25.04.2020

Perspektive.

Heute ist Welt-Pinguin-Tag.
Diese Chinstrap-Pinguine habe ich am Ende der Welt fotografiert; in der Antarktis.

Die Reise habe ich knapp vier Monate nach der Reha angetreten; zwei Tage im Sturm durch die Drakepassage, auf zum siebten Kontinent.

Ich wollte (und will) keine Zeit mehr vertrödeln und Abenteuer erleben.

Und jetzt weiss ich, was mir in der Corona-Zeit fehlt: der konkrete Ausblick auf ein Abenteuer, irgendwo im ewigen Eis, in einer Wüste, einem Dschungel, im Gebirge, am Ende der Welt.

06.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 1

Der dritte Bus, den ich innerhalb weniger Stunden in Reykjavik besteige und der mich zu Bus Nummer 4 bringen wird, weckt Heimatgefühle: sämtliche Beschriftungen sind auf deutsch, die Sitze aus bekanntem grau-roten-Stoffbezug, auf denen „Hochbahn“ zu lesen ist. Moin, Moin, Reykjavik!

Ich steige in Bus Nummer 4, den ich nach Durchquerung des Busterminals auf der anderen Seite finde, und dann geht es los mit dem Golden Circle Express. Nationalpark, Geysire und Wasserfälle stehen auf dem Programm. Wir fahren durch bergiges Gebiet, Dampf steigt an den Hügeln auf und vermengt sich mit den Wolken, die grau und bleiern über einer faszinierend kargen Landschaft voller Felsen und Flüsse hängen.

Meine blonde Sitznachbarin kommt aus Yorkshire, lebt aber mir ihrem Mann, der weiter vorn im Bus zu finden ist, in Irland. Sie haben zwei Esel. Ich erzähle ihr von John-Willie, dem Esel, mit dem ich vor ein paar Jahren Irland durchwandert habe. Das Wetter war da im Übrigen genauso wie hier: Regen rinnt unablässig die Fenster hinunter, mehr als 8 Grad hat es nicht. Die Luft ist klar und frisch und, so die nette Britin, höre es ja immer auf zu regnen, wenn wir den Bus verliessen. Zumindest für die ersten Minuten.

Don’t test the temperature with your hands, it will burn. The nearest hospital is 62km away. Die Warnung vor den Geysiren, deren Wasser 80-90 Grad heiss ist, steht drohend vor den brodelnden Löchern. Vor mir bückt sich jemand, um den Finger ins Wasser zu halten. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

Als ich mich abends im Hotel zum Gym aufmache, wimmelt es in der Lobby von Chinesen, die mit Thermoskannen bewaffnet sind. Ich bin mir fast sicher, dass sich unsere Wege morgen wieder kreuzen werden: morgen stechen wir in See.

3.2.2018

Unterwegs.

Hab’ ich kein Zuhause?

Doch. Hab‘ ich. Sogar ein sehr schönes, denke ich, als ich den kleinen Koffer für Travemünde packe.

Habe ich zuviel Zeit?

Ganz und gar nicht. Aber ich will meine Zeit sinnvoll nutzen.

Was heisst das?

Das heisst, dass sich meine Prioritäten geändert haben. Und dadurch, dass ich freitags nur noch bis mittags arbeite, kann ich nach dem Outdoor-Schwimmen einkaufen gehen und den Haushalt machen. Diese vier Stunden weniger arbeiten erhöhen die Lebensqualität enorm.

Mag ich die Nord- und die Ostsee?

Ich mag Sylt und Travemünde im Winter. Ich mag die etwas morbide Stimmung, wenn es grau und stürmisch und menschenleer ist. Ich mag ja auch Venedig im November, wo ich schon in Gummistiefeln anreise, um dem Acqua Alta angemessen gegenüberzutreten.

Wollte ich nicht nach Tibet?

Aaaaaargh. Das will ich auch! Und nach China zum Taiji-Unterricht. Aber ich stecke in der Planung fest. Man kann das schlecht kombinieren. Und nun stehen im Frühjahr auch noch zwei Dienstreisen an, Zypern ist gebucht, Myanmar geplant. Und dann gehts privat nach Amsterdam und nach München. Nach Budapest ins Thermalbad möchte ich auch. Und nach Rom zum Trevi-Brunnen.

Ich brauche noch viel Zeit.

