in seiner ganzen Schönheit zeigte, nachdem er sich vier Wochen lang in Wolken verhüllt hatte. A tick on my bucket list.

Weite Steppenlandschaften mit glatten Seen, riesigen Bergketten, wilden Eseln, Yaks, Schafherden und Kühen, die überall am Wegesrand längstrotten. Picknick mit Eiern und Kartoffeln.

Tibetische Baggerfahrer, die immer hilfsbereit zur Stelle sind.

Dankbarkeit für das, was selbstverständlich scheint: fliessend warmes Wasser, saubere Bettwäsche, eine Toilette, eine Tasse Tee und freundliche Menschen wo immer man hinkommt, gute Gespräche und Lachen.

Flüchtige Abschiede am Flughafen. Viele werde ich nicht wiedersehen. Doch einige werden bleiben.

Und hey, ist schon mal jemandem aufgefallen, wie sauber die Toiletten auf dem Frankfurter Flughafen sind?

– Ende –

11.8.2018

Tag 13

Ein letztes Mal Frühstück und ein letztes Mal Lunch auf dem wunderbaren Dach unseres kleinen pittoresken Hotels in Lhasa. Dazwischen eine letzte Runde mit dem Pilgerstrom den Barkhor umrunden, die letzten Souvenire erstehen, zum Potala Palast schlendern und mit der Fahrrad-Rikscha zurück ins Hotel fahren.

Dann stehen die letzte lange Busfahrt an und drei Flüge, bis Hamburg wieder erreicht ist.

10.8.2018

Tag 12

Gestern Abend scherzte ich noch, als der Reiseleiter mitteilte, dass wir von Shigatse nach Lhasa die ‚alte Straße‘ nehmen werden, die eventuell nicht immer instandgehalten wird. Mir gäben Baufahrzeuge mittlerweile ein Sicherheitsgefühl, sage ich und spiele auf unsere Rettung aus dem Fluss an.

Diesmal ist es Steinschlag, der uns zum Stehen und Warten bringt – die Fahrzeuge stauen sich, und ja, auch hier sind die Baufahrzeuge am Werk.

Während der Fahrt treffen wir auf eine Gruppe Tibeter, die das Erntefest zelebrieren und in farbenfrohen Gewändern von Feld zu Feld ziehen.

Abends kommen wir in Lhasa an. Unser Reiseleiter schlägt für den Samstag vor, das Yoghurtfest aus der Ferne zu beobachten. D., K. und ich beschliessen stattdessen eine Shoppingtour zu machen und starten gleich am selben Abend.

9.8.2018

Tag 11

Von Shelkar nach Shigatse können wir nicht die geplante Route nehmen, da diese wegen Straßenüberschwemmungen gesperrt ist. Wir bleiben noch etwas in Shelkar und spazieren durch‘s Dorf.

Mittags kehren wir in ein von außen fragwürdig erscheinendes Lokal ein, drinnen ist es duster mit goldenen Tapeten und dem bekannten bunten Holzinterieur. Willkommen im Bernsteinzimmer, scherzt unser Reiseleiter. Und auch im Bernsteinzimmer – wie überall auf der Reise – ist das Essen sehr lecker und frisch zubereitet. Viel Gemüse, Reis, Gemüsesuppe, Yak-Fleisch und Hühnchen.

Abends dann der letzte Klosterbesuch unserer Reise; wir schauen in die manuelle Druckerei für Gebetsbücher und hören den Mönchen bei ihren abendlichen Gebeten zu.

8.8.2018

Tag 10

Seit vier Wochen liegt der Mount Everest verborgen hinter den Wolken, so die Tibeter.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass wir den Bergriesen heute sehen werden.

Meine Mitreisenden sind sich nicht so sicher, da es die letzten Tage oft grau und verregnet war. Allerdings haben sie auch gemerkt, daß ich nicht der große Klosterfreund bin, dafür aber einiges über den Everest weiß und mit Enthusiasmus auf das heutige Ereignis verweise.

