31.03.2020

Der wichtigste Moment.

Heute haben wir zusammen meditiert. Im virtuellen Raum. Wie gestern schon. Da habe ich mit meiner Taiji-Class trainiert.

Die Meditation war so schön, dass am Ende zwei Mitschüler geweint haben. Weil unser Lehrer wieder die richtigen Worte gefunden hat.
Der wichtigste Moment im Leben? Der ist jetzt.

Meditation. Live. Mit meiner Gruppe.
Taiji-Class im virtuellen Raum.

29.03.2020

Leben in Zeiten von Corona

Ich bin gutgelaunt. Eben ging eine Nachricht von meinem Zahnarzt ein, ich möge doch einen Termin zur Kontrolle abmachen sowie zur Zahnreinigung. Sofort rufe ich zurück und bin begeistert, dass man mir sogleich meinen favorisierten Termin vorschlägt (nämlich an einem Donnerstag Abend, man kenne sich doch schon so lange, da wüssten sie doch, wann ich Zeit habe…). Gleichzeitig bin ich verblüfft, dass mich das Abmachen eines Zahnarzttermins so fröhlich stimmt. Normalerweise bin ich der Angstpatient und der Zahnarzt mein Feind Nummer 1 (das sieht er natürlich anders, und das zu Recht…).

Es macht mir insofern gute Laune, weil diese Terminabsprache doch etwas Normaliät in mein Leben bringt, denn das Normale, das vermisse ich.

Statt Büro bin ich seit zwei Wochen im Home Office. Statt Taiji-Class, Meditationsstunde, Schwimmen, Gym und den vielen Sozialkontakten laufe ich allein im Hafen meine 19-er-Form, und das jeden Abend. Auf YouTube habe ich Fitnessvideos gefunden, mit meinen Arktis-Freunden aus den USA, UK, Georgien und der Schweiz halte ich Apero-Parties via FaceTime ab, einen Freund treffe ich zur Mittagspause auf einer Bank an der Elbe (wir halten mindestens 2 Meter Abstand, und es fühlt sich skurril an), ich skype-meete mehr als gewöhnlich, und ja, ich habe mich den jetzigen Gegebenheiten angepasst. Die Sonne scheint, und das bereits seit zwei Wochen, es ist das perfekte Wetter, um ins Aussenbecken des öffentlichen Bades…lassen wir das.

„Mein“ kleines Krankenhaus hat meinen Vor/Nachsorgetermin bereits zweimal verschoben, langsam müsste ich postalisch ein Tamoxifen-Rezept anfordern.

Mein Tag ist strukturiert, und das ist wichtig. Ich komme um Punkt 8:00h in meinem Home Office (ab 16.30h ist es wieder die Küche) an, angezogen und gekämmt, nachdem ich draussen eine Runde um den Block (statt zur Bushaltestelle) gegangen bin.
Mittlerweile ist der Gang zum Drogeriemarkt und zum Bioladen zum Tageshighlight mutiert, die Freude, dass eine Eisdiele und ein Blumenladen geöffnet haben, ist riesig.
Ich koche und backe vor mich hin (wenn das Home Office um 16.30h geschlossen hat), statt des freitäglichen Schokoriegels genehmige ich mir eine kleine Ausnahme pro Tag, ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Und doch weiß ich, dass das hier Jammern auf sehr hohem Niveau ist. Ich habe schliesslich ein Dach über dem Kopf, ich kann von zuhause arbeiten, ich kann mir laufend die Hände waschen, ich kann Abstand zu meinen Mitmenschen halten, und in meinen Hafen zum Taiji-Üben darf ich auch gehen. Und der Hafen, der ist schön. Und gehört mir ganz allein. Ich kann von hier aus sogar zur Praxis meines Zahnarztes gucken.

07.03.2020

Zeitstrahl.

Ich sehe den jungen, schwarzgekleideten Mann, der mir in der Bahn schräg gegenübersitzt und hustet. Ich rieche den Duft der Salmis am Stand des U-Bahnhofes Schlump, an dem ich mir eine Tüte Bonbons kaufe und den ersten auf dem Weg zur Meditation in den Mund stecke. Ich denke an den Arbeitstag und dass es morgens auf dem Weg dorthin schon wieder heller wird, an den Ritt auf dem Dromedar durch die Sanddünen der Sahara, ich stehe im Basecamp vorm Mount Everest, ich sehe mich als Teenager mit dem Fahrrad zum Reiten fahren und wie ich als kleines Kind auf der Treppe meines Elternhauses auf dem rot-schwarzgepunkteten Läufer stehe, zusammen mit meiner großen Cousine, die eine Etage unter uns wohnt.

Ich stelle die Vergangenheit rechts neben mich.

Ich sehe die Schröderstiftstraße, die ich nachher zusammen mit C. entlang zum Bahnhof gehen werde, wir werden uns austauschen, dann steige ich in die Bahn. Ich werde am Hafen aussteigen, an der Elbe entlang nach Hause gehen, den dunklen Himmel und die leuchtenden Lichter sehen und die kalte Abendluft spüren, ich denke an Morgen und an die anstehenden Meetings. Ich sehe mich beim Schwimmen am Freitag und G. mit ihrer neuen blauen Badekappe neben mir, ich sehe mich am Flughafen am Gate in München, wo ich auf A. aus der Schweiz stoße und wir zusammen weiter nach Georgien fliegen. Ich sehe mich beim Taiji-Camp im Juli und beim Wandern in der Sonne durch die grünen Täler in Österreich.

Ich stelle die Zukunft links neben mich.

Und jetzt konzentrieren wir uns auf das, was bleibt, sagt unser Lehrer. Es ist das Hier und Jetzt, wir sitzen mit geschlossenen Augen im Meditationsraum des Psychologenhauses mit dem verwunschenen Garten, wir achten auf unseren Atem.

Und plötzlich spüre ich Freude, Freude darüber, dass meine Gedanken an die Vergangenheit und vor allem an die Zukunft heiter und angstfrei sind.

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29.02.2020

Better safe than sorry.

Ich stehe im Drogeriemarkt meines Vertrauens, und obwohl es noch am frühen Vormittag ist, sind die Regale, in denen sonst Seifen und Desinfektionsmittel stehen, leergefegt. Eigentlich wollte ich nur ein kleines Fläschchen Desinfektionsgel für die Hände kaufen, die Sorte, die ich grundsätzlich immer auf dem Schreibtisch im Büro und in meiner Handtasche habe, aber nun nehme ich eines der letzten Seifenstückchen, das von den Hamsterern zurückgelassen wurde.

Ausserdem nehme ich zwei Gläser Bio-Kürbissuppe mit. Die standen zwar nicht auf meiner Einkaufsliste, aber ich habe erstmals beschlossen, einen kleinen Not-Vorrat anzulegen.
Das fällt mir schwer, da ich zuhause nur frische Lebensmittel und ein paar Haferflocken und Dinkelnudeln habe, aber ich halte es für durchaus sinnvoll, den Nudelvorrat etwas aufzustocken und um Spargel,- Wurzeln,- Erbsen,- Tomaten,- Mais,- Sauerkirschen,- Pfirsiche,- und Ananasdosen bzg. Gläser zu ergänzen.
Schon neulich, als ich mit Magen-Darm flachlag, ist mir aufgefallen, dass ich – bis auf ein paar Haferflocken und zwei Äpfel – nicht sehr viel zu essen zuhause hatte. Wobei ich da auch keinen Appetit und somit zwei Kilogramm an Gewicht verloren habe.

Ich habe mir die Notvorratsliste, die von der Bundesregierung herausgegeben wurde, angeschaut. Natürlich lege ich weder Milch- noch Fleischvorräte an, und erst recht kaufe ich mir keinen Campingkocher. Man muss die Kirche im Dorf lassen.
Trotzdem ordere ich online einen kleinen Vorrat, den ich im Keller im roten Koffer lagern werde. Das Brot werde ich natürlich in den Gefrierschrank tun, aber alles andere wird in den Keller wandern, und das aus gutem Grund: sobald ich etwas „aussergewöhnliches“ zu essen in der Wohnung habe, esse ich es auf. Sofort. Und Obst und Gemüse in Gläsern würden dazugehören, da bin ich mir sicher. Ich kenne mich.

Beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades treffe ich auf G., meine 80jährige Schwimmfreundin. Sie freut sich, mich zu sehen, aber, „umarmen können wir uns jetzt nicht“, sagt sie, „Corona….„. Ich stimme ihr zu, auch ich gebe niemandem mehr die Hand und wasche die meinigen umso häufiger. Da wir zu der Zielgruppe, die es schwerer treffen könnte (alt beziehungsweise immunschwach), gehören, muss man ja auch kein unnötiges Risiko eingehen. Aufmerksam agieren ist meine Devise, aber auch nicht unnötig in Panik verfallen. G. sieht das genauso; wir werden weiter ins Schwimmbad, das auffällig leer ist, gehen.

Auf Statistiken gebe ich nichts: 0,1% bis 0,2% der Grippeerkrankten sterben, 2,8% sind es derzeit bei den Coronafällen. Das klingt zwar nicht so hoch, aber ich bin auch diejenige, die zu den 8% an Bord eines Expeditionsschiffes gehört, die die stürmische Drakepassage ohne Seekrankheit übersteht. Und ich gehöre zu den 0,0…% (?) derjenigen, die an einem beidseitigen Brustkrebs, dem kein BRCA1/BRCA2-Defekt zugrunde liegt, erkrankt ist. Und einen so seltenen Gendefekt hat, der noch nicht einmal erforscht ist.

Man kann sich einerseits über die Panikmache in den Medien ärgern, die jeden Menschen, der hustet, als Eilmeldung publizieren, auf der anderen Seite über diejenigen, die sich über die Situation lustig machen (solange es einen nicht selbst trifft…) und auch über diejenigen, die tatsächlich sämtliche Vorräte aufkaufen, als gäbe es kein Morgen mehr. Zumindest kein Morgen, an dem Geschäfte geöffnet haben.
„Haben sie morgen auch nicht“, rufe ich mir zu, „morgen ist ja Sonntag!“ Nun gut, das meinte ich zwar nicht, aber ich meine, man müsse schon aufmerksam und etwas umsichtiger sein, wenn man in die Kategorie „alt und/oder immunschwach“ gehört. Ich krame mein Desinfektionsmittel, das ich schon seit dem Everest mit durch die Weltgeschichte trage, aus dem Badezimmerschrank hervor und reinige die Türklinken. Better safe than sorry.

21.02.2020

Logbuch Sahara – Tag 9

Schau, die Berge, der rote Stein, die gelben Felsen, die grünen Flanken. Und schau, da leuchtet der Schnee, ganz oben. Schau, die Palmen und die saftigen Wiesen bei der Kasbah, die lehmerbaute Burg von einst und von heute. Schau, die Sonne, wie sie wärmt, und schau, wie blau der Himmel leuchtet. Schau, die Kasbah Telouet, der einstige Palast des Paschas von Marrakesch, in dem Feiern mit tausenden Gästen stattfanden, mit Champagner, der den Hügel hinaufgebracht wurde. Schau, wie der Palast verfällt. Und schau dort, die Kinder, die Fussball spielen, die Frauen, die verhüllt vor ihrer Lehmhütte sitzen, und schau da, die Kuh und das Huhn. Schau, die Armut.

Konspiratives Treffen mit Ahmed; den Tag in Marrakesch, den werde ich abseits der Reisegruppe verbringen, nur mit U., einer lieben älteren Dame, die auch so gar nichts vom Klamauk unserer Mitreisenden hält.

Abends nimmt Ahmed uns zur Seite; klappt es? frage ich und schaue hoffnungsvoll. Schon gebucht, antwortet er. Morgen früh um 9.00h werden U. und ich in ein Taxi steigen, das uns in den Anima-Garten bringen wird (und den wir verlassen, bevor unsere Gruppe dort eintrifft, Ahmed gibt uns 2,5 Stunden Vorsprung), dann bringt es uns zum Safrangarten, in dem wir zu Mittag essen werden und zum Schluss in die Souks von Marakkesch.

Heute Abend bekommen wir einen kleinen Vorgeschmack in einem lebhaften Strassenkaffee. Schau, wir sind frei.

27.01.2020

Weiter leben.

Wir lachen. Das habe sie in der Tat auch schon überlegt, ob sie an den Stadtrand ziehen sollte, antwortet die Humangenetikerin, als ich die Feinstaubproblematik in der Hamburger Innenstadt anspreche. Feinstaub ist ein Krebsrisiko. Genauso wie mangelnde Bewegung, Übergewicht und ungesunde Ernährung. Unser Lebensstil und Umwelteinflüsse hängen damit zusammen, ob bzw. auch wann man an Krebs erkrankt.
Sie habe schon mal drei Generationen mit demselben Gendefekt vor sich gehabt: die Großmutter sei mit 70 Jahren an Krebs erkrankt, die Mutter mit 50 Jahren, die Tochter mit 30 Jahren. Warum bricht also die Krankheit bei dem einen früher und bei dem anderen später aus?

Ich beuge Risiken, (wieder) an Krebs zu erkranken, konsequent vor, soweit es sich von meiner Seite machen lässt. Gesunde Ernährung, regelmässiger Sport, Stressreduzierung, Vor- und Nachsorgeuntersuchungen der Organe, die von einem NTHL1-Defekt betroffen sein können….aber ein Restrisiko, das ich Schicksal nenne, bleibt immer bestehen.

Die Forschungsergebnisse aus 2019, die ich im Internet zu meinem seltenen Gendefekt gefunden habe, habe ich mitgebracht, genauso wie diverse Arztbriefe. Auch die Humangenetikerin hat überprüft, ob es zu meiner speziellen Form des Gendefektes neue Erkenntnisse gibt, aber dem ist nicht so. Weitere Checks auf Basis der Forschungsergebnisse könne man machen, müsste ich aber im Moment selbst finanzieren, da Krankenkassen diese Kosten nur alle vier Jahre übernehmen. Und es kann sehr gut sein, dass auch nach dem Check keine neuen Erkenntnisse vorliegen.

Fazit des interessanten Gespräches und der für mich auch etwas komplizierten Materie: Einem beidseitigen Brustkrebs liegt wahrscheinlich ein Gendefekt zugrunde. In meinem Fall bedeutet es zum jetzigen Zeitpunkt: weiterleben wie gehabt. Regelmässig zu sämtlichen Vor- und Nachsorgeuntersuchungen gehen, weiter meinem gesunden Lebensstil folgen und im Juli 2021 zu weiteren Tests antreten. Wer weiss, wie weit bis dahin die Forschung gekommen ist. Und wer weiß, was ich bis dahin noch alles erlebt habe.

24.01.2020

Krank oder alt?

Ist man eigentlich alt, wenn man für fast Euro 100,- in der Apotheke einkaufen geht? Oder krank? Krank fühle ich mich nicht. Alt aber auch nicht.

Die Apothekerin ist friedfertig und trägt sämtliche Sonnencremes zusammen, die sich in der Apotheke finden lassen, während ich mit meiner App einen Barcode nach dem nächsten scanne, um die Inhaltsstoffe der Produkte zu überprüfen. Das habe ich neulich schon in der Drogerie getan, allerdings erfolglos: ich will eine Sonnencreme ohne Mineralöl und ohne Plastikpartikel. Und Lichtschutzfaktor 50+ soll sie ausserdem haben. Und geschmeidig muss sie sein.
Aber heute kann ich das Projekt „Reiseapotheke Sahara“ erfolgreich abschliessen.

Ein Tamoxifen-Rezept habe ich auch noch in der Tasche, das ich vorhin auf dem Weg zum Schwimmen noch schnell aus meinem kleinen Krankenhaus geholt habe. Hätte ich auch am Mittwoch machen können, denke ich. Da stand ich schliesslich schon mal vor meinem Krankenhaus, da ich zum vierten Meeting mit der Stiftung verabredet war, der ich ehrenamtliche Unterstützung angeboten hatte.

Diesmal werden wir konkret, und damit werde ich mich am Wochenende mit dem ersten Projekt auseinandersetzen.
Warum ich das mache? Aus Dankbarkeit – schliesslich hat man mir dort das Leben gerettet – da möchte ich gern etwas zurückgeben. Ausserdem bringt es mir Spass, etwas Sinnvolles zu machen, was anderen helfen kann.

18.01.2020

Tibet.

Ich wache auf. Es riecht nach Tibet. Ich schalte das Licht an und gehe ins Badezimmer, wo seit gestern eines dieser Duftöle steht, in die man Holzstöckchen steckt, über die sich der Duft im Bad verbreiten soll. Mein Duft heißt Tibet. Verbreitet hat er sich nicht nur im Bad, sondern in der ganzen Wohnung. Zum Glück riecht es aber nicht nach dem Tibet, denn Tibet riecht nach feuchter, kalter Luft, in der der Rauch der Öfen, die vor den Tempeln stehen und in denen Kräuter verbrannt werden, hängt.
Würde es in meiner Wohnung nach dem wahren Tibet riechen, wäre die  Feuerwehr schon auf dem Weg.
Ich sperre die Stäbchen samt Öl auf dem Balkon aus, öffne die Fenster um frische Hamburger Luft hereinzulassen und gehe wieder schlafen.

G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, ist am Telefon. Sie würde noch leben, sagt sie. Das freue mich, antworte ich, etwas anderes habe ich auch nicht erwartet, auch wenn ich sie seit zwei Wochen nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades gesehen habe. G. hat eine neue Badekappe zu Weihnachten bekommen, zukünftig muß ich statt nach pink- nach einer blauen Kopfbedeckung Ausschau halten.
Waren sonst immer sehr viele pinke Badekappen im Becken unterwegs, sehe ich am Freitag nur blaue Badekappen. Allerdings ohne G. darunter, was mich aber nicht beunruhigt, denn sie lebt ja noch (und setzt heute aus, da sie eine neue Dauerwelle hat, die nicht mit den Wellen im Aussenbecken in Einklang zu bringen ist).

