21.10.2017

Zuhause.

Liebe C.,
das war ein superschönes Abendessen mit Euch.
Ich genieße es, mit Euch zusammen zu sein, Eure Geschichten und insgesamt den Austausch. Wie Du sagtest, die schönste Selbsthilfegruppe, eine bessere könnte es nicht für mich geben. Außerdem seid Ihr ja meine Schwestern im Herzen.
Danke. S.

Monatliches Treffen mit meinen beiden Brustkrebs-Mitstreiterinnen S. und U., die ich im Sanatorium kennen gelernt habe. Eine ganz besondere Freundschaft, die mich so sehr freut.

15.10.2017

Zuhause.

Meine Freundin M. bittet mich, „das Taschentuch aufheben“ zu demonstrieren. So heisst die Form natürlich nicht, es gibt keine konkrete Bezeichnung für den Taiji-Teil, der an „die schräge Stellung einnehmen“ anknüpft. Aber es sieht aus, als wolle man mit der linken Hand ein imaginäres Taschentuch vom Boden aufheben.

Demonstration zwischen Kaffeetassen und Doppel-Dinkelkeksen, M. scheint zufrieden.

16.09.2017

Unterwegs.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt freundschaftliche Regungen in mir verspürt habe, und jetzt hatte ich das Gefühl gleich zweimal in den letzten vierundzwanzig Stunden. Vielleicht ist dieser Tag doch nicht so furchtbar, wie ich dachte.
Forrest Leo, Der Gentleman

Es ist Freitag, ich räume meinen Schreibtisch auf, ziehe meine Jacke an und nehme die Tasche, werfe nochmal einen Blick zurück in mein Büro, in dem noch immer das Welcome Back-Schild auf dem Tisch steht. Unverhofft trifft mich ein wehmütiges Gefühl und die Frage, wann ich wohl wieder zurück komme. In einer Woche, antworte ich mir. Bestimmt.

Nächste Woche habe ich frei genommen, Urlaub habe ich noch genügend. Und zwei Termine, die meine Gedanken einnehmen. Am Dienstag bin ich beim Radiologen im Krankenhaus zum Ultraschall – und ich habe Knoten. Am Mittwoch bin ich beim Radiologen in der Innenstadt zum MRT meines linken Knies – wegen der Schmerzen. Aber eigentlich wegen der Angst. Doch auch dem Orthopäden ist es zu heikel, es mit einem Abtasten des Knies gut sein zu lassen, bei meinen Vorbefunden sei ihm ein MRT sicherer.

Abends fahre ich mit U. zu S.. Ich freue mich sehr, meine beiden Mitstreiterinnen aus dem Sanatorium wiederzusehen, bei unserem monatlichen Treffen zum Austausch und Follow Up. Wie ist es den anderen in der Zwischenzeit ergangen? Halten wir Kurs, setzen wir das, was wir uns nach unseren Dramen vorgenommen haben, um? U. berichtet, dass sie nächste Woche mit Qigong anfängt und gerade eine friedliche Phase bei der Arbeit hat. S. macht jetzt Yoga und Entspannungsübungen und ist auf dem Weg zu sich Selbst. Ausserdem achtet sie sehr auf gesunde Ernährung, was sich im kredenzten Abendbrot widerspiegelt. U. und ich sind begeistert. Ich erzähle den Mädels von den Herzis, meiner reduzierten Arbeitszeit und meinen anstehenden Arztterminen. S. und U. machen mir Mut. Es ist ein wunderschöner Abend, wir lachen, wir reden ohne Unterbrechung, es ist genauso harmonisch wie damals im Sanatorium. Wir freuen uns, dass wir uns kennen gelernt haben.

Später schreibt mir S., dass es ihr gut tue, mit uns zu reden: Irgendwie seid Ihr auch wie Schwestern, die aufpassen, dass alles gut läuft, wohlwollend, aber kritisch, nicht mit Eurer Meinung hinterm Berg haltend.

