08.05.2020

Home.

Woche 8 in Isolationshaft neigt sich dem Ende zu.

Home Office und Home Canteen laufen professionell, da kann ich mich nicht beklagen.
Auch mit den Paketboten bin ich eingespielt, die die Bestellungen unten in den Fahrstuhl stellen und ich oben die Sachen einfach auslade. Von diesen „Sachen“ sind in den letzten Wochen einige zusammengekommen: eine Auflage für den Deckchair in dunkelblau, ein Tankini in schwarz, zwei Snacklieferungen mit gebackenen Linsenflips und Gemüsechips, Wasserkisten, Nagellack und Unterlack, Vitamin B12, ein Handystativ, eine Stoffmaske und etwas Wäsche. Das ist ne ganze Menge, aber ich muss mich schliesslich bei Laune halten.

Die Laune ist gut.

Ich habe einen Termin bei meiner Lieblingsfriseurin bekommen und bleibe auch gleich 2 Stunden dort; die Verwahrlosung hat endlich ein Ende gefunden.
Am nächsten Tag geht es zum Zahnarzt; eigentlich bin ich Angstpatient, aber selbst auf dieses Date freue ich mich. Dass meine Frisur sitzt, fällt als erstes ins Auge und wird von der Zahnarzthelferin für top befunden. Meine Zähne sind das zum Glück auch.

Zuhause stelle ich Fotos meines Avatars nach und morse über Slack Dönerkind, Jade0815 und IcyCarbonite an, um zu checken, ob wir Termine zur Zündung von Eiern koordinieren wollen. Kennen tu ich Dönerkind & Co nicht wirklich, aber das macht nix. Mad Max aus der Nachbarschaft hat mit mir Kontakt aufgenommen; wir machen uns den Spass und legen Thementage fest: heute schreibe ich ihm: Moin, Freitag ist Fischtag. Diese kurze Nachricht langt; wir verstehen uns und werden heute wieder Spass haben. (Anmerkung des Autors: da kommen jetzt auch Insider nicht mehr mit).

Ich sitze draussen in der Sonne und lausche der Elbe, die an den Kai schwappt, ich beobachte die Möwen, die auffliegen und kreischen und die Bäume, deren Blätter leise im Wind rascheln. Was will ich mehr, denke ich.

12.08.2019

Unterwegs.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn der Arzt, den ich zwei Jahre zuvor für 10 Minuten bei einem Info-Gespräch gesehen habe, sagt, dass er sich an mich erinnere?

Ich erinnere ihn daran, dass ich ein defektes NTHL1-Gen habe und deshalb wieder zur Spiegelung kommen solle. Aber wir hätten ja damals nur zwei kleine Polypen enfernt, nix dramatisches. Nun interveniert er; das Gewebe müsse man beobachten, deshalb sässe ich wieder hier.

Wieder mal habe ich einen Arztbrief missverstanden; ich dachte, alles sei gut.

Mir wird Blut abgenommen, mit einem Termin und dem Konzentrat zum Einnehmen stehe ich wieder vor der Tür.

Jetzt bin ich aber schon etwas amüsiert: statt mir zwei Jahre trübe Gedanken wegen des defekten Gens zu machen, habe ich zwei fröhliche Jahre gelebt.

Ich sitze am Kanal, trinke einen grünen Tee und beschliesse, mir auch weiterhin keine Sorgen zu machen. Was kommt, wird kommen, was fernbleibt, bleibt fern. Es macht schlichtweg keinen Sinn, sich vorab unnütz zu sorgen.

Nächste Woche wieder Doppel-Nachsorge-Termin in „meinem“ Krankenhaus, Anfang September die Spiegelung, und dann geht’s in die Arktis. Das Leben ist schön. Alles andere akzeptiere ich sowieso nicht.

23.02.2019

Unterwegs.

Vielleicht, weil ich so gern früh morgens an der Elbe langfahre, wenn die Sonne aufgeht und die Kräne am Hafen in rotgoldenes Licht taucht.

Vielleicht, weil die Möwen über die Elbstraße fliegen und mit dem aufgewirbelten Papier in der Luft tanzen.

Vielleicht, um einen Blick auf Sankt Pauli zu erhaschen, wo spärlich bekleidete Frauen mit biertrinkenden Männern an der Bar sitzen und draußen der Morgen naht.

Vielleicht, weil der Himmel über dem Altonaer Balkon sich rosa färbt und die Skulptur der wartenden Seeleute aus der Dunkelheit auftaucht.

Vielleicht, weil es im Bahnhof so trubelig ist und der Milchschaum auf dem Kaffee mit Kakao bestreut wird.

Vielleicht, weil die Bahn ratternd und schaukelnd durch die Felder fährt und mein Blick auf grasende Schafe fällt.

Vielleicht, weil die Gänse auffliegen.

Vielleicht, weil ich mich freue, bald am Meer zu sein, am Strand der Sonne entgegen zu wandern und den herannahenden Wellen zu lauschen.

Vielleicht, weil die Luft so klar ist.

Vielleicht, weil ich die Freiheit liebe.

Vielleicht, weil die Welt meine Heimat ist.

Vielleicht, weil ich fröhlich bin.

Vielleicht, weil ich dankbar bin.

Weil ich bin.

28.12.2018

Rückblick. Ausblick.

Rückblick.
Wien – Sylt – Travemünde – Zypern – Amsterdam – Myanmar – Travemünde – Sylt – Tibet – Sylt – Travemünde- Zürich – Sylt – Travemünde

14 Reisen in 12 Monaten. Davon 6 Auslandsreisen. Da bin ich jetzt auch etwas baff, als ich meinen Kalender durchblättere.

Montag: Taiji – Dienstag: Meditation (Winter) / Taiji (Sommer)  – Mittwoch: Herzsport – Donnerstag: Geräteraum – Freitag: Schwimmen – Sonntag: Schwimmen/Spaziergehen

6 Tage die Woche Sport und Achtsamkeit, 52 Wochen lang, nach der Arbeit. Es hat Spaß gebracht.

Highlights 2018
Ich stand auf 5200 Metern im Basecamp (Northface) des Mount Everest. Meine Nr. 1 auf der Bucket List. ✔️
Mein erster Gedanke, als ich die Krebsdiagnose hatte, war, dass ich nicht zum Everest gereist bin. Und es jetzt nicht mehr tun kann. Weil es ‚das‘ nun gewesen ist. Ein (wenn nicht sogar DER) mentaler Tiefpunkt im Drama.
Umso wichtiger für mich, genau dieses Abenteuer jetzt angegangen zu sein. Um – was auch immer noch kommen mag – nie wieder den Gedanken haben zu müssen, es nicht gemacht zu haben.
Ein emotionaler Moment, als die Wolken, die über Wochen den Everest verdeckt haben, sich beiseite schoben, am 8. August. Am Tag, an dem er unser Tagesziel war. In dem Moment, als wir vor ihm standen.

