14.08.2021

Die Sonne steht tief und hüllt den Hamburger Dom in ein warmweiches Licht, das die Action und den Trubel langsamer erscheinen lässt.

Und wir?

Wir schlendern über das Gelände, inspizieren die Fahrgeschäfte (nein, da niemals rein, das da vielleicht, wer kommt mit in die Wildwasserbahn und wer geht in die rasende Schlange?), wir sitzen vorm Bierstübchen und essen und trinken, wir lachen und plaudern und hat das Riesenrad nicht ein neues Design?, wir essen und trinken noch mehr, fahren Karussell und quietschen, winken, fliegen mit dem Kettenkarussell durch den Abend und baumeln mit den Beinen, und dann, wie immer, krönen wir den Abschluss unseres Dombesuches mit der Fahrt im Riesenrad, hoch oben in der Gondel staunend über die Schönheit der Stadt, die winzigen Fussballer da unten im Millerntorstadion (Lokalderby HSV:Sankt Pauli), dahinten die Kräne des Hafens vorm rosanen Abendhimmel, dort blau-blinkend die Polizeiwagen, die sich für das Spielende bereitmachen, wir lachen und schweigen und geniessen den Abend, wie früher, fast so wie immer.

07.11.2019

Unterwegs.

November. Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt; die Menschen verziehen sich in ihre warmen und von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer, während sie in Wolldecken gehüllt auf dem Sofa liegen und vorm Fernseher ein Glas Wein geniessen.
Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt? Nein!
Und hier fühle ich mich wie das kleine gallische Dorf, das anarchistisch das tägliche Kontrastprogramm bestreitet.

Das Aussenbecken des öffentlichen Bades, das von großen dunklen Bäumen umsäumt wird, ist erleuchtet: ich schwimme durch das hellblaue Wasser, Dampf steigt auf, die Luft ist kalt, während ich am Abend meine Bahnen ziehe.

Durch die hohen Fenster der alten Sporthalle, durch die ich sonst beim Praktizieren der Stehenden Säule in den schönen Park blicke, blicke ich nun auf mein Spiegelbild. Der Park liegt im Dunkeln.

Auch der verwunschene Garten des Psychologenhauses ist in der Nacht verschwunden, als ich am weit geöffnetem Fenster tief einatme. Es regnet. Wir meditieren.

Im Fitnessraum schaue ich vom Stepper auf die unter mir liegende Mönckebergstraße. Menschen hasten mit Einkaufstaschen in die nächsten Geschäfte, der Himmel ist schwarz, die Straße nass, da hinten ist die Spitze der Nikolaikirche zu sehen und das Rathaus.

Im Dunkeln auf dem Balkon des 12ten Stocks über die Bucht schauen, auf die Ostsee, den Strand, die Häuser, ganz winzig und verstreut, die Kälte fühlen, den Bademantel anziehen und ins Schwimmbad gehen.

November. Zeit des Requiems. Zeit zu gedenken. Nicht unbedingt zu weinen, auch wenn ich das Lacrimosa liebe. Verdis Lacrimosa. Das ist so wunderschön.

Ich fange an zu planen. Es gibt so viel, was ich nächstes Jahr machen möchte, so viele Möglichkeiten, so viele Einladungen, ich lache, das haut doch alles gar nicht hin, mehr Zeit brauche ich, mehr Tage, mehr Jahre, und ja, das Leben muss gelebt werden, hier und jetzt, und auf der Couch kann ich immer noch sitzen, an einem Novemberabend, ganz weit in der Ferne, wenn ich alt bin, wenn gelebt worden ist und die Erinnerungen bleiben.

10.5.2018

Unterwegs.

Ich höre die Stille. Die große Sporthalle, in der sonst immer die kleinen Kinder in ihren Fechtausrüstungen trainieren, ist leer. Sonnenstrahlen huschen über den Holzboden, Staubkörner tanzen im Licht. Auch die Gruppe der Herzis ist heute stark reduziert, wir sind nur zu fünft plus eine Ersatztrainerin und Doktor A. Dann können wir Tischtennis spielen, rufe ich. Das geht nur, wenn wir eine kleine Gruppe sind. Die Trainerin stimmt zu. M., mein Federballpartner und ich, geben uns Zeichen. Matchtime.

Doch vorher wärmen wir uns auf, eine gute Gelegenheit, um mit H., der alten weißhaarigen Dame zu plaudern, die früher im Alpenverein und in den Siebzigern drei Mal zum Trekken am Mount Everest war. Sie beklagt sich über ihre schmerzenden Knie, und überhaupt sei sie nicht mehr so fit. Ich werfe ein, dass sie zum Herzsport mit dem Fahrrad komme, zum Chor und ins Theater gehe sowie eine Spielgruppe besuche. Und zum Square Dance ginge sie auch, fügt sie noch hinzu. Vielleicht sollten wir akzeptieren, dass wir keine zwanzig mehr sind, sage ich vorsichtig. Das sage ihr Arzt auch, aber einsehen tue sie das nicht. Früher war das besser, wo sie noch in den USA gelebt und Jugendgruppen geleitet hat. Ich mag H. sehr gern und das, was sie schon alles in ihrem Leben gemacht hat und immer noch macht. Auch wenn sie sagt, sie werde langsam müde.

M. und ich einigen uns auf Punktspiele. Ich verliere drei Runden obwohl ich mich anstrenge und schwitze. Das nächste Mal spielen wir wieder Federball, tröstet mich M.

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Am Donnerstag fülle ich zum zweiten Mal den vierseitigen Antrag für’s Chinavisum aus. Das erste Mal habe ich die Formulare falsch ausgefüllt, da ich die Anleitung zum Ausfüllen ignoriert habe. Diesmal gebe ich mir mehr Mühe und halte mich an die Vorgaben. Nur bei einem Feld bekomme ich Probleme, der Platz reicht nicht aus; führen Sie auf, wann und wo Sie in den letzten 12 Monaten im Ausland waren: Österreich, UK, Argentinien, Antarktis, Österreich (again), Zypern, Niederlande, Myanmar.
Zwei Reisen nach Sylt, einige Reisen an die Ostsee und ein Ausflug nach Berlin kommen noch dazu.
Eine ganze Menge an Reisen, trotz des Brustkrebs-Dramas, das mich letztes Jahr zeitweilig ausser Gefecht gesetzt hat. Oder wegen des Dramas?  Ich stecke den Visumsantrag in den Umschlag. Tibet – der nächste Meilenstein meiner Bucket-List.