07.02.2021

Es wird Zeit.

Und dann stelle ich mir vor, dass der Vorhang eine Zeltwand ist, durch die die Kälte kriecht. Ich komme unter der Decke hervor, richte mich auf und schaue durch den Spalt nach draussen in den Sturm. Ich möchte in eine schwarze Nacht blicken, in einen weiten Sternenhimmel, vor dem sich die Spitze des Berges abhebt, umgeben von Schnee und Eis und meinem gefrorenen Atem.

In der Nacht bleibe ich wach und recherchiere, so viele Bilder und Videos haben meine Träume geweckt, schieben Bedenken (und bereits gemachte Grenzerfahrungen) in den Hintergrund, ich sehe mich von Lukla im Helikopter starten, unter uns liegt der Khumbu-Gletscher, und dann setzt der Heli sanft im Basecamp – southface – des Everest auf.

Es wird Zeit, dass mein Leben wieder beginnt.

Mount Everest – north face –

28.12.2018

Rückblick. Ausblick.

Rückblick.
Wien – Sylt – Travemünde – Zypern – Amsterdam – Myanmar – Travemünde – Sylt – Tibet – Sylt – Travemünde- Zürich – Sylt – Travemünde

14 Reisen in 12 Monaten. Davon 6 Auslandsreisen. Da bin ich jetzt auch etwas baff, als ich meinen Kalender durchblättere.

Montag: Taiji – Dienstag: Meditation (Winter) / Taiji (Sommer)  – Mittwoch: Herzsport – Donnerstag: Geräteraum – Freitag: Schwimmen – Sonntag: Schwimmen/Spaziergehen

6 Tage die Woche Sport und Achtsamkeit, 52 Wochen lang, nach der Arbeit. Es hat Spaß gebracht.

Highlights 2018
Ich stand auf 5200 Metern im Basecamp (Northface) des Mount Everest. Meine Nr. 1 auf der Bucket List. ✔️
Mein erster Gedanke, als ich die Krebsdiagnose hatte, war, dass ich nicht zum Everest gereist bin. Und es jetzt nicht mehr tun kann. Weil es ‚das‘ nun gewesen ist. Ein (wenn nicht sogar DER) mentaler Tiefpunkt im Drama.
Umso wichtiger für mich, genau dieses Abenteuer jetzt angegangen zu sein. Um – was auch immer noch kommen mag – nie wieder den Gedanken haben zu müssen, es nicht gemacht zu haben.
Ein emotionaler Moment, als die Wolken, die über Wochen den Everest verdeckt haben, sich beiseite schoben, am 8. August. Am Tag, an dem er unser Tagesziel war. In dem Moment, als wir vor ihm standen.

Mein Taiji-Lehrer, der mich im Sommer die 19-er Form vorlaufen ließ, um mir dann offiziell zu bestätigen, dass ich sie jetzt laufen kann. Auch das war ein Punkt auf meiner Bucket List. ✔️
Viele wunderbare Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses mit meinem Lehrer und den Mitschülern.

Dreimal durfte ich dieses Jahr meine Lieblingsband Too Many Zooz live erleben: Amsterdam, Hamburg, Zürich. Jedesmal in der ersten Reihe, jedesmal aufgeregt und glücklich, tanzend und verschwitzt. Ein Foto mit der Band. ❤️ Noch ein ✔️ auf der Bucket List.

Viele schöne Momente im öffentlichen Bad, draußen beim Schwimmen. Den Dunst sehen, der vom Wasser aufsteigt. Das Glitzern der Wasseroberfläche. Die Sonne, die mich zwinkern lässt. Die Bäume, bunt gefärbt. Die klare Luft im Winter. Die Gespräche mit meiner 80-jährigen Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe.

Herzerwärmende Momente bei den Herzis. B., die in die Hände klatscht und sich so freut, als ich auf ihren Vorschlag eingehe, einen Vortrag über Tibet zu halten und meine Fotos zu zeigen. Weil Herzis da nicht hinfahren können. H., mit der ich statt in der muffigen Halle in Gedanken im Himalaya unterwegs bin. Dr. A., die immer fröhlich und ansprechbar ist, nicht nur bei Herzproblemen.

