Unterwegs.


Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren laß die Winde los.
Rainer Maria Rilke, „Herbsttag“

Es wird Herbst. Trotzdem packe ich meine Schwimmsachen zusammen, da ich dem Bad in Eimsbüttel, das über geöffnete Aussenbahnen verfügt, eine letzte Chance geben möchte. Zweimal war ich bereits dort, beide Male hat es mir nicht gefallen. Doch heute ist Freitag, es ist Mittagszeit, ich habe Feierabend und wähne die arschbombenden Familienväter bei der Arbeit und die krakeelenden Kinder zuhause am Mittagstisch. Ich habe Recht. Nur ein paar Kampfschwimmer sind auf der Schnellbahn unterwegs und einige Damen und Herren, die gemächlich ihre Bahnen ziehen.

Die Sonne scheint und lässt das Wasser glitzern, die Blätter der Bäume neben dem alten Backsteingebäude, das den Innenpool beherbergt, leuchten rot, braun, gelb und grün. Ich beglückwünsche mich zu der Entscheidung, dem öffentlichen Bad noch eine letzte Chance gegeben zu haben und blinzele in die Sonne.
Auf dem Rückweg zum Bahnhof komme ich an „meinem“ kleinen Krankenhaus vorbei, das neben einer alten Kirche liegt. Es macht einen friedlichen Eindruck, hier in der Nebenstraße mit den vielen Bäumen. Nichts lässt erahnen, dass dieser Ort eines der größten Brustkrebszentren Deutschlands ist.

Da das Schwimmbad heute gut abgeschnitten hat, wird der Herbst- und Winterplan für meine sportlichen Aktivitäten angeglichen:
Montag: 90 Minuten Taiji
Dienstag: 120 Minuten Dehnübungen und Sitzmeditation
Mittwoch: 60 Minuten Herzsport
Donnerstag: 60 Minuten Fitnessraum im Reha-Zentrum
Freitag: 60 Minuten Schwimmen
Am Wochenende gibt es ein flexibles Programm, das sich aus WS-Gymnastik, Spazierengehen/Joggen und Schwimmen zusammensetzt.

Ich habe mir angewöhnt, mich öfters neben mich zu stellen und zu beobachten: wie fühle ich mich bei der Arbeit (da gehe ich ja auch noch täglich hin), bei den vielen sportlichen Aktivitäten und Freizeitvergnügungen wie Theater-, Lesungs- oder Restaurantbesuchen mit Freunden, den spontanen Wochenendausflügen nach Sylt oder Wien, unterbrochen durch Stunden, die ich mit einem Buch auf dem Balkon verbringe?

Die Antwort ist: sehr gut.
Ich fühle mich fit, ausgeglichen und zufrieden. Ich fühle Dankbarkeit dafür, dass ich am Leben bin und es genießen kann.

#Krebs

9 Gedanken zu “29.09.2017

    1. Danke, das passt schon 🙂 Ich kann ja auch variieren; gestern hab ich statt Taiji 35 Minuten Fitness nach ner Fitness-CD gemacht, heute ist Feiertag, die Meditation fällt daher aus – dafür war ich heute morgen schwimmen. Mir tut das gut. Und wenn trotz des Fitnessprogramms, Ernährungsumstellung, Arbeitszeitreduzierung/Umstrukturierung und regelmässiger Medikamenteneinnahme der Feind zurückkommt, dann ist es Schicksal. Aber im Moment bin ich sehr fröhlich und aktiv 🙂 Hoffe, Dir geht es mindestens genauso gut in Wien – hast Du schon Deine Ergebnisse vom Spital? Liebe Grüße aus Hamburg

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