25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

28.7.2018

Unterwegs.

Life is now. Live your dreams. Das klingt genauso kitschig – aber auch genauso gewaltig – wie mein Wunsch, einmal ins Ewige Eis zu reisen. Oder vorm Mount Everest zu stehen. Dort, wo die Bergsteiger sich auf den Weg zur Spitze aufmachen.

Die Drakepassage im Sturm habe ich im letzten Jahr durchquert, um an das Ende der Welt zu gelangen und den siebten Kontinent zu betreten. Nun werde ich ins Himalaya reisen. Und im Basecamp auf 5150 Metern Höhe zum höchsten Berg der Welt aufsehen.

Ich bin dem Drama vom letzten Jahr dankbar, das mir gezeigt hat, dass mein Leben endlich ist. Wer weiß, ob ich sonst jemals meine Träume hätte Wirklichkeit werden lassen.

5.12.2017

Antarktis. Tag 11

Epilog

Ich habe wunderbare schneebeckte Landschaften entdeckt, unberührte Natur mit wilden Tieren gesehen und Menschen aus den verschiedensten Ecken der Welt kennengelernt. Ich habe festgestellt, dass man selbst auf einer kleinen Insel wie der Sea Spirit friedlich zusammenleben kann. Ich habe viel gelacht. Ich habe viel erlebt. Ich habe viel gelernt. Ich war ergriffen von der Schönheit dieser Welt. Ich habe neue Freunde gefunden. Ich bin dankbar, dass ich das alles erleben durfte.

Der Kroate M. steht wieder neben mir, als das Schiff in Ushuaia anlegt. ‚I am sad that we are leaving‘, sagt er. ‚You are kidding‘, entgegne ich. ‚You are right‘, antwortet er und grinst. Warum er sich auf den Weg in die Antarktis gemacht hat, wird sein Geheimnis bleiben.

– Logbuch Antarctica – Ende –

4.12.2017

Antarktis. Tag 10

»Unterhalb von 40 Grad gibt es kein Gesetz mehr. Unterhalb von 50 Grad gibt es keinen Gott mehr.«

(Seemannsweisheit)

Zurück wieder durch die Drakepassage, die zwischen dem 56. und 60. südlichen Breitengrad liegt.

Die Club Lounge ist bereits um 9.00h gut besucht, es hat sich herumgesprochen, dass das der ‚place to be‘ bei Sturm ist. Ich nehme meinen Stammplatz am Fenster ein und schaue auf ein bewegtes Meer. Gestern Abend haben wir noch eine Gruppe Buckel- und Finnwale beobachtet.

Y. ist wieder seekrank, die Wellen krachen an das Fenster unserer Kabine auf Deck 3. Anscheinend bin ich nach dem Mittag eingeschlafen, ich wache auf, schaue erschrocken auf die Uhr und sprinte auf Deck 4 in die Club Lounge: heute gibt es Crepe Suzette, die will ich keinesfalls verpassen. Auch die California Girls sind wieder auf den Beinen und halten sich tapfer bei der Wetterlage.

Das letzte Abendmahl zusammen mit den drei California Girls, meinen Kabinengenossinnen Y. aus Israel und J. (noch ein California Girl) und den beiden lebhaften Australierinnen R. und P., die uns an die Serie „friends“ erinnern: grosse Begeisterung, dass die Barkeeperin auch noch „Monica“ heisst.

Nach dem Farewell-Cocktail spaziere ich über das Aussendeck. Wir sind im Beagle-Kanal angekommen, der Sturm hat sich gelegt, um uns herum sind schneebedeckte Berge, über uns ein grandioser Himmel. Wir liegen beim südlichsten Leuchtturm der Welt und warten auf den Piloten, der um 2.00h nachts an Bord kommen soll.

Hinter den Fenstern sehe ich die Chinesen ihre Koffer packen. Das Chaos erinnert mich an unsere Kabine. Ein Pärchen sitzt barfuss auf dem Teppich und spielt Karten.

G., der Brite, den ich bereits im Whirlpool im Hotel in Ushuaia kennen gelernt habe und den ich augenzwinkernd meinen Stalker nenne, kommt mir entgegen: ‚…und dann ziehst Du zu mir nach England, wir kriegen fünf Kinder und haben vier Hunde und drei Katzen.‘ Wir lachen, er geht zurück an die Bar, ich bleibe noch etwas draussen an der Reeling stehen.

Eine Reise neigt sich dem Ende zu. Morgen um 8.00h werden wir in Ushuaia einlaufen.

3.12.2017

Antarktis. Tag 9

Sturm in der Drakepassage. Das Schiff ist wieder mit Spucktüten dekoriert, es sind auffallend wenige Gäste unterwegs.

Die chinesische Waschküche in der Kabine schräg gegenüber hat aber geöffnet.

In der Club Lounge kniffeln die Holländer, die Schweizer sitzen beim Tee und plaudern auf Schweizerdeutsch, die Australier tauschen Reiseerlebnisse aus, ein Chinese schläft nebenan in der Bibliothek.