Als ich am Freitag Abend nach einem Restaurantbesuch mit einer Freundin nach Hause komme, ist G. auf dem Band meines Anrufbeantworters: ob ich wüsste, wo man Passfotos machen lassen könne, gut müssten sie sein, denn sie seien für den neuen Ausweis, und den habe man ja über viele Jahre.
Das ist genau die Einstellung, die mir gefällt: eine 80-Jährige, die Wert auf ihr Äusseres und auf das neue Passfoto legt, wo andere schon längst abwinken und mit dem Leben abgeschlossen haben.
Auch P., mit der ich essen war, und die wieder einige schmerzhafte Wirbelbrüche zu verzeichnen hat, klagt nicht. Zwar würde sie sich nun eine neue Wohnung suchen, da es mittelfristig nicht mehr zu schaffen sei, ohne Fahrstuhl und mit Einkäufen in den vierten Stock zu kommen, aber vorher ginge es erstmal nach Marokko, und die Reise nach Südafrika müsse auch geplant werden. Solange es geht, wird gereist, solange es geht, wird gelebt, und sowieso das Beste aus der Situation gemacht.

Samstag ziehe ich mein Sportzeug an, schnappe meine Rucksack, fahre in die Innenstadt zu meinem Lieblingsbäcker und hole 10 Dinkel- und Vollkornbrötchen und noch ein Stück Käsekuchen. Der Einkauf gesellt sich zum Mittagsbrot, der Karotte und dem Zitronenwasser in den Rucksack, alles kommt mit an die Aussenalster, die ich unter graubleierndem Himmel zu umrunden gedenke.  Ich werde von Joggern überholt und überhole meinerseits die Wandergruppen, die unterwegs sind. Moderat und in between, nicht übertrieben ehrgeizig aber diszipliniert, was mein Fitnessprogramm angeht.

Ich stapfe über matschige Wege, mittlerweile habe ich mein Mittagsbrot und die Karotte in der Hand, überlege, dass mir die Zitronen und die Wurzeln ausgegangen sind, was mich stört aber gerade nicht zu ändern ist, ich verlaufe mich, als ich meinen Bus wiederfinden möchte, ich marschiere weiter mit dem Rucksack auf dem Rücken, gemütlich ist es heute nicht, es ist genauso wie in einer Szene aus Asterix und Obelix, die mit den römischen Legionären marschiert sind, wobei ich statt Steinen Dinkelbrot und Käsekuchen durch die Gegend schleppe.

Alles ist für etwas gut. Da ich mich verlaufen habe, komme ich irgendwann bei einem Obst- und Gemüselädchen vorbei. Ich stopfe noch Wurzeln und Zitronen in mein Gepäck, und dort hinten sehe ich endlich eine Bushaltestelle.

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Dienstag: Stretching/Meditation ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Wanderung ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ geplant

🍃 In eigener Sache 🍃:
ich werde auf dem Blog eine neue Rubrik einrichten: Rezepte! Peu a peu werde ich dort meine Eigenkreationen posten, lecker und gesund. Angaben ohne Gewähr. 😉

05.01.2020

Der Start.

Die Feiertage haben mein Fitnessprogramm durcheinandergebracht, genauso wie die Zeit „zwischen den Jahren“. In der Tat fängt erst morgen der „richtige“ Rhythmus meiner Aktivitäten an, denn dann starten endlich wieder der Taiji-Unterricht und die Meditations-Gruppe.
Die Feiertage haben nicht nur mein Fitnessprogramm durcheinandergebracht, sondern auch meine Ernährungsgewohnheiten. Sobald ich Pralinen oder Schokolade im Haus habe, esse ich sie auf. Schokolade ist meine Achillesferse. Zum Glück habe ich nun alles aufgegessen, was nicht in meine gängige Ernährung gehört. Und beim durcheinandergewirbelten Fitnessprogramm habe ich variiert.

Eigentlich wollte ich mir am Sonntag das schicke Spa gönnen, in dem man nicht nur entspannt schwimmen, sondern auch Zeitschriften auf der Liege mit einem Latte Macchiato geniessen kann. Die Tasche ist gepackt.

Am Sonntagmorgen wache ich auf. Ein Sonnenstrahl fällt durch die Gardine, die Vögel zwitschern. Will ich wirklich den Vormittag bei herrlichem Wetter im schicken Spa lesend auf der Liege verbringen? Nein, das will ich nicht. Ich will nach draußen, in die Sonne, auch wenn es nur 1 Grad sind und die Luft kühl ist, ich will ins Aussenbecken des öffentlichen Bades. Die Tasche packe ich um (Badeanzug statt Bikini, Badekappe statt Badelaken usw.).
Am Eingang des öffentlichen Bades hängt ein Schild: technischer Defekt bei den Saunen. Ich ahne Böses. Das Wasser der Duschen ist noch warm, das Wasser im Aussenbecken allerdings empfindlich kalt. Nur die Harten kommen in den Garten….oder ziehen draussen ihre Bahnen. Schwimm‘, solange Du möchtest, sage ich mir, wenn es zu kalt ist, geht’s eben nach drinnen. Nach 14 Bahnen ist mir immer noch kühl, aber ich liebe die klare Luft, den aufsteigenden Dampf, dahinten von der Kampfschwimmerbahn winkt mir J., mein französischer Meditationsgenosse zu, ich schwimme weiter und weiter und gehe erst hinein, als meine 40 Bahnen (1.000 Meter) geschwommen sind.

Mein Fitness-Rückblick:
Montag: Schwimmen ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Stretching ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

01.01.2020

Das weiße Buch.

Ich muss lachen.
„Das Jahr war anders als erwartet. Dafür lustigerweise viel umgesetzt“.
Das ist ein Zusatzvermerk, den ich am 31.12. 2017 zu meinen Jahres-Vorsätzen 2017 in das kleine weiße Büchlein nachgetragen hatte.

Es ist das Jahr, in dem ich mir – unter anderem – folgendes vorgenommen hatte:
– innere und äussere Balance halten / herstellen (Taiji/Meditation)
– reisen
– bewusst schauen
– draussen sein
– innehalten
– mehr Obst und Gemüse essen
– lachen
– niente paura (keine Angst)

Und dann kam im Februar 2017 der Krebs.

Interessanterweise passen die Vorsätze wunderbar zu jemanden, der eine Krebsdiagnose erhält, auch wenn ich das in dem Moment, in dem ich die Vorsätze verfasst habe, nicht ahnen konnte.

Meistens lernt man es nur auf die harte Tour, dass eine gute Gesundheit nichts selbstverständliches ist, sondern ein wertvolles Gut, das höchste Achtung und Wertschätzung erfahren sollte, und welches durch eine gesunde Lebensweise unterstützt werden muss.

Das kleine weiße Buch hole ich nur einmal im Jahr hervor, und zwar am 31.12. des Jahres. In ihm vermerke ich akkurat, was ich im Folgejahr umsetzen möchte – und hake natürlich ab, was ich im vergangenen Jahr von all meinen Vorsätzen angegangen bin.

Da ich recht diszipliniert bin, kann ich immer fast alles abhaken. Das, wo nur ich selbst gefragt bin, ist häufig mit einem Häkchen versehen, das, wo andere Menschen involviert sind, nicht ganz so häufig.

Gestern habe ich das Büchlein wieder aufgeschlagen und habe die Häkchen für 2019 gesetzt. Und meine Liste für 2020 angelegt. Es wird ein gutes Jahr, dessen bin ich mir sicher.

Mein 2020 beginnt heute Morgen dort, wo es 2019 geendet hat: im Aussenbecken des öffentlichen Bades.  Ich schwimme meine 40 Bahnen, umgeben vom aufsteigenden Dampf, denn es ist kalt, die Sonne blinzelt auf die türkisfarbene Bande, die sich im türkisen Wasser widerspiegelt, das jetzt doppelt-türkis erscheint. Ein Rabe kräht. Ich freue mich, denn es ist der erste Besuch im Bad von vielen weiteren, und einen Haken, den werde ich am Ende des Jahres auch wieder setzen können.

29.12.2019

Unterwegs.

28.12., Hamburg, 0 Grad.
Das Wasser der Duschen ist kalt, sagt die Dame an der Rezeption des öffentlichen Bades.
Das Wasser ist kalt, sagt die Dame, die unter der Dusche steht.
Das Wasser ist kalt, stelle ich fest, als ich die Dusche aufdrehe. Ich hasse es, kalt zu duschen.
Das Wasser im Aussenbecken des öffentlichen Bades ist dagegen recht angenehm – nicht zu kalt wie letzte Woche (25 Grad durch den Sturm) und nicht zu warm (29 Grad, als die Technik defekt war) – ich vermute, es hat 27 Grad.
Nach 1.000 Metern zügigem Schwimmen gehe ich hinein. Ein Bademeister kommt mir entgegen, ich deute auf die Duschräume.
Immer noch kalt, sagt er, ein Techniker sei unterwegs.
Das Wasser ist kalt, sagt die Dame, die unter der Dusche steht.
Nach 1.000 Metern zügigem Schwimmen im Aussenbecken habe ich mich akklimatisiert, das Wasser, das aus dem Duschkopf kommt, ist nun perfekt.
Das Wasser der Duschen ist kalt, sagt die Dame an der Rezeption zu den Ankömmlingen, als ich das Bad verlasse.

29.12., Hamburg, -1 Grad.
Die Luft ist kalt, stelle ich fest, als ich mich auf den Weg zum Hafen mache. Drei Durchgänge der 19-er Form (Taijiquan) möchte ich mit Blick auf die Elbe laufen, drei Durchgänge laufe ich.
Warm wird mir; durch die Bewegung, durch die Strickjacke, durch das Tamoxifen, durch alles zusammen, ich bin ja nun eher wärme- als kälteempfindlich geworden (und frage mich, wieso ich eigentlich im Februar ausgerechnet in die Sahara fahren muss).
In Bewegung bleiben. Eigene Grenzen austesten. Abenteuer erleben. Leben. Ein neues Logbuch schreiben.

Ich öffne das Fenster, die Luft ist kalt.

27.12.2019

Rückblick. Ausblick.

Wien – Sylt – Israel – Westjordanland – München  – Amsterdam – Sylt – München  – Island – Grönland – Travemünde – Travemünde 2 – Sylt – München

Ich bin in Wien auf dem Naschmarkt im Regen herumspaziert.
Ich war im Sturm am Nordseestrand.
Ich habe im Toten Meer gebadet.
Ich stand auf den (syrischen) Golanhöhen, auf denen Pfirsichbäume blühten.
Ich habe einen Olivenbaum in einem palästinensischen Garten gepflanzt, durch den eine Mauer geht und auf deren anderer Seite eine jüdische Siedlung steht.
Ich habe in der ersten Reihe in einem Club in Amsterdam zur Musik meiner Lieblingsband getanzt.
Ich habe in der Sansibar auf Sylt in die Sonne geblinzelt.
Ich bin ich München mit Patenkind 1 schwimmen gewesen. Und im Park, Pokemon jagen.
Ich habe die Geysire und den riesigen Wasserfall auf Island entdeckt und habe bei heftigem Sturm das Nordpolarmeer durchquert. Ich habe Eisbären gesehen. Und Eisberge und Gletscher, glitzernd in unendlich vielen Blautönen.
Ich habe Bäume an der Ostsee umarmt.
Und war wieder am Strand an der Nordsee.
Ich habe mit den Patenkindern gespielt.
Und viele wunderbare Menschen auf den Reisen kennen gelernt, die zu Freunden geworden sind.

Ich war schwimmen, morgens in der Sonne, mittags im Regen, abends im Dunkeln, bei Hitze und bei Kälte. Ich habe meine Taiji-Form verfeinert und dazugelernt. Ich habe schöne Gespräche bei der Meditation geführt. Und mit Freunden.

Ich wache auf. Ich schaue ins Dunkel der Nacht und überlege, wann ich das letzte Mal Angst hatte. Nicht Angst davor, den Flieger zu verpassen oder für’s Management-Meeting schlecht vorbereitet zu sein – sondern die Angst, die einen den Boden unter den Füssen wegzieht und an deren Ende die eigene Endlichkeit steht.
Im November 2018, antworte ich. Der Arztbrief aus dem großen Krankenhaus, in das ich für einige Tage stationär in die Nuklearmedizin aufgenommen werden sollte, und aus dem mir die Worte „maligne“, „abklärungsbedürftig“ und „Thyroid Cancer Guidelines“ entgegensprangen.
Ich denke weiter nach, und ja, es stimmt, das war das letzte Mal, dass ich diese Angst hatte. Ich bin gelassener geworden. Keineswegs unachtsamer, aber auch nicht mehr in Panik verfallend, wenn es irgendwo schmerzt. Das ist gut.

Es war ein gutes Jahr. Ich bin gesund geblieben. (In der Tat liege ich vorn in der Krankheitsstatistik der Firma, mit nur einem Fehltag in 2019. Darüber freue ich mich sehr).
Ich habe viel erlebt, ich habe die Welt gesehen, ich habe gelacht und getanzt und geschwommen und gelebt. Dafür bin ich dankbar.
Ich habe mein Fitnessprogramm kontinuierlich verfolgt und bin der gesunden Ernährung treu geblieben. Darauf bin ich stolz.

Ich bin gespannt, was das nächste Jahr bringen wird, vor allem darauf, was es für einen humangenetischen Rat zu meinem Gendefekt geben wird.
Auf alle Fälle freue ich mich auf viele wunderbare und abenteuerliche Reisen. Und auf ein Wiedersehen mit Freunden. Und auf alles, was das Leben lebenswert macht.

15.12.2019

Unterwegs.

Überall glitzert es. Beim Schwimmen, abends, wenn die Lichterkette, die um das Aussenbecken des öffentlichen Bades dekoriert ist, funkelt, während der Dampf so dicht ist, dass man nicht sehen kann, ob einem jemand im Dunklen entgegen schwimmt. Die Kirchenglocken läuten.

Auf dem Weihnachtsmarkt glitzert es. Auch hier läuten die Kirchenglocken, und der Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein legt sich über das Geglitzer.

Ob er mir etwas von seinem Schokoweihnachtsmann abgeben würde, frage ich meinen Bürogenossen. Dieser schaut verwundert auf. Längst aufgegessen, antwortet er. Und nichts angeboten, konstatiere ich, obwohl die Antwort, die nun kommt, auch nicht verwunderlich ist. Du isst doch keine helle Schokolade, da habe er mich gar nicht erst gefragt. Die Bananen teile er mit mir, vom Bäcker bringe er „Diätberliner“(Quarkbrötchen) und Obstküchlein (Obst ist ja gesund) für mich mit, während er für sich mit Puderzucker bestäubte Berliner mitbringt.
Nun stehe ich auf dem Weihnachtsmarkt, in der Hand eine kleine Tüte Schmalzkuchen, der Puderzucker verteilt sich bereits auf meiner Jacke, um mich nochmal nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass Schmalzkuchen nix in meiner Hand zu suchen haben.
Am Samstag tausche ich den Weihnachtsmarkt wieder mit dem Bio-Wochenmarkt ein.

Es glitzert auf dem Weg zu J., meinem französischen Meditations-Mitschüler, bei dem die Gruppe heute Abend meditiert und danach zusammen Abendbrot essen wird. Die Kerzen werfen ein gemütliches Licht auf den Tisch mit der Süsskartoffel-Birnensuppe und der frischen Minze, dem grünen Salat, dem Körnerbrot, der Käseplatte, der Pistaziencreme und den Mandarinen.

Am Sonntag glitzert die Sonne auf dem Wasser des Aussenbeckens. Kleine Wellen kräuseln sich an der Oberfläche, der Sturm setzt ein, die Wolken fliegen über mich hinweg, während ich auf dem Rücken schwimme. Heute steigt kein Dampf auf. Die Luft ist kalt, ebenso das Wasser.
Das Wasser ist kalt, sagt J., zu dem ich vorhin schon auf die Kampfschwimmerbahn hinübergewunken habe und ein Stück Flosse zurückwinkte, bis auch sie unter der Oberfläche verschwand.

Das Wasser ist kalt, aber das Wasser ist herrlich, genauso wie die Luft, finde ich, sie riecht nach Meer, was eigentlich nicht sein kann, und schon setze ich mich hin und schicke eine Anfrage an den Reiseveranstalter, Seeluft macht abenteuerlustig, auch wenn mich das nächste große Abenteuer nicht zum Meer führen wird, oder vielleicht doch, einem Meer, das nicht aus Wasser besteht, aber die Sonne, sie wird glitzern.

06.12.2019

Zuhause.

Zwei Eigelb. Etwas Xylit.
Ich werfe die beiden Zutaten, die im Rezept stehen, zu den Zutaten, die so nicht im Rezept stehen, in die Schüssel. Walnussmehl statt Weizenmehl, harte statt weiche Butter, gemahlene Haselnüsse statt Mandeln, eine Vanilleschote statt gemahlener Vanille und etwas mehr Backpulver als da auf dem Zettel steht, da bin ich großzügig.
Zum Bestäuben werde ich dann etwas Bio-Staub- und Vanillezucker nehmen, auch das steht so nicht in dem Rezept, aber eine kleine Sünde lasse ich durchgehen.

Dunkel sehen sie aus, die Kugeln, die ich forme, sie sehen nicht wirklich wie die halbmondförmigen Vanillelkipferl aus, die man sonst so kennt und die es eigentlich werden sollen. Ich forme weiter.
Im Hinterkopf höre ich die Ratschläge der Menschen, die backtechnisch versierter sind – das sei Chemie, da müsse man sich an die Rezepte halten, das würde sonst nix werden, das sei ja anders als beim Kochen…jaja, ich bin unbeirr- und unbelehrbar, auch nach den nur so semi schmeckenden Hafer-Kokosplätzchen variiere ich nach Lust und Laune.  Allerdings achte ich darauf, dass ich diesmal nicht wieder Zutaten wie bei den Hafer-Kokosplätzchen vergesse (Eier) und addiere auch nicht wieder wahllos etwas hinzu (Zitronensaft und dunkle Schokolade). Nur etwas Olivenöl, das kann ja nicht schaden.

Ab in den Ofen mit den Teilen, 10 Minuten steht da im Rezept, aber selbst nach 15 Minuten ist die Konsistenz noch nicht sehr fest, ich probiere eine andere Schiene und gebe noch ein paar Minuten hinzu. Riechen tut das aber schon mal ganz gut, hier in der eingesauten Küche, spät am Abend.

Ich lasse die dunklen Geschwister der hellen Vanillekipferl abkühlen, werfe den Staub- und den Vanillezucker drüber und probiere.
Jetzt bin ich wirklich überrascht – die dunklen Teilchen schmecken tatsächlich nach Vanillekipferl.