Für Oktober ist das nächste Treffen mit meinen neuen Schwestern geplant.

#Krebs

17.08.2017

Zuhause.

Seine Frau, so erzählte man sich, hatte den Männern Kaffee und Kuchen gereicht. Und wir alle wollten wissen: Was für Kuchen? Erdbeere? Rhabarber? Zitronenbaisertorte? 
Julie Otsuka „Wovon wir träumen“

S. ist als erste da, wir stehen zusammen an meinem Küchenfenster und freuen uns, als wir U., wie immer mit federndem, aufrechten Gang und wippendem Zopf, den Platz überqueren sehen. Es ist das erste Treffen nach unserer gemeinsamen Zeit im Sanatorium. Da ich täglich im Sanatorium über die ungesunde Ernährung geschimpft habe, habe ich mich besonders bemüht, politisch korrekte Snacks aufzufahren. Die Mädels registrieren das und sind begeistert. Auch S. hat zwischenzeitlich auf gesunde Ernährung umgestellt und versucht, Zucker zu vermeiden.

Wir freuen uns sehr, uns wiederzusehen. U. hat eine DVD mit Qigong-Übungen dabei, die sie gerade von ihrer Krankenkasse geschenkt bekommen hat. S. hat sich zu einem Yoga-Kurs angemeldet, ich habe bereits die Kostenübernahme für mein Rezept über 50 Stunden Aqua-Fit oder Gymnastik von der Krankenkasse genehmigt bekommen. Und wir alle sind bereits wieder beruflich im Einsatz. Läuft bei uns.

Es ist genauso wie im Sanatorium, wir reden unaufhörlich, lachen, fragen, tauschen uns aus, verabreden uns für das nächste Treffen bei U., wenn S. aus ihrem Urlaub zurück ist.  Und dann guckt uns S. ganz intensiv an, hebt ihr Glas und sagt: Wir schaffen das. Ich bin da ganz sicher.

26.03.2017

Zuhause.

„Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute Drachen steigen lassen möchte“, erklärte ich. „Aber es ist doch ein wunderschöner Tag“, entgegnete Hassan. Ich trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Versuchte, meinen Blick von unserem Dach abzuwenden. „Ich weiß nicht so recht. Vielleicht sollten wir besser nach Hause gehen.“ Er trat auf mich zu und sagte mit leiser Stimme etwas, das mir ein wenig Angst einjagte: „Vergiss nicht, Amir Aga. Es gibt kein Ungeheuer, bloß einen wunderschönen Tag.“
Khaled Hosseini, Drachenläufer

Freunde sind wie Anker und halten mich da, wo ich hingehöre. Am Sonntag stoßen wir wieder auf das Leben an, am Montag werden wir nach dem Krankenhausbesuch mit Softeis an der Elbe sitzen und  auf die glitzernde Oberfläche schauen, die sich teilt, als ein Containerschiff in den Hafen geschleppt wird.

 

19.03.2017


Unterwegs.

Und nun breitete der Mann des weißen Blattes seine Flügel aus, um all dem entgegenzufliegen, gehalten im Wind, der ihm jetzt alle Antworten gab, die er immer herbeigesehnt hatte, denn er war der Einzige, der begriffen hatte, was kein anderer begriff. Eine Feder war zum Fliegen da.
Giorgio Faletti, Die kleine Feder

Wir wollen auf das Leben anstoßen, ruft meine Freundin und bringt zwei Sektgläser von der Theke mit. Draußen giesst es in Strömen, aber auch das finde ich jetzt schön, genauso wie diesen Nachmittag, und Wasser ist Leben. Und Sekt trinken auch.

Nachts wache ich auf und habe Angst, dass das alles zu langsam geht und der Krebs sich seinen Weg sucht.  Ich fange an, den Koffer für das Krankenhaus zu packen.