Im Sanatorium. Tag 17

S. streckt mir ein grünes Plastikkärtchen entgegen, das mit ihrem Foto versehen ist. Wie sich das anfühle, so einen Schwerbehindertenausweis zu besitzen, möchte ich wissen. Merkwürdig, antwortet S. Das verstehe ich, denn wir fühlen uns nicht behindert. Auch ich habe einen Schwerbehindertenausweis beantragt, tue mich aber schon mit dem Begriff „behindert“ schwer, die Definitionen im Internet helfen nicht weiter, und ich beschliesse, die Frage, was genau „behindert“ für mich in meinem Falle bedeutet, zurückzustellen. So ganz „nicht-behindert“ bin ich allerdings auch nicht, muss ich mir eingestehen, mein gestriger Vormittag hat mich gestresst und mich um 19:00 erschöpft ins Bett geworfen, und auch um meine Konzentration ist es nicht zum besten bestellt – das Schicksal teile ich mit anderen Chemo- und Strahlenpatienten, ich habe das Thema in der Frühstücksrunde angesprochen.  Das ich ohne Einkaufszettel zum Drogeriemarkt marschiert und tatsächlich mit den vier Items, die ich kaufen wollte, zurück gekommen bin, wird positiv bewertet. Schlimmer geht immer.

Am heutigen Ausflug nach Lübeck mit 30 anderen „Behinderten“ aus dem Sanatorium nehme ich nicht teil, ich fahre autark, wie ich es auch als „Nicht-Behinderter“ immer gemacht habe. Ich bin nicht die Zielgruppe für Nachtwächterwanderungen, Acrylleuchtkugelgestaltung, Teddybären basteln oder Perlenkettenknüpfen. Auch Kurkonzerten in der Musikmuschel und Singen mit dem Pastor  kann ich nichts abgewinnen.

Unser Probetraining beim chinesischen Herrn J. war interessant, doch werden wir das Thema nicht weiter verfolgen: ich bleibe beim Taiji 19 Forms, U. wird Qigong in Hamburg machen, S. hat autogenes Training für sich entdeckt.

Mein privates Entertainmentprogramm in Lübeck beinhaltet ein Mittagessen in der Osteria, in der ich schon letzten Samstag war, dabei lese ich entspannt ein Buch, danach nehme ich an einer Führung durch das Lübecker Rathaus teil, zum krönenden Abschluss gibt es einen Kaffee und ein kleines Joghurt-Früchtetörtchen bei Niederegger. Ich schlendere zurück zum Bus, der am Holstentor hält, der Himmel klart auf. Nachher werde ich noch eine Runde in der Therme schwimmen.

Nachtrag:
„Auch ich habe einen Schwerbehindertenausweis beantragt, tue mich aber schon mit dem Begriff „behindert“ schwer“: solange ich noch solche unerwartet geistreichen Wortspiele kreiere, bin ich mit mir und meiner „Behinderung“ im Einklang.

4 Gedanken zu “01.07.2017

  1. Bis auf „Kurkonzert gebe ich Dir recht. Ich mag jedenfalls das Geschrammel sehr.
    Finde ‚behindert‘ eh irgendwie das flasche Wort – aber ein besseres fällt mir aber auch nicht ein (nur noch schlechtere).

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    1. das ist auch ein vorteil. und, wie bei meinem mann, dann auch u.U. im beruf. OK, ohne ist auch nicht schlecht, aber zumindest für mich ist mit oder ohne recht egal – bist und bleibst ja deswegen mensch

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