Im Krankenhaus.

Und am andern Tage wurde der letzte Spatenstich am neuen Deich getan; der Wind hatte sich gelegt; in anmutigem Fluge schwebten Möven und Avosetten über Land und Wasser hin und wider; von Jevershallig tönte das tausendstimmige Geknorr der Rottgänse, die sich’s noch heute an der Küste der Nordsee wohl sein ließen, und aus den weißen Morgennebeln, welche die weite Marsch bedeckten, stieg allmählich ein goldner Herbsttag und beleuchtete das neue Werk der Menschenhände.
Theodor Storm, Der Schimmelreiter

Das Schlafzimmer ist abgedunkelt, ich sitze auf der Bettkante vorm Spiegel und werfe einen vorsichtigen Blick auf meinen Oberkörper. Wenn man von der Farbpalette, die von hellem gelb-grün bis hin zu tiefem rot, dunklem blau und lila reicht, den Pflastern und den geschwollenen Flächen absieht, bin ich beeindruckt. Prof. Dr. M. hat sehr gute Arbeit geleistet, bis auf zarte, dünne Narben sollte später nichts mehr zu sehen sein. Eigentlich war mir das Ergebnis fast egal, man darf das nicht aus dem Kontext nehmen – es geht um Leben oder Sterben, die Tumore entfernen, was bedeutet da schon eine Narbe. Freuen tue ich mich aber trotzdem.

Im Krankenhaus werde ich fröhlich begrüßt, Prof. Dr. M. fasst das Unterfangen noch einmal zusammen, ich stelle fest, dass ich mehr Glück als Verstand habe (dem wird nicht widersprochen) und wohl mit einem blauen Auge (zur Zeit mit einem blauen Körper) davonkommen werde. Über mein positives Feedback freut sich Prof. Dr. M., der nicht nur jedem neuen Ergebnis seine Therapiepläne angepasst hat, sondern vor allem ein empathischer Mensch ist, der für seinen Patienten „the extra mile“ geht.

Ich bekomme eine Überweisung zum Augenarzt, um zu testen, ob ich die avisierten Medikamente nehmen darf. Ich bekomme eine Überweisung und einen ersten Termin für die Strahlentherapie. Ich bekomme auf meinen Vermerk, dass ich mir einen neuen Frauenarzt suchen werde, eine Kollegin, die im gleichen Krankenhaus arbeitet und auf Brustkrebs spezialisiert ist, von ihm vorgeschlagen – und auch hier wird mir gleich ein Termin ausgemacht. Da diese auch auf seinem Flur sitzt, werden wir uns wiedersehen, aber ich dürfe auch so vorbeikommen, wenn etwas sei.  Langes Händedrücken beim Abschied. Ich fühle mich für alle weiteren Maßnahmen gut aufgestellt.

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