27.01.2020

Weiter leben.

Wir lachen. Das habe sie in der Tat auch schon überlegt, ob sie an den Stadtrand ziehen sollte, antwortet die Humangenetikerin, als ich die Feinstaubproblematik in der Hamburger Innenstadt anspreche. Feinstaub ist ein Krebsrisiko. Genauso wie mangelnde Bewegung, Übergewicht und ungesunde Ernährung. Unser Lebensstil und Umwelteinflüsse hängen damit zusammen, ob bzw. auch wann man an Krebs erkrankt.
Sie habe schon mal drei Generationen mit demselben Gendefekt vor sich gehabt: die Großmutter sei mit 70 Jahren an Krebs erkrankt, die Mutter mit 50 Jahren, die Tochter mit 30 Jahren. Warum bricht also die Krankheit bei dem einen früher und bei dem anderen später aus?

Ich beuge Risiken, (wieder) an Krebs zu erkranken, konsequent vor, soweit es sich von meiner Seite machen lässt. Gesunde Ernährung, regelmässiger Sport, Stressreduzierung, Vor- und Nachsorgeuntersuchungen der Organe, die von einem NTHL1-Defekt betroffen sein können….aber ein Restrisiko, das ich Schicksal nenne, bleibt immer bestehen.

Die Forschungsergebnisse aus 2019, die ich im Internet zu meinem seltenen Gendefekt gefunden habe, habe ich mitgebracht, genauso wie diverse Arztbriefe. Auch die Humangenetikerin hat überprüft, ob es zu meiner speziellen Form des Gendefektes neue Erkenntnisse gibt, aber dem ist nicht so. Weitere Checks auf Basis der Forschungsergebnisse könne man machen, müsste ich aber im Moment selbst finanzieren, da Krankenkassen diese Kosten nur alle vier Jahre übernehmen. Und es kann sehr gut sein, dass auch nach dem Check keine neuen Erkenntnisse vorliegen.

Fazit des interessanten Gespräches und der für mich auch etwas komplizierten Materie: Einem beidseitigen Brustkrebs liegt wahrscheinlich ein Gendefekt zugrunde. In meinem Fall bedeutet es zum jetzigen Zeitpunkt: weiterleben wie gehabt. Regelmässig zu sämtlichen Vor- und Nachsorgeuntersuchungen gehen, weiter meinem gesunden Lebensstil folgen und im Juli 2021 zu weiteren Tests antreten. Wer weiss, wie weit bis dahin die Forschung gekommen ist. Und wer weiß, was ich bis dahin noch alles erlebt habe.

24.01.2020

Krank oder alt?

Ist man eigentlich alt, wenn man für fast Euro 100,- in der Apotheke einkaufen geht? Oder krank? Krank fühle ich mich nicht. Alt aber auch nicht.

Die Apothekerin ist friedfertig und trägt sämtliche Sonnencremes zusammen, die sich in der Apotheke finden lassen, während ich mit meiner App einen Barcode nach dem nächsten scanne, um die Inhaltsstoffe der Produkte zu überprüfen. Das habe ich neulich schon in der Drogerie getan, allerdings erfolglos: ich will eine Sonnencreme ohne Mineralöl und ohne Plastikpartikel. Und Lichtschutzfaktor 50+ soll sie ausserdem haben. Und geschmeidig muss sie sein.
Aber heute kann ich das Projekt „Reiseapotheke Sahara“ erfolgreich abschliessen.

Ein Tamoxifen-Rezept habe ich auch noch in der Tasche, das ich vorhin auf dem Weg zum Schwimmen noch schnell aus meinem kleinen Krankenhaus geholt habe. Hätte ich auch am Mittwoch machen können, denke ich. Da stand ich schliesslich schon mal vor meinem Krankenhaus, da ich zum vierten Meeting mit der Stiftung verabredet war, der ich ehrenamtliche Unterstützung angeboten hatte.

Diesmal werden wir konkret, und damit werde ich mich am Wochenende mit dem ersten Projekt auseinandersetzen.
Warum ich das mache? Aus Dankbarkeit – schliesslich hat man mir dort das Leben gerettet – da möchte ich gern etwas zurückgeben. Ausserdem bringt es mir Spass, etwas Sinnvolles zu machen, was anderen helfen kann.

18.01.2020

Tibet.

Ich wache auf. Es riecht nach Tibet. Ich schalte das Licht an und gehe ins Badezimmer, wo seit gestern eines dieser Duftöle steht, in die man Holzstöckchen steckt, über die sich der Duft im Bad verbreiten soll. Mein Duft heißt Tibet. Verbreitet hat er sich nicht nur im Bad, sondern in der ganzen Wohnung. Zum Glück riecht es aber nicht nach dem Tibet, denn Tibet riecht nach feuchter, kalter Luft, in der der Rauch der Öfen, die vor den Tempeln stehen und in denen Kräuter verbrannt werden, hängt.
Würde es in meiner Wohnung nach dem wahren Tibet riechen, wäre die  Feuerwehr schon auf dem Weg.
Ich sperre die Stäbchen samt Öl auf dem Balkon aus, öffne die Fenster um frische Hamburger Luft hereinzulassen und gehe wieder schlafen.

G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, ist am Telefon. Sie würde noch leben, sagt sie. Das freue mich, antworte ich, etwas anderes habe ich auch nicht erwartet, auch wenn ich sie seit zwei Wochen nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades gesehen habe. G. hat eine neue Badekappe zu Weihnachten bekommen, zukünftig muß ich statt nach pink- nach einer blauen Kopfbedeckung Ausschau halten.
Waren sonst immer sehr viele pinke Badekappen im Becken unterwegs, sehe ich am Freitag nur blaue Badekappen. Allerdings ohne G. darunter, was mich aber nicht beunruhigt, denn sie lebt ja noch (und setzt heute aus, da sie eine neue Dauerwelle hat, die nicht mit den Wellen im Aussenbecken in Einklang zu bringen ist).

Als ich am Freitag Abend nach einem Restaurantbesuch mit einer Freundin nach Hause komme, ist G. auf dem Band meines Anrufbeantworters: ob ich wüsste, wo man Passfotos machen lassen könne, gut müssten sie sein, denn sie seien für den neuen Ausweis, und den habe man ja über viele Jahre.
Das ist genau die Einstellung, die mir gefällt: eine 80-Jährige, die Wert auf ihr Äusseres und auf das neue Passfoto legt, wo andere schon längst abwinken und mit dem Leben abgeschlossen haben.
Auch P., mit der ich essen war, und die wieder einige schmerzhafte Wirbelbrüche zu verzeichnen hat, klagt nicht. Zwar würde sie sich nun eine neue Wohnung suchen, da es mittelfristig nicht mehr zu schaffen sei, ohne Fahrstuhl und mit Einkäufen in den vierten Stock zu kommen, aber vorher ginge es erstmal nach Marokko, und die Reise nach Südafrika müsse auch geplant werden. Solange es geht, wird gereist, solange es geht, wird gelebt, und sowieso das Beste aus der Situation gemacht.

Samstag ziehe ich mein Sportzeug an, schnappe meine Rucksack, fahre in die Innenstadt zu meinem Lieblingsbäcker und hole 10 Dinkel- und Vollkornbrötchen und noch ein Stück Käsekuchen. Der Einkauf gesellt sich zum Mittagsbrot, der Karotte und dem Zitronenwasser in den Rucksack, alles kommt mit an die Aussenalster, die ich unter graubleierndem Himmel zu umrunden gedenke.  Ich werde von Joggern überholt und überhole meinerseits die Wandergruppen, die unterwegs sind. Moderat und in between, nicht übertrieben ehrgeizig aber diszipliniert, was mein Fitnessprogramm angeht.

Ich stapfe über matschige Wege, mittlerweile habe ich mein Mittagsbrot und die Karotte in der Hand, überlege, dass mir die Zitronen und die Wurzeln ausgegangen sind, was mich stört aber gerade nicht zu ändern ist, ich verlaufe mich, als ich meinen Bus wiederfinden möchte, ich marschiere weiter mit dem Rucksack auf dem Rücken, gemütlich ist es heute nicht, es ist genauso wie in einer Szene aus Asterix und Obelix, die mit den römischen Legionären marschiert sind, wobei ich statt Steinen Dinkelbrot und Käsekuchen durch die Gegend schleppe.

Alles ist für etwas gut. Da ich mich verlaufen habe, komme ich irgendwann bei einem Obst- und Gemüselädchen vorbei. Ich stopfe noch Wurzeln und Zitronen in mein Gepäck, und dort hinten sehe ich endlich eine Bushaltestelle.

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Dienstag: Stretching/Meditation ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Wanderung ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ geplant

🍃 In eigener Sache 🍃:
ich werde auf dem Blog eine neue Rubrik einrichten: Rezepte! Peu a peu werde ich dort meine Eigenkreationen posten, lecker und gesund. Angaben ohne Gewähr. 😉

12.01.2020

Mein Tempel, mein Zuhause.

Dein Körper ist Dein Tempel. Dein Körper ist Dein Zuhause.
Ich mag es, wie unser Lehrer die Meditation anleitet, er findet immer weise Worte.
Wenn mein Körper mein Tempel ist, dann sollte er mir heilig sein und ich ihn entsprechend ehrfürchtig behandeln.
Wenn mein Körper mein Zuhause ist, dann sollte ich ihn entsprechend liebevoll pflegen.

Das Skelett bleibt aufrecht, aber die Muskeln und alles andere lassen wir los. Wir lassen los.
Derselbe Lehrer und wieder weise Worte, diesmal aber im Taiji-Unterricht zum Praktizieren der Stehenden Säule.

Endlich ist wieder die Routine eingekehrt, die ich während der Feiertage vermisst habe.

Am Mittwoch Abend gehe ich schwimmen, es ist kalt und dunkel, der Dampf steigt auf, in der Ferne tauchen graue Gestalten aus dem Wasser auf, verschwinden wieder, kommen näher, passieren mich, verlieren sich wieder in der Ferne. Mystische Stimmung im Aussenbecken des öffentlichen Bades.

Auch im Gym ist es recht voll, noch greifen sie, die guten Vorsätze zum neuen Jahr.

Freitag Mittag ist das Wasser im Becken erstaunlich warm, heute gibt es keine Ausrede, warum ich nicht die 40 Bahnen schwimmen könnte. Wobei ich die letzten Male wirklich sehr konsequent war, Wassertemperatur hin oder her.

Am Trödeltag ziehe ich automatisch meinen Jogginganzug an, verliere allerdings mein Ziel, in die Innenstadt zu marschieren, aus den Augen, überhaupt verliere ich den Haushalt und die Einkäufe aus den Augen, ist ja auch Trödeltag, denke ich, aber gefallen tut mir meine Wankelmütigkeit nicht. Ich gehe in den Garten und laufe unter grauem Himmel zwei 19-er Formen. Taiji geht immer.

Im schicken Spa trödele ich im Becken die Bahnen entlang, das Wasser ist warm, das Wasser ist hell, ein ganz sanftes grün-blau, ich freue mich über die Mosaiksteinchen der Mauer, auf denen große lehmfarbene Töpfe mit dunkelgrünen Palmen stehen. Eine Oase, denke ich, so stelle ich mir eine Oase vor, während ich durchs Wasser gleite, so muss eine Oase in der Sahara sein, etwas fliegt an meine Nase, ein Moskito, ich wische es weg, es ist nur ein Wassertropfen, und ich bin im schicken Spa – noch – aber bald, in ein paar Wochen, werde ich Oasen sehen, und dann, dann bin ich wirklich in der Sahara.

Fitness-Rückblick der Woche:
Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Taiji ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

 

05.01.2020

Der Start.

Die Feiertage haben mein Fitnessprogramm durcheinandergebracht, genauso wie die Zeit „zwischen den Jahren“. In der Tat fängt erst morgen der „richtige“ Rhythmus meiner Aktivitäten an, denn dann starten endlich wieder der Taiji-Unterricht und die Meditations-Gruppe.
Die Feiertage haben nicht nur mein Fitnessprogramm durcheinandergebracht, sondern auch meine Ernährungsgewohnheiten. Sobald ich Pralinen oder Schokolade im Haus habe, esse ich sie auf. Schokolade ist meine Achillesferse. Zum Glück habe ich nun alles aufgegessen, was nicht in meine gängige Ernährung gehört. Und beim durcheinandergewirbelten Fitnessprogramm habe ich variiert.

Eigentlich wollte ich mir am Sonntag das schicke Spa gönnen, in dem man nicht nur entspannt schwimmen, sondern auch Zeitschriften auf der Liege mit einem Latte Macchiato geniessen kann. Die Tasche ist gepackt.

Am Sonntagmorgen wache ich auf. Ein Sonnenstrahl fällt durch die Gardine, die Vögel zwitschern. Will ich wirklich den Vormittag bei herrlichem Wetter im schicken Spa lesend auf der Liege verbringen? Nein, das will ich nicht. Ich will nach draußen, in die Sonne, auch wenn es nur 1 Grad sind und die Luft kühl ist, ich will ins Aussenbecken des öffentlichen Bades. Die Tasche packe ich um (Badeanzug statt Bikini, Badekappe statt Badelaken usw.).
Am Eingang des öffentlichen Bades hängt ein Schild: technischer Defekt bei den Saunen. Ich ahne Böses. Das Wasser der Duschen ist noch warm, das Wasser im Aussenbecken allerdings empfindlich kalt. Nur die Harten kommen in den Garten….oder ziehen draussen ihre Bahnen. Schwimm‘, solange Du möchtest, sage ich mir, wenn es zu kalt ist, geht’s eben nach drinnen. Nach 14 Bahnen ist mir immer noch kühl, aber ich liebe die klare Luft, den aufsteigenden Dampf, dahinten von der Kampfschwimmerbahn winkt mir J., mein französischer Meditationsgenosse zu, ich schwimme weiter und weiter und gehe erst hinein, als meine 40 Bahnen (1.000 Meter) geschwommen sind.

Mein Fitness-Rückblick:
Montag: Schwimmen ✔️
Mittwoch: Schwimmen ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Stretching ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

01.01.2020

Das weiße Buch.

Ich muss lachen.
„Das Jahr war anders als erwartet. Dafür lustigerweise viel umgesetzt“.
Das ist ein Zusatzvermerk, den ich am 31.12. 2017 zu meinen Jahres-Vorsätzen 2017 in das kleine weiße Büchlein nachgetragen hatte.

Es ist das Jahr, in dem ich mir – unter anderem – folgendes vorgenommen hatte:
– innere und äussere Balance halten / herstellen (Taiji/Meditation)
– reisen
– bewusst schauen
– draussen sein
– innehalten
– mehr Obst und Gemüse essen
– lachen
– niente paura (keine Angst)

Und dann kam im Februar 2017 der Krebs.

Interessanterweise passen die Vorsätze wunderbar zu jemanden, der eine Krebsdiagnose erhält, auch wenn ich das in dem Moment, in dem ich die Vorsätze verfasst habe, nicht ahnen konnte.

Meistens lernt man es nur auf die harte Tour, dass eine gute Gesundheit nichts selbstverständliches ist, sondern ein wertvolles Gut, das höchste Achtung und Wertschätzung erfahren sollte, und welches durch eine gesunde Lebensweise unterstützt werden muss.

Das kleine weiße Buch hole ich nur einmal im Jahr hervor, und zwar am 31.12. des Jahres. In ihm vermerke ich akkurat, was ich im Folgejahr umsetzen möchte – und hake natürlich ab, was ich im vergangenen Jahr von all meinen Vorsätzen angegangen bin.

Da ich recht diszipliniert bin, kann ich immer fast alles abhaken. Das, wo nur ich selbst gefragt bin, ist häufig mit einem Häkchen versehen, das, wo andere Menschen involviert sind, nicht ganz so häufig.

Gestern habe ich das Büchlein wieder aufgeschlagen und habe die Häkchen für 2019 gesetzt. Und meine Liste für 2020 angelegt. Es wird ein gutes Jahr, dessen bin ich mir sicher.

Mein 2020 beginnt heute Morgen dort, wo es 2019 geendet hat: im Aussenbecken des öffentlichen Bades.  Ich schwimme meine 40 Bahnen, umgeben vom aufsteigenden Dampf, denn es ist kalt, die Sonne blinzelt auf die türkisfarbene Bande, die sich im türkisen Wasser widerspiegelt, das jetzt doppelt-türkis erscheint. Ein Rabe kräht. Ich freue mich, denn es ist der erste Besuch im Bad von vielen weiteren, und einen Haken, den werde ich am Ende des Jahres auch wieder setzen können.

29.12.2019

Unterwegs.

28.12., Hamburg, 0 Grad.
Das Wasser der Duschen ist kalt, sagt die Dame an der Rezeption des öffentlichen Bades.
Das Wasser ist kalt, sagt die Dame, die unter der Dusche steht.
Das Wasser ist kalt, stelle ich fest, als ich die Dusche aufdrehe. Ich hasse es, kalt zu duschen.
Das Wasser im Aussenbecken des öffentlichen Bades ist dagegen recht angenehm – nicht zu kalt wie letzte Woche (25 Grad durch den Sturm) und nicht zu warm (29 Grad, als die Technik defekt war) – ich vermute, es hat 27 Grad.
Nach 1.000 Metern zügigem Schwimmen gehe ich hinein. Ein Bademeister kommt mir entgegen, ich deute auf die Duschräume.
Immer noch kalt, sagt er, ein Techniker sei unterwegs.
Das Wasser ist kalt, sagt die Dame, die unter der Dusche steht.
Nach 1.000 Metern zügigem Schwimmen im Aussenbecken habe ich mich akklimatisiert, das Wasser, das aus dem Duschkopf kommt, ist nun perfekt.
Das Wasser der Duschen ist kalt, sagt die Dame an der Rezeption zu den Ankömmlingen, als ich das Bad verlasse.