Um 16.00h hat der Wind nachgelassen. Der Bord-Pianist hat seinen Platz am Flügel eingenommen, parallel läuft Happy Feet auf den Screens, es gibt Scones, Kuchen und Sandwiches. Ein Albatros-Pärchen fliegt seit einiger Zeit neben uns her, füttern verboten, sagt A., der holländische Vogelkundler der Sea Spirit. Ausserdem habe er von der Brücke vernommen, dass die Wettervorhersage nicht gut ist – es soll nochmal so richtig stürmisch werden.

2.12.2017

Antarktis. Tag 8

Wir springen vom Frühstückstisch auf und stürmen nach draussen an‘s Deck: Buckelwale schwimmen in unmittelbarer Nähe. Die Maschinen stehen still, das Meer ist ruhig, die Wale kommen näher. Wahrscheinlich sind sie genauso neugierig wie wir.

Ob ich Delphine gucke, fragt M. und stellt sich neben mich. Ne, Dinosaurier, antworte ich. Er grinst. Mit seiner speziellen Art ist der weisshaarige Kroate bereits bei vielen Passagieren angeeckt. Er sei halt nicht wie seine Mitreisende aus Deutschland, die sich für jeden Pinguin begeistern kann. Er zeigt auf mich. Seine zynische Art ist anstrengend für die Enthusiasten an Bord, und das sind alle, bis auf M.

M. ist neben dem Autisten C. auch der Einzige an Bord, der konstant in kurzen Hosen und Polo-Shirt an Deck rumläuft und auf Dresscode Sommer eingestellt ist. Da kann es stürmen und schneien wie es will.

Wir klettern in die Zodiacs und steuern Hydrurga Rocks an: ein Seehund liegt am Anleger, hebt neugierig den Kopf und schaut uns an. Chin Strap-Pinguine laufen die Penguin Highways herunter, wieder wandern wir durch eine unglaublich schöne Welt voller Gletscher, Berge und Tiere.

Die Chinesen rollen weitere Banner aus, wir machen zusammen Fotos, auch wenn mir aufgrund der Sprachbarrieren keiner sagen kann, was draufsteht: ‚das Leben ist schön‘. Das würde mir als Text gefallen.

‚Wir sind am Südpol‘, übersetzt der chinesische Vogelkundler das Banner, nachdem wir von einem aufregenden Ausflug nach Mikkelsen Island zurückgekommen sind. Erstmals in Sonnenschein unterwegs, sehen wir Chin Straps, Robben, Walknochen und einen Adelie-Pinguin, der auf dem Bauch durch den Schnee rutscht. Sturm kommt auf, ich wandere zur Landestelle und wate ins Wasser, um ins Zodiac zu klettern. Die Fahrt wird ‚bumpy‘ und nass, die Wellen krachen ins Boot. C., eines der California Girls, sitzt neben mir und juchzt ununterbrochen. Ich lache, die Russen gucken besorgt. Abenteuerfeeling.

Da auf der Sea Spirit eine open bridge policy herrscht, verbringe ich viel Zeit auf der Brücke. Heute sitze ich im Aussenbereich auf dem Boden in der Sonne, glitzerndes Wasser um uns herum und ein riesiger hellblauer Eisberg vor uns; für mich ist es der schönste Platz der Welt.

Der Polar-Plunge – einige Passagiere wollten mutig vom Schiff ins Eismeer springen – muss ausfallen. Stattdessen Seemannsknoten-Knüpfkurs in der Club Lounge. Die Windstärke liegt bei 10 Beaufort, die Sea Spirit geht in Schräglage, und noch sind wir nicht mal in der Drakepassage. R., die quirlige Australierin, fällt vom Sessel.

1.12.2017

Antarktis. Tag 7

Um 8.00h sitzen wir im Zodiac und steuern die Brown Station an. Etwas fehlt: kein Wind, keine Wellen. Die Station ist unbewohnt, um uns herum sind riesige Gletscher, die kalben. Es klingt wie dumpfes Donnergrollen, sonst ist es still.

Ein paar Chinesen kugeln im Schnee einen Hang hinunter, ungeachtet der Tatsache, dass wir den schmalen Pfad aufgrund der Gefahr, die unter dem Schnee lauert, nicht verlassen dürfen. Als ich aus Versehen einen halben Meter neben dem Weg gehe, rufen und winken sie mir zu, um mich zu warnen. Mein Leben scheint ihnen wichtiger zu sein als das ihrer Landsleute. Auf der Fahrt zurück zum Schiff beobachten wir Kormorane.

Die Kabinentüren auf Deck 3 stehen offen, schräg gegenüber ist die chinesische Wäscherei wieder in Betrieb.

Hausbootfeeling.

Ich gehe in die Club Lounge und treffe meine California Girls. Ich liebe unsere Konversationen, wir haben viele Gemeinsamkeiten und Spass miteinander. Stelle fest, dass mein Dresscode bei Jogginghose und Ski-Unterhemd gelandet ist. Fühle mich wie zuhause.

C. deutet auf die Chinesen, die gerade einen Reiskocher aufbauen. Auch sie scheinen sich wie zuhause zu fühlen.

Die Durchquerung des Lemoire Channels verbringe ich wieder auf der Brücke. Schneesturm (mal wieder), im Grau um uns herum mache ich riesige Berge und Gletscher aus. Ein Wal taucht kurz auf und verschwindet wieder in den Tiefen des Meeres.