Die erste Passhöhe auf 5200m bietet eine atemberaubende Sicht auf die Kette der 8000er. Nur ein Berg versteckt sich hinter einer grauen Wolkenschicht. Wir warten. Die Wolken bewegen sich. Der tibetische Reiseleiter mahnt zum Aufbruch, wir wollen aber bleiben und die Wolken beobachten. Nur noch zwei Minuten. Oder drei. Und dann geschieht das grössere Wunder: die Wolken brechen auf; der Everest erscheint in seiner ganzen Schönheit. Wir stehen da und staunen.

Wir fahren weiter, dem Everest entgegen, der, inmitten der anderen Berge, wie ein Monument vor uns steht.

Im Basecamp stehe ich vor dem Berg, über den ich so viel gelesen habe.

Im Basecamp erinnere ich mich daran, dass mein erster Gedanke, der mir bei der Diagnose Krebs in den Sinn kam, war, daß ich nun nicht zum Everest gereist bin.

Im Basecamp schreibe ich eine Karte an meinen Lieblingsschriftsteller Thomas Glavinic und bedanke mich für sein Everest-Buch ‚das grössere Wunder‘. Denn genau das ist es, was heute passiert ist, es ist mein grösseres Wunder: ich stehe vorm Everest.

7.8.2018

Tag 9

Möchte jemand Zucker für den Tee? ruft unser Reiseleiter.

Willkommen in Absurdistan.

Es ist 8.30h, wir sitzen nicht am Frühstückstisch, wo diese Frage ganz normal gewesen wäre. Wir stehen in der Weite der Hochlandsteppe Changtang inmitten des Himalayas, unser Bus steckt im Fluss. Wir mussten den Bus verlassen, den Flußlauf zu Fuß überqueren und warten nun ab und trinken Tee, wortwörtlich. Unsere tibetischen Fahrer versuchen, im Fluss Steine aufzuschaufeln, um den Bus mit dem kleinen Laster, der unsere Koffer transportiert, rauszuziehen. Der Laster ist zu schwach und bleibt selbst stecken. Ein Jeep hält an, wendet und holt den Bauleiter und einen Bagger von einer Baustelle, die gerade unsere überflutete Sandpiste bearbeitet.

Nach zwei Stunden kann es weitergehen, wir rumpeln von einem Loch ins nächste und von einem überfluteten Streckenteil ins übernächste. Ab und an müssen wir aussteigen und laufen, damit der Bus leichter ist.

Wir freuen uns über jeden Abschnitt, auf dem es nicht regnet.

Mittags Picknick mit Toast, Marmelade, Eiern, Kartoffeln und Bananen, und endlich wird die Strecke nach Old Tingri (4330m) besser.

Wir entdecken Nomaden, die sich über unseren Besuch freuen und uns in ihre Zelte bitten: ein paar Decken auf dem sauberen Lehmboden dienen zum Schlafen, es gibt eine Feuerstelle und einen kleinen Altar, auf dem eine Kerze brennt.

Die Nomaden machen einen zufriedenen Eindruck, ihre schwarzen Haare und wettergegerbten Gesichter sind wunderschön. Wir winken uns noch lange zu, als wir wieder Richtung Bus marschieren.

Am Nachmittag bricht der Himmel auf: ein See, das Panorama der 150 7000er, und ganz hinten ein weiterer weisser Schimmer: das Massiv des Everest.

5.8.2018

Tag 7

150km sind es bis Sakya (4250m), unserem heutigen Etappenziel. Es hat die Nacht durchgeregnet, die Straßen sind teilweise überschwemmt und schlammig.

Der Reiseleiter verkündet, daß es keine festen Sitzplätze im Bus gibt und man mal tauschen möge. Kein Wunder, denn die Sitzplatzdebatte ging wieder los. Ich habe die letzen Tage am Notausgang gesessen, der hat mehr Beinfreiheit – und da der Sitz neben mir zum gucken schlecht ist, blieb er frei. Heute setzt sich A. zu mir. Sie ist Schulleiterin aus Hamburg, wir unterhalten uns über den Everest und die Bergsteiger.

Der Bus passiert den nächsten Pass mit 4520m und bleibt kurz vor Sakya im Schlamm stecken. Der LKW-Fahrer, der unsere Koffer transportiert und hinter uns herfährt, muß helfen.

Die Wolken sind zum Greifen nah, stellt meine Zimmergenossin fest. Kein Wunder, sage ich, Hamburg liege auf 6m über NN, heute sind wir auf 4500m über NN. Und wir werden den Wolken noch näher kommen.

