Unterwegs.
Ich werde nicht schreien, ich werde nicht stöhnen, aber ich will der Situation ins Gesicht sehen. Ich will nicht von ihr überfallen werden, ohne daß ich sie hätte erkennen können.

Jean-Paul Sartre, „Geschlossene Gesellschaft“

Ich bin schlecht gelaunt. Das passiert nicht häufig, und ich beobachte es mit besonderem Interesse. Was genau hat die schlechte Laune ausgelöst? Und wie werde ich sie wieder los?

Als ich gestern Abend die Narbensalbe benutzte, fiel mir zum wiederholten Mal die Verhärtung unter der Narbe auf. Ein Knoten. Ich habe den Knoten bereits von der Strahlenärztin, der Frauenärztin und der Ärztin im Sanatorium abtasten lassen, sie sind alle derselben Meinung: das kann nichts bedrohliches sein, was ich natürlich – ganz hinten in meinem Kopf – befürchte. Diese Furcht habe ich im Griff, sie kommt nur sehr selten zum Vorschein. Wie eben gestern Abend.
Den Nachsorge-Termin zur Sonographie habe ich Anfang Oktober, ich überlege, was ich in der Zwischenzeit mache.

Ausserdem habe ich heute das erste Mal fünf Stunden gearbeitet, ich steigere die Arbeitszeit langsam. Und dann passiert es, natürlich an einem Montag morgen: ich fange an, diverse Sachen gleichzeitig zu machen, skype, telefoniere, maile, lese dabei  Korrektur, ordere einen Newsletter beim Drucker, diskutiere wegen einer Anzeige, die ich grottenschlecht finde aber die anderen Kollegen nicht, verabrede mich morgen zu zwei Meetings – und bin gestresst. Ich ermahne mich. Ins alte Muster zurückfallen darf ich nicht.

Raus aus dem Stress, rein ins Büro des Technischen Direktors, um über Lübeck, Norwegen und Angeln zu plaudern und ihn zu überreden, mit mir zum Lunch zu gehen. Eigentlich wolle er nur ein Brötchen am Platz essen, keine Zeit für eine richtige Pause – auch das kenne ich. Aber hier bin ich zumindest klüger geworden. Wir gehen ins Deans & David und bestellen Chicken Curry mit Gemüse und Mandeln, dazu trinke ich ein Wasser, danach gehen wir weiter in ein Café, wo wir draußen sitzen und ich mir einen frisch gepressten Orangensaft gönne.

Ich marschiere zu Fuss nach Hause, nachdem ich in vier Schuhgeschäften nichts gefunden habe, und auch das hebt meine Laune natürlich nicht. Ich jogge bis zum Spielplatz zur Piratenburg und hänge mich in die Seile, um die Bauchmuskeln zu trainieren. Im Garten dann eine Runde Taiji zum ‚Runterkommen, vor mir dreht die Queen Mary 2 auf der Elbe.

Ich denke an mein Wochenende in Wien, dass jetzt ansteht, am Samstag möchte ich ein Sektfrühstück beim Stephansdom geniessen. Im Email-Eingang ist Post vom Reisebüro, dass an meiner Winterreise bastelt. Ich schreibe ans Mamma-Zentrum, um abzuklären, ob ich diese Reise überhaupt machen kann oder ob ich mit gesundheitlichen Problemen zu rechnen habe. Bevor ich keine Antwort erhalte, buche ich nicht. Sicher ist sicher.

Sitze unschlüssig auf dem Sofa und überlege, was noch zur Verbesserung meiner Stimmung beitragen könnte.

Ich könnte mich auf das Aufwachen morgen früh freuen, das tue ich nämlich jeden Morgen. Wenn die Sonnenstrahlen über die Wände gleiten, die Möwen schreien und die Elbe an die Kaimauer plätschert.

11 Gedanken zu “21.08.2017

  1. Gut so, du bist achtsam und es fällt dir schnell auf, wenn du in alte Muster verfällst! Es ist ein Lernprozess, sei nachsichtig mit dir. Mit der Zeit, wird es dir immer schneller auffallen und irgendwann lässt du dich gar nicht mehr stressen. Halte durch … 😉

    Ich hatte einen ähnlichen Fall, Knoten in der Achsel, war auch verunsichert. Zum Glück war ich grad im Spital zur Chemotherapie, als mir das aufgefallen ist, und so war recht kurzfristig eine Ultraschalluntersuchung möglich. Vielleicht hast du ja die Möglichkeit, dass dich dein Hausarzt zu einer Sonographie zuweist, dann musst du nicht bis zum Nachsorgetermin warten und bekommst eine Zweitmeinung. Auf der anderen Seite: Der Sono-Arzt hat bei mir damals gesagt, dass er nicht weiß, was es ist, aber der Lymphknoten ist es nicht. Vielleicht ein Abszess. Mittlerweile ist der Knoten wieder weg.

    Oh, ah, du fährst nach Wien! Cool, und ich nicht da! 😔 Wenn du Tipps magst, melde dich, ich empfehle dir gern etwas.

    Alles Liebe in den Norden!

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    1. danke Dir – ja, ich hoffe, ich bleibe achtsam. Zumindest bin ich konsequent, das könnte helfen 😀Beim Hausarzt wsr ich grad wegen des Ziehens in der Kniekehle, glaube, langsam werde ich paranoid. Ich beobachte das – und mich – nochmal bis Montag und sehe dann weiter. Danke für das Angebot bzgl. Tipps! Ich könnte die Tage nochmal darauf zurückkommen 🙂Und dann ein Glas für Dich mittrinken. LG aus Hamburg!

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  2. Man muss sich diese kleinen Momente schaffen, damit man nicht untergeht. Du bist mit dir viel achtsamer als ich es bin…
    Ich werde an mir arbeiten müssen…
    Lieben Gruß und viel Spaß in Wien 💚🙂🍀

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    1. ich glaube, das Schrecklichste für mich wäre, ist wenn ich die Zeit zwischen „Drama 1“ und einem eventuellen „Drama 2“ nicht richtig nutzen würde. Sprich nichts geändert habe und das Leben als selbstverständlich ansehe. Und das ist es nicht. Es ist endlich. Deshalb meine Bucket-List und die Erkenntnis, jetzt zu leben, zu geniessen und nichts aufzuschieben 🙂Versuch es auch mal, müssen ja nicht unbedingt Fernreisen sein sondern kleine Dinge, die man sich mal gönnen sollte.
      PS ich tu auch alles, um einem Drama 2 vorzubeugen: esse sehr gesund, mache täglich Sport und Entspannungsübungen, verändere meine Arbeit…

      Gefällt 2 Personen

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