Im Sanatorium. Tag 4

Wieder einmal stehe ich mit prüfendem Blick vor dem Spiegel. Mir ist beim Frühstück aufgefallen, dass viele Mitstreiter müde aussehen. Sehe ich auch müde aus? Ja, ich sehe auch müde aus, muss ich mir unfreiwillig eingestehen. Ich erinnere mich daran, dass ich gestern Abend in Lübeck bei „den Jungs“ zum Grillen war, Sekt getrunken habe und bei der nächtlichen Rückkehr von Eingang zu Eingang des Gebäudekomplexes gelaufen bin, um festzustellen dass alles abgeschlossen ist. Große Erleichterung, als ich doch noch eine Tür finde, die offen ist und durch leere Gänge und einen dunklen Speisesaal schleiche, um wieder ins Haus 1 in mein Zimmer in den zweiten Stock zu gelangen. Kein Wunder also, dass ich müde aussehe.

An der Bushaltestelle stelle ich fest, dass hier kein Bus zum Timmendorfer Strand fährt, was eigentlich mein Ausflugsziel sein sollte. Ich steige stattdessen in den Bus nach Travemünde. Der Weg ist das Ziel – zumindest bei mir und meinen Busfahrten. Wir fahren durch einen Wald, durchqueren ein Industriegebiet mit riesigen Hornbach-, Aldi-, und Ikea-Outlets, es geht durch Einfamilienhaussiedlungen, bei denen die Autos auf den Auffahrten stehen und Rosen in den Vorgärten ranken. Sonntags in Deutschland. Nach knapp einer Stunde erreichen wir Travemünde.

Das letzte Mal war ich im Februar in Travemünde, einen Arzttermin hatte ich schon eingeholt. Jetzt bin ich zurück. Es ist noch etwas grau, ich wandere die Strandpromenade entlang, kaufe mir ein Tuch (hand-made in Hamburg), trinke einen Kaffee im Strandkorb und blinzele irgendwann in die Sonne.

Im Sanatorium verpasse ich gerade den Spielmannszug des VFL Bad Schwartau, der in der Musikmuschel im Kurpark spielt, aber auch Travemündes Spielmannszug ist an der Promenade aktiv – hey Pippi Langstrumpf – scheppert es, die Musik vermengt sich mit der des Leierkastenmanns, der eine Ecke weiter an der Promenade steht.

Ich spaziere etwas weiter, setze mich vor „mein“ Atlantik Grand Hotel, bestelle etwas zu Mittag und bin bestens gelaunt (note to myself: am Dienstag beim Termin mit dem Psychologen fragen, ob das normal ist, meine verdächtig gute Laune).

Ich stehe am Strand und schaue auf den Sonnenschutz der Strandkörbe. Rote Farbe. Blaue Farbe. Grüne Farbe.

 

2 Gedanken zu “18.06.2017

  1. Es freut mich, dass du deine Zeit geniessen kannst! Gute Laune sollte doch eigentlich was Positives sein… ich würde einfach im Strom weiterschwimmen und so viele gute Erlebnisse sammeln wie möglich 🙂

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    1. das findet meine Ärztin auch, ich solle froh ob meiner guten Laune sein. 🙂 Hier ist vieles, worüber ich mich freue – das Wetter, der See, die gute Luft, der Park mit den großen Bäumen, die Therme, die lustige kleine Runde beim Essen, die vielen Sport-Termine – mir gefällt das 🙂

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