Die Ankunftszeit für Port Lockroy verzögert sich: vor uns Eisberge, die den Weg versperren. Das Eis schmiegt sich immer dichter an die Sea Spirit. Port Lockroy ist eine ehemalige Basis der Briten, die heute ein kleines Museum ist. Unsere Postkarten stecken wir dort in den Briefkasten und sind gespannt, ob und wann die Karten ankommen. God save the Queen – and our mail.

Auf dem Weg zurück zum Zodiac fängt es wieder an zu schneien, das Szenario hat etwas weihnachtliches.

Beim Abendessen landen die California Girls beim Thema Brustkrebs. Ich oute mich. Und bin angetan, wie sachlich – aber auch gefühlvoll – wir darüber sprechen. Und dann zum nächsten Thema übergehen. Ich vergesse den Krebs nicht, räume ihm aber kaum mehr Platz ein wie die tägliche Einnahme der Tamoxifen-Tablette dauert. Viel Sport und gesunde Ernährung sind feste Bestandteile meines Lebens, genauso wie die regelmässigen Nachsorgetermine. Ich habe meinen Frieden gefunden.

30.11.2017

Antarktis. Tag 6

Der Wake Up Call um 7.00h verkündet, dass die Anlandung auf Useful Island in der Gerlache Strait mit den Zodiacs „bumpy“ wird. Der Schnee, der in der Nacht fiel, hinterlässt glitschige Decks an Bord und Felsen auf der Insel.

Wir sind die Ersten, die in dieser Saison auf Useful Island landen. Unberührte Natur. Esel-Pinguine brüten in ihren Kolonien und klauen sich gegenseitig die mühsam gesammelten Steinchen aus den Nestern, der Wind weht den üblen Guano-Gestank zu uns herüber. Mindestens fünf Meter Sicherheitsabstand zu Pinguinen sind Pflicht, um sie nicht zu stören. Ausserdem dürfen wir den rotbeflaggten Pfad nicht verlassen, Gletscherspalten können unter dem Schnee lauern.

Es schneit und stürmt, während wir hintereinander einen Gipfel erklimmen, allesamt in dicken roten Jacken, Mützen, Sonnenbrillen Handschuhen, Boots und Rucksäcken; so muss sich eine Everest-Expedition anfühlen. Aber mit Pinguinen.

Mittagsbesuch auf der Brücke. Der Ausblick ist atemberaubend; das Schiff gleitet durch Eisberge, um uns herum riesige Gletscher, Berge und Schnee. Ich habe noch nie etwas so schönes gesehen.

Nachmittags geht es weiter nach Noka Island; wir setzen über, erklimmen den nächsten Berg, um uns herum Penguin-Highways und Kolonien mit brütenden Esel-Pinguinen inmitten einer gewaltigen Gletscherlandschaft. Das Wetter schlägt um: statt im Sonnenschein geht es im Schneesturm dem Gipfel entgegen.

In der Club Lounge frage ich die Chinesen am Nachbartisch, was in den flaschenähnlichen Behältnissen ist, die sie fast alle vor sich stehen haben. L., die zwar kein englisch aber etwas deutsch spricht, erklärt, dass es Tee aus Baumflechten sei, die sie aus China mitgebracht haben. Ein Mann aus ihrer Gruppe springt auf und kommt mit Tassen zurück. M. und ich werden zum Tee eingeladen: es duftet und schmeckt nach Jasmin, Blüten und Blätter schwimmen in unseren Tassen. Als ich frage, ob sie auch Taiji machen, ist die Begeisterung gross. Wir verabreden uns locker für die nächsten Tage auf eine gemeinsame Session.

Dinner mit den drei California Girls, die ich in mein Herz geschlossen habe und meiner israelischen Zimmergenossin Y. (auch ins Herz geschlossen). M. und C. haben gestern gesehen, wie C., der Autist ist, mit bewegenden Worten die Asche seines verstorbenen Freundes in der Antarktis verstreut hat. Und erzählen, dass M. immer die Asche ihres verstorbenen Mannes und C. die ihrer verstorbenen Mutter dabei hat. G. schaut ungläubig und kann es nicht fassen, dass sie ihre Kabine statt zu dritt de fakto zu fünft teilen. Ihr gruselt‘s.

Wir erreichen Paradise Bay. Da ich das Unterfangen ‚Camping‘ gecancelt habe (ich bin auch so glücklich*), ziehe ich meinen Doutzen Kroes I-Bikini an und gehe um 22.00h mit Y. in den Jacuzzi auf Deck 5. Um uns herum Stille und die unwirkliche Kulisse der Antarktis. Schneeflocken rieseln auf uns herab.

*) Safety first: zum Campen ist das Mitbringen von Getränken und Nahrung verboten. Medikamente müsste man für 2 Tage dabei haben, falls man durch die Wetterlage gehindert wird, zurück zum Schiff zu kommen. Tamoxifen kann ich nur mit Getränk und zu einer Mahlzeit einnehmen. Deshalb habe ich das lieber abgesagt.

29.11.2017

Antarktis. Tag 5

Dresscode orange bei den Chinesen. Nach unserem gestrigen Landgang auf Halfmoon Island hängen nun unsere Klamotten zum Trocknen verteilt in der Kabine. Hausbootfeeling auch in 339.

Weckruf um 6h, doch wir können nicht wie geplant nach Mikkelsen Island übersetzen, der nächste Sturm zieht auf. Wir üben uns in Flexibilität und lichten den Anker.