29.12., Hamburg, -1 Grad.
Die Luft ist kalt, stelle ich fest, als ich mich auf den Weg zum Hafen mache. Drei Durchgänge der 19-er Form (Taijiquan) möchte ich mit Blick auf die Elbe laufen, drei Durchgänge laufe ich.
Warm wird mir; durch die Bewegung, durch die Strickjacke, durch das Tamoxifen, durch alles zusammen, ich bin ja nun eher wärme- als kälteempfindlich geworden (und frage mich, wieso ich eigentlich im Februar ausgerechnet in die Sahara fahren muss).
In Bewegung bleiben. Eigene Grenzen austesten. Abenteuer erleben. Leben. Ein neues Logbuch schreiben.

Ich öffne das Fenster, die Luft ist kalt.

27.12.2019

Rückblick. Ausblick.

Wien – Sylt – Israel – Westjordanland – München  – Amsterdam – Sylt – München  – Island – Grönland – Travemünde – Travemünde 2 – Sylt – München

Ich bin in Wien auf dem Naschmarkt im Regen herumspaziert.
Ich war im Sturm am Nordseestrand.
Ich habe im Toten Meer gebadet.
Ich stand auf den (syrischen) Golanhöhen, auf denen Pfirsichbäume blühten.
Ich habe einen Olivenbaum in einem palästinensischen Garten gepflanzt, durch den eine Mauer geht und auf deren anderer Seite eine jüdische Siedlung steht.
Ich habe in der ersten Reihe in einem Club in Amsterdam zur Musik meiner Lieblingsband getanzt.
Ich habe in der Sansibar auf Sylt in die Sonne geblinzelt.
Ich bin ich München mit Patenkind 1 schwimmen gewesen. Und im Park, Pokemon jagen.
Ich habe die Geysire und den riesigen Wasserfall auf Island entdeckt und habe bei heftigem Sturm das Nordpolarmeer durchquert. Ich habe Eisbären gesehen. Und Eisberge und Gletscher, glitzernd in unendlich vielen Blautönen.
Ich habe Bäume an der Ostsee umarmt.
Und war wieder am Strand an der Nordsee.
Ich habe mit den Patenkindern gespielt.
Und viele wunderbare Menschen auf den Reisen kennen gelernt, die zu Freunden geworden sind.

Ich war schwimmen, morgens in der Sonne, mittags im Regen, abends im Dunkeln, bei Hitze und bei Kälte. Ich habe meine Taiji-Form verfeinert und dazugelernt. Ich habe schöne Gespräche bei der Meditation geführt. Und mit Freunden.

Ich wache auf. Ich schaue ins Dunkel der Nacht und überlege, wann ich das letzte Mal Angst hatte. Nicht Angst davor, den Flieger zu verpassen oder für’s Management-Meeting schlecht vorbereitet zu sein – sondern die Angst, die einen den Boden unter den Füssen wegzieht und an deren Ende die eigene Endlichkeit steht.
Im November 2018, antworte ich. Der Arztbrief aus dem großen Krankenhaus, in das ich für einige Tage stationär in die Nuklearmedizin aufgenommen werden sollte, und aus dem mir die Worte „maligne“, „abklärungsbedürftig“ und „Thyroid Cancer Guidelines“ entgegensprangen.
Ich denke weiter nach, und ja, es stimmt, das war das letzte Mal, dass ich diese Angst hatte. Ich bin gelassener geworden. Keineswegs unachtsamer, aber auch nicht mehr in Panik verfallend, wenn es irgendwo schmerzt. Das ist gut.

Es war ein gutes Jahr. Ich bin gesund geblieben. (In der Tat liege ich vorn in der Krankheitsstatistik der Firma, mit nur einem Fehltag in 2019. Darüber freue ich mich sehr).
Ich habe viel erlebt, ich habe die Welt gesehen, ich habe gelacht und getanzt und geschwommen und gelebt. Dafür bin ich dankbar.
Ich habe mein Fitnessprogramm kontinuierlich verfolgt und bin der gesunden Ernährung treu geblieben. Darauf bin ich stolz.

Ich bin gespannt, was das nächste Jahr bringen wird, vor allem darauf, was es für einen humangenetischen Rat zu meinem Gendefekt geben wird.
Auf alle Fälle freue ich mich auf viele wunderbare und abenteuerliche Reisen. Und auf ein Wiedersehen mit Freunden. Und auf alles, was das Leben lebenswert macht.

18.12.2019

Zuhause.

No. 1 Antarctic: ✔️

No. 2 Arctic: ✔️

Very logical that I booked now no. 3 of the ranking of deserts. That was spontaneous. It will bring me to (over) my limits (again). I will never forget Tibet and Everest…

Why are you doing this?!? I ask myself.

Because I want to feel life and explore the world. And I like adventures. And to write logbooks.

Pretty sure I will have the good stories when I moved to the nursing home 😀

15.12.2019

Unterwegs.

Überall glitzert es. Beim Schwimmen, abends, wenn die Lichterkette, die um das Aussenbecken des öffentlichen Bades dekoriert ist, funkelt, während der Dampf so dicht ist, dass man nicht sehen kann, ob einem jemand im Dunklen entgegen schwimmt. Die Kirchenglocken läuten.

Auf dem Weihnachtsmarkt glitzert es. Auch hier läuten die Kirchenglocken, und der Duft von gebrannten Mandeln und Glühwein legt sich über das Geglitzer.

Ob er mir etwas von seinem Schokoweihnachtsmann abgeben würde, frage ich meinen Bürogenossen. Dieser schaut verwundert auf. Längst aufgegessen, antwortet er. Und nichts angeboten, konstatiere ich, obwohl die Antwort, die nun kommt, auch nicht verwunderlich ist. Du isst doch keine helle Schokolade, da habe er mich gar nicht erst gefragt. Die Bananen teile er mit mir, vom Bäcker bringe er „Diätberliner“(Quarkbrötchen) und Obstküchlein (Obst ist ja gesund) für mich mit, während er für sich mit Puderzucker bestäubte Berliner mitbringt.
Nun stehe ich auf dem Weihnachtsmarkt, in der Hand eine kleine Tüte Schmalzkuchen, der Puderzucker verteilt sich bereits auf meiner Jacke, um mich nochmal nachdrücklich darauf aufmerksam zu machen, dass Schmalzkuchen nix in meiner Hand zu suchen haben.
Am Samstag tausche ich den Weihnachtsmarkt wieder mit dem Bio-Wochenmarkt ein.

Es glitzert auf dem Weg zu J., meinem französischen Meditations-Mitschüler, bei dem die Gruppe heute Abend meditiert und danach zusammen Abendbrot essen wird. Die Kerzen werfen ein gemütliches Licht auf den Tisch mit der Süsskartoffel-Birnensuppe und der frischen Minze, dem grünen Salat, dem Körnerbrot, der Käseplatte, der Pistaziencreme und den Mandarinen.

Am Sonntag glitzert die Sonne auf dem Wasser des Aussenbeckens. Kleine Wellen kräuseln sich an der Oberfläche, der Sturm setzt ein, die Wolken fliegen über mich hinweg, während ich auf dem Rücken schwimme. Heute steigt kein Dampf auf. Die Luft ist kalt, ebenso das Wasser.
Das Wasser ist kalt, sagt J., zu dem ich vorhin schon auf die Kampfschwimmerbahn hinübergewunken habe und ein Stück Flosse zurückwinkte, bis auch sie unter der Oberfläche verschwand.

Das Wasser ist kalt, aber das Wasser ist herrlich, genauso wie die Luft, finde ich, sie riecht nach Meer, was eigentlich nicht sein kann, und schon setze ich mich hin und schicke eine Anfrage an den Reiseveranstalter, Seeluft macht abenteuerlustig, auch wenn mich das nächste große Abenteuer nicht zum Meer führen wird, oder vielleicht doch, einem Meer, das nicht aus Wasser besteht, aber die Sonne, sie wird glitzern.

06.12.2019

Zuhause.

Zwei Eigelb. Etwas Xylit.
Ich werfe die beiden Zutaten, die im Rezept stehen, zu den Zutaten, die so nicht im Rezept stehen, in die Schüssel. Walnussmehl statt Weizenmehl, harte statt weiche Butter, gemahlene Haselnüsse statt Mandeln, eine Vanilleschote statt gemahlener Vanille und etwas mehr Backpulver als da auf dem Zettel steht, da bin ich großzügig.
Zum Bestäuben werde ich dann etwas Bio-Staub- und Vanillezucker nehmen, auch das steht so nicht in dem Rezept, aber eine kleine Sünde lasse ich durchgehen.

Dunkel sehen sie aus, die Kugeln, die ich forme, sie sehen nicht wirklich wie die halbmondförmigen Vanillelkipferl aus, die man sonst so kennt und die es eigentlich werden sollen. Ich forme weiter.
Im Hinterkopf höre ich die Ratschläge der Menschen, die backtechnisch versierter sind – das sei Chemie, da müsse man sich an die Rezepte halten, das würde sonst nix werden, das sei ja anders als beim Kochen…jaja, ich bin unbeirr- und unbelehrbar, auch nach den nur so semi schmeckenden Hafer-Kokosplätzchen variiere ich nach Lust und Laune.  Allerdings achte ich darauf, dass ich diesmal nicht wieder Zutaten wie bei den Hafer-Kokosplätzchen vergesse (Eier) und addiere auch nicht wieder wahllos etwas hinzu (Zitronensaft und dunkle Schokolade). Nur etwas Olivenöl, das kann ja nicht schaden.

Ab in den Ofen mit den Teilen, 10 Minuten steht da im Rezept, aber selbst nach 15 Minuten ist die Konsistenz noch nicht sehr fest, ich probiere eine andere Schiene und gebe noch ein paar Minuten hinzu. Riechen tut das aber schon mal ganz gut, hier in der eingesauten Küche, spät am Abend.

Ich lasse die dunklen Geschwister der hellen Vanillekipferl abkühlen, werfe den Staub- und den Vanillezucker drüber und probiere.
Jetzt bin ich wirklich überrascht – die dunklen Teilchen schmecken tatsächlich nach Vanillekipferl.

Fazit: zwei Sorten Kekse, (bis auf etwas Staub- und Vanillezucker) politisch korrekt: ohne Weizenmehl, ohne Zucker, ohne buntes Dekozeugs, nicht sonderlich hübsch, dafür aber ehrlich.
Und hiermit erkläre ich die Weihnachtsbäckerei für 2019 für beendet.

03.12.2019

Im Krankenhaus.

Eine große Tasche hätte ich ja dabei, stellt Dr. Z. im fünften Stock ‚meines‘ Krankenhauses fest. Das stimmt, antworte ich auf dem Weg in ihr Zimmer, denn nach der Nachsorge ginge ich zum Schwimmen. Prof. Dr. M., mein Lebensretter, kommt uns im OP-Outfit entgegen, wir lachen uns zu.

Dr. Z. erinnert sich nun wieder, dass ich ja immer zum Schwimmen gehe, dass wir uns zuletzt auf dem Mutmach-Abend der Stiftung des Krankenhauses gesehen haben und das die Ergebnisse der Mammographie und des Ultraschalls Ende August gut waren.

Ich spreche meinen Gendefekt an und erläutere die niederländischen Forschungsergebnisse aus dem Jahr 2019. Panisch bin ich nicht, aber zur Seite wischen tu‘ ich das Thema auch nicht. Ende Januar wüsste ich mehr, da hätte ich meinen Folgetermin bei den Humangenetikern. Ich gehe nicht vom worst case (diverse Körperteile prophylaktisch entfernen lassen) aus, sondern vom good case (engmaschigere Vor-/Nachsorgeuntersuchungen). Sie sieht das genauso.

Während ich mich entkleide, sprechen wir über meine Reisepläne des kommenden Jahres. Es fühle sich alles gut an, es sei nichts Auffälliges auszumachen, sagt sie dann. Wir wünschen uns ein frohes Weihnachtsfest, im März werden wir uns wiedersehen.

Ich laufe die Stufen hinunter, laufe über den Vorplatz, laufe zum öffentlichen Bad, in dem es heute nicht nur zum Schwimmen, sondern auch mit einer Freundin in die Sole gehen wird, aber erst schwimme ich draußen, der Dampf steigt auf, die Luft ist kühl, und wieder bin ich so dankbar dafür, dass ich hier sein darf, dass ich gesund bin, dass ich bin.

Hyazinth, der kleine Spanier, lacht mich an, ob ich die Lichterketten schon an der Bande gesehen hätte, wie schön mögen sie wohl im Dunkeln leuchten. Ich bestätige, dass sie wirklich schön leuchten, denn letzte Woche sei ich abends nach der Arbeit geschwommen, nun ist es noch zu hell, nun erfreuen wir uns an dem aufsteigenden Dampf und dem blaublitzenden Wasser.

Zur Feier des Tages gönne ich mir einen Cäsarsalat und einen Smoothie in der Sole, lese etwas und freue mich, als meine Freundin um die Ecke kommt. Wir dümpeln in der Sole herum, gehen in die Himalaya-Salz-Sauna, trinken Kaffee, essen Eis, schwimmen noch etwas draußen im Aussenbecken des öffentlichen Bades, wir bleiben bis abends, bis es dunkel wird und bis die Lichterketten leuchten.

2 Jahre, 8 Monate und 11 Tage krebsfrei.

30.11.2019

Unterwegs.

Am Freitag mache ich G., meiner 80-jährigen Schwimmfreundin, Mut, da sie Schmerzen im Knie und Krämpfe im Bein hat und Angst bekommt, dass sie bald keinen Sport mehr machen kann.

Am Freitag mache ich einem Kollegen Mut, der in meinem Büro zu weinen anfängt, als er mir erzählt, dass seine Frau Brustkrebs hat. Sie habe doch schon Leukämie gehabt. Fair sei das nicht. Ich oute mich und biete an, dass, wenn sie sich austauschen möchte, mich jederzeit kontaktieren kann.

Das Leben ist fragil. Das Leben ist zu schade, um es im Bett zu verplempern. Also mache ich mich am Samstag in aller Frühe auf den Weg nach Sylt. Auf dem Bahnhof gönne ich mir einen Kaffee mit „richtiger“ Milch und ein Croissant. Für die Reise habe ich ich noch Wurzeln, Pflaumen, Gurkenscheiben, Bananen, ein Vollkornbrötchen, Nüsse und Wasser mit frischer Zitrone dabei.

Der Zug fährt los. Ich sehe die Sonne über den Wiesen aufgehen. Ich sehe den Nebel aus den Weiden emporsteigen. Ich sehe den Raureif, der auf den Feldern liegt. Ich sehe einen Regenbogen. Die Ausbeute an wunderschönen Eindrücken ist groß, dabei ist es noch nicht mal 9.00h!

Mein Zimmer ist noch nicht bezugsfertig, also mache ich mich auf den Weg in die Friedrichstraße. Neben der Vorderreihe in Travemünde ist sie meine Lieblingseinkaufsstraße. Es dauert keine Stunde, und ich habe die ersten 100 Euro vershoppt (Klobürste, Abwaschbürste, Weihnachskarten, Kalendarium 2020, Postkarten, kleine Weihnachtsgeschenke, ein Pfund Kaffee – kriegt man ja alles nicht in Hamburg 🤨). Aus Selbstschutz gehe ich zurück ins Hotel, setze mich ins Foyer und schreibe die ersten Karten.

Später mache ich einen langen Spaziergang am Strand entlang, gönne mir noch einen Kaffee (und eine frische Waffel), dann gehe ich schwimmen. Abends ein Salat und ein weiterer Spaziergang.

Es ist dunkel am Strand, die Luft ist klar. Vor mir krachen die Wellen an Land, über mir glitzern die Sterne. Ich gehe weiter und weiter, niemand ist hier unterwegs, nur ich und die Wellen und die Sterne. Gut, denke ich. Dann gehört mir die klare Luft hier ganz allein.

27.11.2019

Nachruf.

Liebe Metahasenbändigerin, liebe Onkobitch, liebe Kathrin,

„Ich verliere alles was ich habe, und alle anderen nur mich. Mein Verlust hat keine Grenzen, denn alles bleibt, nur ich nicht.“

Ein sehr berührender post, der letzte, den Du auf Deinem blog verfassen konntest, irgendwo zwischen Palliativstation und Hospiz.

Seit 2,5 Jahren folgen wir unseren blogs, Du warst eine meiner ersten follower und Kontakte, die sich mit Brustkrebs auseinandergesetzt hat. Nicht nur Deine Texte haben mich inspiriert und zum Lächeln gebracht; Du hast die große Gabe besessen, Deine Gefühle und Gedanken in wunderbaren Comics auszudrücken. Todd (der Tod), Fati (die Fatigue) und die Metahasen (Metastasen) wurden durch Dich greifbar. Manchmal sogar sympathisch. Als letzte Figur kam die Angst dazu. Die Dir die Luft zum Atmen nahm, die nachts auf Deinem Bett saß und sich nicht abschütteln ließ.

Du hast Dich bei mir bedankt, dass Du „ein bisschen“ mit in die Arktis reisen konntest. Ich bin gestern in Gedanken mit Dir im Wünschewagen nach Usedom gefahren und habe Dir so sehr gewünscht, dass Du einen schönen Abschluss findest.

Sterben wolltest Du mit einem Lächeln auf den Lippen. Ich hoffe, das ist Dir gelungen.

Ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht. Eines, an dem Du nicht alles verlierst. Eines, in dem Dein Comic damit endet, dass Todd und Fati in die Wüste und die Metahasen in die Hölle geschickt werden. Weil man sie besiegen kann. Weil man den Krebs besiegen kann. Leider ist es noch nicht soweit. Und leider musstest Du nun viel zu früh gehen.

Ich hoffe, dass Du dort, wo Du jetzt bist, keine Schmerzen mehr hast. Und fröhlich mit den Schmetterlingen tanzt.

Danke Dir von Herzen für die vielen Bilder, an denen Du uns hast teilhaben lassen. Ich werde Dich vermissen.

Brustkrebs ist nicht pink.
Brustkrebs glitzert nicht.
Brustkrebs kann man nicht wegschminken.
Brustkrebs ist schwarz.
Brustkrebs ist düster.
Brustkrebs ist tödlich. Immer noch.

Illustration: (c) KL/Metahasenbändigerin

24.11.2019

Zuhause. Und unterwegs.

Sonntag morgen, 8.30h. Ich sitze in der Küche, in der rechten Hand die Tasse Kaffee, mit der linken tippe ich auf dem Laptop herum und buche Flüge nach Georgien. Reiseplanung gehört zu meinen Lieblingsbeschäftigungen und steigert die ohnehin schon gute Laune ungemein. Ich informiere Team Naugthy – meine Freunde aus der Arktis – dass ich mit A. aus der Schweiz unsere Flüge am Buchen bin, ab München werden wir zusammen nach Tiflis weiterfliegen, G., der uns nach Georgien eingeladen hat, lässt wissen, dass er einen Wagen zum Flughafen schicken und in die Detailplanung gehen wird. Damit steht eines meiner Highlights für 2020!

Danach geht es zum Schwimmen. Da keine bekannten Gesichter im Aussenbecken auszumachen sind, habe ich Zeit, die nächsten 1.000 Meter nachzudenken. Über meine momentan extrem gute Laune (wenn man mal vom Zirkus bei der Arbeit absieht). Ich habe Bedenken, dass der Fall umso tiefer sein könnte, wenn es mir so (zu?) gut geht. Das habe ich bei einigen beobachtet, denen es nach einer schlechten Phase erst wieder besser ging, bevor der Feind kurze Zeit später ein letztes Mal zuschlug.
Jetzt bin ich allerdings gesund und vom Sterben weit entfernt (sollte ich nicht morgen zufällig vor ein Auto laufen), doch lässt es mich innehalten.
Wie geht es Dir?, frage ich mich und schaue mich an. Gut geht es mir, antworte ich, das Leben wird gelebt, die Reisen gereist, die Bahnen geschwommen, das Lachen gelacht, was genau ist das Problem?

Die gecrashte Bandscheibe, die im Winter wieder schmerzt (und dieser Umstand mit einem warmen Leibchen behoben werden kann)?
Die Müdigkeit und Unkonzentriertheit, die ich treffsicher auf einen Vitamin-B-Mangel zurückgeführt habe und denen mit Mikronährstoffen zu Leibe gerückt bin?
Hab ich im Griff, sage ich zu meinem Hausarzt, bei dem ich wegen Impfungen vorspreche und der den B-Mangel glatt übersehen hat, was mich nicht so sehr stört, da ich meine Blutwerte immer ausdrucken lasse, um sie selbst zu überprüfen. Auch seine Praxiskollegin, bei der ich zur Schilddrüsensonografie war, hat den B-Mangel im Computer entdeckt, alles im Griff, preventive action läuft.
Der seltene Gendefekt meines NTHL1-Gens, zu dem es erstmals in 2019 Forschungsergebnisse gibt und der tatsächlich für ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Darmkrebs, Eierstockkrebs, Schilddrüsenkrebs, Hautkrebs und Hirntumor bei einer Generation verantwortlich ist? Weil das NTHL1-Gen, das für die Fehlerfindung auf der DNA zuständig ist, keine Fehler finden kann, wenn es defekt ist und somit Krebszellen ignoriert?
Damit habe ich den unsicheren Faktor in meinem Leben gefunden. Ich bleibe pragmatisch; Ende Januar haben ich einen Termin beim Humangenetiker, im worst case werden sie vorschlagen, zehn Körperteile zu entfernen (was ich aber nicht glaube), im good case werden sie sagen, dass ich feinmaschiger als bisher zu Vor- und Nachsorgeuntersuchungen anzutreten habe. Mit dem good case kann ich leben.

Ich schwimme auf dem Rücken und gucke in den grauen Himmel. Von den bunten Bäumen sind nur noch Skelette übrig, die dunkel und kahl über das Aussenbecken ragen. Ein Schwarm Vögel zieht vorbei. Wie geht es Dir?, frage ich. Gut geht es mir. Mir geht es gut.  

Der Fitness-Rückblick der Woche:
Mo: Stretching ✔️
Di: Meditation-Class ✔️
Mi: Schwimmen ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen ✔️
So: Schwimmen ✔️

…und am Samstag im Kino grünen Tee, Gemüsesticks, Trauben und Käse bestellt statt Prosecco und Popcorn. (note to myself: freiwillig!)

20.11.2019

Unterwegs.

Ob er abgenommen habe, frage ich. Er würde so schlank aussehen, setze ich nach. Also, er würde gut aussehen.
Ich frage mich innerlich, ob ich nicht einfach mal die Klappe halten kann. Kann ich nicht. Unser CEO schaut verblüfft, aber auch erfreut und bestätigt, dass er ein paar Kilo weniger auf den Rippen habe. Gesunde Ernährung, das würde ihm guttun.
Dann trügen meine Ernährungs- und Fitnessartikel in unserem Firmennewsletter ja Früchte, stelle ich fest und halte ihm meine Snackbox unter die Nase. Sollte er noch nicht mitbekommen haben, dass das Thema „gesunde Ernährung“ zu meinen Lieblingsthemen gehört – spätestens jetzt weiß er es, während ich erkläre, was es bei mir heute zu essen gibt. Damit es nicht total abdriftet (note to myself: das ist es schon), stelle ich noch eine geschäftliche Frage, bevor er dann doch lieber mein Büro verlässt.

Man möge essen, was gut für die Seele ist… dieses Statement höre ich immer wieder von Erkrankten und kann ihnen nicht so recht beipflichten. Für die akute Phase (Chemo- und Strahlentherapie) stimme ich zu; das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um die Ernährung umzustellen, da ist kalorienreiche Nervennahrung durchaus angebracht. Ich spreche aus Erfahrung. 

Wenn die akute Phase allerdings beendet ist, sollte man das essen, was für den Körper gut (und für den Krebs schlecht) ist. Das bedeutet gesunde Ernährung. Gelernt bei diversen Ernährungsvorträgen, nachgelesen in Ernährungsbüchern und Studien aus Kliniken, und on top bestätigt in einem Interview mit meinem Arzt aus dem Mammazentrum gestern im Radio.
In meinem Fall bedeutet das konkret, Zucker, Weizenmehl, Milch, rotes Fleisch, Wurst, verarbeitete und frittierte Nahrung aus dem Leben zu verbannen und den Fokus auf Gemüse, Obst, Vollkorn, Dinkel, Nüsse und Haferflocken zu legen. Das funktioniert, und gelegentliche Ausnahmen in Form von Eis, Kuchen oder ein kleiner Schokoriegel sind erlaubt. Geraucht habe ich noch nie, und nur zu besonderen Anlässen trinke ich mal ein kleines Glas Wein. Damit geht es mir gut. Die Zeiten, in denen ich frustriert im Supermarkt auf die Einkaufswagen der anderen guckte, die mit Süßigkeiten, Chips und Wein bestückt waren, derweil ich einen einsamen Brokkoli in der Hand hielt, sind passé. Auf dem Biowochenmarkt freue ich mich über die große Auswahl an Salaten,  Gemüse, Obst und leckerem Brot.

Ein Brötchen kaufe ich mir auch noch, als ich das Büro verlasse und mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache. Es ist dunkel. Es regnet. Es ist kalt. Es ist der perfekte Zeitpunkt, das Aussenbecken für sich allein zu haben.
Allerdings denke nicht nur ich so; das Wasser des Pools, der in der Dunkelheit liegt, leuchtet türkis, überall sind Köpfe auszumachen, verschwommen hinter dem Dampf, der aus dem Becken steigt. Ich schwimme durch die schwappenden Wellen, Tropfen fliegen durch die Luft, ich trage meine neue Retro-Badekappe, weiß mit Luftnoppen, so wie man sie schon vor bestimmt 50 Jahren getragen hat, das blaue Becken dreht sich im schwarzen Universum, Lichtstrahlen durchschneiden den Dampf, meine Kappe ist ein Helm und ich ein Astronaut, der durch das All gleitet. Surreal. Und fantastisch.

Am Ausgang stoße ich mit J. zusammen. J. hat gestern bei der Meditation erwähnt, dass er auch am Mittwoch schwimmen gehe. Und der kleinen Meditationsrunde erzählt, wie wir uns das erste Mal beim Schwimmen begegnet sind; seine Schwimmfreundin verschwand auf der Toilette, und ich käme dann heraus. Magic! Eine schöne Erinnerung, an die ich mich nicht entsinne, mir aber ausgesprochen gut gefällt.
Mit dem Brötchen in der Hand gehe ich hinaus in die Nacht. Der Regen hat aufgehört.

17.11.2019

Unterwegs.

Hältst Du mal? Die unbekannte Frau drückt mir einen Strick in die Hand, an dessen Ende ein schwarzes Pferd tänzelt und geht weg. Ich schaue genauso irritiert wie das Pferd, dann schaue ich zu L., die ihren spanischen Falben zurückhält und stelle fest, dass ich das schon sehr gewagt finde, einfach jemandem Unbedarften sein Pferd anzuvertrauen.
Naja, sagt L, wir sind hier auf nem Reiterhof, da gingen sie davon aus, dass man mit Pferden umgehen kann. Ich trage statt reiterhof-grün-braun zwar arktis-rot und auch sonst kein Reiter-affines Outfit, aber das hilft jetzt auch nicht weiter, das unruhige Pferd am Ende des Stricks muss gehalten werden.

Wochenende auf dem Land. Mit frischer Luft und Bewegung an derselbigen, Urlaubsplanungen am lodernden Kamin, leckerer Linsen-Möhren-Suppe, Salat und grünem Tee und Katzen im Bett.

Spät am Abend fahren wir nochmal zur Weide. Der Regen hat aufgehört. Die Kälte kriecht durch die Nacht und das nasse Laub, der Weg durch den Matsch wackelt durch die Stirnlampen, die an den Mützen befestigt sind. Es ist ein wenig gruselig, große dunkle Körper bewegen sich auf uns zu, während wir die Weide betreten, die Pferdeaugen leuchten. Der Falbe bekommt eine dickere Decke aufgelegt und etwas zu fressen, während mich ein braunes Pferd neugierig mit der Nase anstupst.

Auch am nächsten Morgen sind wir in aller Frühe wieder auf dem Weg zur Weide, um das Pferd zu bewegen, derweil das Kind zuhause ein wirklich gutes Frühstück mit Rührei, Baked Beans, Kaffee, Tee und Smoothies zubereitet. Das ist vorbildlich und eine gute Einstimmung auf unseren gemeinsamen Wanderurlaub, den wir nächstes Jahr zusammen machen werden.

Die Schmerzen im rechten Arm (Lungenentzündung-Impfung) und im linken (Grippe-Impfung) klingen langsam ab, haben allerdings meine Fitnesswoche etwas durcheinandergebracht. Dafür sollte ich jetzt mittlerweile so ziemlich gegen alles geimpft sein, was es so gibt und damit fit und fröhlich durch den Winter kommen.

10.11.2019

Unterwegs.

Aktiv leben? ✔️
Spontanentschlüsse treffen? ✔️
Freitag buche ich Hotel und Zugfahrt; dadurch verschiebt sich das Timing für Einkäufe und Wohnungsputz, das muss nun alles am Freitag nach der Arbeit und nach dem Schwimmen erledigt werden. Auch der Koffer muss gepackt werden.
Das Kofferpacken geht fix, da bin ich routiniert (auch wenn ich am Samstag feststelle, dass ich – inclusive des Neukaufs – fünf lange Hosen im Gepäck (für eine Auswärtsübernachtung) habe. Plus zwei Badeanzüge (schwarz mit kleinen weißen Pünktchen und den Baywatch-roten), einen Schirm, ein Buch, das ich unbedingt an diesem Wochenende beenden muss, da es eine der drei Buchbesprechungen für die Dezember-Ausgabe der Zeitung wird, für die ich nach der Arbeit schreibe, das wird knapp, aber es ist zu schaffen.

Am Samstag komme ich früh im Hotel an der Ostsee an, zu früh, das Zimmer ist noch nicht bezugsfertig. Ich bleibe gelassen.
Ich mache einen ausgedehnten Spaziergang. Im Wald, den ich bei vorangegangenen Besuchen noch nie wahrgenommen habe, ist es ruhig. Die Luft ist kühl und feucht und duftet nach Erde und Herbst, das Laub leuchtet gelb, gold und bronzefarben. Spontan umarme ich einen Baum. Und noch einen zweiten. Sehen tut mich hier eh niemand, ich bin die Einzige, die sich hier im Wald verirrt hat. Jetzt werde ich hellhörig, verirren tu ich mich recht schnell, da ich Orientierungslegastheniker bin. Vor Anbruch der Dunkelheit muss ich hier wieder herausfinden. Schon letzte Woche bin ich leicht in Panik verfallen, als ich spätnachmittags bei strömenden Regen durch den Jenischpark irrte und den Ausgang nicht finden konnte. Aber es ist noch früh, zu früh, um sich Sorgen zu machen, und irgendwann erscheinen Häuschen und ein Park, und dann die kleine Strandpromenade.

Das italienische Restaurant, in das ich eigentlich heute Abend gehen wollte, hat wegen Renovierung geschlossen. Ich bleibe gelassen.
Ich bummele über die Strandpromenade und stelle fest, dass auch die beiden Eisdielen zu haben. Dabei hatte ich während der Bahnfahrt hin- und herüberlegt, ob ich ein Haselnusseis mit Sahne oder bei Niederegger ein Stück Nusstorte geniessen sollte. Die Entscheidung wurde mir abgenommen. Natürlich möchte ich jetzt lieber ein Nusseis essen. Ich bin nur noch so semi-gelassen.

Ich gehe schnurstracks in mein Lieblingsklamottengeschäft, um es einen Augenblick später mit einer neuen Hose und einer Bluse zu verlassen. Das war eigentlich so nicht geplant, und ich überlege, womit ich den Spontankauf rechtfertigen kann. Mir fällt nichts ein. Ausser, dass ich diese Woche wieder on track mit meinem Fitnessprogramm bin und in 2019 bei den Fehltagen in der Firma ganz oben in der Statistik liege – nur einen Krankheitstag habe ich zu verzeichnen. Mein Sport- und Ernährungsprogramm trägt Früchte. Das lasse ich gelten, hierfür also die neue Hose und die Bluse.

Zurück im Hotel ziehe ich einen der Badeanzüge (den schwarzen mit den kleinen weissen Pünktchen) an, werfe den Bademantel über und gehe zum Pool. Beim Schwimmen kann ich in Ruhe überlegen, wo ich heute Abend essen möchte.
Die Wahl fällt auf mein Lieblingsrestaurant, auch wenn es eine neue, eine schreckliche Innenbeleuchtung bekommen hat; ein riesiger Kompass hängt über den Köpfen der Gäste und lässt diese in giftgrünem Licht erstrahlen. Trotzdem mag ich das Restaurant; das Essen ist sehr gut, und auch, wenn man mal allein hierher kommt, bekommt man keinen Katzentisch sondern einen schönen Vierertisch am Fenster.
Ich sitze am Fenster und schaue hinaus in die Dunkelheit; die Autofähre taucht auf, wie ein riesiges Hochhaus schiebt sie sich am Fenster vorbei und die Ostsee hinunter, ich schaue hinaus, und dann wieder hinein in den Roman, der faszinierend aber auch speziell ist und sich mit Kryonik befasst.

Am Morgen – nach dem Schwimmen – gehe ich frühstücken, natürlich trage ich sofort die neue Hose und die Bluse. Der Tag wird schön. Ich gehe nochmal in den Wald, umarme einen dritten Baum, verirre mich nicht und gehe weiter an den Strand. Zwischen den Algen liegen rote Rosen, mal ein Blatt, mal eine ganze Rose, das Meer spült die Erinnerungen an die Toten, die hier seebestattet wurden, zurück ans Land.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji-Class ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Stretching ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️ und 11.478 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️ und 10.212 Schritte ✔️

07.11.2019

Unterwegs.

November. Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt; die Menschen verziehen sich in ihre warmen und von Kerzen erleuchteten Wohnzimmer, während sie in Wolldecken gehüllt auf dem Sofa liegen und vorm Fernseher ein Glas Wein geniessen.
Ganz Deutschland ist von der Dunkelheit besetzt? Nein!
Und hier fühle ich mich wie das kleine gallische Dorf, das anarchistisch das tägliche Kontrastprogramm bestreitet.

Das Aussenbecken des öffentlichen Bades, das von großen dunklen Bäumen umsäumt wird, ist erleuchtet: ich schwimme durch das hellblaue Wasser, Dampf steigt auf, die Luft ist kalt, während ich am Abend meine Bahnen ziehe.

Durch die hohen Fenster der alten Sporthalle, durch die ich sonst beim Praktizieren der Stehenden Säule in den schönen Park blicke, blicke ich nun auf mein Spiegelbild. Der Park liegt im Dunkeln.