Fazit: zwei Sorten Kekse, (bis auf etwas Staub- und Vanillezucker) politisch korrekt: ohne Weizenmehl, ohne Zucker, ohne buntes Dekozeugs, nicht sonderlich hübsch, dafür aber ehrlich.
Und hiermit erkläre ich die Weihnachtsbäckerei für 2019 für beendet.

03.12.2019

Im Krankenhaus.

Eine große Tasche hätte ich ja dabei, stellt Dr. Z. im fünften Stock ‚meines‘ Krankenhauses fest. Das stimmt, antworte ich auf dem Weg in ihr Zimmer, denn nach der Nachsorge ginge ich zum Schwimmen. Prof. Dr. M., mein Lebensretter, kommt uns im OP-Outfit entgegen, wir lachen uns zu.

Dr. Z. erinnert sich nun wieder, dass ich ja immer zum Schwimmen gehe, dass wir uns zuletzt auf dem Mutmach-Abend der Stiftung des Krankenhauses gesehen haben und das die Ergebnisse der Mammographie und des Ultraschalls Ende August gut waren.

Ich spreche meinen Gendefekt an und erläutere die niederländischen Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2019. Panisch bin ich nicht, aber zur Seite wischen tu‘ ich das Thema auch nicht. Ende Januar wüsste ich mehr, da hätte ich meinen Folgetermin bei den Humangenetikern. Ich gehe nicht vom worst case (diverse Körperteile prophylaktisch entfernen lassen) aus, sondern vom good case (engmaschigere Vor-/Nachsorgeuntersuchungen). Sie sieht das genauso.

Während ich mich entkleide, sprechen wir über meine Reisepläne des kommenden Jahres. Es fühle sich alles gut an, es sei nichts Auffälliges auszumachen, sagt sie dann. Wir wünschen uns ein frohes Weihnachtsfest, im März werden wir uns wiedersehen.

Ich laufe die Stufen hinunter, laufe über den Vorplatz, laufe zum öffentlichen Bad, in dem es heute nicht nur zum Schwimmen, sondern auch mit einer Freundin in die Sole gehen wird, aber erst schwimme ich draußen, der Dampf steigt auf, die Luft ist kühl, und wieder bin ich so dankbar dafür, dass ich hier sein darf, dass ich gesund bin, dass ich bin.

Hyazinth, der kleine Spanier, lacht mich an, ob ich die Lichterketten schon an der Bande gesehen hätte, wie schön mögen sie wohl im Dunkeln leuchten. Ich bestätige, dass sie wirklich schön leuchten, denn letzte Woche sei ich abends nach der Arbeit geschwommen, nun ist es noch zu hell, nun erfreuen wir uns an dem aufsteigenden Dampf und dem blaublitzenden Wasser.

Zur Feier des Tages gönne ich mir einen Cäsarsalat und einen Smoothie in der Sole, lese etwas und freue mich, als meine Freundin um die Ecke kommt. Wir dümpeln in der Sole herum, gehen in die Himalaya-Salz-Sauna, trinken Kaffee, essen Eis, schwimmen noch etwas draußen im Aussenbecken des öffentlichen Bades, wir bleiben bis abends, bis es dunkel wird und bis die Lichterketten leuchten.

2 Jahre, 8 Monate und 11 Tage krebsfrei.

27.11.2019

Nachruf.

Liebe Metahasenbändigerin, liebe Onkobitch, liebe Kathrin,

„Ich verliere alles was ich habe, und alle anderen nur mich. Mein Verlust hat keine Grenzen, denn alles bleibt, nur ich nicht.“

Ein sehr berührender post, der letzte, den Du auf Deinem blog verfassen konntest, irgendwo zwischen Palliativstation und Hospiz.

Seit 2,5 Jahren folgen wir unseren blogs, Du warst eine meiner ersten follower und Kontakte, die sich mit Brustkrebs auseinandergesetzt hat. Nicht nur Deine Texte haben mich inspiriert und zum Lächeln gebracht; Du hast die große Gabe besessen, Deine Gefühle und Gedanken in wunderbaren Comics auszudrücken. Todd (der Tod), Fati (die Fatigue) und die Metahasen (Metastasen) wurden durch Dich greifbar. Manchmal sogar sympathisch. Als letzte Figur kam die Angst dazu. Die Dir die Luft zum Atmen nahm, die nachts auf Deinem Bett saß und sich nicht abschütteln ließ.

Du hast Dich bei mir bedankt, dass Du „ein bisschen“ mit in die Arktis reisen konntest. Ich bin gestern in Gedanken mit Dir im Wünschewagen nach Usedom gefahren und habe Dir so sehr gewünscht, dass Du einen schönen Abschluss findest.

Sterben wolltest Du mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich hoffe, das ist Dir gelungen.

Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Eines, an dem Du nicht alles verlierst. Eines, in dem Dein Comic damit endet, dass Todd und Fati in die Wüste und die Metahasen in die Hölle geschickt werden. Weil man sie besiegen kann. Weil man den Krebs besiegen kann. Leider ist es noch nicht soweit. Und leider musstest Du nun viel zu früh gehen.

Ich hoffe, dass Du dort, wo Du jetzt bist, keine Schmerzen mehr hast. Und fröhlich mit den Schmetterlingen tanzt.

Danke Dir von Herzen für die vielen Bilder, an denen Du uns hast teilhaben lassen. Ich werde Dich vermissen.

Brustkrebs ist nicht pink.
Brustkrebs glitzert nicht.
Brustkrebs kann man nicht wegschminken.
Brustkrebs ist schwarz.
Brustkrebs ist düster.
Brustkrebs ist tödlich. Immer noch.

Illustration: (c) KL/Metahasenbändigerin

24.11.2019

Zuhause. Und unterwegs.

Sonntag morgen, 8.30h. Ich sitze in der Küche, in der rechten Hand die Tasse Kaffee, mit der linken tippe ich auf dem Laptop herum und buche Flüge nach Georgien. Reiseplanung gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und steigert die ohnehin schon gute Laune ungemein. Ich informiere Team Naugthy – meine Freunde aus der Arktis – dass ich mit A. aus der Schweiz unsere Flüge am Buchen bin, ab München werden wir zusammen nach Tiflis weiterfliegen, G., der uns nach Georgien eingeladen hat, lässt wissen, dass er einen Wagen zum Flughafen schicken und in die Detailplanung gehen wird. Damit steht eines meiner Highlights für 2020!

Danach geht es zum Schwimmen. Da keine bekannten Gesichter im Aussenbecken auszumachen sind, habe ich Zeit, die nächsten 1.000 Meter nachzudenken. Über meine momentan extrem gute Laune (wenn man mal vom Zirkus bei der Arbeit absieht). Ich habe Bedenken, dass der Fall umso tiefer sein könnte, wenn es mir so (zu?) gut geht. Das habe ich bei einigen beobachtet, denen es nach einer schlechten Phase erst wieder besser ging, bevor der Feind kurze Zeit später ein letztes Mal zuschlug.
Jetzt bin ich allerdings gesund und vom Sterben weit entfernt (sollte ich nicht morgen zufällig vor ein Auto laufen), doch lässt es mich innehalten.
Wie geht es Dir?, frage ich mich und schaue mich an. Gut geht es mir, antworte ich, das Leben wird gelebt, die Reisen gereist, die Bahnen geschwommen, das Lachen gelacht, was genau ist das Problem?

Die gecrashte Bandscheibe, die im Winter wieder schmerzt (und dieser Umstand mit einem warmen Leibchen behoben werden kann)?
Die Müdigkeit und Unkonzentriertheit, die ich treffsicher auf einen Vitamin-B-Mangel zurückgeführt habe und denen mit Mikronährstoffen zu Leibe gerückt bin?
Hab ich im Griff, sage ich zu meinem Hausarzt, bei dem ich wegen Impfungen vorspreche und der den B-Mangel glatt übersehen hat, was mich nicht so sehr stört, da ich meine Blutwerte immer ausdrucken lasse, um sie selbst zu überprüfen. Auch seine Praxiskollegin, bei der ich zur Schilddrüsensonografie war, hat den B-Mangel im Computer entdeckt, alles im Griff, preventive action läuft.
Der seltene Gendefekt meines NTHL1-Gens, zu dem es erstmals in 2019 Forschungsergebnisse gibt und der tatsächlich für ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Darmkrebs, Eierstockkrebs, Schilddrüsenkrebs, Hautkrebs und Hirntumor bei einer Generation verantwortlich ist? Weil das NTHL1-Gen, das für die Fehlerfindung auf der DNA zuständig ist, keine Fehler finden kann, wenn es defekt ist und somit Krebszellen ignoriert?
Damit habe ich den unsicheren Faktor in meinem Leben gefunden. Ich bleibe pragmatisch; Ende Januar haben ich einen Termin beim Humangenetiker, im worst case werden sie vorschlagen, zehn Körperteile zu entfernen (was ich aber nicht glaube), im good case werden sie sagen, dass ich feinmaschiger als bisher zu Vor- und Nachsorgeuntersuchungen anzutreten habe. Mit dem good case kann ich leben.

Ich schwimme auf dem Rücken und gucke in den grauen Himmel. Von den bunten Bäumen sind nur noch Skelette übrig, die dunkel und kahl über das Aussenbecken ragen. Ein Schwarm Vögel zieht vorbei. Wie geht es Dir?, frage ich. Gut geht es mir. Mir geht es gut.  

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Stretching ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

…und am Samstag im Kino grünen Tee, Gemüsesticks, Trauben und Käse bestellt statt Prosecco und Popcorn. (note to myself: freiwillig!)

20.11.2019

Unterwegs.

Ob er abgenommen habe, frage ich. Er würde so schlank aussehen, setze ich nach. Also, er würde gut aussehen.
Ich frage mich innerlich, ob ich nicht einfach mal die Klappe halten kann. Kann ich nicht. Unser CEO schaut verblüfft, aber auch erfreut und bestätigt, dass er ein paar Kilo weniger auf den Rippen habe. Gesunde Ernährung, das würde ihm guttun.
Dann trügen meine Ernährungs- und Fitnessartikel in unserem Firmennewsletter ja Früchte, stelle ich fest und halte ihm meine Snackbox unter die Nase. Sollte er noch nicht mitbekommen haben, dass das Thema „gesunde Ernährung“ zu meinen Lieblingsthemen gehört – spätestens jetzt weiß er es, während ich erkläre, was es bei mir heute zu essen gibt. Damit es nicht total abdriftet (note to myself: das ist es schon), stelle ich noch eine geschäftliche Frage, bevor er dann doch lieber mein Büro verlässt.

Man möge essen, was gut für die Seele ist… dieses Statement höre ich immer wieder von Erkrankten und kann ihnen nicht so recht beipflichten. Für die akute Phase (Chemo- und Strahlentherapie) stimme ich zu; das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Ernährung umzustellen, da ist kalorienreiche Nervennahrung durchaus angebracht. Ich spreche aus Erfahrung. 

Wenn die akute Phase allerdings beendet ist, sollte man das essen, was für den Körper gut (und für den Krebs schlecht) ist. Das bedeutet gesunde Ernährung. Gelernt bei diversen Ernährungsvorträgen, nachgelesen in Ernährungsbüchern und Studien aus Kliniken, und on top bestätigt in einem Interview mit meinem Arzt aus dem Mammazentrum gestern im Radio.
In meinem Fall bedeutet das konkret, Zucker, Weizenmehl, Milch, rotes Fleisch, Wurst, verarbeitete und frittierte Nahrung aus dem Leben zu verbannen und den Fokus auf Gemüse, Obst, Vollkorn, Dinkel, Nüsse und Haferflocken zu legen. Das funktioniert, und gelegentliche Ausnahmen in Form von Eis, Kuchen oder ein kleiner Schokoriegel sind erlaubt. Geraucht habe ich noch nie, und nur zu besonderen Anlässen trinke ich mal ein kleines Glas Wein. Damit geht es mir gut. Die Zeiten, in denen ich frustriert im Supermarkt auf die Einkaufswagen der anderen guckte, die mit Süßigkeiten, Chips und Wein bestückt waren, derweil ich einen einsamen Brokkoli in der Hand hielt, sind passé. Auf dem Biowochenmarkt freue ich mich über die große Auswahl an Salaten,  Gemüse, Obst und leckerem Brot.

Ein Brötchen kaufe ich mir auch noch, als ich das Büro verlasse und mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache. Es ist dunkel. Es regnet. Es ist kalt. Es ist der perfekte Zeitpunkt, das Aussenbecken für sich allein zu haben.
Allerdings denke nicht nur ich so; das Wasser des Pools, der in der Dunkelheit liegt, leuchtet türkis, überall sind Köpfe auszumachen, verschwommen hinter dem Dampf, der aus dem Becken steigt. Ich schwimme durch die schwappenden Wellen, Tropfen fliegen durch die Luft, ich trage meine neue Retro-Badekappe, weiß mit Luftnoppen, so wie man sie schon vor bestimmt 50 Jahren getragen hat, das blaue Becken dreht sich im schwarzen Universum, Lichtstrahlen durchschneiden den Dampf, meine Kappe ist ein Helm und ich ein Astronaut, der durch das All gleitet. Surreal. Und fantastisch.

Am Ausgang stoße ich mit J. zusammen. J. hat gestern bei der Meditation erwähnt, dass er auch am Mittwoch schwimmen gehe. Und der kleinen Meditationsrunde erzählt, wie wir uns das erste Mal beim Schwimmen begegnet sind; seine Schwimmfreundin verschwand auf der Toilette, und ich käme dann heraus. Magic! Eine schöne Erinnerung, an die ich mich nicht entsinne, mir aber ausgesprochen gut gefällt.
Mit dem Brötchen in der Hand gehe ich hinaus in die Nacht. Der Regen hat aufgehört.

17.11.2019

Unterwegs.

Hältst Du mal? Die unbekannte Frau drückt mir einen Strick in die Hand, an dessen Ende ein schwarzes Pferd tänzelt und geht weg. Ich schaue genauso irritiert wie das Pferd, dann schaue ich zu L., die ihren spanischen Falben zurückhält und stelle fest, dass ich das schon sehr gewagt finde, einfach jemandem Unbedarften sein Pferd anzuvertrauen.
Naja, sagt L, wir sind hier auf nem Reiterhof, da gingen sie davon aus, dass man mit Pferden umgehen kann. Ich trage statt reiterhof-grün-braun zwar arktis-rot und auch sonst kein Reiter-affines Outfit, aber das hilft jetzt auch nicht weiter, das unruhige Pferd am Ende des Stricks muss gehalten werden.

Wochenende auf dem Land. Mit frischer Luft und Bewegung an derselbigen, Urlaubsplanungen am lodernden Kamin, leckerer Linsen-Möhren-Suppe, Salat und grünem Tee und Katzen im Bett.

Spät am Abend fahren wir nochmal zur Weide. Der Regen hat aufgehört. Die Kälte kriecht durch die Nacht und das nasse Laub, der Weg durch den Matsch wackelt durch die Stirnlampen, die an den Mützen befestigt sind. Es ist ein wenig gruselig, große dunkle Körper bewegen sich auf uns zu, während wir die Weide betreten, die Pferdeaugen leuchten. Der Falbe bekommt eine dickere Decke aufgelegt und etwas zu fressen, während mich ein braunes Pferd neugierig mit der Nase anstupst.

Auch am nächsten Morgen sind wir in aller Frühe wieder auf dem Weg zur Weide, um das Pferd zu bewegen, derweil das Kind zuhause ein wirklich gutes Frühstück mit Rührei, Baked Beans, Kaffee, Tee und Smoothies zubereitet. Das ist vorbildlich und eine gute Einstimmung auf unseren gemeinsamen Wanderurlaub, den wir nächstes Jahr zusammen machen werden.

Die Schmerzen im rechten Arm (Lungenentzündung-Impfung) und im linken (Grippe-Impfung) klingen langsam ab, haben allerdings meine Fitnesswoche etwas durcheinandergebracht. Dafür sollte ich jetzt mittlerweile so ziemlich gegen alles geimpft sein, was es so gibt und damit fit und fröhlich durch den Winter kommen.

07.11.2019

Unterwegs.

November. Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt; die Menschen verziehen sich in ihre warmen und von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer, während sie in Wolldecken gehüllt auf dem Sofa liegen und vorm Fernseher ein Glas Wein geniessen.
Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt? Nein!
Und hier fühle ich mich wie das kleine gallische Dorf, das anarchistisch das tägliche Kontrastprogramm bestreitet.

Das Aussenbecken des öffentlichen Bades, das von großen dunklen Bäumen umsäumt wird, ist erleuchtet: ich schwimme durch das hellblaue Wasser, Dampf steigt auf, die Luft ist kalt, während ich am Abend meine Bahnen ziehe.

Durch die hohen Fenster der alten Sporthalle, durch die ich sonst beim Praktizieren der Stehenden Säule in den schönen Park blicke, blicke ich nun auf mein Spiegelbild. Der Park liegt im Dunkeln.

Auch der verwunschene Garten des Psychologenhauses ist in der Nacht verschwunden, als ich am weit geöffnetem Fenster tief einatme. Es regnet. Wir meditieren.

Im Fitnessraum schaue ich vom Stepper auf die unter mir liegende Mönckebergstraße. Menschen hasten mit Einkaufstaschen in die nächsten Geschäfte, der Himmel ist schwarz, die Straße nass, da hinten ist die Spitze der Nikolaikirche zu sehen und das Rathaus.

Im Dunkeln auf dem Balkon des 12ten Stocks über die Bucht schauen, auf die Ostsee, den Strand, die Häuser, ganz winzig und verstreut, die Kälte fühlen, den Bademantel anziehen und ins Schwimmbad gehen.

November. Zeit des Requiems. Zeit zu gedenken. Nicht unbedingt zu weinen, auch wenn ich das Lacrimosa liebe. Verdis Lacrimosa. Das ist so wunderschön.

Ich fange an zu planen. Es gibt so viel, was ich nächstes Jahr machen möchte, so viele Möglichkeiten, so viele Einladungen, ich lache, das haut doch alles gar nicht hin, mehr Zeit brauche ich, mehr Tage, mehr Jahre, und ja, das Leben muss gelebt werden, hier und jetzt, und auf der Couch kann ich immer noch sitzen, an einem Novemberabend, ganz weit in der Ferne, wenn ich alt bin, wenn gelebt worden ist und die Erinnerungen bleiben.