Seit gestern haben wir auch unsere Campingausrüstung, die aus drei Teilen pro Person besteht und die wir – als erste Aufgabe – zusammenbasteln müssen: Innenschlafsack in dicken Schlafsack in Bivi-Bag und dann gerollt ins Netz. J. hat das in ein paar Minuten erledigt, ich konsultiere Y., die fast fünf Jahre in der israelischen Armee gedient und somit Expertise hat. Sie ist die einzige in unserer Kabine, die dem Campen nichts abgewinnen kann und sich schon darauf freut, unsere Luxuskabine für sich allein zu haben.

Immer mehr hellblau-leuchtende Eisberge tauchen im grauen Meer auf, das mit dem Himmel eins geworden ist. Es schneit. Und schneit. Und schneit.

Wir klettern in die Zodiacs und fahren dichter an die Gletscher und Eisberge heran. Das Meer ist unruhig, wir klammern uns an das Tau, das um das Zodiac läuft. Wasser spritzt ins Boot, wir sind bereits nach einigen Minuten durchnässt, auf den Lippen klebt das Salz, die Wangen sind nass und kalt.

Um uns herum unfassbar schöne Gletscher und Eisberge, die in den verschiedensten Blautönen leuchten; wir befinden uns in einer Welt, die so surreal wirkt und doch so wirklich ist.

Da die Wettervorhersage für nachts auch wieder auf Sturm steht, fällt unser Camping aus.

Stattdessen gibt es um 21.00h eine Party mit DJ und Glühwein am Jacuzzi auf Deck 5, es wird gefeiert und getanzt, während es schneit und das Schiff durch immer dichter werdende Eisschollen gleitet. Titanic, sage ich zu dem Australier. Er nickt.

Meer und Himmel verschwimmen zu einem dunklen Grau. Grey Out statt White Out. Und eine Schicht aus Eisschollen um uns herum.

28.11.2017

Antarktis. Tag 4

Auf Deck 3 sind fast alle Kabinentüren geöffnet: in einer Kabine brütet eine Gruppe Chinesen über einer Karte, in der Kabine schräg gegenüber wird Wäsche gewaschen und auf eine Leine gehängt, die quer durch den Raum gespannt ist. Hausboot-Feeling kommt auf.

Heute tragen die Chinesen hellgrüne Shirts und sind mit Bannern ausgerüstet. Ich beschliesse, mein chinesisches Socialising auszubauen und frage nach: es ist ein Schwimmverein, die Banner sagen: wo bist Du gerade? Ich schwimme hier! Wir positionieren uns mit den Bannern vor der Weltkarte und machen Fotos.

Dann steht der erste Landgang an: wir springen – zehn Personen pro Boot – in die Zodiacs und besuchen die chinesische (Überraschung!) Station auf King George Island. „Moscow, move closer!“, ruft unser Brite den Russen zu, als die finnische Zodiac-Fahrerin darum bittet, enger zusammzurücken. Die California Girls und ich lachen.

Auf der Station sind die Wissenschaftler beschäftigt, aber wir dürfen das Museum besuchen und machen Fotos vor der chinesischen Flagge.

Der Himmel ist grau, um uns herum sind Berge und Schnee. Ein Esel-Pinguin brütet am Wegesrand, drei weitere schwimmen an Land.

Wir stiefeln ins Wasser, klettern zurück ins Zodiac und steuern um Riffe und Inseln. Chin Strap-Pinguine, Adelie-und Esel-Pinguine watscheln über ihre Penguin Highways, einige rutschen bäuchlings die Berge herunter. Ein Seeleopard taucht direkt vor unserem Schlauchboot auf. Es fängt an zu schneien.

‚Why are you coming back that early?‘ Der 72jährige Kroate M. steht an der Zodiac-Station und schaut zu, wie wir landen. ‚Because we missed you already’ entgegne ich. M. schmunzelt. Von den Pinguinen hat er schon nach einem Tag genug gehabt und zieht es vor, auf dem Schiff zu bleiben. ‚You are all penguinized’, stellt er fest.

Nach dem Captains Cocktail zieht meine Zimmergenossin J. ihren roten Badeanzug an und setzt eine riesige Fellmütze auf den Kopf, ihr Ziel ist der Jacuzzi an Deck.

27.11.2017

Antarktis. Tag 3

Es ist immer noch stürmisch: Ausläufer des Tiefs, das vor vier Tagen durch die Drakepassage zog und 11-12 Meter hohe Wellen mit sich brachte.

Y. ist nach zwei Tagen aufgestanden, nachdem ich den Bordarzt alarmiert habe.

Vorträge über Wale, Pinguine und Scott&Amundsen besucht.

Auf Deck 5 mit L., dem chinesischen Vogelkundler, den Albatros beobachtet. Es wird kälter.

Mittlerweile ist die Hälfte der insgesamt 108 Passagiere wieder auf den Beinen. In der Bibliothek stehen Staubsauger zum Reinigen der Expeditionsausrüstung bereit. G. schlägt vor, eine Poolparty zu machen. Der Jacuzzi an Deck ist allerdings noch ohne Wasser. Zu stürmisch.

Und dann kommt der grosse Moment: die ersten Eisberge sind in Sicht.