Auch der verwunschene Garten des Psychologenhauses ist in der Nacht verschwunden, als ich am weit geöffnetem Fenster tief einatme. Es regnet. Wir meditieren.

Im Fitnessraum schaue ich vom Stepper auf die unter mir liegende Mönckebergstraße. Menschen hasten mit Einkaufstaschen in die nächsten Geschäfte, der Himmel ist schwarz, die Straße nass, da hinten ist die Spitze der Nikolaikirche zu sehen und das Rathaus.

Im Dunkeln auf dem Balkon des 12ten Stocks über die Bucht schauen, auf die Ostsee, den Strand, die Häuser, ganz winzig und verstreut, die Kälte fühlen, den Bademantel anziehen und ins Schwimmbad gehen.

November. Zeit des Requiems. Zeit zu gedenken. Nicht unbedingt zu weinen, auch wenn ich das Lacrimosa liebe. Verdis Lacrimosa. Das ist so wunderschön.

Ich fange an zu planen. Es gibt so viel, was ich nächstes Jahr machen möchte, so viele Möglichkeiten, so viele Einladungen, ich lache, das haut doch alles gar nicht hin, mehr Zeit brauche ich, mehr Tage, mehr Jahre, und ja, das Leben muss gelebt werden, hier und jetzt, und auf der Couch kann ich immer noch sitzen, an einem Novemberabend, ganz weit in der Ferne, wenn ich alt bin, wenn gelebt worden ist und die Erinnerungen bleiben.

02.11.2019

Unterwegs.

Und was passiert, wenn ich auf den letzten Button dieser app clicke?
„Die Bestellung wurde abgeholt“, sagt die app.
Ich verdamme meine Neugier, die Bestellung habe ich natürlich noch nicht abgeholt, ich sitze ja in der Küche und versuche, die app zu durchschauen.
Ich ziehe die Jacke über, nehme den Einkaufskorb und laufe los zur Cafe-Bäckerei, bei der ich jetzt schon angeblich die Ware abgeholt habe.
Trotz des Malheurs gefällt mir die app – es geht darum, Lebensmittelverschwendung vorzubeugen; hier stellen Cafés, Bäcker, Geschäfte und Restaurants Lebensmittel ein, die sie nicht mehr an diesem Tag loswerden, und das zu einem Schnäppchenpreis.
Ich investiere Euro 3,80 und bin gespannt, was ich bekommen werde. Leicht wird das nicht, da ich ja (eigentlich) einen hohen Anspruch an meine Ernährung habe.
Das Tresenteam schaut mich interessiert an, als ich erkläre, dass ich meine Bestellung jetzt abholen komme, obwohl sie wohl die Info hätten, dass ich schon da gewesen sei. Sie bleiben gelassen, statt einer Überraschungstüte darf ich mir aussuchen, was ich mitnehmen möchte. Das gefällt mir gut, ich zeige auf ein Stück Käsekuchen (Sünde 1), man gibt noch zwei Muffins dazu (Sünde 2+3), ich möchte ein Brot mit Streichkäse, Wurzeln und Gurke, man gibt mir noch zwei riesige vegetarische Burger mit Gemüse dazu.
Da ich schon mal in der Gegend bin, geht es weiter zum Bioladen.

Ausserdem war ich heute nach der Arbeit schwimmen.
Kalt ist es, Dunst steigt auf und lässt das Aussenbecken des öffentlichen Bades mystisch wirken. Nur zwei weitere Schwimmer drehen ihre Runden, C., meine Schwimmfreundin,  habe ich bereits in der Kabine getroffen, sie war sehr früh dran, ich sehr spät, da ich noch in dem Laden für Mikronährstoffe meine Vorräte an B12 und D3 aufgefrischt habe.

Überhaupt ist die Fitnesswoche durcheinander geraten.
Stattdessen gab es Zahn- und Augenarzttermine, am Feiertag lag ich kränkelnd danieder, und am Dienstag war der Mutmachabend der Stiftung ‚meines‘ Krankenhauses.
Das war doch sicher traurig, sagt meine Mutter am Telefon.
Ich verneine.
Im Gegenteil; das zahlreich erschienene Publikum hatte sogar etwas zu lachen.
Weder das Taschentuch, das ich vorsichtshalber in die Hosentasche gesteckt hatte – ich war mir nicht sicher, wie ich auf der Bühne mit der Konfrontation Brustkrebs reagiere – habe ich gebraucht, genauso wenig wie die Karteikarten, die ich dabei hatte, sollte mir nichts einfallen. Mir fällt viel ein, ich hätte noch locker zwei Stunden über die verschiedenen Aspekte zum Thema Brustkrebs sprechen können.

Ein weiteres Highlight der Woche ist das email meiner Arktis-Kabinengenossin D. aus North Carolina. Die 76-Jährige hat ihre nächste Expedition in die Kälte geplant und fragt, ob ich nicht wieder mitkommen möchte. Ausserdem fliege sie nächstes Jahr nach London und checke schon Flugverbindungen nach Georgien, wo wir uns doch alle wiedersehen wollen.
Trotz ihrer Versprechungen „…I will bring my sleep machine so I will not snore!!! I certainly feel better using it instead of the glorious mouth piece! I will unpack immediately upon arrival!!“ werde ich nächstes Jahr nicht wieder in die Arktis fahren – ich plane im Frühjahr eine ganz andere Exkursion mit A. aus Österreich, die ich in Israel kennen gelernt habe.

Und wieder einmal stelle ich fest, dass das Leben so viele wunderschöne Momente bereithält.

Fotovermerk: Hamburg Photography

Blumen statt Tränen 😍

#nofoodwaste

D. und ich auf unserer Arktis-Expedition

26.10.2019

Unterwegs.

Highlight der Woche:
Einladung von G. aus Georgien an Team Naughty (unser Arktis-Dream-Team), ihn in  2020 für eine Woche in Georgien zu besuchen. Wir müssten uns nur auf ein Datum einigen und die Flüge zahlen. Team Naugthy ist hellauf begeistert, wir möchten so gern nach Georgien und uns wiedersehen, die Bilder, die G. uns geschickt hat, sehen wunderbar aus, mal schauen, ob wir es schaffen, die Team Naughty-Mitglieder aus den USA, UK, der Schweiz und Deutschland zusammen unter einen Hut und zu G. nach Georgien zu bekommen.

Fail der Woche:
Ich wusste, dass ich niemanden auf D.’s Geburtstag kennen würde. Auf dem Weg zum Restaurant, in dem wir unser Essen selbst kochen werden, verlaufe ich mich auf dem unübersichtlichen Areal. Aber ich bin ja plietsch und folge einfach einigen Herrschaften, die mit Geschenken bewaffnet auf das Restaurant zusteuern. Ich lasse mir die Garderobe zeigen, plaudere ein wenig und möchte mein Geschenk auf den Gabentisch legen.

Das ist doch hier der Geburtstag von D.?, frage ich den netten Herrn neben mir. 
Das hier ist die Hochzeitsfeier von S. und G.,
 antwortet er.
Huch!
Ich nehme mein Geschenk und suche die nächste mir (noch) unbekannte Gesellschaft.

Hier wird gekocht. Im Team „Vorspeise“ schwitze ich Unmengen von Gemüse an. Gemüse kann ich. Es ist ein wunderbarer Abend, auch auf dieser Feier lerne ich sehr nette Menschen kennen. Und wenn dem nicht so gewesen wäre….hätte ich ja zur mir schon bekannten Hochzeitsrunde zurückgehen können…

Die Woche an sich:
Die Woche war anstrengend. Anstrengend bei der Arbeit, dazu noch viele kleine Dinge zwischen Büro und dem Sport erledigt (Rezept aus meinem kleinen Krankenhaus holen, Wochenmarkteinkäufe am Freitag einbauen, Umorganisation sämtlicher Sportaktivititäten, weitere Termine abmachen, mein Rezept zur Apotheke bringen, Schuhe kaufen).

Ausserdem führe ich ein langes Telefonat mit der Moderatorin für den anstehenden Mutmachabend am 29.10. zum Thema Brustkrebs, den die Stiftung meines kleinen Krankenhauses organisiert.
„Aktiv leben“ und „Halt finden – Halt schenken“; zu diesen tollen Themen darf ich als Talkgast auf der Bühne meine Erfahrungen vor einem größeren Publikum teilen. Ich bin gespannt.

Am Samstag bin ich dann endgültig k.o. und beschließe, den Tag einfach im Bett zu bleiben, rumzutrödeln, einige Stunden Shopping Queen zu schauen, nur zur Apotheke muss ich schnell rüberlaufen, um meine bestellten Tabletten abzuholen.
G., meine Schwimmfreundin, ruft an, sie habe mich am Freitag vermisst und möchte wissen, ob ich krank sei und etwas bräuchte. Das ist sehr lieb von ihr. Ich gebe Entwarnung und verspreche, dass ich nächsten Freitag wieder am Start bin.
Weiter rumtrödeln, etwas zum Abendessen kochen, die Schwimmtasche für Sonntag packen und ab in die Badewanne.

Ausserdem muss ich noch überlegen, was ich am Dienstag Abend anziehen möchte – vielleicht probiere ich gleich einige Kombinationen durch, bevor ich am Dienstag in Panik verfalle. (note to myself: der neue dicke schicke Strickpullover fällt aus, abends ist die Zeit der Hitzewallungen, und Bühnenbeleuchtung macht das auch nicht besser.)

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji auf dem Dach ✔️
Dienstag: Meditation-Class ✔️
Mittwoch: Gym ✔️
Donnerstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

13.10.2019

Unterwegs.

Drei Meetings, davon eines ungeplant, eine Urheberrechtsverletzung, der nachgegangen werden muß, kurzfristige Anfragen aus dem Büro in Zypern, daneben versuche ich, die Budgetplanung 2020 für mehrere Schwesterfirmen zu finalisieren, aber es fehlen noch zuviele Details und Unterlagen, mir fällt ein, dass ich etwas auf dem Firmenaccount bei LinkedIn posten möchte, kläre das schnell mit den Kollegen ab, ja, der Text gefalle ihnen sehr, auch das ausgewählte Foto der Veranstaltung, ob ich das noch heute…ja klar, das mache ich noch heute.

Ich schaue auf die Uhr, laufe zur Bahn und fahre nach Hause, ziehe die Bürokleidung aus und meinen Trainingsanzug an, packe die Schlüssel für das Psychologenhaus und den Meditationsraum ein, greife meine Klangschale und marschiere in die entgegengesetzte Richtung zur anderen U-Bahnstation.

Kurzer Stop am duftenden Bonbonstand im U-Bahnhof Schlump, hier kaufe ich mir alle zwei Wochen eine kleine Tüte Salmibonbons, überzogen mit dunkler Schokolade. Ein Bonbon stecke ich sofort in den Mund, das ist mein kleines Highlight, das ich mir gönne.

Es nieselt, das gelb-braune Laub flattert von den Bäumen auf den Weg, während ich die Schröderstiftstraße hinunterlaufe. Trotzdem bleibe ich stehen.
Wie geht es Dir?, frage ich und schaue mich an.
Gut, antworte ich. Mir geht es gut.
Da ich weiß, dass ich ehrlich zu mir bin (alles andere macht auch keinen Sinn), bin ich zufrieden mit der Antwort, immerhin war es ein turbulenter Tag.  Ich biege zum Psychologenhaus ab.

Auf diesen Abend habe ich mich gefreut, auf die Stille des Meditationsraumes, den Blick aus dem Fenster in den verwunschenen Garten, den Klang meiner tibetischen Schale, auf C., die mir Äpfel aus ihrem Garten versprochen hat, auf J., der trotz Kniebeschwerden zum Meditieren kommt, auf das Loslassen, den Tag den Tag sein lassen, das Gewesene das Gewesene, das Kommende das Kommende, die Gedanken davonziehen lassen und auf den Atem achten, das einzige, was uns im Hier und Jetzt halten wird.

Der Fitness-Wochenrückblick:
Montag: Taiji ✔️
Dienstag: Meditation ✔️
Mittwoch: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: 10.399 Schritte ✔️
Sonntag: Schwimmen ✔️

11.10.2019

Buchtipp

„Lassen bedeutet für mich: Loslassen, heiter gelassen sein, zulassen, sein lassen, laufen lassen! Dem Leben seinen Lauf lassen, dankbar annehmen, akzeptieren, nicht mit aller Kraft versuchen, die Kontrolle zu behalten und alles mit Gewalt in jene Richtung zu lenken, welche der Verstand vorgibt. Das Gehirn hilft oft nicht. Das Gehirn hindert mich oft.“

Alex ist gesund. Glaubt er jedenfalls. Bis eines Tages bei ihm Hodenkrebs diagnostiziert wird. Ein sensibles Thema, über das Mann nicht gern spricht.
Alex geht seine Krankheit pragmatisch an, plant nebenbei seine berufliche Selbstständigkeit, jobbt, macht sich auf die Suche nach seinem Vater und ist immer auf Achse.

Als er zwei Jahre später Schmerzen im Oberarm bekommt, ignoriert er diese, bis sie unerträglich sind und sich der Arm nicht mehr bewegen lässt. Zwei Jahre nach der Erstdiagnose ist der Krebs zurück: ein großer Tumor befindet sich im rechten Oberarmknochen.

Alex stellt sein Leben auf den Prüfstand und auf den Kopf.

In „Wie ich dem Tod in die Eier trat“ wird aufgezeigt, wie unterschiedlich man mit dem Thema Krebs umgehen kann. Spricht man darüber? Oder schweigt man? Was genau bedeutet eigentlich Leben? Und welche Heilmethoden machen Sinn?

Mein Fazit: ich habe das Buch sehr gern gelesen, war erstaunt, was es so alles gibt (in der vielfältigen Welt der Heiler), war berührt über die Offenheit des Autors und interessiert, wie er mit dem Thema Krebs und Kommunikation umgeht (anders als ich es für mich entschieden habe). Auf alle Fälle freue ich mich sehr, dass Alex, den ich vor 2,5 Jahren beim Bloggen kennen gelernt und auch in Wien getroffen habe, seinen Weg für sich gefunden hat. Denn ein einschneidendes Erlebnis wie eine Krebsdiagnose birgt auch die Chance, sein wahres Leben zu entdecken.

Alexander Greiner „Als ich dem Tod in die Eier trat“ – Euro 22,-, Hardcover, ist im Verlag Kremayr-Scheriau erschienen.

 

(ist ein Buchtipp eigentlich Werbung? Nicht sicher…also setze ich besser ein „unbezahlte Werbung“ hinzu)

 

03.10.2019

Israel-Westjordanland

Was macht Mut?

Über diese Frage werde ich die nächsten Tage genauer nachdenken.
Was macht mir Mut?
Wie mache ich Anderen Mut?

Der Oktober ist offiziell Brustkrebs-Monat.

Am Dienstag, den 29.10.2019 um 19.30h, findet in Hamburg im Hotel Gastwerk eine Veranstaltung statt, die von der Stiftung Mammazentrum Hamburg organisiert wird.
Thema: Aufklärung und Mut machen!
Bei der moderierten Veranstaltung werden Ärzte „meines“ Krankenhauses zu Wort kommen, genauso wie Betroffene. Eine davon bin ich. Deshalb mache ich mir schon mal etwas Gedanken zum Thema Mut. Und freue mich auf einen spannenden Abend.

Das Programm wird künstlerisch unter anderem von der Schirmherrin der Stiftung, der Schauspielerin Barbara Auer, begleitet.

Interessierte können sich über die Stiftung Mammazentrum Hamburg per email anmelden. Wer also Interesse hat und in Hamburg ist….vielleicht sehen wir uns.

17.09.2019

Epilog: was bleibt.

Ich habe das Nordpolarmeer gesehen.
Ich habe die Nordlichter beobachtet, die am schwarzen Himmel tanzten und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen liessen.
Ich habe die klare Luft gefühlt, kalt und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zog.
Ich habe die Gischt im Gesicht gespürt, kühl und frisch, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis geglitten sind.
Ich habe die Wale gesehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchten, bevor sie wieder in der Tiefe verschwanden.
Ich habe die Eisbären gesehen, „white and fluffy“.
Ich habe die Gletscher und die Eisberge bestaunt, die in unendlich vielen Blautönen geglitzert und unseren Weg in die Kälte gesäumt haben.
Ich habe am Tag die helle Sonne gesehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich habe mich auf den Weg gemacht.

Ich habe neue Freunde gefunden.

Und ein chinesisches Familienmitglied bin ich auch geworden…

– Ende –

Nachtrag
Email von D:
…You will be happy to know that I am fully unpacked and am now ready to pack again to leave for California on Thursday!
Thank you for being such a good, kind and patient roommate
🤗 Fond memories! Take care“

16.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 11

Am nächsten Morgen, wir laufen aufgrund des Unwetters mit vier Stunden Verspätung in Reykjavik ein, erfahren wir, dass A. aus Kalifornien in der Kabine gestürzt ist und zwei Passagiere mitsamt ihren Stühlen im Restaurant umgekippt sind.
Auch unser Tisch war am letzten Abend spärlich besetzt, die Stimmung verhalten. Den Abschiedsabend hatten wir uns anders vorgestellt.

Um 4.00h morgens steht D., die eigentlich erst um 9.00h auschecken muss, mit mir an der Gangway. Sie singt mir ein amerikanisches Lied vor, das man Kindern zum Trösten vorspielt, damit sie beim Abschiednehmen nicht weinen.
Wir umarmen uns, vergiss nicht zu packen, sage ich, D. aber steht an der Reling und ruft meinen Namen und winkt, bis ich endgültig im Bus, der mich zum Flughafen bringt, verschwunden bin.