26.10.2019

Unterwegs.

Highlight der Woche:
Einladung von G. aus Georgien an Team Naughty (unser Arktis-Dream-Team), ihn in  2020 für eine Woche in Georgien zu besuchen. Wir müssten uns nur auf ein Datum einigen und die Flüge zahlen. Team Naugthy ist hellauf begeistert, wir möchten so gern nach Georgien und uns wiedersehen, die Bilder, die G. uns geschickt hat, sehen wunderbar aus, mal schauen, ob wir es schaffen, die Team Naughty-Mitglieder aus den USA, UK, der Schweiz und Deutschland zusammen unter einen Hut und zu G. nach Georgien zu bekommen.

Fail der Woche:
Ich wusste, dass ich niemanden auf D.’s Geburtstag kennen würde. Auf dem Weg zum Restaurant, in dem wir unser Essen selbst kochen werden, verlaufe ich mich auf dem unübersichtlichen Areal. Aber ich bin ja plietsch und folge einfach einigen Herrschaften, die mit Geschenken bewaffnet auf das Restaurant zusteuern. Ich lasse mir die Garderobe zeigen, plaudere ein wenig und möchte mein Geschenk auf den Gabentisch legen.

Das ist doch hier der Geburtstag von D.?, frage ich den netten Herrn neben mir. 
Das hier ist die Hochzeitsfeier von S. und G.,
 antwortet er.
Huch!
Ich nehme mein Geschenk und suche die nächste mir (noch) unbekannte Gesellschaft.

Hier wird gekocht. Im Team „Vorspeise“ schwitze ich Unmengen von Gemüse an. Gemüse kann ich. Es ist ein wunderbarer Abend, auch auf dieser Feier lerne ich sehr nette Menschen kennen. Und wenn dem nicht so gewesen wäre….hätte ich ja zur mir schon bekannten Hochzeitsrunde zurückgehen können…

Die Woche an sich:
Die Woche war anstrengend. Anstrengend bei der Arbeit, dazu noch viele kleine Dinge zwischen Büro und dem Sport erledigt (Rezept aus meinem kleinen Krankenhaus holen, Wochenmarkteinkäufe am Freitag einbauen, Umorganisation sämtlicher Sportaktivititäten, weitere Termine abmachen, mein Rezept zur Apotheke bringen, Schuhe kaufen).

Ausserdem führe ich ein langes Telefonat mit der Moderatorin für den anstehenden Mutmachabend am 29.10. zum Thema Brustkrebs, den die Stiftung meines kleinen Krankenhauses organisiert.
„Aktiv leben“ und „Halt finden – Halt schenken“; zu diesen tollen Themen darf ich als Talkgast auf der Bühne meine Erfahrungen vor einem größeren Publikum teilen. Ich bin gespannt.

Am Samstag bin ich dann endgültig k.o. und beschließe, den Tag einfach im Bett zu bleiben, rumzutrödeln, einige Stunden Shopping Queen zu schauen, nur zur Apotheke muss ich schnell rüberlaufen, um meine bestellten Tabletten abzuholen.
G., meine Schwimmfreundin, ruft an, sie habe mich am Freitag vermisst und möchte wissen, ob ich krank sei und etwas bräuchte. Das ist sehr lieb von ihr. Ich gebe Entwarnung und verspreche, dass ich nächsten Freitag wieder am Start bin.
Weiter rumtrödeln, etwas zum Abendessen kochen, die Schwimmtasche für Sonntag packen und ab in die Badewanne.

Ausserdem muss ich noch überlegen, was ich am Dienstag Abend anziehen möchte – vielleicht probiere ich gleich einige Kombinationen durch, bevor ich am Dienstag in Panik verfalle. (note to myself: der neue dicke schicke Strickpullover fällt aus, abends ist die Zeit der Hitzewallungen, und Bühnenbeleuchtung macht das auch nicht besser.)

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji auf dem Dach ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Gym ✔️
Donnerstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

17.09.2019

Epilog: was bleibt.

Ich habe das Nordpolarmeer gesehen.
Ich habe die Nordlichter beobachtet, die am schwarzen Himmel tanzten und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen liessen.
Ich habe die klare Luft gefühlt, kalt und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zog.
Ich habe die Gischt im Gesicht gespürt, kühl und frisch, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis geglitten sind.
Ich habe die Wale gesehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchten, bevor sie wieder in der Tiefe verschwanden.
Ich habe die Eisbären gesehen, „white and fluffy“.
Ich habe die Gletscher und die Eisberge bestaunt, die in unendlich vielen Blautönen geglitzert und unseren Weg in die Kälte gesäumt haben.
Ich habe am Tag die helle Sonne gesehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich habe mich auf den Weg gemacht.

Ich habe neue Freunde gefunden.

Und ein chinesisches Familienmitglied bin ich auch geworden…

– Ende –

Nachtrag
Email von D:
…You will be happy to know that I am fully unpacked and am now ready to pack again to leave for California on Thursday!
Thank you for being such a good, kind and patient roommate
🤗 Fond memories! Take care“

15.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 10

Unser letzter Landausflug geht in das kleine isländische Fischerdorf Suoureyri mit 240 Einwohnern. Eine Premiere: hier ist noch nie ein Schiff mit Passagieren angekommen. Die Fischer haben ihre Boote umgeparkt, damit unsere Zodiacs Platz am Anleger haben. Und so wird in dem kleinen Dorf morgens um 8.15h Fisch für uns gekocht (ich setze aus),  dann geht es zur Besichtigung der ortseigenen Fischfabrik (ich setze aus), es gibt Fischfrikadellen (ich setze aus) und zu guter Letzt noch getrockneten Fisch zu probieren (ich setze aus).

D. (zur Erinnerung: 76 Jahre alt) ist begeistert; sie war im ersten Zodiac beim Anlanden und im letzten, als es aufs Schiff zurückgeht. Ich frage mich, wo sie ihre unglaubliche Energie hernimmt. Allerdings brauchen wir diese, da wir mal wieder ihren Zimmerschlüssel suchen.

Auf der Brücke – neben dem Jakuzzi an Deck 5 mein Lieblingsplatz – werde ich fröhlich begrüsst, man kennt mich hier schon, ich komme täglich vorbei, und ausserdem habe ich die Wale gesichtet.
5 Meter hohe Wellen mit Windstärke 8 stünden uns bevor, die gesamte Strecke zurück nach Reykjavik.

Die Expeditionsleitung mahnt uns, unsere Seekrankheit-Tabletten einzunehmen und unverzüglich die Koffer zu packen; wenn es erstmal stürmt, würde das Packen schwierig werden.

Ich bin in 15 Minuten fertig mit meinem Gepäck; als ich wieder in die Kabine komme, sieht es allerdings aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. D. packt nicht, D. sitzt vorm Spiegel und tuscht sich seelenruhig die Wimpern. Ob ich ihr beim Packen helfen solle, frage ich. Sie sei so gut wie fertig, kommt als Antwort und das Chaos ignorierend, ausserdem müssten wir jetzt die Präsentation des Bordfotografen in der Lounge verfolgen.
Wir machen uns auf den Weg in die Lounge, die Sea Spirit schaukelt vor sich hin.

Nach der Präsentation bleibt unsere Clique sitzen und tauscht Adressen aus. Wir wissen nicht, dass wir uns in diesem Moment zum letzten Mal sehen werden.

Der Sturm nimmt zu. Fasziniert blicken wir aus unserem Kabinenfenster, an das die Wellen krachen, mal scheinen wir unter Wasser zu sein, mal sehen wir nur den Himmel, wir schweben, wir fallen krachend in die Tiefe. D.s Noch-Nicht-Kofferinventar trudelt und fliegt durch die Kabine. Mit dem Captains Dinner wird das nix, sage ich, als ich auf allen Vieren ins Badezimmer krieche.
D. stimmt mir zu, safety first, wir bleiben auf den Betten liegen und lassen uns grüne Äpfel und Cracker bringen. Tut uns auch mal ganz gut, meine ich, nach den unzähligen Kuchen, Waffeln, Cremes und Crepes.

Ansage von der Brücke: das Captain Dinner fällt aus, ausserdem würden wir nach Backbord drehen, es würde noch stürmischer werden. Die Passagiere mögen bitte sicher sitzen oder noch besser: im Bett liegen. Das Herumlaufen auf dem Schiff wird verboten.
Wir machen das richtig, ruft D. unter ihrer Bettdecke hervor, während die Sea Spirit ächzt und sich durch die Wellen kämpft.

14.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 9

Wale!, rufe ich aufgeregt und deute irgendwo ins Nordpolarmeer. Ganz nah am Schiff!
Der Kapitän und der Safety Officer, die bis eben noch konzentriert auf der Brücke gearbeitet haben, schauen auf. Well spotted, werde ich vom Kapitän gelobt, der jetzt zu mir herübergetreten ist, es dürften Finnwale sein. Nach dem Lunch komme ich wieder, lasse ich das Bridge-Team wissen, ich bin ja schnell enthusiastisch bei der Sache.

Im Restaurant berichte ich von meiner Walsichtung, leider hat weder die Brücke noch die Expeditionsleitung eine Durchsage gemacht, und nun sind meine Mitreisenden etwas geknickt. Auf Wale haben sie bisher vergeblich gewartet.
Nach dem Mittag werde ich als Watchman wieder on duty auf der Brücke sein.

Nachts ertönt wieder einmal die Durchsage, das Nordlichter zu sehen seien, ich schlafe weiter, murmele ich, D. sucht ihre Kamera (ich helfe ihr nicht beim Suchen) und macht sich auf in die Kälte. Kurze Zeit später ist sie zurück, die Nordlichter waren schwach und nur auf den Fotos der chinesischen Familienmitglieder zu sehen, die ihr allerdings Fotos schicken werden. Das Moon Festival hat sich ganz positiv auf die chinesisch-internationalen Beziehungen an Bord der Sea Spirit ausgewirkt.

13.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 8

Minus 11 Grad. Es ist 6.20h, D. springt aus dem Bett, schau die Berge an, ruft sie, über die sich der rosa Schleier des Sonnenaufgangs gelegt hat. Wir laufen auf Deck 5, um die Sonne zu begrüssen.

Heute Vormittag habe ich mich für das botanische Programm entschieden. Man muss nicht weit gehen, um die Schönheit dieser Welt zu entdecken. Wir schauen im Gosefjord auf den Boden, der mal gefroren unter unseren Schritten knistert und sich an anderen Stellen wie ein dicker flauschiger Teppich anfühlt. Etwas Arnika, ein paar späte Blaubeeren, kleine weiße und lila Blümchen wiegen sich im Wind, es ist kalt, es ist Herbst, nächste Woche wird sich der Schnee über die arktische Landschaft legen.

Zurück an Deck, gehe ich mit meiner Zimmergenossin auf die Brücke. Wir setzen uns draussen unter die breite Fensterfront und geniessen die Sicht auf die unendlich vielen Eisberge.

Viking Bay – Frede Glacier.
If you think we can’t top the highlights of this trip…we can!, so die Ansage der Expeditionsleitung. We have spotted something white and fluffy outside….Eisbären!!!!
Das ist sehr selten, auch wenn unsere Anlandungsplätze immer sorgfältig auf Eisbärspuren geprüft werden und das Team für den Notfall mit Gewehren ausgerüstet ist.

Trotz des Hineinschummelns in die internationale Gruppe – ein aufwendiger Akt – schaffen wir es nicht, zusammen ein Zodiac zu bekommen. A. aus der Schweiz landet im russischen Boot, S. aus der Schweiz samt D. und G. aus Georgien sind im internationalen Boot, Jay aus Wales, J. aus Maine und ich sind bei den Amerikanern gelandet.

Alle Zodiacs sind im Einsatz, wir nähern uns dem Gletscher und den Bergen. Mitten am Berg, auf einer schneebedeckten Platform, bewegt sich etwas Weisses. Unser erster Eisbär! Ganz still ist es in den Booten, selbst den sonst agilen Chinesen scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

Der Bär legt sich hin; wir steuern dichter an den Gletscher heran. Wieder ist eine Bewegung am Berg auszumachen: ein Eisbär und zwei Eisbärbabies schauen in unsere Richtung. Dahinter der Gletscher mitsamt seinen türkisfarbenen Eisbergen- und Schollen, die wie überdimensionale Diamanten in der Sonne glitzern.

Im Restaurant, das heute mit chinesischen Lampions und Luftschlangen geschmückt ist, sitzen wir alle wieder zusammen an unserem Tisch. Lucky Sally ergreift das Mikrofon: heute ist das chinesische Moon Festival, ein wichtiger Feiertag in China, der mit der Familie gefeiert wird. Heute sind wir auf diesem Schiff eine große Familie, sagt Lucky Sally. Zum ersten Mal verschwimmt die unsichtbare Grenze, die sich durch die Chinesen und den Internationalen und durch das Restaurant gezogen hat.

Wir sind jetzt Chinesen, stelle ich fest.
Die neue chinesische Familie kommt an unsere Tische und bietet chinesische Kuchen und Süssigkeiten an, macht Fotos it den neuen Familienmitgliedern, sie singen und klatschen und sind fröhlich, während wir noch etwas verblüfft aus der Wäsche schauen und die teils schrecklich schmeckenden Süssigkeiten heimlich im indischen Curry und den Tagliatelle verstecken.

Bevor der Sake an unseren Tisch ankommt, machen wir uns auf den Weg zu Deck 5. Im roten Baywatch-Badeanzug und mit meiner Flasche Rotwein bewaffnet, treffe ich bei Minus 8 Grad auf meine Freunde im Jakuzzi. The party can start!

 

 

 

05.09.2019

Logbuch Arktis.
Prolog.

Ich möchte das Nordpolarmeer sehen.
Ich möchte die Nordlichter beobachten, die gelb-grün am schwarzen Himmel tanzen und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen lassen.
Ich möchte die klare Luft fühlen, kalt, salzig und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zieht.
Ich möchte die Gischt im Gesicht spüren, salzig und kühl, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis gleiten.
Ich möchte die Wale sehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchen, bevor sie wieder in der Tiefe verschwinden.
Ich möchte die Gletscher kalben hören, das dumpfe Grollen und das laute Krachen, wenn sie zusammenbrechen.
Ich möchte die Eisberge sehen, die in unendlich vielen Blautönen glitzern und unseren Weg in die Kälte säumen.
Ich möchte am Tag die helle Sonne sehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich mache mich auf den Weg.

04.09.2019

Unterwegs.

Es wird Herbst.
Schon gestern Abend auf dem Weg zur Meditation fiel mir auf, dass es dunkler wird.
Wie lange machen wir eigentlich noch dienstags Taiji im Garten? fragt mich mein Lehrer. Die kleine Gruppe schaut erwartungsvoll zu mir herüber. Bis Ende September, antworte ich, danach wird es zu dunkel. Dann fängt unsere Winterzeit an, in der wir jeden Dienstag meditieren. Das mit der Dunkelheit leuchtet unserem Lehrer ein, also meditieren wir am ersten Dienstag des September-Monats und haben dann noch ein paar Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses, bis wir im Oktober in den Wintermodus wechseln.

Auch am Mittwoch ist der Himmel wolkenverhangen, als ich mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache.
Sie haben schon wieder die Farbe gewechselt!, ruft mir Walross 1 entgegen. Ich erzähle ihm, dass der rote Badeanzug in meinem Koffer sei und ich deshalb heute in dunkelblau und weißen Pünktchen antrete.
G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, bahnt sich den Weg zu mir durch und umarmt mich. Sie freue sich so, mich zu sehen, ruft sie und strahlt. Ich strahle zurück.
Es ist Mittwoch, 11.00h, und dieselben Menschen, die sonst am Freitag um 12..15h ihre Bahnen im Aussenbecken ziehen, sind auch heute hier. Nur Hyazinth fehlt. Der kleine Spanier ist eigentlich jeden Wochentag im Aussen- und im Innenbecken zu finden, erst schwimmend, dann Wassergymnastik machend, immer lächelnd, immer freundlich. Ein guter Mensch, sagt G., der neben dem Schwimmen ehrenamtlich im Hospiz als Sterbebegleitung tätig sei.

Am Montag habe sie an mich gedacht; sie möchte wissen, wie es mir beim Projekt „Darmspiegelung“ ergangen sei. Wir lachen zusammen, während ich die Aktion nochmal für sie zusammenfasse, dann gehen wir zum Thema B12 und D3 über, während wir nebeneinander herschwimmen.  Aber wenn Du aus der Arktis zurück bist, dann müssen wir uns unbedingt auf einen Kaffee treffen, sagt G. Ich bejahe, das müssten wir auf alle Fälle tun, und wir freuen uns, die Wolken brechen auf, wir halten unsere Gesichter in die herbstliche Sonne, es ist so schön, das Leben.

Zuhause packe ich die restlichen Dinge in den Koffer: rot, weiß, dunkelblau, schwarz. Alles passt zu allem. Alles kommt mit.
Morgen geht es auf Reisen.

03.09.2019

Unterwegs.

Seit einer Stunde stehe ich in der Küche und bügele an der blauen Outdoorhose herum. Blau ist sie gerade nicht mehr, denn ich habe sie eingewachst, damit sie wieder wasserabweisende Eigenschaften annimmt. Fön oder Bügeleisen, sagt das YouTube-Video, das ich befrage, wie ich die nun weisse Hose wieder blau bekomme. Ich wähle das Bügeleisen, was schneller gehen soll, aber nicht gerade meine Königsdisziplin ist.

Überhaupt – will ich diese Hose wirklich mit in die Arktis nehmen? Der Knopf geht nicht mehr zu, der Reissverschluss auch erst seit gestern wieder, was ich allerdings dem Projekt „Darmspiegelung“ zu verdanken habe und somit kein dauerhaftes Schliessen des Reissverschlusses zur Folge haben wird.
Ich habe zugenommen.