Laufe auf die Brücke. Der Kapitän deutet nach rechts: ‚A group of whales, starboard!‘ Es sind Buckelwale.

18.00h: Land in Sicht. Wir sind angekommen.

26.11.2017

Antarktis. Tag 2

Ich wache auf. Es ist Nacht, meine Kabinengenossinnen, Y. aus Israel und J. aus Kalifornien, schlafen. Es stürmt heftig, während wir die Drakepassage durchqueren. Die Kabinenwände knarren, zwei Flaschen rollen über den Boden, Schubladen gehen auf und zu, das Schiff scheint auf Wellen zu schweben um dann immer wieder in die Tiefe des Meeres zu stürzen. Ich taste mich vorsichtig aus dem Bett und sichere die Flaschen.

„Especially the bathroom door is evil“, sagte die Expeditionsleiterin im Briefing. Das stimmt, die Tür fliegt mir sofort aus der Hand, als ich sie öffne. „Eine Hand immer am Schiff“, auch das ist ein guter Tipp, da man von einer Seite auf die andere geschleudert wird. Um 5.00h nehme ich die zweite Reisetablette, um 8.00h gehe ich in den Frühstücksraum.

Die Flure sind den Wänden entlang mit Spucktüten bestückt.

Der Frühstücksraum erinnert an ein Chinarestaurant; auf den Tischen stehen chinesische Flaggen, an den Decken und Fenstern hängen rot-gelbe Lampions. Nur von den Chinesen fehlt jede Spur. Alle seekrank, konstatiert der Kellner.

Mit 14 anderen Gästen nehme ich am Zodiac-Briefing teil, das eine Pflichtveranstaltung ist. Aufgrund der Tatsache, dass die anderen 93 Gäste flachliegen, muss es morgen wiederholt werden.

Vor den Fenstern türmen sich meterhohe Wellen, ein Albatros fliegt vorbei. Ich gehe auf Deck 5 nach draussen, die anderen Decks wurden aus Sicherheitsgründen gesperrt. Dort treffe ich R. aus der Schweiz und L. aus China, der uns die Vögel, die hier vorbeifliegen, erklärt. Die Luft ist kalt, wir halten uns an den Wänden fest.

Das Mittagessen lasse ich ausfallen, nehme die nächste Reisetablette und lege mich ins Bett, meinen jungen Zimmernachbarinnen geht es schlecht und frequentieren das Bad.

Um 15.00h beschliesse ich, einen weiteren Rundgang zu machen. In der Kabine gegenüber, in der drei ältere California Girls untergebracht waren, wird das Fenster gesichert und zugenagelt. Ich hangele mich an den Wänden entlang. Crewmember stehen an jeder Ecke, Gäste sind kaum zu sehen. Dafür haben sich die Spucktüten grosser Beliebtheit erfreut. Sie sind fast alle verschwunden.

Später verbringe ich den Nachmittag mit einem Kanadier und einem Schweizer in der Club Lounge, wir plaudern stundenlang, den Horizont fest im Blick. Zwischendurch trinken wir Tee und knabbern Kekse, was anderes kann man bei dem Sturm auch nicht tun. Wir seien die einzigen Gäste, die noch so fröhlich sind, stellt die Meeresbiologin fest.

Das ändert sich beim Dinner im Restaurant, die Luken sind geschlossen, die Gläser kippen von den Tischen. Ich schnappe meinen Teller und wanke zurück in die Club Lounge. Mit Blick auf den Horizont geht es mir besser. Noch bin ich ohne Spucktüte ausgekommen.

25.11.2017

Antarktis. Tag 1

Habe draussen im Whirlpool, mit Blick auf die schneebedeckten Berge, die ersten Kontakte geknüpft:

G., 46 Jahre, kommt aus Südengland und reist seit einigen Monaten durch Südamerika. M., 72 Jahre, ist Kroate und lebt in Australien. Ich hatte ihn gestern als Ami verifiziert, als er im Pool verlauten liess, dass sein Pool zuhause grösser sei, er ihn aber nicht nutze, da sein Haus am Strand liege. Er dachte wiederum, dass ich Russin bin.

Die beiden Herren, die sich bis gestern auch noch nicht kannten, teilen sich eine Kabine. M. teilt mir dazu sofort mit, dass er aber nicht schwul sei (was mir egal ist).

Meine Zimmergenossin ist wohl eine 66-jährige Schweizerin, „we call her Sally“, sagt G., der ihren Namen zu kompliziert fand. Ich bin gespannt auf Sally; während ich mit G. plaudere, rückt M. immer dichter an mich ran. Wessen Bein er da gerade neben sich habe, fragt er – seines, antwortet G. Das kann ja noch lustig werden.

Der Rest der Reisetruppe besteht aus 80% Chinesen, die einen Dolmetscher dabei haben. Die Chinesen tragen Neonfarben und pinke Turnschuhe. Die anderen 20% sind Amerikaner, Australier, Briten, eine Schweizerin, ein Kroate und ich.

Ich steige aus dem Whirlpool, ziehe den Bademantel über und schwimme drinnen noch einige Bahnen.

Und freue mich sehr auf den Whirlpool an Deck der kleinen MV Sea Spirit.

24.11.2017

Unterwegs.

Das kleine Mädchen, das mir im Flieger vom Sitz vor mir zulacht und winkt und sich immer wieder versteckt.