Mein Taiji-Lehrer, der mich im Sommer die 19-er Form vorlaufen ließ, um mir dann offiziell zu bestätigen, dass ich sie jetzt laufen kann. Auch das war ein Punkt auf meiner Bucket List. ✔️
Viele wunderbare Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses mit meinem Lehrer und den Mitschülern.

Dreimal durfte ich dieses Jahr meine Lieblingsband Too Many Zooz live erleben: Amsterdam, Hamburg, Zürich. Jedesmal in der ersten Reihe, jedesmal aufgeregt und glücklich, tanzend und verschwitzt. Ein Foto mit der Band. ❤️ Noch ein ✔️ auf der Bucket List.

Viele schöne Momente im öffentlichen Bad, draußen beim Schwimmen. Den Dunst sehen, der vom Wasser aufsteigt. Das Glitzern der Wasseroberfläche. Die Sonne, die mich zwinkern lässt. Die Bäume, bunt gefärbt. Die klare Luft im Winter. Die Gespräche mit meiner 80-jährigen Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe.

Herzerwärmende Momente bei den Herzis. B., die in die Hände klatscht und sich so freut, als ich auf ihren Vorschlag eingehe, einen Vortrag über Tibet zu halten und meine Fotos zu zeigen. Weil Herzis da nicht hinfahren können. H., mit der ich statt in der muffigen Halle in Gedanken im Himalaya unterwegs bin. Dr. A., die immer fröhlich und ansprechbar ist, nicht nur bei Herzproblemen.

Die Wellen und der Wind in Westerland. Die friedliche Stimmung auf der Hafenmole in Travemünde. Der blinkende Leuchtturm. Enlightenment Day of Buddha, zelebriert bei der Shwedagon Pagode in Yangon. Und ich mittendrin in den myanmarischen Festivitäten.

Das Entdecken neuer Lieblingszeitschriften (ein Gesundheitsmagazin und ein Magazin über Psychologie), die ich mir als Reiselektüre im Buchladen auf dem Bahnhof oder am Flughafen kaufe.

Der Gedankenaustausch bei der Meditation mit meinem Lehrer und den Mitschülern. Besonders mit C., die auch letztes Jahr Brustkrebs hatte. Die vielen Äpfel und Birnen aus C.’s Garten und das selbstgemachte Reneklodengelee, welches sie mir mitbringt.

Viele Theater- und Konzertbesuche und Stunden mit Freunden und Familie.

Meine erste Buchveröffentlichung im Dezember! Eine sechsseitige Reisereportage (Auftragsarbeit, nicht zu verwechseln mit dem Logbuch) über die Antarktis wurde in einem Reiseführer veröffentlicht. Darauf bin ich stolz.

Dank der Radiojodtherapie Ende November kann ich viel besser atmen und schlucken und schlafen. Die ersten Blutwerte zeigen, dass die Schilddrüse trotz der heimtückischen radioaktiven Attacke tapfer weiterarbeitet und nicht bockig mit einer Unterfunktion kontert.

Mich neben mich zu setzen und zu fragen: wie geht es Dir? Das tue ich häufig. Ich achte auf mich selbst.

Die Erkenntnis, dass es darum geht, sich selbst zu lieben. (klingt egozentrisch und pathetisch, aber ein liebevoller Umgang mit sich selbst ist lebenswichtig).

Nicht-Highlights 2018
Momente der Angst, wenn mir irgendetwas wehtut, was ich nicht einordnen kann. Rippenschmerzen. Schulterschmerzen. Geschwollener Lymphknoten. Der falsch gelesene Arztbericht der vorstationären Untersuchung der Schilddrüse des großen Krankenhauses. Worte wie Malignität, Thyroid Cancer Guidelines und abklärungsbedürftig lassen meinen Verstand kurzzeitig aussetzen. Die Angst hat einen realen Hintergrund. Deshalb ist sie ok. Und es ist ok, achtsam zu sein. Und – sobald der Verstand wieder durchblitzt – diesen zu nutzen und lösungsorientiert vorzugehen. Das läuft eigentlich ganz gut. Und es sind sehr wenige Momente, in denen ich mich ängstige.

Stress bei der Arbeit. Lösungsvorschläge habe ich bereits erarbeitet. Es liegt ausschliesslich an mir, welchen Weg ich nun einschlagen werde. Wie allerdings schon die Psychologin im Juli 2017 im Sanatorium treffend feststellte – ich bin niemand, der mit einem Sachbearbeiterjob glücklich sein würde. Mein ungebrochener Enthusiasmus und Ehrgeiz machen dem einen Strich durch die Rechnung. Das wird noch interessant in 2019.

Ausblicke und Ziele 2019.
Ich werde am 25. März nachts unter dem Sternenhimmel am See Genezareth stehen.
Und im toten Meer baden.
Im Zodiac um Eisschollen herummanövrieren, während über mir die Nordlichter, die Aurora Borealis, tanzen, irgendwo in Grönland, irgendwo im Schnee.
Ich werde Too Many Zooz auf einem Konzert ihrer Europatournee 2019 zujubeln, in einer Stadt, in der ich noch nicht gewesen bin.
Zu einer britischen Hochzeit nach Cheshire werde ich fahren. Mit Hut.
Viele schöne Stunden mit Taiji und Mediation und beim Schwimmen im Aussenbecken des öffentlichen Bades werde ich erleben. Das steht fest, genauso wie mein Sportprogramm.
Treffen und Lachen mit Freunden und Familie.
Die Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses ehrenamtlich unterstützen.
Neue Ziele ausmachen.
Vielleicht doch Trekking zum Basecamp (Nepal/Southface) mit George Hillary (dem Enkel von Sir Edmund Hillary) auf die Bucket List setzen. George Hillary hat ein Everest-post von mir auf Instagram gelikt, ich bin begeistert! (note to myself: auch dort wird es keine sanitären Anlagen geben – und Du hast in Tibet wirklich darunter gelitten! Und wer beim Stiefmütterchenpflanzen schon Rückenprobleme bekommt, der wird nicht tagelang mit Rucksack durchs Gebirge klettern können! tbd with myself)

Gesund bleiben.

Ich freue mich auf 2019.

4.10.2018

Zuhause.

Das habe ich noch nie gemacht, denke ich. Langzeitplanung. Weder vor dem Drama noch nach dem Drama. Das ist übrigens meine Zeitrechnung: es gibt ein ‚vorher‘ (bis 21.3.2017) und ein ‚danach‘ (ab 22.3.2017 – Tag der OP). Danach habe ich in extrem kurzen Zeiträumen geplant: spontan das nächste Wochende nach Sylt oder Wien oder nach Edinburgh und Amsterdam, die Antarktis habe ich im September gebucht und bin zwei Monate später losgereist. So ganz habe ich dem Frieden, dass der Feind fernbleibt, nicht getraut.