15.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 10

Unser letzter Landausflug geht in das kleine isländische Fischerdorf Suoureyri mit 240 Einwohnern. Eine Premiere: hier ist noch nie ein Schiff mit Passagieren angekommen. Die Fischer haben ihre Boote umgeparkt, damit unsere Zodiacs Platz am Anleger haben. Und so wird in dem kleinen Dorf morgens um 8.15h Fisch für uns gekocht (ich setze aus),  dann geht es zur Besichtigung der ortseigenen Fischfabrik (ich setze aus), es gibt Fischfrikadellen (ich setze aus) und zu guter Letzt noch getrockneten Fisch zu probieren (ich setze aus).

D. (zur Erinnerung: 76 Jahre alt) ist begeistert; sie war im ersten Zodiac beim Anlanden und im letzten, als es aufs Schiff zurückgeht. Ich frage mich, wo sie ihre unglaubliche Energie hernimmt. Allerdings brauchen wir diese, da wir mal wieder ihren Zimmerschlüssel suchen.

Auf der Brücke – neben dem Jakuzzi an Deck 5 mein Lieblingsplatz – werde ich fröhlich begrüsst, man kennt mich hier schon, ich komme täglich vorbei, und ausserdem habe ich die Wale gesichtet.
5 Meter hohe Wellen mit Windstärke 8 stünden uns bevor, die gesamte Strecke zurück nach Reykjavik.

Die Expeditionsleitung mahnt uns, unsere Seekrankheit-Tabletten einzunehmen und unverzüglich die Koffer zu packen; wenn es erstmal stürmt, würde das Packen schwierig werden.

Ich bin in 15 Minuten fertig mit meinem Gepäck; als ich wieder in die Kabine komme, sieht es allerdings aus, als sei eine Bombe eingeschlagen. D. packt nicht, D. sitzt vorm Spiegel und tuscht sich seelenruhig die Wimpern. Ob ich ihr beim Packen helfen solle, frage ich. Sie sei so gut wie fertig, kommt als Antwort und das Chaos ignorierend, ausserdem müssten wir jetzt die Präsentation des Bordfotografen in der Lounge verfolgen.
Wir machen uns auf den Weg in die Lounge, die Sea Spirit schaukelt vor sich hin.

Nach der Präsentation bleibt unsere Clique sitzen und tauscht Adressen aus. Wir wissen nicht, dass wir uns in diesem Moment zum letzten Mal sehen werden.

Der Sturm nimmt zu. Fasziniert blicken wir aus unserem Kabinenfenster, an das die Wellen krachen, mal scheinen wir unter Wasser zu sein, mal sehen wir nur den Himmel, wir schweben, wir fallen krachend in die Tiefe. D.s Noch-Nicht-Kofferinventar trudelt und fliegt durch die Kabine. Mit dem Captains Dinner wird das nix, sage ich, als ich auf allen Vieren ins Badezimmer krieche.
D. stimmt mir zu, safety first, wir bleiben auf den Betten liegen und lassen uns grüne Äpfel und Cracker bringen. Tut uns auch mal ganz gut, meine ich, nach den unzähligen Kuchen, Waffeln, Cremes und Crepes.

Ansage von der Brücke: das Captain Dinner fällt aus, ausserdem würden wir nach Backbord drehen, es würde noch stürmischer werden. Die Passagiere mögen bitte sicher sitzen oder noch besser: im Bett liegen. Das Herumlaufen auf dem Schiff wird verboten.
Wir machen das richtig, ruft D. unter ihrer Bettdecke hervor, während die Sea Spirit ächzt und sich durch die Wellen kämpft.

14.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 9

Wale!, rufe ich aufgeregt und deute irgendwo ins Nordpolarmeer. Ganz nah am Schiff!
Der Kapitän und der Safety Officer, die bis eben noch konzentriert auf der Brücke gearbeitet haben, schauen auf. Well spotted, werde ich vom Kapitän gelobt, der jetzt zu mir herübergetreten ist, es dürften Finnwale sein. Nach dem Lunch komme ich wieder, lasse ich das Bridge-Team wissen, ich bin ja schnell enthusiastisch bei der Sache.

Im Restaurant berichte ich von meiner Walsichtung, leider hat weder die Brücke noch die Expeditionsleitung eine Durchsage gemacht, und nun sind meine Mitreisenden etwas geknickt. Auf Wale haben sie bisher vergeblich gewartet.
Nach dem Mittag werde ich als Watchman wieder on duty auf der Brücke sein.

Nachts ertönt wieder einmal die Durchsage, das Nordlichter zu sehen seien, ich schlafe weiter, murmele ich, D. sucht ihre Kamera (ich helfe ihr nicht beim Suchen) und macht sich auf in die Kälte. Kurze Zeit später ist sie zurück, die Nordlichter waren schwach und nur auf den Fotos der chinesischen Familienmitglieder zu sehen, die ihr allerdings Fotos schicken werden. Das Moon Festival hat sich ganz positiv auf die chinesisch-internationalen Beziehungen an Bord der Sea Spirit ausgewirkt.

13.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 8

Minus 11 Grad. Es ist 6.20h, D. springt aus dem Bett, schau die Berge an, ruft sie, über die sich der rosa Schleier des Sonnenaufgangs gelegt hat. Wir laufen auf Deck 5, um die Sonne zu begrüssen.

Heute Vormittag habe ich mich für das botanische Programm entschieden. Man muss nicht weit gehen, um die Schönheit dieser Welt zu entdecken. Wir schauen im Gosefjord auf den Boden, der mal gefroren unter unseren Schritten knistert und sich an anderen Stellen wie ein dicker flauschiger Teppich anfühlt. Etwas Arnika, ein paar späte Blaubeeren, kleine weiße und lila Blümchen wiegen sich im Wind, es ist kalt, es ist Herbst, nächste Woche wird sich der Schnee über die arktische Landschaft legen.

Zurück an Deck, gehe ich mit meiner Zimmergenossin auf die Brücke. Wir setzen uns draussen unter die breite Fensterfront und geniessen die Sicht auf die unendlich vielen Eisberge.

Viking Bay – Frede Glacier.
If you think we can’t top the highlights of this trip…we can!, so die Ansage der Expeditionsleitung. We have spotted something white and fluffy outside….Eisbären!!!!
Das ist sehr selten, auch wenn unsere Anlandungsplätze immer sorgfältig auf Eisbärspuren geprüft werden und das Team für den Notfall mit Gewehren ausgerüstet ist.

Trotz des Hineinschummelns in die internationale Gruppe – ein aufwendiger Akt – schaffen wir es nicht, zusammen ein Zodiac zu bekommen. A. aus der Schweiz landet im russischen Boot, S. aus der Schweiz samt D. und G. aus Georgien sind im internationalen Boot, Jay aus Wales, J. aus Maine und ich sind bei den Amerikanern gelandet.

Alle Zodiacs sind im Einsatz, wir nähern uns dem Gletscher und den Bergen. Mitten am Berg, auf einer schneebedeckten Platform, bewegt sich etwas Weisses. Unser erster Eisbär! Ganz still ist es in den Booten, selbst den sonst agilen Chinesen scheint es die Sprache verschlagen zu haben.

Der Bär legt sich hin; wir steuern dichter an den Gletscher heran. Wieder ist eine Bewegung am Berg auszumachen: ein Eisbär und zwei Eisbärbabies schauen in unsere Richtung. Dahinter der Gletscher mitsamt seinen türkisfarbenen Eisbergen- und Schollen, die wie überdimensionale Diamanten in der Sonne glitzern.

Im Restaurant, das heute mit chinesischen Lampions und Luftschlangen geschmückt ist, sitzen wir alle wieder zusammen an unserem Tisch. Lucky Sally ergreift das Mikrofon: heute ist das chinesische Moon Festival, ein wichtiger Feiertag in China, der mit der Familie gefeiert wird. Heute sind wir auf diesem Schiff eine große Familie, sagt Lucky Sally. Zum ersten Mal verschwimmt die unsichtbare Grenze, die sich durch die Chinesen und den Internationalen und durch das Restaurant gezogen hat.

Wir sind jetzt Chinesen, stelle ich fest.
Die neue chinesische Familie kommt an unsere Tische und bietet chinesische Kuchen und Süssigkeiten an, macht Fotos it den neuen Familienmitgliedern, sie singen und klatschen und sind fröhlich, während wir noch etwas verblüfft aus der Wäsche schauen und die teils schrecklich schmeckenden Süssigkeiten heimlich im indischen Curry und den Tagliatelle verstecken.

Bevor der Sake an unseren Tisch ankommt, machen wir uns auf den Weg zu Deck 5. Im roten Baywatch-Badeanzug und mit meiner Flasche Rotwein bewaffnet, treffe ich bei Minus 8 Grad auf meine Freunde im Jakuzzi. The party can start!

 

 

 

12.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 7

Anlandung in Eskimobukta. In den Bergen klettern Moschusochsen, wir klettern auch. Wir sehen alte Gräber: Steinhaufen, durch die man durchblicken und Knochen und sogar einen Totenkopf erkennen kann. Etwas weiter die Reste der Häuser und ein toller Ausblick auf das Meer, die Berge, die Gletscher und das Eis.

Den Nachmittag verbringen wir im Frederiksdal im Nordvestfjord. Statt der Wanderungen entscheide ich mich für das Beach-Bunny-Programm und schlendere die Bucht entlang, setze mich auf einen Stein und schaue aufs Meer.

Auf unsere Freundschaft, ruft Jay, die Gläser mit dem Weisswein klirren, wir jubeln, um uns herum dampft und bubbelt es, am Himmel leuchten der Mond und die Sterne, Eisberge gleiten an und vorbei, während Jay, J. und ich nachts im Jakuzzi das Leben feiern.

11.09.2019

Logbuch Arktis- Tag 6

8.15h, Minus 8 Grad: wir sitzen in den Zodiacs und steuern eine bergige Insel im Rype Fjord an. Wir sehen Moschusochsen, Vögel und Robben. Die Chinesen tragen bunte Mundschutze und Mützen mit Hello Kitty-Ohren.

Nach 1,5 Stunden Wandern geht es für weitere 1,5 Stunden mit den Zodiacs auf Gletscher- und Eisbergtour. Die Sonne strahlt und lässt das Eis in unendlich vielen weiss-bläulichen Schattierungen glitzern.

21 Passagiere sind mutig und wagen den Polar Plunge; bei 1 Grad Wassertemperatur springen sie ins Nordpolarmeer, Jay macht einen spektakulären Salto, und auch die 77-jährige R. gehört zu den Mutigen. Für die polar-plungenden Chinesen gibt es eine Extra-Durchsage: sie mögen vor dem Sprung sagen, ob sie überhaupt schwimmen könnten. Ärztin Gloria aus El Salvador steht an der Gangway mit Handtüchern und Defibrillator parat.

Mittagessen wieder draussen auf Deck 5, Ms Anja, wir haben vegetarische Pizza, lässt mich R., der Oberkellner, wissen. Und Bananencremetorte zum Dessert. Das Leben könnte nicht besser sein.

Wir fahren durch den Øfjord, der zwischen Renland und Milne Land liegt.

Am Nachmittag steht ein zweistündiger Zodiac-Cruise bei Baer-Island im Halve Fjord auf dem Programm. A. sowie S. aus der Schweiz und ich schummeln uns durch die strenge Bordkontrolle: wir gehören eigentlich in die deutschsprachige Gruppe, möchten aber gern mit unseren Freunden, die in der internationalen Gruppe sind, zusammen in einem Zodiac verbringen. G. aus Georgien entkommt seinem russischen Boot, mit J. aus Maine und Jay aus Wales erklimmen wir unser Zodiac, irgendwie sind wir doch alle international.

Dieser Nachmittag wird unvergesslich bleiben: um uns herum ragen schneebedeckte Berge auf, wir fahren an Gletschern vorbei, umrunden wundersam geformte Eisberge, die sich im Wasser spiegeln und liegen still neben den Eisschollen, um Robben in der Sonne zu beobachten.

Als wir wieder am Schiff ankommen, liegen wir uns in den Armen. Das Leben ist schön.

Mitten in der Nacht die uns schon bekannte Durchsage: Nordlichter am Himmel! Wir kriechen aus den Betten, ziehen an, was in greifbarer Nähe liegt und laufen los. Es ist eisig auf Deck 5, der Wind bläst uns empfindlich ins Gesicht. Ich setze die Kapuze auf und schaue in den Himmel. Sterne, Sterne, Sterne – die Nordlichter sind nicht mehr auszumachen.

10.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 5

Ich packe heute die Koffer aus, sagt D., die ihre Sonnenbrille nicht finden kann. Ich helfe ihr beim Suchen.

Um 7.15h sitze ich am Frühstückstisch, da ich bereits für die 8.15h-Anlandegruppe eingeteilt bin. Wir steuern mit den Zodiacs Hekla Havn auf Denmark Island an. Das Meer ist ruhig, die Sonne scheint über den schneebedeckten Bergen, während wir auf die kleine Bucht zusteuern. Die Landschaft hat sich in herbstliche Farben gehüllt, rote, gelbe, rosafarbene und weisse Blümchen säumen den moosigen Untergrund, ganz weich geht man hier, als würde man über einen dicken Teppich schreiten. Wir sehen jahrhundertealte Steinformationen, die auf Campingplätze hinweisen.

Zwischen Rückkehr und Mittag haben wir eine Stunde Zeit. D. packt tatsächlich ihre Koffer aus und räumt auch noch das Sofa leer. Daisy (unser Zimmermädchen) wird überrascht sein, meint sie. Sie wird denken, sie sei in der falschen Kabine gelandet, antworte ich. Wir lachen.

Da das Wetter so herrlich ist, während wir durch den Fonjfjord gleiten, gibt es Lunch draussen auf Deck 5. M., eine ältere Dame aus den Niederlanden, proklamiert ein erdachtes Haiku über ihre innige Begegnung mit einem Baby-Pinguin in der Antarktis. Ich höre zu und blinzele in die Sonne.

Später gibt es noch einen Zodiac Cruise rund um Red Island herum. Die Natur ist unbeschreiblich schön.

09.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 4

Eine weitere stürmische Nacht liegt hinter uns. Wellen krachen ans Kabinenfenster, der Horizont lässt sich im Schwarz des Meeres und des Himmels nur erahnen. Die Sea Spirit ächzt und knarrt, während sie sich vorwärts kämpft.

Irgendwann liegt sie still. Die Ankerkette rasselt, ich schaue aus dem Fenster: kleine bunte Holzhütten verteilen sich in einer bergigen, schneebedeckten Landschaft. Ittoqqortoormiit ist die einzige Ortschaft, die wir auf dieser Reise sehen werden. 300 Einwohner gibt es hier, wir werden gebeten, im Supermarkt kein Obst und Gemüse zu kaufen. Es wird nur zweimal im Jahr angeliefert und ist rationiert. Also werfe ich nur einen kurzen Blick in den kleinen Laden, in dem es vorrangig Fleisch, Brot, Nudeln und etwas Kleidung zu kaufen gibt. In der Tiefkühltruhe liegen zwei Tüten mit Erbsen und Wurzeln. Frisches Obst und Gemüse gibt es nicht.

Das kleine Museum ist sehr schön, Postkarten gibt es im Touri-Centre (ein kleiner vertäfelter Raum), und wir schauen der Hundefütterung zu. D. hat eine zusätzliche Fahrt mit dem Zodiac genossen, da sie ihr Portemonnaie an Bord vergessen hat.

Am Nachmittag steht eine etwas beschwerlichere Wanderung auf die hügelige Umgebung von Hurry Inlet bei Nökkedal an, die ich ausfallen lasse: ich gehe ins Gym, und danach eröffne ich die Jakuzzi-Saison auf Deck 5. Während ich im warmen Wasser liege, blicke ich auf hellblaue Eisberge schneebedeckte Bergkuppen, dazwischen laufen kleine rote Punkte – meine Mitreisenden – herum. Ich geniesse den Moment, den ich hier ganz für mich alleine habe.

Der Kellner deutet nach rechts, als ich das Restaurant zum Dinner betrete. A. aus der Schweiz, J. aus Maine, G. aus Georgien und Jay aus Wales winken und zeigen auf den letzten leeren Platz. Jetzt ist die Runde perfekt, strahlt A. Sie hat recht: wir lachen und albern herum, amüsieren uns über die Chinesen, die sich heute zum Captains Empfang in oscarreife Abendroben geworfen haben und aufgeregt im Restaurant hin- und herlaufen.

Sally, die chinesische Travelagentin, trägt ein schwarzes langes Kleid mit einer goldbestickten Stola. Sie hat Geburtstag. Die philippinischen Kellner bringen eine Torte und singen zur Gitarre gleich mehrere Geburtstagslieder, wir klatschen mit. Sally ist sichtlich gerührt; mit einer Flasche Rotwein bewaffnet, kommt sie an unseren Tisch, sie möchte mit uns anstossen und schenkt ein, Lucky Sally sei ihr Name, sie habe heute nicht nur Geburtstag, auch Nordlichter würden wir heute Nacht sehen, ihr roter Lippenstift ist verwischt, sie schwankt, und sie ist glücklich. Das ist alles, was zählt.

Jay notiert sich unsere Kabinennummern, er wird klopfen, wenn er Nordlichter sieht. Noch ein Drink in der Bar, zu dem uns G. aus Georgien einlädt, dann gehe ich zu Bett.

In unserer Kabine breitet sich das Chaos aus: D. hat es immer noch nicht geschafft, so richtig auszupacken bzw. ihre Sachen wegzuräumen. Ich sehe das gelassen, mache mich bettfertig und schlafe ein.