Der Argentinier, der morgens beim Aufwachen an meinen Arm tippt und zum Fenster deutet; die Sonne geht auf, der stahlgraue Himmel ist mit einem leuchtend roten Band durchzogen.

Der jüdische bandoneonspielende Taxi-Guide, mit dem ich auf der Fahrt vom internationalen zum nationalen Flughafen in Buenos Aires auf italienisch plaudere: über Fussball, Merkel und das verschwundene U-Boot.

Die Luxemburger auf dem Flug nach Ushuaia eine Reihe hinter mir, die zwischen den schneebedeckten Bergen, über die wir erschreckend tief fliegen, die Landebahn ausmachen.

Der Taxifahrer, der mich zu meinem Hotel in die Berge fährt und wir dabei Tangos hören. Er könne auch tanzen, sagt er und schaut mich an.

Nach über 33 Stunden erreiche ich mein Ziel: Ushuaia, Fin del Mundo, das Ende der Welt.

Es ist so schön, wieder hier zu sein. Morgen Nachmittag geht es auf‘s Schiff.

19.11.2017

Reisevorbereitung.

Ich stehe im Wohnzimmer, um mich herum ein großer Koffer, ein Koffer fürs Handgepäck, eine Handtasche, eine Kamera und ein Rucksack. Dazwischen und darin ein Haufen Klamotten und Utensilien, die ich für meine Reise benötige. Die Hälfte der Ausrüstung hängt allerdings noch feucht auf der Wäscheleine. Schon jetzt wird klar, dass das Packen eine Herausforderung wird. Ich wühle nochmal durch den großen Koffer, da ich der Meinung bin, dass der Adapter schon im undefinierbaren Haufen deponiert sein  müsste. Ich habe ihn vor Augen, wie er im Koffer liegt. Oder hab ich ihn in Koffer-Erinnerung vom letzten Wochenende, wo ich ihn mit nach Edinburgh genommen habe? Im Schränkchen, wo er sonst ist, ist er jedenfalls nicht.

Ich werfe meine Medikamente auf den Haufen „Handgepäck“, sicher ist sicher. Der Adapter taucht nicht auf, da kann ich rumkramen wie ich will. Auf den Handgepäckstapel – und zusätzlich in den großen Koffer – kommen noch Walnüsse und Studentenfutter. Ich esse nachts gern eine Kleinigkeit.

Da mein Doutzen Kroes I – Bikini etwas aus der Form geht und die Hose von Doutzen Kroes II arg ausgeleiert ist (das habe ich heute wieder im schicken Spa festgestellt), habe ich nachgeordert und hoffe, dass die neuen Doutzen’s noch vor Abreise geliefert werden.

Mit dem Packen komme ich nicht so recht vorwärts: ich hole meine Wanderstiefel aus dem Schrank und teste diese mit den extrem dicken Antarktis-Socken. Wenn ich die Tennissocken weglassen würde, würde ich auch hineinpassen, denke ich. Ich setze nochmal die neuen Mützen auf, ziehe die Handschuhe und die Skihose an und fühle mich sehr abenteuerlich.

Dann entdecke ich – neben den ganzen Richtlinien für Verhaltensmaßnahmen – noch die FAQ’s fürs Campen.

Ist Antarctica Camping das Richtige für mich?
Antarctica Camping ist die richtige Wahl für alle, die bereit sind, den Elementen einer kalten Polarnacht
zu trotzen.
Bin bereit.

Die Teilnehmer müssen in guter gesundheitlicher Verfassung und auch relativ mobil sein, um sich nicht unnötigen Risiken auszusetzen.
Ich ignoriere, dass ich offiziell schwerbehindert bin. Ich fühle mich gesund und munter und baue auf das Wort „relativ“.

Natürlich müssen Sie Ihre Abenteuerlust mitbringen – so werden Sie ganz bestimmt eine unvergessliche Polarnacht erleben (wenn auch vielleicht nicht allzu viele komfortable Schlafstunden). Sogar routinierte Camper finden, dass Zelten auf Eis und Schnee etwas Gewöhnung und Zeit bedarf, bevor man eine halbwegs komfortable Schlafposition findet. Abenteuerlustig: ✔️. Da ich ab und an statt im Bett auf dem Parkettfußboden nächtige, erwarte ich keine Probleme.

Sicherheit ist unsere oberste Priorität. Sie sollten sich jedoch bewusst sein, dass Antarctica Camping in einer gewissen Entfernung vom Schiff, in einer der entlegensten und unwirtlichsten Gegenden der Welt durchgeführt wird! Daher kann natürlich ein gewisses Risiko nicht ausgeschlossen werden. Note to myself: es gibt keine Eisbären. An meiner Schlafstelle wird eine kleine rote Flagge stehen, falls ich einschneien sollte. Für Antarctica Camping sind eine gute Kondition und Ausdauer unbedingt erforderlich. Spätestens jetzt weiss ich, weshalb ich sechs Mal wöchentlich Sport mache.

