19.12.2017

Im Krankenhaus.

Wie es mir ginge?
Gut.

Was seit unserem letzten Brustkrebs-Nachsorgetermin passiert sei?
Mammografie, Sonographie  beim Radiologen (ohne Befund), Darmspiegelung (ohne Befund), Knie-MRT (nix Schlimmes), Augenarzttermine (ohne Befund). Projekt Schilddrüse auf’s nächste Jahr verschoben.

Wie ich das Tamoxifen vertrage?
Gut. Die Hitzewallungen nehme ich als positives Zeichen, dass die Tabletten wirken.

Ob ich abgenommen hätte?
Nein. Ich halte mein Gewicht. Gesunde Ernährung, viel Sport.

Wieviel Sport?
Fünf- bis sechsmal die Woche.

Nun schaut meine Ärztin auf.
Ob ich ‚vorher‘ auch soviel Sport gemacht hätte?
Nein. Ich habe regelmässig Sport gemacht, aber nicht so viel.

Was ich denn genau mache?
Ich zähle auf: Montag Taiji – Dienstag Dehnübungen und Meditation – Mittwoch Herzsport – Donnerstag Geräteraum – Freitag Schwimmen – Sonntag Schwimmen. Positive Reaktion.

Der heutige ausführliche Check ergibt: alles ist gut.

Jetzt frage ich. Kann ich in höher gelegene Gebiete fahren? Wegen der reduzierten Anzahl an Lymphknoten?
Kein Problem, antwortet sie.

Wir machen für Ende März einen Doppel-Nachsorgetermin ab: Erst zum Radiologen und eine Stunde später bei ihr.

Dann gehe ich schwimmen. Und überlege, wie ich den Mount Everest, das Ziel ist das Basecamp (Northface), angehe.

1.12.2017

Antarktis. Tag 7

Um 8.00h sitzen wir im Zodiac und steuern die Brown Station an. Etwas fehlt: kein Wind, keine Wellen. Die Station ist unbewohnt, um uns herum sind riesige Gletscher, die kalben. Es klingt wie dumpfes Donnergrollen, sonst ist es still.

Ein paar Chinesen kugeln im Schnee einen Hang hinunter, ungeachtet der Tatsache, dass wir den schmalen Pfad aufgrund der Gefahr, die unter dem Schnee lauert, nicht verlassen dürfen. Als ich aus Versehen einen halben Meter neben dem Weg gehe, rufen und winken sie mir zu, um mich zu warnen. Mein Leben scheint ihnen wichtiger zu sein als das ihrer Landsleute. Auf der Fahrt zurück zum Schiff beobachten wir Kormorane.

Die Kabinentüren auf Deck 3 stehen offen, schräg gegenüber ist die chinesische Wäscherei wieder in Betrieb.

Hausbootfeeling.

Ich gehe in die Club Lounge und treffe meine California Girls. Ich liebe unsere Konversationen, wir haben viele Gemeinsamkeiten und Spass miteinander. Stelle fest, dass mein Dresscode bei Jogginghose und Ski-Unterhemd gelandet ist. Fühle mich wie zuhause.

C. deutet auf die Chinesen, die gerade einen Reiskocher aufbauen. Auch sie scheinen sich wie zuhause zu fühlen.

Die Durchquerung des Lemoire Channels verbringe ich wieder auf der Brücke. Schneesturm (mal wieder), im Grau um uns herum mache ich riesige Berge und Gletscher aus. Ein Wal taucht kurz auf und verschwindet wieder in den Tiefen des Meeres.

Die Ankunftszeit für Port Lockroy verzögert sich: vor uns Eisberge, die den Weg versperren. Das Eis schmiegt sich immer dichter an die Sea Spirit. Port Lockroy ist eine ehemalige Basis der Briten, die heute ein kleines Museum ist. Unsere Postkarten stecken wir dort in den Briefkasten und sind gespannt, ob und wann die Karten ankommen. God save the Queen – and our mail.

Auf dem Weg zurück zum Zodiac fängt es wieder an zu schneien, das Szenario hat etwas weihnachtliches.

Beim Abendessen landen die California Girls beim Thema Brustkrebs. Ich oute mich. Und bin angetan, wie sachlich – aber auch gefühlvoll – wir darüber sprechen. Und dann zum nächsten Thema übergehen. Ich vergesse den Krebs nicht, räume ihm aber kaum mehr Platz ein wie die tägliche Einnahme der Tamoxifen-Tablette dauert. Viel Sport und gesunde Ernährung sind feste Bestandteile meines Lebens, genauso wie die regelmässigen Nachsorgetermine. Ich habe meinen Frieden gefunden.