Und nun habe ich ein wunderbares Abenteuer für den September 2019 gebucht. Langzeitplanung. Ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist.

30.6.2018

Zuhause.

Es ist an der Zeit, sich mit meiner anstehenden Tibetreise zu beschäftigen.

Im Reiseführer heißt es zum Hotel in Shelkar: „Einfache 4-Bett-Zimmer, Plumpsklos und heißes Wasser aus der Thermoskanne, das man auch zum Waschen in eine Plastikschüssel umfüllen kann“.

Mein Hotel heißt so wie das, welches hier im Reiseführer beschrieben ist.

Ab jetzt werde ich beten, daß ich mich täusche.

Aber ab jetzt weiß ich auch, weshalb ich gegen Typhus & Co geimpft bin.

Weil das nächste große Abenteuer ansteht.

Life is now.

29.6.2018

Unterwegs.

Avocado, Himbeeren, Bananen, Zitrone, Wurzeln, Nektarinen, Ingwer, Zartbitterschokolade.

Wem von uns die Zartbitterschokolade gehöre, fragt der Kassierer. Die gehöre den Jungs hinter mir, antworte ich und schaue auf’s Band. Die circa 20-Jährigen haben exakt dieselben Dinge wie ich auf das Band gelegt, inklusive der Zartbitterschokolade. Das ist in dem Penny, der zwischen Kaifu-Bad und Bahnhof liegt, eher ungewöhnlich. Normalerweise stapeln sich Fertiggerichte, Chips und Alkohol auf dem Band vor und hinter meinen Einkäufen.
Ich greife nach einem Kinderschokoriegel aus dem Regal über der Kasse. Möchtest Du auch einen? fragt der eine Junge seine Begleitung. Ne, sowas esse ich nicht, antwortet dieser.
Ich fühle mich ertappt, eigentlich esse ich sowas auch nicht mehr. Aber nach dem Schwimmen und einer auch sonst aktiven Woche gönne ich mir den Riegel, ausnahmsweise, als kleine Belohnung.
Der Kassierer lacht und amüsiert sich über unsere identischen Einkäufe, meinen Einkauf stopfe ich in die Schwimmtasche.

Glitzerwasser, gebräunte Haut, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, blätterraschelnde Bäume, ein Schokoriegel. Wem denn dieser schöne Tag gehöre, frage ich mich. Der gehöre mir, antworte ich und schaue in den Himmel.

15.6.2018

Zuhause.

Meine Kollegin postet einen Artikel, der darüber informiert, daß ein Stern von einem schwarzen Loch gefressen wurde.

Wenn das mit der Erde geschehen würde, wären sämtliche Probleme auf einen Schlag gelöst.

Derweil ist mein Blutdruck bei 0:E2 gelandet.

Bei solchen News ist es nur konsequent, daß ich mich heute Abend zum WM-Spiel-Schauen Portugal:Spanien im lebendigen Portugiesenviertel am Hafen verabredet habe.

Life is now.

27.4.2018

Unterwegs.

Ich schaue auf die Uhr. Seit 30 Minuten bin ich im Taxi unterwegs – eigentlich auf dem Weg vom Büro ins Hotel. Der Preis, den ich für die Strecke ausgehandelt habe – 2000 Kyats – passt zur eigentlichen Länge der Strecke. Diese Strecke ist anders. Ich kenne sie nicht. Und wir müssten schon längst angekommen sein. Da ich mich nicht ausreichend auf burmesisch verständigen und nachfragen kann, muss ich abwarten, wo die Fahrt enden wird: die Straßen sind überfüllt, es hupt und klingelt von allen Seiten, während wir durch ein pittoreskes Yangon fahren, an Handwerksstuben, die Goldarbeiten machen, vorbei, vorbei an Baracken, die aus Holz, Wellblechen und gefundenem gebaut wurden, vorbei an Garstuben und Rickschas, vorbei an verfallenen britischen Kolonialbauten, vorbei an glasglänzenden Hochhäusern, vorbei am Peoples Park und der Shwedagon Pagode – halt: ab hier kenne ich mich wieder aus. Alle Wege führen in mein kleines Heritage-Hotel.

Und in meinen Pool.

20.4.2018

Unterwegs.

Das einzige, was an die melancholische Stimmung im Aussenbecken erinnert, sind die ausgeblichenen Banner, die am Geländer angebracht sind.

Der aufsteigende Dampf ist einer warmen Frühlingsluft gewichen, an den Zweigen der alten Bäume wachsen zarte, hellgrüne Blätter, statt winterlicher Stille kreischen Kinder, die vom Beckenrand springen, und überall um mich herum schwimmen lachende Menschen.

Heute ist offizieller Beginn der Freibadsaison. Auch wenn ich ja den ganzen Winter im Freien geschwommen bin.

Ich freue mich über meinen neuen Badeanzug, den ich heute das erste Mal trage; schwarz mit kleinen weissen Punkten, einer hübsch gerafften Vorderseite und breiten Trägern. Ich pausiere am Beckenrand und halte mein Gesicht in die Sonne. Auf meine Beine malen die Strahlen ein helles Netz, das im hellblauen Wasser leuchtet.

Heute schwimme ich nur 30 Minuten; ich rechne kurz durch, wieviele Sportstunden ich diese Woche absolviert habe (2 Stunden Taiji, 1 Stunde Herzsport, 1 Stunde Geräte), bin zufrieden und suche mir einen Platz auf dem Rasen. Dreimal creme ich mich mit Lichtschutzfaktor 50+ ein, sicher ist sicher.

Es war eine geschäftige Woche; neben der Arbeit und dem Sportprogramm habe ich noch in den Mittagspausen einen Personalausweis machen lassen, war beim Friseur, habe Geld für die Dienstreise getauscht, Gastgeschenke besorgt, Fotos machen lassen, ein Visum beantragt und mich impfen lassen. Am Wochenende folgen letzte Reisevorbereitungen und Kofferpacken.

Busy bee, denke ich. Eine echte Biene fliegt auf mich zu und setzt sich zu mir auf das Handtuch. Ich lasse sie sitzen.

10.4.2018

Unterwegs.

Auf heute Abend habe ich mich schon seit Monaten gefreut. Mein Taiji-Lehrer und ich stehen in dem verwunschenen Garten des Psychologenhauses, die Vögel zwitschern, die Luft ist kühl, die Sonne neigt sich über die Dächer der Altbauten um uns herum, hier mitten in der Stadt, deren Straßenlärm und wilde Geschäftigkeit am Hauseingang an der Garderobe abgegeben wurden.

Seit heute Abend sind wir wieder im Sommermodus: der erste Dienstag im Monat gehört der Meditation, die anderen Dienstage findet Taiji unter freiem Himmel statt. Weder meine Mitschüler vom montäglichen Taiji noch die Mitstreiter der Meditation lassen sich blicken, und so habe ich unverhofft das Glück eines Einzelunterrichts.