Natürlich müssen Sie dazu noch die zusätzliche Herausforderung von Schnee, Eis und Minustemperaturen addieren! Sollten Sie schon seit langer Zeit nicht mehr gezeltet haben und auch nicht regelmäßig einer aktiven Betätigung im Freien nachgehen, empfehlen wir Ihnen, Ihren Hausarzt zu konsultieren.Vorgestern bin ich bei 6 Grad Aussentemperatur wieder im Freien geschwommen. Wie jeden Freitag. Und den Vermerk mit dem Hausarzt ignoriere ich geflissentlich. Antarctica Camping beginnt nach dem Abendessen, welches Sie noch an Bord einnehmen, und endet mit dem Abholen frühmorgens. Eine Rückfahrt zum Schiff während der Nacht ist nur im Notfall möglich! Planen Sie daher, die gesamte Dauer der Aktivität in der Camping-Gruppe im Freien zu verbringen. Bitte beachten Sie außerdem, dass sich die geplante morgendliche Abholzeit aufgrund von unvorhergesehenen Wetter- und/oder Eisverhältnissen verzögern kann und sich somit die Dauer des Camping-Aufenthalts im Freien unplanmäßig verlängern kann. Unplanmässige Verlängerung… es wird ganz bestimmt abenteuerlich.

Sie bekommen einen warmen, weichen Schlafsack (bis -18°C / 0°F), einen frisch-gewaschenen Innenschlafsack sowie eine Iso-Matte.  Like!

Die Camping Guides werden einfache Camp-Toiletten in einem relativ ungestörten Bereich in kurzer Gehdistanz vom Campingplatz aufstellen und diese klar kennzeichnen. Die geltenden Gebote in der Antarktis schreiben vor, dass ALLE Abfallprodukte am Ende des Campingaufenthalts wieder zurück zum Schiff gebracht werden müssen. Daher empfehlen wir noch vor dem Verlassen des Schiffes von den warmen Toiletten an Bord Gebrauch zu machen. CRITICAL PATH!!!Ich gehe nachts immer ins Badezimmer. Ausserdem bin ich Orientierungslegastheniker. Sehe mich bereits von den „einfachen Camp-Toiletten“ in die falsche Richtung wegmarschieren, irgendwo Richtung „Whiteout“, ins Nirgendwo, einem nicht vorhandenen Horizont entgegen. Note to myself: das blinkende Leuchtband, welches mir ein Kollege für den Trip geschenkt hat, vor Badezimmerbesuch um den Arm binden

Nasser Schnee am Abend ist am frühen Morgen üblicherweise wieder hartgefroren. Frischer Schneefall über Nacht kann nie ausgeschlossen werden. Natürlich können Wetterverschlechterungen auch während der Camp-Nacht ganz plötzlich und ohne jede Vorwarnung hereinbrechen. Im Falle einer drastischen Wetterverschlechterung während der Nacht, kann ein vorzeitiger Abbruch erfolgen sofern ein Rücktransfer zum Schiff noch sicher möglich ist. Es ist ebenfalls möglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, dass Ihre Gruppe auf dem Campingplatz länger als geplant ausharren muss, bis das Wetter eine sichere Rückkehr zum Schiff zulässt.

Süß finde ich die Bezeichnung „Campingplatz“. Eigentlich liegt man irgendwo in einem gegrabenen Loch im Schnee.

Nicht erlaubt: Mitnahme von Camping-Kocher, Brennstoffe oder Lebensmittel. Ich gehe nicht nur nachts ins Bad, ich esse nachts auch gerne Nüsse und Rosinen. Note to myself: Prioritäten setzen; der Fokus liegt darauf, sich nicht zu verlaufen. Verhungern dauert länger.

Stelle mir vor, wie ich morgens aufwache, ich alleine im Schnee liege und das Schiff nicht mehr da liegt wo es liegen sollte. Und ich nicht mal Nüsse oder Rosinen dabei habe.

Greife nochmal in die Wäsche, die neben mir vor sich hintrocknet. Sie ist noch feucht.

02.11.2017

Antarktis. Die Planung.

Unser Herz schlägt nicht mehr. Über der eisigen Weite liegt eine Stille, glatt wie Emaille. Die Zeltwand flattert leise, doch sonst höre ich nichts.
Anne von Canal, White Out

Auszüge aus den Expeditions-Reiseunterlagen, die heute angekommen sind:

  • Seien Sie auf raues und wechselhaftes Wetter vorbereitet. Halten Sie sich vor Augen, dass die antarktische Umwelt unwirtlich, unberechenbar und potentiell gefährlich ist.
  • Gehen Sie nicht auf Gletschern oder großen Schneefeldern ohne angemessene Ausrüstung und Erfahrung; es besteht die große Gefahr, in versteckte Gletscherspalten zu fallen.
  • Rechnen Sie mit Wetterumstürzen und Orientierungsschwierigkeiten.
  • Diffuse Reflexion des Sonnenlichts führt zum Verschwinden des Horizonts.
  • Rechnen Sie nicht mit Rettungsdiensten.
  • Sammeln oder nehmen Sie keine biologischen oder geologischen Proben als Souvenir, einschließlich Steinen, Knochen, Eiern, Fossilien.
  • Stellen Sie sicher, dass Ihre Ausrüstung gut gereinigt und frei von Erdresten und organischem Material ist.
  • Vermeiden Sie unnötige Geräusche und lautes Rufen. Derartige Störungen können zur Massenflucht von Seevögeln und Pinguinen führen.
  • Wale können überraschend auftauchen. Stellen Sie sich darauf ein und reagieren Sie besonnen!
  • Nehmen Sie keine Tiere mit. (Miste. Ich wollte eigentlich einen Adeliepinguin in den Koffer stopfen!)