Durchsage von der Brücke und zeitgleich ein lautes Klopfen an der Tür, Jay stürzt herein, Nordlichter über uns! D. will im Pyjama loslaufen, zieh eine Jacke über, wir haben Minusgrade an Deck, rufe ich ihr nach, ich ziehe an, was in greifbarer Nähe liegt. Auf Deck 5 laufen die Chinesen zwischen aufgebauten Stativen herum, unter den roten Arktis-Jacken schauen der rote Tüll und die grüne Spitze der Abendkleider hervor. Über uns am Himmel fangen die Nordlichter an zu tanzen, es schaut aus als spielten sie miteinander, es werden immer mehr. Lucky Sally kommt auf mich zu und strahlt, zeigt in den Himmel, fällt mir in die Arme, wieder und immer wieder, sie ist Lucky Sally, und heute ist sie richtig glücklich.

08.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 3

Noch immer stürmt es. Die chinesische Übermacht an Bord hat sich merklich reduziert. Die Seekrankheit greift um sich. J. ist blass und fühlt sich nicht gut, D. bestelle ich ein Frühstück auf die Kabine. Im Restaurant lerne ich zwei Deutsche kennen sowie G. aus Georgien, Jay aus Wales, A. aus der Schweiz und G. und A. aus Chicago. R. der Oberkellner, begrüsst mich: Ms Anja, please have a look to the buffet – we have almond milk for you.

Ich bin sprachlos; auf dem Fragebogen, den man vor Antritt der Reise ausfüllen musste, hatte ich vermerkt, dass ich Wert auf gesunde Ernährung lege und Mandel- oder Kokosmilch bevorzuge. Mehr Service geht nicht.

Ich statte der Brücke einen Besuch ab, ich bin der einzige Gast.

Der Whirlpool auf Deck 5 ist abgedeckt. Ich setze mich in eine windgeschützte Ecke und schaue über das leere Deck. Hier haben wir nachts in der Antarktis zur Discomusik des DJ‘s getanzt, während sich das Eis immer dichter an die Sea Spirit geschmiegt hat. Titanic-Feeling.

Heute tanzen die Wellen.

Spucktüten sind die Gänge hinunter an den Wänden drappiert, das Bordshopping, das Kayak-Intro und der Vogelkunde-Vortrag werden verschoben, es ist ja kaum ein Passagier auf den Beinen. Zum Glück werden die für 16.00h angekündigten Crepe Suzette in der Lounge nicht verschoben. D. lasse ich auf der Kabine schlafen und trete den wackeligen Weg in die Lounge an. Ich plaudere mit G. aus Berlin und A. aus der Schweiz.

Ob ich ein Schokocroissant möchte, fragt D. Sie habe einige aus dem Hotel aus Reykjavik mitgebracht. D. sitzt in der Kabine auf dem Sofa neben ihren unausgepackten Koffern, in dem sich neben den Croissants noch Äpfel, Kekse, Müsliriegel und ein grosses Sortiment an Tabletten befinden. Ausserdem könne sie gerade ihre Wasserflasche nicht finden. Ich helfe ihr beim Suchen.

Kein Maskara heute, zu gefährlich bei dem Sturm, da könne man sich ja die Augen ausstechen, stellt meine quirlige Zimmergenossin fest.

Ich habe D. angeboten, beim Auspacken und Verstauen zu helfen, vielleicht später, nach dem nächsten Vortrag, und weg ist sie.

Nach dem Dinner hole ich mir an der Rezeption meine Charge Tabletten gegen Seekrankeit. Aufregung am Fenster, ich schaue hinaus: die ersten schneebedeckten Berge und ein hellblau schimmernder Eisberg tauchen auf. Vor uns liegt Grönland.

07.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 2

In der Hotellobby treffe ich auf J., sie stammt aus Maine. Wir tauschen unsere Kabinennummern aus, auch sie hat als Solo-Traveller noch weitere Mitbewohnerinnen, die sie – genauso wie ich – noch nicht kennen gelernt hat. J. ist mir sympathisch, und ich bedauere es ein bisschen, dass wir nicht dieselbe Kabinennummer haben.

In Kabine 335 sind zwei Betten, eine Flasche Rot- und eine Flasche Weisswein mit vier Gläsern arrangiert – ein Upgrade, hatte ich doch eine Dreibett-Kabine gebucht. Eine Dame Mitte Siebzig tritt ein. Wache blaue Augen, weisse Haare, silberne Ohrringe, rundliche Figur. Willkommen, D. aus North Carolina! Einer ihrer Koffer fehle, stellt sie fest, und schon ist sie wieder verschwunden.

Später freuen wir uns, dass wir nicht nur jede eine Flasche Wein als Willkommensgruss bekommen haben, sondern auch freie Soft Drinks und alkoholische Getränke zum Lunch und Dinner geniessen dürfen. Das passe gut, sagt D., es gebe 19 Biersorten an Bord, die könne sie dann alle durchprobieren. Allerdings finde sie gerade ihren Zimmerschlüssel nicht. Ich helfe ihr beim Suchen.

Das Abendessen verpassen wir. Wir sitzen auf meinem Bett und schauen auf den Horizont. Wenn sie zurück nach Hause komme, gehe es erstmal zum Arzt, zum zweiten Mal habe sie Hautkrebs bekommen. Ich erzähle ihr vom Brustkrebs, auch D. hat ihre Ernährung umgestellt und reist jetzt durch die Welt.

Gerade kann sie aber ihr Ladekabel nicht finden. Ich helfe ihr beim Suchen.

In der Nacht wache ich auf. Es stürmt. Das Schiff scheint auf den Wellen zu schweben, bis es krachend wieder ins tosende Meer hinunterkippt, begleitet vom Stöhnen des Holzes und dem Klappern der vielen Fächer und Schubladen. Zum Glück haben wir unseren Wein sicher im Schrank verstaut.

06.09.2019

Logbuch Arktis – Tag 1

Der dritte Bus, den ich innerhalb weniger Stunden in Reykjavik besteige und der mich zu Bus Nummer 4 bringen wird, weckt Heimatgefühle: sämtliche Beschriftungen sind auf deutsch, die Sitze aus bekanntem grau-roten-Stoffbezug, auf denen „Hochbahn“ zu lesen ist. Moin, Moin, Reykjavik!

Ich steige in Bus Nummer 4, den ich nach Durchquerung des Busterminals auf der anderen Seite finde, und dann geht es los mit dem Golden Circle Express. Nationalpark, Geysire und Wasserfälle stehen auf dem Programm. Wir fahren durch bergiges Gebiet, Dampf steigt an den Hügeln auf und vermengt sich mit den Wolken, die grau und bleiern über einer faszinierend kargen Landschaft voller Felsen und Flüsse hängen.

Meine blonde Sitznachbarin kommt aus Yorkshire, lebt aber mir ihrem Mann, der weiter vorn im Bus zu finden ist, in Irland. Sie haben zwei Esel. Ich erzähle ihr von John-Willie, dem Esel, mit dem ich vor ein paar Jahren Irland durchwandert habe. Das Wetter war da im Übrigen genauso wie hier: Regen rinnt unablässig die Fenster hinunter, mehr als 8 Grad hat es nicht. Die Luft ist klar und frisch und, so die nette Britin, höre es ja immer auf zu regnen, wenn wir den Bus verliessen. Zumindest für die ersten Minuten.

Don’t test the temperature with your hands, it will burn. The nearest hospital is 62km away. Die Warnung vor den Geysiren, deren Wasser 80-90 Grad heiss ist, steht drohend vor den brodelnden Löchern. Vor mir bückt sich jemand, um den Finger ins Wasser zu halten. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser?

Als ich mich abends im Hotel zum Gym aufmache, wimmelt es in der Lobby von Chinesen, die mit Thermoskannen bewaffnet sind. Ich bin mir fast sicher, dass sich unsere Wege morgen wieder kreuzen werden: morgen stechen wir in See.

05.09.2019

Logbuch Arktis.
Prolog.

Ich möchte das Nordpolarmeer sehen.
Ich möchte die Nordlichter beobachten, die gelb-grün am schwarzen Himmel tanzen und die Eisberge im dunklen arktischen Meer verzaubert strahlen lassen.
Ich möchte die klare Luft fühlen, kalt, salzig und rau, die durch die Dänemarkstraße nach Ostgrönland zieht.
Ich möchte die Gischt im Gesicht spüren, salzig und kühl, während wir in Schlauchbooten durch das ewige Eis gleiten.
Ich möchte die Wale sehen, deren Rücken glänzend aus dem Meer auftauchen, bevor sie wieder in der Tiefe verschwinden.
Ich möchte die Gletscher kalben hören, das dumpfe Grollen und das laute Krachen, wenn sie zusammenbrechen.
Ich möchte die Eisberge sehen, die in unendlich vielen Blautönen glitzern und unseren Weg in die Kälte säumen.
Ich möchte am Tag die helle Sonne sehen und nachts den Mond. Und die vielen Sterne, hoch über uns.
Ich mache mich auf den Weg.

04.09.2019

Unterwegs.

Es wird Herbst.
Schon gestern Abend auf dem Weg zur Meditation fiel mir auf, dass es dunkler wird.
Wie lange machen wir eigentlich noch dienstags Taiji im Garten? fragt mich mein Lehrer. Die kleine Gruppe schaut erwartungsvoll zu mir herüber. Bis Ende September, antworte ich, danach wird es zu dunkel. Dann fängt unsere Winterzeit an, in der wir jeden Dienstag meditieren. Das mit der Dunkelheit leuchtet unserem Lehrer ein, also meditieren wir am ersten Dienstag des September-Monats und haben dann noch ein paar Taiji-Stunden im verwunschenen Garten des Psychologenhauses, bis wir im Oktober in den Wintermodus wechseln.

Auch am Mittwoch ist der Himmel wolkenverhangen, als ich mich auf den Weg ins öffentliche Bad mache.
Sie haben schon wieder die Farbe gewechselt!, ruft mir Walross 1 entgegen. Ich erzähle ihm, dass der rote Badeanzug in meinem Koffer sei und ich deshalb heute in dunkelblau und weißen Pünktchen antrete.
G., meine 80-jährige Schwimmfreundin, bahnt sich den Weg zu mir durch und umarmt mich. Sie freue sich so, mich zu sehen, ruft sie und strahlt. Ich strahle zurück.
Es ist Mittwoch, 11.00h, und dieselben Menschen, die sonst am Freitag um 12..15h ihre Bahnen im Aussenbecken ziehen, sind auch heute hier. Nur Hyazinth fehlt. Der kleine Spanier ist eigentlich jeden Wochentag im Aussen- und im Innenbecken zu finden, erst schwimmend, dann Wassergymnastik machend, immer lächelnd, immer freundlich. Ein guter Mensch, sagt G., der neben dem Schwimmen ehrenamtlich im Hospiz als Sterbebegleitung tätig sei.

Am Montag habe sie an mich gedacht; sie möchte wissen, wie es mir beim Projekt „Darmspiegelung“ ergangen sei. Wir lachen zusammen, während ich die Aktion nochmal für sie zusammenfasse, dann gehen wir zum Thema B12 und D3 über, während wir nebeneinander herschwimmen.  Aber wenn Du aus der Arktis zurück bist, dann müssen wir uns unbedingt auf einen Kaffee treffen, sagt G. Ich bejahe, das müssten wir auf alle Fälle tun, und wir freuen uns, die Wolken brechen auf, wir halten unsere Gesichter in die herbstliche Sonne, es ist so schön, das Leben.

Zuhause packe ich die restlichen Dinge in den Koffer: rot, weiß, dunkelblau, schwarz. Alles passt zu allem. Alles kommt mit.
Morgen geht es auf Reisen.

03.09.2019

Unterwegs.

Seit einer Stunde stehe ich in der Küche und bügele an der blauen Outdoorhose herum. Blau ist sie gerade nicht mehr, denn ich habe sie eingewachst, damit sie wieder wasserabweisende Eigenschaften annimmt. Fön oder Bügeleisen, sagt das YouTube-Video, das ich befrage, wie ich die nun weisse Hose wieder blau bekomme. Ich wähle das Bügeleisen, was schneller gehen soll, aber nicht gerade meine Königsdisziplin ist.

Überhaupt – will ich diese Hose wirklich mit in die Arktis nehmen? Der Knopf geht nicht mehr zu, der Reissverschluss auch erst seit gestern wieder, was ich allerdings dem Projekt „Darmspiegelung“ zu verdanken habe und somit kein dauerhaftes Schliessen des Reissverschlusses zur Folge haben wird.
Ich habe zugenommen.

Ich brauche eine neue Outdoorhose, sage ich zum Verkäufer des riesigen Outdoorgeschäftes in Barmbek, so eine wie die, die ich trage, aber eine Nummer grösser, denn Skiunterwäsche passe nicht mehr drunter. Ich senke die Stimme und wispere ihm zu: Größe 40.
Die identische Hose in einer Nummer größer passt. Knopf und Reissverschluss gehen zu, auch Skiunterwäsche wäre kein Problem. Allerdings widerstrebt es mir, etwas Größeres als 36/38 zu kaufen – und siehe da: das Hausmodell in beige passt mir perfekt in Größe 38. Und die Beine lassen sich auch abnehmen. 2 in 1 – damit kann ich die knielange beige Hose und die normale beige Hose wieder aus dem Koffer nehmen. Ich nehme sie mit. Genauso wie ein seifenförmiges Stück Wachs zum Einwachsen meiner blauen Hose, eine blaue Fleecejacke und eine karierte Bluse. Karierte Blusen gehen immer. Genauso wie gestreifte T-Shirts.

Ich gebe für den Einkauf ein kleines Vermögen aus, allerdings finde ich, dass ich mir auch etwas gönnen darf, immerhin habe ich in 14 Tagen eine Mammographie und eine Darmspiegelung hinter mich gebracht sowie freiwillig (und ohne Grund!) einen Termin beim Zahnarzt abgemacht.
Wobei ich lieber 365 Mammographien im Jahr machen würde plus einen Termin beim Zahnarzt on top, als nur eine Darmspiegelung, was den Grad des Elends aufweist. Hoch ist er. Sehr hoch.

Nicht nur eine Mangelernährungswoche bestehend aus Weizenmehl-Kartoffeln-Nudeln liegt hinter mir – das konträre Ernährungsprogramm zu meiner Nüsse-Vollkorn-Obst-Gemüse-Ernährung, auch ist das Mittel, von dem man einen Liter in zwei Schritten (der zweite nachts um 3.30h) trinken muss, begleitet von diversen Litern Wasser, ein Desaster. Ich gehe klar über meine Grenzen, auch wenn ich mir, nachts auf dem Balkon unterm schwarzen Himmel, nasezuhaltend das Glas an den Mund setze und an die Menschen denke, die weitaus Schlimmeres über sich ergehen lassen müssen, eine Chemo oder eine Stoma, beispielsweise. Da ich das vermeiden will, komme ich um die alle zwei Jahre stattfindende Darmspiegelung nicht herum.

Immerhin kann ich den Reissverschluss der blauen Outdoorhose wieder zumachen, ein unerwarteter Erfolg, und ein zu Recht verdienter obendrein.

Ich schütte die isotonischen Getränke und den Apfelsaft weg und werfe die restlichen Weizenkekse in den Müll – vor des Nachbarn Tür stellen kann ich solche angefangenen Dinge nicht – nichts soll mehr an die Darmspiegelung erinnern, und ausserhalb dieser extremen Miss-Ernährungswoche kann ich diese Dinge nicht gebrauchen. Ich bin erstaunt, wie sehr mir meine gesunde Ernährung fehlt und mache einen Ausflug zum Isemarkt, um Brombeeren, Erdbeeren, Himbeeren, Äpfel, Wurzeln, Vollkornbrot und etwas Frischkäse an den Ständen zu erwerben.

Dabei trage ich die blaue Outdoorhose, irgendwie finde ich sie doch sehr schön, sie darf mit in die Arktis, beschliesse ich, gewachst und gebügelt und die Wanderstiefel auch, neu eingefettet und imprägniert.

20.08.2019

Im Krankenhaus.

Flashback, Dezember 2016.
Ich erstarre: es fühlt sich an, als ob mir jemand eine schwere Zementplatte auf den Oberkörper drückt. Ich kann nicht atmen. Panik steigt auf.
Ich bin allein auf dem Vaporetto in Venedig, irgendwo auf dem Canale Grande, irgendwann im Dezember. Es nieselt. Schlaganfall. Herzinfarkt. Ich hebe vorsichtig den Arm (funktioniert), versuche zu lächeln (funktioniert), spreche ein paar Worte (funktioniert). Soll ich sitzenbleiben? Soll ich aussteigen? Ich steige aus, ich muss mich bewegen, um die Panik in den Griff zu bekommen, ich laufe durch die engen Gassen, links und rechts ragen die Palazzi empor. Nach einer Weile wird es besser. Ich entspanne mich.
Zuhause stellt mein Hausarzt fest, dass die Blutwerte gut sind, das EKG und Belastungs-EKG unauffällig, der Blutdruck ebenso.
Noch später bin ich davon überzeugt, dass das der Moment war, in dem der Brustkrebs Einzug erhielt.

100 Euro möchte ich bitte in isländische Kronen tauschen, sage ich zum Bankangestellten. Während ich das sage, frage ich mich, was ich denn mache, wenn…
Morgen ist der jährliche Mammographie- und Ultraschalltermin in „meinem“ Krankenhaus. Sollte ich nicht besser abwarten, ob…
Nein, antworte ich mir. Was auch immer sein wird, ich fahre in die Arktis.
Der nette Mann am Schalter nimmt sich extra Zeit, erklärt mir die neuen und die alten Banknoten und woran ich diese erkennen würde, wir scherzen und lachen, während sich die bösen Blicke der Wartenden hinter mir in den Rücken bohren und ich mich frage, ob ich mit dem Geldtausch nicht doch besser abwarten sollte.
Nochmal nein.
Ich fahre in die Arktis.