Auch mein Lehrer findet den Dienstag am schönsten, egal ob wir meditieren oder Taiji unter den alten Bäumen machen. Heute ist es anstrengend; jeder meiner Schritte wird akribisch begutachtet, korrigiert und nachjustiert, der Fauststoß muss schräg ausgeführt werden, der Ellenbogen in Richtung Kinn des fiktiven Gegners zeigen, die Handkante vorm Körper in Abwehrhaltung positioniert werden. Trotz der abendlichen Kühle wird mir warm unter meinen beiden Sportjacken. Doch plötzlich wird aus meinen eher friedlich-leichten Form-Bewegungen das, was Taiji eigentlich ist: ein Kampfsport, der zwar in seiner ursprünglichen Form nur noch in China ausgeübt wird, aber dessen Spuren wir heute folgen.

Ich bin konzentriert und fokussiert bei der Sache. Und dankbar, hier zu sein.

2.4.2018

Zuhause.

Wenn ich vom Zwitschern der Spatzen und dem Kreischen der Möwen geweckt werde.

Wenn die Sonne sich nicht nach der Wettervorhersage richtet und einfach scheint.

Wenn die Elbe glitzert und an die Kaimauer plätschert, ganz sanft.

Wenn ich spontan um 8.30h einen langen Spaziergang mache und Hamburg mir gehört.

25.3.2018

Unterwegs.

Mo: Taiji ✔️

Di: Stretching & Meditation ✔️

Mi: Tube & Badminton ✔️

Do: Fitnessraum ✔️

Fr: Outdoor-Schwimmen ✔️

…und ein Kurzhaarschnitt… 💇🏻‍♀️

Diesen Dienstag habe ich einen Doppelnachsorgetermin: Radiologe und Gyn im Mammazentrum. Ich habe mir freigenommen. Und bin gelassen.

20.3.2018

Unterwegs.

Scheisse, murmelt der ca. 25-jährige, der verloren auf dem Bahnsteig steht. Er sieht aus wie der Trompeter meiner Lieblingsband und hält einen Blindenstock in der Hand. Die Passanten sind an ihm vorbeigegangen, ich bleibe stehen. Ob ich ihm helfen könne, frage ich. Ja, das könne ich, antwortet er, er sei in die falsche Richtung gefahren und habe es zu spät gemerkt. Nun müsse er auf den anderen Bahnsteig. Er hält mir seinen Arm hin, ich hake mich unter und gehe mit ihm zum Fahrstuhl. Die Station Baumwall ist tricky; um auf die andere Seite zu kommen, muss man einige Treppen steigen oder mit zwei langsamen Fahrstühlen fahren. Schwierig für jemanden, der nicht sehen kann. Mein blinder Begleiter ist noch etwas aufgelöst, ich beruhige ihn und bringe ihn zum anderen Bahnsteig, ganz nach hinten, von wo er später besser aussteigen kann.

Er bedankt sich, wir verabschieden uns, ich fahre zum dritten Mal mit dem langsamen Fahrstuhl, wandere nach Hause und vermute, dass mir der heutige Meditationsunterricht mehr Achtsamkeit gebracht hat.

19.3.2018

Unterwegs.

Ich bin glücklich, denke ich, als ich an der Bushaltestelle stehe und in die untergehende Sonne blinzele. Im Gegenlicht blicke ich auf die Masten der Segler, die im Sandtorhafen liegen. Mein neuer Rucksack trägt sich gut, und er trägt meine Turnschuhe, die ich mit zum Taiji-Unterricht nehme.

Am Freitag war ich auch glücklich, ich war schwimmen und abends noch einmal beim Konzert meiner New Yorker Lieblingsband. Wie schon in Amsterdam stand ich ganz vorne an der Bühne, wieder habe ich das Hier und Jetzt genossen, wieder habe ich zur Musik in der Menge getanzt.

Und meine bucket-list wurde übertroffen: ich habe nach dem Konzert wunderbare Fotos mit denen machen können, die mir so viel bedeuten. Weil sie mit ihren Live-Streams vom Union Square in meiner dunklen Zeit mein Lichtblick waren.

Es war zwar keine Zeit, dies kundzutun, aber immerhin konnte ich vermerken, dass ich extra einen gelben Rock angezogen habe, um zu Leos Haarfarbe zu passen. Prios setzen kann ich. 😉

13.3.2018

Unterwegs.

Den Club finde ich sofort, als ich abends das Hotel verlasse und im Zickzackkurs die Lijnbaansgracht ansteuere. Allerdings bin ich den Weg heute Nachmittag schon mal abgegangen. Sicher ist sicher, ich leide an Orientierungsschwäche.

Dass das Konzert ausverkauft ist, wusste ich. Nicht aber, dass wohl Tausende Menschen die ganze Straße blockieren und mit mir in den Club möchten. Ich stelle mich in die Masse und reihe mich irgendwie ein. Hilft ja nichts. Weiter vorm Eingang stelle ich fest, dass es sich um drei Reihen handelt; hier finden heute Abend parallel drei Konzerte statt. Zufälligerweise stehe ich in der richtigen Reihe an.

Doch dann werde ich umsortiert, wegen der Mitgliedschaft, die ich erworben habe und noch bezahlen muss. Mitgliedschaft?!? Ich bin irritiert, habe aber beim Ticketkauf, der nur auf holländisch machbar war, gesehen, dass da irgendwas war, was ich nicht durchschaut habe. Hinter mir diskutieren zwei Deutsche, auch sie wissen nicht, was uns in der separaten Schlange erwartet. Vielleicht ne Waschmaschine, sagt der Eine. Die krieg ich nicht mit ins Handgepäck, antworte ich.

Wir haben in der Tat eine vierwöchige Migliedschaft im Melkweg erworben. Da es sich nur um Euro 4,- handelt und ich jetzt einfach nur ins Konzert möchte, ist mir das egal.

Ein Raunen geht durch die Reihen, der King of Sludge – in farbenfreudigen Tigermantel – bahnt sich seinen Weg durch die Menge.

Ich gebe meinen blauen Mantel ab (dummerweise bin ich nicht im wasserfesten Antarktisoutfit sondern in feiner Stadtkleidung angereist), hoffe, dass ich die Garderobe nachher wiederfinde und gehe in einen Saal. Ich bestelle mir ein Bier an der Bar und frage mich – und den Barkeeper – ob ich hier im richtigen Raum bin. Aus der Anlage ertönen Simon & Garfunkel, das ist von Too Many Zooz soweit entfernt wie Amsterdam von der Antarktis.

Ich sei richtig, wird mir versichert und marschiere nach ganz vorne vor die Bühne.

Jubel, als der King of Sludge, der unter dem Tigermantel ein T-Shirt mit Ananasdesign und orange-karierte Strümpfe trägt, auf die Bühne kommt. Matt mit Mütze (wie immer), Leo mit gelbgefärbten Haaren und farblich passendem Outfit. Ich liebe die Jungs. Und ihre Konzerte. Ich glaube, ich habe selten Konzerte so genossen wie die von Too Many Zooz – und ich habe sicher Tausende Konzerte besucht.

