Wie Weihnachten wirklich ausschaut.

Ding Dong. Es läutet an der Tür. Heiligabend in Hamburg, der Besuch ist für 18.00h eingeplant, jetzt haben wir 17.15h.

Bis eben habe ich noch im Bett herumgetrödelt und Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, Pippi Langstrumpf und Michel aus Lönneberga im TV geschaut. Nun hantiere ich mit halblackierten Fingernägeln an der Tür, um den Besuch hereinzulassen. Auch wenn er zu früh ist. Viel zu früh. Die Meditation, die ich eigentlich noch machen wollte, fällt somit aus.

Vor der Tür stehen die Eltern und fünf riesige Taschen. „Wollt Ihr hier einziehen?, frage ich. Und ausserdem…“ Ich schaue auf meine Armbanduhr und lasse den Besuch samt dem vielen Gepäck in die Wohnung. Das kann ja heiter werden, denke ich.

Während die Mutter diverse Tupperdosen und zwei Kochtöpfe auspackt, marschiert der Vater zum Balkon. „Hier müssen die welken Blätter beseitigt werden“, sagt er vorwurfsvoll. “Aber nicht jetzt!“, antworte ich. Zum Glück habe ich den Tisch schon feierlich gedeckt und muss mich nur noch entscheiden, ob ich den Vater vom Balkon fernhalte oder mich in das Küchenszenario stürze. Ich entscheide mich für die Küche. Die Vorspeise (Karotten-Ingwersüppchen) und das Dessert (Beeren-Tiramisu) habe ich schon vorbereitet. Für den Hauptgang zeichnen die Eltern verantwortlich. Neben der Ente, Klössen, Rotkohl und Sausse (abgesprochen) werden nun zwei grosse Schüsseln mit Rosenkohl, Birnen, Aprikosen, Beerengelee und Kartoffeln aus den Tiefen der Taschen hervorgeholt. Ich konstatiere, dass es nur vier Herdplatten gebe, zwei Töpfe, von denen einer mit Suppe gefüllt ist und wir dieses Jahr nur zu Dritt sein werden: auch wenn noch zwei Töpfe mitgebracht wurden – das haue ja wohl nicht hin. Ich packe genervt einen Teil des Proviants wieder zurück in die Taschen und ärgere mich, dass ich nicht meditiert habe. Ich verteile die Töpfe auf dem Herd und die Ente in den Ofen, verfrachte den herumlaufenden Besuch an den Tisch und schenke erstmal Wein ein (nur für die Mutter und für mich, der Vater fährt und ist da akkurat).

Zurück im Pulk in die Küche, hätte ich den Ofen überhaupt angemacht (ja), und seien die Nachbarn zuhause (keine Ahnung), und…nein. Ab an den Weihnachtstisch, ich kümmere mich erstmal um die Vorspeise. Ich trinke ein weiteres Glas Wein. Irgendwie muss der heutige Abend überstanden werden. Die Suppe schmeckt. Das Küchenpersonal wird ausgetauscht, der Vater übernimmt, wo er schon nicht den Balkon aufräumen darf. Die Ente schmeckt.

Die Geschenke sind aufgebaut, mir wurde eine Überraschung – gross und bunt – angekündigt. Ich werde nervös. Mit Überraschungen habe ich es nicht so. Jedenfalls nicht, wenn sie mit „gross und bunt“ angekündigt werden. Eine Box wird mir überreicht, der Vater macht den Deckel ab. Es ist ein Ölgemälde. „Von Claude Monet“, sagt der Vater und tippt auf die Rückseite, wo tatsächlich ein Spassvogel den Namen des grossen französischen Impressionisten draufgeschrieben hat. Das Motiv ist zwar eine Wiese mit Mohnblumen, aber die Qualität ist weit von einem Monet entfernt. Und wäre es ein richtiger Monet, würden wir wohl eher im Gefängnis statt hier am Weihnachtstisch sitzen; jedenfalls kenne ich keine Menschen, die einen Monet im heimatlichen Wohnzimmer hängen haben, so ganz legal…

Der Vater geht mit dem Monet die Wände ab, hier könnte er hängen oder dort, niemals! rufe ich, das Bild wird bei mir kein Zuhause finden. Das Bild wandert zurück ins Gepäck zu den Kartoffeln und dem Rosenkohl. Auch die Kekse, keineswegs zuckerfrei, müssen nachher wieder den Rückweg antreten.

Sieht lecker aus, sagt der Vater, als er die rosa- und gelbfarbenen Kugeln entdeckt. Nicht essen!, verbiete ich sofort, es sind (von mir!) selbstgemachte Badekugeln, die lecker duften und optisch mit Gebäck mithalten können. Badekugeln, Marzipanhonig, Marzipankirschmarmelade, ein paar Tüten mit Bonbons vom Lieblingsladen am U-Bahnhof Schlump und einen geleasten Apfelbaum im Alten Land bekommen die Eltern. „Ich hätte lieber einen Birnbaum“, sagt der Vater. „Und ich lieber einen anderen Vater“, antworte ich und schenke mir noch ein Glas Wein ein. Wir streiten etwas herum, unser Ton ist grundsätzlich recht rustikal, aber böse sind wir uns nie lange.

Irgendwann muss der Besuch nachhause, und ich, ich werfe mich erledigt aufs Sofa und fange an, mein Weihnachtsgeschenk, das Katzenbuch von Hape Kerkeling, zu lesen, schnurrende Katzen beruhigen, auch wenn sie nur im Buch vorkommen.

Die restlichen Geschenke packe ich zwei Tage später aus. Dann ist nämlich mein Geburtstag. Und da treffe ich wie jedes Jahr meinen Korrekturleser, Klugscheisser und den Menschen, mit dem ich schon so viel gelacht und ebensoviel gezankt habe. Ich freue mich sehr darauf! Vielleicht sollte ich morgen noch ein wenig meditieren.

8 Gedanken zu “24.12.2021

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