Logbuch Sahara – Tag 10

Worte werden der Schönheit des Tages nicht gerecht.

U. und ich verbringen den Tag im Paradies, schlendern durch den Anima-Garten und später im Paradis du Safran durch Felder mit Zitronenbäumen, deren gelben Früchte einen krassen Gegensatz zum leuchtenden Blau des Himmels bilden. Wir riechen an Lavendel, an riesigen Hecken aus Rosmarin und an Salbei, Vanille, Pfeffer und Schwarzkümmel. Wir schreiten barfuss über Baumstämme, Palmwedel, Kieselsteine und Argannüsse, wir halten unsere Füsse in Tonkrüge mit kühlem Wasser und Rosenblüten, bevor wir sie mit Orangenöl pflegen.

Wir geniessen das beste Essen, was es geben kann, hier unter dem Strohdach der Terrasse, während die Katzen und Hunde neben uns Siesta halten.

Abends muss ich mir immer wieder die Fotos der Reisegruppe ansehen, die nach uns den Anima-Garten besucht hat, oh, sehr schön, sage ich, Du hast etwas verpasst, sagen die Mitreisenden, ich lächle und sage nichts.

Unser Abschiedsdinner findet in einem palastähnlichen Gebäude des 16./17.ten Jahrhunderts statt, den wir am Ende des Labyrinths der Souks durch eine riesige Holztür betreten. Ich bestaune die verschiedenen Etagen und klettere aufs Dach, die Dämmerung legt sich über Marrakesch, der Muezzin ruft.

Und nun passiert das, was das Paradies zur Hölle mutieren lässt: Ich dachte, in Marokko gäbe es nur Islamisten, aber hier gibts ja nette Menschen, stellt C. fest. I., die meint, das dicke Frauen gern Ausländer heiraten, sagt, ihr Essen sei sehr lecker. B. echauffiert sich, lecker, lecker, die deutsche Sprache hätte wohl bessere Worte zur Beschreibung des Essens zu bieten, Alternativen nennt sie nicht. Am anderen Tisch wird der Ober angeschrien, der ein Tuch (deutsche Sitzplatzreservierung) zur Seite nehmen wollte um den Tisch umzustellen. H. will jetzt ihr Bier, aber sofort, und beschwert sich gleichzeitig darüber, dass der Ober ihren Teller zu sehr gefüllt habe. Der Teller muss weg.

Ahmed, der neben mir sitzt, versucht zu schlichten, bemüht sich, ruhig zu bleiben, um mir dann zuzuraunen, dass er so etwas auch noch nicht erlebt habe. Einen oder zwei schwierige Mitreisende gäbe es immer – hier sei das Verhältnis umgekehrt. Als T. von ihrer Woche in Marrakesch im Krankenhaus bei ihrem Mann erzählt, ist klar, was wirkliche Probleme sind, jedenfalls Ahmed und ich wissen das, während der Rest der Gruppe weiterstreitet. Später tausche ich mich mit U. aus, die am anderen Ende des Saals gesessen hat, natürlich war der Aufstand an meinem Tisch überall zu hören.

Wie gut, dass schlechte Erinnerungen verblassen werden. Die Schönheit des Erlebten, die wird bleiben.

2 Gedanken zu “22.02.2020

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