Der Saal tobt, hüpft, ein Meer aus Armen bewegt sich rhythmisch zu Spoktopus, als Zugabe gibt es eine Hommage an AC/DC – T.N.T. mit Bari-Sax, Trompete und Schlagzeug intoniert.

Im Garderobengedrängel fragt mich ein Typ, wie mir das Konzert gefallen hat, er sieht wild aus, so wie es das Konzert war. Er scheint verblüfft und erfreut über mein Feedback, schon spricht mich der Nächste an, der mitbekommen hat, dass ich aus Deutschland komme. Ich plaudere etwas, bin aber auch etwas irritiert. Das Publikum ist gemischt, altersmässig dürfte ich nicht auffallen, ausserdem werde ich eh jünger geschätzt. Am Ausgang spricht mich wieder einer an, irgendwie geht es sehr nett und relaxt bei den Holländern zu. Was für ein grandioser Abend! Ich glaub, ich bin auch etwas verliebt 🤗

12.3.2018

Letter.

Dear Leo, Matt & King of Sludge, just want to say how special it will be for me to see you tomorrow in concert in Berlin. I got seriously sick in February 2017 (cancer) and set up a bucket-list with what to do/see the rest of my life (which hopefully will last quite long). I was happy to see that you have scheduled a concert in Berlin – and I bought the ticket between surgeries and therapies with the goal: 8th of August I will be in Berlin and listen to you. My health went better and now I am packing my suitcase and will travel to Berlin tomorrow. And I can tick the first item from my bucket list. It means quite a lot to me to be there tomorrow – even though I also enjoyed the live-streams on Facebook during my illness which somehow kept me connected to the „real“ world – see you tomorrow!

C. from Hamburg, Germany, 7th August 2017

Since then, I have enjoyed my favourite band not even in Berlin in August 2017 but also in Edinburgh in December 2017. And tomorrow evening in Amsterdam. And on Friday in Hamburg! 🎷🎺🥁

7.2.2018

Unterwegs.

H. hält mir ihre Hand hin. Sie ist kalt. Schon die letzten beiden Wochen war sie nicht beim Herzsport gewesen. Die Nase der kleinen alten Dame ist rot, und ihr geht es allgemein nicht gut. Seit dem Herzinfarkt sei alles anders, sagt sie, die in den 70ern mehrmals zum Trekking am Mount Everest war. Und ihre Stimme sei auch weg, das sei ärgerlich, da sie im Chor singe, fügt sie hinzu. Ich stelle fest, dass wir einiges gemein haben, schlage Ingwer- und Thymiantee vor, dann geht es weiter mit den Terraband-Übungen.

Hinterher spielen wir Federball. Ich höre, wie T. zu M. sagt, dass er schon versprochen hätte, mit mir zu spielen. T. strahlt mich an; mit ihm spiele ich wirklich gern zusammen. Auch wenn ich mich an kein Versprechen erinnern kann.

Aber nur 15 Minuten, ruft die Trainerin. Ich gucke enttäuscht. Länger können die Herzis nicht durchhalten, erklärt sie mir. Sie behält recht: M. sitzt nach drei Minuten auf der Bank, O. folgt ihm kurze Zeit später. T. und ich spielen flüssig durch, es erinnert mich an meine Kindheit, in der ich sonntags mit meiner Tante auf dem Hof Federball gespielt habe. Das habe ich geliebt.

Am Ende der Stunde bekommen wir noch alle einen kopierten Din A4-Zettel überreicht, auf dem handschriftlich vermerkt ist, dass am 14.3. das Training ausfällt. Passt, denke ich, da bin ich sowieso in Amsterdam. Tanzen statt Terraband.

6.2.2018

Unterwegs.

Habt ihr meine sms bekommen?, fragt unser Taiji- und Meditationslehrer in die Runde.

Ja, antworte ich.

Was haben wir bekommen? N. guckt verstört.

Meine Textnachricht. Mit den Anfangszeiten für die Meditation, hilft unser Lehrer nach.

Ach so, ja, habe ich, sagt N.

C. guckt hoch, sie weiss es nicht genau.

Entschuldigung, worum geht es gerade? Jetzt taucht auch J. aus den Tiefen der Meditation auf.

Wir müssen lachen. Und ich bin beeindruckt, wie gut meine Mitschüler abschalten können.

5.2.2018

Unterwegs.

Ich freue mich, als ich durch das dunkle Altona in Richtung Bushaltestelle gehe. Heute beim Taiji habe ich mich zwischen den Profis nicht ganz so ungeschickt wie sonst angestellt. Die stehende Säule und Reeling Silk liegen mir, bei der 19er Form schummele ich nur noch im letzten Teil, den habe ich allerdings auch noch nicht ausführlich gelernt.

Da wir ab April am Dienstag Abend wieder in der Kleingruppe in dem schönen Garten des Psychologenhauses trainieren, werde ich die Form also auch bald können.

Ausserdem habe ich in den Pausen wieder mit G., der russischen Künstlerin, geplaudert. Wir verabreden uns locker für übernächsten Samstag zum Shopping in der Schanze.

N. ruft rüber, ob wir uns morgen bei der Meditation wiedersehen. Ich bejahe und freue mich, dass es hier so nette Mitstreiter gibt.

Morgen bei der Meditation treffe ich auch wieder C. Wir teilen dasselbe Schicksal: auch sie hat letztes Jahr die Diagnose Brustkrebs bekommen. Wir planen, Mitte Februar zusammen zu einem Vortrag über Ernährung in mein Mammazentrum zu gehen.

Gerade hatte ich überlegt, dass ich mal wieder etwas mehr socialisen sollte, da läuft es schon ganz automatisch. So wie mein Fitnessprogramm, denke ich. Das läuft ja auch.

4.2.2018

Unterwegs.

Zehn! Zehn! Zehn!, tönt es aus dem Poolbereich. Die Befehle werden von lauter Discomusik begleitet. Es ist 8:00h morgens, und ich war sicher, dass ich die Einzige bin, die sich so früh am Sonntag zum Schwimmen aufmacht. Circa 16 eher ältere Herrschaften mit Schwimmnudeln um den Hals haben sich früher aufgemacht. Ich bahne mir einen Weg in den hinteren Poolbereich, wo eine Handvoll Gäste im Kreis schwimmt, was mich an Pferde in der Zirkusarena erinnert, die unermüdlich ihre Runden drehen. Ich reihe mich ein.

Draussen ist es weiss, die Flocken fallen dicht vom Himmel, schweben über das Balkongitter und bleiben liegen. Der grüne Leuchtturm verblasst in der Ferne.