Ich brauche eine neue Outdoorhose, sage ich zum Verkäufer des riesigen Outdoorgeschäftes in Barmbek, so eine wie die, die ich trage, aber eine Nummer grösser, denn Skiunterwäsche passe nicht mehr drunter. Ich senke die Stimme und wispere ihm zu: Größe 40.
Die identische Hose in einer Nummer größer passt. Knopf und Reissverschluss gehen zu, auch Skiunterwäsche wäre kein Problem. Allerdings widerstrebt es mir, etwas Größeres als 36/38 zu kaufen – und siehe da: das Hausmodell in beige passt mir perfekt in Größe 38. Und die Beine lassen sich auch abnehmen. 2 in 1 – damit kann ich die knielange beige Hose und die normale beige Hose wieder aus dem Koffer nehmen. Ich nehme sie mit. Genauso wie ein seifenförmiges Stück Wachs zum Einwachsen meiner blauen Hose, eine blaue Fleecejacke und eine karierte Bluse. Karierte Blusen gehen immer. Genauso wie gestreifte T-Shirts.

Ich gebe für den Einkauf ein kleines Vermögen aus, allerdings finde ich, dass ich mir auch etwas gönnen darf, immerhin habe ich in 14 Tagen eine Mammographie und eine Darmspiegelung hinter mich gebracht sowie freiwillig (und ohne Grund!) einen Termin beim Zahnarzt abgemacht.
Wobei ich lieber 365 Mammographien im Jahr machen würde plus einen Termin beim Zahnarzt on top, als nur eine Darmspiegelung, was den Grad des Elends aufweist. Hoch ist er. Sehr hoch.

Nicht nur eine Mangelernährungswoche bestehend aus Weizenmehl-Kartoffeln-Nudeln liegt hinter mir – das konträre Ernährungsprogramm zu meiner Nüsse-Vollkorn-Obst-Gemüse-Ernährung, auch ist das Mittel, von dem man einen Liter in zwei Schritten (der zweite nachts um 3.30h) trinken muss, begleitet von diversen Litern Wasser, ein Desaster. Ich gehe klar über meine Grenzen, auch wenn ich mir, nachts auf dem Balkon unterm schwarzen Himmel, nasezuhaltend das Glas an den Mund setze und an die Menschen denke, die weitaus Schlimmeres über sich ergehen lassen müssen, eine Chemo oder eine Stoma, beispielsweise. Da ich das vermeiden will, komme ich um die alle zwei Jahre stattfindende Darmspiegelung nicht herum.

Immerhin kann ich den Reissverschluss der blauen Outdoorhose wieder zumachen, ein unerwarteter Erfolg, und ein zu Recht verdienter obendrein.

Ich schütte die isotonischen Getränke und den Apfelsaft weg und werfe die restlichen Weizenkekse in den Müll – vor des Nachbarn Tür stellen kann ich solche angefangenen Dinge nicht – nichts soll mehr an die Darmspiegelung erinnern, und ausserhalb dieser extremen Miss-Ernährungswoche kann ich diese Dinge nicht gebrauchen. Ich bin erstaunt, wie sehr mir meine gesunde Ernährung fehlt und mache einen Ausflug zum Isemarkt, um Brombeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Äpfel, Wurzeln, Vollkornbrot und etwas Frischkäse an den Ständen zu erwerben.

Dabei trage ich die blaue Outdoorhose, irgendwie finde ich sie doch sehr schön, sie darf mit in die Arktis, beschliesse ich, gewachst und gebügelt und die Wanderstiefel auch, neu eingefettet und imprägniert.

20.08.2019

Im Krankenhaus.

Flashback, Dezember 2016.
Ich erstarre: es fühlt sich an, als ob mir jemand eine schwere Zementplatte auf den Oberkörper drückt. Ich kann nicht atmen. Panik steigt auf.
Ich bin allein auf dem Vaporetto in Venedig, irgendwo auf dem Canale Grande, irgendwann im Dezember. Es nieselt. Schlaganfall. Herzinfarkt. Ich hebe vorsichtig den Arm (funktioniert), versuche zu lächeln (funktioniert), spreche ein paar Worte (funktioniert). Soll ich sitzenbleiben? Soll ich aussteigen? Ich steige aus, ich muss mich bewegen, um die Panik in den Griff zu bekommen, ich laufe durch die engen Gassen, links und rechts ragen die Palazzi empor. Nach einer Weile wird es besser. Ich entspanne mich.
Zuhause stellt mein Hausarzt fest, dass die Blutwerte gut sind, das EKG und Belastungs-EKG unauffällig, der Blutdruck ebenso.
Noch später bin ich davon überzeugt, dass das der Moment war, in dem der Brustkrebs Einzug erhielt.

100 Euro möchte ich bitte in isländische Kronen tauschen, sage ich zum Bankangestellten. Während ich das sage, frage ich mich, was ich denn mache, wenn…
Morgen ist der jährliche Mammographie- und Ultraschalltermin in „meinem“ Krankenhaus. Sollte ich nicht besser abwarten, ob…
Nein, antworte ich mir. Was auch immer sein wird, ich fahre in die Arktis.
Der nette Mann am Schalter nimmt sich extra Zeit, erklärt mir die neuen und die alten Banknoten und woran ich diese erkennen würde, wir scherzen und lachen, während sich die bösen Blicke der Wartenden hinter mir in den Rücken bohren und ich mich frage, ob ich mit dem Geldtausch nicht doch besser abwarten sollte.
Nochmal nein.
Ich fahre in die Arktis.

Es ist ungewöhnlich, dass ich nervös werde, allerdings kann ich mir das Ziehen in der linken Brust nicht erklären, das immerhin drei Wochen anhielt, bevor es, genau wie sämtliche Rippenschmerzen, von allein wieder abklang.
Zerrungen vom Sport oder so, denke ich.
Deine Nervosität hat einen realen Hintergrund, erinnere ich mich.
Zur Vorsicht informiere ich ein paar Freunde, dass man mir am Dienstagmorgen bitte die Daumen drücken möge. Vier umgehende Zusagen, vier ist eine gute Zahl, wie ein Glückskleeblatt, das passt.

Alles unauffällig, keine Veränderungen, sagt die Radiologin. Sie untersucht extra vorsichtig, aber einen Grund für die Schmerzen gebe es hier nicht.

Das gute Ergebnis teile ich zwanzig Minuten später der Gynäkologin mit. Sie fragt nach, welcher Radiologe mich heute untersucht hätte, ruft dort an und lässt sich meine Auskunft bestätigen.
Note to myself: Du musst an Deinem Auftreten arbeiten. Wer Ringel-T-Shirt, Jeans und Turnschuhe trägt, scheint nicht glaubwürdig zu sein.
Note back to myself: Aber das Ringel-T-Shirt ist ganz neu. Das hast Du extra angezogen!
Wir plaudern noch etwas über die Arktis, verabschieden uns, ich trete wieder hinaus in die Sonne und atme tief durch. Ich bin dankbar, demütig und glücklich.

Auf ins öffentliche Bad!
Im Aussenbecken sind nur ein paar Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-Schwimmer unterwegs. Ich unterhalte mich mit Hyazinth (der kleine Spanier scheint hier im Bad zu wohnen), dann gleite ich langsam der Sonne entgegen.

Heute zähle ich keine Bahnen. Heute schaue ich nicht auf die Uhr. Heute freue ich mich über die Sanftheit des Wassers, das mich umschliesst und über die kleinen silbrigen Wellen, die bei meinen Armbewegungen entstehen.
Von der Kampfschwimmerbahn spritzen Wassertropfen herüber, sie wirbeln durch die Luft, bevor sie sich auf unserer Seite mit dem hellblauen Nass vereinigen.

Ich ziehe meine Bahnen, blinzele ins Licht und denke: heute glitzert das Wasser besonders schön.

2 Jahre, 5 Monate, 1 Woche und 4 Tage krebsfrei.

16.08.2019

Unterwegs.

Da war ich noch gesund, denke ich, als die nächste Erinnerung bei Facebook aufploppt. Das denke ich immer, wenn die Fotos, die mir plötzlich angezeigt werden, älter als 2,5 Jahre sind. Du bist gesund, korrigiere ich mich (wenn man mal von dem defekten Gen, der wankelmütigen Schilddrüse, der tauben Wade und dem chronischen Husten absieht, was ich aber alles nicht als „krank“ bezeichne). Ich schaue mir die Erinnerungen besonders genau an; wie habe ich da ausgesehen, wie geschaut? Und stelle fest, dass ich jetzt besser aussehe und zufriedener dreinschaue. Das ist interessant. Und gut.

Da ich am Montag (keine Lust) und Dienstag (Unterricht fiel aus) mein Sportprogramm zuhause auf dem Dach absolviert habe, beschliesse ich, am Mittwoch zur Taiji-Class zu gehen. Der Mittwoch-Slot (ehemals Herzi-Programm) „verkommt“ immer mehr zum social-Slot, heute entscheide ich mich aber für das zweistündige Taiji-Programm.

In der alten Halle, die inmitten eines schönen Parks in Altona liegt, fällt mir auf, dass nur die  richtig guten Taiji’ler am Start sind. Schon das Aufwärmprogramm ist neu; unser Lehrer, der extrem kompetent und enthusiastisch ist, hat sich wieder etwas Neues für uns überlegt. Natürlich ist es anstrengend, natürlich bin ich nach fünf Minuten durchgeschwitzt, der Blick zur Seite bestätigt aber, dass es meinen Mitstreitern nicht anders geht. Die ersten klagen über Kreislaufprobleme, was mit einem „richtig atmen!“ kommentiert wird. Mitleid hat unser Lehrer nicht, da können H. und P. am Boden liegenbleiben.

Da wir die äussere Form ja alle können und wir hier nicht mehr Level 1 sind, möchte unser Lehrer in der nächsten Zeit den Fokus auf die innere Form legen. Die Stehende Säule wird in sechs Varianten aufgeteilt, nach denen mir die „normale“ Stehende Säule lächerlich unanstrengend erscheint. Weiter geht es mit Fang Song, und was bei unserem Lehrer so einfach erscheint, ist extrem ambitioniert.

Nach 90 Minuten der erlösende Aufruf, dass wir in die Form gehen. Ich freue mich. Unser Lehrer ergänzt: die 75er Form. Ich freue mich nicht mehr. Ich kann nur die 19er Form. Spätestens jetzt ist mir klar, warum beim Mittwoch-Unterricht nur die langjährigen Schüler angetreten sind; von der 19er über die 75er bis hin zur 38er und der Schwertform sind sie fit. Ich könne einfach kopieren, ruft mir mein Lehrer zu. Nach langer Zeit fühle mich wieder wie ein Anfänger. Trotzdem stapfe ich nach dem Unterricht glücklich nach Hause.

Das pink Deiner Badekappe beisst sich mit meinem knallig pink-roten Badeanzug, lache ich meiner Schwimmfreundin zu. G., die mich schon vermisst hatte, macht mir Komplimente zum neuen Outfit, wir schwimmen plaudernd nebeneinander her, dank des kühlen grauen Wetters ist es leer im Aussenbecken des öffentlichen Bades, einfach perfekt für uns.
Ihre Tochter fände sie albern, weil sie in ihrem Alter immer noch so großen Wert auf ihr Äußeres lege, sagt G. Ich finde das toll, antworte ich. Warum sollte man nicht auch mit 80 Jahren schick angezogen sein und auf seine Figur achten; das zeigt doch, dass man sich wertschätzt.
G. sieht das genauso so, sie erzählt von ihrem jungen und gutaussehenden Arzt, dem angeknacksten Fuss (der sie natürlich nicht vom Schwimmen abhält), der Fahrt nach Glückstadt und ihrem Blazer, der nicht mehr zugeht.

Am Freitag Mittag im Aussenbecken überkommt mich ein Urlaubsgefühl, obwohl ich bis vor einer halben Stunde im Büro mit Irland und Myanmar ge-skype-meetet und mit Zypern und Singapur telefoniert habe. Wie wunderbar ist es, plaudernd seine Bahnen zu ziehen und sich darüber zu freuen, einfach hier zu sein.

Fitnessprogramm der Woche:
Montag: Stretching ✔️
Dienstag: Taiji und Tubes ✔️
Mittwoch: Taiji-Class ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag/Sonntag: natürlich etwas Taiji und/oder Schwimmen

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12.08.2019

Unterwegs.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn der Arzt, den ich zwei Jahre zuvor für 10 Minuten bei einem Info-Gespräch gesehen habe, sagt, dass er sich an mich erinnere?

Ich erinnere ihn daran, dass ich ein defektes NTHL1-Gen habe und deshalb wieder zur Spiegelung kommen solle. Aber wir hätten ja damals nur zwei kleine Polypen enfernt, nix dramatisches. Nun interveniert er; das Gewebe müsse man beobachten, deshalb sässe ich wieder hier.

Wieder mal habe ich einen Arztbrief missverstanden; ich dachte, alles sei gut.

Mir wird Blut abgenommen, mit einem Termin und dem Konzentrat zum Einnehmen stehe ich wieder vor der Tür.

Jetzt bin ich aber schon etwas amüsiert: statt mir zwei Jahre trübe Gedanken wegen des defekten Gens zu machen, habe ich zwei fröhliche Jahre gelebt.

Ich sitze am Kanal, trinke einen grünen Tee und beschliesse, mir auch weiterhin keine Sorgen zu machen. Was kommt, wird kommen, was fernbleibt, bleibt fern. Es macht schlichtweg keinen Sinn, sich vorab unnütz zu sorgen.

Nächste Woche wieder Doppel-Nachsorge-Termin in „meinem“ Krankenhaus, Anfang September die Spiegelung, und dann geht’s in die Arktis. Das Leben ist schön. Alles andere akzeptiere ich sowieso nicht.

09.08.2019

Unterwegs.

Schwimmen gehen: 1
Pokemon jagen: 1
Pinakotheken: 6
Deutsches Museum: 6 (1)
Pasing-Arkaden: 2
Zoo: 4
Olympiapark: 5
BMW-World: 3

Am Wörthsee versuche ich anhand von Schulnoten herauszufinden, was ich mit Kind 1 an „unseren“ Neffen-Tanten-Tagen unternehmen könnte.
Mit Kind 2 habe ich nur einen gemeinsamen Tag, und mit der Zwillingsschwester war das auch in einer Minute geklärt: Sealife und Shopping.
Mit Kind 1 gestaltet sich die Planung schwieriger.

Was ist das graue unter dem grünen T-Shirt?, frage ich Kind 1.
Ein anderes T-Shirt, antwortet der 9-jährige.
Ausziehen, sage ich, nur das grüne T-Shirt wird angezogen.
Kind 1 steht vom Frühstückstisch auf, geht in sein Zimmer, zieht sich um und kommt zurück. Jetzt ist etwas blaues unter dem grünen Shirt.
Was ist das?, frage ich wieder.
Kind 2 antwortet stellvertretend: das ist sein Pyjama!
Kind 2 lacht.
Ich rolle innerlich mit den Augen und schicke Kind 1 wieder zurück auf Los.
Nur das grüne T-Shirt, nix darunter, rufe ich hinterher.

Ich bin allein mit den Zwillingen, der Rest der Verwandtschaft ist bereits zur Arbeit gegangen.

Kind 2 isst seine Crunchies, allerdings hat es Joghurt, Milch und Obst verweigert. Ich beschliesse, mich nicht zu ärgern und keine Diskussion anzufangen. Schliesslich muss ich heute noch den ganzen Tag mit Kind 2 verbringen; wie geplant, wollen wir ins Sealife gehen und danach noch in die Pasing-Arkaden, Geschäfte gucken. Ich bin gespannt, ob wir da hinfinden, die S-Bahnen in München waren gestern komplett ausser Betrieb, Kind 1 und ich steckten nach dem Besuch des Deutschen Museums (das raketenartig von 6 auf 1 in der Benotung rutschte, als Kind 1 feststellte, dass es dort komplette Flugzeuge und U-Boote gibt) am Isartor fest und mussten mit diversen Trams den Weg in Richtung Heimat antreten.

Den Weg zum Frühstückstisch tritt Kind 1 allerdings nicht an.
Eine Fliege ist in meinem Zimmer, höre ich ihn rufen, komm schnell, Tante A., wir müssen sie fangen und Esmeralda (die fette Spinne auf der Terasse) zum Fressen geben!
Ich lasse Kind 2 mit den Crunchies zurück und gehe auf Fliegenjagd.
In 10 Minuten holt Dich Dein Freund ab, und Du bist noch nicht mal ordentlich angezogen! Das ändern wir jetzt mal schnell.

Kind 1 sind wir los. Unser erster kompletter Neffen-Tanten-Tag wurde mit 1- benotet (weil  die Bahn nicht fuhr und wir in einer überfüllten Tram feststeckten). Da Kind 1 allerdings einen tollen Orientierungssinn hat, haben wir es tatsächlich wieder bis nach Hause geschafft, nach fast 90 Minuten im Bergwerk, das sich anscheinend unter dem kompletten Deutschen Museum befindet, 2 weiteren Stunden zwischen Schiffen und Fluggeräten, einem Mittagsstop beim Italiener, einem weiteren Stop bei der Eisdiele und letzte Stops im Park, um noch ein paar Pokemon fangen.

Die S-Bahnen sind auch heute noch ausser Gefecht; München im Ausnahmezustand.
Wir auch.
Kind 2 hat (wie ich) leider gar keinen Orientierungssinn, der Weg ins Sealife ist ambitioniert. Wir sind beide überrascht, wie gut wir dort hin- und sogar wieder zurückfinden.
In den Pasing-Arkaden muss ich mit in die pinke Plastik-Welt der Puppen. Geduldig stehe ich neben Kind 2 und lasse es in Ruhe schauen. Es hat sein Taschengeld eingepackt (das Geschenke-Budget für die Kinder haben wir bereits im Merch-Shop des Sealife aufgebraucht). Nach einer gefühlten Ewigkeit darf ich hier wieder raus. Nun verlaufen wir uns doch noch ein wenig und werden vom Regen überrascht. Der Nichten-Tanten-Tag bekommt eine 2 (weil die Bahn nicht fuhr und es anfing zu regnen).