In Sakya liegt der Hund begraben. Außerdem ist es das zweite Hotel in Folge, in dem es nur kaltes Wasser (in einem kalten Badezimmer) gibt. Immerhin fliesst es aus dem Hahn. Ich werde gleichmütig.

Natürlich gibt es in Sakya auch wieder ein riesiges Kloster zu besichtigen. Da es sonst nichts zu sehen gibt, besichtige ich mit.

Nachtrag:

Mach Dich duschbereit, ruft K. aus dem Bad, wir haben warmes Wasser! Ich reagiere sofort, wir machen einen fliegenden Wechsel, das Bad schwimmt, das Wasser ist heiß. Wir kochen uns noch einen Tee und stellen fest, dass wir hier die kleinen Dinge zu schätzen lernen.

4.8.2018

Tag 6

Auf nach Shigatse. Es ist kühl geworden, Regen fällt. Im Bus streiten sich drei Mitreisende um die Sitzplätze, ich bin verblüfft. Was für ein Kindergarten. Die beiden Damen geben nach und überlassen dem Herrn den geforderten Platz.

Wir halten in einem Dorf, eigentlich ist es nur ein schlammiger Weg mit einer Handvoll Bauernhöfen. Kühe gucken uns an, ein Hund bellt.

Die Bauersfrau empfängt uns mit ihrer Schwiegermutter und der fünfjährigen Enkeltochter, die eine schmutzige rosa Jacke und vier schwarze Zöpfe trägt, die ihr vom Kopf abstehen. Wir klettern über eine Leiter vom Kuhstall in die erste Etage, wo die Familie lebt. Ein bescheidener Schlafraum, eine Küche, ein Wohnzimmer, eine Toilette (sprich: ziegelsteingrosses Loch im Boden, kein Wasser, kein elektrisches Licht, ein Loch in der Wand dient als Fenster). Zwischen den Räumen liegt ein kleiner Hof ohne Dach, dafür mit Wasserpfützen auf dem verschlammten Boden. Trotz der Tatsache, dass die kleine Familie elf Kühe und zwei Pferde hat, mit denen sie das gepachtete Land bestellen, macht es einen armen Eindruck. Der Bauer ist im entfernten Lhasa, um zusätzlich Geld zu verdienen. Und es war eine Liebesheirat, sagt die Bäuerin und lächelt. Das ist ungewöhnlich, denn fast alle Ehen werden hier arrangiert. Es ist auch normal, dass ein Mann drei Frauen hat oder eine Frau drei Männer.

Überhaupt macht die Bäuerin einen glücklichen und in sich ruhenden Eindruck; sie offeriert uns Buttertee, das ist schwarzer Tee mit Yakbutter und Salz. Ich passe. Noch hält sich mein Magen sehr tapfer. Das möchte ich nicht ändern.

Weiter geht es zum nächsten Kloster in Shalu. Auch hier wieder hunderte von Buddhastatuen, Kerzen, Räume, Wandmalereien und ein Meer aus Farben.

Da für den Nachmittag ein weiteres Kloster samt Wanderung auf dem Plan stehen und ich mittlerweile klostermüde bin, bummel ich durch Shigatse und besuche einen riesigen Wochenmarkt. Für zwei Bananen möchte der Verkäufer 5 Yuan, ich schaue erstaunt, aber gebe ihm das Geld. Er legt noch zwei kleine Äpfel in den Beutel, anscheinend ist er zu gutmütig, um den einzigen ausländischen Marktbesucher über‘s Ohr zu hauen. Wir lachen uns an.

3.8.2018

Tag 5

Morgens machen wir uns auf den Weg zu einem Nonnenkloster. Die Luft ist angenehm warm, der Himmel blau, überall werden kleine Zelte für das Pferdefest aufgebaut, das am nächsten Wochenende stattfindet.