Heute ist Weltkrebstag. Auch mein Mammazentrum hat einen Gruss auf Facebook gepostet, was mich sehr freut und mich innehalten lässt. Die rosa Schleife auf dem Bild wirkt friedlich. Genauso friedlich wie der Schnee, der immer dichter fällt.

3.2.2018

Unterwegs.

Die Tagesplanung verzögert sich. Ich kann zwar schon um 12.00h einchecken, bin aber so angetan von meinem Hotelzimmer, dass ich nicht auspacke, sondern eine halbe Stunde auf- und abwandere. Die haben sich vertan bei der Zimmervergabe, denke ich. Das ist ein grandioses Upgrade auf eine Eck-Suite mit Sofa, Sesseln, Ankleidezimmer, Tischen, riesigen Fensterfronten, um die eine Terrasse läuft und einen direkten Blick über die Bucht von Travemünde freigibt.

Das Hotel versprüht zwar den Charme der 60er und wartet mit viel Holzverkleidung auf, aber ich bin begeistert.

Ich ziehe Doutzen Kroes || an, schlüpfe in einen der Bademäntel und gehe ins Spa. Nach Liege, Zeitschriften lesen und einer Stunde schwimmen spaziere ich in die kleine Dorfstrasse. Ich kehre bei Niederegger ein: es gibt Waldfruchttorte und eine Tasse Kaffee; eine Sünde ist erlaubt. Für den Abend hole ich mir ein paar Walnüsse und Doppeldinkelkekse, um die political correctness wiederherzustellen.

Auf dem Weg zum Leuchtturm fängt es an zu schneien. Nur ein paar kleine Flocken, die sich in die ruhige Szenerie einfügen. Die Wellen plätschern sachte an den Strand, Enten picken in den angespülten Algen, eine Ratte huscht über die glitschigen Steine. Was für ein Unterschied zu den wütenden Wellen auf Sylt, dem Sturm und dem Regen. Es ist so friedlich, denke ich, und schaue wieder auf die Bucht, die jetzt im Dunkeln liegt. Ein Schiff läuft aus und schiebt sich langsam am Leuchtturm vorbei. Ein Angler wartet geduldig auf einen Fang.

3.2.2018

Unterwegs.

Hab’ ich kein Zuhause?

Doch. Hab‘ ich. Sogar ein sehr schönes, denke ich, als ich den kleinen Koffer für Travemünde packe.

Habe ich zuviel Zeit?

Ganz und gar nicht. Aber ich will meine Zeit sinnvoll nutzen.

Was heisst das?

Das heisst, dass sich meine Prioritäten geändert haben. Und dadurch, dass ich freitags nur noch bis mittags arbeite, kann ich nach dem Outdoor-Schwimmen einkaufen gehen und den Haushalt machen. Diese vier Stunden weniger arbeiten erhöhen die Lebensqualität enorm.

Mag ich die Nord- und die Ostsee?

Ich mag Sylt und Travemünde im Winter. Ich mag die etwas morbide Stimmung, wenn es grau und stürmisch und menschenleer ist. Ich mag ja auch Venedig im November, wo ich schon in Gummistiefeln anreise, um dem Acqua Alta angemessen gegenüberzutreten.

Wollte ich nicht nach Tibet?

Aaaaaargh. Das will ich auch! Und nach China zum Taiji-Unterricht. Aber ich stecke in der Planung fest. Man kann das schlecht kombinieren. Und nun stehen im Frühjahr auch noch zwei Dienstreisen an, Zypern ist gebucht, Myanmar geplant. Und dann gehts privat nach Amsterdam und nach München. Nach Budapest ins Thermalbad möchte ich auch. Und nach Rom zum Trevi-Brunnen.

Ich brauche noch viel Zeit.

PS: lieben Dank an meine Leserinnen, die mir ihre Reisetipps geschickt haben! Es gibt so viele schöne Orte auf dieser Welt!

30.12.2017

Rückblick. Ausblick.

Dieses Jahr war ein besonderes Jahr. Es hat mich herausgefordert. Es hat mich nicht bezwungen. Es hat mir gezeigt, dass ich innehalten und meinen Kurs ändern muss. Es hat mir klargemacht, was ich will und wozu ich fähig bin.

Sie haben Krebs. Wir sprechen über Leben oder Sterben, sagt Prof. Dr. M., als ich ihn im Krankenhaus frage, ob ich nun krankgeschrieben werde.
Sätze, die sich einprägen, Sätze, die mir in einer Plötzlichkeit klarmachen, dass mein Leben endlich ist. Und Sätze, die mir bewusst machen, dass ich überhaupt nicht sterben will.
Weil ich – und das muss ich mir eingestehen – noch nicht all das gemacht habe, was ich eigentlich in meinem Leben machen wollte. Weil man es ja später machen kann. Um auf einmal festzustellen, dass es eventuell kein später gibt. Es sind existenzielle Fragen, die mich erschüttert und ins Wanken gebracht haben. Und die mir umso deutlicher aufgezeigt haben, dass ein Kurswechsel stattfinden muss.

Ich bin dankbar, dass ich das Drama sehr schnell und sehr gut verarbeitet habe. Das sehe nicht nur ich so, sondern auch die Ärzte und die Psychologin aus dem Sanatorium, mit der ich einige Stunden verbracht habe.

Ich bin dankbar, dass mir Prof. Dr. M. mein Leben gerettet und mir die Todesangst, mit der ich in den ersten unklaren Tagen gekämpft habe, genommen hat. Ich verspreche Ihnen, dass wir das hinkriegen. An diesen Satz habe ich mich geklammert, er war der Wendepunkt im Drama. Und Prof. Dr. M. hat sein Versprechen gehalten.

Ich weiß, dass ich selbst aktiv sein muss, um die Aussicht auf ein Folgedrama zu minimieren, und ich weiß, dass auf meine Disziplin und meinen Kampfgeist Verlass ist: mein tägliches Sportprogramm bringt mir richtig Spaß, meine Ernährungsumstellung ist mir weniger schwergefallen als befürchtet, meine reduzierte Arbeitszeit auf 36 Stunden die Woche (und keine weiteren Überstunden) ist mein persönlicher Luxus, der mich noch immer stressfrei hält. Ich bin aktiv und fit wie seit Jahren nicht mehr.

Ich hatte Krebs. In der Vergangenheitsform passt es zu mir, denn ich schaue nach vorn.

Ich kann mittlerweile sagen, dass dieses Jahr ein gutes Jahr war.

Ich bin dankbar, dass die ausgewählten Freunde, denen ich vom Krebs erzählt habe, sehr gute Krisenmanager sind und mich unaufgeregt durch turbulente Zeiten begleitet haben und immer für mich da waren.

Ich bin dankbar, dass ich viele neue Menschen auf meiner Reise durch das Jahr kennen gelernt habe. Ganz besonders dankbar bin ich für meine beiden Schwestern im Herzen, die ich seit unserer Begegnung im Sanatorium noch immer jeden Monat treffe.