19.11.2017

Reisevorbereitung.

Ich stehe im Wohnzimmer, um mich herum ein großer Koffer, ein Koffer fürs Handgepäck, eine Handtasche, eine Kamera und ein Rucksack. Dazwischen und darin ein Haufen Klamotten und Utensilien, die ich für meine Reise benötige. Die Hälfte der Ausrüstung hängt allerdings noch feucht auf der Wäscheleine. Schon jetzt wird klar, dass das Packen eine Herausforderung wird. Ich wühle nochmal durch den großen Koffer, da ich der Meinung bin, dass der Adapter schon im undefinierbaren Haufen deponiert sein  müsste. Ich habe ihn vor Augen, wie er im Koffer liegt. Oder hab ich ihn in Koffer-Erinnerung vom letzten Wochenende, wo ich ihn mit nach Edinburgh genommen habe? Im Schränkchen, wo er sonst ist, ist er jedenfalls nicht.

Ich werfe meine Medikamente auf den Haufen „Handgepäck“, sicher ist sicher. Der Adapter taucht nicht auf, da kann ich rumkramen wie ich will. Auf den Handgepäckstapel – und zusätzlich in den großen Koffer – kommen noch Walnüsse und Studentenfutter. Ich esse nachts gern eine Kleinigkeit.

Da mein Doutzen Kroes I – Bikini etwas aus der Form geht und die Hose von Doutzen Kroes II arg ausgeleiert ist (das habe ich heute wieder im schicken Spa festgestellt), habe ich nachgeordert und hoffe, dass die neuen Doutzen’s noch vor Abreise geliefert werden.

Mit dem Packen komme ich nicht so recht vorwärts: ich hole meine Wanderstiefel aus dem Schrank und teste diese mit den extrem dicken Antarktis-Socken. Wenn ich die Tennissocken weglassen würde, würde ich auch hineinpassen, denke ich. Ich setze nochmal die neuen Mützen auf, ziehe die Handschuhe und die Skihose an und fühle mich sehr abenteuerlich.

Dann entdecke ich – neben den ganzen Richtlinien für Verhaltensmaßnahmen – noch die FAQ’s fürs Campen.

Ist Antarctica Camping das Richtige für mich?
Antarctica Camping ist die richtige Wahl für alle, die bereit sind, den Elementen einer kalten Polarnacht
zu trotzen.
Bin bereit.

Die Teilnehmer müssen in guter gesundheitlicher Verfassung und auch relativ mobil sein, um sich nicht unnötigen Risiken auszusetzen.
Ich ignoriere, dass ich offiziell schwerbehindert bin. Ich fühle mich gesund und munter und baue auf das Wort „relativ“.

Natürlich müssen Sie Ihre Abenteuerlust mitbringen – so werden Sie ganz bestimmt eine unvergessliche Polarnacht erleben (wenn auch vielleicht nicht allzu viele komfortable Schlafstunden). Sogar routinierte Camper finden, dass Zelten auf Eis und Schnee etwas Gewöhnung und Zeit bedarf, bevor man eine halbwegs komfortable Schlafposition findet. Abenteuerlustig: ✔️. Da ich ab und an statt im Bett auf dem Parkettfußboden nächtige, erwarte ich keine Probleme.

Sicherheit ist unsere oberste Priorität. Sie sollten sich jedoch bewusst sein, dass Antarctica Camping in einer gewissen Entfernung vom Schiff, in einer der entlegensten und unwirtlichsten Gegenden der Welt durchgeführt wird! Daher kann natürlich ein gewisses Risiko nicht ausgeschlossen werden. Note to myself: es gibt keine Eisbären. An meiner Schlafstelle wird eine kleine rote Flagge stehen, falls ich einschneien sollte. Für Antarctica Camping sind eine gute Kondition und Ausdauer unbedingt erforderlich. Spätestens jetzt weiss ich, weshalb ich sechs Mal wöchentlich Sport mache.