Im Kloster ist es ruhig und leer, hier treffen wir nur auf einige Betende. Die Farbintensität ist allerdings genauso gewaltig wie in all den anderen Tempeln und Klöstern. Die Gruppe beschliesst, eine (anstrengende) Wanderung zur Burg zu machen, ich lasse mich vom Fahrer zurück in die Stadt bringen, bummel in meinem Tempo herum, besuche einen kleinen quirligen Wochenmarkt, auf dem es Fleisch, Gebäck, Gemüse, Ketten und Socken zu kaufen gibt. Ich erstehe zwei Möhren und zwei Bananen zu vier Yuan und einige Münzen mit einem Loch in der Mitte.

Am Nachmittag besuche ich die Schafe, die hinter dem Hotel zwischen der aufgeleinten Bettwäsche grasen und lese in meinem mitgebrachten Buch in der wohl skurillsten Hotellobby der Welt.

Später werde ich mit meiner Zimmergenossin sowie A. und D. in die Altstadt und zum Abendessen gehen. Und meinen neuen Hut aufsetzen.

2.8.2018

Tag 4

Um 8.00h starten wir unsere Fahrt über die Hochpässe nach Gyantse. Wir überqueren die Pässe Kampa-La (4794m) und Karo-La (5039m) und fahren am heiligen See Yamdrok-Tso entlang. Ich habe auf 5000m gepinkelt, flüstert mir meine Zimmergenossin zu. Ich nicht. Ich wusste, daß die Badezimmer-Situation mich an meine Grenzen bringen wird. Allerdings nicht nur mich, was kein Wunder ist, wenn man nicht campingerprobt oder auf dem Bauernhof aufgewachsen ist. Soviel sei gesagt: ein Gang in die Natur ist um ein vielfaches angenehmer als die Nutzung der öffentlichen Toilettenhäuschen, die meist aus einem ziegelsteingrossen Loch im Boden bestehen und – ohne Sichtschutz – nebeneinander aufgereiht sind, über diese man sich hinhockt. Wasser, erst Recht fliessendes, gibt es nicht. Auch kein Toilettenpapier. Wer sich das noch mit einem beissenden Fäkaliengestank vorstellt, kann ungefähr ahnen, wie die Badezimmer-Situation unterwegs in Tibet ist.

Die Natur ist beeindruckend; die ersten weißen Gipfel tauchen auf, überall flattern Gebetsfähnchen, auf die unteren Felsen sind Himmelsleitern mit weißer Farbe gemalt, der Himmel ist blau. Unser tibetischer Guide packt die Sauerstoffflasche aus, auf 5000m geht es der Schweizerin nicht mehr gut. Überhaupt macht sich die dünne Luft bemerkbar, man schwankt, ist unkonzentriert, die Kopfschmerzen nehmen zu. Aber hey! Wir sind höher als alles, was es in Europa gibt; dort ist der Montblanc mit 4800m der höchste Punkt.

Abends treffen wir in Gyantse ein, wo wir zwei Nächte auf knapp 4000m bleiben werden.

1.8.2018

Tag 3

Die Gruppe wird heute hunderte Stufen zum Potalapalast erklimmen und zwei weitere Klöster auf einem Berg besichtigen. Da ich gestern schon Probleme mit den Stufen im Krankenhaus hatte und der Kopfschmerz nicht weichen will, entschließe ich mich zu einem eigenen Programm in meinem Tempo – und ohne Stufen. Ich schlendere nochmal zum Pilgerstrom und umrunde mit ihnen langsam den Jokhang-Tempel. Da meine Gruppe samt tibetischem Fernsehteam beim Potalapalast ist, bin ich der einzige nicht-Tibeter und nicht-Chinese und werde entsprechend neugierig angeschaut. Es ist kühl und nieselt, schon schnell habe ich die Orientierung verloren. Da hier ausschliesslich chinesische Schrifttafeln hängen und auch keiner englisch spricht, muß ich mich konzentrieren; es sieht alles bunt und unübersichtlich aus, ich pilgere langsam weiter. Endlich entdecke ich zwei Räucher-Öfen, am linken muß ich abbiegen, dann in die rechte Straße, dann nach links – ich bin erleichtert, als ich mein kleines Hotel sehe.

Ich trödele noch etwas weiter, schaue die Auslagen der Geschäfte an, erkundige mich nach den Preisen der Klangschalen und kaufe mir einen Hut.