Ich bin dankbar, dass ich in einer Dienstag Nacht in Berlin in einem Club stand und meiner Lieblingsband zugejubelt habe. Und sie Ende des Jahres nochmal in Edinburgh auf der Bühne sehen konnte, während wir wild vor dieser tanzten. Ich bin mehrmals auf Sylt am Strand entlanggewandert und habe mich über die tosenden Wellen gefreut. Ich bin spontan nach Wien gereist, um morgens um 10.00h ein Glas Sekt über den Dächern der Stadt zu trinken und auf das Leben anzustoßen. Ich bin in die Antarktis gefahren und habe den schönsten Platz der Welt gefunden. Ich habe mit meinen kleinen Patenkindern gespielt und gelacht.

Heute war ich wieder draußen schwimmen, bei drei Grad Aussentemperatur und klarer Luft. Heute war ich wieder glücklich.

Und im nächsten Jahr werde ich weiter mein Leben leben und mich auf Wien, Amsterdam und Asien freuen. Und auf die vielen Dinge, die das Leben ausmachen.

12.11.2017

Unterwegs.

Alternatives Sportprogramm am Wochenende: 80 Minuten auf- und abhüpfen inclusive Arme in die Luft recken am Freitag im La Belle Angele bei Too Many Zooz, am Samstag wandern von Pub zu Café zu Restaurant…

Edinburgh 2017. Life is now.

16.09.2017

Unterwegs.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt freundschaftliche Regungen in mir verspürt habe, und jetzt hatte ich das Gefühl gleich zweimal in den letzten vierundzwanzig Stunden. Vielleicht ist dieser Tag doch nicht so furchtbar, wie ich dachte.
Forrest Leo, Der Gentleman

Es ist Freitag, ich räume meinen Schreibtisch auf, ziehe meine Jacke an und nehme die Tasche, werfe nochmal einen Blick zurück in mein Büro, in dem noch immer das Welcome Back-Schild auf dem Tisch steht. Unverhofft trifft mich ein wehmütiges Gefühl und die Frage, wann ich wohl wieder zurück komme. In einer Woche, antworte ich mir. Bestimmt.

Nächste Woche habe ich frei genommen, Urlaub habe ich noch genügend. Und zwei Termine, die meine Gedanken einnehmen. Am Dienstag bin ich beim Radiologen im Krankenhaus zum Ultraschall – und ich habe Knoten. Am Mittwoch bin ich beim Radiologen in der Innenstadt zum MRT meines linken Knies – wegen der Schmerzen. Aber eigentlich wegen der Angst. Doch auch dem Orthopäden ist es zu heikel, es mit einem Abtasten des Knies gut sein zu lassen, bei meinen Vorbefunden sei ihm ein MRT sicherer.

Abends fahre ich mit U. zu S.. Ich freue mich sehr, meine beiden Mitstreiterinnen aus dem Sanatorium wiederzusehen, bei unserem monatlichen Treffen zum Austausch und Follow Up. Wie ist es den anderen in der Zwischenzeit ergangen? Halten wir Kurs, setzen wir das, was wir uns nach unseren Dramen vorgenommen haben, um? U. berichtet, dass sie nächste Woche mit Qigong anfängt und gerade eine friedliche Phase bei der Arbeit hat. S. macht jetzt Yoga und Entspannungsübungen und ist auf dem Weg zu sich Selbst. Ausserdem achtet sie sehr auf gesunde Ernährung, was sich im kredenzten Abendbrot widerspiegelt. U. und ich sind begeistert. Ich erzähle den Mädels von den Herzis, meiner reduzierten Arbeitszeit und meinen anstehenden Arztterminen. S. und U. machen mir Mut. Es ist ein wunderschöner Abend, wir lachen, wir reden ohne Unterbrechung, es ist genauso harmonisch wie damals im Sanatorium. Wir freuen uns, dass wir uns kennen gelernt haben.

Später schreibt mir S., dass es ihr gut tue, mit uns zu reden: Irgendwie seid Ihr auch wie Schwestern, die aufpassen, dass alles gut läuft, wohlwollend, aber kritisch, nicht mit Eurer Meinung hinterm Berg haltend.

Für Oktober ist das nächste Treffen mit meinen neuen Schwestern geplant.

#Krebs

02.09.2017

Unterwegs.

Spontanentschluss: dieses Wochenende geht es nach Sylt. Kuchen in Kampen oder Sekt in der Sansibar, das entscheide ich spontan.

Mit diesem Ausflug belohne ich mich, habe ich doch am Freitag meine knapp fünf Wochen dauernde stufenweise Wiedereingliederung ins Berufsleben erfolgreich beendet.

02.09.2017

Unterwegs.

Wir stehen im Kreis und fassen uns an den Händen, dann wippen wir von den Fußspitzen auf die Fersen. Meine Mitstreiter sind älter als ich. Viel älter. Und weniger fit.

Am Telefon sagt die Kursleiterin, dass sie mich lieber in eine Herzsportgruppe nehmen würde, die Herzis seien fitter und jünger als die Teilnehmer der Krebsgruppe, für die ich ein Rezept über 50 Stunden Rehasport bekommen habe. Nun stehe ich in der Turnhalle zwischen den Herzis und frage mich, wie dann wohl erst die Teilnehmer der Krebssportgruppe sind. Die machen Übungen im Sitzen, bekomme ich als Antwort. Die Trainerin hält nicht viel von reinen Krebsgruppen, zu unterschiedlich seien die Anforderungen und die Stimmung eher bedrückend. Die Herzis sind fröhlich, die stecken die Krebskranken mit ihrer guten Laune an, deshalb nehme sie die fitteren in die Herzgruppe auf.

Herzlich sind sie wirklich, sie fragen mich nach meinem Namen, nach meinem Befund und integrieren mich sofort. Wir walken durch die Turnhalle und werfen uns kleine Sandsäckchen zu. Später spiele ich mit M., die Krebs hat, Federball, und das bringt wirklich Spaß. Gleichmäßig fliegt der Ball durch die Luft, ploppt auf die Schläger, fliegt zurück, hin und her als ob wir schon ewig zusammen spielten.

M. bedauert, dass es wohl bei meiner Probestunde bleiben wird, immer, wenn sie jemand nett finde, würde er wieder gehen.
Die Fahrt von zuhause bis zur Turnhalle hat mit Bus und Bahn 75 Minuten gedauert, es ging quer durch Hamburg, und das ist mir zu aufwendig für 60 Minuten Sport, der mich auch nicht richtig gefordert hat.

Die anwesende Ärztin hat eine andere Herzgruppe für mich, näher am Zentrum, da solle ich nächste Woche mal mitmachen, sie kläre das für mich ab. Ich freue mich ob der Fürsorge, ich habe sämtliche Behindertensportgruppen kontaktiert, die Krebsnachsorgesport abrechnen können: über zwei Jahre ist die Wassergymnastik in Sankt Pauli ausgebucht, ein Verein fordert, dass ich erst zahlendes Mitglied werde (was ich nicht will), viele Kurse laufen tagsüber (ich arbeite volltags) oder sind in Hamburgs Randbereichen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen sind.