Der nächste Neffen-Tanten-Tag findet im Schwimmbad statt.
Ich wollte dort nicht hin, weil mir die Verantwortung zu groß ist. Die Eltern sehen das gelassen, Kind 1 könne 20 Bahnen am Stück schwimmen und ist im Schwimmverein. Den Weg zum öffentlichen Bad weiß es natürlich auch, genauso wie das Prozedere von Schliessfächern, Umkleiden etc, das hier ganz anders als in meinem öffentlichen Bad in Hamburg ist.
Ich weigere mich die riesige Rutsche runterzurutschen, muss aber diverse Male durch den Strömungskanal, in den sprudelnden Whirlpool, ins Aussenbecken, in den nächsten Whirlpool, Kind 1 lacht und taucht und taucht und lacht, als der Wasserfall, unter dem ich aus Versehen stehe, angeht und meine Haare nun doch klatschnass werden.
Wir haben Spass: nach zwei Stunden im Wasser kann ich Kind 1 überzeugen, dass es Zeit zum Essen  ist. Zum Thailänder möchte das Kind, und danach noch in den Wald zur kleinen Kirche zur Pokemon-Arena (die wir zum dritten Mal während des Urlaubs ansteuern). Der Tag bekommt eine 1- (weil ich ihm keine Pommes Frites gekauft habe, wobei er mich auch gar nicht gefragt hatte).

Dafür habe er aber Tante A.s Behindertenausweis gesehen (hellgrün mit Foto und Zahlen  drauf), den ich im öffentlichen Bad für die Ermässigung vorgezeigt habe. Das Behinderten-Thema hat mein Bruder beim Abendessen angesprochen und damit die Neugierde der Kinder geweckt: ich sähe nicht behindert aus, ich hätte keinen Rollstuhl, ich bin so gar kein Vergleich zu ihrer Cousine, der man ihre (geistige) Behinderung anmerkt. Auf dieses Thema war ich nicht vorbereitet, um es kindgerecht zu kommunizieren. Etwas unsouverän gehe ich darüber hinweg; bis zum nächsten Aufeinandertreffen habe ich viel Zeit, um mir etwas zu überlegen, sollte das Thema nochmal auftauchen.
Jetzt überlege ich erstmal, ob ich noch zum Schwimmen gehe, am Abend, wo es dunkel wird, hier im Nieselregen, hier wieder in Hamburg.

28.07.2019

Unterwegs.

Es ist heiss. Das ist allerdings kein Argument, das Fitnessprogramm zu vernachlässigen, doch muss es den Gegebenheiten angepasst werden.

Da unser Taiji-Lehrer im Urlaub ist, beschliesse ich, am Montag und Dienstag nicht mit der Gruppe zu trainieren sondern mein Programm zuhause auf dem Dach zu absolvieren. Es ist warm, aber für Stretching, Tubes und die eine oder andere Form ist es wettertechnisch durchaus ok. Ausserdem mag ich es, auf der Yogamatte zu liegen, in den blauen Himmel zu schauen und dem Flug der Möwen zuzusehen.

Mittwoch, 35 Grad. Auf diesen Abend habe ich mich schon so lange gefreut! Meine Lieblingsband aus New York ist in der Stadt.
Die Tickets haben wir längst gekauft, genauso wie mein Outfit, welches ich eigentlich anziehen wollte. Allerdings passt ein schwarzer, enger Rollkragenpulli mit halblangen Ärmeln nicht zur Wetterlage oder in die Tiefen eines Musikclubs, wobei ich mit der Annahme richtig liege, dass es dort, auch wenn man fast zwei Stunden wild in der ersten Reihe tanzt, kühler ist als draussen.
Was für ein grandioser Abend!
Fangirlmässig warten wir nach dem Auftritt auf die Band, die wie immer bereitwillig für Fotos zur Verfügung steht. Ich bedanke mich bei ihnen für die tolle Musik, erzähle, dass ich sie heute das siebte Mal live sehen durfte und Leo eines meiner Fotos bei Insta geteilt hat.
Wir machen Fotos, ich bin glücklich.
Erstmals habe ich auch eine Freundin dabei, die nicht wie die anderen Freunde (und alle sind bisher freiwillig mitgekommen!) eigentümlich ruhig geblieben ist sondern genauso begeistert in der front row mitgetanzt hat. Die Band wird uns definitiv wiedersehen.

Heatwave am Donnerstag. Bei 36 Grad Aussentemperatur lasse ich den Besuch des Gyms ausfallen. Minimales Stretchingprogramm im Wohnzimmer, nicht der Rede wert.

Freitag wechsele ich auf die Kampfschwimmerbahn, auf der nur ein Kampfschwimmer und drei moderate Schwimmer (also meine Artgenossen) vorzufinden sind. Es schwimmt sich hier erstaunlich gut. G., meine Schwimmfreundin, ist nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades zu sehen, ich plaudere ein wenig mit Hyazinth, der genauso strahlt wie die Sonne am Himmel.

Am Samstag beschliesse ich, antizyklisch vorzugehen: um 20.00h schlage ich im Schwimmbad auf, eine gute Idee, die meisten Gäste sind bereits gegangen. Gemütlich ziehe ich meine Bahnen und bin zufrieden mit mir und der Welt.

Sonntag morgen um 8.00h gehe ich in den Hafen und mache Taiji. Noch sind keine Touristen unterwegs, nur ein Angler steht am Hafenbecken und versucht sein Glück. Lustigerweise treffe ich auf drei Chinesen im traditionellen Taiji-Outfit, die den Yang-Stil praktizieren, während ich weiter meinen Chen-Stil verfolge. Ein friedlicher Start in den Tag.

Montag: Stretching, Taiji ✔️
Dienstag: Stretching, Taiji ✔️
Mittwoch: Tanzen ✔️
Donnerstag: Hitzefrei
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Taiji ✔️

Nachtrag:
Das mir nachmittags auf dem Balkon eine Maus gegenübersitzt, bringt mich kurzzeitig aus der Balance. Lösungsfindung nächste Woche.

 

20.07.2019

Unterwegs.

Karl-Heinz?!? Kannst Du Würstchen und Kaffee holen, wir gehen schon mal an den Strand!

Sowas kann man sich nicht ausdenken, so ist das auf der Strandpromenade in Westerland. Wunderbar!

Bereits um kurz vor 11h kann ich in mein Zimmer, es ist sehr schön und unter dem Dach mit Blick auf die Friedrichstrasse, das Wlan erkennt meint Handy wieder, so ist das, wenn man nach Hause kommt. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Trotz mehrmaliger Nachricht einer Bekannten, dass es auf Sylt regnen täte und alles etwas enttäuschend sei, lasse ich mir die Laune nicht vermiesen. Mit Nörglern und ewigen Zweiflern hab‘ ich es nicht so. Ausserdem zeigt die Wetter-App Sonnenschein an. Und selbst wenn dem nicht so wäre: ich mag jedes Wetter. Von Badeanzug bis Regenjacke habe ich alles im Gepäck.

Die Sonne scheint.

Ich packe den Koffer aus und finde in meinem Schuhbeutel Euro 50,-. Die habe ich ja mal gut versteckt, denke ich, und packe das Geld ins Portemonnaie, das Extra-Budget darf ausgegeben werden.

Der Entschluss ist gefasst: ich werde das verlängerte Wochenende in Westerland vertrödeln, zwischen Friedrichstrasse und Strand. Kein Stress. Kein Programm. Ich darf machen, was ich will. Als erstes will ich Frozen Joghurt mit Mangostücken, damit verziehe ich mich an den Strand. Ich wandere umher, suche mir ein nettes Plätzchen und packe mein Buch aus, das der Verlag gerade rechtzeitig zur Abreise zugesandt hat.

Lesend pendele ich zwischen Strand und meinen Lieblingsrestaurants, es gefällt mir ausserordentlich gut.

Nachts lasse ich das Fenster geöffnet; Lachen, Musik und Möwengeschrei dringen ins Zimmer, auch das mag ich, es ist lebendig, es klingt nach Süden.

Am nächsten Morgen habe ich um 10.15h bereits Nüsse, Wasser, Bananen, ein gelbes Tuch und eine gelbe Handtasche gekauft (note to myself: die gefundenen Euro 50,- hast Du jetzt bereits mehrmals ausgegeben). Die Handtasche und das Tuch kommen nächste Woche mit ins Konzert meiner Lieblingsband und passen perfekt zu Leos gelb-orange-gefärbten Haaren (note to myself: no further comments…Du Fangirl….note back to myself: Und? Ich kann machen, was ich will!).

Es ist windig, der Sand verfängt sich in den Haaren, klebt im Gesicht und an den Füssen, ich wechsele wieder in den Strandkorb meines Lieblingsrestaurants und esse zu Mittag. Danach ein Frozen Yoghurt mit frischen Erdbeeren, ein frischer Minztee, etwas Strand, etwas lesen und viel leben, das ist alles, was zählt, und zwar jetzt.

12.07.2019

Unterwegs.

Haben Sie die Farbe gewechselt?
Das fragt mich nicht etwa meine Schwimmfreundin G. (die auch heute anscheinend wieder weit vor unserer gemeinsamen Zeit zum Schwimmen gewesen ist) sondern Walross 1.
Walross  1 taucht unvermutet vor mir im Aussenbecken des öffentlichen Bades auf und spricht mich an. Wir haben noch nie miteinander gesprochen.
Stimmt, antworte ich, ich habe die Farbe gewechselt; fällt das auf?
Meine Antwort ist ziemlich blöd, denn ich trage, statt wie sonst dezent schwarz-weiß gepunktet, zum ersten Mal meinen neuen Badeanzug, der ausschaut, als würde ich zum Baywatch-Team gehören. Aber in knallig.
Das Rot ist Neonfarben, leuchtet im Becken und anscheinend auch in der Tiefe, jedenfalls so sehr, dass es Walross 1 angezogen hat.
Das wird sich hier wie ein Lauffeuer verbreiten, meint Walross 1. Feuer passt in der Tat ganz gut zur Beschreibung meines Outfits, ich muss lachen. Von unten, fügt er hinzu, sehe man viel besser, er könne schon anhand der Bewegungen  und der Farben ausmachen, wer im Becken schwimmt.
Ich entgegne, dass, sollte ich mal auf den Grund sinken, man mich sofort sehen und retten könne.
Ausserdem finde ich mich gerade schick, denke ich, als ich mit ausgebreiteten Armen am Beckenrand ins hellblaue Wasser schaue und auf meine mittlerweile bronzegefärbten Beine und den knalligen Badeanzug blicke. It’s a match.
40 Bahnen (1.000 Meter) später bin ich 40 Bahnen glücklicher.

Auf dem Anrufbeantworter ist die Arzthelferin, die mir kurz vor Praxis-Urlaub die Blutwerte durchgibt: Vitamin D prima, den TSH-Wert (Schilddrüsenwert) solle ich in drei Monaten unbedingt nochmal prüfen lassen. Aber nichts in der Zwischenzeit unternehmen! Das wiederholt sie dreimal. Und richtet noch liebe Grüße vom Arzt aus. Ich vermute, dass er sich an unsere Vitamin D-Diskussionen und meine eigenmächtigen Änderungen in der Einnahme erinnert hat und jetzt Warnungen durchgeben lässt.

Auf das Nachmittagsmeeting mit dem Herausgeber der Zeitung, für die ich nebenbei schreibe, habe ich keine Lust. Ich bin in der Stimmung, die journalistische Arbeit an den Nagel zu hängen. Viel Zeit bleibt mir neben meinem Volltagsjob und dem täglichen Sportprogramm sowieso nicht.
Interessant, dass ich aus dem Meeting mit dreimal so vielen Themen für die nächsten Monate nach Hause gehe. Seit wann bin ich so wankelmütig?

06.07.2019

Unterwegs.

Ich freue mich, dass vor dem öffentlichen Bad nur eine Handvoll Fahrräder steht. Das heisst, dass es leer sein wird.
Ich ärgere mich, denn das Bad ist leer, nämlich ganz leer, denn es hat heute wegen Warnstreik geschlossen.

Schon neulich bin ich wieder umgekehrt, abends, bei 33 Grad, als die Fahrräder bis auf die Straße standen und eine lange Schlange am Eingang an der Kasse wartete.
Wie neulich gehe ich statt ins öffentliche Bad zum Erdbeerstand, der an der U-Bahn-Station aufgebaut ist, und hole mir frische Erdbeeren.
Eine Planänderung muß her, zumal ich schon am Mittwoch und Donnerstag – bis auf etwas Stretching – nicht sporten konnte. Ich ziehe den samstäglichen Einkauf vor, putze die Wohnung, wasche Wäsche und lasse die Schwimmtasche für Samstag gepackt; der Trödeltag wird zum Schwimmtag umfunktioniert.

16 Grad, die grauen Wolken hängen schwer über dem Aussenbecken des öffentlichen Bades: das perfekte Wetter zum Schwimmen. Ich habe eine Bahn für mich allein, nur vier weitere Schwimmer sind auf meiner Seite des Beckens zu sehen. Auf der Kampfschwimmerseite mache ich J., meinen französischen Meditationsgefährten, aus, winke und rufe ihm einen Gruß hinüber.

Zwei junge Japaner tauchen auf. Leicht gebräunt, bunt spiegelnde Taucherbrillen im Gesicht, ihre perfekt geformten Körper stecken in modischen Badehosen. Man sieht ihnen an, dass sie Leistungsschwimmer sind, was sie kurze Zeit später, als sie in den Pool gleiten, bestätigen. Auf einmal scheinen die Kampfschwimmer, inklusive J., ganz langsam zu schwimmen, so wie wir auf unserer Seite, Gattung alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-schwimmen (machen übrigens auch Männer und jüngere Damen).
Die beiden Jungs sind mindestens doppelt so schnell wie die anderen Kampfschwimmer, machen exzellente Unterwasser-Wenden, kraulen, delphinen, rückenschwimmen, brustschwimmen, ihre Körper gleiten elegant durch das Blau, die Arme gestreckt, es scheint, als seien sie, kaum dass sie gewendet haben, schon wieder auf der anderen Seite des Beckens angelangt.

Ich schwimme auf meiner Seite auf der Aussenbahn und lasse mich von der Ästhetik der beiden Schwimmer verzaubern. Der einzige Nachteil ist, dass sie das Wasser immens aufwirbeln und ich nach kurzer Zeit aussehe, als würde ich tauchenderweise durch’s Becken schwimmen, obwohl ich immer versuche, den Kopf trocken zu halten. Auch die anderen Kampfschwimmer sind beeindruckt, genauso wie die Bademeister, und schauen den beiden Japanern zu.

40 Bahnen (das sind 1.000 Meter) später begutachte ich vorm Spiegel in der Umkleide meine Bauchmuskeln und fange an, insgeheim zu vergleichen. Das ist natürlich albern: die beiden Japaner waren nicht nur jünger, sondern Leistungsschwimmer, muskulös und ohne ein Gramm Fett. Fett bin ich nun auch nicht, aber (note to myself: du bist auch kein 20-jähriger Hochleistungssportler!) die Muskeln könnten durchaus noch etwas definierter sein. Die Lösung ist schnell gefunden: regelmässige Planks vorm Zubettgehen, und am Sonntag die nächsten 1.000 Meter schwimmen. Und hoffen, dass wieder nur eine Handvoll Fahrräder vor dem öffentlichen Bad stehen, aber einem geöffneten Bad.

03.07.2019

Unterwegs.

Durch das weit geöffnete Fenster schaue ich in den Park.

Radfahrer sitzen im Gras, um sie herum liegen die Räder.

Kinder spielen Ball. Sie lachen.

Die Meditationsgruppe schweigt.

Ein Mädchen übt mit dem Langstock. Ich erkenne sie; es ist die kleine Chilenin, die manchmal zum Taiji-Unterricht erscheint.

Ein Mann jongliert.

Ein anderer sitzt auf der Bank und hält einfach nur sein Gesicht in die Sonne.

Der Wind weht durch die Blätter und malt Streifen ins Gras. Blüten rieseln von den Bäumen herab, sie glitzern golden in der Sonne, wie Sternenstaub.

Ich spüre den Wind, der durch das Fenster weht, ich sehe den Spatz, der durch das Gras hüpft.

Ich schaue in den Park.

Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule schliessen.

Aber die Welt ist so schön.

02.07.2019

Unterwegs.

Ich laufe die alte Treppe hinunter, vom zweiten Stock ins Erdgeschoss, wo neben der Küche das Regal mit den roten Wolldecken steht. An den Füßen trage ich nur Socken, dazu ein geringeltes T-Shirt und eine Jogginghose. Ich fühle mich ganz wie zuhause, dabei bin ich im Psychologenhaus, wo wir Taiji im verwunschenen Garten hinter der Küche praktizieren oder wie heute oben im Meditationsraum in Stille sitzen und die Decken benötigen.

Da „unser“ Raum verkleinert wurde, um ein weiteres Psychologenzimmer herzurichten, sind „unsere“ Decken ins Erdgeschoss unter der Treppe vor die Küchentür verlagert worden. Dafür wurde der Raum um zwei Sessel, einen kleinen runden Tisch, eine Pflanze vor dem Fenster und einer blechern klingenden Klangschale ergänzt. Die Psychologen haben sich Mühe gegeben und sich in Interior-Design versucht. Erwartungsvoll stehen sie in der Tür, erklären uns stolz, dass sie weitere Lampen an den Wänden angebracht haben und auch die neue Pflanze den Raum verschönert; wir nicken und sagen etwas Freundliches, sie meinen es gut mit uns. Was wir allerdings brauchen, ist Platz und Weite, um den Raum zu durchschreiten und unsere Felle, Decken und Kissen auszubreiten.

Wenn unsere Tür geschlossen ist, räumen wir alles zur Seite. Später, wenn die 10-Mann-starke Yogagruppe kommt, werden die Möbel kurzerhand ins Treppenhaus verfrachtet. Aber das bekommen die Psychologen zum Glück nicht mit. Es ist ihr Haus. Wir sind die Gäste.

Im Raum bleiben dürfen die kleinen Schränkchen mit den Plastik-Spielfiguren und die (vermutlich) lebensgroße Stofftierlöwin und ihr Löwenbaby.

Manchmal schauen uns die Psychologen aus dem Fenster des Altbaus zu, wenn wir im Garten Taiji machen. Oder sie kommen direkt in den Garten. Sie sind aufgeschlossen, neugierig und unterhalten sich gern mit uns. Wenn ich mal einen Psychologen bräuchte, würde ich hier sofort einen ansprechen. Dann könnten wir im Garten sitzen und reden. Allerdings brauche ich keinen Psychologen; lieber hätte ich den Garten oder den Meditationsraum, aber ohne den ganzen Klimbim, den gutgemeinten.

Die nächsten Wochen ist unser Lehrer im Urlaub, und ich habe wieder die Schlüssel für das Psychologenhaus. Und wer die Schlüssel zu einem Haus hat, darf da auch in Socken rumlaufen und sich wie zuhause fühlen.

