20.7.1018

Zuhause.

Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. – Chinesische Weisheit

Diese Worte habe ich gerade irgendwo gelesen. Sie sind hängengeblieben und beschäftigen mich. Fand ich diese Weisheit erst 100% richtig, stimme ich nach einiger Überlegung nur noch zur Hälfte zu.

Wenn ich abends auf dem Dach Taijiquan übe, bin ich ganz bei mir. Ich bin aufmerksam und konzentriert aber gleichzeitig auch entspannt und gelassen. Ich stehe fest auf dem Boden und lasse gleichzeitig alle Gedanken los. Ich laufe die Form, spüre, dass die Abläufe immer flüssiger werden und – das mag jetzt vielleicht auch wishful thinking sein – der Weg von der äußeren zur inneren Form bereitet wird.

Ich spüre das Leben und mich selbst, hier allein auf dem Dach, nur die Möwen und der Himmel über mir.

Und trotzdem geht es auch darum – und da möchte ich der Weisheit widersprechen – dem Leben mehr Tage zu geben. Mehr Tage sind notwendig, gewollt und gewünscht, um noch all das zu machen, was ich machen möchte. Es geht um beides: den Tagen mehr Leben zu geben und dem Leben mehr Tage.

Und eigentlich sind es nicht nur mehr Tage, die notwendig sind, sondern sogar zusätzliche Leben, denn Großmeister Chen Xiaowang schreibt in ‚Die 5 Level des Taijiquan‘: Die Schönheit und die Wirksamkeit des Taijiquan in seiner gesamten Bandbreite kann niemals innerhalb eines Lebens erreicht werden.

Es bleibt spannend, das Leben.

10.10.2017

Unterwegs.

Die Yoga-Leute, die nach uns den Raum haben, hätten den Vorschlag gemacht, ein Mal leise an die Tür zu klopfen, damit wir wüssten, dass sie da seien, erklärt unser Meditationslehrer, der übrigens auch unser Taijilehrer ist.
G. und ich müssen lachen. Die Yogatruppe besteht aus circa 15 Leuten, die laut trampelnd die Treppe des Altbaus hochpoltert, um sich dann vor unserer Tür zu unterhalten. Die Befürchtung, sie nicht wahrzunehmen, teilen wir nicht.
Heute ist Sitzmeditation im Yogaraum des Psychologen-Hauses in der Schanze. Vom Raum, der im zweiten Stock liegt, guckt man in den verwunschenen Garten, in dem wir in der Sommersaison Taiji praktizieren.
Der Yogaraum strahlt Ruhe und Wärme aus; die Wände sind hellgelb gestrichen, der Teppich orangefarben, die hohen Decken sind mit Stuck verziert, das Licht ist gedimmt. Wir sitzen auf Schafsfellen und Meditationskissen und haben uns in rote Wolldecken eingehüllt. Nach den Dehnübungen schweigen wir, nur unterbrochen von den Worten unseres Lehrers, der uns in die Stille der Meditation führt.
Heute sind wir nur zu zweit, die russische Künstlerin G., die ich ob ihres Akzentes als Belgierin ausgemacht hatte und ich. G. ist sehr sympathisch; quirlig, lustig, aufgeschlossen. Schon gestern beim Taiji haben wir uns über Klamotten ausgetauscht, während die Schwerter unserer Mitschüler herumgereicht wurden.
Wir könnten doch mal zusammen shoppen gehen, schlägt G. mir heute vor. Ich willige fröhlich ein. Und beende den heutigen Tag mit 6.500 Schritten.

02.09.2017

Unterwegs.

Spontanentschluss: dieses Wochenende geht es nach Sylt. Kuchen in Kampen oder Sekt in der Sansibar, das entscheide ich spontan.

Mit diesem Ausflug belohne ich mich, habe ich doch am Freitag meine knapp fünf Wochen dauernde stufenweise Wiedereingliederung ins Berufsleben erfolgreich beendet.

14.03.2017

Unterwegs.

Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
Kurt Tucholsky

Tatsächlich stelle ich eine neue Gelassenheit an mir fest:  ich fange an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich halte inne und freue mich über Dinge, die vorher zwar auch schon da waren, die ich aber nicht so intensiv wahrgenommen habe: die Kindergartengruppe in den gelben Warnwesten, die lachend und aufgeregt vor der Elbphilharmonie herumläuft, die frische Brise an der Elbe, die nach Salz und Meer riecht, das neue Auto eines Freundes, dessen Armaturenbrett, Steuer und Sitze aus feinem hellen Leder ich andächtig berühre – ich höre gar nicht wieder auf zu loben – dabei habe ich mir nie etwas aus Autos gemacht.