Aus einem der Randbereiche rase ich jetzt zum Bus zurück, der abfahrbereit an der Haltestelle steht, zwei meiner Mitstreiter feuern mich an, laufen auf der anderen Straßenseite nebenher und machen den Busfahrer auf mich aufmerksam. Lieb sind sie, die Herzis. Und wenn ich doch mein Rezept, vielleicht auch nur teilweise, in dieser Gruppe einlösen möchte, bin ich herzlich willkommen, sagt die Trainerin. Und umarmt mich.

16.03.2017

Beim Internisten.

Dieses Eis. Diese Steine. Diese Felsen. Das ganze Jahr über sind sie allein. Während einiger Wochen kommen Menschen vorbei. Die Menschen sind bald wieder weg. Die Steine, die Felsen liegen weiterhin hier. So wie sie schon hier lagen, als Ritter mit Lanzen aufeinander losgingen, so wie sie hier lagen, als Seeräuber die Meere unsicher machten, so wie sie hier lagen und schliefen und träumten, als das Nibelungenlied geschrieben wurde, so wie sie hier lagen, als die Völkerwanderung Europa auf den Kopf stellte. Herr Stein, Karl der Große ist gestern gekrönt worden. Wer?
Thomas Glavinic, Das größere Wunder

Unendlichkeit – Endlichkeit.

Endlich stehe ich mal wieder früh auf, um Punkt 8.00 Uhr sitze beziehungsweise liege ich beim Internisten zur Blutabnahme; Blutbild mit Gerinnungswerten, OP-Vorbereitung. Da ich darauf bestehe, dass wir heute den linken Arm nehmen, wird die Liege von der Wand abgerückt, damit die Schwester an den Arm kommt. Ich lege mich mit dem Kopf in Richtung Fussende, so ginge es natürlich auch, sagt die Schwester, und rückt die Liege mit mir obendrauf wieder an die Wand. Wir lachen. Lachen tut unendlich gut.

 

14.03.2017

Unterwegs.

Entspanne dich. Lass das Steuer los. Trudle durch die Welt. Sie ist so schön.
Kurt Tucholsky

Tatsächlich stelle ich eine neue Gelassenheit an mir fest:  ich fange an, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Ich halte inne und freue mich über Dinge, die vorher zwar auch schon da waren, die ich aber nicht so intensiv wahrgenommen habe: die Kindergartengruppe in den gelben Warnwesten, die lachend und aufgeregt vor der Elbphilharmonie herumläuft, die frische Brise an der Elbe, die nach Salz und Meer riecht, das neue Auto eines Freundes, dessen Armaturenbrett, Steuer und Sitze aus feinem hellen Leder ich andächtig berühre – ich höre gar nicht wieder auf zu loben – dabei habe ich mir nie etwas aus Autos gemacht.

13.03.2017

Ich bin müde und etwas durcheinander. Das schreibe ich dem Stress der vergangenen Tage zu. Ich laufe von einem Zimmer ins nächste, vergesse was ich wollte, laufe wieder zurück. Von der Einkaufsliste kaufe ich nur die unteren Positionen; das stelle ich fest, als ich wieder zuhause bin. Ich nehme es gelassen und bin freundlich zu mir. Ein neues Kapuzensweatshirt in himmelblau, eine helle Hose, Wäsche, Mütze und eine Jogginghose lege ich mir zu – alles Dinge, von denen ich glaube, dass ich sie in nächster Zeit brauchen könnte.

Die Sache ist mir auf den Magen geschlagen, ich habe keinen Appetit. Deshalb gehe ich jeden Mittag in Restaurants, lese Zeitung und gucke auf die Elbe. Zwischendurch zum Fitness, Schwimmen, Taiji und Spaziergänge, Freunde treffen. Blende ich die Krankheit aus? Oder lasse ich mich einfach nicht hängen?

Ich erinnere mich an die Inschrift eines Grabsteins, den ich beim Neujahrsspaziergang auf dem Wiener Zentralfriedhof entdeckt habe:

Ich lebe so gerne! Ich glaube, ich lebe sogar noch gerne, wenn ich einmal gestorben bin.

09.03.2017

Im Krankenhaus.
Prof Dr. M. tippt in seinen PC, ich sitze daneben und warte ab. Zwischendurch eine Entschuldigung und Tätscheln des Knies. Sie haben Glück im Unglück, sagt Prof. Dr. M. nach einer Weile, Ihr Krebs ist langsam. Damit könne ich doch noch meinen Termin beim Humangenetiker wahrnehmen. Danach die Entscheidung, ob wir mit Knotenentfernung und Strahlenbehandlung oder mit Amputationen und Tabletten therapieren. Prof. Dr. M. ist flexibel, ich muß erstmal hinterherkommen. Ich weise darauf hin, dass die Operation am 15.03. anstehe, der Termin bei den Humangenetikern aber erst am 16.03. sei. Ein Anruf von Arzt zu Arzt, in 90 Minuten möge ich in der Altonaer Straße sein.

06.03.2017

Im Krankenhaus.
Sie haben Krebs, sagt Prof. Dr. M., die Gewebeanalyse bestätigt das. Aber er sei nicht sehr agressiv. Wir werden weitere Auswertungen abwarten. Wir sprechen über Amputationen, Rekonstruktionen, Medikamententherapie.

01.03.2017

Im Krankenhaus.
Prof. Dr. M. liest den radiologischen Befund, rollt mit dem Stuhl zu mir rüber, tätschelt mein Knie und verspricht mir, dass wir das hinbekommen. 80-90% Chance auf Heilung, 100% Hoffnung. Seit einer Woche habe das erste Mal das Gefühl, dass dies vielleicht doch nicht das Todesurteil ist. Es fallen die Worte Chemotherapie, Bestrahlung, Medikamente, Operation.

22.02.2017

Und was ist nun mit der anderen Sache, frage ich. Die Ärztin guckt geistesabwesend, das sei egal. Ich nehme die Überweisung in Empfang und setze mich wieder ins Wartezimmer. Panik vorm Wartezimmer, man bräuchte dringend einen Termin beim Radiologen, ich schaue auf die Überweisung. Verdacht auf Krebs.
Bevor ich das verinnerlichen kann, kommt die Ärztin zurück, nimmt mir die Überweisung wieder weg, gibt mir eine neue, es steht nun „suspekter Tumor“ drauf. Termin beim Radiologen eine Woche später, aber sie würden mich anrufen, wenn früher etwas frei werde. Das klingt dramatisch, sage ich. Am Ausgang steht die Ärztin mit ernstem Gesicht und wünscht mir alles Gute.

Draußen vor der Tür komme ich zu mir und fange an zu begreifen.