PS: lieben Dank an meine Leserinnen, die mir ihre Reisetipps geschickt haben! Es gibt so viele schöne Orte auf dieser Welt!

28.11.2017

Antarktis. Tag 4

Auf Deck 3 sind fast alle Kabinentüren geöffnet: in einer Kabine brütet eine Gruppe Chinesen über einer Karte, in der Kabine schräg gegenüber wird Wäsche gewaschen und auf eine Leine gehängt, die quer durch den Raum gespannt ist. Hausboot-Feeling kommt auf.

Heute tragen die Chinesen hellgrüne Shirts und sind mit Bannern ausgerüstet. Ich beschliesse, mein chinesisches Socialising auszubauen und frage nach: es ist ein Schwimmverein, die Banner sagen: wo bist Du gerade? Ich schwimme hier! Wir positionieren uns mit den Bannern vor der Weltkarte und machen Fotos.

Dann steht der erste Landgang an: wir springen – zehn Personen pro Boot – in die Zodiacs und besuchen die chinesische (Überraschung!) Station auf King George Island. „Moscow, move closer!“, ruft unser Brite den Russen zu, als die finnische Zodiac-Fahrerin darum bittet, enger zusammzurücken. Die California Girls und ich lachen.

Auf der Station sind die Wissenschaftler beschäftigt, aber wir dürfen das Museum besuchen und machen Fotos vor der chinesischen Flagge.

Der Himmel ist grau, um uns herum sind Berge und Schnee. Ein Esel-Pinguin brütet am Wegesrand, drei weitere schwimmen an Land.

Wir stiefeln ins Wasser, klettern zurück ins Zodiac und steuern um Riffe und Inseln. Chin Strap-Pinguine, Adelie-und Esel-Pinguine watscheln über ihre Penguin Highways, einige rutschen bäuchlings die Berge herunter. Ein Seeleopard taucht direkt vor unserem Schlauchboot auf. Es fängt an zu schneien.

‚Why are you coming back that early?‘ Der 72jährige Kroate M. steht an der Zodiac-Station und schaut zu, wie wir landen. ‚Because we missed you already’ entgegne ich. M. schmunzelt. Von den Pinguinen hat er schon nach einem Tag genug gehabt und zieht es vor, auf dem Schiff zu bleiben. ‚You are all penguinized’, stellt er fest.

Nach dem Captains Cocktail zieht meine Zimmergenossin J. ihren roten Badeanzug an und setzt eine riesige Fellmütze auf den Kopf, ihr Ziel ist der Jacuzzi an Deck.

02.11.2017

Antarktis. Die Planung.

Unser Herz schlägt nicht mehr. Über der eisigen Weite liegt eine Stille, glatt wie Emaille. Die Zeltwand flattert leise, doch sonst höre ich nichts.
Anne von Canal, White Out

Auszüge aus den Expeditions-Reiseunterlagen, die heute angekommen sind:

  • Seien Sie auf raues und wechselhaftes Wetter vorbereitet. Halten Sie sich vor Augen, dass die antarktische Umwelt unwirtlich, unberechenbar und potentiell gefährlich ist.
  • Gehen Sie nicht auf Gletschern oder großen Schneefeldern ohne angemessene Ausrüstung und Erfahrung; es besteht die große Gefahr, in versteckte Gletscherspalten zu fallen.
  • Rechnen Sie mit Wetterumstürzen und Orientierungsschwierigkeiten.
  • Diffuse Reflexion des Sonnenlichts führt zum Verschwinden des Horizonts.
  • Rechnen Sie nicht mit Rettungsdiensten.
  • Sammeln oder nehmen Sie keine biologischen oder geologischen Proben als Souvenir, einschließlich Steinen, Knochen, Eiern, Fossilien.
  • Stellen Sie sicher, dass Ihre Ausrüstung gut gereinigt und frei von Erdresten und organischem Material ist.
  • Vermeiden Sie unnötige Geräusche und lautes Rufen. Derartige Störungen können zur Massenflucht von Seevögeln und Pinguinen führen.
  • Wale können überraschend auftauchen. Stellen Sie sich darauf ein und reagieren Sie besonnen!
  • Nehmen Sie keine Tiere mit. (Miste. Ich wollte eigentlich einen Adeliepinguin in den Koffer stopfen!)

Die Wetterapp meldet Minus 41 Grad.

Große Vorfreude!