Unterwegs.

Wir stehen im Kreis und fassen uns an den Händen, dann wippen wir von den Fußspitzen auf die Fersen. Meine Mitstreiter sind älter als ich. Viel älter. Und weniger fit.

Am Telefon sagt die Kursleiterin, dass sie mich lieber in eine Herzsportgruppe nehmen würde, die Herzis seien fitter und jünger als die Teilnehmer der Krebsgruppe, für die ich ein Rezept über 50 Stunden Rehasport bekommen habe. Nun stehe ich in der Turnhalle zwischen den Herzis und frage mich, wie dann wohl erst die Teilnehmer der Krebssportgruppe sind. Die machen Übungen im Sitzen, bekomme ich als Antwort. Die Trainerin hält nicht viel von reinen Krebsgruppen, zu unterschiedlich seien die Anforderungen und die Stimmung eher bedrückend. Die Herzis sind fröhlich, die stecken die Krebskranken mit ihrer guten Laune an, deshalb nehme sie die fitteren in die Herzgruppe auf.

Herzlich sind sie wirklich, sie fragen mich nach meinem Namen, nach meinem Befund und integrieren mich sofort. Wir walken durch die Turnhalle und werfen uns kleine Sandsäckchen zu. Später spiele ich mit M., die Krebs hat, Federball, und das bringt wirklich Spaß. Gleichmäßig fliegt der Ball durch die Luft, ploppt auf die Schläger, fliegt zurück, hin und her als ob wir schon ewig zusammen spielten.

M. bedauert, dass es wohl bei meiner Probestunde bleiben wird, immer, wenn sie jemand nett finde, würde er wieder gehen.
Die Fahrt von zuhause bis zur Turnhalle hat mit Bus und Bahn 75 Minuten gedauert, es ging quer durch Hamburg, und das ist mir zu aufwendig für 60 Minuten Sport, der mich auch nicht richtig gefordert hat.

Die anwesende Ärztin hat eine andere Herzgruppe für mich, näher am Zentrum, da solle ich nächste Woche mal mitmachen, sie kläre das für mich ab. Ich freue mich ob der Fürsorge, ich habe sämtliche Behindertensportgruppen kontaktiert, die Krebsnachsorgesport abrechnen können: über zwei Jahre ist die Wassergymnastik in Sankt Pauli ausgebucht, ein Verein fordert, dass ich erst zahlendes Mitglied werde (was ich nicht will), viele Kurse laufen tagsüber (ich arbeite volltags) oder sind in Hamburgs Randbereichen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln schwer zu erreichen sind.

Aus einem der Randbereiche rase ich jetzt zum Bus zurück, der abfahrbereit an der Haltestelle steht, zwei meiner Mitstreiter feuern mich an, laufen auf der anderen Straßenseite nebenher und machen den Busfahrer auf mich aufmerksam. Lieb sind sie, die Herzis. Und wenn ich doch mein Rezept, vielleicht auch nur teilweise, in dieser Gruppe einlösen möchte, bin ich herzlich willkommen, sagt die Trainerin. Und umarmt mich.

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