Die Wellen und der Wind in Westerland. Die friedliche Stimmung auf der Hafenmole in Travemünde. Der blinkende Leuchtturm. Enlightenment Day of Buddha, zelebriert bei der Shwedagon Pagode in Yangon. Und ich mittendrin in den myanmarischen Festivitäten.

Das Entdecken neuer Lieblingszeitschriften (ein Gesundheitsmagazin und ein Magazin über Psychologie), die ich mir als Reiselektüre im Buchladen auf dem Bahnhof oder am Flughafen kaufe.

Der Gedankenaustausch bei der Meditation mit meinem Lehrer und den Mitschülern. Besonders mit C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte. Die vielen Äpfel und Birnen aus C.’s Garten und das selbstgemachte Reneklodengelee, welches sie mir mitbringt.

Viele Theater- und Konzertbesuche und Stunden mit Freunden und Familie.

Meine erste Buchveröffentlichung im Dezember! Eine sechsseitige Reisereportage (Auftragsarbeit, nicht zu verwechseln mit dem Logbuch) über die Antarktis wurde in einem Reiseführer veröffentlicht. Darauf bin ich stolz.

Dank der Radiojodtherapie Ende November kann ich viel besser atmen und schlucken und schlafen. Die ersten Blutwerte zeigen, dass die Schilddrüse trotz der heimtückischen radioaktiven Attacke tapfer weiterarbeitet und nicht bockig mit einer Unterfunktion kontert.

Mich neben mich zu setzen und zu fragen: wie geht es Dir? Das tue ich häufig. Ich achte auf mich selbst.

Die Erkenntnis, dass es darum geht, sich selbst zu lieben. (klingt egozentrisch und pathetisch, aber ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist lebenswichtig).

Nicht-Highlights 2018
Momente der Angst, wenn mir irgendetwas wehtut, was ich nicht einordnen kann. Rippenschmerzen. Schulterschmerzen. Geschwollener Lymphknoten. Der falsch gelesene Arztbericht der vorstationären Untersuchung der Schilddrüse des großen Krankenhauses. Worte wie Malignität, Thyroid Cancer Guidelines und abklärungsbedürftig lassen meinen Verstand kurzzeitig aussetzen. Die Angst hat einen realen Hintergrund. Deshalb ist sie ok. Und es ist ok, achtsam zu sein. Und – sobald der Verstand wieder durchblitzt – diesen zu nutzen und lösungsorientiert vorzugehen. Das läuft eigentlich ganz gut. Und es sind sehr wenige Momente, in denen ich mich ängstige.

Stress bei der Arbeit. Lösungsvorschläge habe ich bereits erarbeitet. Es liegt ausschliesslich an mir, welchen Weg ich nun einschlagen werde. Wie allerdings schon die Psychologin im Juli 2017 im Sanatorium treffend feststellte – ich bin niemand, der mit einem Sachbearbeiterjob glücklich sein würde. Mein ungebrochener Enthusiasmus und Ehrgeiz machen dem einen Strich durch die Rechnung. Das wird noch interessant in 2019.

Ausblicke und Ziele 2019.
Ich werde am 25. März nachts unter dem Sternenhimmel am See Genezareth stehen.
Und im toten Meer baden.
Im Zodiac um Eisschollen herummanövrieren, während über mir die Nordlichter, die Aurora Borealis, tanzen, irgendwo in Grönland, irgendwo im Schnee.
Ich werde Too Many Zooz auf einem Konzert ihrer Europatournee 2019 zujubeln, in einer Stadt, in der ich noch nicht gewesen bin.
Zu einer britischen Hochzeit nach Cheshire werde ich fahren. Mit Hut.
Viele schöne Stunden mit Taiji und Mediation und beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades werde ich erleben. Das steht fest, genauso wie mein Sportprogramm.
Treffen und Lachen mit Freunden und Familie.
Die Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses ehrenamtlich unterstützen.
Neue Ziele ausmachen.
Vielleicht doch Trekking zum Basecamp (Nepal/Southface) mit George Hillary (dem Enkel von Sir Edmund Hillary) auf die Bucket List setzen. George Hillary hat ein Everest-post von mir auf Instagram gelikt, ich bin begeistert! (note to myself: auch dort wird es keine sanitären Anlagen geben – und Du hast in Tibet wirklich darunter gelitten! Und wer beim Stiefmütterchenpflanzen schon Rückenprobleme bekommt, der wird nicht tagelang mit Rucksack durchs Gebirge klettern können! tbd with myself)

Gesund bleiben.