Es ist ungewöhnlich, dass ich nervös werde, allerdings kann ich mir das Ziehen in der linken Brust nicht erklären, das immerhin drei Wochen anhielt, bevor es, genau wie sämtliche Rippenschmerzen, von allein wieder abklang.
Zerrungen vom Sport oder so, denke ich.
Deine Nervosität hat einen realen Hintergrund, erinnere ich mich.
Zur Vorsicht informiere ich ein paar Freunde, dass man mir am Dienstagmorgen bitte die Daumen drücken möge. Vier umgehende Zusagen, vier ist eine gute Zahl, wie ein Glückskleeblatt, das passt.

Alles unauffällig, keine Veränderungen, sagt die Radiologin. Sie untersucht extra vorsichtig, aber einen Grund für die Schmerzen gebe es hier nicht.

Das gute Ergebnis teile ich zwanzig Minuten später der Gynäkologin mit. Sie fragt nach, welcher Radiologe mich heute untersucht hätte, ruft dort an und lässt sich meine Auskunft bestätigen.
Note to myself: Du musst an Deinem Auftreten arbeiten. Wer Ringel-T-Shirt, Jeans und Turnschuhe trägt, scheint nicht glaubwürdig zu sein.
Note back to myself: Aber das Ringel-T-Shirt ist ganz neu. Das hast Du extra angezogen!
Wir plaudern noch etwas über die Arktis, verabschieden uns, ich trete wieder hinaus in die Sonne und atme tief durch. Ich bin dankbar, demütig und glücklich.

Auf ins öffentliche Bad!
Im Aussenbecken sind nur ein paar Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-Schwimmer unterwegs. Ich unterhalte mich mit Hyazinth (der kleine Spanier scheint hier im Bad zu wohnen), dann gleite ich langsam der Sonne entgegen.

Heute zähle ich keine Bahnen. Heute schaue ich nicht auf die Uhr. Heute freue ich mich über die Sanftheit des Wassers, das mich umschliesst und über die kleinen silbrigen Wellen, die bei meinen Armbewegungen entstehen.
Von der Kampfschwimmerbahn spritzen Wassertropfen herüber, sie wirbeln durch die Luft, bevor sie sich auf unserer Seite mit dem hellblauen Nass vereinigen.

Ich ziehe meine Bahnen, blinzele ins Licht und denke: heute glitzert das Wasser besonders schön.

2 Jahre, 5 Monate, 1 Woche und 4 Tage krebsfrei.

16.08.2019

Unterwegs.

Da war ich noch gesund, denke ich, als die nächste Erinnerung bei Facebook aufploppt. Das denke ich immer, wenn die Fotos, die mir plötzlich angezeigt werden, älter als 2,5 Jahre sind. Du bist gesund, korrigiere ich mich (wenn man mal von dem defekten Gen, der wankelmütigen Schilddrüse, der tauben Wade und dem chronischen Husten absieht, was ich aber alles nicht als „krank“ bezeichne). Ich schaue mir die Erinnerungen besonders genau an; wie habe ich da ausgesehen, wie geschaut? Und stelle fest, dass ich jetzt besser aussehe und zufriedener dreinschaue. Das ist interessant. Und gut.

Da ich am Montag (keine Lust) und Dienstag (Unterricht fiel aus) mein Sportprogramm zuhause auf dem Dach absolviert habe, beschliesse ich, am Mittwoch zur Taiji-Class zu gehen. Der Mittwoch-Slot (ehemals Herzi-Programm) „verkommt“ immer mehr zum social-Slot, heute entscheide ich mich aber für das zweistündige Taiji-Programm.

In der alten Halle, die inmitten eines schönen Parks in Altona liegt, fällt mir auf, dass nur die  richtig guten Taiji’ler am Start sind. Schon das Aufwärmprogramm ist neu; unser Lehrer, der extrem kompetent und enthusiastisch ist, hat sich wieder etwas Neues für uns überlegt. Natürlich ist es anstrengend, natürlich bin ich nach fünf Minuten durchgeschwitzt, der Blick zur Seite bestätigt aber, dass es meinen Mitstreitern nicht anders geht. Die ersten klagen über Kreislaufprobleme, was mit einem „richtig atmen!“ kommentiert wird. Mitleid hat unser Lehrer nicht, da können H. und P. am Boden liegenbleiben.

Da wir die äussere Form ja alle können und wir hier nicht mehr Level 1 sind, möchte unser Lehrer in der nächsten Zeit den Fokus auf die innere Form legen. Die Stehende Säule wird in sechs Varianten aufgeteilt, nach denen mir die „normale“ Stehende Säule lächerlich unanstrengend erscheint. Weiter geht es mit Fang Song, und was bei unserem Lehrer so einfach erscheint, ist extrem ambitioniert.

Nach 90 Minuten der erlösende Aufruf, dass wir in die Form gehen. Ich freue mich. Unser Lehrer ergänzt: die 75er Form. Ich freue mich nicht mehr. Ich kann nur die 19er Form. Spätestens jetzt ist mir klar, warum beim Mittwoch-Unterricht nur die langjährigen Schüler angetreten sind; von der 19er über die 75er bis hin zur 38er und der Schwertform sind sie fit. Ich könne einfach kopieren, ruft mir mein Lehrer zu. Nach langer Zeit fühle mich wieder wie ein Anfänger. Trotzdem stapfe ich nach dem Unterricht glücklich nach Hause.

Das pink Deiner Badekappe beisst sich mit meinem knallig pink-roten Badeanzug, lache ich meiner Schwimmfreundin zu. G., die mich schon vermisst hatte, macht mir Komplimente zum neuen Outfit, wir schwimmen plaudernd nebeneinander her, dank des kühlen grauen Wetters ist es leer im Aussenbecken des öffentlichen Bades, einfach perfekt für uns.
Ihre Tochter fände sie albern, weil sie in ihrem Alter immer noch so großen Wert auf ihr Äußeres lege, sagt G. Ich finde das toll, antworte ich. Warum sollte man nicht auch mit 80 Jahren schick angezogen sein und auf seine Figur achten; das zeigt doch, dass man sich wertschätzt.
G. sieht das genauso so, sie erzählt von ihrem jungen und gutaussehenden Arzt, dem angeknacksten Fuss (der sie natürlich nicht vom Schwimmen abhält), der Fahrt nach Glückstadt und ihrem Blazer, der nicht mehr zugeht.

Am Freitag Mittag im Aussenbecken überkommt mich ein Urlaubsgefühl, obwohl ich bis vor einer halben Stunde im Büro mit Irland und Myanmar ge-skype-meetet und mit Zypern und Singapur telefoniert habe. Wie wunderbar ist es, plaudernd seine Bahnen zu ziehen und sich darüber zu freuen, einfach hier zu sein.

Fitnessprogramm der Woche:
Montag: Stretching ✔️
Dienstag: Taiji und Tubes ✔️
Mittwoch: Taiji-Class ✔️
Donnerstag: Gym ✔️
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag/Sonntag: natürlich etwas Taiji und/oder Schwimmen

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12.08.2019

Unterwegs.

Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn der Arzt, den ich zwei Jahre zuvor für 10 Minuten bei einem Info-Gespräch gesehen habe, sagt, dass er sich an mich erinnere?

Ich erinnere ihn daran, dass ich ein defektes NTHL1-Gen habe und deshalb wieder zur Spiegelung kommen solle. Aber wir hätten ja damals nur zwei kleine Polypen enfernt, nix dramatisches. Nun interveniert er; das Gewebe müsse man beobachten, deshalb sässe ich wieder hier.

Wieder mal habe ich einen Arztbrief missverstanden; ich dachte, alles sei gut.

Mir wird Blut abgenommen, mit einem Termin und dem Konzentrat zum Einnehmen stehe ich wieder vor der Tür.

Jetzt bin ich aber schon etwas amüsiert: statt mir zwei Jahre trübe Gedanken wegen des defekten Gens zu machen, habe ich zwei fröhliche Jahre gelebt.

Ich sitze am Kanal, trinke einen grünen Tee und beschliesse, mir auch weiterhin keine Sorgen zu machen. Was kommt, wird kommen, was fernbleibt, bleibt fern. Es macht schlichtweg keinen Sinn, sich vorab unnütz zu sorgen.

Nächste Woche wieder Doppel-Nachsorge-Termin in „meinem“ Krankenhaus, Anfang September die Spiegelung, und dann geht’s in die Arktis. Das Leben ist schön. Alles andere akzeptiere ich sowieso nicht.

09.08.2019

Unterwegs.

Schwimmen gehen: 1
Pokemon jagen: 1
Pinakotheken: 6
Deutsches Museum: 6 (1)
Pasing-Arkaden: 2
Zoo: 4
Olympiapark: 5
BMW-World: 3

Am Wörthsee versuche ich anhand von Schulnoten herauszufinden, was ich mit Kind 1 an „unseren“ Neffen-Tanten-Tagen unternehmen könnte.
Mit Kind 2 habe ich nur einen gemeinsamen Tag, und mit der Zwillingsschwester war das auch in einer Minute geklärt: Sealife und Shopping.
Mit Kind 1 gestaltet sich die Planung schwieriger.

Was ist das graue unter dem grünen T-Shirt?, frage ich Kind 1.
Ein anderes T-Shirt, antwortet der 9-jährige.
Ausziehen, sage ich, nur das grüne T-Shirt wird angezogen.
Kind 1 steht vom Frühstückstisch auf, geht in sein Zimmer, zieht sich um und kommt zurück. Jetzt ist etwas blaues unter dem grünen Shirt.
Was ist das?, frage ich wieder.
Kind 2 antwortet stellvertretend: das ist sein Pyjama!
Kind 2 lacht.
Ich rolle innerlich mit den Augen und schicke Kind 1 wieder zurück auf Los.
Nur das grüne T-Shirt, nix darunter, rufe ich hinterher.

Ich bin allein mit den Zwillingen, der Rest der Verwandtschaft ist bereits zur Arbeit gegangen.

Kind 2 isst seine Crunchies, allerdings hat es Joghurt, Milch und Obst verweigert. Ich beschliesse, mich nicht zu ärgern und keine Diskussion anzufangen. Schliesslich muss ich heute noch den ganzen Tag mit Kind 2 verbringen; wie geplant, wollen wir ins Sealife gehen und danach noch in die Pasing-Arkaden, Geschäfte gucken. Ich bin gespannt, ob wir da hinfinden, die S-Bahnen in München waren gestern komplett ausser Betrieb, Kind 1 und ich steckten nach dem Besuch des Deutschen Museums (das raketenartig von 6 auf 1 in der Benotung rutschte, als Kind 1 feststellte, dass es dort komplette Flugzeuge und U-Boote gibt) am Isartor fest und mussten mit diversen Trams den Weg in Richtung Heimat antreten.

Den Weg zum Frühstückstisch tritt Kind 1 allerdings nicht an.
Eine Fliege ist in meinem Zimmer, höre ich ihn rufen, komm schnell, Tante A., wir müssen sie fangen und Esmeralda (die fette Spinne auf der Terasse) zum Fressen geben!
Ich lasse Kind 2 mit den Crunchies zurück und gehe auf Fliegenjagd.
In 10 Minuten holt Dich Dein Freund ab, und Du bist noch nicht mal ordentlich angezogen! Das ändern wir jetzt mal schnell.

Kind 1 sind wir los. Unser erster kompletter Neffen-Tanten-Tag wurde mit 1- benotet (weil  die Bahn nicht fuhr und wir in einer überfüllten Tram feststeckten). Da Kind 1 allerdings einen tollen Orientierungssinn hat, haben wir es tatsächlich wieder bis nach Hause geschafft, nach fast 90 Minuten im Bergwerk, das sich anscheinend unter dem kompletten Deutschen Museum befindet, 2 weiteren Stunden zwischen Schiffen und Fluggeräten, einem Mittagsstop beim Italiener, einem weiteren Stop bei der Eisdiele und letzte Stops im Park, um noch ein paar Pokemon fangen.

Die S-Bahnen sind auch heute noch ausser Gefecht; München im Ausnahmezustand.
Wir auch.
Kind 2 hat (wie ich) leider gar keinen Orientierungssinn, der Weg ins Sealife ist ambitioniert. Wir sind beide überrascht, wie gut wir dort hin- und sogar wieder zurückfinden.
In den Pasing-Arkaden muss ich mit in die pinke Plastik-Welt der Puppen. Geduldig stehe ich neben Kind 2 und lasse es in Ruhe schauen. Es hat sein Taschengeld eingepackt (das Geschenke-Budget für die Kinder haben wir bereits im Merch-Shop des Sealife aufgebraucht). Nach einer gefühlten Ewigkeit darf ich hier wieder raus. Nun verlaufen wir uns doch noch ein wenig und werden vom Regen überrascht. Der Nichten-Tanten-Tag bekommt eine 2 (weil die Bahn nicht fuhr und es anfing zu regnen).

Der nächste Neffen-Tanten-Tag findet im Schwimmbad statt.
Ich wollte dort nicht hin, weil mir die Verantwortung zu groß ist. Die Eltern sehen das gelassen, Kind 1 könne 20 Bahnen am Stück schwimmen und ist im Schwimmverein. Den Weg zum öffentlichen Bad weiß es natürlich auch, genauso wie das Prozedere von Schliessfächern, Umkleiden etc, das hier ganz anders als in meinem öffentlichen Bad in Hamburg ist.
Ich weigere mich die riesige Rutsche runterzurutschen, muss aber diverse Male durch den Strömungskanal, in den sprudelnden Whirlpool, ins Aussenbecken, in den nächsten Whirlpool, Kind 1 lacht und taucht und taucht und lacht, als der Wasserfall, unter dem ich aus Versehen stehe, angeht und meine Haare nun doch klatschnass werden.
Wir haben Spass: nach zwei Stunden im Wasser kann ich Kind 1 überzeugen, dass es Zeit zum Essen  ist. Zum Thailänder möchte das Kind, und danach noch in den Wald zur kleinen Kirche zur Pokemon-Arena (die wir zum dritten Mal während des Urlaubs ansteuern). Der Tag bekommt eine 1- (weil ich ihm keine Pommes Frites gekauft habe, wobei er mich auch gar nicht gefragt hatte).

Dafür habe er aber Tante A.s Behindertenausweis gesehen (hellgrün mit Foto und Zahlen  drauf), den ich im öffentlichen Bad für die Ermässigung vorgezeigt habe. Das Behinderten-Thema hat mein Bruder beim Abendessen angesprochen und damit die Neugierde der Kinder geweckt: ich sähe nicht behindert aus, ich hätte keinen Rollstuhl, ich bin so gar kein Vergleich zu ihrer Cousine, der man ihre (geistige) Behinderung anmerkt. Auf dieses Thema war ich nicht vorbereitet, um es kindgerecht zu kommunizieren. Etwas unsouverän gehe ich darüber hinweg; bis zum nächsten Aufeinandertreffen habe ich viel Zeit, um mir etwas zu überlegen, sollte das Thema nochmal auftauchen.
Jetzt überlege ich erstmal, ob ich noch zum Schwimmen gehe, am Abend, wo es dunkel wird, hier im Nieselregen, hier wieder in Hamburg.

28.07.2019

Unterwegs.

Es ist heiss. Das ist allerdings kein Argument, das Fitnessprogramm zu vernachlässigen, doch muss es den Gegebenheiten angepasst werden.

Da unser Taiji-Lehrer im Urlaub ist, beschliesse ich, am Montag und Dienstag nicht mit der Gruppe zu trainieren sondern mein Programm zuhause auf dem Dach zu absolvieren. Es ist warm, aber für Stretching, Tubes und die eine oder andere Form ist es wettertechnisch durchaus ok. Ausserdem mag ich es, auf der Yogamatte zu liegen, in den blauen Himmel zu schauen und dem Flug der Möwen zuzusehen.

Mittwoch, 35 Grad. Auf diesen Abend habe ich mich schon so lange gefreut! Meine Lieblingsband aus New York ist in der Stadt.
Die Tickets haben wir längst gekauft, genauso wie mein Outfit, welches ich eigentlich anziehen wollte. Allerdings passt ein schwarzer, enger Rollkragenpulli mit halblangen Ärmeln nicht zur Wetterlage oder in die Tiefen eines Musikclubs, wobei ich mit der Annahme richtig liege, dass es dort, auch wenn man fast zwei Stunden wild in der ersten Reihe tanzt, kühler ist als draussen.
Was für ein grandioser Abend!
Fangirlmässig warten wir nach dem Auftritt auf die Band, die wie immer bereitwillig für Fotos zur Verfügung steht. Ich bedanke mich bei ihnen für die tolle Musik, erzähle, dass ich sie heute das siebte Mal live sehen durfte und Leo eines meiner Fotos bei Insta geteilt hat.
Wir machen Fotos, ich bin glücklich.
Erstmals habe ich auch eine Freundin dabei, die nicht wie die anderen Freunde (und alle sind bisher freiwillig mitgekommen!) eigentümlich ruhig geblieben ist sondern genauso begeistert in der front row mitgetanzt hat. Die Band wird uns definitiv wiedersehen.

Heatwave am Donnerstag. Bei 36 Grad Aussentemperatur lasse ich den Besuch des Gyms ausfallen. Minimales Stretchingprogramm im Wohnzimmer, nicht der Rede wert.

