Im radiologischen Zentrum.

There were only thirty or forty worms at most, and rather disappointingly they were stuffed in a plastic bag with a bit of compost and appeared not to be moving. „They’re dead, Daddy,“ said Lydia gravely. Claire and I exchanged worried glances. Hers said: „They are, aren’t they?“ while mine said, „How long it is our daughter’s obsession with death going to last?“ „No they’re not,“ I declared eventually. „They’re just resting.“ I flicked through the wormery booklet and was relieved to see that the worms‘ immobility appears to be a natural reaction to the stress of the journey.
Mike Gayle, The To-Do List

Ich merke, dass meine Augen feucht werden, nicht wegen der eventuell toten Würmer, über die ich gerade im Buch lese, sondern wegen der Frau, die man auf einer fahrbaren Bahre in den Warteraum schiebt und neben mir abstellt. Sechs Chemotherapien hätte sie gehabt und solche Schmerzen, erzählt sie den drei medizinischen Begleitern, und keiner hätte ihr gesagt, dass sie Schmerzmittel bekommen könne. Sie könne immer Schmerzmittel bekommen, die stehen ihr zu, antwortet einer der Männer. Niemand soll Schmerzen leiden. Das ältere Paar, das uns gegenüber sitzt, schweigt. Der Mann trägt eine beige Strickjacke, ein Hemd und Cordhosen, an seinem Kehlkopf ist ein Plastikteil fixiert, an dem er immer wieder dreht. Ein paar blasse Gesichter, denen man die Torturen einer Chemotherapie ansieht und ein älteres türkisches Paar komplettieren die Runde. Der türkische Mann hantiert mit drei Kaffeebechern, ich setze meine Brille ab und lege das Buch zur Seite.

Im Bestrahlungsraum werde ich wieder halbnackt fixiert, die Arme liegen angewinkelt über meinem Kopf. Weiter hinten über mir ist ein Bildschirm, auf den ich achten soll, er zeigt meine Atembewegungen an. Ich befolge die Anweisungen aus dem Kontrollraum, atme ein, atme aus, halte die Luft an, sehe das Strahlengerät langsam um mich herum kreisen. Der Bildschirm gefriert. Das Licht geht an. Ich könne mich wieder anziehen und nochmal warten, etwas scheint nicht zu stimmen. Der Physiker wird geholt. Ich gehe zurück in meine Kabine, ein alter Mann, auch er fast nackt, humpelt anstelle meiner in den Strahlenraum. Ich warte. Irgendwann kommt er zurück, ich schaue weg, dann bin ich wieder an der Reihe. Statt dem sich bewegenden gelben Balken auf dem Screen (mein Atmen), der sich ins blaue Feld schieben muss, dann grün wird, wenn ich die Luft anhalte, erscheinen andere Bilder: unter anderem ein dickes grünes Comic-Männchen, kurz überlege ich, ob ich ob der Atem-Aktion zu halluzinieren anfange. Auf das Männchen folgt eine schwarz-weiß-Aufnahme meiner Rippen. Das Bild gefällt mir. Auf einer anderen Fläche über mir spiegelt sich mein Bauch, mein Bauchnabel, meine Taille. Ich erinnere mich an die Worte der Krankenschwester aus dem Krankenhaus: ich würde so zart aussehen. Das stimmt, denke ich. Ich atme ein und aus, halte die Luft an, wiederhole das Prozedere immer wieder, es will kein Ende nehmen, doch endlich geht das Licht an, die medizinischen Kräfte erscheinen. Sie fangen an, weitere Markierungen mit Edding auf mir zu platzieren und mit Pflastern zu fixieren. Blaue Farbe. Grüne Farbe. Rote Farbe.

Nach knapp zwei Stunden steige ich ins Taxi. Der Himmel ist unsicher, ob er der Sonne oder dem Regen den Vorzug geben soll. Ein richtiges Aprilwetter, sagt der Taxifahrer. Und lacht.

2 Gedanken zu “25.04.2017

  1. Das war ja heftig, das Umfeld im Wartebereich! Ich hatte die Kriegsbemalung in 2 Etappen, weil das CT nicht im Bestrahlungszentrum steht. Gesamt ca. 40 Min., aber nur eine Brustseite! Ab jetzt wird es einfacher und geht schneller. 1x die Woche wurde „nachjustiert“ , wegen evtl. Schwellungen, die Strahlen sollen ja stehts exakt ankommen! Hey, die Zeit vergeht!!!

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  2. beim CT letzte Woche konnten sie nur den Würfel markieren, dann war der PC ausgefallen – deshalb heute die restlichen Markierungen, und dann die erste Bestrahlung. Sie haben mir dort auch versichert, dass es ab morgen simpler wird – warten wir’s ab 🙂

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