23.06.2019

Unterwegs.

Da steht sie, nachts an der Aussenalster, die langen roten Haare sind zerzaust, ihr Gesicht ist blass. Vor ihr steht ein kleiner Koffer, in der einen Hand hält sie die Unterlagen aus dem Krankenhaus, aus dem sie eben geflüchtet ist, in der anderen das Handy, mit dem sie mir Nachrichten schickt.

Dreimal habe ich nachgefragt, ob sie Hilfe benötige, ich sei da, dreimal hat sie geantwortet, dass sie ok sei und alles im Griff habe. Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt, aber wir kennen uns nicht gut genug, ich muss ihre Entscheidung respektieren.

Ob ich das Krankenhaus xy kennen würde? Nein, schreibe ich zurück, sie solle in ein Taxi steigen und in das große Krankenhaus fahren, in dem habe ich im letzten November sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn sie allerdings einen Rettungswagen rufen würde, würde dieser sie sofort in das Krankenhaus zurückbringen, das sie soeben entgegen dem Rat der Ärzte fluchtartig verlassen hat.
Weil sie dort schon seit einigen Tagen mit Schmerzen liegt.
Weil nach drei Tagen morgens endlich ein MRT gemacht wird und abends die Info erfolgt, dass man etwas sehen würde, aber man wüsste nicht genau was, man müsste wohl mal nachschauen.
Weil der Arzt nach einer Minute entschwindet, obwohl sie noch nicht einmal ihren Satz beendet hat.
Weil die Zimmergenossin hustet und hustet und sich immer wieder im Bett erbricht und keine Schwestern da sind.
Weil es schmutzig ist.
Weil sie unbedingt weg möchte.
Was sie denn tun solle?

Ich erinnere mich, als ich vor einigen Jahren in dieses Krankenhaus als Notfall eingeliefert wurde.
An den Schmutz (die Urinbehälter der ehemaligen männlichen Zimmerbewohner lagen noch im Bad, überall war Staub).
An eine Ärzteschar, die in der Zimmerecke stand und in dritter Person über mich gesprochen hat, obwohl ich doch im Raum war.
An das Verweigern eines neuen MRTs, obwohl ich einen lauten Knall im Rücken gehört und unvorstellbare Schmerzen gespürt hatte.
Über eine Woche im Krankenhaus liegend mit Schmerzmitteln, die nicht geholfen haben.
An den Oberarzt, der nach der OP im Aufwachraum kleinlaut feststellte, dass man das Unterfangen unterschätzt habe, und es eine schwere Operation war, die Bandscheibe in viele Teile zersprungen, man nicht wüsste, ob man am richtigen Wirbel operierte, der Nerv nicht mehr lag, wo er eigentlich hingehörte, und meine Schmerzen mit Folterschmerzen verglich.
Aber an diese Worte würde ich mich später nicht erinnern, hier im Aufwachraum, fügt er hinzu.
Und doch erinnere ich mich sehr gut an jedes seiner Worte.

Wenn sie es körperlich schaffe, das Krankenhaus zu verlassen und in ein Taxi zu steigen, dann würde ich ihr dazu raten. Nun steht sie im Dunkeln an der Alster und wartet auf ein Taxi.

Wir bleiben in Verbindung, vorsichtshalber gehe ich noch nicht ins Bett sondern warte auf dem Sofa ab, sie kommt in der Notaufnahme des großen Krankenhauses an und kommt auch sofort dran, sie liegt dort in einem Bett, man untersucht sie und entscheidet, in der nächsten Stunde zu operieren. Höchste Zeit, sagen die Ärzte, die Werte seien schlecht. Und entfernen den entzündeten Blinddarm und auch ein Stück des bereits entzündeten Darms.

Unsere Stand Up Paddling Tour, die wir eigentlich heute machen wollten, verschiebt sich entsprechend. Ich gehe schwimmen, schwimmen ist gut, vor allem im Glitzerwasser, und schwimmen muss ich sowieso können, wenn ich mich auf ein wackeliges Brett auf die Hamburger Aussenalster wagen möchte.

Mo: Taiji ✔️
Di: Schwimmen  ✔️Taiji ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen  ✔️ Tubes ✔️

20.06.2019

Rezept: Eis am Stiel

Premiere! Auf vielfachen Wunsch teile ich mein Rezept für Eis am Stiel. Das ist insofern amüsant, da ich überhaupt keine Küchenfee bin, mich nicht an Rezepte halte und einfach alles zusammenwürfele. Kochen kann ich gar nicht (und interessiert mich auch nicht. Essen tu ich wiederum sehr gern).

Allerdings finde ich mein zusammengewürfeltes Eis am Stiel ausgesprochen lecker! Natürlich ist es simpel herzustellen (sonst würde ich das gar nicht machen).

Zutaten 
ne Portion Magerquark
ne ebenso große Portion griechischer Joghurt (10% Fett)
etwas Wasser
etwas Xylit (Birkenzucker), wem das ganze sonst zu sauer wird

Dazu kommt…

für Zitroneneis:
Zitronensaft von 2 Zitronen

für Himbeereis:
eine Handvoll frische Himbeeren

für Schokoladeneis:
Kakaopulver (also richtiger Kakao, nicht Kaba oder gesüsstes Zeugs)

Die Masse einfach mit dem Schneebesen fluffig schlagen, in die Eisförmchen füllen, und ab in den Gefrierschrank.

That’s it.

Soll ich ab und an Rezepte posten? Ich kann mittlerweile auch Müsliriegel und Milchschnitten und Rharbarbergrütze.

Fotos: 1. Zitronen- und Himbeereis in Einem (wollte gestreiftes Eis machen, aber das ging nicht) 2. Zitronen-Eis 3. Schoko- und Zitroneneis in Förmchen

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18.06.2019

Im Krankenhaus.

Ich habe schlecht geträumt. Vom Nachsorgetermin, den ich mir nach Intervention on top besorgt habe, da ich gern – wie in den Richtlinien Onkologie erwähnt – alle Vierteljahr zum Check Up gehen möchte. Meine Umfrage unter Brustkrebspatienten (Jahr 1-3 nach Diagnose) ergab dasselbe Resultat: bis auf U., meine Schwester im Herzen, die alle 6 Monate zur Untersuchung antreten soll, haben alle Mitstreiterinnen vierteljährliche Nachsorgetermine. U. und ich haben allerdings dieselbe Ärztin.

Angst vor dem heutigen Termin habe ich nicht. Als ich mich auf den Weg mache, ist mir aber etwas flau im Magen. Seit 22.00h habe ich nichts mehr gegessen, damit ich nüchtern um 11.00h im Dachgeschoss des kleinen Krankenhauses erscheine, sollten die Blutwerte überprüft werden. Meine Blutwerte waren letztes Mal nicht sensationell („grundsätzlich in Ordnung“ laut des beiliegenden Grusses in der Post, was mich genauer hat hinschauen lassen).

Die Blutwerte waren ja nicht sensationell, sage ich zu meiner Ärztin. Sie schaut in den Computer, sie fände die Werte ok, kein Grund zur Beunruhigung.
Ich erwähne, dass ich über die letzten Monate zweimal Schmerzen in einer Rippe gehabt hätte, die allerdings auch wieder verschwunden sind. Panisch bin ich deshalb nicht, aber aufmerksam. Sollten die Schmerzen nochmal kommen, würde ich das untersuchen lassen wollen.
Ich ernähre mich gesund, stellt sie eher fest als das sie fragt. Ich bejahe. Warum der Cholesterinwert wieder höher ist, kann ich nicht erklären.

Auch der Tastbefund ergibt nichts Neues, nur die beiden Knoten im linken Narbengebiet, aber die habe ich seit der Strahlentherapie.

Es geht mir gut, ich sehe gesund aus, das merke ich selbst, als ich im Wartezimmer sitze. Man kann den Menschen, die hier warten, ansehen, wie es ihnen geht; die Sorgenfalten im Gesicht, das permanente Wippen des Fußes, die vorneübergebeugte Haltung beim Sitzen, der abwesende Blick. Wieder einmal mehr ist mir klar, dass ich Glück gehabt habe, dass ich physisch und psychisch so gut aus dem Drama rausgekommen bin.

Ich freue mich, dass Prof. Dr. M. (mein Lebensretter) ins Wartezimmer schaut um seine Patientin zu holen und mich freundlich grüßt, sie wird wohl die nächste sein, der er hoffentlich das Leben retten wird.
Ich nehme mein Rezept und mache mich auf zum Schwimmen.

2 Jahre, 3 Monate und 4 Tage krebsfrei.

Foto: Belohnung für den Tag – ein selbstkreiertes Zitronen-Himbeereis, zuckerfrei.

16.06.2019

In vino veritas.

Nachdem ich nun in meinem Ernährungsbuch auf die positiven Effekte des Rotweins gestoßen bin und mir gestern und heute Abend ein Gläschen gegönnt habe, stoße ich auf ein ganzes Kapitel, das Alkohol thematisiert. Grundsätzlich: Alkohol ist zu vermeiden. Rotwein ist erwiesenermaßen die Ausnahme: dank des hohen Resveratrol-Gehaltes und anderer sekundärer Pflanzenstoffe (u.a. Anthocyanidine, Proanthocyanidine, Flavonole, Phenolsäuren) sinkt das Krebsrisiko bei maßvollem Genuss (das bedeutet nicht mehr als ein kleines Glas für Frauen am Tag, am besten sei Pinot Noir aus Burgund).
ABER: bei Brustkrebs wird es schwierig (die chemischen Erläuterungen lasse ich weg, die sind mir auch zu kompliziert). Mehr als ein 0,1l-Glas darf es nicht sein, sonst steigt das Brustkrebsrisiko lt Statistik nämlich an!
Da ich eigentlich eh nicht gerne Rotwein trinke und ihn nur gekauft habe, da er als gesund deklariert wurde, werde ich in Zukunft nur ab und an mal ein Gläschen trinken.
Die kleine Flasche ist nun ohnehin getrunken, die nächsten Tage schwenke ich wieder auf Zitronen-, Ingwer- und Minzwasser um.

Nachdem ich heute nicht nur beim Schwimmen war und abends noch spontan aufs Dach zum Taiji-Praktizieren gegangen bin, habe ich mich für nächstes Wochenende zum Stand Up Paddling auf der Alster verabredet. Da bin ich mal gespannt. Gemacht habe ich das noch nie. Zumindest kann ich mich im Ernstfall eine Stunde schwimmend über Wasser halten.

Foto: Das war erstmal das letzte Glas Rotwein.

15.06.2019

Unterwegs.

Wenn ich zusammenzucke, weil mir jemand im Aussenbecken von hinten an die Schulter fasst und ich in J.s lachendes Gesicht schaue, meinem Meditationsgefährten. Wir umarmen uns, plaudern, dann taucht er rüber auf die Kampfschwimmerseite.

Wenn ich mich ins Gras setzte, da mir schwindelig wird und den Jungs (heute sind es nur Jungs!) bei der Stehenden Säule und den Seidenübungen zuschaue. Später wechsele ich mit P. auf die andere Seite des Gartens, zwischen Gänseblümchen und Apfelbäumen erklärt er mir die Feinheiten des zweiten Fauststoßes der 19er-Form, bei der ich seit Neuestem ins Stocken gerate.

Wenn ich den Mittwochabend mit einem Freund auf einem kleinen schaukeligen Party-Schiff auf der Elbe verbringe, während Andreas Dorau mit seinen Musikern live auftritt. Heute ist Record Release Party. Ich trinke ein (alkoholfreies) Bier, während wir an Kränen, Docks und Containerschiffen vorbeishippern.

Wenn ich mir einen Instagram-Account anlege (der Feind in mir) und mir dafür eine Themenwoche überlege (Montag: Achtsamkeit, Dienstag: Ernährung, Donnerstag: Throwback Thursday, Sonntag: Fitness).
Donnerstag ist in der Community #krebsfreidonnerstag. Da ich jeden Tag krebsfrei bin, werde ich antizyklisch und ganz klassisch mit #tbt aufwarten und die Anfänge meiner Krebs-Geschichte dokumentieren.

Wenn die Physiotherapeutin, die heute im Gym Aufsicht führt, sich freut, mich wiederzusehen, und wir uns während meiner gesamten Geräterunde nett unterhalten.

Wenn ich die vielen Fahrräder vorm Schwimmbad sehe und G. mir bereits in der Umkleide entgegenkommt; zu voll sei es, sie sei extra früh zum Schwimmen gekommen und jetzt auf dem Heimweg.
Wenn ich Walross 2 im Innenbecken schwimmen sehe und weiß, dass es dann wirklich voll sein muss.
Wenn Walross 1 draussen unter der Wasseroberfläche schwimmt, die Kinder planschen und Mütter im Wasser herumstehen und ich beschliesse, es mit Kurt Tucholsky zu nehmen: Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
Wenn ich entspanne und durch’s Wasser gleite und mich einfach darüber freue, hier zu sein.

Wenn ich mir 6 Kilogramm unbehandelte Zitronen in Spanien direkt beim Farmer bestelle und überlege, was ich damit anstelle: Zitronenmarmelade, Zitronen-Tarte, Zitroneneis, Zitronenwasser…ich bin gespannt auf die Lieferung!

Wenn ich zum wiederholten Male feststelle, dass ich auf meinen wöchentlichen Schokoriegel verzichten kann und ganz bewusst durch die Süßigkeitenecke im Supermarkt gehe und mir ausdrücklich etwas erlaube. Ich möchte aber keinen Schokoriegel. Ich nehme ein Päckchen Cashewnüsse (gesalzen) mit. Das ist das Ungesündeste in meinem Einkaufswagen.

Wenn ich das erste Mal seit 12 Monaten Alkohol für zuhause kaufe (eine 0,25l-Flasche Rotwein), weil Rotwein ausdrücklich in meinem Krebs-Ernährungsbuch als gutes Nahrungsmittel (hoher Resveratrol-Gehalt) erwähnt wird.

Wenn ich automatisch meinen Hass-Liebe Kreuzblütler Brokkoli in den Einkaufswagen lege. Wenn man den in die Gemüsepfanne schmuggelt und einen Haufen Kurkuma, Pfeffer und scharfes Chili drüberwirft, fällt er nicht weiter auf.

Wenn ich meine Schwimmtasche für Sonntag packe.

Wenn ich das erste Mal einen Blogbeitrag mit einem Glas Rotwein in der Hand schreibe.

Montag: Schwimmen ✔️
Dienstag: Taiji ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen (geplant) ✔️

09.06.2019

Unterwegs.

Da steht sie. Nein, sie bewegt sich, es sieht aus, als ob sie ihre Taiji-Form tanzen würde, ganz langsam. Das letzte Mal, als wir uns sahen, hat sie mich angesprochen, da habe ich genau an dieser Stelle den Chen-Stil praktiziert. Die chinesische Nachbarin unterrichtet den Yang-Stil. Ich bleibe stehen, halte inne und lächele, bevor ich weiter zur Arbeit gehe.

Nach der Meditation schlendere ich mit C. zurück zum Bahnhof. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll; sie habe sich mit einer lieben Freundin zum Frühstück getroffen, auch sie ist gerade mit Brustkrebs durch OP, Strahlentherapie und Reha gegangen. C. sei erschrocken, die eh schon übergewichtige Freundin habe weiter zugenommen, esse nicht gesund und habe auch angeblich keine Zeit für Sport. Sind wir die Einzigen, denen gesunde Ernährung und Fitness so wichtig sind? Sie bleibt stehen und schaut mit an. Das denke ich nicht, antworte ich und bleibe auch stehen; allerdings sind wir beide wirklich extrem gut aufgestellt, denn wir haben kapiert, dass wir an einer Katastrophe vorbeigeschlittert sind und uns entsprechend gut positioniert, um vorzubeugen. Verstehen tue ich Andere auch nicht, die wieder in den alten Trott zurückfallen und weiterleben, als sei nichts gewesen. Unser Körper hat schliesslich schon mal gezeigt, dass er anfällig ist; deshalb finde ich es wichtig, ihn zu stärken und weniger angreifbar zu machen. C. sieht das auch so. Ich lasse einen Bus in meine Richtung davonfahren, das Gespräch ist zu wichtig.

Ob wir uns nächsten Dienstag wiedersehen? fragt C. Natürlich, antworte ich, da sei ja wieder Taiji im verwunschenen Garten des Psychologenhauses, einer meiner Lieblingsabende der Woche. Darauf freue ich mich immer sehr. Und auch auf unseren intensiven Austausch auf dem Rückweg.

G. ist aufgebracht. Meine Schwimmfreundin treffe ich überraschenderweise auf der Aussenbahn an, normalerweise schwimmt sie am Beckenrand entlang. Heute scheint die Sonne, es ist warm, das Becken ist voller Teenies, die Ballspielen und vom Beckenrand springen. Allerdings ist auch die Ausweichmöglichkeit, auf die Schnellschwimmerbahn überzuwechseln, für uns nicht gegeben; zuviele Kampfschwimmer kraulen dort in hohem Tempo auf ihren Bahnen. Wäre sie bloss früher gekommen, schimpft G. Dann hätten wir uns aber nicht gesehen, antworte ich und versuche sie etwas aufzumuntern. Nebeneinander her schwimmen klappe heute allerdings nicht, ich solle mein Tempo schwimmen, G. fuchtelt hilflos herum, die 80-Jährige ist nicht gern auf der Außenbahn, auch wenn das Wasser nicht allzu tief ist. Ich schwimme vor und bitte mehrere Gruppen Jugendlicher, weiter an die Seite zum Spielen zu gehen. Sie gehorchen. Ich lache G. zu, jetzt haben wir Platz, wir schwimmen knapp 30 Minuten plaudernd nebeneinander her, die Stimmung steigt. Irgendwann muss auch G. über sich selbst schmunzeln, so griesgrämig kenne ich sie gar nicht, sagt sie, nein antworte ich, ich sei verblüfft gewesen, aber nun sei alles gut, es ist so gut, dass wir beide die Zeit vergessen und weit über eine Stunde im Wasser unterwegs sind.