Ich freue mich auf 2019.

8.8.2018

Tag 10

Seit vier Wochen liegt der Mount Everest verborgen hinter den Wolken, so die Tibeter.

Trotzdem bin ich mir sicher, dass wir den Bergriesen heute sehen werden.

Meine Mitreisenden sind sich nicht so sicher, da es die letzten Tage oft grau und verregnet war. Allerdings haben sie auch gemerkt, daß ich nicht der große Klosterfreund bin, dafür aber einiges über den Everest weiß und mit Enthusiasmus auf das heutige Ereignis verweise.

Die erste Passhöhe auf 5200m bietet eine atemberaubende Sicht auf die Kette der 8000er. Nur ein Berg versteckt sich hinter einer grauen Wolkenschicht. Wir warten. Die Wolken bewegen sich. Der tibetische Reiseleiter mahnt zum Aufbruch, wir wollen aber bleiben und die Wolken beobachten. Nur noch zwei Minuten. Oder drei. Und dann geschieht das grössere Wunder: die Wolken brechen auf; der Everest erscheint in seiner ganzen Schönheit. Wir stehen da und staunen.

Wir fahren weiter, dem Everest entgegen, der, inmitten der anderen Berge, wie ein Monument vor uns steht.

Im Basecamp stehe ich vor dem Berg, über den ich so viel gelesen habe.

Im Basecamp erinnere ich mich daran, dass mein erster Gedanke, der mir bei der Diagnose Krebs in den Sinn kam, war, daß ich nun nicht zum Everest gereist bin.

Im Basecamp schreibe ich eine Karte an meinen Lieblingsschriftsteller Thomas Glavinic und bedanke mich für sein Everest-Buch ‚das grössere Wunder‘. Denn genau das ist es, was heute passiert ist, es ist mein grösseres Wunder: ich stehe vorm Everest.

28.7.2018

Unterwegs.

Life is now. Live your dreams. Das klingt genauso kitschig – aber auch genauso gewaltig – wie mein Wunsch, einmal ins Ewige Eis zu reisen. Oder vorm Mount Everest zu stehen. Dort, wo die Bergsteiger sich auf den Weg zur Spitze aufmachen.

Die Drakepassage im Sturm habe ich im letzten Jahr durchquert, um an das Ende der Welt zu gelangen und den siebten Kontinent zu betreten. Nun werde ich ins Himalaya reisen. Und im Basecamp auf 5150 Metern Höhe zum höchsten Berg der Welt aufsehen.

Ich bin dem Drama vom letzten Jahr dankbar, das mir gezeigt hat, dass mein Leben endlich ist. Wer weiß, ob ich sonst jemals meine Träume hätte Wirklichkeit werden lassen.

08.11.2017

Unterwegs.
Beim Herzsport berühre ich H. sachte am Arm und stelle ihr die Frage, die mich seit zwei Wochen beschäftigt: Sag mal, warst Du auch am Mount Everest? 

H., die wieder ihr blaues T-Shirt mit der Gebirgssilhuette und dem 50+ Aufdruck trägt und  um die 80 Jahre alt sein muss, strahlt mich an. 1972, 1973 und 1983, antwortet sie. Trekking, mit Zelt. Southface, Nepal. Sie war im Alpenverein. Und am Annapurna, fügt sie hinzu.

Vor meinem inneren Auge startet ein schwarz-weiss-Film, ich sehe die kleine Dame, leicht vorne übergebeugt und mit Rucksack durch unwegsames Gebiet wandern. Ich bin schwer beeindruckt, H. freut sich über mein Interesse und erzählt von ihren Abenteuern.

Ob sie uns auf einen Kaffee einladen soll, tönt es von der Seite, die Trainerin hat uns auf dem Kieker. Entschuldigung, sage ich. Wir sprechen über den Mount Everest, sagt H. Die Trainerin winkt ab. 

Und H. und ich sind kurzzeitig der muffigen Turnhalle und dem Behindertensport entflohen und geniessen den Ausflug zum Himalaya. 

Mein Ziel für 2018.