Die Wetterapp meldet Minus 41 Grad.

Große Vorfreude!

28.10.2017

Unterwegs.

Ich kenne die Stimme, die hinter der geschlossenen Tür zu hören ist, als ich im Mammazentrum im Krankenhaus mein Rezept für eine weitere Packung Tamoxifen ausstellen lasse. Kurz darauf öffnet sich die Tür, hinter der ich viele Male bei Prof. Dr. M. gesessen und meine Therapien besprochen habe. Ich lächele und grüsse Prof. Dr. M., der mit Telefon am Ohr den Flur durchquert, er grüsst fröhlich zurück, während er telefonierend eine Runde dreht und wieder in seinem Zimmer verschwindet. Gern hätte ich mich etwas mit ihm unterhalten, aber er hat sicher Wichtigeres zu tun. Leben retten. So wie meines.

Vom Krankenhaus sind es nur wenige Minuten zum öffentlichen Bad, das ich bei herrlichem Sonnenschein betrete. Ich lege die Dauerkarte auf den Sensor, wie mir das der Kassierer letzte Woche gezeigt hat. Nichts passiert. Ich bewege die Karte etwas hin und her, es passiert immer noch nichts. Der Kassierer – heute ein anderer – schaut mich erwartungsvoll an. Funktioniert nicht, sage ich. Was ich denn möchte, fragt er mich. Schwimmen, antworte ich. Was soll ich denn sonst wollen, denke ich, aber spreche es nicht aus. Ach so, ich hätte ja auch in die Sauna oder die Sole wollen können, das seien ja andere Preise. Ich bleibe beim Schwimmen, sage ich, er bucht den rabattierten Betrag von meiner Karte ab.

Nach ein paar Bahnen im Innenbereich wechsele ich ins Aussenbecken. Die Bäume sind kahler geworden, eine Windböe weht goldene Blätter in den Pool, die ich beim Schwimmen zur Seite schiebe. Wolken hängen am Himmel, die Banner am Zaun sind ausgeblichen, aber der Pool liegt in der Sonne.  Hamburg, 10 Grad. Es wird Herbst.

Zuhause checke ich die Wetterapp, in der Antarktis sind es mittlerweile Minus 45 Grad, Windchill Minus 62 Grad. Ich ordere eine Nasen/Gesichtsmaske, wie sie auch die Skifahrer nutzen und danke Luisa für Ihren Tipp mit dem Nasenwärmer. Meine bestellten Fäustlinge sind irgendwo zwischen den Niederlanden und Deutschland unterwegs, der DHL-Status vermeldet ein „refused and return to sorting center“. Ich bleibe gelassen.

Am Samstag morgen ist es stürmisch, ich ziehe meine neue Outdoorhose an und besorge in einem Fotoladen an den Colonnaden einen Polarfilter für meine Kamera. Der Inhaber des kleinen Ladens ist freundlich, erklärt mir die Funktion des Filters und stellt mir schon mal meine Kamera richtig ein. Dann putzt er den alten Filter, der auf meiner Kamera sitzt. Ich freue mich über den Service, und noch mehr freue ich mich darüber, dass es draussen mittlerweile nicht nur stürmt sondern auch noch regnet. Da kann die Outdoorhose gleich mal zeigen, ob sie wirklich Wind und Wasser abhält. Ich beschliesse, zu Fuß nach Hause zu marschieren. Die Hose hält, die Turnschuhe nicht, aber von denen habe ich das auch nicht anders erwartet.

Auf dem Weg noch eine kleine Duschlotion, eine Milch und einen Kontoauszug geholt und begeistert festgestellt, dass ich das Ganze ohne Merkzettel bewältige. Kein Vergleich zu der Zeit der Strahlentherapie, in der meine Wohnung mit Post-Its dekoriert war  und ich es trotzdem nicht geschafft habe, vom Einkaufen mit den Teilen zurückzukommen, die auf dem Einkaufszettel standen. Die Konzentration ist zurück.

Am Montag werde ich die letzten Vorbereitungen treffen und britische Pfund (für Edinburgh), US Dollar (für Ausgaben auf dem Schiff) und argentinische Peso (für Ushuaia und Buenos Aires) besorgen. Damit liege ich sehr gut im Timing meiner Reiseplanungen, die neben der Arbeit, dem täglichen Sport, der mittäglichen Krankengymnastik und den Vergnügungen geschehen.

Das Jahr geht in den Endspurt. Und ich mit ihm.

26.10.2017

Zuhause.

Es sei dort Sommer, dort auf der anderen Seite der Welt, die ich in nicht mal mehr einem Monat besuchen werde.

Vorsichtshalber habe ich vorhin doch noch Fäustlinge und drei weitere Paar warme Socken besorgt, ich werde ja campen. Ohne Zelt. In der Antarktis. Das habe ich meiner Ärztin allerdings verschwiegen, als ich gefragt habe, ob ich Langstrecke und Kälte machen darf. Wobei Kälte gerade eine ungeahnte Dimension entwickelt.

Ich bin gespannt. Es wird ja Sommer, dort auf der anderen Seite der Welt.