Das Dilemma.

Ich lege den Hörer auf. Das kann doch echt nicht sein.

Vor einer halben Stunde habe ich mein Rezept in der Apotheke wieder an mich genommen, da meine Apotheke nicht in der Lage ist, mein Medikament zu besorgen. Mein Medikament heisst Tamoxifen. Es ist mein Krebsmedikament. Es ist mein Anker. Es soll mich davor bewahren, dass der Krebs zurückkommt.

Bereits im Lockdown 1 hatte ich Schwierigkeiten, mein Medikament zu bekommen. Da konnte die Apotheke ein Zwillingsprodukt eines anderen Herstellers recherchieren. Jetzt sagt die Apothekerin: dann müssen Sie mit der Therapie pausieren. Über diese Äusserung bin ich dermaßen sprachlos, dass ich vermerke, dass ich das sicherlich nicht tun werde, mein Rezept an mich nehme, aus der Apotheke rausche und anfange, die Apotheken in der Umgebung abzutelefonieren. Ein Glück, dass ich in der Großstadt lebe. Aber was machen diejenigen, die nicht so zentral wohnen?

Apotheker 1,2,5,8, 10, 12….haben etwas gemeinsam: alle sind freundlich, alle sind verständnisvoll. Und alle haben kein Tamoxifen. Es passiert das, was mir selten passiert: ich fühle mich hilflos. Und alleingelassen. Du musst strategisch denken, mahne ich mich. Wer könnte das Medikament noch führen? Ich schaue auf die google map und rufe eine Apotheke an, die sich auf dem Gelände eines großen Krankenhauses befindet. Treffer. Bitte zurücklegen, sage ich der Dame am Telefon, ziehe meine Jacke an, laufe los und springe in das nächste Taxi, das vorbeifährt.
Der Taxifahrer, der aus Algerien kommt, versteht meine Wut. Er habe immer Medikamente in Deutschland gekauft und seiner Mutter geschickt.

In welchem Land soll ich jetzt nachfragen, um Tamoxifen zu bekommen? Kann es wirklich sein, dass ein first world-Land nicht in der Lage ist, seine Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten zu versorgen? Kann es wirklich sein, dass Zulieferer nicht liefern und es keine Alternativen gibt? Kann es wirklich sein, dass die Produktion eingestellt werden soll, weil sich das Produkt nicht rentiert? Kann es wirklich sein, dass circa 130.000 Patienten genauso hilflos wie ich reagieren, wenn der Apotheker rät, eine Krebstherapie zu unterbrechen?

So etwas darf nicht passieren.
Ich erwarte von einer Regierung, dass sie dafür Sorge trägt, dass lebenswichtige Medikamente für ihre Bevölkerung zur Verfügung stehen. Ich erwarte, dass Gründe wie „Nicht-Rentabilität“ keine Gründe sein dürfen, um eine Brustkrebs-Therapie zu stoppen. Und ich erwarte, dass sofort lösungsorientiert gehandelt wird.

8 Gedanken zu “11.02.2022

  1. Es gibt viele Medikamente, die man nicht mehr in der Apotheke bekommt. Selber nehme ich auch ein bestimmtes Medikament, das kaum noch verfügbar ist, aber die Apothekerin legt jetzt immer für mich das Medikament zurück.
    Ich habe vorher auch im Internet geschaut…Katastrophe. Apotheken angerufen, auch Katastrophe. Die eine Apotheke, die nun mein Medikament bevorratet, die wird jetzt bevorzugt von mir/uns besucht und wir hoffen, dass der Engpass bald ein Ende hat. 🙄

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  2. Es ist einfach nur unglaublich und sehr traurig, was an der „Medikamentenfront“ so läuft oder auch nicht.
    Ein Dank an Dein „strategisches“ Denken, ich hoffe Du hältst das Tamoxifen bald in Deinen Händen!!
    Grüße aus Ulm Tanja

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  3. Mein Mann hatte Bauchspeicheldrüsen-Krebs in den Jahren 2010 – Ende 2013 und wir eine Stamm – Apotheke, in der wir all seine Medi kauften.

    Zur Chemo, die ihm in der Uni in Form von Infusionen verabreicht wurde, benötigte er regelmässig eine zusätzliche Chemo in Tablettenform.

    Und eines Tages war dieses, für ihn so wichtige Krebsmedikament, nicht lieferbar. Unsere Apotheke hat nichts unversucht gelassen, es für uns zu besorgen; einige Tage ohne Erfolg.

    Solche Engpässe, (ich habe damals schon vermutet, dass die Pharmakonzerne das absichtlich machen), gab es schon vor gut 10 Jahren.

    Die meisten Medikamente kommen aus Indien und China. Es ist also fatal, sich von solchen Staaten derart abhängig zu machen.

    Alles Gute für Sie.

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