Zuhause.

Es ist Samstag. Ich habe den großen Koffer aus dem Keller geholt, denn am Donnerstag fahre ich in Urlaub. Normalerweise benötige ich keine Woche Vorlauf um meine Sachen, die ich mit auf Reise nehmen möchte, zusammenzupacken. Da ich allerdings nun länger keinen Koffer mehr gepackt habe, fange ich gemächlich an.

Das mit der Gemächlichkeit hat sich allerdings schnell erledigt. Da ich in den letzten 14 Monaten zwar nicht durchgängig sportlich war wie sonst, allerdings durchgängig Sportklamotten getragen habe, in denen man dank des dehnbaren Materials nicht sofort merkte, wie die Kilos sich einschlichen, muss ich erstmal anprobieren. Die halblange beige Stoffhose darf nicht mit. Der knappe Bikini muss auch im Kleiderschrank bleiben. Das rote Kleid passt zwar noch, aber ist so zerknautscht, dass ich es sicher nicht in einem Luxushotel tragen kann. Denn dieses habe ich mir für die ersten Tage der Reise – sozusagen als Entschädigung für über ein Jahr in sensorischer Deprivation, auch Küchenoffice genannt – gegönnt. Wenn nicht jetzt, wann dann, flüstert mir die innere Stimme zu, und Recht hat sie. Das hat zur Folge, dass ich nicht nur alles durchprobieren muss, was halbwegs nett ausschaut, es muss auch noch gebügelt werden.

Ich bügele nie. Vor der Misere hat meine Mutter sich alle 14 Tage erbarmt und auf die Bügelwäsche gelbe Post-Its geklebt, die mir zuriefen, dass dieses und jenes Kleidungsstück schwer zu bügeln sei oder aufgrund vermeintlicher Altersschwäche komplett ausgetauscht werden sollte. Während der Zeit in Küchenhaft habe ich natürlich auch nicht gebügelt; den Screen, der Blick in die Welt und zu den Meetings mit Kollegen, kann ich intelligent zurechtrücken, da entfällt nicht nur das Bügeln, sondern auch das Aufräumen der Küche, da ich den Bildschirm mit einem Lächeln ausfülle.

Nun stehe ich in der Küche mit den Top 10 der Kleidungsstücke, die am dringendsten gebügelt werden müssen, hantiere mit dem Eisen herum, die Gewänder auf einem Frottiertuch auf dem Tisch drapiert, ein Bügelbrett gibt es hier nicht. Was für eine unsinnige Aufgabe, schimpfe ich und beschliesse, nur noch die großen Flächen einigermaßen glatt zu bekommen. Aus dem Restaurant und den öffentlichen Bereichen dürfen sie mich ja nicht hinauskomplimentieren, immerhin bin ich ein Übernachtungsgast.

Ich erinnere mich an eine Reise in die Toskana, wo mich der Mann überraschenderweise in ein sehr elegantes Restaurant geführt hat, die italienischen Herren in dunklen Anzügen, die Damen in langen Kleidern, und ich in Jeans, T-Shirt und Turnschuhen. Mein Rucksack wurde vom livrierten Ober, der keine Miene verzog, auf einen kleinen antiken Hocker gestellt, auf den die Dame von Welt sonst ihre Handtasche platziert. Der Mann liess sich nicht vom Umfeld, in das er uns hineinmanövriert hat, beirren. Schliesslich seien wir es, die in einem Bentley vorgefahren sind, was mit Sicherheit zur Kenntnis genommen wurde, so der Mann.

Vorfahren muss ich am Donnerstag übrigens auch, nämlich mit der Bahn – inklusive Umsteigen – zum Flughafen nach Düsseldorf, auf den mich die Fluggesellschaft umgebucht hat, auch der Rückflug geht nicht mehr direkt, sondern mit Stop in Fuerteventura. Ich versuche, mich in Gelassenheit zu üben, auch wenn mich das sehr ärgert, genauso wie die Tatsache, dass die Online-Einreiseformulare der madeirensischen Regierung nicht akkurat auszufüllen sind, was nicht an mir liegt. Wenn alle Stricke reissen, werde ich am Donnerstag Abend nicht im Ausland landen, sondern wieder im Aussenbecken des öffentlichen Bades. Da kann ich auch den Rucksack auf den Rasen stellen.

9 Gedanken zu “12.06.2021

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