Mein Meer.

Ich ziehe die Kapuze meiner roten Arktisjacke tiefer ins Gesicht, als ich das Büro verlasse. Der Sturm ist kalt, genauso wie der Regen, der schon den ganzen Tag vom Himmel fällt.
Nach Hause auf die Couch oder zum Schwimmen ins Aussenbecken des öffentlichen Bades?
Auf die Couch!, ruft der innere Schweinehund.
Natürlich zum Schwimmen!, antwortet mein Verstand.
Ich weiß auch nicht, seufze ich.
Im U-Bahntunnel beschliesse ich, das Schicksal entscheiden zu lassen: wenn die nächste Bahn, die einfährt, in Richtung Schwimmbad geht, geht es ins Aussenbecken. Wenn es die Bahn in die Heimat ist, geht es auf die Couch.
Die Bahn kommt, es ist die, die Richtung Schwimmbad fährt. Ich steige ein.

Vorm öffentlichen Bad stehen nur drei Räder. Ob das Wasser kalt sei, frage ich den Bademeister an der Kasse, bei dem Sturm, der da seit zwei Tagen draufsteht, sei es doch locker zwei Grad kühler. Bisher keine Beschwerden, antwortet er, und damit fällt auch der Kompromiss, nämlich drinnen zu schwimmen, flach. Es geht ins Aussenbecken.

Ich schwimme den kahlen Bäumen entgegen, die sich dunkel von dem grauen Himmel abzeichnen. Die Lichterkette, die in der Weihnachtszeit an der Bande leuchtete, ist jetzt weg. Um mich herum rauscht es. Wassertropfen fliegen hellgrün glitzernd durch die Luft, ein Heer aus Armen und Beinen kämpft sich durch das Becken, die Kampfschwimmer haben auch „meine“ Seite in Beschlag genommen. Ich schwimme weiter, bewundere den Himmel, der immer dunkler wird und mich trotzdem gewahr werden lässt, dass die Tage wieder länger werden.

Der Regen hat aufgehört. Der Sturm auch; die Bäume stehen starr.
Ich lege einen Stop am Ende des Beckens ein, gehe in die Gegenbewegung, dehne den Rücken und schaue in den Himmel.
Ich sehe die schwarze Silhouette der Christuskirche, ich sehe den Mond und einen einzelnen Stern. Stille setzt ein. Ich drehe mich um, das Becken ist leer. Ich schwimme weiter und stelle mir vor, ich schwämme allein im Meer, die Szenerie erinnert mich an ein Gemälde, das ich in einem Palazzo in Venedig entdeckt und schon öfters bewundert habe. Heute schwimme ich in meinem Meer, hin und her, 40 Bahnen, unter dem schwarzen Himmel mit dem Mond, unter dem Stern, und der leuchtet.

2 Gedanken zu “31.01.2020

    1. Danke Dir 😀 manchmal denke ich, man kann diesen so unterschiedlichen und faszinierenden Stimmungen im Aussenbecken mit Worten nicht gerecht werden…leider kann man da nicht fotografieren oder noch besser: filmen. Es grüsst die Badenixe aus dem Norden 🧜‍♀️

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