Der Sonntag ist herrlich; kurz nach 10.00h bin ich wieder im Aussenbecken des öffentlichen Bades, wieder scheint die Sonne, wieder ist es warm, die weißen und rosa Blüten an den Bäumen sind endgültig einem tiefen Rot und Grün gewichen, die Rosen blühen, das Wasser glitzert. Kinder planschen friedlich am Beckenrand, die restlichen Schwimmer sind in meinem Tempo unterwegs. Es ist perfekt. Es ist so perfekt, dass ich denke, am Pfingstmontag wieder zum Schwimmen zu gehen.

Mo: Tubes & Taiji ✔️
Di: Meditation
✔️
Do: Gym
✔️
Fr: Schwimmen
✔️
So: Schwimmen
✔️

03.06.2019

Gesund bleiben.

Ich stehe in der Schlange beim Bäcker, es ist 7.30h, ich überlege, ob ich zum Milchkaffee ein Franzbrötchen oder ein Weizenbrötchen mit Salami möchte, ich mag beides ausgesprochen gern. Mein täglicher Start in die Woche, wenn es zur Arbeit geht. Mittags mit Kollegen in die Kantine nebenan, zum Vietnamesen, Chinesen, Italiener, Burger, Döner, Würstchenstand, oder auch mal einen Salat. Zwischendurch etwas Süßes, am liebsten Schokolade oder etwas Obst.

Mein Leben hat sich geändert. Meine Ernährungsgewohnheiten auch. Geblieben ist der Salat und ab und an der Besuch beim Vietnamesen. Die anderen Komponenten sind entfallen, genauso wie die Kollegen, mit denen ich früher in die Mittagspause gegangen bin.

Abends bereite ich meine Snackbox für den kommenden Arbeitstag vor. Das habe ich mir bei einem anderen blog abgeguckt, wo eine Mutter ganz wunderbare Snackboxes für ihre beiden Kinder vorbereitet. Meine sind ähnlich, wenn auch mein Gemüse keine lustigen Augen angesteckt bekommt und das Obst nicht so hübsch ausgestochen wird. Also eher die Edition für Erwachsene.

Es bereitet mir unheimlich viel Spaß, die Snackboxes zu kreieren, und noch mehr Spaß bereitet es mir, diese im Büro auszupacken und alles aufzuessen.

Zum Frühstück gibt es meist griechischen Joghurt (10% Fett) mit frischen Früchten, Haferflocken, Leinsamen, Kürbiskernen, Mandeln, Haselnüssen, Rosinen…ich bastel mir jeden Tag etwas anderes.

Mittags freue ich mich auf meinen Salat mit Leinöl, auch hier variiere ich, je nachdem, was ich gerade eingekauft habe. Dazu ein Dinkel- oder Vollkornbrötchen, für zwischendurch Wurzeln, einen Apfel, Zartbitterschokolade, Nüsse oder einen selbstgebackenen Müsliriegel (zuckerfrei).

Manchmal gibt es auch nur eine Frühstücksbox, da ich mittags zum Afghanen oder Vietnamesen gehe, wo es leckere vegane Gerichte oder auch Hühnchen-Currys gibt. Und freitags ist eh mein kurzer Arbeitstag, an dem ich mittags zum Schwimmen gehe. Da gibt es grundsätzlich das Haferflockenfrühstück.

Ist das Ganze jetzt zeitaufwendiger? Ich denke nicht; ich spare die Zeit, die ich morgens beim Bäcker angestanden habe.
Ist das Ganze jetzt teurer? Ich denke, auch das nicht; spare ich doch einiges an Kosten beim Bäcker und mittags bei den ausserhäusigen Mittagessen ein.
Ist das Ganze jetzt besser? Auf jeden Fall! Es ist Teil dessen, was ich tun kann, um gesund zu bleiben.

Nachtrag:
Und manchmal esse ich auch ein Stück Kuchen oder trinke einen „richtigen“ Milchkaffee oder gönne mir ein Eis, zusammen mit meinen Kollegen.

 

02.06.2019

Fitnessübersicht

Mo: Taiji Class ✔️

Di: Stretching/Taiji at home ✔️

Mi: Taiji Class ✔️

Do: Schwimmen ✔️

Fr: Schwimmen ✔️

Sa: Tubes/Taiji at home ✔️

So: Schwimmen ✔️

Am Sonntag war das öffentliche Bad so voll (kein Wunder bei 30 Grad Sonnenschein), dass ich a) keine Liege auf der Grünfläche bekommen habe und b) zum Schwimmen auf die Schnellschwimmerbahn ausweichen musste. Diese wiederum wichen auf die 50m-Bahnen aus (unbeheizt, ca. 17 Grad); aber Kampfschwimmer sind ja hart im Nehmen.

Zuhause mein selbstgemachtes Schokoladen- und Zitroneneis (zuckerfrei) getestet und für sehr lecker befunden. Von den fünf kreierten Milchschnitten ist nur noch eine übrig. Dafür habe ich noch circa 20 selbstgemachte Müsliriegel.

01.06.2019

Zuhause.

Es ist eine gute Idee, das Frühstück ausfallen zu lassen, wenn man nicht hungrig ist und die Tage zuvor (zu)viel gegessen hat.
Es ist keine gute Idee, das Frühstück ausfallen  zu lassen, wenn einen der Weg zum samstäglichen Einkaufen führt und man dann in den Gängen zwischen Chips und Süßigkeiten hungrig wird.
Ich gehe zurück in den Bereich der Brote und Brötchen und packe mir ein Kürbiskernbrötchen ein, für „auf die Hand“, wenn ich die Kasse passiert habe. Also ungefähr so, wie Eltern das mit Kleinkindern machen, die ebenfalls beim Einkaufen hungrig werden.

Ich schaue auf den Einkaufszettel, vergleiche mit dem, was in meinem Einkaufswagen liegt, es deckt sich, so soll es sein: Tomaten, Ingwer, Gurke, Salat, Avocado, Brokkoli (der Kreuzblütler ist wieder dabei!)  Birne, Trauben, Erdbeeren, Nektarinen, Himbeeren, noch mehr Himbeeren, Vanilleschote, Zimt, Vollkornbrot, veganer Brotaufstrich, Butter, Kakao, etwas Käse, Backpulver, Hafermilch, Kokosmehl; ich stelle fest, dass ich das Geschäft verlasse, ohne einen Schokoriegel gekauft zu haben. Schon gestern nach dem Schwimmen hätte er mir zugestanden, aber auch da hatte ich gar keine besondere Lust auf den Riegel.
Ausserdem stelle ich fest, dass sich mein Einkauf mit vielen Lebensmitteln, die in meinem Ernährungsbuch auf der guten Seite stehen, deckt, und das war nicht geplant.

Der Samstag ist mein Trödeltag, da kann ich machen, was ich möchte. Kein Sportprogramm steht auf dem Plan, aufgeräumt, gewaschen und geputzt habe ich gestern nach der Arbeit und dem Schwimmen und vor dem Besuch des japanischen Kirschblütenfeuerwerks an der Alster mit Freunden, heute verbringe ich den Tag  überraschenderweise in der Küche.

Ich beschliesse, selbst Milchschnitten herzustellen. Und Schokoladen- und Zitroneneis. Schnell ist alles eingesaut, Kakaopulver und Kokosmehl  sind gleichmässig und überall verstreut, Zitronensaft pappt überall, das Agar Agar geliert schneller als gedacht und will den Topf nicht mehr verlassen, dafür kann ich die erste Fuhre der Cremefüllung in die Tonne treten, da verflockt, zum Glück habe ich aber nur die Hälfte der angegebenen Mengen des Rezeptes vorbereitet und habe noch genügend übrig, um die Creme noch mal ordentlich herzustellen.

Mittlerweile ist mir heiß, eigentlich würde ich jetzt lieber beim Schwimmen sein oder auf dem Dach Taiji-Übungen machen, nun stehe ich allerdings im Chaos, das wieder beseitigt werden möchte.
Ich beschliesse, heute nicht auch noch den Spargel und die Kartoffeln zu kochen sondern schlicht einen Rohkostteller vorzubereiten. Ein drittes Mal Abwaschen habe ich keine Lust. Und vielleicht gehe ich heute Abend doch noch auf’s Dach und mache Übungen für die Hüftbeuger und nehme die Stehende Säule zur Entspannung ein. Ich darf am Trödeltag machen, was ich möchte, auch wenn es Sport ist.

Fazit, Stand: 18.40h: nebst einer mehrmals eingesauten Küche habe ich jetzt vier Zitronen- und zwei Schokoladeneis am Stil im Gefrier- und fünf drei Milchschnitten im Kühlschrank. Und noch immer nix über Kreuzblütler geschrieben.

30.05.2019

Unterwegs.

Mir ist heiß. Der Sitznachbar zu meiner Rechten zieht sein Jackett an. Ich rolle die Ärmel meiner dünnen Bluse hoch, tupfe mir mit dem Taschentuch über das Gesicht und ärgere mich, dass ich keinen Fächer mitgenommen habe.

Ich sitze in der ersten Reihe (Pressekarte) der ausverkauften Elbphilharmonie, interessanterweise in der rückseitigen ersten Reihe. Der Dirigent steht ein paar Meter von mir entfernt, ich sehe sein Gesicht, seine Emotionen, das akzentuierte Führen seines Orchesters.

Direkt in der Reihe vor mir sitzen die Harfen und die Trommeln, ich kann die Noten mitlesen (wenn ich denn Noten lesen könnte).

Nach einer kurzen ersten Halbzeit mit dem Oboisten Albrecht Mayer, der mit den Bamberger Symphonikern Elgar und Strauss spielt, gönne ich mir in der Pause ein Glas Rotwein.
Ich mag eigentlich Rotwein nicht so gerne, allerdings wird er mehrmals in meinem Krebs-Ernährungsbuch sehr positiv erwähnt (hoher Resveratrol-Gehalt, sprich krebshemmende sekundäre Pflanzenstoffe), sodaß ich beschlossen habe, wenn ich zu Events gehe, mal ein Glas Rotwein zu trinken.

Nach der Pause ist es im Saal immer noch heiß. Meine Sitznachbarn links und rechts von mir tragen weiterhin hartnäckig ihre Jacketts. Der Sitznachbar zu meiner Rechten weist mich darauf hin, dass der glatzköpfige Trompeter, der fast in Greifweite vor uns sitzt, Falten auf der Glatze hätte, als habe er eine gekräuselte Stirn, aber eben auf dem Hinterkopf. Sobald er allerdings Trompete spiele, würden die Falten weg und der Hinterkopf glatt sein. Da werde ich mal darauf achten, sage ich. Und ob ihm eigentlich gar nicht heiß sei, so im Jackett? Doch sei ihm, antwortet er. Und behält sein Jackett an.

Wir hören Bedrich Smetanas mit Abstand bekanntestes Orchesterwerk: Mein Vaterland. Ein Heimspiel für den tschechischen Chefdirigenten Jakub Hrusa, der  mit den Bamberger Symphonikern brilliant durch die sechs sinfonischen Dichtungen führt; die leisen Töne wechseln sich mit dem mitreißenden Fliessen der Moldau ab, die eine wunderbare Synergie mit dem wellenförmig angelegten Saal eingeht, ich kneife die Augen etwas zusammen und stelle mir vor, wie die Balkone anfangen sich zu bewegen, ganz leicht, wie Wellen, wie Wasser, wie die Moldau, und ich denke, wie schön es ist, jetzt hier zu sein und der Musik zu lauschen. Wieder mal fühle ich tiefe Dankbarkeit.

Wir nicken uns zu, der Sitznachbar zu meiner Rechten und ich; er hat Recht, der Trompeter hat während des Spielens einen ganz glatten Hinterkopf bekommen, wahrscheinlich entspannt ihn das Musizieren.

Wir drehen uns ausserdem unwirsch nach hinten um, wo sich zwei Damen anfangen zu unterhalten (merke: in Klassikkonzerten unterhält man sich nicht, es sei denn, der Sitznachbar hat einen Hitzschlag erlitten, was hier allerdings in der Elbphilharmonie durchaus realistisch ist).

Ausserdem ist die Akustik sehr gut; bei der nächsten ruhigen Passage öffnet eine Frau den Reissverschluss ihrer Handtasche und fördert ein cellophaniertes Bonbon zutage, das ausgewickelt werden möchte (merke: in Klassikkonzerten steckt man sich nach der Pause, bevor es weitergeht, das Bonbon in den Mund, wenn man denn eins essen möchte). Ich werfe einen bösen Blick durch den Saal nach rechts hinüber, die Schuldige ist dank der guten Akustik sofort auszumachen.

Ein wunderbares Konzert, mit Rotwein (für mich) und Bonbons (für Andere) und immer noch nix über Kreuzblütler referiert.

25.05.2019

Unterwegs.

Kaskadenartig fällt die Sonne durch die alten Bäume im Park und streift durch das Gras, aber nur ich sehe das, weil ich bei der Stehenden Säule beim Taiji in der Turnhalle wieder mal die Augen geöffnet lasse, während meine Mitstreiter mit geschlossenen Augen stehen. Ich sehe so gern durch die weit geöffneten Fenster in den Park. Die Vögel zwitschern, und dann ertönt eine Gitarre. Lachen. Gesang setzt ein. Vor der Turnhalle wurden Bänke aufgebaut, auf denen sich jetzt munter plaudernde Leute setzen. Ich schmunzele. Mein Lehrer auch. Er bewegt sich zur Musik, was auch nur ich sehe und lustig finde, meine Mitschüler lassen sich nicht ablenken.

Am Dienstag regnet es sintflutartig, statt im verwunschenen Garten die 19er-Form zu vertiefen, beschließen wir, im Meditationsraum in Stille zu sitzen. C. und ich tauschen Souvenirs aus; sie hat mir aus ihrem Wellnessurlaub Sonnenblumenkekse mitgebracht, ich überreiche ihr eine kleine Holzrose aus Amsterdam. Im Regen laufen wir zur Bahn.

Als ich zu Bett gehe, sehe ich eine Nachricht auf meinem Handy. Ob wir morgen telefonieren könnten, fragt einer meiner Lieblingsfreunde, ihm ginge es gerade nicht so gut. Ich greife sofort zum Hörer, das ist eine sehr untypische Äusserung, ich bin besorgt.
Und dann erschüttert. Und traurig. Und beeindruckt, mit was für einer Ruhe er mir erzählt, was er hat. Krebs.

Ich finde, es langt, dass es mich getroffen hat. Meinen Freunden muss nicht auch noch der Boden unter den Füssen weggerissen werden und ein wackeliger Weg zwischen Angst und Hoffnung bevorstehen. Aber wir können uns das nicht aussuchen. Wir können nicht mal etwas dafür. Aber ich werde da sein und zuhören, trösten, motivieren, Ratschläge geben – was auch immer gerade benötigt wird.

Mein Herz geht auf, nach drei Wochen entdecke ich die pinke Badekappe im Aussenbecken des öffentlichen Bades. Meine Schwimmfreundin ist wieder aufgetaucht. Kreislaufprobleme, Arztbesuche, aber die 80-jährige lässt sich nicht unterkriegen. Zur Gymnastik sei sie dennoch gegangen, und beim Schwimmen ist sie nun auch wieder dabei. Das Wetter ist herrlich, wir schwimmen und plaudern über eine Stunde nebeneinander her, G. strahlt mich an, ich würde so gut und so glücklich ausschauen. Das sagt sie mehrmals. Ich freue mich. Es geht mir auch gut. Mir geht es gut. Freitag mittags das Büro zu verlassen und ins Schwimmbad zu fahren und dann mit etwas Glück auf meine Schwimmfreundin zu stoßen und durch das kühle Wasser zu gleiten, ist einfach wunderbar. Nächste Woche möchte sie mir Fotos ihrer Tochter und der Enkelin zeigen. Vielleicht gehen wir zusammen einen Kaffee trinken.

Am Stand auf dem Bio-Wochenmarkt ist Brokkoli ausverkauft. Und über Kreuzblütler habe ich noch immer nicht geschrieben.

meine Ausbeute vom Wochenmarkt (note to myself: schreib‘ mal über die snackboxes. Und was über Kreuzblütler!)

16.05.2019

Was glücklich macht.

Wir tanzen. Die Masse bebt im Rhythmus der Musik, ein Meer aus Armen reckt sich in die Luft, das Licht, die Farben ändernd, wandert über die Musiker und das tanzende Publikum, das Leo, ein „Too many“ rufend, mit einem frenetischen „Zooz“ antwortet.

Rechts aus dem Augenwinkel sehe ich die circa 75-jährige Frau, die mit mir schon am Eingang gewartet hat und der man eigentlich einen Stuhl vorn an die Bühne gestellt hatte, lachen und tanzen. Daneben eine Gruppe punkiger Mädchen mit zerrissenen schwarzen Netzstrümpfen, kurzen Röcken, knappen Shirts, bunt gefärbten Haaren und wild geschminkt, etwas weiter links ein paar amerikanische Jungs in Jeans und T-Shirt, dann wieder ein paar ältere Jazz-Fans, rechts von mir ein Holländer mit Ohrstöpseln und starrem Blick auf die Bühne, ein anderer mit Glatze und begeistert lachend, links von mir ein sehr sympathisches Amsterdamer Pärchen, mit dem ich schon vor dem Konzert ins Gespräch gekommen bin; nun tanzen wir gemeinsam in der ersten Reihe direkt vor der Bühne, strahlen uns an und rufen uns zu, wie grandios dieser und jener Song ist, lachen über die Choreografie, die es überraschender- und stellenweise gibt und über Leos Gesangsversuche. Saxophon spielen kann er besser.

Ich bin glücklich, hier in Amsterdam nachts im Club, vor mir auf der Bühne die Band, die nicht nur musikalisch einfach grandios ist, sondern auch kommuniziert, wie dankbar sie ist, genau jetzt hier zu sein und das zu tun, wozu sie Lust haben: Live your life. Life is now.
Genau hierher passen die Statements, genau hierher zu dem Abend und der Band, die mich vor zwei Jahren per live-stream virtuell mit in die New Yorker U-Bahn genommen hat, wo sie Tag für Tag spielten und ich für einige Momente vergessen konnte, dass ich mit Fatigue und einer Strahlentherapie geschafft in der Wohnung lag. Und deren Konzertbesuch im August 2017 in Berlin, in einer Dienstag Nacht, mein erstes erklärtes Ziel war, was ich ansteuern würde, denn bis dahin wollte ich gesund sein.

Was für ein wilder, wunderbarer Abend, was für ein Glück, dabei sein zu dürfen.