Rückblick. Ausblick.

Dieses Jahr war ein besonderes Jahr. Es hat mich herausgefordert. Es hat mich nicht bezwungen. Es hat mir gezeigt, dass ich innehalten und meinen Kurs ändern muss. Es hat mir klargemacht, was ich will und wozu ich fähig bin.

Sie haben Krebs. Wir sprechen über Leben oder Sterben, sagt Prof. Dr. M., als ich ihn im Krankenhaus frage, ob ich nun krankgeschrieben werde.
Sätze, die sich einprägen, Sätze, die mir in einer Plötzlichkeit klarmachen, dass mein Leben endlich ist. Und Sätze, die mir bewusst machen, dass ich überhaupt nicht sterben will.
Weil ich – und das muss ich mir eingestehen – noch nicht all das gemacht habe, was ich eigentlich in meinem Leben machen wollte. Weil man es ja später machen kann. Um auf einmal festzustellen, dass es eventuell kein später gibt. Es sind existenzielle Fragen, die mich erschüttert und ins Wanken gebracht haben. Und die mir umso deutlicher aufgezeigt haben, dass ein Kurswechsel stattfinden muss.

Ich bin dankbar, dass ich das Drama sehr schnell und sehr gut verarbeitet habe. Das sehe nicht nur ich so, sondern auch die Ärzte und die Psychologin aus dem Sanatorium, mit der ich einige Stunden verbracht habe.

Ich bin dankbar, dass mir Prof. Dr. M. mein Leben gerettet und mir die Todesangst, mit der ich in den ersten unklaren Tagen gekämpft habe, genommen hat. Ich verspreche Ihnen, dass wir das hinkriegen. An diesen Satz habe ich mich geklammert, er war der Wendepunkt im Drama. Und Prof. Dr. M. hat sein Versprechen gehalten.

Ich weiß, dass ich selbst aktiv sein muss, um die Aussicht auf ein Folgedrama zu minimieren, und ich weiß, dass auf meine Disziplin und meinen Kampfgeist Verlass ist: mein tägliches Sportprogramm bringt mir richtig Spaß, meine Ernährungsumstellung ist mir weniger schwergefallen als befürchtet, meine reduzierte Arbeitszeit auf 36 Stunden die Woche (und keine weiteren Überstunden) ist mein persönlicher Luxus, der mich noch immer stressfrei hält. Ich bin aktiv und fit wie seit Jahren nicht mehr.

Ich hatte Krebs. In der Vergangenheitsform passt es zu mir, denn ich schaue nach vorn.

Ich kann mittlerweile sagen, dass dieses Jahr ein gutes Jahr war.

Ich bin dankbar, dass die ausgewählten Freunde, denen ich vom Krebs erzählt habe, sehr gute Krisenmanager sind und mich unaufgeregt durch turbulente Zeiten begleitet haben und immer für mich da waren.

Ich bin dankbar, dass ich viele neue Menschen auf meiner Reise durch das Jahr kennen gelernt habe. Ganz besonders dankbar bin ich für meine beiden Schwestern im Herzen, die ich seit unserer Begegnung im Sanatorium noch immer jeden Monat treffe.

Ich bin dankbar, dass ich in einer Dienstag Nacht in Berlin in einem Club stand und meiner Lieblingsband zugejubelt habe. Und sie Ende des Jahres nochmal in Edinburgh auf der Bühne sehen konnte, während wir wild vor dieser tanzten. Ich bin mehrmals auf Sylt am Strand entlanggewandert und habe mich über die tosenden Wellen gefreut. Ich bin spontan nach Wien gereist, um morgens um 10.00h ein Glas Sekt über den Dächern der Stadt zu trinken und auf das Leben anzustoßen. Ich bin in die Antarktis gefahren und habe den schönsten Platz der Welt gefunden. Ich habe mit meinen kleinen Patenkindern gespielt und gelacht.

Heute war ich wieder draußen schwimmen, bei drei Grad Aussentemperatur und klarer Luft. Heute war ich wieder glücklich.

Und im nächsten Jahr werde ich weiter mein Leben leben und mich auf Wien, Amsterdam und Asien freuen. Und auf die vielen Dinge, die das Leben ausmachen.