Natürlich müssen Sie dazu noch die zusätzliche Herausforderung von Schnee, Eis und Minustemperaturen addieren! Sollten Sie schon seit langer Zeit nicht mehr gezeltet haben und auch nicht regelmäßig einer aktiven Betätigung im Freien nachgehen, empfehlen wir Ihnen, Ihren Hausarzt zu konsultieren.Vorgestern bin ich bei 6 Grad Aussentemperatur wieder im Freien geschwommen. Wie jeden Freitag. Und den Vermerk mit dem Hausarzt ignoriere ich geflissentlich. Antarctica Camping beginnt nach dem Abendessen, welches Sie noch an Bord einnehmen, und endet mit dem Abholen frühmorgens. Eine Rückfahrt zum Schiff während der Nacht ist nur im Notfall möglich! Planen Sie daher, die gesamte Dauer der Aktivität in der Camping-Gruppe im Freien zu verbringen. Bitte beachten Sie außerdem, dass sich die geplante morgendliche Abholzeit aufgrund von unvorhergesehenen Wetter- und/oder Eisverhältnissen verzögern kann und sich somit die Dauer des Camping-Aufenthalts im Freien unplanmäßig verlängern kann. Unplanmässige Verlängerung… es wird ganz bestimmt abenteuerlich.

Sie bekommen einen warmen, weichen Schlafsack (bis -18°C / 0°F), einen frisch-gewaschenen Innenschlafsack sowie eine Iso-Matte.  Like!

Die Camping Guides werden einfache Camp-Toiletten in einem relativ ungestörten Bereich in kurzer Gehdistanz vom Campingplatz aufstellen und diese klar kennzeichnen. Die geltenden Gebote in der Antarktis schreiben vor, dass ALLE Abfallprodukte am Ende des Campingaufenthalts wieder zurück zum Schiff gebracht werden müssen. Daher empfehlen wir noch vor dem Verlassen des Schiffes von den warmen Toiletten an Bord Gebrauch zu machen. CRITICAL PATH!!!Ich gehe nachts immer ins Badezimmer. Ausserdem bin ich Orientierungslegastheniker. Sehe mich bereits von den „einfachen Camp-Toiletten“ in die falsche Richtung wegmarschieren, irgendwo Richtung „Whiteout“, ins Nirgendwo, einem nicht vorhandenen Horizont entgegen. Note to myself: das blinkende Leuchtband, welches mir ein Kollege für den Trip geschenkt hat, vor Badezimmerbesuch um den Arm binden

Nasser Schnee am Abend ist am frühen Morgen üblicherweise wieder hartgefroren. Frischer Schneefall über Nacht kann nie ausgeschlossen werden. Natürlich können Wetterverschlechterungen auch während der Camp-Nacht ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung hereinbrechen. Im Falle einer drastischen Wetterverschlechterung während der Nacht, kann ein vorzeitiger Abbruch erfolgen sofern ein Rücktransfer zum Schiff noch sicher möglich ist. Es ist ebenfalls möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, dass Ihre Gruppe auf dem Campingplatz länger als geplant ausharren muss, bis das Wetter eine sichere Rückkehr zum Schiff zulässt.

Süß finde ich die Bezeichnung „Campingplatz“. Eigentlich liegt man irgendwo in einem gegrabenen Loch im Schnee.

Nicht erlaubt: Mitnahme von Camping-Kocher, Brennstoffe oder Lebensmittel. Ich gehe nicht nur nachts ins Bad, ich esse nachts auch gerne Nüsse und Rosinen. Note to myself: Prioritäten setzen; der Fokus liegt darauf, sich nicht zu verlaufen. Verhungern dauert länger.

Stelle mir vor, wie ich morgens aufwache, ich alleine im Schnee liege und das Schiff nicht mehr da liegt wo es liegen sollte. Und ich nicht mal Nüsse oder Rosinen dabei habe.

Greife nochmal in die Wäsche, die neben mir vor sich hintrocknet. Sie ist noch feucht.

22.10.2017

Unterwegs.

Letzten Freitag habe ich mir im öffentlichen Schwimmbad eine Dauerkarte geholt. Nachdem ich jetzt einige Wochen regelmässig dort war, besteht keine akute Gefahr mehr, dass ich das Unterfangen Schwimmen-am-Freitag abbreche und die Karte verfallen könnte.
Sonntags, also heute, gehe ich allerdings lieber im schicken Spa schwimmen. Weil es Sonntag ist und man sich zur Feier des Tages was gönnen kann und weil im öffentlichen Bad erfahrungsgemäss die arschbombenden Familienväter mit Anhang rumtoben.