31.7.2018

Tag 2

Nach dem Frühstück (es gibt sogar Bananen, Apfel, Haferflocken und Yoghurt) machen wir uns auf den Weg zum Barkhormarkt, wo es Gebetsmühlen, Klangschalen, Räucherwerk, Schals, Öl und Buttertee gibt – eben alles, was man als Pilger braucht. Wir umrunden mit ihnen den Jokhang-Tempel, das wichtigste Heiligtum in Lhasa. Im Tempel ist es heiss und stickig, es riecht nach Öl und dem Butterzeug, was die Pilger an den Buddha-Statuen spenden, und davon gibt es viele. Dicht gedrängt steigen wir die Stufen hinauf auf’s Dach und haben einen wunderschönen Blick auf die Umgebung. Wir besuchen zwei weitere Tempel, auch hier dominieren Gedrängel, intensive Gerüche, die sonoren Stimmen der Betenden, die riesigen Statuen und die intensiven Farben und bunten Holzverzierungen. Der dumpfe Klang der Trommeln, der die bösen Geister vertreiben soll, unterstreicht diese fremde Welt.

Nachmittags fahren wir ins Sera-Kloster; im Klosterhof setze ich mich auf den Boden und bin fasziniert von den Mönchen, die lautstark in kleinen Gruppen über Philosophie debattieren.

Im Krankenhaus verfolgen wir einen Vortrag über tibetische Medizin; die Menschen werden in kalte, warme und neutrale Typen eingeteilt, die Ernährung darauf abgestimmt. Yin und Yang müssen im Einklang sein, die Psyche und der Körper.

Abends bricht ein Sturm los: die Gebetsfähnchen vor den Fenstern flattern, ich schließe die Fenster, die im Wind aufgeklappt sind. Es beginnt zu regnen.

30.7.2018

Logbuch Tibet 2018

Prolog.

Wenn an Kosmetikartikeln nur ein Lippenstift im Gepäck ist und mein Make Up aus einem Lächeln bestehen wird.

Wenn der Kofferinhalt zum Eröffnen einer Apotheke in Lhasa reicht.

Wenn das Gepäck nach jedem Flug ein- und ausgecheckt werden muss.

Wenn ich trotzdem ruhig bleibe. Auch, als in Chengdu auffällt, dass man mich auf einen späteren Flug nach Lhasa gebucht hat als meine Gruppe und mein Flug auch noch Verspätung hat. Wenn die Gruppe in Lhasa am Flughafen auf mich warten muß, weil wir ein Tibet-Gruppenvisum haben.

Wenn ich beim Aussteigen bereits die 3600 Meter Höhe merke und unmittelbar der Kopfschmerz und Schwindel einsetzt.

Wenn meine Zimmergenossin Neurologin ist und noch interessantere (verschreibungspflichtige) Medikamente am Start hat. Wenn ich mich aber erstmal in Stufenlage auf’s Bett lege und hoffe, dass das Herz zu rasen aufhört.

Wenn das Hotelzimmer – wie überhaupt das Hotel – aus knallbunten Holzverzierungen und unendlich vielen kleinen Fenstern mit Blick auf Gebetsfähnchen, die Berge und weiteren goldenen Fenstern besteht und man gar nicht weiß, wohin man gucken soll. So muss das sein, wenn man Drogen nimmt.

Wenn ich Lhasa schon jetzt grandios finde.

23.7.2018

Zuhause.

Schnapsidee. Was für eine Schnapsidee, murmele ich mantramässig vor mich hin. Es sind über 30 Grad, und der Schweiß rinnt mir den Rücken herunter, während ich die dicken Handschuhe zur Mütze, dem Schal, der Skiunterwäsche, dem Winterpulli, der Regenhose und einem Kopfkissenbezug in den Koffer werfe.

Der Koffer ist schon gut gefüllt, allerdings nicht mit Kleidungsstücken, die auch noch irgendwie mit müssen. Diverse Varianten von Desinfektionsmitteln, Wasserreinigungstabs, Toilettenpapier, Landkarte, Blasenpflaster, Nüssen, Teebeuteln, Kohle-Compretten und Kopfschmerztabletten nehmen bereits eine Seite des Koffers ein. Und eine Trinkflasche in Bundeswehrgrün habe ich mir auch noch in letzter Minute zugelegt.

