Einbruch.

Die Thermoskanne ploppt dumpf auf dem waldigen Boden auf, als ich sie über die Mauer werfe. Und nun noch die Rucksäcke und die Picknickdecke, sage ich zu meiner Begleitung.

Unnütz, eine Picknickdecke mitzuschleppen, schimpfe ich mich selbst, als ob man nachts um 2.00h in der Winterkälte gemütlich den Proviant auspacken würde. Ne, das geht so nicht, lass mich mal wieder runtersteigen. Ich verlasse die Feuerleiter, die mein Begleiter aus seinen Händen geformt hat, ziehe die Flipflops aus und werfe auch diese über den Rand der roten Backsteinmauer. Zum Glück ist da eine Lücke im Stacheldraht, über die man steigen könnte, wenn man denn erst mal oben auf der Mauer sitzen täte.

Es fängt an zu nieseln. Die Finger klammern sich in die Ritzen des alten Gemäuers, kalt und nass, aber immerhin ist das Unterfangen barfuss besser zu bewältigen. Ich springe.
Hauptsache du springst nicht in eine Scherbe, denke ich und lande dann weich auf der Picknickdecke, die ich jetzt doch nicht mehr so unnütz finde.
Willst Du nicht besser die Schwimmbrille abnehmen? zische ich der Begleitung zu. Dieser winkt ab und klettert – ebenso wie ich im Neoprenoutfit – etwas eleganter über die Mauer.
Hauptsache, es sieht uns keiner. Das ist eine unnötige Sorge, denn nachts um 2.00h sind selbst die hartnäckigsten Jogger und Gassigeher nicht mehr am Kaiser Friedrich-Ufer unterwegs, sondern liegen zuhause in ihren warmen Betten.

Vor uns liegt das 50-Meter-Becken des Freibades. Das Wasser ist herausgelassen, der Mond, der hinter den Wolken hervorkommt, lässt es in einem fahlen Blau erstrahlen.
Achtung, da ist kein Wasser drin, raune ich dem Begleiter zu, der sich in Richtung der steinernden Startblöcke aufgemacht hat. Ausserdem ist das nicht „mein“ Becken des öffentlichen Bades, das liegt weiter oben im Gelände. Auf glitschigem Untergrund geht es einen Hügel hinauf, vorbei an dem kleinen Holzhäuschen des Kiosks, in dem es im Sommer die Schwimmbad-Pommes gibt, nun ist es leer. Es geht vorbei an der plakatierten Umkleideschnecke, die im Dunkeln unter den Bäumen liegt. Und dann liegt es vor uns: im Licht eines einsamen Scheinwerfers steigt der Dampf aus dem 25-Meter-Becken auf, ein gutes Zeichen. Ein gutes Zeichen, sage ich und deute in die Luft. Das Wasser ist tatsächlich beheizt. Flipflops, Decke, Rucksäcke und Thermoskanne landen an der Bande. Und dann steige ich langsam ins glitzernde Wasser. Der Regen hat aufgehört.

…und dann klappe ich amüsiert das Laptop zu, schalte das Licht aus und schlafe ein, genauso wie die Gassigeher und Jogger, morgen musst Du die Thermoskanne mitnehmen, denke ich noch.

Nachtrag:
Handlung und Personen sind frei erfunden. Zufälligkeiten mit lebenden Personen sind unbeabsichtigt. Der Autor und der Ich-Erzähler müssen nicht identisch sein.

Nachtrag 2:
Könnte ein Verantwortlicher bitte den Schlüssel für den Eingang meines öffentlichen Bades unter der Fussmatte deponieren?

4 Gedanken zu “29.12.2020

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