Was ich gern mag
* Meinen Doutzen Kroes I – Bikini (auch wenn ich ihn schon zweimal an der Dekofront nähen musste)
* Plaudern im Bad (mit dem Kassierer) und im Spa (mit der Bardame, die mir zum Kaffee immer zwei Kekse gibt und mir dabei zuzwinkert)
* Alte-Damen-Kopf-über-dem-Wasser-Brustschwimmer, die einfach geradeaus ihre Bahnen schwimmen
* Lustigen Konversationen im Bad lauschen (Heinz, nun mecker‘ mal nicht dauernd rum, schau lieber, wie schön die Bäume gefärbt sind!)
* Den Duft im Spa, der aus dem Saunabereich kommt
* Den Blick im Spa zum Hamburger Michel, während ich schwimme
* Draussen schwimmen im öffentlichen Bad, den Laubbäumen entgegen
* Draussen schwimmen im öffentlichen Bad, dem roten Backsteinhaus und der Sonne entgegen
* Glitzerndes Wasser
* Plaudern über das schöne Wetter mit anderen Outdoor-Schwimmern (Alte-Damen-Kopf-über-dem-Wasser-Brustschwimmer) im öffentlichen Bad
* Auf der Liege im schicken Spa pausieren und die aktuelle Gala lesen

Was ich nicht gern mag
* Meinen Doutzen Kroes II – Bikini (das Unterteil leiert aus. Auch wenn ich im schicken Spa kein Aufsehen ohne Unterteil erregen würde, da fast alle splitterfasernackt unterwegs sind, stört mich das)
* Kampfkraulende Männer, die ihre Arme schwer auf die Wasseroberfläche fallen lassen (das spritzt) und keine Rücksicht auf Alte-Damen-Kopf-über-dem-Wasser-Brustschwimmer nehmen
* Eltern, die mit ihren Kindern im öffentlichen Bad nicht längs sondern quer Wasserball spielen
* Den Mann im öffentlichen Bad, der wie ein Walross aussieht und sich entsprechend schwerfällig vorwärtsbewegt (eigentlich treibt er auf der Stelle) und die Bahn verstopft
* Nasse und tiefe Toiletten im öffentlichen Bad
* Schmutzige Böden im öffentlichen Bad
* Schlecht zu identifizierende Knöpfe an Duschen (öffentliches Bad und schickes Spa), die einen immer erst unter kaltem Wasser stehen lassen, bevor man die Temperatur regeln kann
* Nasse Badelatschen und feuchte Handtücher, mit denen man sich noch abtrocknen muss
* Auf der Liege im schicken Spa pausieren und feststellen, dass es keine aktuelle Gala gibt

18.10.2017

Unterwegs.

Now is now. I‘m focusing on the positive. I learned some important things about life, others, and myself. I feel I now have a clearer perspective on life. I see things today I never saw before.

Jon Krakauer, Into thin air

Und bei C. wird es im Urlaub ganz kalt sein, sagt die Trainerin. Minus 20 Grad, antworte ich. C. fährt in die Antarktis, lässt sie die Sportis wissen. Zum Campen, füge ich hinzu. Ich finde, das klingt spektakulärer als nur Antarktis. Ausserdem stimmt es.

Jetzt kommt Leben in die Herzis, deren Herzen langsamer als meines schlagen, was ich heute beim Pulsen feststellen musste. Das sei wegen der Betablocker, erklärt mir die Ärztin. Mein Puls sei im normalen Bereich.

Ob es eine Liste gebe, was ich einpacken müsste (ja), wo die Reise losginge (Ushuaia/Argentinien), was es für Tiere dort gebe (Pinguine, Robben, Seelöwen), wollen die Herzis wissen. Es ist das erste Mal, dass wir uns während des Aufwärmens angeregt unterhalten.

H., eine kleine grauhaarige Dame mit freundlichen Augen, fängt an zu erzählen: 1969 sei sie auf dem Kilimanscharo gewesen und überhaupt auf vielen Bergen, 5000er und 6000er. H. trägt ein T-Shirt mit Gebirgssilhuette und dem Slogan „50+“. Das finde ich lustig, denn sie ist bestimmt um die 80 Jahre alt.

Argentinien kenne sie, auch Chile, sie hätte früher viele Länder bereist. Backpacking. Kenne ich auch, habe ich auch gemacht, rufe ich und bin begeistert. Wir waren beide auf 4600 Metern in der Atacama-Wüste und haben die Geysire sprudeln sehen.
Heute könne sie nicht mehr reisen, sagt H.
Aber die Erinnerungen, die bleiben, sage ich.
Sie werde vergesslich, entgegnet H.
Darauf fällt mir nichts ein, und H. fragt, ob ich schon mal Pinguine gesehen hätte.
Habe ich, in Argentinien, als wir mit dem Boot durch den Beaglekanal gefahren sind.

