Prolog

02.10.2022

Ich liege im Bett. Die goldgelben Vorhänge sind geschlossen und lassen einem die Illusion, dass die Sonne den Raum erhellt. Sehen tue ich das nicht, denn ich habe die Augen geschlossen. Und die Sonne scheint auch nicht, denn ich höre den Regen gegen die Fenster prasseln. Ich höre das Klappern der Töpfe und Pfannen aus dem Feinkostladen schräg unter mir, wo der Mittagstisch vorbereitet wird. Und ich höre das Kreischen einer Möwe. Ich rieche die frische Luft, die durch das geöffnete Fenster kommt. Ich rieche den leichten Geruch deines Parfüms in der Decke. Ich finde es faszinierend, wie die anderen Sinnesorgane die Oberhand gewinnen während die Augen geschlossen sind.

Die Augen halte ich geschlossen: ein Loch in der Netzhaut (und das ist ein Notfall) des rechten Auges wurde umgehend gelasert, und damit bin ich drei Tage krankgeschrieben, darf weder lesen (und somit auch nicht arbeiten) und sporten, und überhaupt die Augen nicht belasten.

Ein Hörbuch besitze ich, und so lasse ich mich über sechs Stunden in den Bann von Bram Stoker’s Dracula ziehen, sehe vor meinem inneren Auge die Kutsche, die vor dem Schloss hält, höre die Wölfe heulen, die unheimliche Stimme des Schlossherrn, der nachts kopfüber hängend die Mauern hinabklettert, Lucys Stimme, angsterfüllt, das Schiff mit dem toten Kapitän ans Steuer gefesselt, das Kruzifix in der Hand.

So wie ich quasi von einem auf den anderen Tag von 80 Prozent Schwerbehinderung auf 0 Prozent und damit als gesund deklariert wurde, so schnell werde ich nach dem Nachlasern am Freitag und weiteren Ruhestunden wieder von 0 Prozent auf 100 Prozent umschwenken. Das Abenteuer ruft. Morgen früh werde ich nach Kairo aufbrechen.