Im Sanatorium. Tag 15

Frau xy, bitte nach dem Mittagessen zur Rezeption kommen, Frau xy, bitte melden Sie sich an der Rezeption. S. und U. schauen mich erstaunt an, ich schaue erstaunt zurück. Noch nie wurde jemand über Lautsprecher im Speisesaal ausgerufen oder überhaupt irgendetwas durchgesagt. Ich bitte meine Tischrunde, mein Essen trotzdem bringen zu lassen – und nicht anzurühren – und sprinte rüber ins Haus 3. Vermutlich wird die Reha nicht verlängert, denke ich, oder mein Zimmer brennt gerade ab. Die Rezeptionistin schaut auf als ich meinen Namen nenne und verweist auf die Damen im Hinterzimmer, die für die Buchhaltung zuständig sind. Man wolle mir mein Fahrgeld von Euro 32,60 übergeben. Ich sage, dass ich mit etwas argem gerechnet habe aber nicht mit einer Reisekostenabrechnung, sie lächeln und erklären mir, man hätte mich den ganzen morgen nicht telefonisch auf meinem Zimmer erreichen können. Das ist auch irgendwie logisch, ich laufe ja von einer Behandlung zur nächsten.

Vor meiner Zimmertür verharre ich. Vorm Zimmer links von mir diskutieren eine Patientin und eine Mitarbeiterin der Klinik, die Tür hat einen Schaden auf der Innenseite, ein Stuhl steht vor der Tür. Ich tippe auf Randale. Vorm Zimmer rechts von mir steht eine andere Patientin, die die Türklinke mit Tuch und Reinigungsmittel akribisch von aussen putzt. Ich frage mich, weshalb meine Mitpatienten in der Klinik sind.

Ich schließe meine Zimmertür auf und schaue vorsichtig um die Ecke. Keine Veränderung auszumachen. Nicht auf dem Waschbecken, nicht auf dem Klodeckel, nicht auf dem Tisch. Seit Tagen vermehren sich meine Handtücher, mittlerweile habe ich 13 (dreizehn) Stück, die ich zwischen Bad und Schrank verteilt habe, langsam bekomme ich ein Platzproblem. Werfe ich ein schmutziges Handtuch auf den Boden, liegen später drei neue da, neulich sogar vier. Ich wage kaum, weitere Handtücher auf den Fussboden zu legen, da ich nicht weiß, wo ich die neuen alle lagern soll. Eines Tages werde ich die Zimmertür nicht mehr öffnen können, denke ich, da das Zimmer voller Handtücher ist. Für heute ist alles gut. Zumindest für mich. Was es mit den türklinkenputzenden und randalierenden Mitpatienten auf sich hat, kann ich nicht sagen.

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