Freitag wechsele ich auf die Kampfschwimmerbahn, auf der nur ein Kampfschwimmer und drei moderate Schwimmer (also meine Artgenossen) vorzufinden sind. Es schwimmt sich hier erstaunlich gut. G., meine Schwimmfreundin, ist nicht im Aussenbecken des öffentlichen Bades zu sehen, ich plaudere ein wenig mit Hyazinth, der genauso strahlt wie die Sonne am Himmel.

Am Samstag beschliesse ich, antizyklisch vorzugehen: um 20.00h schlage ich im Schwimmbad auf, eine gute Idee, die meisten Gäste sind bereits gegangen. Gemütlich ziehe ich meine Bahnen und bin zufrieden mit mir und der Welt.

Sonntag morgen um 8.00h gehe ich in den Hafen und mache Taiji. Noch sind keine Touristen unterwegs, nur ein Angler steht am Hafenbecken und versucht sein Glück. Lustigerweise treffe ich auf drei Chinesen im traditionellen Taiji-Outfit, die den Yang-Stil praktizieren, während ich weiter meinen Chen-Stil verfolge. Ein friedlicher Start in den Tag.

Montag: Stretching, Taiji ✔️
Dienstag: Stretching, Taiji ✔️
Mittwoch: Tanzen ✔️
Donnerstag: Hitzefrei
Freitag: Schwimmen ✔️
Samstag: Schwimmen ✔️
Sonntag: Taiji ✔️

Nachtrag:
Das mir nachmittags auf dem Balkon eine Maus gegenübersitzt, bringt mich kurzzeitig aus der Balance. Lösungsfindung nächste Woche.

 

20.07.2019

Unterwegs.

Karl-Heinz?!? Kannst Du Würstchen und Kaffee holen, wir gehen schon mal an den Strand!

Sowas kann man sich nicht ausdenken, so ist das auf der Strandpromenade in Westerland. Wunderbar!

Bereits um kurz vor 11h kann ich in mein Zimmer, es ist sehr schön und unter dem Dach mit Blick auf die Friedrichstrasse, das Wlan erkennt meint Handy wieder, so ist das, wenn man nach Hause kommt. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Trotz mehrmaliger Nachricht einer Bekannten, dass es auf Sylt regnen täte und alles etwas enttäuschend sei, lasse ich mir die Laune nicht vermiesen. Mit Nörglern und ewigen Zweiflern hab‘ ich es nicht so. Ausserdem zeigt die Wetter-App Sonnenschein an. Und selbst wenn dem nicht so wäre: ich mag jedes Wetter. Von Badeanzug bis Regenjacke habe ich alles im Gepäck.

Die Sonne scheint.

Ich packe den Koffer aus und finde in meinem Schuhbeutel Euro 50,-. Die habe ich ja mal gut versteckt, denke ich, und packe das Geld ins Portemonnaie, das Extra-Budget darf ausgegeben werden.

Der Entschluss ist gefasst: ich werde das verlängerte Wochenende in Westerland vertrödeln, zwischen Friedrichstrasse und Strand. Kein Stress. Kein Programm. Ich darf machen, was ich will. Als erstes will ich Frozen Joghurt mit Mangostücken, damit verziehe ich mich an den Strand. Ich wandere umher, suche mir ein nettes Plätzchen und packe mein Buch aus, das der Verlag gerade rechtzeitig zur Abreise zugesandt hat.

Lesend pendele ich zwischen Strand und meinen Lieblingsrestaurants, es gefällt mir ausserordentlich gut.

Nachts lasse ich das Fenster geöffnet; Lachen, Musik und Möwengeschrei dringen ins Zimmer, auch das mag ich, es ist lebendig, es klingt nach Süden.

Am nächsten Morgen habe ich um 10.15h bereits Nüsse, Wasser, Bananen, ein gelbes Tuch und eine gelbe Handtasche gekauft (note to myself: die gefundenen Euro 50,- hast Du jetzt bereits mehrmals ausgegeben). Die Handtasche und das Tuch kommen nächste Woche mit ins Konzert meiner Lieblingsband und passen perfekt zu Leos gelb-orange-gefärbten Haaren (note to myself: no further comments…Du Fangirl….note back to myself: Und? Ich kann machen, was ich will!).

Es ist windig, der Sand verfängt sich in den Haaren, klebt im Gesicht und an den Füssen, ich wechsele wieder in den Strandkorb meines Lieblingsrestaurants und esse zu Mittag. Danach ein Frozen Yoghurt mit frischen Erdbeeren, ein frischer Minztee, etwas Strand, etwas lesen und viel leben, das ist alles, was zählt, und zwar jetzt.

14.07.2019

Unterwegs.

Mir ist aufgefallen, dass ich seit zwei Wochen eine gewisse Grundmüdigkeit und Antriebslosigkeit an den Tag lege. Ausserdem zwickt wieder eine Rippe (diesmal auf der linken Seite). Ich vermute, dass die Schilddrüse jetzt doch noch in eine Unterfunktion rutscht; das lässt auch die Nachricht der Arzthelferin auf dem Anrufbeantworter vermuten. Nichts machen, aber in drei Monaten zur nächsten Blutabnahme erscheinen! so die dreimal ausgesprochene Warnung.

Die kleine Recherche ergibt, dass man natürlich etwas gegen eine Unterfunktion machen kann (und die vermutlich daraus resultierende Müdigkeit). Ich kaufe mir Jodsalz. Selen nehme ich über die täglich verzehrten Paranüsse auf, Zink durch die vielen anderen Nüsse, Brokkoli und Spinat.
Ausserdem stoße ich auf Brokkolisprossen, die bis zu einen 100 Mal höheren Gehalt an Sulforaphan aufweisen als reifer Brokkoli. Auch die werden eingepackt.
Die gesundheitliche Lage wird beobachtet und ggbs. nach dem Urlaub des Hausarztes näher in Augenschein genommen.

Den Samstag verbringe ich eine Stunde auf dem Dach und mache Stretching und Taiji-Übungen. Hier bin ich sehr gern, hier bin ich bei mir. Ich liege auf meiner Yogamatte und schaue in den grauen Himmel. Die ersten Regentropfen fallen und laufen mir übers Gesicht. Hinter den Wolken schreien die Möwen.

Sonntag Morgen – anderer Tag, andere Uhrzeit, aber bei meiner 36igsten Bahn taucht plötzlich G., meine Schwimmfreundin mit der pinken Badekappe, auf. Gerne hätte ich ihr meinen neuen Badeanzug vorgeführt, aber heute bin ich wieder in dezent schwarz-weiß-gepunktet unterwegs. Ich erzähle ihr, dass Walross 1 (sie weiß sofort, wen ich meine) uns an unseren Farben und Schwimmbewegungen erkennt und er mich auf mein neues Outfit angesprochen hätte.
Da es einfach schön ist, mit G. im fast leeren Aussenbecken des öffentlichen Bades durch die Bahnen zu trödeln, schwimme ich heute mal 44 Bahnen. Damit hätte ich 1 Kilogramm abgenommen und dürfte jetzt richtig viel essen, stellt G. fest.
Zuhause gehe ich in die nächste Runde meiner Bounty-Produktion.

(note to myself: wer 44 Bahnen schwimmen kann, ohne groß ausser Atem zu geraten, ist gesundheitlich im grünen Bereich)

Mein Wochenrückblick:
Mo: Taiji/Stretching ✔️
Di: Meditation Class ✔️
Do: Gym ✔️
Fr: Schwimmen (1.000m) ✔️
Sa: Taiji/Stretching ✔️
So: Schwimmen  (1.100m) ✔️

12.07.2019

Unterwegs.

Haben Sie die Farbe gewechselt?
Das fragt mich nicht etwa meine Schwimmfreundin G. (die auch heute anscheinend wieder weit vor unserer gemeinsamen Zeit zum Schwimmen gewesen ist) sondern Walross 1.
Walross  1 taucht unvermutet vor mir im Aussenbecken des öffentlichen Bades auf und spricht mich an. Wir haben noch nie miteinander gesprochen.
Stimmt, antworte ich, ich habe die Farbe gewechselt; fällt das auf?
Meine Antwort ist ziemlich blöd, denn ich trage, statt wie sonst dezent schwarz-weiß gepunktet, zum ersten Mal meinen neuen Badeanzug, der ausschaut, als würde ich zum Baywatch-Team gehören. Aber in knallig.
Das Rot ist Neonfarben, leuchtet im Becken und anscheinend auch in der Tiefe, jedenfalls so sehr, dass es Walross 1 angezogen hat.
Das wird sich hier wie ein Lauffeuer verbreiten, meint Walross 1. Feuer passt in der Tat ganz gut zur Beschreibung meines Outfits, ich muss lachen. Von unten, fügt er hinzu, sehe man viel besser, er könne schon anhand der Bewegungen  und der Farben ausmachen, wer im Becken schwimmt.
Ich entgegne, dass, sollte ich mal auf den Grund sinken, man mich sofort sehen und retten könne.
Ausserdem finde ich mich gerade schick, denke ich, als ich mit ausgebreiteten Armen am Beckenrand ins hellblaue Wasser schaue und auf meine mittlerweile bronzegefärbten Beine und den knalligen Badeanzug blicke. It’s a match.
40 Bahnen (1.000 Meter) später bin ich 40 Bahnen glücklicher.

Auf dem Anrufbeantworter ist die Arzthelferin, die mir kurz vor Praxis-Urlaub die Blutwerte durchgibt: Vitamin D prima, den TSH-Wert (Schilddrüsenwert) solle ich in drei Monaten unbedingt nochmal prüfen lassen. Aber nichts in der Zwischenzeit unternehmen! Das wiederholt sie dreimal. Und richtet noch liebe Grüße vom Arzt aus. Ich vermute, dass er sich an unsere Vitamin D-Diskussionen und meine eigenmächtigen Änderungen in der Einnahme erinnert hat und jetzt Warnungen durchgeben lässt.

Auf das Nachmittagsmeeting mit dem Herausgeber der Zeitung, für die ich nebenbei schreibe, habe ich keine Lust. Ich bin in der Stimmung, die journalistische Arbeit an den Nagel zu hängen. Viel Zeit bleibt mir neben meinem Volltagsjob und dem täglichen Sportprogramm sowieso nicht.
Interessant, dass ich aus dem Meeting mit dreimal so vielen Themen für die nächsten Monate nach Hause gehe. Seit wann bin ich so wankelmütig?

06.07.2019

Unterwegs.

Ich freue mich, dass vor dem öffentlichen Bad nur eine Handvoll Fahrräder steht. Das heisst, dass es leer sein wird.
Ich ärgere mich, denn das Bad ist leer, nämlich ganz leer, denn es hat heute wegen Warnstreik geschlossen.

Schon neulich bin ich wieder umgekehrt, abends, bei 33 Grad, als die Fahrräder bis auf die Straße standen und eine lange Schlange am Eingang an der Kasse wartete.
Wie neulich gehe ich statt ins öffentliche Bad zum Erdbeerstand, der an der U-Bahn-Station aufgebaut ist, und hole mir frische Erdbeeren.
Eine Planänderung muß her, zumal ich schon am Mittwoch und Donnerstag – bis auf etwas Stretching – nicht sporten konnte. Ich ziehe den samstäglichen Einkauf vor, putze die Wohnung, wasche Wäsche und lasse die Schwimmtasche für Samstag gepackt; der Trödeltag wird zum Schwimmtag umfunktioniert.

16 Grad, die grauen Wolken hängen schwer über dem Aussenbecken des öffentlichen Bades: das perfekte Wetter zum Schwimmen. Ich habe eine Bahn für mich allein, nur vier weitere Schwimmer sind auf meiner Seite des Beckens zu sehen. Auf der Kampfschwimmerseite mache ich J., meinen französischen Meditationsgefährten, aus, winke und rufe ihm einen Gruß hinüber.

Zwei junge Japaner tauchen auf. Leicht gebräunt, bunt spiegelnde Taucherbrillen im Gesicht, ihre perfekt geformten Körper stecken in modischen Badehosen. Man sieht ihnen an, dass sie Leistungsschwimmer sind, was sie kurze Zeit später, als sie in den Pool gleiten, bestätigen. Auf einmal scheinen die Kampfschwimmer, inklusive J., ganz langsam zu schwimmen, so wie wir auf unserer Seite, Gattung alte-Damen-mit-Kopf-über-dem-Wasser-schwimmen (machen übrigens auch Männer und jüngere Damen).
Die beiden Jungs sind mindestens doppelt so schnell wie die anderen Kampfschwimmer, machen exzellente Unterwasser-Wenden, kraulen, delphinen, rückenschwimmen, brustschwimmen, ihre Körper gleiten elegant durch das Blau, die Arme gestreckt, es scheint, als seien sie, kaum dass sie gewendet haben, schon wieder auf der anderen Seite des Beckens angelangt.

Ich schwimme auf meiner Seite auf der Aussenbahn und lasse mich von der Ästhetik der beiden Schwimmer verzaubern. Der einzige Nachteil ist, dass sie das Wasser immens aufwirbeln und ich nach kurzer Zeit aussehe, als würde ich tauchenderweise durch’s Becken schwimmen, obwohl ich immer versuche, den Kopf trocken zu halten. Auch die anderen Kampfschwimmer sind beeindruckt, genauso wie die Bademeister, und schauen den beiden Japanern zu.

40 Bahnen (das sind 1.000 Meter) später begutachte ich vorm Spiegel in der Umkleide meine Bauchmuskeln und fange an, insgeheim zu vergleichen. Das ist natürlich albern: die beiden Japaner waren nicht nur jünger, sondern Leistungsschwimmer, muskulös und ohne ein Gramm Fett. Fett bin ich nun auch nicht, aber (note to myself: du bist auch kein 20-jähriger Hochleistungssportler!) die Muskeln könnten durchaus noch etwas definierter sein. Die Lösung ist schnell gefunden: regelmässige Planks vorm Zubettgehen, und am Sonntag die nächsten 1.000 Meter schwimmen. Und hoffen, dass wieder nur eine Handvoll Fahrräder vor dem öffentlichen Bad stehen, aber einem geöffneten Bad.

03.07.2019

Unterwegs.

Durch das weit geöffnete Fenster schaue ich in den Park.

Radfahrer sitzen im Gras, um sie herum liegen die Räder.

Kinder spielen Ball. Sie lachen.

Die Meditationsgruppe schweigt.

Ein Mädchen übt mit dem Langstock. Ich erkenne sie; es ist die kleine Chilenin, die manchmal zum Taiji-Unterricht erscheint.

Ein Mann jongliert.

Ein anderer sitzt auf der Bank und hält einfach nur sein Gesicht in die Sonne.

Der Wind weht durch die Blätter und malt Streifen ins Gras. Blüten rieseln von den Bäumen herab, sie glitzern golden in der Sonne, wie Sternenstaub.

Ich spüre den Wind, der durch das Fenster weht, ich sehe den Spatz, der durch das Gras hüpft.

Ich schaue in den Park.

Eigentlich sollte ich meine Augen bei der Stehenden Säule schliessen.

Aber die Welt ist so schön.

02.07.2019

Unterwegs.

Ich laufe die alte Treppe hinunter, vom zweiten Stock ins Erdgeschoss, wo neben der Küche das Regal mit den roten Wolldecken steht. An den Füßen trage ich nur Socken, dazu ein geringeltes T-Shirt und eine Jogginghose. Ich fühle mich ganz wie zuhause, dabei bin ich im Psychologenhaus, wo wir Taiji im verwunschenen Garten hinter der Küche praktizieren oder wie heute oben im Meditationsraum in Stille sitzen und die Decken benötigen.

Da „unser“ Raum verkleinert wurde, um ein weiteres Psychologenzimmer herzurichten, sind „unsere“ Decken ins Erdgeschoss unter der Treppe vor die Küchentür verlagert worden. Dafür wurde der Raum um zwei Sessel, einen kleinen runden Tisch, eine Pflanze vor dem Fenster und einer blechern klingenden Klangschale ergänzt. Die Psychologen haben sich Mühe gegeben und sich in Interior-Design versucht. Erwartungsvoll stehen sie in der Tür, erklären uns stolz, dass sie weitere Lampen an den Wänden angebracht haben und auch die neue Pflanze den Raum verschönert; wir nicken und sagen etwas Freundliches, sie meinen es gut mit uns. Was wir allerdings brauchen, ist Platz und Weite, um den Raum zu durchschreiten und unsere Felle, Decken und Kissen auszubreiten.

Wenn unsere Tür geschlossen ist, räumen wir alles zur Seite. Später, wenn die 10-Mann-starke Yogagruppe kommt, werden die Möbel kurzerhand ins Treppenhaus verfrachtet. Aber das bekommen die Psychologen zum Glück nicht mit. Es ist ihr Haus. Wir sind die Gäste.

Im Raum bleiben dürfen die kleinen Schränkchen mit den Plastik-Spielfiguren und die (vermutlich) lebensgroße Stofftierlöwin und ihr Löwenbaby.

Manchmal schauen uns die Psychologen aus dem Fenster des Altbaus zu, wenn wir im Garten Taiji machen. Oder sie kommen direkt in den Garten. Sie sind aufgeschlossen, neugierig und unterhalten sich gern mit uns. Wenn ich mal einen Psychologen bräuchte, würde ich hier sofort einen ansprechen. Dann könnten wir im Garten sitzen und reden. Allerdings brauche ich keinen Psychologen; lieber hätte ich den Garten oder den Meditationsraum, aber ohne den ganzen Klimbim, den gutgemeinten.

Die nächsten Wochen ist unser Lehrer im Urlaub, und ich habe wieder die Schlüssel für das Psychologenhaus. Und wer die Schlüssel zu einem Haus hat, darf da auch in Socken rumlaufen und sich wie zuhause fühlen.