Nächste Woche werde ich sie fragen, ob sie auch schon mal am Mount Everest gewesen ist. Der steht auf meiner Bucket-List. Und ich stehe hoffentlich nächstes Jahr im Basecamp, Northface.

16.10.2017

Unterwegs.

Genau die Stelle tut weh, rufe ich dem Krankengymnast zu, der, während ich mich bäuchlings auf der Liege befinde, im Bereich der linken Kniekehle herumdrückt.

Der innere Beugemuskel des Knies braucht Massagen und Wärme, lautet das Fazit. Gut, endlich zu wissen, was mir bei einigen Bewegungen Schmerzen bereitet. Und gut, dass man was dagegen tun kann. Ich bekomme eine Übung für zuhause mit auf den Weg und werde das Montags-Taiji,  das wir mit der Stehenden Säule beginnen, ausfallen lassen. Die Übung ist sicher nicht optimal für meinen angeschlagenen Beugemuskel.

Alternativ geht es zum Walken, danach dann Übungen mit der Pilates-Rolle.

15.10.2017

Unterwegs.

Keine spektakulären Vorkommnisse am Donnerstag im Fitnessraum zu verzeichnen (lässt man den schwer stöhnenden Sporti ausser acht, der – spätestens, als er nen Kopfstand macht – alle Blicke auf sich gezogen hat).  Das Schwimmen am Freitag im Glitzerwasser des Outdoorbeckens kristallisiert sich zum Höhepunkt der sportlichen Wochen heraus.

Am Samstag nehme ich mir bewusst nichts weiter vor, gehe gemächlich Einkaufen und putze rudimentär die Wohnung. Die restliche Zeit liege ich auf dem Sofa, lese einen Comic, schaue fern, trinke einen Kaffee und relaxe. Um 18.00 Uhr werde ich nervös und stelle fest, dass mir die tägliche Bewegung fehlt. Laufe eine 19er Form im Wohnzimmer.

Am Sonntag springe ich früh aus dem Bett, frühstücke, gehe hinaus in den Nebel und schaue der Sonne zu, wie sie sich langsam durch das Grau über der Elbe kämpft. Sie gewinnt.

Wandere zurück nach Hause, gehe in den Garten und laufe im Sonnenschein drei weitere 19er Formen.

11.10.2017

Unterwegs.

Wir könnten ja schon mal pulsen, schlägt einer der Herzis vor. Und wir machen einfach ganz langsam, füge ich hinzu.

Sechs Herzis, eine Trainerin und ich – Frau Dr. A. ist nicht in Sicht. Und ohne ärztliche Aufsicht dürfen wir nicht mit dem Sport anfangen. Da sei schon so einiges passiert, erklärt die Trainerin und schaut mich an. Die Worte hängen in der Luft, was genau schon so passiert ist, will ich lieber gar nicht wissen. Da sie mir letzte Woche von ihren Sportstunden mit den Kindern vorgeschwärmt hat, die ein „lebendiges“ Kontrastprogramm zum Sport mit den Herzis sind, ahne ich düsteres. Und umsonst steht die Erste-Hilfe-Box samt Defibrillator auch nicht in der Halle.

Zum Glück weht Dr. A. im pinken Trenchcoat um die Ecke, die langen Haare wie immer offen und zerzaust. Wir können starten.

Nach Pulsen – das ich noch immer nicht durchschaut habe – und Aufwärmen zu Walzerklängen stehen wir uns paarweise zum Ringwerfen gegenüber. Mein Partner ist M., bei dem ich jede Woche Angst habe, dass er umkippt. Falsch liege ich damit nicht, er sitzt meistens schnaufend auf der Bank. Auch jetzt schnauft er wieder, während wir uns mehr schlecht als recht die Ringe zuwerfen. Ein Ring trifft mich unglücklich am Mittelfinger, irgendeine Ader platzt, die Fingerspitze wird dick, blau und heiss. Kampfverletzung, rufe ich M. zu und halte den Finger in die Luft. Ob ich mich setzen möchte, schnauft M. und schaut hoffnungsvoll. Ich zerstöre seine Hoffnung sofort. Wir machen weiter, ist nur ein Finger, nicht so schlimm, rufe ich wieder. Ich halte den Finger auch nicht Frau Dr. A. unter die Nase, mich ärgert ja schon, dass ich bei Streckübungen immer unter Sonderbewachung stehe. Und schon ertönt ein „Aber C. muss aufpassen“ zu mir herüber.