Andere fahren an die Cote D’Azur oder nach Ibiza und packen schöne Kleider und luftige Shirts ein, um abends an der Bar einen Cocktail zu trinken. Was ich gerade treibe, kann ich in diesem Moment selbst nicht so genau nachvollziehen.
Schnapsidee, murmele ich wieder. Wobei sich bei mir die fragwürdigen Ideen auch ohne Schnaps einstellen.

30.6.2018

Zuhause.

Es ist an der Zeit, sich mit meiner anstehenden Tibetreise zu beschäftigen.

Im Reiseführer heißt es zum Hotel in Shelkar: „Einfache 4-Bett-Zimmer, Plumpsklos und heißes Wasser aus der Thermoskanne, das man auch zum Waschen in eine Plastikschüssel umfüllen kann“.

Mein Hotel heißt so wie das, welches hier im Reiseführer beschrieben ist.

Ab jetzt werde ich beten, daß ich mich täusche.

Aber ab jetzt weiß ich auch, weshalb ich gegen Typhus & Co geimpft bin.

Weil das nächste große Abenteuer ansteht.

Life is now.

4.6.2018

Beim Hausarzt.

Das erste Mal seit Jahren habe ich top Cholesterinwerte. Normalerweise liegen die immer viel zu hoch; nur aufgrund der Tatsache, dass alle anderen Blutwerte gut sind, war das nie ein Problem. Wie ich das gemacht hätte, möchte mein Hausarzt wissen. Ernährungsumstellung, antworte ich stolz und berichte, was ich seit einem Jahr esse und was nicht mehr. Er ist begeistert. Dann könnten wir das Thema zu-hohe-Cholesterinwerte abhaken. Im Gegenzug nehmen wir das Thema Vitamin D-Mangel auf, aber das hätten sehr viele Menschen, und die Tabletten wurden mir schon von der Orthopädin verschrieben. Er korrigiert die Dosis.

Das Belastungs-EKG zeigt auf, dass mein Herz fit ist – gut für Tibet! – mein Puls und mein erhöhter Blutdruck würden allerdings zu schnell ansteigen. Ob ich keinen Sport machen würde? Keinen Sport machen? Was für ein Affront! Ich bin fast empört und stelle fest, dass ich 5-6 Mal die Woche trainiere; zwar nicht für Olympia, aber moderat.

Mir wird ein Blutdruckmessgerät verschrieben, ich solle einen Monat drei Mal täglich messen und dann mit der Auswertung wiederkommen. Oder – noch besser – mein Arzt springt auf – was ich von einer 24-stündigen Überwachung halten würde, das Gerät würde automatisch alle 30 Minuten messen. Davon halte ich gar nichts, antworte ich, da mir Lymphknoten entfernt wurden und das zu Ödemen führen könne. Dann der andere Arm, meint mein Arzt, er lässt nicht locker. Ich erinnere ihn daran, dass ich beidseitig Brustkrebs hatte, und somit kein gesunder Arm für diese Aktion zur Verfügung stünde. Das versteht er, auch wenn ich das Gefühl habe, dass er das Drama Brustkrebs nur allzugern verdrängt. Schon vor 14 Tagen musste ich ihn darauf hinweisen, dass ich in der Tat regelmässig Medikamente einnehme, was eigentlich auch keine Neuigkeit für ihn sein dürfte. Aber es beruhigt ihn, dass ich regelmässig ins Krankenhaus zur Nachsorge gehe, in zwei Wochen ist der nächste Termin. Mich beruhigt das auch, da ich manchmal unsicher bin, auch wenn mein Verstand sagt, dass nichts sein dürfte.

Wir unterhalten uns noch etwas über gesunde Ernährung, dann wünscht er mir enthusiastisch eine gute Reise, ich gebe es auf zu sagen, dass wir uns wohl vorher nochmal sehen werden (Blutdruckaktionsmonat), aber heute war ein turbulenter Tag in der Praxis, das hat schon die medizinische Assistenz verlauten lassen.

In der Apotheke nebenan gebe ich mein Rezept ab; nach den T-Impfungen für Tibet (Tetanus-Typhus-Tollwut) kann das Projekt „vier Wochen Blutdruck-Überwachung“ demnächst starten.