51 Gedanken zu “30.12.2017

    1. Liebe Hedwig, herzlichen Dank für Deinen Kommentar und die guten Wünsche. Ich wünsche Dir auch ein tolles Jahr 2018 – ich glaube, Mut und Kraft steckt in uns allen – manchmal muss man diese Eigenschaften nur herauskramen, weil evtl etwas verschütt gegangen 🌸

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  1. Ein wundervoller Post, der soviel von Deiner inneren Stärke und Kraft zeigt.
    „Einfach leben, weniger grübeln und stattdessen machen“ – besser kann man es nicht ausdrücken.
    Alles Gute für Dich und ein schönes neues Jahr mit viel Gesundheit.
    Inge

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  2. Eine wunderbare Ansicht… Genau so muss das sein. LEBEN!!! Einfach machen. Ich finde das so schön von Dir zu lesen.
    Ich wünsche dir von herzen einen guten Start ins neue Jahr 2018. Nimm mit, was dir gefällt und gut tut. Ich wünsche dir viel „Gesundheit“, (du weißt, wie ich das meine; hoffe ich doch) denn die ist wichtig, um alles genießen zu können.
    Happy new Year
    Mary 🌹

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  3. Verrückt, dass man manchmal anscheinend eine schwere Krankheit benötigt, um sein Leben noch einmal neu aufzulegen. Heißt das dann, die Krankheit haben wir unbewusst selbst so gewollt? Das wäre gruselig 😐
    Wie auch immer (du bringst mich hier zum philosophieren…)! Ich lese jeden Blogeintrag von dir sehr gerne und freue mich mit jedem Fortschritt und jeder gesammelten Erinnerung, die dich irgendwie in die für dich richtige Richtung führt. 🙂

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    1. Liebe Luisa, genau das dachte ich gestern auch: warum brauchte ich erst so einen Donnerschlag, um mein Leben zu optimieren? Ich vermute, dass uns solche Extremerfahrungen auf die allgemeine Situation blicken lassen, quasi von aussen. Und dann Lösungen von (vermeintlich unlösbaren) Problemen gefunden werden, die wir sonst so nicht gesehen hätten, da wir in der Situation gefangen waren. Woher die Krankheit kommt und warum, weiss ich nicht; auch nicht, inwieweit man sich sowas selbst „wünschen“ kann – das wäre Spekulation, die nicht weiterführt. Ich denke wichtig ist, den Donnerschlag nicht zu ignorieren, aus alten Mustern auszubrechen und das zu machen, was man machen will. Ich will leben. 🙂 Und das tu ich mit meinem neuen „Programm“ sehr gut. Ich sehe jeden Tag, den ich seit der OP/Therapie lebe, als Geschenk. Und nutze meine geschenkte Zeit. Ich wünsche Dir einen guten Rutsch und freue mich auf Deine posts und Austausch aus der Ferne! LG aus Hamburg 😘

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    2. Ich finde deine Einstellung und Konsequenz ganz toll und bewundere dich dafür. 🙂 Ich weiß ja selbst, wie schwierig es ist, aus einem goldenen Hamsterrad auszusteigen. Aber wenn man erstmal draußen ist, ist es ganz leicht 🐣
      Rutsch schon nach gut vor, ich komme dann neun Stunden später nach. 🙂
      Liebe Grüße aus dem Yukon! 🌌

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  4. Was für ein toller Beitrag mit soviel Zuversicht – ich denke Willen- und Glaubenskraft sind die beste Medizin und wer Pläne schmiedet, der soll sie auch leben!!! Ich wünsche Dir alles Gute und ein glückliches, erlebnisreiches Neues Jahr 2018 mit viel Kraft und Energie! : ) LG Antje

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  5. Wie wunderbar du die Ereignisse deines Jahres 2017 auf den Punkt gebracht hast! Die Diagnose Krebs lässt einen demütig werden, macht einem bewusst, dass man nicht unbesiegbar ist. Deine Geschichte zeigt, dass man an einer derartigen Diagnose nicht zerbrechen muss, sondern sie vielmehr als Chance, als Herausforderung verstehen kann.
    Danke, dass du all das mit uns geteilt hast.
    Von ganzem Herzen wünsche ich dir, dass es für dich im nächsten Jahr so weitergeht mit dem schönen Leben. Mit dem Erfüllen deiner Wünsche und Träume, dem Staunen, dem Genießen, dem Innehalten und dem Dankbarsein.
    Herzliche Grüße –
    Tanja

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    1. ❤️ Liebe Tanja, Du hast eines meiner Lieblingsworte benutzt, welches kaum noch in Gebrauch ist: Demut. Vielen Dank dafür. Und für Deine vielen tollen und ausführlichen Kommentare und Deine Begleitung in die Antarktis, im Geiste. Ich wünsche Dir auch ein wunderschönes und gesundes Jahr 2018 und hoffe, weiterhin von Dir zu hören. 😘

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  6. Ich bin erst vor kurzem über einen anderen Blog auf Deine Seite gestossen und seitdem eine regelmäßige Leserin Deiner Texte geworden. Einfach weil die Worte, Gedanken und die Taten die daraus entstanden sind mich einfach mitgenommen haben auf Deine Lebensreise, an der Du teilhaben läßt. Vielen Dank dafür!
    Ich wünsche Dir ein zufriedenes, frohes und gesundes neues Jahr 2018.
    Anke