Morgen ist wieder Gerätetrainung im Reha-Zentrum. Ohne Pulsen, ohne strenge Überwachung und ohne Walzerklänge. Und ohne blauen Finger.

10.10.2017

Unterwegs.

Die Yoga-Leute, die nach uns den Raum haben, hätten den Vorschlag gemacht, ein Mal leise an die Tür zu klopfen, damit wir wüssten, dass sie da seien, erklärt unser Meditationslehrer, der übrigens auch unser Taijilehrer ist.
G. und ich müssen lachen. Die Yogatruppe besteht aus circa 15 Leuten, die laut trampelnd die Treppe des Altbaus hochpoltert, um sich dann vor unserer Tür zu unterhalten. Die Befürchtung, sie nicht wahrzunehmen, teilen wir nicht.
Heute ist Sitzmeditation im Yogaraum des Psychologen-Hauses in der Schanze. Vom Raum, der im zweiten Stock liegt, guckt man in den verwunschenen Garten, in dem wir in der Sommersaison Taiji praktizieren.
Der Yogaraum strahlt Ruhe und Wärme aus; die Wände sind hellgelb gestrichen, der Teppich orangefarben, die hohen Decken sind mit Stuck verziert, das Licht ist gedimmt. Wir sitzen auf Schafsfellen und Meditationskissen und haben uns in rote Wolldecken eingehüllt. Nach den Dehnübungen schweigen wir, nur unterbrochen von den Worten unseres Lehrers, der uns in die Stille der Meditation führt.
Heute sind wir nur zu zweit, die russische Künstlerin G., die ich ob ihres Akzentes als Belgierin ausgemacht hatte und ich. G. ist sehr sympathisch; quirlig, lustig, aufgeschlossen. Schon gestern beim Taiji haben wir uns über Klamotten ausgetauscht, während die Schwerter unserer Mitschüler herumgereicht wurden.
Wir könnten doch mal zusammen shoppen gehen, schlägt G. mir heute vor. Ich willige fröhlich ein. Und beende den heutigen Tag mit 6.500 Schritten.

09.10.2017

Unterwegs.

Die Gruppe hat einen kleinen Kreis gebildet und schaut auf den Boden. In den Händen halten sie Schwerter. In der Mitte des Kreises liegt eine tote Mücke. Nicht erstochen, sondern mit einem Schwert zerquetscht.

Das erste Opfer des Zusatzprogramms, das sich unser Taiji-Lehrer für seine Schüler überlegt hat. Schwertkampf. Nach dem regulären Unterricht wird eine halbe Stunde drangehängt. Ich mache nicht mit, mir ist das zu lang, ausserdem bin ich immer noch mit der 19er Form beschäftigt.  Ich befürchte, dass mich weitere Lerneinheiten intellektuell überfordern könnten. Neben mir sind noch ein paar andere, die sich gegen den Schwertkampf entschieden haben. Trotzdem halten wir alle die Schwerter in der Hand, die unsere Mitschüler stolz und auch etwas aufgeregt herumzeigen. Wir freuen uns mit ihnen und scherzen herum.

Damit die Wartezeit zum Extra-Programm nicht zu lange wird, dürfen die Schwertkämpfer die Reeling Silk-Übungen mit Waffe üben, während wir Unbewaffneten die gängige Abwehrhaltung einnehmen.

Bevor es aber richtig losgeht, laufen wir unsere 19er Form – in Zeitlupe, während unser Lehrer durch die Reihen geht und korrigiert. Wer sich mit Taiji auskennt, weiß, dass es extrem anstrengend ist, die eh schon langsamen Bewegungen fast im Stand zu machen.

Um 20:00 Uhr ist für uns Unbewaffnete der Unterricht vorbei. Ich marschiere zur Bushaltestelle, es ist dunkel, es regnet, nachher wird mein Schrittzähler 9.000 Schritte anzeigen – das ist eine gute Leistung neben den 90 Minuten Taiji und dem Arbeitstag, der hinter mir liegt.

Ich gehe über die Brücke, die über die grau-braune Elbe führt und biege in meine Straße ein. Polizeiwagen stehen vor dem Wohnkomplex, der neben meinem Haus liegt. Eine Anwohnerin erklärt den Polizisten, dass die Gebäude eine Tiefgarage haben, die die Häuser verbindet. Da könnten sie entkommen sein. Ich gehe weiter. Und überlege, ob ich mich nicht doch noch für den Schwertkampf entscheiden sollte.