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    1. Liebe Anke, danke für Dein Feedback und Deine Begleitung – freut mich sehr, dass Dir meine posts gefallen! Wünsche Dir auch ein schönes und gesundes Jahr 2018! LG aus Hamburg 😘

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  7. Ich bin dieses Jahr auch mehrmals am Strand von Sylt entlangelaufen und habe die hohen Wellen auch total genossen. Wer weiß, vielleicht sind wir uns sogar begegnet .
    Ich beneide Dich darum, dass Du von Hamburg aus in nur 3,5 Stunden in Sylt bist.
    Ich fahre jedes mal 8 Stunden (einfach) von Bayern aus hin mit dem Zug. Aber ich kann nicht anders, ich bin süchtig nach Sylt. Der Strand dort kann locker mit karibischen Stränden mithalten finde ich , nur von den Temperaturen her nicht so ganz.

    Mein Lebensmotto ist seit der BK Diagnose auch „JETZT LEBEN“ und mich mehr trauen. Ohne die Diagnose hätte ich mich Vieles was ich mich jetzt traue nie getraut zu machen.
    Auch wenn Krebs schei… ist, aber ohne die Diagnose hätte ich nie so intensive Empfindungen erlebt und Glücksmomente, vor allem bei meinen Reisen, wo ich von der überwältigenden Schönheit der Natur so ergriffen war und begriffen habe wie einzigartig und wunderbar unser Planet und das Leben an sich ist.

    Ich freue mich schon sehr auf neue Reiseberichte von Dir und finde es schön dass Du uns daran teilhaben lässt.

    LG

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    1. Liebe Lisa, da stimme ich Dir zu – ohne die Diagnose wäre ich dieses Jahr nicht in der Antarktis gelandet 🐧 wer weiss, ob ich das jemals geschafft hätte. Und Sylt ist klasse, das nächste Mal winken wir uns aber zu 😉 LG und hab ein tolles neues Jahr!

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  8. Isch abe gar kein Blog. 😜

    Sag mal, wie hast du denn den Jahreswechsel tatsächlich empfunden? Ich muss zugeben, dass gerade das Besinnen und In-sich-gehen bei mir letzte Nacht hochemotional ablief, was mir gezeigt hat, dass längst noch nicht alles verarbeitet und abgehakt ist… 😳

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    1. dascha schade, Mensch 😂 hätte ich gern gelesen…

      ich bin Silvester sehr sachlich angegangen: hab bewusst den Abend allein verbracht, mir was schönes zu Essen gemacht, Kerze an, mein Büchlein rausgeholt. Notiere jedes Jahr am 31.12. meine Vorsätze und schaue ein Jahr später nach, was ich ungesetzt habe. U.a. hatte ich für 2017 aufgeführt, dass ich mehr Obst und Gemüse essen und mehr Sport machen will. Das hat ja wunderbar geklappt, auch wenn ich vor einem Jahr noch nix vom anstehenden Drama gewusst habe. 🙂 Um Mitternacht ein Glas Sekt, aus dem Fenster aufs Feuerwerk geschaut und noch etwas gelesen (Above the Clouds von Anatoli Buukerev). Stimmungsmässig heiter und gutgelaunt. Ich beobachte mich da sehr genau. Mir war das anfangs auch unheimlich, dass ich ‚das so gut wegstecke‘.
      Was mir wirklich guttut: schwimmen!
      Evtl auch was für Dich?

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    1. emotional bin ich auch/ z.B. als ich auf der Brücke stand, als wir den Lemaire Channel in der Antarktis durchquert haben. Da musste ich meine Tränen zurückhalten, da es mir sehr bewusst war, was für ein Glück ich habe, das zu erleben (nach diesem Drama im Frühjahr). 🙂

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  9. Jetzt hab ich Tränen in den Augen. Du bist so unglaublich stark, wie du das alles meisterst. Ich habe so großen Respekt. Mach weiter so. Ich wünsche dir im neuen Jahr Liebe, Glück und vor allem ganz ganz ganz ganz viel Gesundheit – aber mit deiner eisernen Disziplin habe ich keine Zweifel, dass du gesund bleibst 🙂 Alles Liebe!

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    1. Mein Mann und ich reisen im März nach Vietnam. Darauf freue ich mich schon sehr. Ich bin das 1. Mal in diesem Land, er kennt es aber schon fast so gut wie seine Westentasche. 🙂
      Wohin in Asien wird dich deine Reise führen?

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